Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Alexander Solschnizyn: Die Monarchieargumente aus dem Roman „November 1916“

S. 395, 3. Z. v. u.

Olda Orestowna spricht:

„Wie rasch und entschlossen sind sie zur Republik übergegangen, meine Herren! Wie leicht haben sie die Monarchie weggeworfen! Gehen Sie hier einfach mit der Mode? Einer hat zuerst geschrien, und alle wiederholen papageienhaft: Die Monarchie ist das Haupthindernis für den Fortschritt. Es wurde zum Merkmal, an dem man einander erkennt, die Monarchie zu schmähen in der Vergangenheit, in der Zukunft und überall auf der Welt.“

Machte sie Witze? Spottete sie? Was für ein Unsinn? Eine Professorin für Allgemeine Geschichte verteidigte im 20. Jahrhundert - was?? Die Selbst-Herrschaft??

„Die Parole «Nieder mit der Selbstherrschaft» hat alle Geister, den ganze Himmel umnebelt. An allem ist die Selbstherrschaft schuld. Geliebter Feind. Dabei bedeutet das Wort Selbstherrscher historisch nur: der Nichttributpflichtige, der Souverän. Es bedeutet keineswegs, daß er alles allein, nach seinem Gutdünken tun kann. Gewiß, alle Befugnisse der Macht besitzt er unteilbar, keine andere irdische Macht kann ihm Grenzen setzen, und er kann nicht vor ein irdisches Gericht gestellt werden. Aber er ist dem Gericht seine eigenen Gewissens und dem Gericht Gottes unterworfen. Diese Grenzen seiner eigenen Macht muß er heilig halten, noch strenger als jene, die durch eine Konstitution gezogen werden könnten.“

Was war das? Was mußte Obodowskij hören? Ein gebildeter Mensch verteidigte lauthals die barbarische, obskure Selbstherrschaft? Er traute seien Ohren nicht. Kann man denn heute noch ein Wort zu ihrer Verteidigung finden? Nicht abstrakt-allgemein der Monarchie, sondern der russischen Büttel-Selbstherrschaft? Oder gar zur Verteidigung dieses konkreten Zaren? Allein der Gedanke an diesen jämmerlichen, stümperhaften Zaren widerte Obodowskij so an, daß er, als die schwimmende Industrieausstellung in Konstantinopel gezeigt wurde und alle Mitarbeiter vom russischen Botschafter zum Raout eingeladen waren, nicht hinging. Der hungrige, abgerissene Emigrant verzichtete darauf, ein einziges Mal vortrefflich zu speisen, nur, um sich nicht zum Toast auf Nikolaj II. erheben zu müssen.

„Die unumschränkte Macht wird von der Gier der Hofschranzen geprägt, nicht vom göttlichen Gewissen!“ rief der Ingenieur. „Die Selbstherrschaft hat dem Volk die Freiheit geraubt, ist stumpf und taub geworden. Sie kann nicht mehr als ein auf das Gute gerichteter Wille in Erscheinung treten. Ihr Wille richtet sich auf das Böse. Im besten Fall geht sie an ihrer Macht zugrunde. Die Geschichte aller Dynastien, nicht nur der unseren, ist verbrecherisch!“

Wenn Andoserskaja ernsthaft etwas darlegen wollte, hielt sie ihre beiden kleinen Hände wie Schirmchen vor die Brust, die eine Hand mit der anderen streichelnd. Mit Nachdruck sagte sie: „Ja, viele Völker hatten es eilig, sich gegen ihre Monarchen zu erheben. Und einige Monarchien gingen unwiederbringlich dahin. In Rußland ist das gesellschaftliche Bewußtsein erst ein dünnes Häutchen; hier wird noch auf lange, lange Zeit niemandem etwas Besseres einfallen als die Monarchie.“

Obodowskijs Brauen zuckten hoch: Will sie ihn zum Narren halten, macht sich lustig über ihn?

„Aber ich bitte Sie, Monarchie - das ist vor allem Stillstand. Wie kann man seinem eigenen Lande den Stillstand wünschen?“

„Behutsamkeit im Umgang mit Neuerungen, konservative Gefühle sind nicht Stillstand. Ein weitsichtiger Monarch führt Reformen durch, aber nur solche, für die die Zeit wirklich reif ist. Er stürzt sich nicht Hals über Kopf  hinein, wie es manche Republik tut, weil sie manövrieren muß, um an der Macht zu bleiben. Gerade ein Monarch hat die Macht, langwirkende, dauerhafte Reformen durchzuführen.“

„Welche vernünftigen Argumente kann man in unserem Jahrhundert zugunsten der Monarchie anführen? Monarchie - das ist Negation der Gleichheit, Monarchie - das ist Negation der Bürgerfreiheit!“

„Aber wieso denn?“ Andoserskaja blieb ungerührt. „In der Monarchie können Freiheit und Gleichheit aller Bürger durchaus gedeihen.“

Auf dem wettergegerbten Gesicht des Obersten entdeckte sie keine Regung des Einverständnisses. Er wartete ab. Olda Orestowna konzentrierte , sammelte Kraft. (Sie hatte angefangen und würde nicht kneifen.) Und nicht mehr autoritativ-prophetisch, sondern mit der Gewandtheit einer erfahrenen Hausfrau, die eins nach dem anderen die Tischmesser blank reibt aufs Tischtuch legt, präsentierte sie Satz für Satz:

„Eine feste Erbfolge schützt das Land vor zerstörenden Unruhen, erstens. In einer Erbmonarchie es keine periodischen Erschütterungen durch Wahlen, das mildert politische Zwistigkeiten im Innern des Landes, zweitens. republikanische Wahlen vermindern die Autorität der Staatsmacht. Wir brauchen sie nicht zu achten, aber sie ist gezwungen, uns vor den Wahlen Zugeständnisse zu machen und sie hinterher abzudienen. Der Monarch braucht nichts zu versprechen, um gewählt zu werden, drittens. Der Monarch hat die Möglichkeit, unparteiisch zu schlichten. Die Monarchie ist der Geist der Volkseinheit, in der Republik ist zerfleischende Konkurrenz unvermeidlich, viertens. Das persönliche Wohl die Stärke des Monarchen fallen zusammen mit dem Wohl und der Stärke ganzen Landes. Er ist gezwungen, die Interessen des gesamten Volkes zu verteidigen, das ist eine Überlebensfrage für ihn, fünftens. Für multinationale Staaten ist der Monarch das einigende Band und die Verkörperung der Einheit, sechstens.“

Sie lächelte leicht. Die festen Tischmesser lagen parallel nebeneinander, breiten Schneiden glänzten. Siegessicher blickte sie den Oberst an.

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