Der Tod Jesu (Du dessen Augen flossen)
Passionskantate von Karl Wilhelm
Ramler
1. Sinfonia
2. Choral: Du dessen Augen flossen
Du, dessen Augen flossen,
sobald sie Zion sah'n,
zur Freveltat entschlossen,
sich seinem Falle nah'n.
Wo ist das Tal, die Höhle,
die, Jesu, dich verbirgt?
Verfolger seiner Seele!
Habt ihr ihn schon erwürgt?
3. Chor: Sein Odem ist schwach
Sein Odem ist schwach, seine Tage sind abgekürzet, seine Seele
ist voll Jammer, sein Leben ist nahe bei der Hölle.
4. Rezitativ (Baß): Gethsemane!
Gethsemane, Gethsemane,
wen hören deine Mauern
so bange, so verlassen trauern?
Wer ist der peinlich langsam Sterbende?
Ist das mein Jesus,
bester aller Menschenkinder?
Du zagst, du zitterst
gleich dem Sünder, dem man sein Todesurteil fällt?
Ach seht! Er sinkt,
belastet mit den Missetaten von einer ganzen Welt.
Sein Herz, in Arbeit, fliegt aus seiner Höhle,
sein Schweiß rollt purpurrot die Schläf herab.
Er ruft: Betrübt ist meine Seele bis in den Tod.
5. Arie (Baß): Du Held! auf den die Köcher des Todes
geleeret
Du Held, auf den die Köcher des Todes geleeret,
du hörest den, der, schwächer, am Grabe Trost begehret,
du willst und kannst, du kannst und willst sein Schutzgott sein.
Du Held, du willst und kannst, du kannst und willst sein Schutzgott
sein.
Wenn ich am Rande dieses Lebens Abgründe sehe,
wo vergebens mein Geist zurücke strebt,
wenn ich den Richter kommen höre mit Wag' und Donner
und die Sphäre von seinem Fußtritt bebt,
wer wird allda mein Schutzgott sein?
6. Choral: Wen hab ich sonst, als dich allein
Wen hab ich sonst, als dich allein,
der mir in meiner letzten Pein
mit Trost und Rat weiß beizuspringen?
Wer nimmt sich meiner Seele an,
wenn nun mein Leben nichts mehr kann,
und ich muss mit dem Tode ringen?
Wenn allen Sinnen Kraft gebricht,
tust du es, Gott, mein Heiland, nicht?
7. Rezitativ (Alt): Ach, mein Immanuel!
Ach, mein Immanuel!
Da liegt er tief gebückt im Staube,
ringt dem Tode entgegen, blickt gen Himmel, jammert laut:
Laß, Vater, diese Stunde, lass sie vorübergehen,
nimm weg, den bittern Kelch von meinem Munde!
Du nimmst ihn nicht?
Wohl an, dein Wille soll geschehen!
Erheitert steht er auf von der erstaunten Erde, gestärkt durch
eines Engels Hand,
und seht - die Jünger hat ein Schlummer übermannt.
Hier liegen sie gestützt, mit trauriger Gebärde.
Betrachtend steht der Menschenfreund und spricht
mit über sie gehängtem holden Angesicht:
Der Geist ist willig, nur der Leib ist schwach!
Und bückt sich, Petrus Hand sanft anzurühren, nieder:
Ach, du bist nicht mehr wach? O, wacht und betet, meine Brüder!
8. Arie (Alt): Ein Gebet um neue Stärke
Ein Gebet um neue Stärke
zur Vollendung edler Werke
teilt die Wolken, dringt zum Herrn,
und der Herr erhört es gern.
Klimm ich zu der Tugend Tempel
matt den steilen Pfad hinauf,
O so sporn ich meinen Lauf
nach der Wanderer Exempel,
durch die Hoffnung jener schönen
über mir erhabnen Szenen
und erleichtre meinen Gang
mit Gebet und mit Gesang.
9. Rezitativ (Baß): Nun klingen Waffen
Nun klingen Waffen,
Lanzen blinken bei dem Schein der Fackeln,
Mörder dringen ein.
Ich sehe Mörder,
ach, es ist um ihn geschehen.
Er aber, unerschrocken, nahet sich den Feinden selbst,
großmütig spricht er: Such ihr mich, so lasset meine
Freunde gehen!
Die schüchternen Gefährten fliehen auf dieses Wort,
ihn bindet man, ihn führt man fort.
Sein Petrus folgt, der einzige von allen.
Er folgt, zur Hilfe schwach, von fern,
mitleidig folgt er seinem Herrn zu Kaiphas.
Was hör ich hier für Worte schallen?
Ach! ist es Petrus, der jetzt spricht:
Ich kenne diesen Menschen nicht.
Wie tief bist du von deinem Edelmut gefallen!
Doch siehe Jesus wendet sich und blickt ihn an.
Er fühlt den Blick, er geht zurück, er weinet bitterlich.
10. Arie (Baß): Ihr weichgeschaff'nen Seelen
Ihr weichgeschaff'nen Seelen,
ihr könnt nicht lange fehlen,
bald höret euer Ohr das strafende Gewissen,
bald weint aus euch der Schmerz.
Ihr Tränenlosen Sünder bebet!
Einst, mitten unter Rosen, hebet die Reu
den Schlangenkamm empor.
Und fällt mit unheilbaren Bissen
dem Frevler an das Herz.
11. Chor: Unsere Seele ist gebeuget zu der Erden
Unsere Seele ist gebeuget zu der Erden. O wehe, daß wir so
gesündiget haben!
12. Choral: Ich will von meiner Missetat
Ich will von meiner Missetat
zum Herren mich bekehren.
Du wollest selbst mir Hilf und Rat
hierzu, o Gott, bescheren!
Und deines guten Geistes Kraft,
der neue Herzen in uns schafft,
aus Gnaden mir gewähren.
13. Rezitativ (Tenor): Jerusalem, voll Mordlust
Jerusalem, voll Mordlust, ruft mit wildem Ton:
Sein Blut komm über uns und unsre Söhn und Töchter!
Du siegst, Jerusalem,
und Jesus blutet schon.
Im Purpur ist er schon des Volkes Hohngelächter,
damit er ohne Trost in seiner Marter sei,
damit die Schmach sein Herz ihm breche.
Voll Liebe steht er da,
von Gram und Unmut frei, und trägt sein Dornendiadem.
Und eine freche, verworfne Mörderhand
faßt einen Stab und schlägt sein Haupt.
Ein Strom quillt Stirn und Wang herab.
Seht, welch ein Mensch!
Des Mitleids Stimme vom Richtstuhl des Tyrannen spricht:
Seht, welch ein Mensch!
Und Juda hört sie nicht,
und legt dem Blutenden mit unerhörtem Grimme,
den Balken auf, woran er langsam sterben soll.
Er trägt ihn willig und sinkt ohnmachtsvoll.
Nun kann kein edles Herz die Wehmut mehr verschließen,
die lang verhaltnen Tränen fließen.
Er aber sieht sich tröstend um, und spricht:
Ihr Töchter Zions, weinet nicht.
14. Arie (Tenor): So stehet ein Berg Gottes
So stehet ein Berg Gottes,
den Fuß in Ungewittern,
das Haupt in Sonnenstrahlen,
so stehet der Held Kanaan.
Der Tod mag auf den Blitzen eilen,
er mag aus hohlen Fluten heulen,
es mag der Erde Rund zersplittern,
der Weise sieht ihn heiter an.
15. Chor: Christus hat uns ein Vorbild gelassen
Christus hat uns ein Vorbild gelassen, daß wir sollen nachfolgen
seinen Fußstapfen.
16. Choral: Ich werde, dir zu Ehren, alles wagen
Ich werde, dir zu Ehren, alles wagen,
kein Kreuz nicht achten, kein Schmach noch Plagen,
nichts von Verfolgung, nichts von Todesschmerzen,
nehmen zu Herzen.
17. Rezitativ (Alt): Da steht der traurige, verhängnisvolle
Pfahl
Da steht der traurige, verhängnisvolle Pfahl.
Unschuldiger, Gerechter,
hauche doch einmal die mattgequälte Seele von dir!
Wehe, Wehe!
Nicht Ketten, Bande nicht, ich sehe gespitzte Keile!
Jesus reicht die Hände dar,
die teuren Hände, deren Arbeit Wohltun war.
Auf jeden wiederholten Schlag
durchschneidet die Spitze Nerv und Ader und Gebein.
Er leidet es mit Geduld, bleibt heiter und hängt da, zur Schmach
erhöht,
voll Blut, den Todesschmerzen, am Golgotha.
Ihr Männer Israels, o ruft in eure Herzen Erbarmung,
laßt die Rach im Tode ruhn!
Umsonst! Die Väter höhnen ihn, ihr Hohn ist bitter,
grausam fröhlich ihre Mienen.
Und Jesus ruft:
„Mein Vater, ach, vergib es ihnen! Sie tun unwissend, was
sie tun.“
18. Duett (Alt / Baß): Feinde, die ihr mich betrübt
Feinde, die ihr mich betrübt,
seht, wie sehr mein Herz euch liebt,
euch verzeihn, ist meine Rache.
Die ihr mich im Unglück schmäht,
hört mein ernstliches Gebet:
daß euch Gott beglückter mache.
Solche Tugend lernt ein Christ.
Gott, Jehova, Heiligster! Du verzeihst dem Übertreter alle
Schuld,
Gott, Jehova, Gütigster! Du erzeigst dem Missetäter
tausend Huld,
selig, wer dir ähnlich ist.
19. Rezitativ (Sopran): Wer ist der Heiligste?
Wer ist der Heiligste, zum Muster uns verliehn
und unter diesen Missetätern aufgehenket?
An seiner Jugend kennt ihr ihn.
Schmach, Folter, Todesangst vergißt er
und bedenket, Maria, dein verlass’nes Alter
und er erteilt dem Freunde seines Busens diesen letzten Willen:
O Jüngling, das ist deine Mutter!
Dieser eilt, ein Schüler Jesu, sein Vermächtnis zu erfüllen,
und Jesus sieht es an,
und wird noch mehr entzückt und fühlet keine Wunden,
weil er jetzt einen Strahl voll Trost den trüben Stunden
noch eines neuerfüllten Sünders schenken kann.
Er kehrt sein Antlitz hin,
zu dem an seiner Seite gekreuzigten Verbrecher,
ihm zu prophezein:
Ich sage dir, du wirst noch heute mit mir im Paradiese sein!
20. Arie (Sopran): Singt dem göttlichen Propheten
Singt dem göttlichen Propheten,
der den Trost vom Himmel bringet,
daß der Geist sich aufwärts schwinget.
Erdensöhne, singt ihm Dank.
Die du von dem Staube fliehest
und die rollenden Gestirne
unter deinen Füßen siehest,
nun genieße deiner Tugend!
Steig auf der Geschöpfe Leiter
bis zum Seraph! Steige weiter!
Seele, Gott sei dein Gesang!
21. Chor: Freuet euch alle, ihr Frommen!
Freuet euch alle, ihr Frommen! Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig,
und was er zugesaget, das hält er gewiß.
22. Choral: Wie herrlich ist die neue Welt
Wie herrlich ist die neue Welt,
die Gott den Frommen vorbehält!
Kein Mensch kann sie erwerben.
O Jesu, Herr der Herrlichkeit,
du hast die Stätt’ auch mit bereit’t,
hilf sie mir auch ererben!
Einen
kleinen
Blick in jene
Freudenszene
gib mir dem Schwachen,
mir den Abschied leicht zu machen.
23. Rezitativ (Baß): Auf einmal fällt der aufgehaltne
Schmerz
Auf einmal fällt der aufgehaltne Schmerz des Holden Seele
wütend an.
Sein Herz hebt die gespannt Brust, in jeder Ader wühlet ein
Dolch.
Sein ganzer Körner fließt am Kreuz empor.
Er fühlet des Todes siebenfache Gräuel.
Auf ihm liegt die Hölle ganz.
Er kann ihn nicht mehr fassen, den Schmerz, der ihn allmächtig
drückt.
Er ruft: Mein Gott! wie hast du mich verlassen!
Und seht die finstre Stunde rückt vorbei.
Nun seufzet er: Mich dürstet.
Ihn erfrischet sein Volk mit Wein, den es mit Galle mischet.
Nun steigt sein Leiden höher nicht,
nun triumphiert er und spricht:
Es ist vollbracht! Empfang, o Vater, meine Seele!
Und neigt sein Haupt auf seine Brust und stirbt.
24. Arioso (Baß): Es steigen Seraphin
Es steigen Seraphin von allen Sternen nieder
und klagen laut:
Er ist nicht mehr!
Der Erde Tiefen schallen wider:
Er ist nicht mehr!
Erzittre, Golgotha,
er starb auf deinen Höhen.
O Sonne, fleuch und leuchte diesem Tage nicht,
zerreiße, Land, worauf die Mörder stehen,
ihr Gräber, tut euch auf,
Ihr Väter, steigt ans Licht!
Das Erdreich, das euch deckt,
ist ganz mit Blut befleckt,
er ist nicht mehr!
So sage ein Tag dem andern Tage:
Er ist nicht mehr!
Der Ewigkeiten Nachhall klage:
Er ist nicht mehr! Er ist nicht mehr!
25. Choral: Ihr Augen weint! - Soli: Weinet nicht!
Ihr Augen weint!
Der Menschenfreund
verläßt sein teures Leben.
Künftig wird sein Mund uns nicht
Lehren Gottes geben.
Solo
(Baß): Weinet nicht!
Weinet nicht! Es hat überwunden der Löwe vom Stamm Juda.
Choral
(Sopran): Ihr Augen weint!
Ihr Augen weint,
der Menschenfreund
sinkt unter tausend Plagen!
Konnte seine sanfte Brust
soviel Schmerz ertragen?
Solo
(Baß): Weinet nicht!
Weinet nicht! Es hat überwunden der Löwe vom Stamm Juda.
Choral
(Sopran): Ihr Augen weint!
Ihr Augen weint!
Der Menschenfreund,
der Edle, der Gerechte,
wird verachtet, wird verschmäht,
stirbt den Tod der Knechte.
Duett
(Tenor, Baß): Weinet nicht!
Weinet nicht! Es hat überwunden der Löwe vom Stamm Juda.
31. Chor: Hier liegen wir gerührte Sünder
Hier liegen wir gerührte Sünder,
o Jesu, tief gebückt,
mit Tränen diesen Staub zu netzen,
der deine Lebensbäche trank:
Nimm unser Opfer an!
Freund Gottes und der Menschenkinder,
der seinen ewigen Gesetzen
des Todes Siegel aufgedrückt,
Anbetung sei dein Dank,
den opf're jedermann!
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