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Königsvertreibung
Die Vertreibung des hl. Kaisers Karl aus Ungarn.
Aus dem Buch „Das blieb vom Doppeladler“, Wien 1966
30 Kilometer nördlich gleitet das Schiff unter einer imposanten Eisenbahnbrücke
durch, zwischen Batschek und Baja. Die Bahn kommt von Stuhlweißenburg.
Hier sollte man Station machen, nicht, weil die Brücke so schön ist,
sondern weil hier die Geschichte einen Schlußpunkt gesetzt hat. Hier
wurde ein dickes und schweres Buch zugeklappt. Am Allerheiligentag 1921.
Drei Züge, davon zwei mit ungarischen Soldaten, blockierten die Brücke.
Und am Ufer hatte das britische Kanonenboot Glowworm (Glühwürmchen)
angelegt. Der päpstliche Nuntius war da, und mehrere Offiziere gingen
auf und ab. Britische Offiziere geleiteten einen blassen jungen Mann
und eine zartgliedrige Frau auf das Schiff. Ungarische Soldaten standen
stramm. Irgend jemand rief: „Auf Wiedersehen!“ Der Nuntius hob segnend
die Hand. Dann begannen die Motoren des Schiffes zu arbeiten. Ungarn
hatte seinen König exportiert. Der letzte König aus dem Hause
Habsburg verließ nach zwei Versuchen, wenigstens in Ungarn seine Krone
zu retten, das Land. Die Habsburger verschwanden aus der Geschichte
Ungarns, Karl und Zita wurden von den Briten nach Madeira geschafft,
und kein Stein, kein Baum, nichts erinnert an das Geschehen, an Ort
und Stunde.
Nach tschechischen und ungarischen Zollbeamten blättern nun Jugoslawen
in unseren Pässen. Der Grenzen sind viele an der Donau, und bald gehört
die Sicht dem stolzesten Denkmal der österreichischen Donauherrschaft,
der Festung Peterwardein. Auf der einen Seite hat sich eine neue Stadt
niedergelassen - Neu- Neusatz müßte
man die vielen modernen Viertel rund um den alten Kern nennen, nun Novi
Sad, die Hauptstadt der Vojvodina, eine Hauptstadt der Batschka-Schwaben,
die gehen mußten, eine Hauptstadt der Ungarn, die zur Minderheit wurden,
eine Hauptstadt der orthodoxen Serben, die mit ihren Patriarchen und
Priestern aus dem Süden vor den Türken unter die Obhut des Kaisers geflohen
sind. Und der Kaiser hat ihnen als sichtbares Zeichen seines Schutzes
die schon bestehenden Wälle der Festung Peterwardein nach dem System
des größten Festungsbauers der Zeit, Vauban, ausbauen lassen: Ein roter
Berg aus Ziegelbasteien und Bastionen, wehrhaft, drohend und gefährlich,
diktiert hier an der Donau seine Macht. Das ist Peterwardein. Nie haben
die Türken dieses Hindernis überwunden; das heißt, als die Festung fertig
war, da war sie auch schon überflüssig. Nie wurde sie angegriffen. Für
das 18. Jahrhundert hatte Peterwardein die Abschreckungswirkung
einer Atombombe. Die Türken wußten, daß Peterwardein für sie unüberwindlich
war. Deshalb war man sicher, daß sie den Platz auch nicht angreifen
würden. Prinz Eugen hatte seinen Sieg bei Peterwardein 1716 außerhalb
der noch unfertigen Mauern erfochten.
Die Feste hat sich aber auch gegen die Zeit gut gehalten. Kein Fort
und keine Festung im alten und neuen Österreich sind so intakt wie Peterwardein:
die Kasematten und unterirdischen Pulvermagazine, die gedeckten Schießstände,
die Artilleriepositionen, die vielen Tore, das Eckwerk der Schanzen
und Basteien, die Offiziersunterkünfte. Eine Stadt für sich, die 30.000
Mann Quartier geben konnte. 1964 saß im Informationsbüro noch eine Wienerin,
die lange Zeit in Sarajewo gelebt hatte. Hinter ihr wachte das Modell
eines maria-theresianischen Soldaten. Heute muß man oben lange suchen,
bis man jemandem mit Deutschkenntnissen begegnet. Die Dame aus Wien
ist im Ruhestand, das übrige Personal stockserbisch. Vor den Systemen
Vaubans steht man dennoch in Ehrfurcht erschauernd. Was hat das gekostet!
Wieviel Mühe, wie viele Leben! „Sicher viele“, sagt ein Professor, der
hier zu Hause ist. „Die Wojwodina war ungesund. Rund um Peterwardein
verbreiteten die Donausümpfe ein gefährliches Fieber. Noch heute ist
die Lebenserwartung in der Wojwodina kürzer als anderswo in Jugoslawien.
Im alten Österreich wurde eine Versetzung nach Peterwardein wie eine
Verbannung nach Sibirien betrachtet. Bei uns ist es immer feucht, selbst
im Sommer schwitzen die Fände der Häuser vor Nässe. Bei den Bauarbeiten
hier sind viele gestorben. „Kein sehr freundliches Zeugnis stellt auch
Tito Peterwardein aus. Der jugoslawische Staatschef war 1914 als österreichischer
Soldat wegen „zersetzender Reden“ in Peterwardein eingesperrt worden:
„Der Kerker dort war eine Höhle, ohne jedes Fenster. Im Dunkeln allein
gelassen, begann ich nach allen Seiten umherzutasten. „Komm her, hierher“,
hörte ich eine Stimme auf deutsch. Ich nannte meinem Zellengenossen
meinen Namen und sagte, daß ich ein Arbeiter sei, worauf ich von ihm
erfuhr, daß er ein deutscher Soldat und ebenfalls Arbeiter wäre. Er
teilte mir ferner mit, daß er bereits seit zwei Wochen in diesem Loch
sitze und noch nicht ein einziges Mal vernommen worden sei. Da schlug
ich heftig Lärm. Mit den Fäusten gegen die Tür donnernd, verlangte
ich, umgehend vor den Kommandanten gebracht zu werden. Nach vier Tagen
hatte ich Erfolg. Der Kommandant schenkte glücklicherweise einem der
Zeugen, der mein Freund war, Glauben, und ich wurde entlassen.“
[Da könnte man allerdings vor Wut heulen, daß die Freiheits-
und Feindesliebe der Monarchie auch ihre fanatischsten Feinde und
die Massenmörder schützte ... ]
Ob Titos „Höhle“ ein Museum ist? Man plant eines einzurichten, aber
vorläufig beansprucht diesen Trakt der Festung noch immer das Militär.
Prinz Eugen hat gut vorgesorgt. Auch in dem Städtchen Peterwardein hat
das Militär Vorrang wie in Karlowatz. In einem Barockhaus schreibt jedoch
ein alter Anwalt, Politiker und Journalist an der Geschichte der Festung.
...
Ein winziges Männlein sperrt die Moschee auf und jammert über die schönsten
Teppiche, die „zur Reinigung“ nach Bukarest gingen - und wahrscheinlich
nicht mehr nach Ada-Kaleh zurückkehren werden. Aber auch die Tage der
Türkenkolonie mitten in der Donau sind gezählt, denn Rumänien und Jugoslawien
setzen in den Donaukatarakten nun gemeinsam das Werk fort, das Österreich
vor achtzig Jahren begonnen hat: die Regulierung des Stromes und seine
Schiffbarmachung im Eisernen Tor. Anfang September 1964 trafen einander
bei Orsowa der jugoslawische Staatschef Tito und der damalige rumänische
Präsident Gheorghiu-Dej auf einem Donauschiff und beschlossen den gemeinsamen
Bau eines gigantischen Kraftwerkes und Dammsystems. Am 27. September
1896 hatten Franz Josef, der König von Serbien und der König von Rumänien
in Orsowa die Eröffnung des 80 Meter breiten Schiffahrtkanals durch
die den Strom in der Quere durchschneidende Felsenbarriere des Eisernen
Tores gefeiert. Nun soll sich die Donau durch den neuen Damm auch beim
Greben und im Kazan in ein träges Wasser verwandeln und Seeschiffen
die Fahrt hinauf bis nach Budapest gestatten. Ein Opfer muß dafür jedoch
gebracht werden: Ada-Kaleh, die Insel, ist wie Orsowa zum Tode verurteilt.
Sie wird in einem riesigen Stausee versinken. Und alle, die sie kennen,
werden ihr gewiß eine Träne nachweinen.
...
Eine Stätte sentimentaler Gefühle - zumindest für jeden begeisterten
Magyaren - wird auch zur Endstation dieser altösterreichischen Donaufahrt:
Nahe dem Strom, nicht weit von der Anlegestelle des Fährbootes zur Insel,
liegen unter schiefen Kreuzen Soldaten, Österreicher, Rumänen, Deutsche
aus dem Ersten Weltkrieg, und dann noch einige aus dem Zweiten. Durch
diese Allee von Kreuzen gelangt man zu einer Kapelle, einem unscheinbaren
Kuppelbau, zu fest gefügt für einen so verwahrlosten Kriegerfriedhof,
aber auch zuwenig traurig und todverbunden für ein Friedhofskirchlein.
Es ist ein Heiligtum eigener Art, nicht zur Anrufung eines Schifferpatrons
oder eines anderen katholischen Schutzheiligen errichtet. Nein, es ist
ein Tempel für die Menschen, denen eine Krone heilig ist. In der Mitte
des Raumes hinter einem Gitter hat man in eine brunnenartige Vertiefung
eine große Marmortruhe versenkt. Eine Inschrift erzählt, daß Franz Josef
hier eine geraubte Krone wiedergefunden hat, die ihm neben der österreichischen
die wichtigste war: die Krone des heiligen Stefan.
Es war im August 1849. Die Sache der ungarischen Revolution war verloren.
Die Habsburger hatten mit Hilfe der Russen gesiegt. Petöfi war gefallen
und viele andere auch. Lajos Kossuth und einige seiner Rebellenführer
hatten sich in diese letzte Ecke des alten Ungarn geflüchtet. Und sie
führten den größten Schatz der ungarischen Nation mit sich, die Krone.
Bevor die Österreicher Kossuth gefangennehmen konnten, vergrub er hier
an dieser Stelle eine feste Truhe mit den Insignien. Und dann gab er
sich in die Hände der Türken.
Lange wurde die Krone gesucht. Der König bedurfte. ihrer, um seine
Herrschaftsansprüche über Ungarn auch äußerlich zu begründen. Nach systematischen
Grabungen hatte man 1853 Erfolg. Der Chronist berichtet:
„Die Truhe war drei Meter tief in der Erde. Die Insignien waren feucht,
weil in demselben Jahre die Cserna die Gegend überschwemmte. Der Königsmantel
wurde in einem geheizten Zimmer getrocknet, während die Krone mit
den anderen Insignien tags darauf unter militärischer Bewachung ausgesetzt,
wozu auch das Volk zugelassen war, welches dieselbe unter Andachtsbezeugungen
begrüßen durfte.“
Der Kriegsdampfer „Albrecht“ brachte die Krone, von einer Ehrenkompanie
beschützt, nach Wien. Und „an der Stelle, wo die Krone vergraben war,
hat Seine k. u. k. Apostolische Majestät im Jahre 1856 aus eigener Privatschatulle
zum Andenken der Auffindung der Krone eine schöne Kapelle im gotischen
Stil bauen lassen, welche von allen Patrioten, die diese Gegend bereisen,
besucht wird ... “
Unwillkürlich denkt man auf einmal an das andere Ende der Reise, fast
tausend Kilometer weit von hier, bei Theben, wo im „Marchkastl“ Taucher
vor einigen Jahren wieder nach der Stefanskrone geforscht haben. Aber
wer braucht noch Kronen? Sie sind nicht mehr Mode, man trägt sie kaum.
Langsam schlägt man auf der Landstraße den Weg zurück nach Orsova ein.
Die Sonne brennt mit südlicher Intensität. Große Schmetterlinge tanzen
von Blume zu Blume. Und die Donau breitet sich aus wie ein protziger
Teppich. Viel haben die Ingenieure jetzt mit ihr vor. Ihr rauhes Antlitz
wird einer kosmetischen Behandlung unterzogen werden. Das ganze Land
hier wird in ihrem Wasser ertrinken, und wohl auch die Kapelle der Krone.
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