Jean Raspail: Sire.
Aus dem Französischen übersetzt von Joachim Volkmann, Bonn. Verlag
nova et vetera 2005. 243 Seiten, 19 €. Eine Rezension von Dr.
Eileen Kunze, übernommen von kreuz.net
Im Januar 1999 ritten fünf 18jährige in Frankreich der Loire entlang.
Bis heute sind die Hintergründe dieser Expedition im Unklaren geblieben.
Die Fünf brauchten drei Nächte, um an den Flußlauf der Loire zu gelangen.
Vier Reiter und eine Reiterin. Letztere unterschied sich von den anderen
nur durch ihr langes blondes Haar. Die fünf waren in lange, schwarze
Umhänge gehüllt. Ähnlich bedeckt waren ihre Pferde. Plötzlich lachen
die fünf Gestalten. Sie lachen über das verrückte Glück, zusammenzusein
in der Morgenröte ihrer Bestimmung.
So beginnt – nachts an der Loire – das glorreiche Abenteuer
eines gewissen Philippe Charles François Louis Henri Robert Hughes Pharamond de Bourbon. Philippe ist weder ein Romantiker noch
ein Ausgeflippter. Er ist der legitime französische Kronprinz –
von Gottes Gnaden. Nach dem Tod seines Vaters trat er dessen Nachfolge
an. Zusammen mit seiner Zwillingsschwester Marie und drei gleichaltrigen
Getreuen reitet der 18jährige Prinz im Dunkel der Nacht den altehrwürdigen
Königsweg entlang. Sein Ziel: die Salbung zum König nach dem uralten
Ritus. Darum heißt das Leitmotiv dieses nur zum Teil fiktiven Romans:
„Das Heilige muß weitergegeben werden“. Erst nach der Weihe darf
der Prinz gekrönt werden. Philippe hat sein Los nicht selber gewählt.
Er ist von Gott berufen. Die Königskinder und ihre Begleiter sind alle
18 Jahre alt. Sie reiten nicht im Zeitalter der katholischen Könige,
sondern in einer eiskalten Januarnacht des Jahres 1999. Das Reich des
Kronprinzen befindet sich im moralischen Niedergang und ist zu einer
zukunftslosen Müllkippe heruntergewirtschaftet. Die Kirche – einst
die Seele Frankreichs – ist seit dem Zweiten Vatikanum immer noch
unbeirrt dabei, ihren Selbstmord in Raten zu vollenden. Fast niemand
will einen König Philippe Pharamond. Die wenigsten
wissen überhaupt, daß es ihn gibt. Philippe ist sich dessen bewußt.
Er weiß, daß er ein „König von Nichts“ ist. Dennoch lassen ihn die sogenannt
modernen Ideologen, welche die Republik steuern, nicht in Ruhe. Auf
seinen Spuren folgen finstere Agenten des Geheimdienstes.
Der
Roman von Jean Raspail ist ein schönes und ermutigendes Buch. Es dürfte
schwer sein, in unserer düsteren Zeit etwas Vergleichbares zu finden.
Der Autor ist ein standhafter traditionstreuer Katholik. Der uralte,
echte Glaube atmet aus jeder Seite des Romans. Detailgetreu und fesselnd
erzählt der Roman die horrende Geschichte der diabolischen französischen
Revolution. Mit typischem französischen Witz
entlarvt es die modernistischen Verblödungen in Kirche und Staat –
treffsicher, aber ohne häßlichen Hohn. Wegen der sachlichen und deshalb
ausführlichen Schilderungen einiger Verbrechen des Revolutionspöbels
ist dieses Buch nicht für Kinder geeignet.
Der aufmerksame Leser wird im Roman auch einige vermeintliche Fehler
entdecken. So heißt es, daß Kronprinz Philippe und seine Schwester Marie
eineiige Zwillinge seien, obwohl solche nicht geschlechtsverschieden
sein können. Es wird auch von Benediktinerklöstern auf den Färöer-Inseln
und auf der schottischen Insel Iona berichtet.
Diese Fehler sind dem Autor nicht ohne Grund unterlaufen. Sie sind eine
Gelegenheit nachzudenken. Einer besonderen Lesergruppe, die diese Art
von Bücher vielleicht nicht unbedingt in die Hand nehmen würde, ist
der Roman „Sire“ speziell zu empfehlen: Priestern und Seminaristen.
Bei ihnen wird auch die Unterstützung, die sie von den Gläubigen und
Mitbrüdern erhalten, jene einsamen Augenblicke nicht ausschließen, in
denen sie sich – wie Kronprinz Philippe – als „Könige von
Nichts“ vorkommen. Sollen oder können sie in diesen Momenten durch ein
Märchen in realistischer Kleidung erbaut und getröstet werden? Ich meine
schon. Denn hinter den christlichen Epen vom Heiligen Gral und von Rittern
und Helden, die Raspails bezauberndem Werk
Pate stehen, steckt eine tiefe Wahrheit: die Wahrheit der göttlichen
Ordnung, an der früher oder später alle Revolutionen zerbrechen werden.
Der Roman „Sire“ ist ein würdiger Nachkomme der alten christlichen Epen
und ein Loblied auf die Treue zu den göttlichen Prinzipien. Die meisterhafte
Übersetzung ins Deutsche verdanken wir der Freundschaft des Autors mit
dem Historiker und Schriftsteller Joachim Volkmann vom St.-Theresien-Gymnasium
Schönenberg bei Hennef, 30 km südöstlich von
Köln.