Archiv Reichslyrik

zuletzt aktualisiert 1 Adventus 2010

 

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Kaiser Karl V. in Wittenberg


Christoph Christian Hohlfeld

Kaiser Karl V. siegte 1547 bei Mühlberg an der Elbe (heute im „Bundesland“ Brandenburg) über die aufrührerischen protestantischen Fürsten. Bei dieser Gelegenheit besuchte er das nahe Wittenberg, damals Haupt- und Residenzstadt Kursachsens mit dem Grab des ein Jahr zuvor verstorbenen Luthers in der Schloßkirche.

Vertont als Ballade vom pommerschen Komponisten Carl Loewe.

 

Ernst ritt der Kaiser in die heil’gen Hallen;
ein Hochgefühl schwellt seine Heldenbrust:
Die Veste ist in seine Hand gefallen,
und triumphirend ist er sich's bewußt.
Drommetenton und Waffenklang erschallen:
„Don Karlos lebe!“ jauchzt die wilde Lust.
Die Lutherstadt erdröhnt vom Ruf der Krieger
und huldigt still und trauernd ihrem Sieger.

Und schweigend steht er in des Tempels Mauern,
und um ihn her der Führer stolze Schar,
ergriffen fühlt er sich von heil’gen Schauern,
und langsam naht sein Fuß dem Hochaltar,
er sieht es nicht, wie Alba’s Blicke lauern,
denn vor ihm ruht ein fürstlich Bruderpaar;
ein Friedrich ist’s, den man den Weisen nannte,
und ein Johann, der Menschenfurcht nicht kannte.

„Und Luther ruht hier an der Fürsten Seite?“
ruft Karl empört, „und hier im Gotteshaus?“
Und Alba grollt: „Dem Abgrund seine Beute!
Befiehl, Monarch: Grabt diesen Frevler aus!
Er ist der Quell von unserm blut’gen Streite,
sein Name füllt die Welt mit Schutt und Graus.
Er soll nicht mehr dies Heiligtum entweihen
laß seinen Staub in alle Winde streuen!“

Doch Karlos spricht mit ruhiger Geberde,
und himmelan hebt er die Herrscherhand:
„Mein Reich beschränkt ein kleiner Kreis der Erde,
und über uns glänzt der Vergeltung Land;
es ziemt mir nicht, daß ich sein Richter werde,
da droben er schon einen höher’n fand!
So spricht mein Herz, dies, Alba, ist mein Glaube,
drum laß ihn ruh’n, und Friede seinem Staube!“

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