Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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König Heinrich IV. und Gregor VII.

Aus: Rudolf Pörtner: Das Römerreich der Deutschen (eines der besten Bücher deutscher Zunge.)

 

König Heinrich IV. übergibt seinem Sohn den Reichsapfel
König Heinrich IV. übergibt seinem
ungetreuen Sohn die Herrschaftsinsignien

Der fast totale Sieg nach der fast totalen Niederlage verleiht der Auseinandersetzung zwischen Heinrich IV. und Gregor eine außerordentliche Dramatik. Das Canossa-Schauspiel gehört deshalb zu den geschichtlichen Ereignissen, an denen die Historiker - und auch die Dichter - regimenterweise ihre Federn gewetzt haben. Trotzdem ist die Zentralfrage, wer nun eigentlich der Sieger, wer der Unterlegene war, bis heute nicht beantwortet. Als Bismarck zu Beginn des Kulturkampfes ankündigte, daß er „nicht nach Canossa gehen“ werde, führte er das Wort Canossa als Synonym für den Machtanspruch der Kirche und im weiteren Sinne als Umschreibung einer schmerzlichen Demütigung in den Sprachgebrauch ein. Die Aktualisierung des Begriffs war sicherlich ein Grund mehr dafür, daß gerade in den Jahrzehnten nach Bismarck immer wieder versucht worden ist, Heinrichs Bußgang als Mittel diplomatischer Strategie darzustellen, seinen Kniefall also in einen politischen Erfolg umzumünzen: ein Unternehmen, das des Beifalls liberaler, antiklerikaler und nationalistischer Streiter immer sicher war.

Der polemisch stark gewürzte Versuch einer Korrektur des Canossa-Bildes ist letztlich ohne Wirkung geblieben, hat aber die Vielschichtigkeit des Problems aufgedeckt und gelehrt, daß die untergründig wirkenden Kräfte dieses Kampfes wichtiger waren als seine spannungsreiche Chronik.
Auch die Szene selbst hat an Schärfe und Tiefe gewonnen. Man weiß nun, daß die unselige Wormser Deklaration „an Hildebrand, den falschen Mönch“, nicht nur dem hitzigen und unerfahrenen König anzulasten ist, sondern auch den Einflüsterungen papstfeindlicher Emigranten; daß Heinrich bis dahin allen Grund hatte, mit der Treue der Bischöfe und der Uneinigkeit der Reichsfürsten zu rechnen, daß der Gang der Ereignisse also nicht exakt vorauszuberechnen war; und weiter: daß der König bei den Verhandlungen von Tribur und Oppenheim durchaus eine aktive Rolle gespielt hat.

In einem Punkt sind sich die Historiker sogar verhältnismäßig einig geworden: der vierte Heinrich hat, als er die Aussichtslosigkeit seiner Lage begriff, durchaus konsequent und zielbewußt gehandelt. Während er völlige Unterwerfung heuchelte, bereitete er seinen Gegenzug bereits vor: den einzigen, der ihm noch blieb, der ihm nach Lage der Dinge allerdings auch hohe Erfolgschancen versprach. Denn wenn er sich dem Papst als reuiger Sünder näherte, so mußte ihm dieser die kirchliche Absolution erteilen. Da Gregor Priester war, konnte er nicht „Nein“ sagen. Das Ergebnis bestätigte, wie wir sahen, Heinrichs Erwartungen. Selbst Johannes Haller, der sonst nur wenige gute Worte für den König erübrigt, kommt zu dem Schluß, daß dieser „den Priester Gregor zu einem Schritt“ nötigte, „den der Politiker Gregor hätte verweigern müssen“; daß also „in dem Spiel der Staatskunst, das in Canossa gespielt wurde, Heinrich der Gewinner“ war.
Auch ausländische Historiker haben anerkannt, daß der junge König mit seinem Kniefall die verlorene Handlungsfreiheit zurückgewann und - so der Italiener Giorgio Falco - „mit einem Schlage den mühsam errichteten Bau der päpstlichen Politik“ vernichtete. Aber diese Aufrechnung von Erfolg und Mißerfolg wird der tieferen Bedeutung des (nach Delbrück) „völlig beispiellosen“ Canossa-Dramas nicht gerecht. Es mag sein, daß der König selbst, als reiner Pragmatiker der Politik, seine persönliche Demütigung keineswegs als „Entwürdigung der regio potestas“ aufgefaßt hat. Aber schon die Reaktion der Zeitgenossen verrät, daß sie die Bußübung von Canossa zutiefst erregt und bestürzt hat, weil sie damit die bestehende Weltordnung in Frage gestellt sahen.

Die deutschen Fürsten, „Heinrichs erbittertste und tückischste Feinde“, beteuerten 1078 in einem Brief an Gregor, daß sie nur „mit Gefahr ihrer Seele“ den König gezwungen hätten, des Papstes Füße zu küssen. Sechzig Jahre später spürt man die immer noch nachwirkende Betroffenheit, wenn Otto von Freising in seiner pessimistischen Chronik von den zwei Reichen bekennt, daß er immer und immer wieder in der Geschichte der römischen Könige und Kaiser lese, aber keinen einzigen finde, der wie Heinrich vom Papst exkommuniziert oder abgesetzt worden sei.

Daß mit dem Kniefall von Canossa - der taktisch als ein kluger Schachzug betrachtet werden kann - eine Umwertung aller Werte begann, ist auch die Meinung der meisten neueren Historiker. „Im tiefsten Kern war Canossa als Symbol nicht ein bloßes Faktum des Investiturstreites, sondern die Markierung einer Schicksalswende des Mittelalters und des Abendlandes; aus der Pragmatik des chronologisch begrenzten Kampfes herausgenommen, erhebt sich Canossa wie eine Kammscheide, von der aus die Geschicke der christlich-abendländischen Welt unaufhaltsam nach einer neuen Richtung fluten“ (Mayer-Pfannholz).
Mit ändern Worten: in Canossa zerbrach die für heutige Menschen unbegreifliche, im Mittelalter aber als durchaus natürlich empfundene Ordnung, in der auch den Herrscher die Aura einer religiösen Sendung, der Strahlenkranz einer priesterlichen Aufgabe umgab, sein Reich also ein Gottesreich war - oder jedenfalls die Vorstufe einer künftigen civitas Dei - und somit sakralen Charakter hatte. In Canossa wurde dieses Reich seiner metaphysischen Würde und damit seiner Sonderstellung unter den Staaten Europas entkleidet. Die regia potestas wurde in den Raum der praktischen Machtausübung zurückgedrängt - ein Vorgang, dessen Tragweite der damals 27 Jahre alte Heinrich wahrscheinlich nicht begriffen hat.

Aber auch Gregor hat in diesem Streit - der mit dem Wort Investiturstreit recht unzulänglich gekennzeichnet wird - wie ein Verblendeter gehandelt, berauscht von der Macht, die ihm durch eine einmalige Konstellation zugefallen war. Er begnügte sich nicht damit, den König in seine Schranken zu verweisen und die Rolle der Kirche als alleinige Repräsentanz Gottes auf Erden sichtbar zu machen; es ging ihm nicht allein darum, die Positionen des Glaubens neu abzustecken - er wollte die irdische Macht dazu. Er löste die Kirche von der Zweischwertertheorie, „um allein das Schwert zu führen“. Er versuchte allen Ernstes, gestützt auf seinen „göttlichen“ Auftrag, die Gewalten dieser Welt der Herrschaft des Heiligen Stuhles zu unterwerfen. Er vermaß sich, die Kaiser und Könige des Kontinentes zu Vasallen des Papstes zu degradieren.

Er unternahm es, den „theokratischen Dualismus“ durch eine „hierokratische Monarchie“ zu ersetzen: eine Herrschaftsform, die a priori zum Scheitern verurteilt war; denn sie entwuchs einer Revolution, die sich sozusagen im luftleeren Raum vollzog, in einem Bezirk außerhalb der profanen Wirklichkeit, außerhalb der Welt der Waffen und gemeinen Interessen - ein Manko, das der Fanatismus und das glühende Pathos der gregorianischen Ideen nicht einmal zehn Jahre zu verdecken vermochte. Ohne die Rückendeckung, die das Reich den Päpsten gewährt hatte, ohne das innige Zusammenwirken von regnum und sacerdotium, ohne die riesige materielle Kraft der deutsch-burgundisch-italienischen Länder war auch das Papsttum nur eine Macht unter vielen, jeder Störung im europäischen Mächtegleichgewicht preisgegeben. Es mußte lavieren, es mußte Bundesgenossen suchen und wieder fallen lassen, sich wechselnden Konstellationen anbequemen und geriet damit zwischen die Mahlsteine der Tagespolitik. Es dauerte nur wenig mehr als zweihundert Jahre, und die Päpste traten, zur Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit verurteilt, ihr Exil in Avignon an.

Und das Reich? Seiner priesterlichen Hoheit und Majestät entkleidet, beschritt es den Weg von der civitas dei zum nationalen Imperium, einen weiten Weg, voll retardierender Momente, Zeiten erneuten kräftigen Ausgreifens und verzweifelten Bemühens, die verlorene mystische Einheit wiederherzustellen. Einen weiten und dennoch unausweichlichen Weg. Es war, um noch einmal Anton Mayer-Pfannholz zu zitieren, „eine Abfolge von unbedingter Richtigkeit. Regnum und sacerdotium hatten zusammen die ecclesia ausgemacht, die als Imperium in politischer Konkretheit erschien. Das sacerdotium erkennt seit Canossa die Teilhaberschaft des regnum nicht mehr an, identifiziert sich . .. allein mit der ecclesia und immer mehr auch mit dem Imperium, das regnum bleibt und auf sich allein angewiesen, auf seine Nation, auf sein Territorium, auf seine eigene Ideologie“. „Aus der Idee des zerfallenen Imperiums hebt sich Volk gegen Volk, Staat gegen Staat.

Reinald Dassel, der Spiritus rector der staufischen Politik, prägt zwar den Namen des sacrum Imperium als romantische Reminiszenz oder als Formulierung eines Anspruchs. Aber auch ihm und Barbarossa ergibt sich das „Heilige“ nicht aus der durch das sacramentum ermittelten sakralen Realität, sondern aus der Berufung auf die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des römischen Rechtes, auf die Legitimität des Zusammenhangs zwischen den alten Cäsaren und dem neuen Imperium Romanum. Jedoch führte dieser Weg nicht mehr ins Innerste des universalen, des katholischen, des sakralen Reichsgedankens. Er blieb staufisch, deutsch, weltlich … Ihn verknüpfen mit der Idee eines göttlich bestellten Kosmokrators höchstens noch geschichtliche Erinnerungen.“

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: in Canossa ging es um mehr als Sieg und Niederlage. In Canossa trennten sich die Wege des Reiches und der römischen Kirche. In Canossa begann die Auflösung der mittelalterlichen Weltordnung. Canossa war die Wende, die Peripetie eines Zeitalters. Längst bevor das deutsche Mittelalter im Reich der Staufer seinen äußeren Höhepunkt erlebte, hatte es die unsichtbare Grenzscheide zwischen Blüte und Verfall überschritten. Das Ende des imperialen Gedankens kündigte sich an, die aufziehende nationalstaatliche Epoche rötete bereits den Horizont.

Das Jahr 1085, in dem Gregor geschlagen und entmachtet in Salerno starb, war Heinrich IV. glücklichstes Jahr. Während der Weihnachtstage in Worms mochte er sich wohl als Sieger fühlen. Der eifernde Mund seines fanatischsten Widersachers war verstummt. Die reichs- und kaisertreuen Bischöfe Deutschlands hatten ihre „gregorianischen“ Brüder exkommuniziert. Der von Heinrich verkündete Gottesfrieden war besonders vom „niederen Volk“ mit einem tiefen Aufatmen begrüßt worden. Die großen rheinischen Städte Köln und Mainz, Worms und Speyer standen fest zum König (der ihnen ihre Treue mit mancherlei Privilegien vergalt).

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