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Die Gewalt der Musik


An Heinrich von Kleist.

Von Hinrich Ferchel

Nach Heinrich von Kleist "Die Heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik"

 

1 Drohend schwillt herauf ein Sturm,
hin zur Stadt von Karl dem Franken
und des Klosters Kirchenturm,
noch fest stehend, wird bald wanken,
wenn auch hier die neuen Zeiten
sich ganz ungehemmt ausbreiten.

2 Leichter Sinn saugt an die Spreu,
„Schnell, hinweg den alten Plunder!“
Nicht mehr gilt die einst’ge Treu,
Menge zählt, nicht große Wunder.
So auch hier im schönen Aachen,
in dem einige noch wachen.

3 Dort wohl in des Klosters Raum,
das geweiht der St. Cäcilie,
festlich Nonnen sind zu schau’n,
die zum heil’gen Orgelspiele
singen feierlich die Weise
ihrem hohen Gott zum Preise.

4 Durch die dunkle Herbstesnacht
dringt schon St. Cäciliens Helle,
in dem Schein der Kerzenpracht,
hier an der geweihten Stelle,
tönt's in lichten Geigenklängen
sanft umhüllt von Jungfernsängen.

5 Doch bald glimmt das Morgenrot
auf mit einem trüben Schimmer!
Ach, was bringt der Tag für Not
und was röchelt dort im Zimmer,
die Chormeist’rin liegt im Fieber,
leiten kann sie nicht die Lieder,

6 die die Messe doch gebeut,
heut’ zu dieses Tages Ehre.
Denn die Menschen, die erfreut
hören wollen nun das Hehre,
kommen schon in solcher Menge,
daß im Kloster wogt Gedränge.

7 Doch nicht alle führet Gott,
finster dräut's aus manchem Blicke,
und man höret sünd’gen Spott,
laut heraus aus jener Clique,
die sich schart um den Verführer
und des Aufruhrs finstren Schürer.

8 Grobes Werkzeug führt die Hand,
einen Pechkranz, Beil und Hammer,
brechen soll die Klosterwand,
brennen alles, welch ein Jammer,
bald die Kirchenfenster splittern,
durch Schwestern dringt ein Zittern.

9 Da erscheint auf dem Altan,
nahe bei den bangen Nonnen,
St. Cäcilie auf dem Plan
in dem Glanze höchster Wonnen,
aufbraust nun der Orgelreigen,
während unten tiefstes Schweigen

10 unterm Kirchenvolk regiert.
Keinen Hauch spürt man dort wehen.
Die Musik die Seelen führt,
um die Frevler ist’s geschehen.
Rühren könn’ sie nicht die Glieder,
hören nur die heil’gen Lieder.

11 "Gloria" so steigt's empor,
vom Altan und allen Schiffen,
"in excelsis" schwillt der Chor,
niemand hat es je begriffen,
was ist damals dort geschehen -
Gottes Odem wollte wehen!

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