Versöhnung der Kirche mit der Naturwissenschaft
Max Thürkauf; Johannes-Verlag Leutesdorf
1990. Auf die Schriften von Max Thürkauf sei noch einmal
hingewiesen, da sie fast ausnahmslos von hoher Qualität und
nach wie vor aktuell sind.
Das
Galilei Trauma
Von
Ptolemäus bis Kopernikus: Das Zentrum der Welt - Erde oder Sonne?
Die
Welt ist theozentrisch
Unterschied
zwischen Weltbild und Weltanschauung
Beide
haben recht: Ptolemäus und Kopernikus
Die
Beweggründe der Kirche für die Verurteilung Galileis
Das
Unrecht der Kirche an Galilei
Der
Hochmut und die Eitelkeit Galileis
Die
Folgen der „Neuen Wissenschaft“ Galileis
Die
Nachwirkungen des „Galilei Traumas“
Der
Materialismus in der Philosophie
Die
Naturwissenschaft auf dem Weg zu Gott
Die
künftige „Gotteszeit“ - das Ende des Materialismus
Bücher
zu diesem Thema
Aus der Verurteilung des Galilei durch das Heilige
Offizium in Rom im Sommer 1633 ist etwas in die Geistesgeschichte der
Neuzeit eingedrungen, das man das Galilei-Trauma; also die „Galilei-Wunde“
nennen kann. Es handelt sich dabei um eine Auseinandersetzung zwischen
Kirche und Naturwissenschaft, die nun schon seit dreieinhalb Jahrhunderten
andauert. Die folgenden Betrachtungen möchten einen Beitrag zur Versöhnung
in dieser leidigen Sache leisten.
Unter der kopernikanischen Wende - aus der das „Galilei
Trauma“ hervorging - verstehen wir den im Verlauf des 16. und
17. Jahrhunderts sich abspielenden Umbruch in der Anschauung des Sternenhimmels.
Bei der vom Ägypter Claudius Ptolemäus (85-160) vertretenen Anschauung
befand sich die Erde im Zentrum der Welt oder, wie wir heute sagen,
des Weltraums: alle Gestirne drehten sich um die ruhende Erde. Diese
Vorstellung war nahezu eineinhalb Jahrtausende ganz selbstverständlich,
für jeden sichtbare Wirklichkeit.
Im ausgehenden Mittelalter begann die Materie als ein
Gegenüber in das Bewußtsein der Menschen einzudringen - sie wurde Gegen-stand.
Albertus Magnus (1193-1280) begann die Natur
objektiv, von ihr Ab-stand nehmend zu beschreiben. Sein Schüler Thomas
von Aquin (1225-1274) durchdrang die aristotelische Metaphysik mit christlichem
Denken, die Loslösung der Physik vorbereitend. Weitere bedeutende Schritte
hin zur Ver-gegen-ständlichung der Materie sind dreimal mit dem Namen
Nikolaus verknüpft: Nikolaus von Autrecourt (gest. nach 1350),
Nikolaus von Oresme (1320-1382) und Nikolaus von Kues
(1401-1464), der - schon in der Renaissance stehend - die Materie durch
ihre Schwere mit der Waage mißt. Leonardo da Vinci erschließt
der Messung mit seiner Perspektive den Raum. Und wieder ein Nikolaus
- Nikolaus Kopernikus (1473-1543) - öffnet, die kristallenen
Himmelsphären des ptolemäischen Kosmos zerbrechend, den Raum in die
grenzenlosen Weiten des Universums eines Giordano Bruno (1548-1600).
Der Domherr zu Frauenburg aber - Kopernikus -
stellte die Sonne in ein Zentrum, welches von den Planeten auf
ganz bestimmten Bahnen umkreist wird. Die Erde wurde relativiert,
sie war ein Planet unter anderen Planeten. Ihre angenommene Zentralstellung
war nur eine scheinbare: Nicht die Gestirne drehten sich um die
Erde, sondern die Erde drehte sich um ihre eigene, zwischen dem
Nord- und Südpol verlaufende Achse. Der Mensch trat aus der bergenden
Geschlossenheit des griechischen Kosmos hinaus in die Unendlichkeit
des modernen Universums. Er stellte sich der Welt, auf der er
stand, gegenüber - er machte die Erde zum Gegen-stand. Er nahm
die Materie und entfernte sich von ihr so weit wie möglich, ohne
jedoch mit ihr den körperlichen Kontakt zu verlieren: bis zu den
Spitzen der Finger seiner experimentierenden, messenden Hände.
Und er verlängerte und verfeinerte seine Hände mit vielen Instrumenten,
um die Materie noch weiter von seinem Selbst entfernt, noch getrennter
vom Subjekt, als reines, vom Subjekt unbeeinflußtes Objekt objektiv
betrachten zu können.
Indem sich der Mensch immer stärker an die Materie
band und dadurch seinen Körper zum Träger und Mittelpunkt seines
Seins machte, meinte er, ebenso müsse auch das Zentrum der Welt
materiell sein. Die Frage, ob die Welt geo- oder heliozentrisch
sei, wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einem
sowohl theologischen als auch naturwissenschaftlichen Problem,
das bald in einen häßlichen Streit ausartete. Wenn die Menschen
das Zentrum der Welt in der Materie, also bei einem Himmelskörper
im Raum der Astronomen suchen, so werden sie bald jede Orientierung
verloren haben. In den endlosen Weiten des Universums gibt es
kein zentrales Gestirn. In einem solchen Weltbild zerfallen die
Erde sowie die übrigen Planeten mitsamt der Sonne zu kosmischen
Staubkörnern, und der Mensch wird ein Nichts. Das ist die konsequente
Folge materialistischen Denkens, das beim Streit um eine geo-
oder heliozentrische Welt seinen unseligen Anfang genommen hat.
In Hinsicht auf die in der Genesis geoffenbarte Wahrheit wird
diese Frage gegenstandslos, weil die Welt weder geo- noch helio-,
sondern theozentrisch und somit seit dem Mysterium der Auferstehung
christozentrisch ist. Einschließlich der Materie ist die Welt
ein Liebesgeschenk Gottes an die Menschen; durch die Liebe Gottes
stehen die Menschen in einem noch so großen All im Zentrum der
Welt, die in ihrem Wesen nicht materiell, sondern geistig ist.
Ein Teil dieser Geistigkeit besteht in jenem Geschöpf, welches
die Materie der Welt als solche zu erkennen vermag: im Menschen.
Etwas muß beachtet werden: Zwischen dem Weltbild und
der Weltanschauung ist zu unterscheiden; die Sinneswahrnehmung, das
Bild des Himmels also, ist dieselbe geblieben, geändert hat sich die
Anschauung, die etwas Geistiges, etwas Innerliches ist. Die kopernikanische
Wende ist eine innere Wende, was sich an einem Äußeren zeigt: Nicht
unter dem klaren Himmel Ägyptens, sondern in einem Land des Erlkönigs,
im nebelträchtigen Ostpreußen, wurde die Erde aus ihrem jahrtausendealten
Ort gerückt. Wenn zwischen Weltbild und Weltanschauung - zwischen Sinnenwelt
und Geisteswelt - nicht klar unterschieden wird, können die Weiten des
Weltalls zu einem engen Gefängnis des Geistes werden; zum Materialismus.
Die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, der res cogitans
und der res extensa, der Innenwelt
und der Außenwelt des Rene Descartes (1596-1650), des Prokurators der
Galilei-Methode, wird im Laboratoriumsexperiment zur Tat.
Das Außen ist die vom Menschen getrennte Welt der Physik,
die für objektiv existierend, das heißt, vom Menschen unabhängig daseiend
gehalten wird. Dabei ist zu bedenken, daß diese Trennung ausschließlich
im Innern der Menschen als deren Gedanken existiert; im wirklichen Außen
kennen wir nur eine Welt mit Menschen, die untrennbar mit eben dieser
Welt verbunden sind. So ist auch das Außen der Lichtjahrmilliarden des
astrophysikalischen Weltraums ein Innen, das sich in diesen Endlosigkeiten
eingesperrt hat, denn der wirkliche Mensch kann sich darin nicht bewegen.
Wenn der Materialist den Himmel auf den von der Materie aufgespannten
Raum reduziert (den es auch gibt, der aber nur ein Teil der Wirklichkeit
des Himmels ist), so ist sein Geist ein Gefangener der Materie. Und
zwar deshalb, weil die Raum-Zeit-Dimension im Geist enthalten ist und
nicht - wie der Materialist in seiner unzulässigen Vereinfachung der
Wirklichkeit meint - als ein Produkt des Großhirns im Raum irgendwie
vorkommt.
Bei der Reduktion der Welt auf die Materie wird
auch der menschliche Leib ein Gefängnis des Geistes, so daß dieser
doppelt gefangen ist: in der Enge des Körpers und in der Unendlichkeit
der Lichtjahrmilliarden des astrophysikalischen Weltraums. Keinesfalls
dürfen weder gesehene noch geschaute Räume mit religiösen Dimensionen
verwechselt werden. Das Galilei Trauma ist die Folge einer
solchen Verwechslung. Selbst große Geister wie Goethe waren vor
Irrtümer dieser Art nicht gefeit, bezeichnete er doch die Beobachtungen
des Kopernikus als „die größte, erhabenste und folgenreichste
Entdeckung, die je der Mensch gemacht hat, wichtiger als die Bibel“.
Wer Gott im Sternenhimmel und im Wassertropfen mit
bloßen Augen nicht sieht, sieht ihn auch mit Teleskopen und Mikroskopen
nicht. Die Schaukraft des Herzens kann mit Instrumenten nicht vergrößert
werden. Der Materialismus wurde durch die geistige Arbeit jener Naturwissenschaftler
überwunden, die nicht nur physikalisch-chemisch denken, sondern auch
über das Wesen der Chemie und Physik nachdenken. So ist es die philosophische
Arbeit an der modernen Physik des Weltraums, an der Allgemeinen Relativitätstheorie
von Albert Einstein, welche aus diesem geistigen Grund heraus erkennt,
daß die Erde sogar ein materielles Zentrum der Welt sein kann. Und weil
die Physik nichts Physikalisches, sondern etwas Geistiges ist, eben
ein Produkt des menschlichen Denkens, ist in der Naturwissenschaft die
Erde wieder das geworden, was sie dem religiösen Menschen schon immer
war: das in Gott lebende geistige Zentrum der Welt.
So schreibt der für seine grundlegenden Forschungen
in der Quanten- und Wellenmechanik mit dem Nobelpreis für Physik
ausgezeichnete Max Born in seinem Buch über „Die Relativitätstheorie
Einsteins“: „Damit ist die Rückkehr zu des Ptolemäus
Standpunkt der ‚ruhenden Erde’ ins Belieben gestellt.
Es würde das die Benutzung eines mit der Erde fest verbundenen
Bezugssystems bedeuten, in dem alle Fixsterne eine Rotation mit
gleicher Winkelgeschwindigkeit um die Erdachse ausführen. Es ist
nicht ausreichend, einfach die übliche Metrik in das rotierende
System zu transformie???oren. Man muß zeigen, daß die transformierte
Metrik in Übereinstimmung mit Einsteins Feldgleichungen erzeugt
wird durch die rotierenden fernen Massen. Das ist von Thirring
ausgeführt worden. Er hat
das Feld berechnet, das eine hohle, dickwandige Kugel in ihrem
Innern erzeugt, wenn sie rotiert, und konnte beweisen, daß im
Kugelinnern tatsächlich Kräfte von der Art der Zentrifugalkraft
und anderer Trägheitskräfte auftreten, die man für gewöhnlich
dem absoluten Raum zuschreibt. Daher haben, von Einsteins
Standpunkt aus gesehen, Ptolemäus und Kopernikus gleiches Recht.
Welchen Ausgangspunkt man wählt, ist Sache der Bequemlichkeit.
Für die Menschen des Planetensystems ist allerdings die Auffassung
des Kopernikus die bequemere.“
Der lutheranische Theologe Andreas Osiander (1498-1552)
hat zum 1543 erschienenen Hauptwerk von Nikolaus Kopernikus über die
Umdrehungen der Himmelskörper („De revolutionibus
orbium coelestium“) eine Einleitung verfaßt, in welcher er
zum Ausdruck brachte, daß man - wenn man wolle - den Sternenhimmel auch
so betrachten könne. Diese Relativierung wurde - und wird immer noch
- von manchen Wissenschaftlern als Affront eines überheblichen Theologen
gegen die Physik mit Empörung zurückgewiesen. Aus der Sicht der modernsten
Physik wirkt Osianders Vorwort fast prophetisch und läßt an Nietzsche
denken: Überzeugungen sind schlimmere Feinde der Wahrheit als Lügen.
Wenn man bedenkt, was aus der Nuova
Scienza, der „Neuen Wissenschaft“, des
Galilei geworden ist, so wird ein Beobachter, der sich keiner
Möglichkeit verschließt, auch die Möglichkeit nicht wegweisen,
daß manche der Verantwortlichen der damaligen Kirche - wenn auch
nicht alle - aus einem geistlich-geistigen Gespür, aus einem Schauen
heraus, wie es die aszetische Lebensweise strenger Ordensgemeinschaften
hervorzubringen vermag, diesem An-die-Hand-Nehmen der Natur ablehnend
gegenüberstanden. Leider wurde nicht die Mechanisierung der Wissenschaft,
sondern die „Öffnung“ des Himmels verurteilt, denn
wie allgemein bekannt ist, drehte sich der Prozeß, welcher Galilei
von der Inquisition in Rom im Sommer 1633 gemacht worden ist,
um die Frage einer geo- oder heliozentrischen Welt.
Also um eine Frage, die in letzter Konsequenz sowohl theologisch
als auch naturwissenschaftlich bedeutungslos ist.
Galileo Galilei (1564-1642) wurde vom Heiligen
Offizium (heute wird diese Institution „Kongregation für
die Glaubenslehre“ genannt) für etwas verurteilt, das keine
Sünde ist: Das heliozentrische Weltbild, das er mit seinem Fernrohr
mit eigenen Augen zu schauen vermochte. Mit diesem „Szepter
der Wissenschaft“, wie sein Zeitgenosse Johannes Kepler
(1571-1630) das Instrument genannt hatte, sah er am Jupiter und
seinen Monden das Planetensystem in verkleinerter Ausführung,
sozusagen als sinnlich wahrnehmbares Modell. Doch - und dies soll
an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht werden - wurde Galilei
nicht verurteilt, weil die Inquisition das heliozentrische System
für falsch gehalten hätte, sondern weil sie annahm, es stehe im
Widerspruch zur Heiligen Schrift, und Galilei trotz wiederholter
Aufforderung nicht in der Lage war, schlüssige Beweise für seine
Hypothesen zu erbringen.
Hören wir dazu den Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte
an der Universität Augsburg, Walter Brandmüller, der in seinem Buch
„Galilei und die Kirche oder Das Recht auf Irrtum“ schreibt:
„Nun gab es auch in Rom Leute, die etwas von Astronomie, Mathematik
und Physik verstanden. Und eben diesen mußte ... auffallen, daß Galilei
... keine anderen Argumente für Kopernikus beizubringen vermochte als
schon im Jahre 1616. Noch war also die damals ausgesprochene Forderung
..., man müsse stringente Beweise für Kopernikus haben, ehe man sich
entschließen könne, die als einschlägig betrachteten Bibelstellen anders
als wörtlich zu interpretieren und damit den Widerspruch zwischen Kopernikus
und der Bibel aufzulösen, nicht erfüllt. In der Tat hat Galilei keinen
Beweis vorgelegt. Kein einziges seiner Argumente kann als solches betrachtet
werden, am wenigsten seine Gezeitentheorie.“
Diese Tatsache ist zu beachten, wenn man das Vorgehen
der Vertreter der damaligen Kirche kritisch beurteilen will; denn es
ist wohl ein Unterschied, ob sich die Kirche einer zweifelsfrei bewiesenen
Erkenntnis oder einer nicht bewiesenen Hypothese widersetzt hat. Wenn
wir urteilen, dürfen wir nie vergessen, daß auch unser eigenes Tun für
spätere Generationen Ursache von Kritik sein kann. Auch unser Maß an
Erkenntnis wird überholt werden.
Nun, wie dem auch sei, an dem Tag, an dem Galilei
im großen Saal des Dominikanerklosters von Santa Maria sopra
Minerva sein heliozentrisches Weltbild widerrief, wurde dem
Geistesleben Europas eine Wunde geschlagen, welche sich durch
die von Galilei begründete „Neue Wissenschaft“ über
alle Erdteile ausgebreitet hat, und die bis zum heutigen Tag nicht
geheilt ist: das „Galilei Trauma“. Das Urteil der
Inquisition hat nicht nur die getroffen, die geschlagen wurden
- die Wissenschaftler, sondern auch jene, die das Schwert gezogen
haben - die Theologen. Die Wunde schwärt aus zwei Gründen weiter.
Zum Ersten: Eine wissenschaftliche Erwägung kann nicht
durch ein theologisches Verdikt für ungültig erklärt oder gar verboten
werden. Die Vertreter der Kirche haben beim Galilei-Prozeß offensichtlich
ihre Macht mißbraucht; eine Macht, die sie eben durch diesen Mißbrauch
verloren haben. Wenn Theologie und Wissenschaft sich widersprechen,
so hat sich die eine oder die andere von Gott entfernt - oder beide.
Ohne Religion, also - wie das Wort sagt - ohne Bindung an Gott, gibt
es keine Wissenschaft (höchstens eine Anhäufung von Wissen) und auch
keine - wie man im Zeitalter der Gott-ist-tot Theologie leider
sagen muß - Theologie (höchstens eine Zerwissenschaftlichung des Glaubens).
Die Frage einer (materiell) geo- oder heliozentrischen Welt tastet keine
Substanz des christlichen Glaubens an. Es war gewiß nicht weise, Galilei
für das zu verurteilen wofür er verurteilt worden ist.
Die Unweisheit ist so groß, daß es schwer zu
glauben ist, einige der Inquisitoren hätten diese Ungereimtheit
nicht wenigstens geahnt. Sicher darf vermutet werden, daß es dabei
auch um Fragen politischer Macht gegangen ist, und der Anspruch
auf solche Macht gehört zu den schweren Sünden kirchlicher Würdenträger
jener Zeit. Sehr wohl ist Christi Reich auch in dieser Welt, aber
es ist nicht von dieser Welt, wie Papst Johannes Paul II. in einem
Schreiben an die Priester sagt. Gott kann nur Sünden vergeben,
die bereut werden. Anläßlich der Feier zum 100. Geburtstag
von Albert Einstein im Rahmen der „Päpstlichen Akademie
der Wissenschaften“ hat Johannes Paul II. bekannt, daß Galileo
Galilei durch die Organe der Kirche viel Unrecht geschehen ist.
Es wäre jedoch ebenfalls ein Unrecht, wenn man die Beweggründe
für Galileis Verurteilung allein in den politischen Machtansprüchen
der Römischen Kurie suchen würde. Die Mitglieder des Heiligen
Offiziums haben sich erwiesenermaßen sehr gewissenhaft und mit
Sachkenntnis mit den wissenschaftlichen Arbeiten des Galilei auseinandergesetzt.
Dabei müssen sie etwas von dem geahnt oder sogar gesehen haben,
was hinter dem heliozentrischen Weltbild in der „Neuen Wissenschaft“
verborgen lag: die wirkliche Sünde des Galilei.
In dieser Sünde besteht der zweite Grund für
das immer noch schwärende „Galilei Trauma“. Es ist
die Sünde des Hochmuts in der Form der intellektuellen Eitelkeit:
Galilei vertrat die Ansicht, daß das - wie er sagte „Buch
der Natur“ in der Sprache der Mathematik geschrieben sei,
so daß man, wenn man darin lesen wolle, die Mathematik beherrschen
müsse. Mit dieser Behauptung erhöhte er sich als Mathematiker
selbst. Der Hochmut ist schwer zu erkennen, weil er das Mittel
zu seinem Erkennen, die Demut, mit dem Gift seiner Frucht, der
Eitelkeit, betäubt. Ohne Mut zur Demut werden die Menschen statt
mündig maulig. So ist auch die Sünde des Galilei aus dem Hochmut
hervorgegangen, diesem Vater allen Unglücks, der mit seiner Tochter,
der Eitelkeit, die Bälge zeugt, die uns heute bedrohen. In Überschätzung
seiner Urteilskraft, aus Mangel an Mut zur Demut, in Unterschätzung
der sokratischen Weisheit des Wissens vom Nichtwissen, erlag Galilei
der Eitelkeit, zu meinen, er wisse, in welcher Sprache das „Buch
der Natur“ geschrieben sei; in einer einzigen Sprache nämlich,
und zwar - Lockung der Eitelkeit - in einer, die er gut konnte:
in der Sprache der Mathematik.
Dies ist die eine Hälfte der Sünde des Hochmuts.
Die andere Hälfte besteht aus einer besonders gefährlichen Art
der Lüge. Die absolute Lüge ist nicht das gefährlichste Werkzeug
des Bösen; sie ist allzu offensichtlich, und er könnte nur die
von ganz großer Eitelkeit geblendeten damit verführen. Seine bewährteste
Methode besteht darin, eine Teilwahrheit von der Eitelkeit jener,
denen dieser Teil besonders gut zugänglich ist, zur ganzen Wahrheit
proklamieren zu lassen. Diese aufgeblähten Halbwahrheiten sind
die gefährlichsten Lügen; darauf beruht nicht nur der Erfolg des
dialektischen Materialismus, sondern des Materialismus überhaupt
und seine im Marxismus politisch wirksam gewordene Ideologie.
Die Materie, eine Teilwirklichkeit der Welt, wird zur einzigen
Wirklichkeit erkürt, und Geist und Seele werden zu Folgeerscheinungen
der Materie degradiert. Der Materialismus nährt sich durch seine
Wurzeln tatsächlich mit der Sünde des Galilei: Gewiß sind einige
Seiten des „Buches der Natur“ in der Sprache der Mathematik
geschrieben, aber niemals das ganze Buch! Die Vermessenheit Galileis
könnte verglichen werden mit der Meinung eines Menschen, der behauptet,
die Weltliteratur sei in der Sprache geschrieben, die er besonders
gut beherrscht.
Die Seiten des „Buches der Natur“, die
in der Sprache der Mathematik geschrieben sind, umfassen jene Kapitel,
die dasjenige betreffen, das berechenbar ist: nämlich einen Teil der
Materie, also einen Teil des Nichtlebendigen der Schöpfung. Es ist zu
betonen: einen Teil. Die Qualitäten der Materie sind - im Gegensatz
zu ihren Quantitäten - nicht berechenbar. Darin unterscheidet sich die
Chemie von der Physik; der Versuch, die chemischen Eigenschaften der
Materie, die Stoffqualitäten auf Quantitäten zu reduzieren, wird immer
scheitern, weil Qualitäten nicht mathematisierbar sind. Von toter Materie
zu reden ist nicht sinnvoll, weil nur Lebewesen sterben, also dem Tod
anheimfallen und somit tot sein können. Umgekehrt gibt es auch keine
lebendige Materie; Materie kann lediglich Trägerin des Lebens sein,
wenn sich das Leben in den Lebewesen verkörpert - inkarniert.
Wenn die Weltwirklichkeit von den Materialisten auf die - im Prinzip
- physikalisch-chemisch meßbare Materie reduziert wird, so muß in ihrem
Weltbild das Leben zwangsläufig - sachzwängig - eine Folge der Materie
sein.
In der Naturforschung des Meßbaren ist die Mathematik
die Verbindung zwischen der Geisteswelt, zu der sie gehört, und
der Sinnenwelt, zu der die Natur gehört. Diese beiden Welten dürfen
nicht, wie das in der materialistischen Naturwissenschaft geschieht,
durcheinandergeworfen werden. Der Böse heißt Diabolos:
Durcheinanderwerfer. In einer Naturforschung, die Wissenschaft
ist, wird streng zwischen Geistes- und Sinnenwelt unterschieden.
Die Fähigkeit zu unterscheiden zeigt, daß die Geisteswelt so wirklich
ist wie die Sinnenwelt. Anders kann mit dem Verstand nicht verstanden
werden, warum bestimmte Gesetze der Sinnenwelt, die Naturgesetze
der meßbaren Materie, mit Mathematik, mit etwas rein Geistigem
also, beschrieben werden können. Eine Erklärung mit einer sogenannten
„Biologie des Erkennens“ gelingt nur, wenn die Voraussetzung
des Gegenstandes mit dem Gegenstand verwechselt wird.
Die übermenschliche Intelligenz des Diabolos
wußte ihrem Willen, das Leben zu vernichten, durch die Eitelkeit des
Galilei einen mächtigen Verbündeten zu schaffen: die Einengung der Natur
auf das Meß- und Berechenbare, auf das - wie wir es dem Sprachgebrauch
nach nennen wollen - Tote. Durch diese Simplifizierung in der Betrachtung
der Schöpfung war es dem Menschen möglich, aus dem auf das Tote Beschränkte
- aus der Materie - eine noch nie dagewesene Macht zu gewinnen. Die
von diesem Geist gelenkte Hand schuf der Kraft des Armes eine schier
unbegrenzte Potenz: die moderne Technik. Immer mehr verdrängt und bedroht
das Meß- und Berechenbare das Unmeßbare und Unberechenbare: das Leben.
Die Sünde des Galilei hatte fatale Folgen; er,
der Meister, beschränkte die Naturwissenschaft auf Meß- und Berechenbarkeiten;
viele seiner Nachfolger und besonders seine Epigonen schossen
bald über ihre Laboratorien hinaus und behaupteten - in tragischer
Verwechslung von Sinnen- und Geisteswelt - nur
das Meß- und Berechenbare sei Wirklichkeit. Dies ist die
Nahrung der Lüge unserer Zeit: des Materialismus. Die geistgelenkte
Hand des Menschen verwandelt die Erde in ein Abbild seines Geistes.
Ein Geist, der meint, die Welt sei nichts anderes als ein physikalischchemisches
System, verwandelt die Erde - die Heimat des Lebens - in ein ausschließlich
physikalisch-chemisches System: in eine tote Welt. Das Mittel
dazu hat eben diese Wissenschaft durch ihre zweckvollste und sinnloseste
Tat, die Atombombe, den Machthabern dieser Welt in die Hände gelegt.
Es war der Begründer des Rationalismus, der Jesuitenschüler
René Descartes, der das Rezept vom Messen und Berechnen auf die
Bereiche des Lebendigen ausdehnte, indem er den Tieren die Seele absprach
und sie zu prinzipiell berechenbaren Mechanismen degradierte. Daß die
Entseelung des Menschen der nächste Schritt sein mußte, lag auf der
Hand: Schon ein Jahrhundert nach Descartes’ Tod schrieb sein Landsmann
Julien Offray de Lamettrie (1709-1751) den
„L’homme machine -
Der Mensch, eine Maschine“. Galilei ließ die Wirklichkeit der unmeßbaren
und unberechenbaren Dinge durchaus gelten, er war ein religiöser Mensch.
In der Auseinandersetzung mit dem Klerus glaubte man, die Waffe dadurch
zu schärfen, indem man jenen Werten, die die Kirche vertrat, dem Unmeßbaren
und Unberechenbaren, die Realität absprach. Da Gott nicht meßbar ist,
wurde in einer unchristlichen und unwissenschaftlichen Auseinandersetzung
aus dem „Nur das Meßbare ist Wissenschaft“ des Galilei das „Nur das
Meßbare ist Wirklichkeit“ der Atheisten beziehungsweise Materialisten.
Alle Anstrengungen der Materialisten, die Qualitäten
auf Quantitäten zu reduzieren, sind vergeblich. Da hilft auch
kein Lenin und kein Stalin, die im Chor mit ihren Ideologen behaupten,
die ??oQualitäten seien nichts anderes als eine Summe von Quantitäten.
Gewiß haften allen Qualitäten Quantitäten an, aber die Quantitäten
sind immer das Sekundäre. Nicht das Kilogramm ist entscheidend,
sondern die Tatsache, ob es sich um ein Kilogramm Gold oder um
ein Kilogramm Sand handelt. Der heute die ganze Erde bedrohende
Materialismus mit der Atomtechnologie und der Genmanipulation
als seine unheilschwangersten Töchter ist eine Folge der Sünde
des Galilei. Davon eben mag das Heilige Offizium etwas geahnt
haben, wenn es auch die Folgen der „Neuen Wissenschaft“
des Galilei nicht kennen konnte. Aber die eitlen Ansprüche, das
„Buch der Natur“ mit Hilfe der Mathematik lesen zu
können, waren erkennbar. Als christliche Theologen wußten sie,
daß der Hochmut und die Eitelkeit die Eltern aller Sünden sind.
So ist heute das zweifach verwurzelte Galilei-Trauma
in doppelter Weise wirksam geworden. Einerseits haben die Theologen,
insbesondere manche maßgebenden Vertreter der katholischen Kirche,
aus begreiflichen Gründen Angst vor einem „zweiten Fall
Galilei“. Andererseits wird der weitaus größte Teil der
Naturwissenschaftler nicht müde, immer wieder und von neuem auf
den „Fall Galilei“ hinzuweisen, um mit diesem „Skandal“
ihre wertfreie - das heißt von religiösen Werten freie, also gottlose
- Forschung zu rechtfertigen und sich moralisch-ethische Ermahnungen
von seiten der Kirche zu verbitten. Dabei übersehen sie die „Skandale“
in ihren eigenen Reihen und vergessen, daß eine Ablehnung der
Kirche wegen der Unzulänglichkeit ihrer Vertreter auf derselben
„Logik“ beruht, wie eine - vielleicht nicht mehr so
ferne - Ablehnung der Wissenschaft wegen der Arroganz ihrer Experten.
Die zweifache Verwurzelung des „Galilei Traumas“
ist ein Paradoxon, das dazu geführt hat, daß es heutzutage immer mehr
gottesfürchtige Naturwissenschaftler gibt, welche die Theologen beschwören,
doch um Gottes willen nicht wissenschaftshörig oder gar wissenschaftsgläubig
zu sein; Naturwissenschaftler, die ihnen zurufen, daß die Welt dringend
Priester braucht, Theologen, denen man glaubt, daß sie glauben! Die
Sehnsucht nach Priestern steigert sich bei religiösen Naturwissenschaftlern
zu einem flammenden Schmerz, wenn sie von wissenschaftsgläubigen Theologen
hören, daß auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse die Existenz einer
unsterblichen Seele ausgeschlossen werden müsse.
Jene Theologen, die bei der modernen Naturwissenschaft
anfragen, ob diese oder jene theologische Folgerung wissenschaftlich
haltbar sei, werden nicht umhinkönnen, einzusehen, daß es keine
unsterbliche Seele gibt, weil das, was heute als moderne Naturwissenschaft
gilt, an den Primat der Materie glaubt. Der Schaden, den solche
Theologen anrichten, ist unermeßlich, denn der wissenschaftsgläubige
Theologe baut seine Ansichten auf die Meinungen der modernen Naturwissenschaftler,
welche ausschließlich nach dem Wie der Dinge fragen und das Gewußtwie,
das sogenannte Know-how, als die für den Materialismus
hinreichende Antwort anbieten. Das Seelen-Körper-Problem aber
ist mindestens eine Was-Frage, eine philosophische Frage also,
zu der die moderne Naturwissenschaft leider keine Antwort geben
kann, weil sie sich um der materiellen Verfügbarkeit willen entphilosophiert
hat. Philosophie ist niemals verfügbar; wenn sie über sich verfügen
läßt, entartet sie zur Ideologie.
Die moderne Anthropologie weiß vom Eigentlichen des
Körper-Seelen-Problems nichts Wesentliches mehr, als die Apostel zur
Zeit Christi gewußt haben. Und zwar deshalb, weil das Mehr der modernen
Anthropologie nur in Wie-Antworten besteht; die Was- und erst recht
die Wer-Antworten fehlen. In der Theologie ist das Wer, wer hat die
Welt erschaffen, die entscheidende Frage und die Antwort darauf heißt:
Gott. Der Preis der Sünde des Galilei, der Einschränkung der
Naturwissenschaft auf das Meß- und Berechenbare, ist sehr hoch: Tod
durch den Zwang des Messenmüssens von Unmeßbarkeiten. Auf diesen
Tod seien jene Theologen hingewiesen, die auf Grund moderner wissenschaftlicher
Erkenntnisse von einem Tod der unsterblichen Seele des Menschen sprechen.
Der Wissenschaftsglaube in der Theologie ist
wohl einer der größten Triumphe des Bösen; daß mit der Abschaffung
der Erbsünde auch der Teufel abgeschafft wird, liegt auf der Hand.
Allerdings, beide sind wissenschaftlich
ebensowenig beweisbar wie die zahlreichen Spekulationen über die
Evolution. Aber die letztere glaubt sich leichter, weil
sie Argumente zur Abschaffung der ersteren liefert und dadurch
beschwichtigend wirkt; eine wissenschaftlich verbrämte Beschwichtigung,
aus welcher die Seichte einer gutverkäuflichen Theologie des „Abschied
vom Teufel“ extrahiert werden kann. Weil die Kirchen sich
leeren, konstruieren die modernistischen Theologen eine Theologie
des Zumutbaren, und da solcher Dialektik keine Offenbarung zuteil
wird, sind diese Theologen überzeugt, daß es keine Offenbarung
gibt.
Etwas ist gewiß: Dialektik und Gebet schließen sich
aus, - was Schlüsse auf die sogenannte „Dialektische Theologie“
zuläßt. Das menschliche Denken allein reicht zur Erkenntnis der Wahrheit
nicht aus; es vermittelt uns höchstens systemimmanente Richtigkeiten.
Daher können sich die verschiedenen wissenschaftlichen Systeme - jedes
für und in sich richtig - widersprechen. Dasselbe gilt für Theologien,
die auf Wissenschaftsglauben beruhen. Eine Tatsache, die zu den häßlichen
Streitereien sowohl in der Wissenschaft als auch in der Theologie führt.
Wahrheiten widersprechen sich nie. Die von Christus auf Petrus gebaute
Kirche verfügt über einen Schatz von Offenbarungen und Überlieferungen
von Tausenden von Heiligen aus bald hundert Menschengenerationen. Das
sollten jene Theologen bedenken, die mit ihrem Kopf eine bessere Kirche
als die von Christus begründete machen wollen. Kein Gesetz der Logik
spricht dagegen, daß solcher Hochmut bald ebenso viele Kirchen hervorbringt,
als es kirchengründende Theologen gibt.
Aber auch die Philosophen und - eine Unterscheidung,
auf die Eduard von Hartmann Wert gelegt hat - Philosophieprofessoren
leiden unter dem „Galilei-Trauma“: Am XVI. Weltkongreß
für Philosophie 1978 in Düsseldorf, wurde der australische Gehirnphysiologe
und Nobelpreisträger Sir John Carew Eccles heftig angegriffen,
weil er auf Grund seiner Forschungen die vom Gehirn unabhängige
Existenz eines immateriellen Geistes annimmt. In seiner Theorie
der Geist-Körper-Wechselwirkung nimmt der Geist eine aktive, personale
Rolle ein. Der Geist empfängt und gibt Anregungen, vergleichsweise
spielt er auf dem Gehirn wie der Pianist auf dem Klavier. In einem
gemeinsamen Werk mit dem englischen
Erkenntnistheoretiker Sir Karl Popper bringt Eccles in aller Deutlichkeit
zum Ausdruck, daß ihn seine jahrzehntelangen Arbeiten über das
menschliche Gehirn in seinem Glauben an Gott und eine jenseitige,
übernatürliche Welt, im Glauben an die Existenz einer vom Körper
unabhängigen, unsterblichen Seele bestärkt haben, während sein
Koautor, ein Kritiker und Gegner des Wiener Neopositivismus, eher
als Agnostiker auftritt.
Offensichtlich sahen sich die Philosophen, die Sir
Eccles so heftig widersprachen, gezwungen, ihren zusehends unhaltbar
werdenden Materialismus mit einem Angriff, also unphilosophisch, zu
verteidigen. Für den Materialisten darf der Mensch alles sein, auf keinen
Fall aber ein Geschöpf Gottes mit einer vom Körper unabhängigen und
unsterblichen geistigen Individualität. Viel eher läßt ihr Hochmut materialistische
Kompromisse aller Schattierungen gelten, bis hin zu hylopsychischen
Kryptomaterialismen und Monismen altbekannter Haeckelscher Prägung.
Der Brand des „Galilei-Traumas“ schmerzt - wenn auch nicht
an denselben Stellen - Wissenschaftler, Theologen und Philosophen gleichermaßen.
Die moderne Naturwissenschaft, die seit der Aufklärung, welche gewiß als eine Verdunkelung in die
Geistesgeschichte eingehen wird, zu einem Werkzeug oder
Leugnung Gottes geworden ist, entwickelt sich immer mehr zu einem
Zeugnis für Gott. Wir befinden uns, was das Verhältnis von Naturwissenschaft
und Kirche anbelangt, in einem tiefgreifenden Wandel. Voll Dankbarkeit
anerkennen wir die Bereitschaft von Papst Johannes Paul II. mit
den Naturwissenschaftlern gemeinsam Wege zu suchen, den heutigen
Problemen der Menschheit wirksam entgegentreten zu können. Aber
auch die Erklärung von zwölf Nobelpreisträgern, die am 22. Dezember
1980 in Rom an die Adresse des Papstes gerichtet wurde, läßt erkennen,
daß die Notwendigkeit einer gegenseitigen Annäherung um der Zukunft
der Menschheit willen, eine Frage des Seins oder Nichtseins geworden
ist; denn darin heißt es: „Wir glauben, daß Wissenschaftler
auch über ethisches Feingefühl verfügen müssen, und uns ist sehr
daran gelegen, die traditionelle Trennung - oder gar Gegnerschaft
- zwischen Wissenschaft und Religion zu überwinden.“ Das
kann auch nicht anders sein, denn eine zu Ende gedachte Wissenschaft,
die nicht bei der Materie stehen bleibt, die sich nicht mit systemimmanenten
Richtigkeiten begnügt, kann der Wahrheit - Gott - nicht widersprechen.
Die theozentrische Welt gleicht der geozentrischen
Welt: Sie hat ein Oben und ein Unten - Himmel und Hölle. Im Weltbild
der materialistischen Naturwissenschaft sind Oben und Unten so
gegenstandslos wie Himmel und Hölle - wie das Gute und das Böse.
Die aus dem Deutschen Idealismus hervorgegangene Dialektik hat
jenes gefördert, das Hegel mit seiner Philosophie zu bekämpfen
glaubte: den Materialismus. Die Mutter des Materialismus, die
moderne Naturwissenschaft, ist das Kind einer Kraft, die nach
unten wirkt: der Schwerkraft. Der pendelnde Leuchter im Dom zu
Pisa, die legendären, vom schiefen Turm fallen gelassenen Steine,
die für Newton nicht mehr selbstverständlich vom Baum fallenden
Apfel haben die Wunde des „Galilei Traumas“ geschlagen.
Im der Wissenschaft der kommenden Kultur - dem verwirklichten
Christentum als einer Gesellschaft der bedingungslosen Liebe -
wird diese Wunde von einer Kraft geheilt werden, die nach oben
wirkt - der Lebenskraft.
Wir gehen einer guten Zeit entgegen - einer Gotteszeit.
Einer Zeit, die sich nicht mehr mit physikalisch-chemischen Erklärungen
begnügt. Christus wird um der Kinder willen, in deren kleinen Händen
die Verwirklichung des Christentums liegt, die vom Materialismus verwundete
Erde heilen, die geraubten Bodenschätze wieder an ihren Ort bringen,
weil sie eine höhere Bestimmung haben, als die Technokraten meinen:
Sie haben eine spirituelle Bedeutung, wie das die Mystiker schon immer
wußten. Es ist eine primitive Ansicht, zu glauben, bloß weil etwas brennbar
ist, sei es zum Verbrennen da, etwa Kohle und Petroleum. Die von unserer
Habgier ausgerotteten Lebewesen wird seine Barm-Herz-igkeit in
der Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist, dem Lebens- und Schönheitsspender,
wieder erschaffen - und zwar schneller als es die Evolutionisten für
möglich halten. In seiner Allmacht ist es Gott möglich, sowohl durch
Evolution als auch durch Immanation zu schaffen. Er wird die gemordete
Schöpfung wiedererschaffen zur Verwirklichung des Christentums. Diese
Wunder werden geschehen, wie die Wunder seines Erdendaseins geschehen
sind - aus Liebe zu den Menschen.
Er hat uns den Kreuz-Weg vorgelebt, den wir leben
müssen, um zum Vater zu kommen. Die Missionsmaxime für das Christentum
darf keine andere sein als die der Urchristen: Für die Botschaft
Christi, das Evangelium, zu zeugen durch ein Leben von Liebe in
Freiheit für Gott. Niemand soll von der Gemeinschaft der Liebe
ausgeschlossen sein, und niemand soll geringgeschätzt werden,
wenn er daran nicht teilnehmen will. Eiferndes und aufdringliches
Bekennen erweist seiner Botschaft einen schlechten Dienst. Das Christentum ist die unbequemste aller Religionen,
deshalb ist es schwer, Christ zu sein. Gottfried
Kellers „Achte eines jeden Menschen Vaterland, deines aber
liebe“ regt uns an, den Auftrag des Christen mit
ähnlichen Worten auszudrücken: Achte eines jeden Menschen Religion,
deine aber lebe! Die Vision vom verwirklichten Christentum und
von der Heilung und Rettung der Schöpfung ist mein Glaube, der
Kinderglaube eines Naturwissenschaftlers.
Max Thürkauf: Die Gottesanbeterin - Zwei Naturwissenschaftler
auf der Suche nach Gott. Christiana-Verlag, CH-8260 Stein am Rhein.
Max Thürkauf: Christuswärts - Glaubenshilfe gegen den
naturwissenschaftlichen Atheismus. Christiana-Verlag, CH-8260 Stein
am Rhein.
Walter Brandmüller: Galilei und die Kirche oder Das
Recht auf Irrtum. Verlag Friedrich Pustet, D-8400 Regensburg.