Fatima-Kritik (Siebel)

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  • Autor: Wigand Siebel
  • Fatima Kritik
  • 40. Jahrgang Nr. 2 / Mai 2010


Gebetssturm

Bischof Bernard Fellay, der Leiter der Priesterbruderschaft St. Pius X., hat einen „Gebetssturm zur Immaculata“ ausgerufen. Darin heißt es:

„Es scheint uns der Augenblick gekommen, zu einer weitreichenden Offensive aufzurufen, die tief in der Botschaft Unserer Lieben Frau von Fatima verankert ist, und deren glücklichen Ausgang sie selber verheißen hat, da sie ankündigt, am Ende werde ihr Unbeflecktes Herz triumphieren. Um diesen Triumph bitten wir sie durch das Mittel, das sie selber erbeten hat, nämlich die Weihe Rußlands an ihr unbeflecktes Herz durch den obersten Hirten und alle Bischöfe der katholischen Welt und die Ausbreitung der Andacht zu ihrem schmerzhaften und unbefleckten Herzen.
Darum wollen wir zu diesem Zweck von jetzt ab bis zum 25. März 2010 einen geistlichen Blumenstrauß von 12 Millionen Rosenkränzen überreichen wie eine Krone aus Sternen, die ihre Person umgibt, begleitet von einer entsprechenden bedeutungsvollen Summe von täglichen Opfern, die wir mit Bedacht vor allem aus der getreuen Erfüllung unserer Standespflicht schöpfen, und damit verbunden das Versprechen, die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens zu verbreiten.“

In das Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft vom Juni 2009 ist eine Tabelle eingefügt, in die man Tag für Tag die Zahl der gebeteten Rosenkranzgesätze eintragen soll. Nach dem 25. März sind die gebeteten Gesätze[1] in jedem Rosenkranz zusammenzuzählen und der Zählbogen ist an das Priorat St. Atanasius in Stuttgart zu senden. Eine Unterschrift wird nicht verlangt.

Die Fatima-Erscheinung ist der Schlüssel zur Lösung der Kirchenkrise

Im gleichen Heft 4 beantwortete Pater Andreas Mählmann die Frage „Warum ist die Weihe Rußlands an das Unbefleckte Herz Mariens der Schlüssel zur Lösung der aktuellen Kirchenkrise?“

Dazu stellte er fest:

„Die 'kirchlich anerkannte Erscheinung Mariens in Fatima im Jahre 1917' erbrachte eine Botschaft Mariens an das Seherkind Lucia, daß 'Gott die Welt für ihre Verbrechen mit Krieg, Hungersnot, Verfolgung der Kirche und des Heiligen Vaters bestrafen wird. Um dies zu verhindern, werde ich kommen und um die Weihe Rußlands an mein Unbeflecktes Herz bitten … Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Rußland weihen, das sich bekehren wird, und eine Zeit des Friedens wird der Welt geschenkt werden.'„

Nach Pater Mählmann ist es nötig, gerade Rußland zu weihen, „weil es der Wille Gottes ist!“ Und er fügte hinzu:

„Unsere liebe Frau warnte davor, daß, wenn die Weihe nicht gemäß dem Willen Gottes vollzogen werde, ‚Rußland seine Irrlehren über die ganze Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche heraufbeschwören wird. Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, mehrere Nationen werden vernichtet werden.'
Und wie Schwester Lucia in ihren veröffentlichten Briefen enthüllt hat, ließ der Herr selbst sie wissen, das Rußland sich nicht eher bekehren wird als bis die Weihe vollzogen ist, ‘weil ich will, daß meine ganze Kirche diese Weihe als einen Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens anerkenne, damit neben der Andacht zu meinem göttlichen Herzen die Andacht zum Unbefleckten Herzen ihren Platz finde.'„

Für P. Mählmann muß die Weihe Rußlands in einem fest vorgeschriebenen Rahmen erfolgen. Es ist nach ihm nicht nur der Papst dazu aufgefordert - dieser hat bisher zwar zweimal die Welt an das Unbefleckte Herz geweiht, aber nicht ausdrücklich Rußland - sondern alle Bischöfe der ganzen Welt.

Die Weihe Rußlands ist für P. Mählmann auch nicht überflüssig geworden, weil sich die Irrtümer Rußlands schon über die ganze Welt verbreitet haben. Er beruft sich dazu auf eine weitere Privatoffenbarung Lucias, die sie 1931 durch Jesus empfing. Danach wurde ihr von diesem anvertraut, daß die Päpste den göttlichen Wunsch nicht erfüllen wollten: „Wie der König von Frankreich werden sie es bereuen und schließlich tun. Aber es wird spät sein.“

So ist es für P. Mählmann „gewiß, daß diese Weihe schließlich doch noch durchgeführt wird.“ Dann, so glaubt er schließen zu können, wird „Rußland nach dem 1000jährigen Schisma wieder katholisch“ werden. Aber nicht nur das, das Heilsversprechen erstreckt sich für P. Mählmann „mit Rußland auf die ganze Welt“. Er verspricht sich, da die Kirche heute „mehr denn je unter einer ökumenischen Bewegung“ leidet, vom Vollzug der Rußlandweihe durch den Papst mit allen Bischöfen der Kirche auch „eine prinzipielle Abkehr von den Irrwegen … , die seit dem Konzil beschritten werden. … Dies eröffnet uns inmitten der tiefen Glaubenskrise einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft eines christlichen und marianischen Zeitalters. Es ist aber der Papst, der auf die Wünsche des Himmels eingehen muß. Keiner kann ihn hier ersetzen.“

Befragt, ob man wirklich die Hoffnung haben könne, daß es zu seinen Erwartungen käme, antwortete er gegen Ende seiner Stellungnahme, die mit der Veröffentlichung im Mitteilungsblatt der Bruderschaft die Zustimmung der führenden Kreise der Bruderschaft gefunden hat: „Durch den Mund Mariens und unseres Herrn ist uns versprochen, daß die Weihe eines Tages in rechter Weise vorgenommen wird.“

Die Fatima-Madonna verlangt die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens

Bei ihrer ersten Erscheinung am 13. Mai 1917 beruhigte die Fatima-Madonna - über einem kleinen Baum schwebend - die geängstigten drei Seherkinder Lucia, Francisco und Jacinta in der Senke der Cova da Iria bei Fatima in Portugal, sie sollten keine Angst haben: „Ich komme vom Himmel!“

Die wunderschöne Frau, die heller strahlte als die Sonne, begann ihre Botschaft, indem sie die Kinder, deren älteste, Lucia, 10 Jahre alt war, fragte, ob sie Gott zur Sühne für die vielen Sünden der Menschen Opfer bringen wollten. In den selben Satz schloß sie die Muttergottes ein und fragte, ob die Kinder auch Opfer bringen wollten „als Genugtuung für die Flüche und alle übrigen Beleidigungen, die dem Unbefleckten Herzen Mariens zugefügt werden.“ Beides bejahten die Kinder.

Bei der zweiten Erscheinung am 13. Juni 1917 stützte sich die Erscheinung auf Jesus: „Er will die Verehrung meines Unbefleckten Herzens in der Welt begründen; wer sie übt, dem verspreche ich das Heil; diese Seelen werden von Gott bevorzugt werden wie Blumen, die ich vor seinen Thron bringe.“ Dann wendet sich die Erscheinung Lucia zu und spricht ihr Mut zu: „Ich werde dich nie verlassen. Mein Unbeflecktes Herz wird deine Zuflucht sein und der Weg, der dich zu Gott führt.“ Danach hat die Erscheinung ein unbeflecktes Herz, was damit gemeint ist, sagte sie jedoch nicht.

Bei der dritten Erscheinung am 13. Juli 1917 bereitete sie den Kindern eine Höllenvision und sagte darauf:

„Ihr habt die Hölle gesehen, auf welche die armen Sünder zugehen. Um sie zu retten, will der Herr die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt einführen. Wenn man das tut, was ich euch sage, werden viele Seelen gerettet und der Friede wird kommen. Der Krieg geht seinem Ende entgegen. Aber wenn man nicht aufhört, den Herrn zu beleidigen, wird nicht lange Zeit vergehen, bis ein neuer, noch schlimmerer beginnt. Es wird ein neuer, noch schrecklicher beginnt. Es wird während des Pontifikates von Pius XI. geschehen.
Wenn ihr dann eines nachts ein unbekanntes Licht sehen werdet, so wisset, es ist das Zeichen von Gott, daß die Strafe der Welt für ihre vielen Verbrechen nahe ist: Krieg, Hungersnot und Verfolgung der Kirche und des Heiligen Vaters. Um das zu verhindern, will ich bitten, Rußland meinem Unbefleckten Herzen zu weihen und die Sühnekommunion am ersten Samstag des Monats einzuführen. Wenn man meine Bitten erfüllt, wird Rußland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, so wird es seine Irrtümer in der Welt verbreiten, Kriege und Verfolgungen der Kirche hervorrufen. … Mehrere Nationen werden vernichtet werden. … Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“

Erst in der sechsten Erscheinung am 13. Oktober 1917 gab die Erscheinung auf Befragen bekannt, daß sie die Rosenkranzkönigin sei und wolle, daß man zu ihren Ehren eine Kapelle an dem Erscheinungsort errichte. Im Rückblick ist daher festzustellen, daß die Fatima-Madonna die Verehrung ihrer Person in der Form des Unbefleckten Herzens wünscht. Und, wenn auch zunächst unerkannt, für sich in der ersten Erscheinung Opfer zu ihrer Genugtuung für die ihr zugefügten Beleidigungen von den Seherkindern haben wollte. Zugleich weiß man dann, daß die Rosenkranz-Königin von Fatima ein unbeflecktes Herz für sich in Anspruch nimmt. Wenn sie sich aber auf den Willen Gottes dabei stützen konnte, dann wäre es wohl naheliegender gewesen, wenn sie nicht selbst den Aufbau ihrer Verehrung in die Hand genommen hätte.

Beten des Rosenkranzes mit Zusatz

Außerordentlich wichtig ist der Fatima-Madonna das Beten des Rosenkranzes. Bei der sechsten Erscheinung sagte sie zum sechsten Mal, man solle fortfahren alle Tage den Rosenkranz zu beten. Nicht ohne Grund nennt sie sich selbst die Rosenkranzkönigin. Hat sie aber wirklich den Rosenkranz gefördert, wie er bis dahin gebetet wurde? Nein, sie wollte einen erweiterten Rosenkranz gebetet haben. Bei ihrer dritten Erscheinung forderte die Fatima-Madonna die Seherkinder nämlich zu einer Einfügung in den Rosenkranz auf: „Wenn ihr den Rosenkranz betet, sagt am Ende jedes Gesätzleins: 'O Jesus, verzeih' uns unsere Sünden; bewahre uns vor dem Feuer der Hölle; führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen!'„ Es ist also nicht der gebräuchliche Rosenkranz gewesen, zu dem sie aufgefordert hat. Das veranlaßt, diese Änderung genauer zu prüfen.

Der geforderte Zusatz wurde in besonders eindringlicher Weise in den Rosenkranz eingefügt. Zwar ändert sich das Rosenkranzgebet in jedem Gesätz, da ein anderes Geheimnis dem Beter vor Augen geführt wird. Der Rosenkranz-Zusatz aber ändert sich nicht. Er ist stets einzufügen, wenn das Ehre sei dem Vater gebetet worden ist. Das bedeutet eine sechsmalige Erwähnung in jedem Rosenkranz. Bei dem „Psalter“, der den glorreichen, mit dem freudreichen und dem schmerzhaften Rosenkranz zusammenfaßt, sind es 18 Erwähnungen.

Inhaltlich knüpfen die ersten beiden Sätze der Ergänzung an den Blick der Seherkinder in die Hölle an, sie sind mit dem Glaubensgut der Kirche ohne weiteres zu vereinbaren. Sie passen als Aufforderungen an Jesus jedoch nicht zu der Grundstimmung des Rosenkranzes, der in die Anbetung Jesu und die Verehrung seiner Mutter durch die Betrachtung vergangener Heilsereignisse geleitet. Durch den Einschub aber geht es für den Beter unvermittelt in die Erfassung der eigenen Lage im Gegenüber von Hölle und Himmel über. Ist eine Verbesserung des Rosenkranzes durch diese Sätze gegeben?

Jedenfalls stören sie den so klaren Aufbau des Gebetes. Danach folgt der Schlußsatz der Ergänzung mit einem weiteren Sprung. Jetzt geht es plötzlich um alle Seelen, dann schließlich um eine Teilgruppe von Seelen. Bei dieser Satzverbindung verwundert zunächst die fehlende Logik. Es sollen zwar alle Seelen von Jesus in den Himmel geführt werden. Aber unter diesen besonders diejenigen, die seiner „Barmherzigkeit am meisten bedürfen“. Beides zusammen paßt nicht. Entweder sollen alle Seelen, d.h. alle, in den Himmel geführt werden oder in erster Linie nur diejenigen mit einem besonderen Bedürfnis. Welches von beiden gilt nun? Wenn alle in den Himmel geführt werden sollen, dann erübrigt sich jedenfalls der Nachsatz.

Keinesfalls ist der zweite Satz des Rosenkranz-Zusatz so zu verstehen, als handele es sich um die Armen Seelen im Fegefeuer. Diese kommen ja sowieso in den Himmel. Es geht vielmehr, wie Lucia auf Befragen erklärte, um die - armen - Sünder. Diese sollen gerettet werden. Da aber kein Mensch außer der Muttergottes ohne Sünde ist, und gerade die Heiligen sich als besondere Sünder gesehen haben, ist damit keine Auswahl getroffen. Es bleibt bei „allen“, zumindest der Lebenden.

Sollte damit eine neue Lehre für die Kirche befördert oder wenigstens den Rosenkranz betenden Gläubigen nahegelegt werden? Dagegen wäre einzuwenden, daß die Prophezeiungen doch für eine wirklich vom Himmel kommende Fatima-Botschaft sprächen. Und die Hölle in eine Botschaft aufzunehmen, ist zwar ungewöhnlich, spricht aber für Rechtgläubigkeit. Außerdem wäre das Sonnen-Wunder am Schluß der Erscheinungsreihe doch ein Güte-Siegel für deren Inhalt. Und schließlich seien die Erscheinungen doch kirchlich anerkannt worden. Sind diese Einwendungen stichhaltig?

Monatliche Sühneandacht

Die Erscheinung von Fatima hat auch eine monatliche Erinnerung an die Ereignisse den Hirtenkindern bei ihrer zweiten Botschaft nahegelegt, nämlich eine Fatima-Sühneandacht. Damit ist ein weiteres Versprechen verbunden. Im einzelnen sagte sie: „Ich verspreche, jenen mit dem zum ewigen Heile notwendigen Gnaden in der Todesstunde beizustehen, die am ersten Samstag von fünf aufeinanderfolgenden Monaten zur heiligen Beichte und Kommunion gehen, einen ganzen Rosenkranz beten und mir 15 Minuten Gesellschaft leisten, wobei sie über die Geheimnisse des Rosenkranzes nachdenken sollen, um Sühne zu leisten.“

Dieses Versprechen stellt höhere Anforderungen an die bereitwilligen Gläubigen als das zuvor geäußerte, nach welchem jeder Verehrer des Unbefleckten Herzens das Heil gewinnt. Zugleich wurde die Einrichtung der Sühnekommunion in der Kirche gefordert. Bei den Herz-Mariä-Sühneandachten, die in vielen Kirchen am ersten Samstag des Monats gehalten werden, betet man außer dem Rosenkranz mit Fatima-Zusatz noch weitere Sühnegebete, so die Gebete, die der Vorläufer-Engel die Hirtenkinder 1915-1916 lehrte, so daß ein starker Eindruck für die Fatima-Idee gewährleistet ist.

Proben für die Echtheit der Fatima-Erscheinung

Die Prophezeiungen

Die Prophezeiungen der Fatima-Madonna sind zahlreich. Es finden sich mindestens 13 Voraussagen, die für den Fall der Nichterfüllung ihrer Wünsche angedroht werden. Wenigstens vier Voraussagen werden für den Fall der Erfüllung ihrer Wünsche als eintreffend behauptet. Allerdings überschneiden sich diese teilweise mit den fünf Voraussagen, die in jedem Fall eintreffen sollen.

Die Prophezeiungen, die in jedem Fall eintreten sollen

  1. Wer die Verehrung meines unbefleckten Herzens übt, dem verspreche ich das Heil.
  2. Der Heilige Vater wird mir Rußland weihen.
  3. Rußland wird sich bekehren.
  4. Der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.
  5. In Portugal wird das Dogma des wahren Glaubens immer erhalten bleiben.
  6. Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.

Zu 1) Die Übung einer bestimmten Andachtsform kann, für sich gesehen, wohl kaum die Rettung einer Seele bewirken. Dies gilt zumal dann, wenn weder über den Inhalt der Verehrung, noch über deren Dauer, noch über die einzunehmende Seelenhaltung des Verehrers nähere Angaben mitgeteilt werden. Auch vermag Maria selbst die Rettung einer Seele nicht zu bewirken. Das steht Gott allein zu. Die Fatima-Madonna hat sich aber im Hinblick auf das von ihr gegebene Heilsversprechen merkwürdigerweise nicht auf Gott berufen. Im übrigen besitzt eine volkstümliche Andacht, wie der Rosenkranz, weit weniger Wert als das liturgische Gebet der Kirche.

Zu 2) Die Weihe Rußlands an Maria konnte 1917, kurz vor der Oktober-Revolution der Kommunisten, einigermaßen als sinnvoll angesehen werden. Nachdem Rußland als Staat die sowjetische Ideologie abgeworfen hat, ist eine einleuchtende Begründung für die Weihe nicht mehr zu sehen. Das zusätzliche Verlangen, daß sich alle Bischöfe der Welt der Weihe anzuschließen hätten, ist nicht mit Fatima verbunden, sondern entstammt einer 12 Jahre späteren Erscheinung, die Schwester Lucia am 13.Juni 1929 in Tuy erhalten zu haben berichtet.

Danach hat die Muttergottes ihr anvertraut, daß der Augenblick gekommen sei, „an dem Gott verlangt, daß der Heilige Vater die Weihe Rußlands an mein unbeflecktes Herz vornimmt und anordnet, daß alle Bischöfe der Welt diese in Vereinigung mit ihm und zur gleichen Zeit vornehmen.“ Das gewünschte Ereignis trat jedoch nicht ein.

Darauf erhielt Lucia im Folgejahr 1930 erneut eine Botschaft, wie diese in einem Brief berichtete. Danach erfuhr sie dieses Mal von Gott selbst eine Prophezeiung. Darüber schrieb sie: „Der liebe Gott verspricht, der Verfolgung ein Ende zu machen, wenn der Heilige Vater einen öffentlichen und feierlichen Akt der Wiedergutmachung und der Weihe Rußlands an die Heiligsten Herzen Jesu und Mariens durchführt und den Bischöfen der katholischen Welt ebenfalls durchzuführen vorschreibt.“

Kann Gott versprochen haben, daß er der Verfolgung ein Ende macht, da die Verfolgung doch zum Christsein gehört? Und warum soll so etwas durch die Weihe Rußlands erreicht werden? Außerdem ist als Bedingung in der Botschaft verlangt, daß der Papst, zusätzlich verspricht, die Fatima-Sühneandacht mit Rosenkranz, einschließlich des Fatima-Zusatzes, anzuerkennen und zu verbreiten.

Danach gibt es drei verschiedene Versionen des Himmels bezüglich der Weihe Rußlands. Die Fatima-Erscheinung wollte nur vom Papst die Weihezeremonie ausgeführt wissen. Die Erscheinung von Tuy wollte alle Bischöfe der Welt mit dem Papst zur gleichen Zeit vereinigt sehen. Und in der letzten Offenbarung wollte Gott eine Weihe Rußlands nicht nur an das Unbefleckte Herz, sondern an die Heiligsten Herzen Jesu und Mariens verrichten lassen; dafür brauchen die Bischöfe der katholischen Welt nach dieser Version die Weihe nicht zeitgleich vorzunehmen. Wenn nun der Himmel bei der gleichen Seherin so unterschiedliche Wünsche vorträgt, wie soll man dann entscheiden?

Zu 3) Die Bekehrung Rußlands am Ende der Zarenzeit unter der Bedrohung durch den Kommunismus, der im gleichen Jahr 1917 die Oktoberrevolution erreichte, würde heute einen völlig anderen Bedeutungsinhalt haben. War mit der Bekehrung die Abkehr von Kommunismus und Atheismus gemeint oder gar die Bekehrung zur Katholischen Kirche?

Zu 4) Die Prophezeiung einer Friedenszeit kann noch nicht eingetroffen sein, da sie von den zuvor genannten Erwartungen abhängig ist. Die angekündigte Friedenszeit wäre erst nach der Bekehrung Rußlands zu erwarten.

Zu 5) Beobachter berichten von einer gleichen zerstörerischen Entwicklung der Kirche in Portugal wie in den anderen Ländern Europas. Danach wäre die Prophezeiung nicht eingetroffen.

Zu 6) Die Fatima-Madonna sieht sich selbst als die Triumphierende, die keine Unterstützung der Gläubigen braucht. Warum fordert sie dann so dringend die Gebetshilfe der Gläubigen ein? Das allein ist ja nicht für eine Abwendung der angedrohten Ereignisse ausreichend. Entscheidend bleibt die Rußlandweihe durch den Papst. Hätten dann die Gläubigen nicht eher für die Rußlandweihe beten müssen?

Die Prophezeiungen bei Nichterfüllung der Bitten

  1. Rußland wird seine Irrtümer in der Welt verbreiten.
  2. Rußland wird Kriege hervorrufen.
  3. Rußland wird Verfolgungen der Kirche hervorrufen.
  4. Die Guten werden gemartert werden.
  5. Der Heilige Vater wird viel zu leiden haben.
  6. Es wird nicht lange Zeit vergehen, bis ein neuer, noch schlimmerer Krieg beginnt.
  7. Der Krieg wird während des Pontifikates Pius XI. anfangen.
  8. Ein unbekanntes Nachtlicht wird erscheinen. Das Licht kündigt die Bestrafung der Welt für ihre vielen Verbrechen an.
  9. Bestrafung der Verbrechen durch Krieg.
  10. Bestrafung der Verbrechen durch Hungersnot.
  11. Bestrafung der Verbrechen durch Verfolgung der Kirche.
  12. Bestrafung der Verbrechen durch Verfolgung des Heiligen Vaters.
  13. Mehrere Nationen werden vernichtet werden.

Zu 1 - 13): Nur Nr. 6, die Erwartung eines neuen Krieges, kann mit dem 2. Weltkrieg 1939-1945 als erfüllt angesehen werden. Allerdings begann dieser Krieg nicht unter dem Pontifikat von Pius XI., sondern unter dem von Pius XII. im September 1939. Alle anderen Vorhersagen müssen ebenfalls als Versager eingestuft werden oder sind jedenfalls nicht eindeutig mit Fatima zu verbinden.

Die Prophezeiungen bei Erfüllung der Bitten

  1. Es werden viele Seelen gerettet werden.
  2. Der Heilige Vater wird Rußland dem Unbefleckten Herzen weihen.
  3. Rußland wird sich bekehren.
  4. Der Friede wird kommen. Es wird Friede sein.

Zu 1): Da die Bitten bisher nicht erfüllt wurden, sind - wenn die Prophezeiung stimmt - viele Seelen nicht gerettet worden. Das wäre sehr traurig.

Zu 2 - 4): Da diese drei Voraussagen, wie prophezeit wurde, in jedem Fall eintreten werden, oder schon da sind (4.), brauchen die Gläubigen die gewünschten Bitten Gott nicht vorzutragen.

Bedenken:
Zusammenfassend ist festzustellen: Eindeutig eingetreten ist nur eine der Voraussagen (B. 6.). Eindeutig falsch ist eine der Aussagen (B. 7). Wenn man aber der Meinung ist, daß vernünftiger Weise der Eintritt der Prophezeiungen bis spätestens 50 Jahre später (1967) hätten eintreten müssen, erhöht sich die Zahl der falschen Prophezeiungen auf mindestens zehn. Hält man es nicht so, dann muß man sich fragen, warum die Erscheinung die Vorhersage eines fragwürdigen „Konzils“ (Vatikanum II, 1963-1965) mit sehr schlimmen Folgen für die Kirche nicht gemacht hat.

Das Sonnenwunder
Am Ende der letzten (sechsten) Erscheinung am 13. Oktober 1917 in Fatima geschah ein Ereignis, das die Fatima-Madonna am 13. September angekündigt hatte: „Im Oktober will ich ein Wunder wirken, damit alle glauben.“ Vor 60.000 bis 70.000 Anwesenden vollzog die Sonne dreimal einen Kreis. Dabei fielen Strahlenbündel in den Regenbogenfarben auf das Tal und die dort Versammelten.

Nach dem Kreisen verfärbte sich die Sonne glutrot und schien auf die Menge herabzustürzen. Es breitete sich Angst aus und zehntausende fielen auf die Knie und flehten Gott um Barmherzigkeit an. In dem dreibändigen Werk über Fatima von Bruder Michel de la Trinité wird das „unbestreitbare Wunder“ als „das göttliche Siegel“ für die Echtheit der Erscheinungen der Fatima-Madonna bezeichnet.

Eine natürliche Erklärung fällt aus, da Veränderungen am Himmel von den Astronomen nicht beobachtet wurden. Von Wissenschaftlern vorgetragen wird dagegen die Annahme einer „Massensuggestion“, wofür im Hinblick auf die ein Wunder erwartende Menschenmenge die Massenpsychologie zuständig sei. Das erscheint dem Verfasser als ein dauerhafter, nicht ausrottbarer Mythos. Denn dafür gäbe es keine wissenschaftlich anerkannte Definition, es hätte auch niemals zuvor ein solches Ereignis stattgefunden.

Wenn die massenpsychologische Erklärung nicht zu halten ist, dann muß man nach Bruder Michel eine metaphysische Ursache für das Sonnenwunder annehmen. Die atmosphärischen Erscheinungen hätten sich nämlich in engem Zusammenhang mit der Fatima-Madonna und ihrer Botschaft entwickelt. Daher kommt er zu dem Schluß: Die einzige rationale Antwort, die auch das allgemeine Volksverständnis trifft, ist diejenige, daß eine metaphysische Weisheit mit Sicherheit eine Bestätigung trifft: Das ist die gleiche höchste Intelligenz, der gleiche allmächtige Geist, der das wunderbare Zeichen hervorgebracht und den drei Hirtenkindern drei Monate zuvor angekündigt hat.“

8) Es geht aber auch um eine Unterscheidung der Geister, - „denn Gott erlaubt manchmal dem bösen Geist, Wunderzeichen hervorzubringen.“ Dazu Stellung zu nehmen, ist nach Ansicht von Bruder Michel Sache der Theologie. „Im Fall von Fatima ist das einfach. Denn von allen Umständen, die die wunderbaren Ereignisse in der Cova da Iria umgeben, scheint keines der kirchlichen Lehre zu widersprechen, nicht die Moral, nicht Schicklichkeit und Anstand. Im Gegenteil … Die beispielhafte Frömmigkeit, die Ruhe, die gute Haltung der unzählbaren Menge, ihre vollkommene Ordnung, haben auch die Bewunderung von Journalisten hervorgerufen.“

9) So kommt der Bruder zu einer begeisterten Zustimmung: „Folglich ist das glänzende Wunder ein unbestreitbares Werk der göttlichen Allmacht. … Jeder Zweifel ist ausgeschlossen: Ja, es ist wirklich die unbefleckte Jungfrau, die jeden Monat, seit dem 13. Mai vom Himmel herabstieg, um sich mit drei kleinen Hirten zu unterhalten und ihnen ihre Botschaft zu übermitteln. Das Wunder, das in göttlichem Auftreten (apothéose) den Kreis der sechs Erscheinungen schließt, ist von nun an die unbestreitbare Probe für ihre Echtheit.“

Bedenken

Eine andere Sicht ist dem Büchlein des Rosenkranz-Sühnekreuzzuges zu Fatima zu entnehmen. Hier zeigen sich gewisse Schwierigkeiten im Versuch, das beeindruckende, aber auch Angst einflößende Fatima-Endereignis zu begreifen. Warum hat Gott gerade ein solches Sonnenwunder geschickt? Der Verfasser, P. Petrus Pavlicek, kommt auf mehrere Vorschläge. „Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten, das Sonnenwunder in Fatima zu erklären:

  1. Als Warnung vor der Atombombe, die wie die herabstürzende Sonne die Welt zerstören könnte.
  2. Um die Macht Mariens zu demonstrieren, die ihr von Gott auch über die Natur, die Sonne als Quelle der Atomkraft gegeben ist, nicht um den Tod zu bringen, sondern das Heil …
  3. Konnte das Sonnenwunder in Fatima im Kleinen darstellen, was der Welt noch geschehen kann - den Eintritt einer plötzlichen Katastrophe durch eine verfrühte oder unkontrollierte Explosion einer Atombombe, welche die Welt erzittern lassen würde.“

Eine eindeutige Stellungnahme vermag der Verfasser offenbar nicht zu geben. Eine zumeist sogleich alle Anwesenden und späteren Betrachter überzeugende Deutung wie in vielen bezeugten Wundern, wie z.B. plötzlichen Heilungen, ist hier offenbar ausgeschlossen. Es mußte die Atomkraft in allen drei Erklärungen herangezogen werden, um die angedrohte Gewalt in der herabstürzenden Sonne mit dem erwarteten Verhalten einer Marienerscheinung zu verbinden. Ein Versuch, der nicht überzeugend gelungen ist.

So ist zu fragen, ob das Sonnenwunder zweifellos auf Maria als Urheberin zurückzuführen ist. Und hat es eine Verbindung mit der Kirche und ihrer Verkündigung aufgewiesen oder in irgendeiner Weise den Glauben gestärkt? Das ist nicht klar zu bejahen. Die Wirkung erstreckte sich nur auf die Bestätigung der Erscheinungsreihe von Mai bis September. Daher kann die Himmelserscheinung durchaus auch von den Kräften der Unterwelt hervorgebracht worden sein. Das Evangelium hat vor falschen Wundern gewarnt: „Es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und große Zeichen und Wunder wirken, um wo möglich selbst die Auserwählten irrezuführen“ (Mt 24,24).

Die kirchliche Anerkennung der Erscheinungen

Nach einer Phase der Zurückhaltung wurde von kirchlicher Seite eine Kommission eingesetzt, die die Vorkommnisse eingehend untersuchte. Die drei Seherkinder wurden mehrfach verhört, und Ihre Aussagen wurden genauen Prüfungen unterzogen. Außerdem wurden Zeugen der Ereignisse befragt und die theologischen Probleme diskutiert. Erst 13 Jahre nach den Erscheinungen fiel eine Entscheidung, die im 13. Oktober 1930 den erschienenen mehr als 100.000 Pilgern von dem Bischof von Leiria, Jose da Silva, verkündet und in einem Brief vom gleichen Datum der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde.

Er erklärte die Erscheinungen Marias vom 13. Mai bis 13. Oktober 1917 in Fatima in der angemessenen kanonischen Form für glaubwürdig und erlaubte offiziell den Kult Unserer Lieben Frau von Fatima. Er erwähnte in seinem Brief auch das Sonnenwunder vom 13. Oktober und bezeichnete es als das wunderbarste Ereignis, das den größten Eindruck auf alle gemacht habe, die das Glück hatten, es zu betrachten.

Mit der Anerkennung der Glaubwürdigkeit ist keineswegs irgendeine Glaubensverpflichtung verbunden. Sie ist die öffentlich geäußerte Überzeugung eines Bischofs, nicht der Kirche insgesamt, daß gute Gründe vorliegen, die für die Erscheinung und ihre Botschaft sprechen. Niemand muß daher die Erklärung und die vorgebrachten Gründe aufnehmen oder auch nur begrüßen. Doch ist er aufgefordert, diese ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Theologische Bedenken

Die merkwürdige Tatsache, daß sich die Fatima-Madonna mit Eindringlichkeit für die Verehrung ihrer selbst eingesetzt hat, ist verwunderlich. Ist es nicht ein Grundsatz der Tugendlehre, daß man Eigenlob unterläßt und es auch nicht bei anderen hervorruft? Sollte diese, jedes Selbstlob vermeidende, Haltung der Muttergottes gefehlt haben? Die Fatima-Madonna hat aber nicht nur eine Verehrungsstätte für sich selbst und damit zur Heilung und Hilfe für andere erbeten, wie es die Muttergottes bei anderen Erscheinungen, z.B. in Guadalupe, und der heilige Erzengel Michael schon vorher getan haben.

Die Fatima-Madonna hat mehr für sich gewünscht. Sie möchte Opfer zu ihrer Genugtuung wegen der ihr zugefügten Beleidigungen. Sie hat auch eine bestimmte Verehrungsform für sich gefordert und diese mit den höchstmöglichen Belohnungsversprechen für die Gläubigen und die Kirche versehen: „Wer die Verehrung meines unbefleckten Herzens übt, dem verspreche ich das Heil.“

Ist es zulässig, eine besondere Form der Verehrung für eine heilige Person wirklich mit einer gültigen Heilszusage zu verbinden? Die kirchliche Morallehre besagt, daß man niemals Sicherheit über sein Heil gewinnen kann, es sei denn es gäbe eine eindeutige echte Privatoffenbarung von Gott.

Hier handelt es sich zwar nicht um eine persönliche Heilszusage, aber doch um ein festes Versprechen an diejenigen Menschen, die der Aufforderung der Person folgen, die sich selbst als die Rosenkranzkönigin und damit als die Muttergottes bezeichnet hat. Wird ein solches Versprechen eingehalten werden können? Das bleibt offen und ist im übrigen auch nicht genauer bestimmt. Wie oft und wie lange muß die Verehrung des Herzens Mariae geübt werden, daß das Versprechen eintritt? Kann das alles wirklich der heiligsten Person nach Gott zugerechnet werden?

Darüber hinaus wäre zu fragen, ob die allerseligste Jungfrau von ihrem Sohn wirklich eine Zusage erhalten haben kann, daß er auf die Ausübung seines Richteramtes im persönlichen Gericht bei einem (fleißigen?) Herz-Mariae-Verehrer verzichte. Das scheint undenkbar. Daher steht die Verehrung des unbefleckten Herzens der Fatima-Madonna unter dem Verdacht, eine magische Formel zu sein. Magie oder Zauberei ist dann gegeben, wenn man glaubt, daß durch bestimmte Sprachformeln oder wiederholte Handlungen eine Wirkung eintritt, die man damit normalerweise nicht verbinden kann.

Hat die Fatima-Madonna damit etwas versprochen, was sie überhaupt nicht halten kann, womöglich eine Art Zaubertätigkeit empfohlen? Das alles spricht nicht dafür, daß die Fatima-Madonna die Person war, für die sie sich ausgab.

Bedenken gegen den Zusatz

Sodann muß man sich Gedanken machen, warum die Fatima-Erscheinung die Rosenkranz-Erweiterung gefordert hat und diese nicht nur im Rosenkranz, sondern auch in der Fatima-Andacht zu verwenden ist. In dem auf Maria und die Betrachtung der Heilsereignisse mit ihrem Sohn ausgerichteten Rosenkranz sind sie ein Fremdkörper, da sie die Betrachtung unterbrechen und Jesus direkt ansprechen, er solle verschiedenen Aufforderungen Folge leisten: Sünden verzeihen, vor der Hölle bewahren und alle in den Himmel führen.

Warum aber wurde diese Störung in den Rosenkranz gesetzt? Hätte man nicht besser den Zusatz als selbständige Anrufung vorschlagen und empfehlen sollen? Dann wäre diese aber nicht so weit verbreitet worden, sogar leicht in Vergessenheit geraten. Außerdem hätte die Anrufung ohne den Rosenkranz bei weitem nicht so stark den Anschein der Heiligkeit - weil von einem heiligen Gebet umgeben - erreichen können.

So ist schließlich zu überlegen, warum die Fatima-Madonna diese Sätze gebetet haben wollte. Allein nur ihrer eigenen Verehrung zu dienen, wäre zu wenig gewesen. Wo liegt der Hauptzweck? Den findet man nicht auf den ersten Anhieb. Angeblich soll der Kirche und der Welt geholfen werden: Vermeidung von schlimmen Ereignissen wie Kriegen, Verbreitung von Irrtümern, Verlorengehen von vielen Seelen, Entstehen von Hungersnot, Verfolgung der Kirche, Verfolgung des Heiligen Vaters und Vernichtung mehrere Nationen, sowie Gewinnung von guten Folgen wie Herstellung von Frieden, Rettung vieler Seelen und Bekehrung Rußlands.

Das ist ein wunderbares Programm, wenn die Voraussetzungen stimmen. Allerdings müßte man sich als kühler Kopf doch fragen, ob die riesigen Erfolgsaussichten alle zusammen nicht eher einer Übertreibung, wenn nicht einer Unaufrichtigkeit oder sogar einer unguten Absicht entspringen. Und andererseits könnten die angekündigten schlimmen Folgen bei Nichtbefolgung der „Bitten“ und bei fehlendem Gebetseifer für den Rosenkranz mit dem Rosenkranz-Zusatz wohl kaum noch dunkler ausgemalt werden.

Von daher muß man sich der Vermutung stellen, daß alle diese Versprechungen, Erwartungen oder Drohungen womöglich nicht der eigentliche Grund für die Einführung des Rosenkranz-Zusatzes sind. Denn für bloße Hoffnungen würde eine solche Veranstaltung wie die Fatima-Ereignis-Serie sicher nicht in Bewegung gesetzt worden sein. Folglich müßte der gesuchte Grund in dem Zusatz selbst gesucht werden.

Die ersten beiden Aufforderungen an Jesus sind im Hinblick auf den katholischen Glauben einwandfrei. Es ist die letzte Aufforderung an den Heiland, nämlich alle Seelen in den Himmel zu führen, die Bedenken erweckt. Muß der Erlöser auf den Weg zum Himmel erst aufmerksam gemacht werden? Und wenn Jesus wirklich alle Seelen in den Himmel führte, dann wäre der Beter in jedem Fall dabei und brauchte diesen Satz auch nicht zu beten.

Aber vielleicht liegt ein Sinn in dem Nebensatz, daß besonders diejenigen in den Himmel geführt werden sollen, die das am stärksten nötig haben? Aber wenn Jesus alle sowieso in den Himmel führt, so ist der Anhang überflüssig. Und außerdem brauchen doch alle ohne Ausnahme die Gnade, um in den Himmel zu kommen. Warum soll Jesus da aufgefordert werden, Unterschiede zu machen? Oder soll Jesus in der etwas barschen Weise - es ist keine Bitte! - dazu gedrängt werden, etwas zu tun, was er bisher noch nicht getan hat? Hat er bisher noch nicht alle Seelen in den Himmel geführt? Offenbar nicht, denn anders wäre der letzte Satz überflüssig. Also ist es für Jesus eine Zumutung, wenn so etwas von ihm verlangt wird.

Es ist also schwierig, einen theologisch ausreichenden Sinn zu finden, wozu der letzte Satz der Rosenkranz-Erweiterung dient. Um das Problem zu lösen, bleibt einem nichts anderes übrig, als die Frage nach der Rechtgläubigkeit des dritten Satzes zu stellen. Und da fällt das „alle“ auf. Es wird zwar nicht gesagt, daß alle in den Himmel kommen. Da hätte der Bischof von Leiria wohl auch gestutzt. Denn das wäre eine deutliche Häresie gewesen. Aber wenn Jesus alle Seelen in den Himmel führen soll, dann muß dieser Wunsch auch im Glaubenszusammenhang Bestand besitzen. Und das ist nicht der Fall. Denn man verlangt damit von Jesus etwas, daß er gar nicht tun kann: Das kann er nicht ausführen, weil es seiner Lehre widerspricht.

Alle in den Himmel zu führen, ist aber auch deswegen für Jesus nicht möglich, weil sich bereits eine große Zahl der Sünder in der Hölle befindet und nicht wieder dort herauskommt. Denn die Hölle ist ewig. Für Judas Iskariot, den Verräter Jesu, gilt ja, daß es für ihn besser gewesen wäre, wenn er nicht geboren worden wäre (Mk 14, 21). Ein zweiter schwerer Grund, warum Jesus nicht alle in den Himmel führen kann, wäre die damit verbundene große Ungerechtigkeit! Denn das Erdenleben ist eine Prüfung, die nicht alle bestehen werden. Und der Himmel ist eine Belohnung für die Guten, für diejenigen, die Gottes Willen befolgt haben und ihn lieben. Und wenn alle in den Himmel kommen, dann brauchte es weder Prüfung, noch Menschwerdung des Gottessohns, noch das Erlöserleiden zu geben.

Somit stellt der dritte Satz der Fatima-Ergänzung des Rosenkranzes eine häresienahe Aufforderung an den Heiland dar. Wer diesen Satz erfunden und in den Rosenkranz einzustellen verlangt hat, muß also gewollt haben, daß man die Ansicht, daß alle in den Himmel kommen, übernimmt oder doch wenigstens ihrem Einfluß unterliegt. Diese in einen heilig wirkenden Zusammenhang verpackte Zumutung für den Heiland könnte also als ein geschickt aufgebauter und getarnter Versuch der Glaubensverfälschung verstanden werden, der wie jede Verführung den Verführten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen vom richtigen Weg abzubringen sucht. Wenn der Anhang des „alle“-Satzes, sich auf einen besonderen Teil der Menschheit bezieht, der vorrangig in den Himmel geführt werden soll, so hat dieser logisch gesehen sinnlose Satz den Zweck, die Annahme der falschen Lehre psychisch zu erleichtern, da das „alle“ scheinbar eingeschränkt wird.

Der Zweck des Rosenkranz-Zusatzes dürfte folglich darin liegen, die Irrlehre, daß alle Menschen in den Himmel kommen, nämlich die Allerlösungslehre, in die Herzen der Gläubigen und in die kirchliche Glaubenslehre hineinzutragen. Unter dieser Voraussetzung bekäme der Gesamtzusammenhang des Fatimageschehens seinen Sinn. Dann leuchtete ein, daß von der Erscheinung auf den Rosenkranz mit dem damit verbundenen Zusatz so großer Wert gelegt wird. Eine Absicht der Verfälschung der kirchlichen Lehre würde es ausschließen, daß die Fatima-Madonna die Muttergottes gewesen sein könnte.

Zu einer Täuschung mit dem beträchtlichen Aufwand wie in Fatima könnte ist nur der böse Feind, der Vater der Lüge (Joh 8,44), oder einer seiner Abgesandten fähig sein. Ohne dessen Beteiligung wäre nicht zu erklären, daß die hier versteckt wirkende Allerlösungslehre in der Kirche einen so ungeheuren Erfolg erzielen konnte, wie es der Fall ist. Damit verbindet sich auf eindrucksvolle Weise die Entwicklung des „Heiligtums“ von Fatima zu einem Verehrungsort für alle Religionen und somit für den Götzendienst und die dämonische Welt. Die Probe hat jedenfalls nicht zur Bestätigung der Echtheit geführt.

Man vergleiche die Erscheinung von Fatima mit der Erscheinung der Muttergottes in Guadalupe in Mexiko. Damals überströmte eine Welle von guten Wirkungen Mexiko und anschließend Südamerika. Spanier und Azteken versöhnten sich. Millionen von Indios bekehrten sich zum katholischen Glauben, ohne daß besondere Forderungen an bestimmten Gebeten gefordert worden wären.

Verweise


Einzelnachweise

  1. die fünf Zehnergruppen