Alexander Solschnizyn: Die Monarchieargumente aus dem Roman
„November 1916“
S. 395, 3. Z. v. u.
Olda Orestowna spricht:
„Wie rasch und entschlossen sind sie zur Republik übergegangen,
meine Herren! Wie leicht haben sie die Monarchie weggeworfen!
Gehen Sie hier einfach mit der Mode? Einer hat zuerst geschrien,
und alle wiederholen papageienhaft: Die Monarchie ist das Haupthindernis
für den Fortschritt. Es wurde zum Merkmal, an dem man einander
erkennt, die Monarchie zu schmähen in der Vergangenheit,
in der Zukunft und überall auf der Welt.“
Machte sie Witze? Spottete sie? Was für ein Unsinn? Eine Professorin
für Allgemeine Geschichte verteidigte im 20. Jahrhundert -
was?? Die Selbst-Herrschaft??
„Die Parole «Nieder mit der Selbstherrschaft»
hat alle Geister, den ganze Himmel umnebelt. An allem ist die
Selbstherrschaft schuld. Geliebter Feind. Dabei bedeutet
das Wort Selbstherrscher historisch nur: der Nichttributpflichtige,
der Souverän. Es bedeutet keineswegs, daß er alles
allein, nach seinem Gutdünken tun kann. Gewiß, alle
Befugnisse der Macht besitzt er unteilbar, keine andere irdische
Macht kann ihm Grenzen setzen, und er kann nicht vor ein irdisches
Gericht gestellt werden. Aber er ist dem Gericht seine eigenen
Gewissens und dem Gericht Gottes unterworfen. Diese Grenzen seiner
eigenen Macht muß er heilig halten, noch strenger als jene,
die durch eine Konstitution gezogen werden könnten.“
Was war das? Was mußte Obodowskij hören? Ein gebildeter
Mensch verteidigte lauthals die barbarische, obskure Selbstherrschaft?
Er traute seien Ohren nicht. Kann man denn heute noch ein Wort zu
ihrer Verteidigung finden? Nicht abstrakt-allgemein der Monarchie,
sondern der russischen Büttel-Selbstherrschaft? Oder gar zur
Verteidigung dieses konkreten Zaren? Allein der Gedanke an
diesen jämmerlichen, stümperhaften Zaren widerte Obodowskij
so an, daß er, als die schwimmende Industrieausstellung in
Konstantinopel gezeigt wurde und alle Mitarbeiter vom russischen
Botschafter zum Raout eingeladen waren, nicht hinging. Der hungrige,
abgerissene Emigrant verzichtete darauf, ein einziges Mal vortrefflich
zu speisen, nur, um sich nicht zum Toast auf Nikolaj II. erheben
zu müssen.
„Die unumschränkte Macht wird von der Gier der Hofschranzen
geprägt, nicht vom göttlichen Gewissen!“ rief
der Ingenieur. „Die Selbstherrschaft hat dem Volk die Freiheit
geraubt, ist stumpf und taub geworden. Sie kann nicht mehr als
ein auf das Gute gerichteter Wille in Erscheinung treten. Ihr
Wille richtet sich auf das Böse. Im besten Fall geht sie
an ihrer Macht zugrunde. Die Geschichte aller Dynastien, nicht
nur der unseren, ist verbrecherisch!“
Wenn Andoserskaja ernsthaft etwas darlegen wollte, hielt sie ihre
beiden kleinen Hände wie Schirmchen vor die Brust, die eine
Hand mit der anderen streichelnd. Mit Nachdruck sagte sie: „Ja,
viele Völker hatten es eilig, sich gegen ihre Monarchen zu
erheben. Und einige Monarchien gingen unwiederbringlich dahin. In
Rußland ist das gesellschaftliche Bewußtsein erst ein
dünnes Häutchen; hier wird noch auf lange, lange Zeit
niemandem etwas Besseres einfallen als die Monarchie.“
Obodowskijs Brauen zuckten hoch: Will sie ihn zum Narren halten,
macht sich lustig über ihn?
„Aber ich bitte Sie, Monarchie - das ist vor allem Stillstand.
Wie kann man seinem eigenen Lande den Stillstand wünschen?“
„Behutsamkeit im Umgang mit Neuerungen, konservative Gefühle
sind nicht Stillstand. Ein weitsichtiger Monarch führt Reformen
durch, aber nur solche, für die die Zeit wirklich reif ist.
Er stürzt sich nicht Hals über Kopf hinein, wie
es manche Republik tut, weil sie manövrieren muß, um
an der Macht zu bleiben. Gerade ein Monarch hat die Macht, langwirkende,
dauerhafte Reformen durchzuführen.“
„Welche vernünftigen Argumente kann man in unserem Jahrhundert
zugunsten der Monarchie anführen? Monarchie - das ist Negation
der Gleichheit, Monarchie - das ist Negation der Bürgerfreiheit!“
„Aber wieso denn?“ Andoserskaja blieb ungerührt.
„In der Monarchie können Freiheit und Gleichheit aller
Bürger durchaus gedeihen.“
Auf dem wettergegerbten Gesicht des Obersten entdeckte sie keine
Regung des Einverständnisses. Er wartete ab. Olda Orestowna
konzentrierte , sammelte Kraft. (Sie hatte angefangen und würde
nicht kneifen.) Und nicht mehr autoritativ-prophetisch, sondern
mit der Gewandtheit einer erfahrenen Hausfrau, die eins nach dem
anderen die Tischmesser blank reibt aufs Tischtuch legt, präsentierte
sie Satz für Satz:
„Eine feste Erbfolge schützt das Land vor zerstörenden
Unruhen, erstens. In einer Erbmonarchie es keine periodischen
Erschütterungen durch Wahlen, das mildert politische Zwistigkeiten
im Innern des Landes, zweitens. republikanische Wahlen vermindern
die Autorität der Staatsmacht. Wir brauchen sie nicht zu
achten, aber sie ist gezwungen, uns vor den Wahlen Zugeständnisse
zu machen und sie hinterher abzudienen. Der Monarch braucht nichts
zu versprechen, um gewählt zu werden, drittens. Der Monarch
hat die Möglichkeit, unparteiisch zu schlichten. Die Monarchie
ist der Geist der Volkseinheit, in der Republik ist zerfleischende
Konkurrenz unvermeidlich, viertens. Das persönliche Wohl
die Stärke des Monarchen fallen zusammen mit dem Wohl und
der Stärke ganzen Landes. Er ist gezwungen, die Interessen
des gesamten Volkes zu verteidigen, das ist eine Überlebensfrage
für ihn, fünftens. Für multinationale Staaten ist
der Monarch das einigende Band und die Verkörperung der Einheit,
sechstens.“
Sie lächelte leicht. Die festen Tischmesser lagen parallel
nebeneinander, breiten Schneiden glänzten. Siegessicher blickte
sie den Oberst an.
|