Glaube oder Aufklärung
von Max Thürkauf
Die große Freiheit
Es ist eine geistesgeschichtliche Tatsache, daß die moderne
Naturwissenschaft ein Kind des christlichen Abendlandes ist. Das
Hauptwerkzeug der Physik und Chemie, die systematisch-reproduzierbare
Messung der Materie, fordert die strikte Trennung von Subjekt
und Objekt - von Forscher und Gegenstand der Forschung. Der Mensch
muß also in der Lage sein, sich geistig von seiner Umwelt
zu befreien. Diese Freiheit aber gibt es erst nach dem seit der
Erschaffung des Menschen größten Ereignis der Geschichte:
der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Die große Freiheit
des Evangeliums heißt: Jeder kann Christ werden und Christ
sein unabhängig von seiner Herkunft - seiner Umwelt. Die
Freiheit Christi scheidet die Menschen in solche, die ihm nachfolgen,
und in solche, die ihn ablehnen. Wo die zur großen Freiheit
gehörende große Liebe fehlt, die Liebe bis hin zur
Feindesliebe um des Feindes willen, die Jesus Christus uns vorgelebt
hat, kann die Scheidung mitten durch Familien und Völker
gehen:
"Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das
Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit
seinem Vater und die Tochter mit der Mutter und die Schwiegertochter
mit ihrer Schwiegermutter" (Mt 10, 34-35).
Ohne die große Liebe führt die große Freiheit
in die größte Gefangenschaft: in das Gefängnis
der Ichsucht, die alle Schuld beim anderen sucht. Die Tragödie
der modernen Naturwissenschaft besteht darin, daß die große
Freiheit sehr wohl gewollt wurde - aber die große Liebe
nicht. Sie will von Gott statt für Gott frei sein und nennt
diese Gottlosigkeit Wertfreiheit. Von dieser Wertfreiheit kommt
die Bedrohung des Lebens auf der Erde durch die Produkte der Physik,
Chemie und Biologie.
Die Macht der Maschine
Als der heilige Apostel Paulus auf seiner Missionsreise in Troas
an der Westküste Kleinasiens angelangt war, wurde ihm der
Weg nach Westen gewiesen:
"Hier hatte Paulus in der Nacht ein Gesicht: Ein Mazedonier
stand vor ihm, bat ihn und sagte: ,Komm herüber nach Mazedonien
und hilf uns!" Als er aber das Gesicht gesehen hatte, suchten
wir alsbald nach Mazedonien zu fahren in der Überzeugung,
Gott habe uns gerufen, ihnen das Evangelium zu verkünden"
(Apg 16, 9-10).
Das war die Geburtsstunde des christlichen Abendlandes. Dieses
christliche Abendland ging viele Jahrhunderte schwanger mit der
modernen Naturwissenschaft; geboren wurde sie erst in der Zeitenwende
zwischen Renaissance und Barock, also in den Dezenien um das Jahr
1600. Genährt von der Macht der Maschine, die die Vertreter
dieser Wissenschaft den Mächtigen der Welt zu geben versprachen
("Wissen ist Macht", sagte Francis Bacon, ein Zeitgenosse
Galileis in England), wuchs sie immer schneller zur despotischen
Göttin heran, als die sie heute angebetet wird.
Bereits im 18. Jahrhundert war sie durch die ersten Erfolge ihrer
Tochter, der Technik, so dreist geworden, daß sie ihre Wertfreiheit
als ein Argument zur Befreiung des Menschen von Gott verwendete.
Man nannte diese Sünde "Aufklärung"
- und nennt sie heute noch so. Kürzlich hatte der Schriftsteller
Max Frisch sich beklagt, daß die "Aufklärung"
gescheitert sei. Viele Begründer dieser Epoche sind als erklärte
Atheisten in die Geschichte eingegangen: Voltaire, Rousseau, Diderot,
Comte, Laplace, Montesquieu, Lamettrie, Holbach (Encyclopädist),
Feuerbach und manche andere. Kant bezeichnete die "Aufklärung"
als das Erwachen des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Stichwort "Aufklärung"
Um Mißverständnisse zu vermeiden: Es ist zwischen
der Geisteshaltung der "Aufklärung" und der Zeit
der "Aufklärung" zu unterscheiden. Die "Aufklärung"
besteht in einer atheistischen oder zumindest agnostischen Weltanschauung,
die den Glauben an die moderne Naturwissenschaft an Stelle des
Glaubens an Gott setzt. Jedoch gab es in der Zeit der "Aufklärung"
geistige Kräfte, die - im Kampf gegen den Atheismus - zu
einer Erneuerung der christlichen Werte führten.
Der Teufel muß eben - so sehr er sich auch dagegen wehrt
- letztlich für Gott arbeiten. Daß die Wurzeln der
"Aufklärung" - die als große Verdunkelung
in die Geistesgeschichte der Menschheit eingehen wird - in der
modernen Naturwissenschaft gründen, bringen die Philosophen
Hugo Staudinger und Wolfgang Behler in ihrem Werk "Chance
und Risiko der Gegenwart" treffend zur Darstellung:
"In Deutschland verbindet das Allgemeinbewußtsein
mit dem Stichwort Aufklärung in erster Linie Begriffe wie
Toleranz, Vernunft, Autonomie, Freiheit. Dagegen denken nur wenige
daran, daß nahezu die gesamte Aufklärung gekennzeichnet
ist durch den Einbruch methodischer Prinzipien und Vorstellungsmodelle
der modernen Naturwissenschaft in das gesamte menschliche Denken.
Dieser Einbruch naturwissenschaftlichen Denkens ist für
die weitere Geschichte Europas mindestens ebenso folgenschwer
wie die Proklamation humanistischer Forderungen. Daher muß
am Anfang von Überlegungen zur Aufklärung auf eine Reihe
von Tatsachen und Zusammenhängen hingewiesen werden, die
zu Unrecht oft übersehen oder zumindest in ihrer geistesgeschichtlichen
Bedeutung unterschätzt werden. Bei vielen Aufklärern
wird schon der Begriff der Vernunft selbst beschränkt und
einseitig an den Naturwissenschaften orientiert.
So erklärt Dietrich von Holbach, jener Baron aus der Pfalz,
der in Paris Freundschaft mit Diderot schloß, sein Haus
und sein Portemonnaie den Führern der französischen
Aufklärung offenhielt und so nicht zu Unrecht als ,Nährvater
der Enzyklopädisten' bezeichnet worden ist, Vernunft sei
,nichts anderes als auf das soziale Leben angewandte Naturwissenschaft'.
,Anwendung' der Naturwissenschaft auf andere Gebiete bedeutet
zugleich Übertragung ihrer methodischen Vorentscheidungen
auf andere Bereiche der Wirklichkeit. Die Folge ist eine neue
Gesamtsicht der Welt. In seinem Buch über das System der
Natur oder die Gesetze der physischen und moralischen Welt' schreibt
Holbach: ,Die Welt zeigt uns allenthalben nichts als Materie und
Bewegung, sie ist eine unendliche Kette von Ursachen und Wirkungen.
Die Materie und die Bewegung ist ewig, und die Schöpfung
aus dem Nichts ist ein leeres Wort.'
Aus dieser Sicht stellt sich schließlich die Frage: ,Und
ist denn der Mensch etwas anderes als eine zusammengesetzte, zu
immer neuen Gestalten übergehende Materie?' (Holbach). Mit
solchen Gedanken steht Holbach keineswegs allein. So verfaßte
- um noch einen Namen zu nennen - um die gleiche Zeit der zur
Tafelrunde Friedrich des Großen gehörende Arzt Lamettrie
sein Werk ,L'homme machine'. Sicher sind Holbach und Lamettrie
nicht die bedeutendsten Vertreter der Aufklärung, und unbestreitbar
vertreten sie extreme Positionen. Aber auch eindeutig anerkannte
Repräsentanten der Aufklärung sind stärker vom
naturwissenschaftlichen Denken geprägt, als man weithin annimmt.
Zur Verdeutlichung sei auf zwei Persönlichkeiten hingewiesen,
die in je eigener Weise für ihre Zeit repräsentativ
sind: Friedrich der Große und Immanuel Kant.
Bezeichnenderweise formuliert Friedrich, daß der König
,für das Volk dasselbe wie das Herz für den Mechanismus
des Körpers' bedeute. Es kommt nicht darauf an, daß
der Mensch über den Sinn des Lebens nachdenkt, sondern daß
er an seiner Stelle richtig funktioniert und so das Seine dazu
beisteuert, daß der Gesamtmechanismus der Gesellschaft optimal
in Gang gehalten wird. Kants Endziel ist ,ein Ganzes für
Physik und Moral aus einem Prinzip zu stiften'.
Diese Formulierung erinnert eindeutig an den Titel der Schrift
Holbachs: 'System der Natur oder die Gesetze der physischen und
moralischen Welt.' Auch hierin zeigt sich der Zusammenhang der
geistigen Bewegung. Aber nach welchen Prinzipien soll nach Kants
Auffassung das Handeln erfolgen, dessen Moral mit Physik verwandt
ist? Der Königsberger Philosoph hat dafür eine Formel
gefunden, die einige Generationen von deutschen Gebildeten als
.kategorischen Imperativ' mit fast religiöser Ergriffenheit
zitiert haben: ,Handle so, daß die Maxime deines Willens
jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung
gelten könne."
Der "kategorische Imperativ"
Wenn man sich von Gott "befreit", "befreit"
man sich auch von den Geboten Gottes und beansprucht eine "Freiheit",
in welcher der "Befreite" selbst bestimmen muß,
was gut und böse ist. Daß der Mensch sich dabei verirrt
und in die Gefangenschaft seiner selbst gerät, zeigen Staudinger
und Behler am Beispiel des "kategorischen Imperativs":
"In der Tat konnte diese Formel tragen und als Grundlage
des Handelns dienen, solange sich die Menschen über die Prinzipien
einer allgemeinen Gesetzesgebung letztlich einig waren. Das war
zur Zeit Kants und noch im vorigen Jahrhundert weitgehend der
Fall, da christliche Wert- und Normvorstellungen - wenngleich
zum Teil säkularisiert - in allen Schichten der Bevölkerung
lebendig waren.
Heute aber liegt die Unzulänglichkeit der Kantischen Formel
zutage: Sie kann vom Christen ebenso unterschrieben werden wie
vom Nationalsozialisten, vom liberalen Humanisten ebenso wie vom
Kommunisten. Ein Handeln nach dieser Formel gewährleistet
zwar ein Funktionieren innerhalb einer Gesellschaft, die sich
über allgemeine Prinzipien einig ist, sagt jedoch über
diese Prinzipien inhaltlich nichts aus. Sie ist in dieser Hinsicht
rein formal. Daher gewährleistet sie keine menschenwürdige
Ordnung, sondern nur das reibungslose Funktionieren in jeder beliebigen
allgemein anerkannten Ordnung in einer Weise, die dem einzelnen
das subjektive Gefühl, genau genommen die Illusion der Autonomie
gibt."
Diese treffende Kritik des "kategorischen Imperativs"
weist auf die Tatsache hin, daß die Vertreter der "Aufklärung"
von jener Substanz leben, die sie ablehnen: von den Früchten
der christlichen Kultur. Heute, wo das Christentum im Abendland
durch das Gift der "Aufklärung" im argen liegt,
ist die Unzulänglichkeit des "kategorischen Imperativs"
durch den Sittenzerfall offensichtlich geworden. Aber die Psychologen
suchen die Heilung in verschiedenen "Selbstverwirklichungs"
-Rezepten statt in der Heiligung des Menschen durch Gehorsam gegenüber
den Geboten Gottes.
Die Gebote Gottes
Wer die Gebote Gottes anerkennt und befolgt, kann also auch mit
dem "kategorischen Imperativ" ein gutes Leben führen.
Somit ist der Kantische Imperativ überflüssig; aber
ohne die Gebote Gottes ist er gefährlich, denn wer den Dekalog
nicht beachtet, verirrt sich mit der "Maxime seines Willens",
weil er sein Lebensschiff nach einem Kompaß steuert, der
auf sich selbst zeigt. Jeder Kapitän weiß, daß
er sein Schiff nur mit einem Kompaß navigieren kann, der
nach einem festen Ort außerhalb des Schiffes weist. Und
der feste Ort, nach dem die Nadel des Kompaß unseres Lebensschiffes
zeigen muß, ist Gott. Dann kann der Heilige Geist in die
Segel greifen und die Reise heimwärts - christuswärts
- führen. Beispielsweise haben Hitler und seine Anhänger
so gehandelt, daß die Maxime ihres Willens "jederzeit
zugleich als Prinzip ihrer allgemeinen Gesetzgebung zum Beispiel
die Nürnberger Rassengesetze mit Unterstützung namhafter
Wissenschaftler) gelten" konnte.
Wenn Lessing - der sublime Gegner Kants - Christ gewesen wäre,
hätte er mit seiner spitzen Feder feststellen können,
daß Gott - wäre er nur so gescheit gewesen wie Kant
- dem Mose am Sinai statt der Zehn Gebote nur eines hätte
übergeben müssen: den Kantischen Imperativ. (Als Kant
die Berechnungen über die kinetische Energie - "lebendige
Kräfte" - des großen Mathematikers Leonhard Euler
für falsch erklärte, schrieb Lessing: "Herr K.
unternimmt ein schwer' Geschäfte der Welt zum Unterricht;
er schätzet die lebend'gen Kräfte, nur seine schätzt
er nicht.")
In seiner Weisheit verkündete Gott dem Mose den Dekalog,
wofür er gewiß gute Gründe gehabt hat. Und diese
Gründe gelten heute noch, weil die Wahrheit nicht veraltet,
denn Gott ist die Wahrheit. Offensichtlich wollte Kant die konkret
und eindeutig formulierten Gebote Gottes umgehen und ist damit
bei den Sündern gut angekommen (besser als Gott mit seinem
Dekalog).
Etwas vereinfacht gesagt, jedoch im Kern richtig: Wenn alle so
wären wie Kant und seine Anhänger, dann wäre die
Welt in Ordnung. Mußte die Menschheit seit dem Sinai tatsächlich
warten, bis aus Königsberg die Kunde kam, wie das Sittengesetz
zu verstehen sei? Auf die Frage, wie man voraussagen könne,
daß die Menschheitsgeschichte mit seinem Sittengesetz einen
besseren Verlauf nehme, antwortete Kant: "Wenn der Wahrsager
die Begebenheiten selbst veranstaltet, die er im voraus verkündet."
In solchem an Zynismus grenzenden Hochmut besteht die Finsternis
der "Aufklärung".
Im Licht seines Evangeliums verkündet Jesus Christus: "Meinet
nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen.
Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen"
(Mt 5, 17).
"Evolutionäre Erkenntnistheorie"
Die materialistische Denkweise veranschaulicht die anima
in se curvata - die in sich gekrümmte Seele", den
Geist, der sich aus sich selbst hervorbringen will: Der Materialist
betrachtet mit seinem Geist die Materie auf eine Weise, die ihn
feststellen läßt, daß dieser Geist nichts anderes
sei als ein Produkt eben dieser Materie. Also ist das Betrachtende
eine Folge des Betrachteten oder - da das Betrachtete zeitlich
nach dem Betrachtenden steht - die Vergangenheit eine Folge der
Zukunft. Bei dieser Betrachtungsweise - sie heißt neuerdings
"evolutionäre Erkenntnistheorie" - müßte
die Zukunft die Ursache für die Vergangenheit sein.
Solche Irrtümer vermag der materialistische Zirkelschluß
hervorzubringen, der sich etwa folgendermaßen dreht: Zuerst
war die Materie, die den Geist hervorbrachte, der feststellt,
daß die Materie zuerst war und den Geist hervorbrachte,
der feststellt, daß die Materie zuerst war und so weiter.
Und dieser Zirkel dreht sich so lange, bis die Materie, die den
Drehgeist hervorbringt - das Gehirn -, zerfallt und den Zirkel
nicht mehr zu drehen vermag. Also bis zum Tod des Materialisten,
der für ihn das Ende seiner Existenz bedeutet, weil die Existenz
seines Existenzproduzenten geendet hat.
Nur die Wahrheit vermag aus dem Gefängnis von solchen Teufelskreisen
zu befreien: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort. Alles ist durch es geworden, und
ohne es ist nichts geworden, was geworden ist. In ihm war das
Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht
scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen"
Joh l, 1-5). Der Geist als das göttliche Wort ist Ursache
der Materie: "Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde"
(Gen l, 1). Zur Finsternis, von der im Prolog des Johannesevangeliums
die Rede ist, gehört die Finsternis der "Aufklärung".
Die aus der Finsternis der "Aufklärung" geborene
Hegelsche Dialektik formuliert in der Sprache des Deutschen Idealismus
den idealistisch sublimierten materialistischen Zirkelschluß
wie folgt: "Der subjektive Geist, der den göttlichen
Geist vernimmt, ist selbst dieser göttliche Geist" (Hegel).
Das ist eine dialektische Formulierung von "sein wollen wie
Gott", also der alten ersten Sünde des Hochmuts. Bei
Marx, der - wie er meinte - Hegel vom Kopf auf die Füße
gestellt hat, wird die idealistische Dialektik materialistisch
und lautet etwa folgendermaßen: Der menschliche Geist, der
die Materie erforscht, ist selbst diese Materie. Aus der tiefsten
Finsternis der "Aufklärung" verkündet Feuerbach,
daß nicht Gott den Menschen, sondern daß der Mensch
Gott ihm zum Bilde gemacht habe. Das Von-Gott-frei-Sein-Wollen
der "Aufklärung" bringt Feuerbach unverblümt
zum Ausdruck: "Die Gottheit Gottes kann kein freies menschliches
Subjekt neben sich dulden." Leider hatten nur wenige von
den Exponenten der "Aufklärung" den Mut zur Demut,
sich von diesem Hochmut abzuwenden und ihren Irrtum zu bekennen.
Jedoch Heinrich Heine: "Ich habe mit dem Schöpfer Frieden
gemacht, zum größten Ärgernis meiner aufgeklärten
Freunde, die mir Vorwürfe machen über dieses Rückfallen
in den 'alten Aberglauben', wie sie meine Rückkehr zu Gott
zu nennen belieben. Ich bin zurückgekehrt zu Gott wie der
verlorene Sohn, nachdem ich lange bei den Hegelianern Schweine
gehütet habe."
Unvernunft und Denken
Die vielen, immer wieder neuen und anderen Theorien von materialistischen
Naturwissenschaftlern über eine Selbstorganisation der Materie
(um Gott als Schöpfer der Lebewesen und des Menschen auszuschließen),
werden damit begründet, daß sie denkbar seien. Und
tatsächlich - denkbar sind sie alle. Aber eine Theorie, die
denkbar ist, braucht noch lange nicht vernünftig zu sein.
In der Natur, welche mit diesen denkbaren Theorien erklärt
werden soll, gibt es nichts Unvernünftiges. Wenn man etwas
Unvernünftiges will, so muß es gedacht werden - es
ist denkbar. Die Unvernunft wird erst durch den Menschen ein Teil
der Natur, weil er durch seinen Leib zur Natur gehört. Da
es außer dem Menschen in der Natur keine Unvernunft gibt,
beweist er durch sein Unvernünftigsein - leider mehr als
durch seine Vernunft -, daß er nicht ausschließlich
Natur ist. Vernunft und Unvernunft - das Gute und das Böse
- sind Teile der Übernatur des Menschen. Goethe läßt
zu Beginn seines "Faust" den Mephistopheles zynisch
zu Gott über den Menschen sprechen:
Ein wenig besser würd' er leben,
hätt'st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Einzig das Denkbare beinhaltet das Unvernünftige, das es
in der Welt gibt. In der Schöpfung gibt es nichts Unvernünftiges,
außer der Mensch mißbraucht seine Freiheit und denkt
es. Die Wurzel aller Unvernunft besteht im Denken, Gott wegdenken
zu wollen, wie das die Materialisten der Selbstorganisation der
Materie tun. So sind die vielen, zum Teil sich widersprechenden
Evolutionstheorien alle denkbar. Jedoch: Die ganz große
Vernunft, die Wahrheit, ist viel mehr als denkbar, sie ist glaubbar,
sie ist Gott, der die Liebe ist.
Der heilige Robert Bellarmin, Kirchenlehrer, großer Theologe
und Kardinal zur Zeit, wo Galilei in der heute allgemein bekannten,
jedoch in ihrer Sache meist unbekannten Auseinandersetzung mit
der Kirche stand, war gegenüber den wissenschaftlichen Arbeiten
Galileis aufgeschlossen und ausgesprochen wohlwollend eingestellt.
Und dies war auch die Haltung von vielen anderen Vertretern der
Kirche, die - zum Teil selber Mathematiker und Astronomen - mit
Anerkennung von Galileis Entdeckungen sprachen.
Wie der Augsburger Kirchenhistoriker Walter Brandmüller
in seinem Buch "Galilei und die Kirche" mit exakter
Geschichtsforschung zur Darstellung bringt, wurde von den Organen
der Kirche nicht die wissenschaftliche Arbeit Galileis abgelehnt,
sondern dessen Anspruch, aus seinen astronomischen Beobachtungen
theologische Schlüsse ziehen zu können. Wie sehr auch
die ihm wohlgesonnenen Männer der Kirche davon abrieten,
er blieb hartnäckig bei seinem Anspruch, so daß es
schließlich nach zwei Jahrzehnten 1633 zum berühmt
gewordenen Prozeß gekommen ist.
Obwohl viele der Kleriker, die sich mit den Problemen beschäftigten,
die zum Galilei-Prozeß geführt haben, Wissenschaftler
und zum Teil sogar bekannte Gelehrte jener Zeit gewesen sind,
konnten sie nicht wissen, was aus einer nur von Menschen und nicht
zuerst von den Geboten Gottes kontrollierten modernen Naturforschung
hervorgehen kann. Aber eine Ahnung davon mochte doch in ihre Herzen
eingedrungen sein. Und bereits ein Jahrhundert später begann
dann die "Aufklärung" mit Argumenten aus dieser
Wissenschaft, das Licht des Evangeliums zu verdunkeln.
Irrfahrt der Wissenschaft
Wie weit heute die sich für wertfrei - frei von den Geboten
Gottes - haltende Wissenschaft gekommen ist, zeigt ein von Hugo
Staudinger verfaßter Kommentar in der "Zeitschrift
des Deutschen Instituts für Bildung und Wissen" mit
dem Titel "Ein makaberes Dokument der Deutschen Forschungsgemeinschaft":
"Gegen Ende seines Buches ,Zufall und Notwendigkeit' behauptet
Jacques Monod in Abkehr von der christlichen Überzeugung
von der Schöpfung, daß der Mensch nunmehr Dank der
Wissenschaft endlich wisse, ,daß er in der teilnahmslosen
Unermeßlichkeit des Universums allein ist, aus dem er
zufällig hervortrat. Dieser Satz ist in den vergangenen
Jahrzehnten oft zitiert worden.
Weniger bekannt ist die im gleichen Buch erhobene Forderung Monods,
die heutige Menschheit sollte die wissenschaftliche Erkenntnis
selbst "zum höchsten Wert, zum Maßstab und Garanten
aller übrigen Werte" erheben. Inzwischen scheint sich
diese Forderung bei vielen Wissenschaftlern durchzusetzen. Dies
bedeutet faktisch die Proklamierung einer wissenschaftlich begründeten
absoluten Verfügung über den Menschen. Wenn es noch
eines Beweises dafür bedürfte, hat ihn die Deutsche
Forschungsgemeinschaft jüngstens erbracht. Sie wehrt sich
vehement gegen die Pläne des Bundesjustizministers, menschliche
Embryonen vor Experimenten zu schützen.
Der Forschung müsse - zumindest in bestimmten Fällen
- Vorrang gegeben -werden vor der Menschenwürde des Fötus
und seinem Recht auf Leben. Nach den Vorstellungen der Deutschen
Forschungsgemeinschaft müsse es der Forschung ermöglicht
werden, ,Erkenntnisse zu gewinnen, die nach dem Urteil bester
Sachkenner geeignet erscheinen, künftig vielen Menschen schweres
Leid zu ersparen'. Nach dem Urteil bester Sachkenner der Vergangenheit
allerdings erinnern solche Sätze in makaberer Weise an Argumente,
die einst von den Machthabern des Dritten Reiches zugunsten ihrer
Experimente mit KZ-Häftlingen angeführt wurden. Auch
hier wurde geltend gemacht, es werde durch diese Experimente möglich
sein, die Heilungschancen bei bestimmten Schädigungen erheblich
zu verbessern und dadurch vielen Menschen zu helfen.
Mit ihren Argumenten und ihren Forderungen befindet sich die
Deutsche Forschungsgemeinschaft allerdings in "bester"
internationaler Gesellschaft. Bei der jüngsten Gipfelkonferenz
über Fragen der Bioethik, an der auch deutsche Experten teilnahmen,
wurde von mehreren Vertretern gefordert, künftig ,nicht-therapeutische
Forschung' an Kindern freizugeben, wobei insbesondere auf geistig
behinderte Kinder als mögliche Objekte derartiger Experimente
hingewiesen wurde. Es bedarf keines besonderen Hinweises, daß
derartige Forderungen nicht nur der christlichen Ethik, sondern
auch einer Grundforderung der Aufklärung, daß der Mensch
niemals nur als Mittel gebraucht werden dürfe, Hohn sprechen.
Aber die Wissenschaft setzt sich im Interesse ihrer Forschung
über alles hinweg, was sich im Laufe der Jahrtausende an
humanen Grundprinzipien herausgebildet hat. In vielen vorchristlichen
Religionen war es üblich, Menschen dahinzuopfern, weil man
glaubte, dadurch den übrigen Rettung aus Nöten und eine
bessere Zukunft zu sichern. Die Wissenschaft, die neue Religion
unserer Zeit, ist offensichtlich im Begriff, auf einer anderen
Ebene zu dieser Praxis zurückzukehren. Sie hält es für
gerechtfertigt, Menschen zu opfern mit dem Hinweis, daß
dadurch anderen Nöte erspart und eine bessere Zukunft eröffnet
werden könne. Wenn sich diese Auffassung durchsetzt, hat
das nachchristliche Zeitalter mit einer neuen durch staatliche
Gesetzgebung geregelten absoluten Verfügung des Menschen
über den Menschen bereits begonnen."
Die "Aufklärung" hat sich mit ihrem "Kompaß,
der auf sich selbst zeigt", selbst überholt. Wer soll
auf dieser Irrfahrt die Grenzen dessen bestimmen, was in der Wissenschaft
getan und - zuvor - gedacht werden darf. Weil alles, was bewußt
getan wird, zuvor gedacht werden muß, darf - da nicht alles
getan werden darf, was getan werden kann - nicht alles gedacht
werden, was gedacht werden kann. Christus sagt das deutlich:
"Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: ,Du sollst
nicht ehebrechen.' Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau begehrlich
anblickt, hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen"
(Mt 5, 27-28). Wie die begehrlichen Gedanken der Deutschen Forschungsgemeinschaft
zeigen (und es handelt sich dabei nur um eine unter anderen Ungeheuerlichkeiten),
sind die Wissenschaftler offensichtlich nicht in der Lage, die
moralisch-ethischen Grenzen für ihr Tun zu erkennen. Der
in seinen Ausdrücken sehr zurückhaltende Basler Biologe
Adolf Portmann hatte schon vor Jahren vor einem "Scheusal
im weißen Labormantel" gewarnt. Wer also soll die moralisch-ethischen
Grenzen der Naturforschung bestimmen? Als Naturwissenschaftler,
der ich selber bin, sehe ich keine andere dazu fähige Instanz
als die Kirche mit ihrer zweitausendjährigen Weisheit. Die
Naturwissenschaft ist eine zu ernste und gefährliche Sache
geworden, als daß man die Grenzen ihres Tuns den Wissenschaftlern
überlassen kann. Die Finsternis der "Aufklärung"
muß vom Licht des Evangeliums überwunden werden.
Die Frage nach der Wahrheit
Im Evangelium ist die Frage nach der Wahrheit ein Wer: "Ich
bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14, 6).
Die Wahrheit ist Person, Gott, der hier in der Zweiten Person
des Dreieinen spricht, der Menschensohn Jesus Christus im Namen
des Vaters durch den Heiligen Geist. Es gibt nur eine Wahrheit,
weil es nur einen Gott gibt. Die "Aufklärung" hat
die Frage nach der Wahrheit auf ein Was reduziert, so daß
es bald so viele Wahrheiten gab wie Philosophen, die die Wahrheit
bei sich selbst suchen.
Seit der Französischen Revolution ist die Wahrheit ein Gegenstand
von Mehrheitsbeschlüssen geworden: Der aufgeklärte Bürger
weiß, was wahr ist. Der Dichter Werner Bergengruen meint
dazu: "Die Religion ist für die Dummen und für
die Gescheiten. Für die Mittelklasse hat man die Aufklärung'
erfunden." Dieser "Mittelklasse" haben sich seit
dem Zweiten Vatikanischen Konzil manche - zum Teil prominente
- katholische Theologen angeschlossen. So schreibt etwa Gerhard
Pfohl, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin
und Medizinische Soziologie an der Technischen Universität
München:
"Unsere Kirche ist eine ecclesia docens, nicht
eine ecclesia discens, ist also etwas anderes als das,
was der Herr Professor Karl Rahner sich so denkt: mit Heinrich
Fries hat er 1981 den Sammelband Theologie in Freiheit und
Verantwortung herausgegeben, von Rahner selbst stammt der
Aufsatz Offizielle Glaubenslehre der Kirche und faktische
Gläubigkeit des Volkes; von Rahner wird nun der faktische
Glaube des Volkes, auch dort, wo er vom kirchlichen Lehramt abweicht
und als verstümmelt und falsch angesehen werden muß,
als normative, maßgebende Kraft für die offizielle
katholische Glaubenslehre anerkannt.
Das kirchliche Lehramt hat sich also zumindest nicht mehr ausschließlich
an der göttlichen Offenbarung zu orientieren, sondern am
Glaubensstand der Basis. Das ist Modernismus in Reinkultur! Die
Anschauungen der Basis sind also normgebend. Bisher wurde das
kirchliche Lehramt von der lehrenden Kirche, der ecclesia
docens, ausgeübt; nunmehr wird es degradiert zur lernenden
Kirche, zur ecclesia discens. Wen wundert da noch die
modernistische anthropozentrische volkskonverse Liturgie! In der
ist zu viel Basis, manchmal blanke Soziologie. Lange hat's gedauert,
aber es ist doch geschehen, daß einer dem Professor Rahner
einiges gesagt hat: Kardinal Siri 1980 in seinem Buch Gethsemani;
Rahner hat mit seinem immanentistisch atheistischen Apriori moderner
Denkweise dem katholischen Glauben geschadet."
In einer immer noch von der Finsternis der "Aufklärung"
verwirrten Welt des Geisteslebens ist es schwer festzustellen,
wer wirklich ein großer Theologe ist; vermutlich sind es
in einer solchen Zeit eher die weniger berühmten. Wie die
Geistesgeschichte lehrt, laufen Berühmtheit und Größe
selten parallel. Der Wiener Erkenntnistheoretiker Alfred Locker
kritisiert mit begreiflicher Schärfe eine Ansicht Karl Rahners
über die Menschwerdung im Mutterleib, die von den Befürwortern
einer Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs als Argument
übernommen werden kann:
"Wenn Rahner zwischen dem befruchteten Ei des Menschen
und dem ,geistbeseelten Organismus' mehrere Stufen annimmt,
'die noch nicht Mensch sind', so reaktiviert er unnötigerweise
die alte scholastische, dem damaligen naturwissenschaftlichen
Kenntnisstand entsprechende, aber von der Kirche längst
verlassene Lehre eines Übergangs von einer anima vegetativa
über eine anima animalis zu einer anima
rationalis. Er widerspricht also dreist der Lehre der Kirche,
die er als Ordensmann zu vertreten gehabt hätte, und desavouiert
das Bemühen seiner geistlichen Mutter, sich schützend
vor das bedrohte Ungeborene zu stellen. Es kann nur seiner (durch
Weitschweifigkeit vertuschten) Unfähigkeit zu philosophischer
Klarheit zuzuschreiben sein, daß der allzuviel publizierende
und viel zu wenig nachdenkende Jesuit davon nicht Kenntnis nimmt,
daß ein individuelles Wesen (und erst recht ein Mensch)
nur ,mit einem Schlage da sein und nicht allmählich über
Zwischenstufen entstehen kann', wie das zum Beispiel Leibniz
in seiner Monadologie zur Darstellung bringt."
Ein gläubiger Naturwissenschaftler ist dem Präfekten
der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger,
dankbar, wenn er den Theologen Karl Rahner in diesem wichtigen
Punkt in seiner "Theologischen Prinzipienlehre - Bausteine
zur Fundamentaltheologie" (München 1982, S. 169/180)
mit philosophischer Besonnenheit einer überzeugenden Kritik
unterzieht.
Krise der Theologie: Entmythologisierung
Es ist nicht weise, theologische Betrachtungen an etwas zu orientieren,
das schnell veraltet: an der modernen Naturwissenschaft. Der Herausgeber
von "Theologisches", Msgr. Johannes Bökmann, läßt
in der Nummer 2/1988 zu diesem Problem Günter Zehm zu Wort
kommen:
"Von hier aus verständlich, warum die Überzeugungskraft
des Christentums nachläßt, obwohl sich das religiöse
Gefühl kräftig ausbreitet. Statt daß die Kirchen
ihre Botschaft aus dem Wettlauf mit den Wissenschaften herausnehmen,
machten und machen sie sie ihrerseits zur Wissenschaft. Statt
die Botschaft in ihren mythischen Wurzeln zu festigen, wird
sie entmythologisiert, historisiert, der Totalkritik unterworfen.
Es sind die Theologen selbst, die der Botschaft die Heiligkeit
mit nachgerade allen nur denkbaren Mitteln austreiben. So kann
diese Botschaft heute auch nicht von der schweren Legitimations-Krise
profitieren, in die die Wissenschaft geraten ist, im Gegenteil,
sie teilt - und zwar nicht unverdient - voll und ganz das Krisenschicksal
der modernen Wissenschaft."
Darin ist der Grund zu suchen, warum gläubige Naturwissenschaftler,
die das Mysterium der Kirche gegenüber den immer noch mächtigen
naturwissenschaftlichen Materialisten verteidigen, eine oftmals
geradezu gehässige Ablehnung aus Kreisen von (wissenschaftshörigen)
Theologen erfahren. Zur treffenden Feststellung von Günter
Zehm wäre zu sagen, daß die Wurzeln der christlichen
Botschaft viel tiefer gründen: Sie sind nicht mythisch, sondern
viel mehr mystisch. Eine Entmythologisierung der Evangelien ist
schon deshalb nicht möglich, weil es sich nicht um einen
Mythos - eine Sage -, sondern um ein Mysterium - ein Geheimnis
- handelt.
Was die Entmythologisierungstheologen wollen, nennt man in der
Erkenntnistheorie eine Inkommensurabilität - eine Unvergleichbarkeit.
Man kann einen Gegenstand nicht von etwas befreien, das er gar
nicht enthält. So ist es zum Beispiel nicht möglich,
die Mathematik zu entalchimiesieren, weil in der Mathematik so
wenig Alchimie enthalten ist, wie Mythos in den Evangelien.
Die Kirche ist in erster Linie ein Mysterium: Sie ist der mystische
Leib Christi, dessen Haupt Er, der Herr, dessen Mutter die allerseligste
Jungfrau Maria ist und dessen - zum Teil unwürdige - Glieder
wir, die Gläubigen, sind. Nachdem nun die progressistischen
Theologen - zum Leidwesen der gläubigen Wissenschaftler -
wissenschaftshörig geworden sind, ist es ihnen, wie oben
gesagt, nicht möglich, den Zusammenbruch des naturwissenschaftlichen
Materialismus für eine Apologetik zu nutzen. Es sei denn,
sie würden den Hochmut mit dem größeren Mut zur
Demut überwinden und das tun, was Johannes der Täufer
an der Schwelle vom Alten zum Neuen und Ewigen Bund gefordert
hat: Gesinnungsänderung - Buße und Umkehr.
Andernfalls müssen wir uns nicht wundern, wenn eine Flut
von Sekten den Durst nach religiösen Werten ausnutzt und
ein ganzes Spektrum von geistigen Giften verabreicht. Besonders
gefährlich ist die New-Age-Bewegung, weil sie mit einem weltweiten
Netzwerk arbeitet und ihre Lügen mit Hilfe einer Wahrheit
verbreitet: mit dem, was die wissenschaftshörigen Theologen
nicht wagen, nämlich eine klare Absage an den naturwissenschaftlichen
Materialismus mit Argumenten aus der modernen Physik (wie das
zum Beispiel einer der Wortführer von New Age, der Physiker
Fritjof Capra, tut). Wiederum bestätigt sich die Weisheit
des heiligen Thomas von Aquin: "Malum non potest inveniri
sine bono" - "Das Böse kann ohne das Gute nicht
eindringen".
Hierarchie der Kirche
Die Kirche ist eine Hierarchie im eigentlichen Sinne des Wortes
und daher von einmaliger Art: die Hierarchie schlechthin - die
Herrschaft der Heiligen. Die Glieder des mystischen Leibes Christi,
dessen Haupt ER ist, sind die zur Kirche gehörenden Menschen,
und zwar die Lebenden und die Verstorbenen. Die Kirche ist also
das über Raum und Zeit vom Dies- ins Jenseits ragende Lebewesen,
sie ist das Leben überhaupt, weil ihr Haupt das Leben ist:
"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh
14, 6). Ohne IHN gibt es kein Leben, weil ER Gott und weil Gott
das Leben ist.
Der größte Teil des mystischen Leibes lebt im Jenseits,
da es viel mehr Verstorbene, das heißt viel mehr im Jenseits
als im Diesseits lebende Menschen gibt. In der Hierarchie der
Kirche folgt nach der Person Jesu Christi des Dreieinen Gottes
die allerseligste Jungfrau Maria als Mutter der Kirche, weil sie
in der alles überragenden Gnade des durch sie Mensch gewordenen
Gottes die Muttergottes sein durfte.
Nach ihr folgen in der Hierarchie der Kirche die Erzengel und
Engel, dann die Heiligen (es gibt viel mehr Heilige als die von
der Kirche heiliggesprochenen Menschen), dann die Bischöfe
mit dem Nachfolger Petri, dem Bischof von Rom, dem Papst, an der
Spitze ihrer Gemeinschaft, dann die Priester, Ordensleute und
Laien. Da die Heiligen über dem Klerus stehen, kann in der
Hierarchie der Kirche eine arme Mutter, die ihre Kinder zu einem
gottgefälligen Leben erzieht, viel höher stehen als
ein in der Politik mächtiger Papst. "Gebt mir heilige
Mütter, und ich mache euch eine bessere Welt", sagte
der heilige Papst Pius X.
Ein Beispiel: In dieser unserer Zeit des Mangels an Berufungen
zum Priestertum und Ordensleben sind in einem kleinen Ort in der
Schweiz aus den acht Kindern eines heiligmäßigen Ehepaars
vier Priester und eine Äbtissin hervorgegangen. Eigentlich
sind es gerade die Skandale der Kirchengeschichte, die beweisen,
daß die Kirche eine von Gott begründete Hierarchie
ist: Die Kirche besteht - allen Skandalen zum Trotz - schon nahezu
zweitausend Jahre, wogegen jede aus Menschenwerk hervorgegangene
Hierarchie spätestens nach ein paar Jahrhunderten untergegangen
ist. Leider gibt es immer wieder unwürdige Vertreter der
Kirche, Kleriker und Laien, in hoher und untergeordneter Stellung
- kranke Glieder des mystischen Leibes Christi.
Aber den Unwürdigen steht eine überwiegende Zahl von
Heiligen gegenüber, die allerdings - wie das in der Welt
eben ist - viel weniger bekannt sind als die Skandalösen.
Die Unheiligen werden von den Heiligen getragen, in der Kirche
haben alle Platz, weil jedem Menschen das Tor zur Bekehrung offensteht.
Keinem Menschen wird das Sakrament der Buße verweigert.
Das Pausenzeichen von Radio Vatikan verkündet die entscheidende
Botschaft der Menschheitsgeschichte über die ganze Welt:
"Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat!"
- "Christus Sieger, Christus König, Christus Herrscher
in Ewigkeit!" Wer bei der Kirche ist, fährt auf einem
unsinkbaren Schiff der ewigen Heimat zu: "Und ich sage dir:
Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen,
und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen"
(Mt 16, 18).
Manchen Heiligen wurden Offenbarungen gewährt, die - nach
einer gründlichen Prüfung durch die verantwortlichen
Organe der Kirche - dem Offenbarungsschatz der Kirche beigefügt
wurden. Aber - und das ist zu betonen - die Substanz der Offenbarungen,
die im Alten Testament Gott durch seine Propheten und im Neuen
Testament Gott durch sich selbst in der Person Jesu Christi den
Menschen mitteilte, ist weder vertieft noch erweitert, sondern
lediglich mit Verfeinerungen in der Darstellung veranschaulicht
worden. Die Offenbarungswahrheiten haben mit der Botschaft Jesu
Christi ihren Abschluß gefunden.
Wegen der von Gott eingesetzten Hierarchie sind außerhalb
eines Konzils Mehrheitsbeschlüsse (Plebiszite) in der Kirche
gegenstandslos. Es gibt deshalb keine "Kirche von unten",
es gibt nur die eine heilige katholische und apostolische Kirche.
In dieser Kirche haben alle und besonders jene, die unten sind,
Platz. In der Kirche geht es nicht um den Willen einer Mehrheit,
sondern um den Willen Gottes. Der Wille der Mehrheit kann gut
oder böse sein. Böse ist er ganz gewiß dann, wenn
die Mehrheit - wie beispielsweise im Kommunismus oder Nationalsozialismus
- den Willen Gottes mißachtet.
Und wer sich gegen die Kirche wendet, mißachtet den Willen
Gottes. Wenn die Anhänger einer "Kirche von unten"
ein heiligmäßiges Leben führen, rücken sie
in der Hierarchie nach oben, um - möglicherweise - nach dem
Tod ganz oben anzugelangen. Wer den Willen Gottes tut, lebt den
Frieden Christi: "Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden
gebe ich euch. Nicht so, wie die Welt gibt, gebe ich euch"
(Joh 14, 27). Der Friede, den die Welt gibt, führt zum Krieg,
weil nicht der Wille Gottes, sondern der Wille der Menschen getan
wird.
Dies- und Jenseits
Wir sind heute von Maschinen umgeben, die nach dem Willen der
Menschen laufen. Diese von uns gemachte Welt täuscht vor,
auch die Schöpfung sei eine Maschine. Aber die Schöpfung
ist voller Freiheit, weil sie nach dem Willen Gottes aus Liebe
zu den Menschen geschaffen ist. Die nach dem Willen der Menschen
gemachte Maschine ist das Gegenteil von Freiheit, sie ist in ihren
Sachzwängen gefangen. So wenig ein Fluß oder ein Wasserfall
eine Maschine ist, ist ein Segelschiff oder eine Sand- oder gar
eine Sonnenuhr eine Maschine.
Auch die Bahnen der Planeten, des Mondes, der Sonne und der Sterne
sind keine Maschinen. Seit die Menschen die Zeit mit Maschinen
messen, haben sie die Zeit zu Geld entwürdigt, sie haben
ihr die Ewigkeit genommen und sie zu einer Zahlenunendlichkeit
gelangweilt. In jener Welt, in die Christus aufgefahren ist und
wohin er seine Mutter mitgenommen hat, ist jemand um so größer,
je kleiner er in dieser Welt sein wollte. Viele von den Größten
dieser Welt sind die Kleinsten in jener Welt. Und: Jene Welt ist
ewig, diese Welt vergeht, was man beachten sollte, wenn man in
dieser Welt groß sein will.
Das gewaltige Zeugnis für diese Wahrheit ist die Gottesmutter
Maria. Aber auch alle heiligen Mütter und Väter, Eltern,
die ihre Kinder zur Heiligkeit erzogen haben, sind im Himmel größer
als alle eitlen Größen der Weltgeschichte. Unter anderem
rechtfertigt die Mutter der "Aufklärung", die materialistische
Naturwissenschaft, die lebensbedrohenden Gefahren, die ihrer Tätigkeit
erwachsen sind, mit der Verlängerung der mittleren Lebenserwartung
der Menschen von 30 auf 70 Jahre (was übrigens nur für
die 70jährigen gilt, wie hoch die Lebenserwartung der Neugeborenen
oder gar der Nochnichtgeborenen im Mutterleib ist, weiß
niemand).
Eine entscheidende Frage kümmert die Materialisten nicht:
Wie wurde die Erwartung für das ewige Leben von dieser irdischen
Lebensverlängerung beeinflußt? Wie viele Menschen haben
durch die Verlängerung des irdischen Lebens das ewige Leben
verloren, das sie vielleicht durch ein kürzeres Leben gewonnen
hätten? Wie viele alte Herzen wurden durch die Lebensverlängerung
böse und verhärtet? Keinesfalls darf ein längeres
Leben einem besseren Leben gleichgesetzt werden.
In der Finsternis der "Aufklärung" ist nur das
Wirklichkeit, was man be-greifen, er-greifen, was man haben kann
- was der Blinde zu ertasten vermag. Im Licht des Evangeliums
leuchtet die Schönheit der ganzen Wirklichkeit der Welt,
des Dies- und des Jenseits, des Seins und des Habens: die Schönheit
des Lebens. In unseren dunklen Tagen erhellt Hoffnung den Horizont
der Zeit. Das Evangelium leuchtet dort besonders hell, wo die
Finsternis der "Aufklärung" am schwärzesten
ist: In den Ländern des zur Staats-"Religion" erklärten
Atheismus dringt der Glaube mit unaufhaltsamer Macht in die nach
dem Wort Gottes hungernden Herzen ein, denn: "Christus vincit,
Christus regnat, Christus imperat!" - "Christus siegt,
Christus herrscht, Christus regiert!" Gläubige Christen
singen deshalb froh und überzeugend:
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Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, der erschuf die Welt,
den Sohn, der für uns litt den Tod,
den Heil'gen Geist, der uns erhält.
Wir glauben an die Kirch allein,
die einig, heilig, allgemein,
und an des Leibes Aufersteh'n
und ew'ges Leben in den Höhn. Amen. |
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