| |
Die Christenheit oder Europa
Von Novalis
Geschrieben im Jahre 1799
Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war,
wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte;
ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen
dieses weiten geistlichen Reichs. - Ohne große weltliche Besitztümer lenkte
und vereinigte ein Oberhaupt die großen politischen Kräfte. -
Eine zahlreiche Zunft, zu der jedermann den Zutritt hatte, stand unmittelbar
unter demselben und vollführte seine Winke und suchte mit Eifer seine
wohltätige Macht zu befestigen. Jedes Glied dieser Gesellschaft wurde
allenthalben geehrt, und wenn die gemeinen Leute Trost oder Hülfe, Schutz
oder Rat bei ihm suchten und gerne dafür seine mannigfaltigen Bedürfnisse
reichlich versorgten, so fand es auch bei den Mächtigeren Schutz Ansehn
und Gehör, und alle pflegten diese auserwählten, mit wunderbaren Kräften
ausgerüsteten Männer wie Kinder des Himmels, deren Gegenwart und Zuneigung
mannigfachen Segen verbreitete. Kindliches Zutrauen knüpfte die Menschen
an ihre Verkündigungen. -
Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagwerk vollbringen, da ihm
durch diese heilige Menschen eine sichere Zukunft bereitet und jeder Fehltritt
durch sie vergeben, jede mißfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht
und geklärt wurde. Sie waren die erfahrnen Steuerleute auf dem großen
unbekannten Meere, in deren Obhut man alle Stürme geringschätzen und zuversichtlich
au eine sichre Gelangung und Landung an der Küste der eigentlichen vaterländischen
Welt rechnen durfte.
Die wildesten, gefräßigsten Neigungen mußten der Ehrfurcht und dem Gehorsam
gegen ihre Worte weichen. Friede ging von ihnen aus. - Sie predigten nichts
als Liebe zu der heiligen, wunderschönen Frau der Christenheit, die, mit
göttlichen Kräften versehen, jeden Gläubigen aus den schrecklichsten Gefahren
zu retten bereit war. Sie erzählten von längst verstorbenen himmlischen
Menschen, die durch Anhänglichkeit und Treue an jene selige Mutter und
ihr himmlisches, freundliches Kind die Versuchung der irdischen Welt bestanden,
zu göttlichen Ehren gelangt und nun schützende, wohltätige Mächte ihrer
lebenden Brüder, willige Helfer in der Not, Vertreter menschlicher Gebrechen
und wirksame Freunde der Menschheit am himmlischen Throne geworden waren.
Mit welcher Heiterkeit verließ man die schönen Versammlungen in den geheimnisvollen
Kirchen, die mit ermunternden Bildern geschmückt, mit süßen Düften erfüllt
und von heiliger erhebender Musik belebt waren! In ihnen wurden die geweihtem
Reste ehemaliger gottesfürchtiger Menschen dankbar in köstlichen Behältnissen
aufbewahrt. Und an ihnen offenbarte sich die göttliche Güte und Allmacht,
die mächtige Wohltätigkeit dieser glücklichen Frommen, durch herrliche
Wunder und Zeichen. So bewahren liebende Seelen Locken oder Schriftzüge
ihrer verstorbenen Geliebten und nähren die süße Glut damit, bis an den
wiedervereinigenden Tod. Man sammelte mit inniger Sorgfalt überall, was
diesen geliebten Seelen angehört hatte, und jeder pries sich glücklich,
der eine so tröstliche Reliquie erhalten oder nur berühren konnte.
Hin und wieder schien sich, die himmlische Gnade vorzüglich auf ein seltsames
Bild oder einen Grabhügel niedergelassen zu haben. Dorthin strömten aus
allen Gegenden Menschen mit schönen Gaben und brachten himmlische Gegengeschenke:
Frieden der Seele und Gesundheit des Leibes, zurück. Emsig suchte diese
mächtige, Frieden stiftende Gesellschaft alle Menschen dieses schönen
Glaubens teilhaftig zu machen und sandte ihre Genossen in alle Weltteile,
um überall das Evangelium des Lebens zu verkündigen und das Himmelreich
zum einzigen Reiche auf dieser Welt zu machen. Mit
Recht widersetzte sich das weise Oberhaupt der Kirche frechen Ausbildungen
menschlicher Anlagen auf Kosten des heiligen Sinns und unzeitigen gefährlichen
Entdeckungen im Gebiete des Wissens.
So wehrte er den kühnen Denkern öffentlich zu behaupten, daß die Erde
ein unbedeutender Wandelstern sei, denn er wußte wohl, daß die Menschen
mit der Achtung für ihren Wohnsitz und ihr irdisches Vaterland auch die
Achtung vor der himmlischen Heimat und ihrem Geschlecht verlieren und
das eingeschränkte Wissen dem unendliche Glauben vorziehn und sich gewöhnen
würden, alles Große und Wunderwürdige zu verachten und als tote Gesetzwirkung
zu betrachten. An seinem Hofe versammelten sich alle klugen und ehrwürdigen
Menschen aus Europa. Alle Schätze flossen dahin, das zerstörte Jerusalem
hatte sich gerächt, und Rom selbst war Jerusalem, die heilige Residenz
der göttlichen Regierung auf Erden geworden. Fürsten legten ihre Streitigkeiten
dem Vater der Christenheit vor, willig ihm ihre Krone und ihre Herrlichkeit
zu Füßen, ja sie achteten es sich zum Ruhm, als Mitglieder dieser hohen
Zunft, den Abend ihres Lebens in göttlichen Betrachtungen zwischen einsamen
Klostermauern zu beschließen. Wie wohltätig, wie angemessen der innern
Natur der Menschen diese Regierung, diese Einrichtung war, zeigte das
gewaltige Emporstreben aller andern menschlichen Kräfte, die harmonische
Entwicklung aller Anlagen; die ungeheure Höhe, die einzelne Menschen in
allen Fächern der Wissenschaften des Lebens und der Künste erreichten,
und der überall blühende Handelsverkehr mit geistigen und irdischen Waren
in dem Umkreis von Europa und bis in das fernste Indien hinaus.
Das waren die schönen wesentlichen Züge der echtkatholischen oder echtchristlichen
Zeiten. Noch war die Menschheit für dieses herrliche Reich nicht reif,
nicht gebildet genug. Es war eine erste Liebe, die im Drucke des Geschäftslebens
entschlummerte, deren Andenken durch eigennützige Sorgen verdrängt und
deren Band nachher als Trug und Wahn ausgeschrien und nach spätern Erfahrungen
beurteilt, - auf immer von einem großen Teil der Europäer zerrissen wurde.
Diese innere große Spaltung, die zerstörende Kriege begleiteten, war ein
merkwürdiges Zeichen der Schädlichkeit der Kultur für den Sinn des Unsichtbaren,
wenigstens einer temporellen Schädlichkeit der Kultur einer gewissen Stufe.
Vernichtet kann jener unsterbliche Sinn nicht werjden, aber getrübt, gelähmt,
von andern Sinnen verdrängt. -
Eine längere Gemeinschaft der Menschen vermindert die Neigungen, den
Glauben an ihr Geschlecht, und gewöhnt sie, ihr ganzes Dichten und Trachten
den Mitteln des Wohlbefindens allein zuzuwenden, die Bedürfnisse und die
Künste ihrer Befriedigung werden verwickelter, der habsüchtige Mensch
hat soviel Zeit nötig, sich mit ihnen bekannt zu machen und Fertigkeiten
in ihnen sich zu erwerben, daß keine Zeit zum stillen Sammeln des Gemüts,
zur aufmerksamen Betrachtung der inneren Welt übrigbleibt. - In Kollisionsfällen
scheint ihm das gegenwärtige Interesse näher zu liegen, und so fällt die
schöne Blüte seiner Jugend, Glauben und Liebe, ab, und macht den derbern
Früchten, Wissen und Haben, Platz. Man gedenkt des Frühlings im Spätherbst
wie eines kindischen Traums und hofft mit kindischer Einfalt, die vollen
Speicher sollen auf immer aushalten. Eine gewisse Einsamkeit scheint dem
Gedeihen der höhern Sinne notwendig zu sein, und daher muß ein zu ausgebreiteter
Umgang der Menschen miteinander manchen heiligen Keim ersticken und die
Götter, die den unruhigen Tumult zerstreuender Gesellschaften und die
Verhandlungen kleinlicher Angelegenheiten fliehen, verscheuchen.
Überdem haben wir ja mit Zeiten und Perioden zu tun, und ist diesen eine
Oszillation, ein Wechsel entgegengesetzter Bewegungen nicht wesentlich?
Und ist diesen eine beschränkte Dauer nicht eigentümlich, ein Wachstum
und ein Abnehmen nicht ihre Natur? Aber auch eine Auferstehung, eine Verjüngung,
in neuer, tüchtiger Gestalt, nicht auch von ihnen mit Gewißheit zu erwarten?
Fortschreitende, immer mehr sich vergrößernde Evolutionen sind die Stoffe
der Geschichte. Was jetzt nicht die Vollendung
erreicht, wird sie bei einem künftigen Versuch erreichen oder bei einem
abermaligen; vergänglich ist nichts, was die Geschichte ergriff, aus unzähligen
Verwandlungen geht es in immer reiferen Gestalten erneuet wieder hervor.
Einmal war doch das Christentum mit voller Macht und Herrlichkeit erschienen,
bis zu einer neuen Welt-Inspiration herrschte seine Ruine, sein Buchstabe
mit immer zunehmender Ohnmacht und Verspottung. Unendliche Trägheit lag
schwer auf der sicher gewordenen Zunft der Geistlichkeit. Sie war stehn
geblieben im Gefühl ihres Ansehens und ihrer Bequemlichkeit, während die
Laien ihr unter der Händen Erfahrung und Gelehrsamkeit entwandt und mächtige
Schritte auf denn Wege der Bildung voraus getan hatten. In der Vergessenheit
ihres eigentlichen Amts, die Ersten unter den Menschen an Geist, Einsicht
und Bildung zu sein, waren ihnen die niedrigen Begierden zu Kopf gewachsen,
und die Gemeinheit und Niedrigkeit ihrer Denkungsart wurde durch ihre
Kleidung und ihren Beruf noch widerlicher.
So fielen Achtung und Zutrauen, die Stützen dieses und jedes Reichs,
allmählich weg, und damit war jene Zunft vernichtet, und die eigentliche
Herrschaft Roms hatte lange vor der gewaltsamen Insurrektion stillschweigend
aufgehört. Nur kluge, also auch nur zeitliche, Maßregeln hielten den Leichnam
der Verfassung noch zusammen und bewahrten ihn vor zu schleuniger Auflösung,
wohin denn z.B. die Abschaffung der Priesterehe vorzüglich gehörte. Eine
Maßregel, die analog angewandt, auch dem ähnlichen Soldatenstand eine
fürchterliche Konsistenz verleihen und sein Leben noch lange fristen könnte.
Was war natürlicher, als daß endlich ein feuerfangender Kopf öffentlichen
Aufstand gegen den despotischen Buchstaben der ehemaligen Verfassung predigte,
und mit um so größerm Glück, da er selbst Zunftgenosse war?
Mit Recht nannten sich die Insurgenten Protestanten, denn sie protestierten
feierlich gegen jede Anmaßung einer unbequemen und unrechtmäßig scheinenden
Gewalt über das Gewissen. Sie nahmen ihr stillschweigend abgegebenes Recht
auf Religions-Untersuchung, -Bestimmung und -Wahl als vakant wieder einstweilen
an sich zurück. Sie stellten auch eine Menge richtiger Grundsätze auf,
führten eine Menge löblicher Dinge ein und schafften eine Menge verderblicher
Satzungen ab; aber sie vergaßen das notwendige
Resultat ihres Prozesses, trennten das Untrennbare, teilten die
unteilbare Kirche und rissen sich frevelnd aus dem allgemeinen christlichen
Verein, durch welchen und in welchem allein die echte, dauernde Wiedergeburt
möglich war. Der Zustand religiöser Anarchie darf nur vorübergehend sein,
denn der notwendige Grund, eine Zahl Menschen lediglich diesem hohen Berufe
zu widmen und diese Zahl Menschen unabhängig von der irdischen Gewalt
in Rücksicht dieser Angelegenheiten zu machen, bleibt in fortdauernder
Wirksamkeit und Gültigkeit.
Die Errichtung der Konsistorien und die Beibehaltung einer Art Geistlichkeit
half diesem Bedürfnisse nicht ab und war kein zureichender Ersatz. Unglücklicherweise
hatten sich die Fürsten in diese Spaltung gemischt, und viele benutzten
diese Streitigkeiten zur Befestigung und Erweiterung ihrer landesherrlichen
Gewalt und Einkünfte. Sie waren froh, jenes hohen Einflusses überhoben
zu sein, und nahmen die neuen Konsistorien nun unter ihre landesväterliche
Beschützung und Leitung. Sie waren eifrigst besorgt, die gänzliche Vereinigung
der protestantischen Kirchen zu hindern, und so wurde die Religion irreligiöserweise
in Staatsgrenzen eingeschlossen und damit der Grund zur allmählichen Untergrabung
des religiösen kosmopolitischen Interesse gelegt.
So verlor die Religion ihren großen politischen friedestiftenden Einfluß,
ihre eigentümliche Rolle des vereinigenden, individualisierenden Prinzips,
der Christenheit. Der Religionsfriede ward nach ganz fehlerhaften und
religionswidrigen Grundsätzen abgeschlossen und durch die Fortsetzung
des sogenannten Protestantismus etwas durchaus Widersprechendes - eine
Revolutions-Regierung permanent erklärt.
Indes liegt dem Protestantismus bei weitem nicht bloß jener reine Begriff
zum Grunde, sondern Luther behandelte daß Christentum überhaupt willkürlich,
verkannte seinen Geist und führte einen andern Buchstaben und eine andere
Religion ein, nämlich die heilige Allgemeingültigkeit der Bibel,1
und damit wurde leider eine andere höchst fremde irdische Wissenschaft
in die Religionsangelegenheit gemischt - die Philologie - deren auszehrender
Einfluß von da an unverkennbar wird. Er wurde selbst aus dunkelm Gefühl
dieses Fehlgriffs bei einen großen Teil der Protestanten zum Rang eines
Evangelisten erhoben und seine Übersetzung kanonisiert.
Dem religiösen Sinn war diese Wahl höchst verderblich, da nichts seine
Irritabilität2
so vernichtet wie der Buchstabe. In ehemaligen
Zustande hatte dieser bei dem großen Umfange, der Geschmeidigkeit und
dem reichhaltigen Stoff des katholischen Glaubens, sowie der Esoterisierung
der Bibel und der heiligen Gewalt der Konzilien und des geistlichen Oberhaupts
nie so schädlich werden können; jetzt aber wurden diese Gegenmittel vernichtet,
die absolute Popularität der Bibel behauptet, und nun drückte der dürftige
Inhalt, der rohe, abstrakte Entwurf der Religion in diesen Büchern desto
merklicher und erschwerte dem heiligen Geiste die freie Belebung, Eindringung
und Offenbarung unendlich.
Daher zeigt uns auch die Geschichte des Protestantismus keine herrlichen,
großen Erscheinungen des Überirdischen mehr, nur sein Anfang glänzt durch
ein vorübergehendes Feuer des Himmels, bald nachher ist schon die Vertrocknung
des heiligen Sinns bemerklich; das Weltliche hat die Oberhand gewonnen,
der Kunstsinn leidet sympathetisch mit,3
nur selten, daß hie und da ein gediegener,
ewiger Lebensfunke hervorspringt und eine kleine Gemeinde sich assimiliert.
Er verlischt, und die Gemeinde fließt wieder auseinander und schwimmt
mit dem Strome fort. So Zinzendorf, Jakob Böhme und mehrere. Die Moderatisten
behalten die Oberhand, und die Zeit nähert sich einer gänzlichen Atonie3a
der höhern Organe, der Periode des praktischen Unglaubens. Mit der Reformation
war’s um die Christenheit getan. Von nun an war keine mehr vorhanden.
Katholiken und Protestanten oder Reformierte standen in sektierischer
Abgeschnittenheit weiter voneinander als von Mohammedanern und Heiden.
Die übriggebliebenen katholischen Staaten vegetierten fort, nicht ohne
den schädlichen Einfluß der benachbarten protestantischen Staaten unmerklich
zu fühlen. Die neuere Politik entstand erst in diesem Zeitpunkt, und einzelne
mächtige Staaten suchten den vakanten Universalstuhl, in einen Thron verwandelt,
in Besitz zu nehmen.
Den meisten Fürsten schien es eine Erniedrigung, sich nach einem ohnmächtigen
Geistlichen zu genieren. Sie fühlten zum erstenmal das Gewicht ihrer körperlichen
Kraft auf Erden, sahen die himmlischen Mächte untätig bei Verletzung ihrer
Repräsentanten und suchten nun allgemach ohne Aufsehn vor den noch eifrig
päpstlich gesinnten Untertanen das lästige römische Joch abzuwerfen und
sich unabhängig auf Erden zu machen. Ihr unruhiges Gewissen beruhigten
kluge Seelsorger, die nichts dabei verloren, daß ihre geistlichen Kinder
die Disposition über das Kirchenvermögen sich anmaßten.
Zum Glück für die alte Verfassung tat sich jetzt ein neu entstandener
Orden hervor3b
, auf welchen der sterbende
Geist der Hierarchie seine letzten Gaben ausgegossen zu haben schien,
der mit neuer Kraft das Alte zurüstete und mit wunderbarer Einsicht und
Beharrlichkeit, klüger als je vorher geschehen, sich des päpstlichen Reiches
und seiner mächtigern Regeneration annahm. Noch war keine solche Gesellschaft
in der Weltgeschichte anzutreffen gewesen. Mit
größerer Sicherheit des Erfolges hatte selbst der alte römische Senat
nicht Pläne zur Welteroberung entworfen. Mit größerem Verstand
war an die Ausführung einer größeren Idee noch nicht gedacht worden. Ewig
wird diese Gesellschaft ein Muster aller Gesellschaften sein, die eine
organische Sehnsucht nach unendlicher Verbreitung und ewiger Dauer fühlen,
- aber auch ewig ein Beweis, daß die unbewachte Zeit allein die klügsten
Unternehmungen vereitelt und der natürliche Wachstum des ganzen Geschlechts
unaufhaltsam den künstlichen Wachstum eines Teils unterdrückt. Alles einzelne
für sich hat ein eigenes Maß von Fähigkeit, nur die Kapazität des Geschlechts
ist unermeßlich. Alle Pläne müssen fehlschlagen, die nicht auf alle Anlagen
des Geschlechts vollständig angelegte Pläne sind.
Noch merkwürdiger wird diese Gesellschaft als Mutter der sogenannten
geheimen Gesellschaften, eines jetzt noch unreifen, aber gewiß wichtigen
geschichtlichen Keims. Einen gefährlichern Nebenbuhler konnte der neuer
Lutheranismus, nicht Protestantismus, gewiß nicht erhalten. Alle Zauber
des katholischen Glaubens wurden unter seiner Hand noch kräftiger, die
Schätze der Wissenschaften flossen in seine Zelle zurück. Was in Europa
verloren war, suchten sie in den andern Weltteilen, in dem fernsten Abend
und Morgen vielfach wieder zu gewinnen und die apostolische Würde und
Beruf sich zuzueignen und geltend zu machen. Auch sie blieben in den Bemühungen
nach Popularität nicht zurück und wußten wohl, wieviel Luther seinen demagogischen
Künsten, seinem Studium des gemeinen Volks zu verdanken gehabt hatte.
Überall legten sie Schulen an, drangen in die Beichtstühle, bestiegen
die Katheder und beschäftigten die Pressen, wurden Dichter und Weltweise,
Minister und Märtyrer und blieben in der ungeheuren Ausdehnung von Amerika
über Europa nach China in dem wunderbarsten Einverständnis der Tat und
der Lehre.
Aus ihren Schulen rekrutierten sie mit weiser Auswahl ihren Orden. Gegen
die Lutheraner predigten sie mit zerstörendem Eifer und suchten die grausamste
Vertilgung dieser Ketzer, als eigentlicher Genossen des Teufels, zur dringendsten
Pflicht der katholischen Christenheit zu machen. Ihnen allein hatten die
katholischen Staaten und insonderheit der päpstliche Stuhl ihr langes
Überleben der Reformation zu danken gehabt, und wer weiß, wie alt die
Welt noch aussehn würde, wenn nicht schwache Obere, Eifersucht der Fürsten
und andern geistlichen Orden, Hofintrigen und andere sonderbare Umstände
ihren kühnen Lauf unterbrochen und mit ihnen diese letzte Schutzwehr der
katholischen Verfassung beinah vernichtet hätten. Jetzt schläft er, dieser
furchtbare Orden, in armseliger Gestalt an den Grenzen von Europa, vielleicht
daß er von daher sich, wie das Volk, das ihn beschützt, mit neuer Gewalt
einst über seine alte Heimat, vielleicht unter anderm Namen, verbreitet.
Die Reformation war ein Zeichen der Zeit gewesen. Sie war für ganz Europa
bedeutend, wenn sie gleich nur im wahrhaft freien Deutschland öffentlich
ausgebrochen war. Die guten Köpfe aller Nationen waren heimlich mündig
geworden und lehnten sich im täuschenden Gefühl ihres Berufs um desto
dreister gegen verjährten Zwang auf. Aus Instinkt ist der Gelehrte Feind
der Geistlichkeit nach alter Verfassung; der gelehrte und der geistliche
Stand müssen Vertilgungskriege führen, wenn sie getrennt sind; denn sie
streiten um eine Stelle. Diese Trennung tat sich immer mehr hervor,
und die Gelehrten gewannen desto mehr Feld; je mehr sich die Geschichte
der europäisches Menschheit dem Zeitraum der triumphierenden Gelehrsamkeit
näherte und Wissen und Glauben in eine entschiedenere Opposition traten.
Im Glauben suchte man den Grund der allgemeinen Stockung, und durch das
durchdringende Wissen hoffte man sie zu heben. Überall litt der heilige
Sinn unter den mannigfachen Verfolgungen seiner bisherigen Art, seiner
zeitigen Personalität. Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man
Philosophie und rechnete alles dazu, was dem Alten entgegen war, vorzüglich
also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen
den katholischen Glauben ging allmählich in Haß gegen die Bibel, gegen
den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch
mehr - der Religionshaß dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf
alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Gefühl,
Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen
in der Reihe der Naturwesen mit Not oben an und machte die unendliche
schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren
Mühle, die, vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine
Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes Perpetuum
mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.
Ein Enthusiasmus ward großmütig dem armen Menschengeschlechte
übriggelassen und als Prüfstein der höchsten Bildung jedem Aktionär derselben
unentbehrlich gemacht - der Enthusiasmus für diese herrliche, großartige
Philosophie und insbesondere für ihre Priester und ihre Mystagogen. Frankreich
war so glücklich, der Schoß und der Sitz dieses neuen Glaubens zu werden,
der aus lauter Wissen zusammengeklebt war. So verschrieen die Poesie in
dieser neuen Kirche war, so gab es doch einige Poeten darunter, die des
Effektes wegen noch des alten Schmucks und des alten Lichtes sich bedienten,
aber dabei in Gefahr kamen, das neue Weltsystem mit altem Feuer zu entzünden.
Klügere Mitglieder wußten jedoch die schon warmgewordenen Zuhörer sogleich
wieder mit kaltem Wasser zu begießen. Die Mitglieder waren rastlos beschäftigt,
die Natur, den Erdboden, die menschliche Seele und die Wissenschaften
von der Poesie zu säubern, - jede Spur des Heiligen zu vertilgen, das
Andenken an alle erhebende Vorfälle und Menschen durch Sarkasmen zu verleiden
und die Welt alles bunten Schmucks zu entkleiden.
Das Licht war wegen seines mathematischen Gehorsams und seiner Frechheit
ihr Liebling geworden. Sie freuten sich, daß es sich eher zerbrechen ließ,
als daß es mit Farben gespielt hätte, und so benannten sie nach ihm ihr
großes Geschäft Aufklärung. In Deutschland betrieb man dieses Geschäft
gründlicher, man reformierte das Erziehungswesen, man suchte der alten
Religion einen neuern, vernünftigern, gemeinern Sinn zu geben, indem man
alles Wunderbare und Geheimnisvolle sorgfältig von ihr abwusch; alle Gelehrsamkeit
ward aufgeboten, um die Zuflucht zur Geschichte abzuschneiden, indem man
die Geschichte zu einem häuslichen und bürgerlichen Sitten- und Familien-Gemälde
zu veredeln sich bemühte.
Gott wurde zum müßigen Zuschauer des großen rührenden Schauspiels, das
die Gelehrten aufführten, gemacht, welcher am Ende die Dichter und Spieler
feierlich bewirten und bewundern sollte. Das gemeine Volk wurde recht
mit Vorliebe aufgeklärt und zu jenem gebildeten Enthusiasmus erzogen,
und so entstand eine neue europäische Zunft: die Philanthropen und Aufklärer.
Schade, daß die Natur so wunderbar und unbegreiflich, so poetisch und
unendlich blieb, allen Bemühungen sie zu modernisieren zum Trotz. Duckte
sich ja irgendwo ein alter Aberglaube an eine höhere Weit und sonst auf,
so wurde gleich von allen Seiten Lärm geblasen und wo möglich der gefährliche
Funke durch Philosophie und Witz in der Asche erstickt; dennoch war Toleranz
das Losungswort der Gebildeten und besonders in Frankreich gleichbedeutend
mit Philosophie.
Höchst merkwürdig ist diese Geschichte des modernen Unglaubens, und der
Schlüssel zu allen ungeheuren Phänomenen der neuere Zeit. Erst in diesem
Jahrhundert und besonders in seiner letzten Hälfte beginnt sie und wächst
in kurzer Zeit zu einer unübersehlichen Größe und Mannigfaltigkeit; eine
zweite Reformation, eine umfassendere und eigentümlichere war unvermeidlich
und mußte das Land zuerst treffen, das am meisten modernisiert war und
am längsten aus Mangel an Freiheit in asthenischem4
Zustande gelegen hatte. Längst hätte sich das überirdische Feuer Luft
gemacht und die klugen Aufklärungspläne vereitelt, wenn nicht weltlicher
Druck und Einfluß denselben zustatten gekommen wären. In dem Augenblick
aber, wo ein Zwiespalt unter den Gelehrten und Regierungen, unter den
Feinden der Religion und ihrer ganzen Genossenschaft entstand, mußte sie
wieder als drittes tonangebendes, vermittelndes Glied hervortreten, und
diesen Hervortritt muß nun jeder Freund derselben anerkennen und verkündigen,
wenn er noch nicht merklich genug sein sollte.
Daß die Zeit der Auferstehung gekommen ist und grade die Begebenheiten,
die gegen ihre Belebung gerichtet zu sein schienen und ihren Untergang
zu vollenden drohten, die günstigsten Zeichen ihrer Regeneration geworden
sind, dieses kann einem historischen Gemüte gar nicht zweifelhaft bleiben.
Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Aus der Vernichtung
alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als neue Weltstifterin
empor. Wie von selbst steigt der Mensch gen Himmel auf, wenn ihn nichts
mehr bindet, die höhern Organe treten von selbst aus der allgemeinen gleichförmigen
Mischung und vollständigen Auflösung aller menschlichen Anlagen und Kräfte
als der Urkern der irdischen Gestaltung zuerst heraus. Der Geist Gottes
schwebt über den Wassern, und ein himmlisches Eiland wird als Wohnstätte
der neuen Menschen, als Stromgebiet des ewigen Lebens zuerst sichtbar
über den zurückströmenden Wogen.
Ruhig und unbefangen betrachte der echte Beobachter die neuen staatsumwälzenden
Zeiten. Kommt ihm der Staatsumwälzer nicht wie Sisyphus vor? Jetzt hat
er die Spitze des Gleichgewichts erreicht, und schon rollt die mächtige
Last auf der andern Seite wieder herunter. Sie wird nie oben bleiben,
wenn nicht eine Anziehung gegen den Himmel sie auf der Höhe schwebend
erhält. Alle eure Stützen sind zu schwach, wenn euer Staat die Tendenz
nach der Erde behält. Aber knüpft ihn durch eine höhere Sehnsucht an die
Höhen des Himmels, gebt ihm eine Beziehung aufs Weltall, dann habt ihr
eine nie ermüdende Feder in ihm und werdet eure Bemühungen reichlich belohnt
sehn. An die Geschichte verweise ich euch, forscht in ihrem belehrenden
Zusammenhang nach ähnlichen Zeitpunkten und lernt den Zauberstab der Analogie
gebrauchen.
Soll die Revolution die französische bleiben, wie die Reformation die
lutherische war? Soll der Protestantismus abermals widernatürlicherweise
als revolutionäre Regierung fixiert werden? Sollen Buchstaben Buchstaben
Platz machen? Sucht ihr den Keim des Verderbens auch in der alten Einrichtung,
dem alten Geiste? Und glaubt euch auf eine bessere Einrichtung, einen
bessern Geist zu verstehn? O daß der Geist der Geister euch erfüllte und
ihr abließet von diesem törichten Bestreben, die Geschichte und die Menschheit
zu modeln und eure Richtung ihr zu geben. Ist sie nicht selbständig, nicht
eigenmächtig, so gut wie unendlich liebenswert und weissagend? Sie zu
studieren, ihr nachzugehn, von ihr zu lernen, mit ihr gleichen Schritt
zu halten, gläubig ihren Verheißungen und Winken zu folgen - daran denkt
keiner.
In Frankreich5
hat man viel für die Religion
getan, indem man ihr das Bürgerrecht genommen und ihr bloß das Recht der
Hausgenossenschaft gelassen hat, und zwar nicht in einer Person,
sondern in allen ihren unzähligen individuellen Gestalten. Als ehe fremde,
unscheinbare Waise muß sie erst die Herzen wieder gewinnen und schon überall
geliebt sein, ehe sie wieder öffentlich angebetet und in weltliche Dinge
zur freundschaftlichen Beratung und Stimmung der Gemüter gemischt wird.
Historisch merkwürdig bleibt der Versuch jener großen eisernen Maske,
die unter dem Namen Robespierre in der Religion den Mittelpunkt und die
Kraft der Republik suchte; auch der Kaltsinn, womit die Theophilanthropie,
dieser Mystizismus der neuern Aufklärung, aufgenommen worden ist: auch
die neuen Eroberungen der Jesuiten; auch die Näherung ans Morgenland durch
die neuern politischen Verhältnisse.
Von den übrigen europäischen Ländern, außer Deutschland, läßt sich nur
prophezeien, daß mit dem Frieden ein neues höheres religiöses Leben
in innen zu pulsieren [beginnen] und bald alles andere weltliche Interesse
verschlingen wird. In Deutschland hingegen kann man schon mit voller Gewißheit
die Spuren einer neuen Welt aufzeigen. Deutschland geht einen langsamen,
aber sichern Gang vor den übrigen europäischen Ländern voraus. Während
diese durch Krieg, Spekulation und Parteigeist beschäftigt sind, bildet
sich der Deutsche mit allem Fleiß zum Genossen einer höhern Epoche der
Kultur, und dieser Vorschritt muß ihm ein großes Übergewicht über die
andern im Laufe der Zeit geben.
In Wissenschaften und Künsten wird man eine gewaltige Gährung gewahr.
Unendlich viel Geist wird entwickelt. Aus neuen, frischen Fundgruben wird
gefördert. - Nie waren die Wissenschaften in besseren Händen und erregten
wenigstens größere Erwartungen; die verschiedensten Seiten der Gegenstände
werden ausgespürt, nichts wird ungerüttelt, unbeurteilt, undurchsucht
gelassen. Alles wird bearbeitet; die Schriftsteller werden eigentümlicher,
jedes alte Denkmal der Geschichte, jede Kunst, jede Wissenschaft findet
Freunde und wird mit neuer Liebe umarmt und fruchtbar gemacht. Eine Vielseitigkeit
ohnegleichen, eine wunderbare Tiefe, eine glänzende Politur, vielumfassende
Kenntnisse und eine reiche, kräftige Phantasie findet man hie und da,
und oft kühn gepaart.
Eine gewaltige Ahndung der schöpferischen Willkür, der Grenzenlosigkeit,
der unendlichen Mannigfaltigkeit, der heiligen Eigentümlichkeit und der
Allfähigkeit der innern Menschheit scheint überall rege zu werden. Aus
dem Morgentraum der unbehülflichen Kindheit erwacht, übt ein Teil des
Geschlechts seine ersten Kräfte an Schlangen, die seine Wiege umschlingen
und den Gebrauch seiner Gliedmaßen ihm benehmen wollen. Noch sind alles
nur Andeutungen, unzusammenhängend und roh, aber sie verraten dem historischen
Auge eine universelle Individualität, eine neue Geschichte, eine neue
Menschheit, die süßeste Umarmung einer jungen überraschten Kirche und
eines liebenden Gottes und das innige Empfängnis eines neuen Messias in
ihren tausend Gliedern zugleich.
Wer fühlt sich nicht mit süßer Scham guter Hoffnung? Das Neugeborne wird
das Abbild seines Vaters, eine neue goldne Zeit mit dunkeln, unendlichen
Augen, eine prophetische, wundertätige und wundenheilende, tröstende und
ewiges Leben entzündende Zeit sein - eine große Versöhnungszeit, ein Heiland,
der wie ein echter Genius unter den Menschen einheimisch, nur geglaubt,
nicht gesehen werden, und unter zahllosen Gestalten den Gläubigen sichtbar,
als Brot und Wein verzehrt, als Geliebte umarmt, als Luft geatmet, als
Wort und Gesang vernommen und mit himmlischer Wollust als Tod unter den
höchsten Schmerzen der Liebe in das Innere des verbrausenden Leibes aufgenommen
wird.
Jetzt stehn wir hoch genug, um auch jenen oberwähnten, vorhergegangenen
Zeiten freundlich zuzulächeln und auch in jenen wunderlichen Torheiten
merkwürdige Kristallisationen des historischen Stoffs zu erkennen. Dankbar
wollen wir jenen Gelehrten und Philosophen die Hände drücken; denn dieser
Wahn mußte zum Besten der Nachkommen erschöpft und die wissenschaftliche
Ansicht der Dinge geltend gemacht werden. Reizender und farbiger steht
die Poesie wie ein geschmücktes Indien dem kalten, toten Spitzbergen jenes
Stubenverstandes gegenüber. Damit Indien in der Mitte des Erdballs so
warm und herrlich sei, muß ein kaltes, starres Meer, tote Klippen, Nebel
statt des gestirnvollen Himmels und eine lange Nacht die beiden Enden
unwirtbar machen. Die tiefe Bedeutung der Mechanik lag schwer auf diesen
Anachoreten in den Wüsten des Verstandes, das Reizende der ersten Einsicht
überwältigte sie, das Alte rächte sich an ihnen, sie opferten dem ersten
Selbstbewußtsein das Heiligste und Schönste der Welt mit wunderbarer Verleugnung
und waren die ersten, die wieder die Heiligkeit der Natur, die Unendlichkeit
der Kunst, die Notwendigkeit des Wissens, die Achtung des Weltlichen und
die Allgegenwart des wahrhaft Geschichtlichen durch die Tat anerkannten
und verkündigten und einer höhern, allgemeinern und furchtbarern Gespensterherrschaft,
als sie selbst glaubten, ein Ende machten.
Erst durch genauere Kenntnis der Religion wird man jene fürchterlichen
Erzeugnisse eines Religionsschlafs, jene Träume und Deliria des heiligen
Organs besser beurteilen und dann erst die Wichtigkeit jenes Geschenks
recht einsehn lernen. Wo keine Götter sind, walten Gespenster, und die
eigentliche Entstehungszeit der europäischen Gespenster, die auch ihre
Gestalt ziemlich vollständig erklärt, ist die Periode des Übergangs der
griechischen Götterlehre in das Christentum. Also kommt auch, ihr Philanthropen
und Enzyklopädisten, in die friedenstiftende Loge und empfangt den Bruderkuß,
streift das graue Netz ab und schaut mit junger Liebe die Wunderherrlichkeit
der Natur, der Geschichte und der Menschheit an. Zu einem Bruder will
ich euch führen, der soll mit euch reden, daß euch die Herzen aufgehn
und ihr eure abgestorbene, geliebte Ahndung mit neuem Leibe bekleidet,
wieder umfaßt und erkennt, was euch vorschwebt und was der schwerfällige,
irdische Verstand freilich euch nicht haschen konnte.
Dieser Bruder ist der Herzschlag der neuen Zeit, wer ihn gefühlt hat,
zweifelt nicht mehr an ihrem Kommen und tritt mit süßem Stolz auf seine
Zeitgenossenschaft auch aus dem Haufen hervor zu der neuen Schar der Jünger.
Er hat einen neuen Schleier für die Heilige gemacht, der ihren himmlischen
Gliederbau anschmiegend verrät und doch sie züchtiger als ein andrer verhüllt.
- Der Schleier ist für die Jungfrau, was der Geist für den Leib ist, ihr
unentbehrliches Organ, dessen Falten die Buchstaben ihrer süßen Verkündigung
sind; das unendliche Faltenspiel ist eine Chiffernmusik, denn die Sprache
ist der Jungfrau zu hölzern und zu frech, nur zum Gesang öffnen sich ihre
Lippen. Mir ist er nichts als der feierliche Ruf zu einer neuen Urversammlung,
der gewaltige Flügelschlag eines vorüberziehenden englischen Herolds.
Es sind die ersten Wehen, setze sich jeder in Bereitschaft zur Geburt!
Das höchste in der Physik ist jetzt vorhanden, und wir können nun leichter
die wissenschaftliche Zunft übersehn. Die Hülfsbedürftigkeit der äußeren
Wissenschaften ward in der letzten Zeit immer sichtbarer, je bekannter
wir mit ihnen wurden. Die Natur fing an, immer dürftiger auszusehn, und
wir sahen deutlicher, gewöhnt an den Glanz unserer Entdeckungen, daß es
nur ein geborgtes Licht war und daß wir mit den bekannten Werkzeugen und
den bekannten Methoden nicht das Wesentliche, das Gesuchte finden und
konstruieren würden. Jeder Forscher mußte sich gestehn, daß eine Wissenschaft
nichts ohne die andere sei, und so entstanden Mystifikationsversuche der
Wissenschaften, und das wunderliche Wesen der Philosophie flog jetzt als
rein dargestelltes wissenschaftliches Element zu einer symmetrischen Grundfigur
der Wissenschaften an. Andere brachten die konkreten Wissenschaften in
neue Verhältnisse, beförderten einen lebhaften Verkehr derselben untereinander
und suchten ihre naturhistorische Klassifikation aufs reine zu bringen.
So währt es fort, und es ist leicht zu ermessen, wie günstig dieser Umgang
mit der äußern und innern Welt, der höhern Bildung des Verstandes, der
Kenntnis der erstern und der Erregung und Kultur der letztern sein muß,
und wie unter diesen Umständen die Witterung sich klären und der alte
Himmel und mit ihm die Sehnsucht nach ihm, die lebendige Astronomie, wieder
zum Vorschein kommen muß.
Nun wollen wir uns zu dem politischen Schauspiel unsrer Zeit wenden.
Alte und neue Welt sind in Kampf begriffen, die Mangelhaftigkeit und Bedürftigkeit
der bisherigen Staatseinrichtungen sind in furchtbaren Phänomenen offenbar
geworden. Wie wenn auch hier wie in den Wissenschaften eine nähere und
mannigfaltigere Konnexion und Berührung der europäischen Staaten zunächst
der historische Zweck des Krieges wäre, wenn eine neue Regung des bisher
schlummernden Europa ins Spiel käme, wenn Europa wieder erwachen wollte,
wenn ein Staat der Staaten, eine politische Wissenschaftslehre uns bevorstände!
Sollte etwa die Hierarchie, diese symmetrische Grundfigur der Staaten,
das Prinzip des Staatenvereins, als intellektuale Anschauung des politischen
Ichs sein? Es ist unmöglich, daß weltliche Kräfte sich selbst ins Gleichgewicht
setzen, ein drittes Element, das weltlich und überirdisch zugleich ist,
kann allein diese Aufgabe lösen.
Unter den streitenden Mächten kann kein Friede geschlossen werden, aller
Friede ist nur Illusion, nur Waffenstillstand; auf dem Standpunkt der
Kabinetter, des gemeinen Bewußtseins ist keine Vereinigung denkbar. Beide
Teile haben große, notwendige Ansprüche und müssen sie machen, getrieben
vom Geiste der Welt und der Menschheit. Beide sind unvertilgbare Mächte
der Menschenbrust: Hier die Andacht zum Altertum, die Anhänglichkeit an
die geschichtliche Verfassung, die Liebe zu den Denkmalen der Altväter
und der alten glorreichen Staatsfamilie und Freude des Gehorsams; dort
das entzückende Gefühl der Freiheit, die unbedingte Erwartung mächtiger
Wirkungskreise, die Lust am Neuen und Jungen, die zwanglose Berührung
mit allen Staatsgenossen, der Stolz auf menschliche Allgemeingültigkeit,
die Freude am persönlichen Recht und am Eigentum des Ganzen und das kraftvolle
Bürgergefühl. Keine hoffe die andre zu vernichten, alle Eroberungen wollen
hier nichts sagen, denn die innerste Hauptstadt jedes Reichs liegt nicht
hinter Erdwällen und läßt sich nicht erstürmen.
Wer weiß, ob des Kriegs genug ist, aber er wird nie aufhören, wenn man
nicht den Palmenzweig ergreift, den allein eine geistliche Macht darreichen
kann. Es wird solange Blut über Europa strömen, bis die Nationen ihren
fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden, der sie im Kreise herumtreibt,
und, von heiliger Musik getroffen und besänftigt, zu ehemaligen Altären
in bunter Vermischung treten, Werke des Friedens vornehmen und ein großes
Liebesmahl als Friedensfest auf den rauchenden Wahlstätten mit hießen
Tränen gefeiert wird. Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und
die Völker sichern und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar
auf Erden in ihr altes friedenstiftendes Amt installieren.
Haben die Nationen alles vom Menschen - nur nicht sein Herz - sein heiliges
Organ? Werden sie nicht Freunde, wie diese an den Särgen ihrer Lieben,
vergessen sie nicht alles Feindliche, wenn das göttliche Mitleid zu ihnen
spricht - und ein Unglück, ein Jammer, ein Gefühl
ihre Augen mit Tränen füllte? Ergreift sie nicht Aufopferung und Hingebung
mit Allgewalt, und sehnen sie sich nicht, Freunde und Bundesgenossen zu
sein?
Wo ist jener alte, liebe, alleinseligmachende Glaube an die Regierung
Gottes auf Erden, wo ist jenes himmlische Zutrauen der Menschen zueinander,
jene süße Andacht bei den Ergießungen eines gottbegeisterten Gemüts, jener
allesumarmende Geist der Christenheit?
Das Christentum ist dreifacher Gestalt. Eine ist als Zeugungselement
der Religion, als Freude an aller Religion. Eine als Mittlertum überhaupt,
als Glauben an die Allfälligkeit alles Irdischen, Wein und Brot des ewigen
Lebens zu sein. Eine als Glauben an Christus, seine Mutter und die Heiligen.
Wählt, welche ihr wollt; wählt alle drei, es ist gleichviel, ihr werdet
damit Christen und Mitglieder einer einzigen, ewigen, unaussprechlichen
Gemeinde.
Angewandtes, lebendig gewordenes Christentum war der alte katholische
Glaube, die letzte dieser Gestalten. Seine Allgegenwart im Leben, seine
Liebe zur Kunst, seine tiefe Humanität, die Unverbrüchlichkeit seiner
Ehen, seine menschenfreundliche Mitteilsamkeit, seine Freude an Armut,
Gehorsam und Treue machen ihn als echte Religion unverkennbar und enthalten
die Grundzüge seiner Verfassung.
Er ist gereinigt durch den Strom der Zeiten; in inniger unteilbarer Verbindung
mit den beiden andern Gestalten wird er ewig diesen Erdboden beglücken.
Seine zufällige Form ist so gut wie vernichtet, das alte Papsttum liegt
im Grabe, und Rom ist zum zweitenmal eine Ruine geworden. Soll der Protestantismus
nicht endlich aufhören und einer neuen, dauerhaftern Kirche Platz machen?
Die andern Weltteile warten auf Europas Versöhnung und Auferstehung,
um sich anzuschließen und Mitbürger des Himmelreichs zu werden. Sollte
es nicht in Europa bald eine Menge wahrhaft heiliger Gemüter wieder geben,
sollten nicht alle wahrhafte Religionsverwandte voll Sehnsucht werden,
den Himmel auf Erden zu erblicken und gern zusammentreten und heilige
Chöre anstimmen?
Die Christenheit muß wieder lebendig und wirksam werden und sich wieder
eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle
nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoß aufnimmt und gern
Vermittlerin der alten und neuen Welt wird.
Sie muß das alte Füllhorn des Segens wieder über die Völker ausgießen.
Aus dem heiligen Schoße eines ehrwürdigen europäischen Konziliums wird
die Christenheit aufstehn und das Geschäft der Religionserweckung nach
einem allumfassenden, göttlichen Plane betrieben werden. Keiner wird dann
protestieren gegen christlichen und weltlichen Zwang, denn das Wesen der
Kirche wird echte Freiheit sein, und alle nötigen Reformen werden unter
der Leitung derselben als friedliche und förmliche Staatsprozesse betrieben
werden.
Wann und wann eher? Darnach ist nicht zu fragen. Nur Geduld, sie wird,
sie muß kommen, die heilige Zeit des ewigen Friedens, wo das neue Jerusalem
die Hauptstadt der Welt sein wird; und bis dahin seid heiter und mutig
in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens, verkündigt mit Wort
und Tat das göttliche Evangelium und bleibt dem wahrhaften, unendlichen
Glauben treu bis in den Tod.
|
|