Hans-Dietrich Sander:Thesen zum Reichsdualismus
Staatsbriefe 11-12 1997
Die
Thesen Sanders aus dem Jahre 1997 werden an dieser Stelle lediglich
als Auslöser meiner seinerzeitigen Gegenthesen
dokumentiert. Irgendeinen inneren Wert kann man ihnen nicht zuerkennen.
1
Der österreichisch-preußische Dualismus wurzelte nicht
in eingefleischtem deutschen Partikularismus. Er entwickelte sich
aus dem Ungenügen des Hauses Habsburg als Reichsdynastie. Kein
anderes Geschlecht hat das Deutsche Reich so lange und so schlecht
geführt.
2
Seit Maximilian
I. in ununterbrochener Erbfolge auf dem Kaiserthron, hätten
die Habsburger nach dem 200jährigen Interregnum, das auf den
Dynastozid an den Staufern folgte, dem Reich die innere und äußere
Stärke zurückgeben können. Sie stellten allein ihre
Hausmacht immer über alle Reichsinteressen.
3
Als ultramontane Macht war das Haus Habsburg sowohl unwillig wie
unfähig, in den beiden Jahrhunderten der religiösen Bürgerkriege
die friedensstiftende konfessionelle Neutralität herzustellen,
die zu den wesentlichen Aufgaben des Staates der Neuzeit gehörte.
4
Preußen, aufgestiegen aus dem 30jährigen Krieg, leistete
das, in Abwehr und Überwindung seiner Verheerungen, in einem
Maße, wie es eine feste Burg für alle religiös Verfolgten,
gerade auch aus den habsburgischen Ländern, darstellte. Es
löste auch andere Hauptaufgaben der neuzeitlichen Staatsbildung
in Verwaltung, Justiz, Raumordnung, Volksbildung und Volkswirtschaft
so vorbildlich, daß es zum Magneten für die besten Köpfe
aus ganz Deutschland wurde.
5
Der preußische König wäre wohl legitimiert gewesen,
nach der Kaiserkrone zu greifen. Das unterband der preußische
Stil, das absolute Legalitätsprinzip und die tiefe Bescheidenheit.
Mehr als ein deutscher Fürstenbund zur Abwehr der desaströsen
Wiener Politik war bis zu Friedrich dem Großen undenkbar.
Man kann in dieser Institution übrigens einen Vorläufer
des Norddeutschen Bundes sehen, welcher der Reichsgründung
von 1871 voranging.
6
Die Niederlegung der deutschen Kaiserkrone vor dem Druck Napoleons
und ihre Kompensation durch den Titel Kaiser von Österreich
legalisierten nur alte Verhältnisse. Der Kronentausch war ein
habsburgisches Selbstbekenntnis, eindrucksvoll bestätigt durch
den Verzicht während der Verhandlungen des Wiener Kongresses,
der so vieles restaurierte, auf die Wiederherstellung des Deutschen
Reiches.
7
Die Blicke der Reichsdeutschen richteten sich wie von selbst auf
Preußen. Seine Handlungsfähigkeit war indessen durch
die Friedensordnung der Heiligen Allianz begrenzt. Als sie unter
den revolutionären Erschütterungen von 1848/49 wankte,
entzog sich Friedrich Wilhelm IV. allen Erwartungen, weil er, nicht
vom Formate seines Ahnherren Friedrich des Großen, glaubte,
für den Akt einer Reichsgründung nicht geschaffen zu sein.
8
Preußens Weg zum Reich von 1848 bis 1871 war methodischer,
als es nachklassische Geschichtsschreiber wahrhaben wollten. Seine
Markierungen wurden nur nicht auf dem offenen Markt gehandelt. Bismarck
war nach innen und nach außen zu einem Finassieren genötigt,
das manchen Reichspatrioten, vor allem Gustav Freytag, irritierte.
In allen richtigen Momenten aber ist immer richtig gehandelt worden.
9
Die fortdauernde Rivalität zwischen Wien und Berlin führte
1866 zu einem Austrag mit Waffen, der nur halb entschieden wurde.
Wilhelm I. und Bismarck verschlossen sich der Forderung Moltkes
nach einer Annexion Österreichs: eine Monarchie abzusetzen,
war für sie unvorstellbar. So fand sich 1871 nur Kleindeutschland
zur Reichsgründung.
10
Das Defensivbündnis von 1879, den sogenannten Zweibund, der
vielen Zeitgenossen als Schlußstrich unter dem alten Dualismus
erschien, band das kleindeutsche Reich, dessen Territorium für
eine Selbstbehauptung in den heraufziehenden Weltkonflikten nicht
ausreichte, an die Wiener Hofpolitik, ohne sie beeinflussen zu können.
So geriet es 1914, als man sich in Wien nach der Ermordung des Thronfolgers
in Sarajewo nicht zu einer schnellen Sanktion entschließen
konnte, in den Strudel des Weltkriegs, in dem es unterging.
Glossar
Was Preußen groß gemacht hatte, wurde dem preußisch
geführten Zweiten Reich zur Verderbnis.1866 hätte Preußen
seine wohlerwogenen und wohlbewährten Prinzipien vorübergehend
außer acht lassen müssen. Ein revolutionäres Zwischenspiel,
und das Reich wäre wirklich saturiert entstanden. Der Zweibund machte
dieses historische Versäumnis nur schlimmer. Ohne dieses Bündnis
hätte die antideutsche Koalition 1914 keinen Grund gefunden, einen
Krieg gegen das Deutsche Reich heraufzuführen. Dem Großen Kurfürsten
wäre das nicht passiert. Unter seiner Hand bildeten sich die preußischen
Prinzipien erst heran. Unter Wilhelm I. waren sie vielleicht schon zu
erstarrt.
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