Karl Heinrich Graun: Weihnachtsoratorium
Karl Heinrich Grun zählt zu den bedeutendsten
Komponisten des Spätbarock und Rokkoko. Alle seine Werke sind echte
Meisterwerke und überaus anhörenswert. Hier sei der Text seines
Weihnachtsoratoriums geboten.
1. Coro: Mache
dich auf, werde licht
2. Aria:
Erscheine doch und komm
3. Accompagnato:
So mache dich denn auf
4. Chorale:
Gott sei Dank durch alle Welt
5. Ensemble:
Uns ist ein Kind geboren
6. Aria.
Basso: Abgrund krache
7. Recitativo.
Alto: O wunderbares Kind
8. Aria.
Soprano: Die Sterblichkeit gebiert das Leben
9. Accompagnato.
Basso: So komm, o Sohn der Ewigkeit
10. Aria.
Tenore: Erfülle mich, du holdes Wesen
11. Chorale:
Wie soll ich dich empfangen
12. Szene.
Und Maria gebar ihren ersten Sohn
13. Aria. Soprano:
Zeit und Stunde sind erfüllt
14. Coro:
Euch ist heute der Heiland geboren
15. Recitativo.
Alto: Mein Geist, getrost
16. Chorale:
Ein Kindelein so löbelich
17. Recitativo.
Tenore: Und die Hirten kamen eilend
18. Aria.
Tenore: Ew’ger Sohn, erhaltner Segen
19. Recitativo,
Tenore/Alto: Wohlan, es soll mir Abrahams gesetzter Glaube
20. Duetto.
Soprano/Alto: Herr, in Frieden will ich sterben
21. Chorale:
Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ
22. Coro: Eilt,
ihr Seelen, folgt den Weisen!
Mache dich auf, werde licht, den dein Licht kommt, und die
Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. (Jesaja 60,1)
Erscheine doch und komm, erbarmungsvolle Liebe,
brich durch, in Gott gebor’nes Kind, brich herein.
Vernimm einmal des Herzens nasse Sehnsuchtstriebe,
die Früchte deines Außenbleibens sein.
Zerreiß die Himmelsburg und fahre bald hernieder,
ach, hülle dich nicht mehr in finstre Schatten ein,
belebe meine durch den Fluch zerschlagne Glieder,
erhelle, ewig’s Licht, des Glaubens matten Schein.
So mache dich denn auf, du Licht der Welt, laß deine
Herrlichkeit aufgehen.
Was aber seufzest du, da es bereits geschehen?
Der Sünder soll nicht länger irren
und bei verseichten Bächen stehn.
Die Hand soll ferner nicht beim Opferstein
mit Blut von Tieren angefüllet sein.
Es ist erhört der Seele banges Girren,
es kommt dein Held -
willst du denselben sehn,
so komm, betrachte die erfüllt Zeit,
die zeiget dir den Herrn und
seine Herrlichkeit.
Gott sei Dank durch alle Welt,
der sein Wort beständig hält
und der Sünder Trost und Rat
zu uns her gesendet hat.
Was der alten Väter Schar
höchster Wunsch und Hoffnung war,
was ihr Glaub im Dunkeln sah,
ist in vollem Lichte da.
a. Coro
Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben. (Jesaja 9,5)
b. Recitativo. Soprano
Du durch mein dringendes Gebet erbetenes Wort,
was sagst du, kommt mein Hort?
Der Himmel gibt mir diesen Ausspruch ein,
dies Kind, der Sohn, wird meine Erlöser sein.
c. Chorale. Soprano
Ach mein herzliebes Jesulein,
mach dir ein rein sanft Bettelein
zu ruhn in meines Herzens Schrein,
daß ich nimmer vergesse dein.
d. Recitativo. Soprano
Doch welcher Zweifel fesselt mich,
die schlüpfrige Vernunft sagt: Herz, du irrest dich,
doch Gott wird mich aus diesem Wanken führen
und sagen: wie mein Heiland heißt [spricht:]
e. Coro
Welches Herrschaft ist auf seiner Schulter: und er heißt
Wunderbar, Rat, Kraft, Held ewiger Vater, Friedefürst. (Jesaja 9,5)
f. Recitativo. Soprano: Geh, taumelnde Vernunft
Geh, taumelnde Vernunft, und quäle nicht
den Geist, dein Einwurf soll und kann mich nicht mehr rühren,
denn diese Namen bringen mir den felsengleichen Glauben bei,
daß dieses Kind mein Retter sei.
Abgrund krache, Tod erzittre,
Hölle fleuch und schließ dich,
denn mein Retter nahet sich,
denn mein Helfer zeiget sich.
Dieses Kind bringt mir das Leben,
und der Sohn, der mir gegeben,
bindet euch und löset mich.
O wunderbares Kind,
du Ursprung aller Wunder,
Natur und Engel stehn bei dir gebeugt,
weil deine Ankunft über dieser Wissen
und jener ihre Kräfte steigt.
Von Gott und doch ein Mensch,
von Menschen und doch Gott,
reich und dabei in Not,
das Licht der Welt in Finsternissen,
von einem Vater ohne Mutter sein,
von einer Mutter ohne Vater leben,
ein Friedefürst und auf dem Kampfplatz stehn,
ein Held und sich den Frieden übergeben,
voll Rat und voller Kraft und
doch um Hilfe fleh’n,
unschuldig und zugleich voll Pein;
wer ist’s, und wer versteht,
was dieses alles heißt?
Kein in der Zeit gebornes Wesen
kann dieses durch sich selbst in
seiner Klarheit lesen, nur dieses Kind,
das wir in diesem Sohne finden,
kann dieses mit sich selbst verbinden.
Und wessen Seele sich in dieses Kindes Geist
in wahrem Glauben senkt,
dem wird von Gott die Kraft geschenkt,
im Unbegreiflichen sich fest zu gründen.
Die Sterblichkeit gebiert das Leben,
Gott nimmt das Bild der Menschen an.
Was kein Geschöpf begreifen kann,
geschieht: Gott kommt zu mir auf Erden.
Nimm diesen Sohn, der dir gegeben,
mein Herz, und steh im Glauben still,
denn wer dies Werk ergründen will,
der muß ein Kind im Denken werden.
So komm, o Sohn der Ewigkeit, komm, komm, versprochnes Kind,
in der bestimmten Zeit, komm, wahrer Gottessohn,
von dem wir alles haben, komm, holdes Menschenkind,
das nichts besiegen wird,
komm, unerschaffner Sohn, der ohne Anfang ist,
komm, neugebornes Kind, das sich in Zeit und Jahre schließt;
ach, komme doch, mein Hirt, ach Wunderbarer, komm,
ach, komme mich zu laben,
ach Rat, Held, Friedefürst,
schau, wie nach dir die dürre Seele dürst’,
ach, Davids, Kind, ach Davids Herr und Sohn,
du kommst, mein Glaube spürt dich schon.
Erfülle mich, du holdes Wesen,
und kehre heute bei mir ein.
Soll ich, geliebtes Kind, genesen,
so muß mein Herz dein Wohnhaus sein.
Erfülle mich, du stilles Wesen,
und kehre heute bei mir ein.
Soll ich, geliebtes Kind, genesen,
so muß mein Herz dein Wohnhaus sein.
Gesegneter, nimm meine Seele
und mache diese Sündenhöhle
durch deine heil’ge Ankunft rein.
Strophe 2-7; Paul Gerhart 1648
Wie soll ich dich empfangen, Heil aller Sterbliche,
du Freude, du Verlangen, der Trostbedürftigen.
Gib selbst mir zu erkennen, wie deiner Güte voll,
dich meine Seele nennen, dich würdig preisen soll.
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen ermuntern deinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.
Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen in ihrem großen Leid?
Als mir das reich genommen, da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.
Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los;
Ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren, wie irgend
Reichtum tut.
Nicht, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt
als dein getreues Lieben, damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.
Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.
Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewußt.
Evangelium. Tenore
Und Maria gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in
Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der
Herberge. (Lukas 2,7)
Recitativo. Sopran
Gottlob, die bange Hoffnung ist gestillt,
mein Seligmacher ist zu mir herniederkommen.
Ach, aber ach! er hat der Sünder Bild an sich genommen,
sein Wohnhaus ist ein schlechter Stall,
er liegt in einer eingeschränkten Krippen,
die Ankunft bringt der Sehnsucht neue Qual,
es zittern die erschrocknen Lippen.
Recitativo. Basso
Schweig, Törichter!
Dein und der Menschen Schmach
hat ihm die Wohnung und Gestalt gegeben,
dein Ungehorsam nahm dir Gottes Ebenbild,
er will durch Demut deinen Hochmut heben,
du sollst nun wieder Gott, wie er dir ähnlich sein.
Darum nimmt er dein Fleisch und hüllet sich darein.
Zeit und Stunde sind erfüllt.
Christus bringet was verloren,
denn da Gott wird Mensch geboren,
haucht er mich von neuem an.
Gott wird Mensch und trägt mein Bild.
Adams sündliches Entschließen
und verwegnen Trieb zu büßen,
tut Gott, was er hat getan.
Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus,
der Her, in der Stadt David. (Lukas 2,11)
Mein Geist, getrost, sei ohne Sorgen,
dein Heiland kömmt noch heute an,
weil keine Zeit noch Ort
denselben binden kann.
Denn Gestern, Heute oder Morgen
sind Schranken der geschenkten Endlichkeit.
Weil aber dieser Herr unendlich ist,
und in sich diesen Erdkreis schließt,
so währt noch sein und deine Kommenszeit.
Bemerk es wohl, mein Geist,
solang es heute heißt,
kommt er an allen Orten, Heil zu geben,
drum kann dein Glaube sich erheben
und mit Gewißheit singen:
Ein Kindelein so löbelich
ist uns geboren heute,
von einer Jungfrau säuberlich
zu Trost uns armen Leute.
Wär’ uns das Kindlein nicht gebor’n,
so wär’n wir allzumal verlorn.
Das Heil ist unser alle.
Ei, du süßer Jesu Christ,
der du Mensch geboren bist,
behüt und vor der Hölle.
Und die Hirten kamen eilend und funden Mariam und Joseph,
dazu das Kind in der Krippe liegend. (Lukas 2,16)
Ich eile wie dies Volk zu dir, o Jesu, hin,
ich folge mit vergnügten Schritten,
um eins will ich mit hoffnungsvollem Sinn,
o liebster Heiland bitten:
Ew’ger Sohn, erhaltner Segen,
ach, verkläre dich in mir,
Glaub und Liebe seufzt nach dir,
um dein Bethlehem zu sein.
Mache mich zu deiner Krippen,
lehre mich mit frommen Lippen,
Abba, lieber Vater, schrei’n.
Mache mich zu deiner Truppen,
lehre mich mit frommen Lippen,
Abba, lieber Vater schrein.
Wohlan, es soll mir Abrahams gesetzter Glaube
ein Bild und stete Vorschrift sein,
der sah ins Künftige hinein
und stellte sich den Tag des Heils
als gegenwärtig vor.
Ich will auf gleiche Art
in das Vergangne seh’n
und, was zu Bethlehem gescheh’n
als gegenwärtig fassen.
Alto
Niemand soll mir dies Kind des Höchsten rauben.
Ich weiß, mein Gott, dein zärtliches Erbarmen
erhöret meines Glaubens Fleh’n!
Ach, laß mich, wenn ich meinen Tod soll seh’n,
zuvor wie Simeon den Christ umarmen.
Herr, in Frieden will ich sterben! - Herr wie sanfte muß
man sterben,
und bei meiner Grube stehn, - und zu seinen Vätern gehn,
wenn die Augen den gesehn,
welcher aller Welt Verderben
und zermalmtes Herz geheilt.
Wie vergnügt und voller Freuden
wird mein Aufbruch nicht geschehn, - muß der Aufbruch nicht geschehn,
wenn mein Auge angesehn - wenn die Augen erst gesehn
das verheißne Licht der Heiden,
das die Todesschatten teilt, - das die Todesnacht geheilt.
Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ,
sei dir von mir gesungen.
Hilf, daß ich deine Gütigkeit
stets preis’ in dieser Gnadenzeit
und mög hernach dort oben
in Ewigkeit dich loben.
Eilt, ihr Seelen, folgt den Weisen,
nehmt den Stall mit ihnen ein,
opfert Jesu eure Gaben,
eure Herzen will er haben,
Laßt das Gold und Weihrauch sein,
Gehet hin zu seiner Krippen,
sagt mit dankerfüllten Lippen,
tausendmal sei dir,
liebster Jesu, Dank dafür!