Pro Deo et Imperio

  Gebet für ein christliches Deutschland
  Heimseite
  Reichspsalterion
  Das Monarchieforum
  Bibliographien
  Karl Ludwig von Haller 
  J. S. Bach
  Dichtungen
  Geistliche Texte
  Die Weisse Rose
  Kontakt
  Zum Gästebuch

 Archiv |  Kuehnelt-Leddihn |  Kirchliche Lehre |  Kirche nach dem "Konzil" |  Imperialgeschichte |  Imperialverfassung ||  Russland

Neues Abendland

Von Johann Wilhelm Naumann. Geleitwort bei Begründung von „Neues Abendland - Zeitschrift für Politik, Kultur und Geschichte“. Nr. 1, 1946, S. 1

Der Begriff Abendland hat in der Abwandlung seiner geschichtlichen Bedeutung als einer einheitlichen Kulturauffassung des westlichen und mittleren Europas nur eine Auslegung ermöglicht und erfahren: die christliche. Weder die geographische noch die volkliche Zusammensetzung Europas, sondern eine geistige Haltung gaben ihm den wesentlichen Sinn. Antike und Christentum, Juno und Ecclesia, humanitas und caritas prägten ihn; im mittelalterlichen Universalismus war er verwirklicht.

Wer auch immer jeweils nach der Zerstörung der abendländischen Einheit die Ursachen des „Unterganges des Abendlandes“ untersucht hat, kam zu der gleichen Feststellung, nämlich jener: daß die Zerstörung des abendländischen Universalismus bereits begonnen hat in der Sucht der ratio, Dinge zu erklären, die nur glaubensmäßig zu sehen und zu finden sind: Der Glaube steht vor der ratio; letztere führt, verabsolutiert, zur Trennung von Wissen und Glauben.

*

Abaelard, als der Begründer rationalistischer Denkungsweise, war der Anfang der Lockerung einer einheitlichen Geistesverfassung des Mittelalters, war der Vater der Irrungen. Er entthronte eine mystische Lebensauffassung und legte durch den reinen Rationalismus den Grund zur Spaltung. Er wurde damit der Anfang des Endes der geistigen und politischen Einheit des Abendlandes. „Abaelard ist in der Theologie, was er in der Philosophie ist, weder ganz orthodox noch ganz häretisch; doch der Häresie weit näher als der Orthodoxie.“[1] In der Schule dieses Dialektikers wird die Frage: ob Spiritualismus oder Materialismus, aufgeworfen; sie wird zur leidenschaftlichen Auseinandersetzung des Meisters der Rede und seiner Schüler mit der einheitlichen Auffassung des Abendlandes vom Glauben als der ersten Realität vor dem Wissen.

Die Ratio empfängt aus Abaelards Lehre die Priorität vor der Offenbarung. Wilhelm von Champeaux, der Realist, der die Wirklichkeit der Ideen annimmt, d. i. das objektive und immerwährende Bestehen der ihnen entsprechenden Ideale (rem de re praedicari non posse, sed ideam de ideis), Roscellin, der Nominalist, der die Ideen mit den Begriffen verwechselt: es gibt keine Ideale, es gibt nur Worte (Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem), sind die beiden sich streitenden Männer, mit denen er sich auseinandersetzt. Um ihre Probleme drehen sich die Forschungen menschlicher Wissenschaften; sie verursachen die geistigen und politischen Revolutionen der folgenden Jahrhunderte, sie werden zur Diskussion bis zum heutigen Tage, sie züchten den Hochmut der Wissenschaften, sie verändern das Bild der Geisteshaltung des Abendlandes, sie werden zum politischen Mißbrauch von Gott geschenkter Obrigkeit und Macht, zum Streit in Gesetzgebung, Moral und Politik, in allen Einrichtungen menschlichen Lebens.

Der Rationalismus verkehrt das Wort des Völkerlehrers Paulus: Wir sehen nicht hin auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare ewig (2. Kor. 4, 18.) Die Grundlage der christlichen Philosophie ist angegriffen und muß sich verteidigen. Der Versuch Abaelards, beide Theorien, Nominalismus und Realismus, zu versöhnen durch seinen Conceptionalismus führt im Glauben nur zu einem Dafürhalten (aestimatio). Der Verstand hat dabei die Aufgabe, diese Meinung zu untersuchen und die Wahrheit zu beweisen. Kein Dogma ist mehr sicher und in seiner Schrift „Sic et non“ macht er den Glauben an die Offenbarung zum Problem. Sein Gegner ist Bernhard von Clairvaux. Bernhard sieht „die verderblichen Lehren sich auf künftige Jahrhunderte verpflanzen, er widerlegt ihn, Abaelard widerruft, aber die Saat des Rationalismus ist gelegt und das Abendland als geistige Einheit zerbricht an der Problemstellung des Glaubens und der neuen „Geistesfreiheit“.

Abaelard will den Fortschritt durch Menschenkraft, Bernhard durch die Macht Gottes. Die Auswirkung dieses Rationalismus aber ist die Trennung von Wissen und Glauben mit allen ihren Konsequenzen, die im Verlauf der europäischen Geistesgeschichte eingetreten sind: der Trennung von Welt, und Gott im Deismus, der Trennung von Moral und Religion in der autonomen Ethik, der Trennung von Wirtschaft und Moral im Liberalismus, und schließlich der Trennung von Macht und Recht bei Hegel, Treitschke und Nietzsche; kurzum die Zerstörung der einstigen geistigen Universitas, die Irrlehre von der absoluten Eigengesetzlichkeit der einzelnen Kultursachgebiete, die ganze Kulturzerrissenheit der Moderne mit ihrer trostlosen Gottferne beruht auf dieser ersten Überheblichkeit der ratio. Mit der Zerstörung der einstigen geistigen Universitas aber ging die der politischen Hand in Hand; an die Stelle der Staatengemeinschaft des Heiligen Römischen Reiches trat der moderne Nationalstaat mit seiner letzten dämonischen Konsequenz, dem Nationalsozialismus.

*

Soll diese Katastrophe den Glauben an die Mater occidentalis erschüttern? Freilich ist dieses Abendland nicht mehr die Idee eines großen Reiches, es ist überhaupt nicht ein geographischer oder geopolitischer Begriff. Und zu diesem Abendland gehört Deutschland, zertreten durch die Dämonie des Hochmuts. Es sucht eine neue moralische, geistige und politische Linie. Stehenbleiben und Zusehen, Trauern und Anklagen sind keine Baumeister. Sie geben nur eine weitere Fläche frei für die Saat des Unfriedens. Pius XII. sagte in einer Ansprache, daß alle Trümmer Europas ihn nicht so sehr erschüttern wie die geistigen Zerstörungen, die dieser Krieg angerichtet hätte. Es geht also um mehr als nur um den Wiederaufbau äußerer Formen: es geht um die Freimachung von Ideologien der Finsternis, um Licht in der Nacht, die, wird sie nicht erleuchtet, durch die Atomzertrümmerung zur ewigen Nacht werden muß.

„Neues Abendland!“ - Ist es nicht wieder der dem Deutschen stets vorgeworfene Hochmut, daß gerade Deutsche mit der Frage abendländischer Erneuerung sich befassen? Ist es nicht vielmehr eine Verpflichtung, eben deshalb, weil die Welt, Europa und wir selbst durch dieses Deutschland so Unsagbares gelitten haben, daß Deutsche sich zuerst bemühen müssen, ihre Haltung zu revidieren? Deutschland kann sich nicht vom Abendland trennen. Es muß wieder einmal eingegliedert werden in die Gemeinschaft der Völker. Es hat sich aus ihr schuldhaft selbst gelöst und wird und muß wieder durch christliche Selbstbesinnung und durch die Sühne seiner Schuld zur Mater occidentalis zurückfinden. Eine schweizerische Zeitung schrieb vor einiger Zeit, daß Deutschland durch seine Zerstörungen und durch seine Not eines den anderen Ländern voraus habe: es könne auch zuerst mit seinem geistigen Aufbau beginnen. In diese Aufgabe wird die Zeitschrift „Neues Abendland“ eintreten.

*

Konstantin Frantz, der nach Leibniz bedeutendste deutsche politische Universalist, hat einmal geschrieben:

„Man kann es als Regel aussprechen: Je schwächer die religiösen, moralischen und rechtlichen Bande sind, um so stärker wird das Bedürfnis mechanischer und materieller Bande und um so weniger kann wirkliche Freiheit bestehen. Das ist die göttliche Weltregierung, daß die Völker, in demselben Maße als sie sich von Gott abwenden, sich auch selbst die eiserne Zuchtrute flechten. Wie die Saat, so auch die Ernte: Kultus der Vernunft und des Cäsarismus“.

Diese Erkenntnis des deutschen Föderalisten Konstantin Frantz verlangt die geistige und politische Erneuerung Deutschlands aus abendländischem Geist. Das Wissen davon, daß das Reich Bismarcks mit der Zerstörung des für Deutschland naturnotwendig gegebenen Föderalismus verbunden war, zwingt uns zu der grundsätzlichen Untersuchung der Fehlquellen deutscher Entwicklung in den letzten 100 Jahren. Wieder ist es Konstantin Frantz, der in Partikularismus wie in der Zentralisation einen Widerspruch zum Christentum findet. Er sagt in seinem Buche „Das neue Deutschland“ 1871:

„Ist der Partikularismus jedenfalls nicht christlich, so ist die Zentralisation entschieden widerchristlich, als eine Ausgeburt des römischen Heidentums und so bestätigt es die Erfahrung der letzten Jahrhunderte, daß in demselben Maße, als man sich von der christlichen Weltansicht entfernte, einerseits ein partikularistischer Verfall der europäischen Menschheit hervortrat, wonach jeder Staat nur für sich allein gelten wollte, indessen andererseits in jedem einzelnen Staate die Zentralisation hervorkam. Denn beides geht Hand in Hand.“

Wenn das eine im Zentralismus für Deutschland zum Verhängnis wurde, so wird das andere im Partikularismus niemals als föderalistische Staatsauffassung gelten können. Man nennt dies zentralistischen Partikularismus.

Der Zeitschrift „Neues Abendland“ geht es vornehmlich darum, der seit Treitschke, Droysen und Sybel verpreußten deutschen Geschichtsauffassung entgegenzutreten und die föderalistisch-universalistische Tradition von Gfrörer, Böhmer, Ficker, Frantz, Gervinus, Klopp, Roesler und Kaindl zu pflegen. Onno Klopp, der hannoversche Föderalist (1822-1903), behauptet über die preußische Geschichtsschreibung:

„Neunzehntel der preußischen Geschichtsliteratur sind vom preußischen Geiste durchsättigt. Es ist derselbe Geist wie auf praktisch-politischem Gebiet: Der Geist der Unwahrheit und der Fälschung“.

Franz Xaver Hoermann, der bekannte bayerische Föderalist, schrieb über dieselbe Frage:

„Schule, Presse und Literatur wurden in kurzem Ablagerungsstätten dieser einseitigen und vielfach antideutschen Geschichtsklitterung“.

Wir werden auch das Reich Bismarcks untersuchen; werden - dafür hat uns das „tausendjährige Reich“ in der Verbannung vom Beruf des Schreibens Gelegenheit gegeben, nachzudenken und zu forschen - auch hier Wahrheit und Irrtum trennen, weil ein Bündnis zwischen ihnen nicht möglich ist. Noch drei Zitate sollen nicht verschwiegen werden, die seherisch der Zeit vorausgeeilt sind. Papst Pius IX. sagte 1874 bei einer Ansprache über das Reich Bismarcks:

„Nicht ich, nur der Ewige weiß, ob nicht das Sandkorn von den Bergen der Vergeltung sich schon gelöst, das, im Niedergang zum Bergsturz wachsend, an die tönernen Füße des Reiches anrennen und es in Trümmer werfen wird: dieses Reich, das wie der Turm zu Babel Gott zum Trotz errichtet wurde und zur Verherrlichung Gottes vergehen wird“.

Der evangelische Pfarrer Christian Berger schrieb 1872:

„Erst, wenn wir den Zusammenbruch unserer Herrlichkeit als Folge und Strafe ansehen der heidnischen Politik, die wir seit Bismarck betrieben haben, können wir uns beugen unter unserem schweren Schicksal“.[2]

Karl Barth schreibt in einer Broschüre „Können die Deutschen wieder gesund werden?“

„Überhaupt dürfte die Idee des nationalen Einheitsstaats im 19. Jahrhundert mehr von der Hölle als vom Himmel auf die Erde gekommen sein“.

Soll nun die Zeitschrift „Neues Abendland“ ein Organ der Preußenhetze werden?: Nein! Nicht so wie sie betrieben wurde und wird, weil wir als Christen niemals die niedrige Art einer personalen Preußenverdammung mitmachen können. Unsere Aufgabe soll es sein, den Ungeist eines preußischen Hochmutes, der Geschichtsfälschung und des vermassenden Militarismus zu bekämpfen und mit dem richtigen Namen zu nennen, mag er sich nun geographisch mit dem ehemaligen Preußenstaate decken oder auch in süddeutschen Ländern gelebt haben und zu finden sein.

„Neues Abendland“ steht im Dienst der Erneuerung Deutschlands aus christlich-universalistischem Geist, also im Sinne echter abendländischer Geisteshaltung; wohlwissend, daß nur ein wieder christliches und föderalistisches Deutschland heimfindet zur - Mater occidentalis! Gott segne unser Beginnen!

Grundsatz:

In Zeiten, wo die sittliche Welt in allen ihren Tiefen bewegt erscheint, und die Gesellschaft mit großen Wellen schlägt und brandet, ist es notwendig für jeden, der sich dem Spiel der Elemente nicht preisgeben will, daß er sich zuerst nach den Standsternen des Himmels zurechtzufinden suche, damit er einen Halt gewinne, in dem er festbleibt, in der Mitte der Bewegungen, und damit er die Weltgegenden erkenne und wisse, woher Windeszug und Wasserströmungen kommen, und wohin sie wieder ziehen.“ Joseph Görres.



[1]     Cousin, ouvrages inédits d'Abailard, introd, p. 184.

[2]     wirklich von 1872 ?? M.M.

 

Zum Archiv der Monarchieliga

Geschichte des Imperiums

Zur Heimseite der Monarchieliga