Archiv Reichslyrik

zuletzt aktualisiert 1 Adventus 2010

 

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Der Feldzug von 1815 - Gebet


Bis 2015 wollen wir nicht warten, das gedankenreiche Gedicht von Schenkendorf zu veröffentlichen, das uns im Zusammenhang mit dem Gedächtnisjahr 2006 in die Hände fiel. Es ist zu bedauern, daß Schenckendorfs ernste Mahnungen auf keinen fruchtbaren Bodenn fielen, weder beim Haus Österreich noch beim Haus Preußen - Gott sei’s geklagt:

Sie mögens nicht ertragen,
daß einer höher ist,
der aller Kinder Klagen
nach gleichem Rechte mißt.

Es ist einzig Gottes Gnade zu danken, daß das reine deutsche Blut auch heute noch nicht ganz verdorben ist und daß man auch heute konstatierenn darf, daß „der Deutschen Treu und Mut noch ist nicht ganz verdorben ist.“

 

 1. Du läßt dich wiedersehen,
des Volkes alter Hort.
Heil allen, die verstehen
dein Zeichen und dein Wort.
Du wandelst in den Lüften,
im Säuseln vor uns her,
du rollst in Felsenklüften,
die Donner stark und schwer.

 2. O Herr, wir sinken nieder,
vor deiner Herrlichkeit.
Noch einmal sende wieder
die letzte Gnadenzeit!
O hör’ auf unser Flehen
und übe Du Geduld,
wenn wir dir eingestehen
die Armut und die Schuld.

 3. Wir haben all’ verschwendet
dein Erbteil und dein Gut,
zum Eiteln uns gewendet,
vom ehrbar frohen Mut.
Was Du so schön bereitet,
was du so wohl bedacht,
hat alles uns verleitet,
zum Trotz auf eigne Macht.

 4. Aufs neu hat leichter Glaube
dem welschen Wort gehört,
zu Lust an schnödem Raube
hat uns der Geiz betört.
Der sprach von Fürstenehre
und nicht von Fürstenpflicht,
der nannte seine Heere
und nicht sein Recht Gewicht.

 5. Wo blieb die fromme Demut,
in der dein Krieg begann?
Das alles sah mit Wehmaut
der treue deutsche Mann.
Die Völker alle schauten
zur Kaiserburg nach Wien,
ob jener, dem sie trauten,
zur Krönung möchte ziehn.

 6. Ach, harrt nicht seinem Zuge,
das teure Haupt verweilt,
indes mit raschem Fluge
Tod und Verderben eilt.
Sie mögens nicht ertragen,
daß einer höher ist,
der aller Kinder Klagen
nach gleichem Rechte mißt.

7. Die treuen, tapfern Hände,
die jeden Thron gebaut,
des Landes freie Stände, -
wird keine Stimme laut?
Es zehrt am innern Leben,
geheimes, feines Gift,
zu bald wird uns entschweben,
so freies Wort als Schrift.

8. Der Volksgeist, hoch beschworen
zum Retter in der Not,
vergessen und verloren ... -
Wo bleibt er? Ist er tot?
Er muß sich wohl verbergen,
daß ihn kein Auge schaut,
weil Sündern und weil Zwergen
vor seinem Anblick graut.

9. So ist ein Jahr verstrichen,
die Gnadenfrist ist aus.
Der Argwohn kam geschlichen
bis in das eigne Haus.
Und jeder Stamm, der sehnend
zum Bruderstamm geblickt,
hat sich der Lieb’ entwöhnend
ein Sündenschwert geschmückt.

10. Da sprach der Herr, der gute,
der ewig treu und fromm:
„Komm wieder, scharfe Rute,
mein heilges Werkzeug, komm’!
Komm her aus der Verbannung,
du tückisch böser Geist,
ob wieder zur Ermannung
mein Volk dein Anblick reißt!“

11. O Lanze, welche Wunden,
so gnädig schlägt als heilt,
mein Arzt, der viele Stunden,
doch nie zu lang verweilt,
der, wie in roten Blitzen,
der Himmel sich verzehrt,
den Haß, die Schwerterspitzen,
nach außen gnädig kehrt:

12. Herr Gott, nun gnädig wieder,
hier ist all unser Blut,
wir sind nun wieder Brüder
und Eins in Liebesmut.
O Du, der Deutschlands Schaden,
im rechten Grunde kennt,
Herr Gott, Herr Gott in Gnaden,
den alles Helfer nennt!

13. Nun kehrt zu allen Sinnen,
vom jungen Strahl durchzückt,
das fröhliche Beginnen,
das man zu früh erstickt.
der Süden soll sich regen,
wie Norden sich geregt -
Ein mutiges Bewegen,
Ein Puls, der mutig schlägt.

14. Noch ist nicht ganz verdorben,
das reine deutsche Blut,
noch ist nicht ganz gestorben,
der Deutschen Treu und Mut.
Ach alles mag noch werden,
viel besser, als es war,
und endlich wohl zur Erden,
kommen das große Jahr.

15. Ach alles soll vergessen,
vergeben alles sein!
Nach rechtem Maß gemessen -
wer hieße fromm und rein?
Und eben, weil kein Reiner
in unsern Reihen steht,
so sei fortan auch keiner
gelästert und geschmäht.

16. Ihr lieben deutschen Fürsten,
macht Eure Tore weit,
schaut, wie die Völker dürsten
nach eurer Freundlichkeit.
Ihr seid ja rechte Sprossen,
der alten Heldenkraft,
seid wieder auch Genossen
der treuen Völkerschaft.

17. Du reiner deutscher Adel,
nicht Ahnen, Taten zählt!
Nicht strenger Väter Tadel,
was Lob den Vätern, wählt!
Nicht welsche Tänze tanzen,
mit Pförtnerschlüsseln gehn -
Eichbaum im Wald von Lanzen,
im Volkssturm sein, ist schön!

18. Ob jene Stämme brachen, -
die Bürger stehn in Kraft.
Komm zu den Morgensprachen,
du fleißge Bürgerschaft!
Wir laden euch zum Werke,
ihr Meister all mit Gunst,
es ruht in euch die Stärke
die Weisheit und die Kunst.

19. Aus Werkstatt, Schulen, Hallen,
bricht kühne Lust hervor;
die Städtebanner wallen,
man kämpft ums eigne Tor.
Das ist die rechte Innung,
die so nach außen dringt,
die einzige Gesinnung,
die hell ins Leben klingt.

20. Im Leben und im Wandel,
im Frieden und im Streit,
im Hause und im Handel,
zu jeder Frist und Zeit,
soll alles ehrlich halten
auf Zucht und Fleiß und Treu’,
dann wird das Glück der Alten
auch wieder bei uns neu.

21. Ihr Männer unbescholten,
ihr Bauern, klug und stark,
die immerfort gegolten
als rechtes Landesmark,
nun gilt es auszustreuen
die rechte goldne Saat
ein ewiges Gedeihen
entsprießet eurer Tat.

22. Es gilt, ob ihr noch wohnen
wollt in dem Vaterland,
ob hier noch Erntekronen
soll winden Mädchenhand,
ob euren freien Erben
der Väter Erbteil frommt,
zum Kämpfen, auch zum Sterben
ihr treuen Bauern, kommt!

23. Vor allen du berufen,
vor allen du geweiht,
du an des Altars Stufen,
o rechte Geistlichkeit,
was Pfänder, was Geschenke
hat Gott dir anvertraut!
Erwäge das, bedenke,
die Kirch’ ist Gottes Braut!

24. So hebt eure Hände
und betet, es ist Not!
und was ein jeder spende,
ob Lebensmark, ob Brot,
zu reinigen, zu sühnen,
den teuren deutschen Stamm,
soll jeder sich erkühnen
und heißen Opferlamm.

25. Er wird uns nicht versäumen,
der’s immer wohl gemacht.
Es spricht in Bildern, Träumen,
im Wort und in der Schlacht.
Herr Gott, wie wird es werden,
wenn ganz der Feind erliegt,
und ganz auf deutscher Erden
dann Licht und Freiheit siegt!

26. O sei dann endlich weiser,
du Herde ohne Hirt,
und wähle schnell den Kaiser,
und zwing ihn, daß er’s wird.
Laß Fürst und Bürger schwören
dem Herrscher, stark und mild,
dann wird er sein in Ehren
des Reiches Haupt und Schild.

27. Haus Öst’reich und Haus Preußen,
ihr beiden seid es doch!
Ihr könnt uns schnell entreißen
dem letzten Schimpf und Joch.
Die andern werden wollen,
wenn ihr es redlich wollt;
Ein Dank, den Völker zollen,
heißt mehr als Sieg und Gold.

28. Herr Gott, der allen Sündern
in Gnaden gern vergibt,
und an gefallnen Kindern
im Strafen Wohltat übt -
wir alle sinken nieder
und beten dankend an,
sind eines Reiches Glieder
und kämpfen Mann für Mann.

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