Brief an einen italienischen Freund
Armin Mohler. Quelle: Armin Mohler, Von rechts gesehen, Seewald Verlag,
Stuttgart 1974, S. 43 - 54. Eine italienische Zeitschrift, „Intervento“,
bat um einen Artikel über die verschiedenen Strömungen, konservative
und andere, der deutschen Rechten seit Kriegsende. Daraus entstand
dieser Brief, mit dem Untertitel „Die deutsche Rechte seit
1945“. Die deutsche Fassung erschien 1972 in „Criticón“.
Caro Amico,
Sie möchten von mir wissen, was es mit der deutschen Rechten von heute
auf sich habe, in der Politik und in der politischen Publizistik. Ein
Wunsch, der schwer zu erfüllen ist! Zunächst: von „rechts“,
von einer „Rechten“ sprechen hier nur die Gegner dieser
Rechten. In der Politik will niemand „rechts“ sein man will
„in der Mitte“ stehen oder allerhöchstens etwas rechts von
der Mitte. Wer unter den politischen Schriftstellern nicht links einzuordnen
ist und sich auch nicht der liberalen Mitte zurechnet, zieht es vor,
sich „konservativ“ zu nennen, oder besser noch „liberalkonservativ“
(das ist das zahmste Etikett). Als Bezeichnung für die eigene Position
meidet man das Wort „die Rechte“ wie die Pest, obwohl es
im Deutschen dem gleichen Wortstamm angehört wie „das Richtige“.
Für diese Haltung sind vor allem drei Gründe zu nennen. Zwei davon
kennen Sie auch in Italien. Zunächst hat die europäische Aufklärung
die bis heute nachwirkende Suggestion verbreitet, die Linke sei das
Gute und die Rechte das Böse. Nun, diese allzu simple Vorstellung hat
dann unter dem Druck der täglichen Erfahrung Schaden gelitten: schließlich
wurden unter den „guten“ Parolen der Linken die Menschen
genau so ihrer Freiheit beraubt oder ermordet wie unter anderen Parolen,
und die versprochenen Paradiese wurden nie auch nur im Ansatz verwirklicht.
Doch der Zweite Weltkrieg hat dann die alte Illusion durch eine neue
ersetzt. Im populären Vorurteil gilt die Rechte ja als der Verlierer
dieses Krieges. Man ist nun aus ganz anderen Gründen links (oder halblinks):
nicht weil man die Linke für das Bessere hielte, sondern weil man glaubt,
daß „Genosse Trend“ unweigerlich und endgültig uns alle
nach links führen werde. Gewiß hat man inzwischen die Erfahrung gemacht,
daß die angeblich so fortschrittliche Linke dort, wo sie ihren Idealstaat
verwirklicht, einst moderne Industriestaaten in vorindustrielle Zustände
auf Tauschhandelsbasis, mit bürokratischer Diktatur im Gottesgnadenstil,
zurückwirft. Doch man registriert diese Erfahrung bloß. Konsequenzen
zieht man nicht aus ihr. „Man kann ja doch nichts dagegen tun.“
Auf weite Sicht ist dieser neue Typus des opportunistischen Linken wirkungsvoller
als der alte idealistische Typus des Linken. Er unterschätzt die menschliche
Natur mit ihren Schwächen nicht so, wie sein Vorgänger das tat. Und
er weiß kollektive Resignation mit individuellem Hedonismus angenehm
zu verbinden: die Buß- und Demutshaltung alterniert bei ihm mit saftigem
Lebensgenuß, solange die Puritaner die Elbe noch nicht überschritten
haben. Doch wie gesagt: das alles kennen Sie auch. Auch Sie haben die
Erfahrung gemacht, daß die Linke heute keine Angelegenheit der kleinen
Leute mehr ist, sondern eine Anpassungsform der Bourgeoisie.
Der dritte Grund ist, daß die Entwicklung der deutschen Rechten seit
1945 - wie diejenige der deutschen Politik seit :1945 überhaupt - im
Banne von Auschwitz steht. Das unterscheidet die deutsche Situation
von der Ihren. Die Sieger von 1945 haben die deutsche Rechte mit dem
Nationalsozialismus in einen Topf geworfen, obwohl der einzige ernsthafte
Aufstandsversuch gegen das nationalsozialistische Reich ein Putsch von
rechts war (der „20. Juli 1944“). Es setzte das ein, was
man mit einem wohl unübersetzbaren Wort die „Vergangenheitsbewältigung“
genannt hat und was die Deutschen zu einem völlig durchneurotisierten
Volk machte. Die deutsche Rechte richtete deshalb ihre Politik und ihr
Denken nicht danach aus, was die Wirklichkeit von ihr forderte - was
sie tat und dachte, hatte vielmehr den einzigen Zweck, die behauptete
Verwandtschaft mit dem Nationalsozialismus zu widerlegen. Wenn ein Deutscher
einen Hut kauft, so kauft er sich nicht denjenigen Hut, den er für schön
oder praktisch hält. Nein, er fragt sich zuerst, welchen Hut Hitler
hatte, und dann kauft er sich das Gegenteil.
Nach dem Gesagten wird es Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen sage,
daß es in der deutschen Politik seit 1945 und bis heute eine Rechte,
die zählt, gar nicht gibt. In Frankreich und Italien hatten sich die
„Rechten“ nach 1945 zunächst unter den Schutzschirm der
Christdemokraten geflüchtet. In Deutschland war der Fluchtreflex noch
stärker: er trieb die Männer der Rechten auch und fast mehr unter die
Fittiche der Sozialdemokraten und die der Liberalen (FDP). „Rechts“
wird oft mit „national“ gleichgesetzt - und die SPD Schumachers
war damals zweifellos nationaler als die CDU Adenauers und die FDP Dehlers.
Gut, das war die Ausnahmesituation gleich nach dem Krieg. Hat sich seither
eine politische Rechte gebildet? Zunächst ist zu sagen, daß die potentiell
„rechten“ Kräfte sich in ihrer Mehrheit verzweifelt gegen
die erwähnte Gleichsetzung von „rechts“ und „national“
wehren, weil „national“ schon fast so viel ist wie „nationalistisch“
und diese wiederum wie „nationalsozialistisch“. Es ist ein
Charakteristikum der deutschen Rechten, daß in ihr „Konservatismus“
und „Nationalismus“ - die in der Rechten so vieler anderer
Länder sich überschneiden, wenn nicht gar decken - scharf voneinander
getrennt sind. In einer Zeit, die des Lobes voll ist über den ghanesischen
oder den bolivianischen Nationalismus, findet sich in der Bundesrepublik
jede als „nationalistisch“ deklarierte Gruppe sogleich im
Ghetto: sie hat nicht nur die gesamte Meinungsbildungs-Apparatur gegen
sich, sondern auch - wie zuletzt der Fall der NPD zeigte - die Staats-Apparatur.
Haben die konservativen Kräfte mehr Spielraum? Es ist kennzeichnend
für die Bundesrepublik, daß Ansätze zu konservativer Parteibildung nur
dort möglich waren, wo sie sozusagen im Schutz der Folklore sich entwickeln
konnten - so die „Deutsche Partei“ (1947--1961), soweit
sie Trägerin der welfischen Überlieferung in Niedersachsen war, und
so die bayerische CSU, die zum mindesten streckenweise als konservative
Partei angesehen werden kann. Aber das Beispiel der CSU ist verräterisch:
meldet sich in einer solchen Partei eine starke Persönlichkeit, die
Einfluß auf Bundesebene zu nehmen beginnt, so gerät sie - man denke
an Franz Josef Strauß - unter das Dauerfeuer der Meinungsmacher. Das
ist die Situation der Rechten in der Politik: ins Abseits, in den Sektiererwinkel
abgedrängt eine nationalistische Minderheit; die konservativen Massen
ohne politische Heimat, auf Zufallsvertretungen angewiesen, zur Entscheidung
für das geringste Übel genötigt - sofern sie sich nicht überhaupt von
der Politik abwenden.
Wie steht es aber mit der politischen Publizistik? Hier scheint die
rechte Position stärker besetzt zu sein. Es gibt eine ganze Anzahl konservativer
Autoren, die sich mit ihrem Nonkonformismus von der Monotonie der modischen
Linken genauso abheben wie von dem immer kurzatmiger werdenden Liberalismus,
der zwischen den beiden Polen zerrieben wird. Es sind Autoren, die sich
zum Teil einen beachtlichen Leserkreis schaffen konnten, obwohl sie
nur in Ausnahmefällen Rückhalt bei der Meinungsbildungs-Apparatur finden.
Aber dieses Lager erweist sich bei näherem Hinschauen als in Gärung
begriffen und von tiefen Spaltungen durchzogen.
Da ist zunächst das, was Jüngere unter diesen Autoren zuweilen maliziös
den „Friedhof der Konservativen Revolution“ genannt haben.
Gemeint sind die Überlebenden aus jener Hochblüte konservativer Publizistik
zwischen 1918 und 1933, der man den Namen „Konservative Revolution“
gegeben hat. Bei diesen Autoren, die zum Teil vom Nationalsozialismus
ausgebeutet wurden, zum Teil sich ihm angeschlossen hatten, macht sich
die Last der Vergangenheitsbewältigung am stärksten bemerkbar: die führenden
Köpfe unter ihnen haben sich längst aus der Politik zurückgezogen (Carl
Schmitt, Ernst Jünger), andere sind zur Linken übergelaufen (Ernst von
Salomon), andere wieder sind in unfruchtbare Selbstrechtfertigungen
oder einfach in Kauzigkeit (Otto Strasser) ausgewichen. Als Regel gilt,
daß heute in der Publizistik der Rechten sich nur solche Autoren zum
Worte melden, die entweder erst nach 1945 zu schreiben begonnen haben
oder vor 1945 noch nicht allzu bekannt waren.
Wenn Sie, caro Amico, allerdings glauben, daß diese jüngeren Autoren
sich dem Druck der Vergangenheitsbewältigung entziehen konnten, so sehen
Sie die deutsche Situation zu rosig. Ein Großteil dieser Autoren ist
zwar weder aus der Politik ausgetreten noch zum Feind übergelaufen,
aber er hat sich ins Abseits oder in eine Sackgasse drängen lassen.
Ins Abseits geriet eine Gruppe von Publizisten, die sich gegen die Zerstückelung
ihrer Nation so erbittert wehrten, daß sie als „Nationalisten“
oder „Neo-Nazis“ abgestempelt werden konnten. Einige der
Namen werden Sie kennen: der letztes Jahr durch Freitod geendete Peter
Kleist, dann Herbert Grabert, Heinrich Härtle, Erich Kern alias Kernmayr.
Sie verfügen zwar über beträchtliche Lesergemeinden, aber die von den
Meinungsmachern um sie gelegte Mauer des Schweigens hindert sie meist
daran, an Leserschichten heranzukommen, die nicht bereits ihrer Meinung
sind.
Die Mehrheit der rechten Autoren wandte sich nach 1945 - teils aus
Temperament und Anlage, teils aus Vorsicht und nüchterner Überlegung
- der konservativen Publizistik zu. Allerdings zunächst einer Spezies
von Konservatismus, die eine deutliche Frucht des deutschen Zusammenbruches
war. Man kann den Konservatismus, der in den ersten fünfzehn Jahren
der Bundesrepublik blühte, auf zwei Typen reduzieren: den Burke-Konservativen
und den Constantin Frantz-Konservativen. Oder mit anderen Worten: den
„Liberalkonservativen“ und den „Christlich-Konservativen“.
Die Burke-Konservativen, vorwiegend dem protestantischen Deutschland
entstammend, suchten den in der Abgeschlossenheit der britischen Insel
historisch gewachsenen Liberalkonservatismus ohne jede Modifikation
in das deutsche Milieu mit seiner mehrfach gebrochenen Tradition zu
übertragen. Einziger gedanklicher Inhalt war ihnen die Feindschaft gegen
jegliche „Ideologie“; eine solche galt ihnen von vornherein
als schädlich. Für die Praxis hielten sie den Rat bereit, das von selber
Wachsende zu hegen und zu pflegen, was ihnen den Spitznamen des „Gärtnerkonservatismus“
einbrachte. Die typischsten Vertreter dieser Ideologie fanden sich im
Umkreis der Deutschen Partei; man denke an die Schriften des Adenauer-Ministers
Hans-Joachim von Merkatz („Die konservative Funktion“, 1957)
oder an die von einem Ghostwriter verfaßte, sehr einseitige Geschichte
des Konservatismus, die den Titel „Politik ohne Wunschbilder“
trug und 1952 unter der Signatur des seither verstorbenen Botschafters
Hans Mühlenfeld erschien.
Die Christlich-Konservativen entstammten mehrheitlich, aber nicht ausschließlich
dem katholischen Deutschland. Ich entsinne mich eines Gespräches mit
Major Buchrucker, dem Chef der „Schwarzen Reichswehr“ während
der Weimarer Republik, kurz vor seinem Tod 1966. Der alte Protestant
fragte mich, was ich denn so treibe; als ich sagte, ich suche herauszufinden,
was konservativ sei, stieß er mit mürrischer Offiziersstimme hervor:
„Das hat der Konservative nicht nötig, ihm genügt das Alte Testament.“
Nun, die Katholisch-Konservativen nahmen noch Thomas von Aquin und Maritain
hinzu. Und im Politischen ließen sie sich von ihrem Schutzpatron Constantin
Frantz dazu verfuhren, im Föderalismus das Allheilmittel für alles und
jedes zu sehen. Manchmal näherten sie sich sogar dem Separatismus, und
das war den Siegermächten nur recht, die vor Deutschland Ruhe haben
wollten. Auch diese Variante des Nachkriegskonservatismus hatte ihre
Spitznamen: die einen sprachen von „Demutskonservatismus“,
die andern nannten diesen Personenkreis nach dessen Gründungszeitschrift
„Neues Abendland“ einfach die „Abendländler“.
Man sollte jedoch nicht übersehen, daß dieser Konservatismus neben seinen
zeitgebundenen Schwächen auch seine Stärken hatte. Der Rückbezug auf
die damals noch ungebrochene katholische Tradition verlieh ihm einen
ganz anderen geistigen Rang, als ihn der allzu naive niedersächsische
Liberalkonservatismus aufzuweisen hatte. Es sind denn auch eine Reihe
von Publizisten aus diesem Umkreis herausgewachsen, die das katholische
Erbe auf eigenwillige Weise weitergebildet haben: Erik von Kuehnelt-Leddihn
(„Freiheit oder Gleichheit?“, 1953), Paul Wilhelm Wenger
(„Wer gewinnt Deutschland?“, 1959), Ludwig Pesch („Die
romantische Rebellion“, 1962), Peter Berglar („Die gesellschaftliche
Evolution der Menschheit“, 1965), Emil Franzel („Fortinbras,
Ansichten eines Konservativen“, 1971). Dieser Phalanx hat die
protestantische Kirche in der politischen Publizistik nicht viel mehr
als die mutige Schrift „Der Abfall der evangelischen Kirche vom
Vaterland“ (1964) des Pfarrers Alexander Evertz entgegenzusetzen.
Auf die Dauer waren die beiden Nachkriegsformen des Konservatismus,
der „Gärtnerkonservatismus“ und der „Demutskonservatismus“,
der Wirklichkeit nicht gewachsen. Die Formel des einen, „konservativ
= Bewahren des Status quo“, wurde durch das Trümmerfeld dementiert,
das Hitler und der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte und das niemand
ernstlich bewahren wollte. Und die Formel der anderen, „konservativ
= christlich“, wurde langsam fragwürdig, als sich das allmähliche
Abrutschen der beiden Kirchen nach links abzuzeichnen begann. Zunächst
kam es jedoch nicht zum offenen Aufstand gegen diese überholten Formen
des Konservatismus, zum mindesten nicht auf breiter Front. Zunächst
wandten sich einfach einzelne Autoren von den schummrig gewordenen Allgemeinheiten
ab und konkreten Problemen zu. Das konkreteste Problem aber war seit
1947, seit dem Ausbruch des „Kalten Krieges“, die Konfrontation
zwischen Washington und Moskau. Ihr entwuchsen die großen antikommunistischen
Pamphletisten: der 1964 verstorbene Robert Ingrim („Von Talleyrand
zu Molotow“, 1946 deutsch 1951), dann William S. Schlamm („Die
Grenzen des Wunders“, 1959), Matthias Walden, Rudolf Krämer-Badoni
(„Vorsicht, gute Menschen von links“, 1962). Wobei man sich
bei einzelnen von ihnen, etwa Walden oder Krämer-Badoni, fragen kann,
ob sie über den Antikommunismus hinaus überhaupt etwas mit dem Konservatismus
verbindet. Dieser Liberalismus-Verdacht besteht sicher nicht bei einer
anderen Gruppe von Autoren, die sich mehr innerpolitischen Problemen
zuwandten und unter Absehen von allen gefühlsbelasteten Problemen sich
nüchtern mit der Frage beschäftigten, wie ein überlebensfähiger Staat
zu funktionieren habe. Winfried Martini („Das Ende aller Sicherheit“,
1954) ist, in der Nachfolge Carl Schmitts stehend, der markanteste dieser
„Etatisten“, die von Böswilligen auch als „law and
order“-Konservative charakterisiert werden (worin der „Vorwurf“
versteckt ist, daß diesem Typus des Konservativen die Freiheit vor nationaler
Einheit gehe). In Martinis Nähe sind wohl auch Walter Fredericia-Petwaidic
und der Preuße Hans Georg von Studnitz anzusiedeln („Bismarck
in Bonn“, 1964; „Ist Gott Mitläufer?“, 1969). Dann
gibt es eine dritte Gruppe von Konservativen, die sich ebenfalls vom
Gärtner- und Demutskonservatismus unterscheidet. Man könnte sie lahm
die „Kulturkonservativen“, bissig die „snobistischen
Konservativen“ nennen. Namen etwa: Klaus Harpprecht, Rüdiger Altmann,
Johannes Gross, Wolf Jobst Siedler, Hans Egon Holthusen. Alles brillante
Schriftsteller, die brillante politische Aufsätze schreiben, manchmal
auch Bücher (Altmanns „Das Erbe Adenauers“, 1960; Siedlers
„Behauptungen“, 1965). Ihr Charakteristikum ist, daß sie
auf dem kulturpolitischen und teilweise auch dem gesellschaftspolitischen
Feld den Gegner klar sehen, jedoch vor dem Ziehen politischer Konsequenzen
zurückschrecken und klare politische Optionen vermeiden. Harpprecht
ging zu Willy Brandt über, Siedler wurde Verleger und konzentrierte
sich auf die Produktion schöner Bücher, Gross und Altmann wandten sich
der Mumienpflege am Amenhotep des deutschen Liberalismus, Altkanzler
Erhard, zu.
Alle diese Männer, von Franzel und Berglar bis zu Schlamm und Martini,
weiteten den sonst so braven Nachkriegskonservatismus beträchtlich aus,
aber sie stellten ihn nicht grundsätzlich in Frage. In Frage gestellt
wurde dieser vielmehr von außen, vom Lauf der Zeit, die ihm der Reihe
nach die eingebildeten und die wirklichen Verbündeten raubte. Daß die
Tradition nie ein echter Verbündeter sein konnte in einem Lande, dessen
einzige Tradition die Traditionslosigkeit war, begann langsam einzuleuchten.
Was die beiden Kirchen als Verbündete des Konservatismus betraf, so
machten diese selber unmißverständlich klar, daß sie diese Rolle nicht
mehr spielen wollten. Am schmerzlichsten fiel (und fällt) vielen Konservativen
der Abschied vom Verbündeten USA. Die Bundesrepublik ist aber längst
nicht mehr der wichtigste Verbündete der stärksten Macht der Welt; in
der wieder polyzentrisch gewordenen Welt ist sie zu einem Verhandlungsobjekt
der Großen abgesunken. Aufgabe der konservativen Publizistik in der
Bundesrepublik ist also nunmehr, den Konservatismus unter Verzicht auf
englische, amerikanische und christliche Krücken sozusagen aus der Natur
des Menschen zu begründen. Die ist ja bei dem Abbau der privilegierten
deutschen Position aus der Zeit des Kalten Krieges immerhin noch übrig
geblieben.
Bevor ich Ihnen, caro Amico, berichte, was in dieser Richtung bisher
geschehen ist, muß ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Im Jahre 1963
fand in Rom der meines Wissens erste Weltkongreß konservativer Schriftsteller,
unter dem Ehrenpräsidium von John Dos Passos, statt. Dort habe ich Sie
ja auch kennengelernt. Damals werden Sie wohl kaum das Eigentümliche
an der „deutschen“ Delegation erkannt haben - daß sie nämlich
mehrheitlich aus „Nicht-Normal-Deutschen“ bestand: Hans-Joachim
Schoeps und William S. Schlamm hatten als Juden emigrieren müssen (und
letzterer war inzwischen amerikanischer Bürger geworden), Erik von Kuehnelt-Leddihn
und Kurt Ziesel waren Österreicher, ich Schweizer, Caspar v. Schrenck-Notzing
gehörte einer Familie der adeligen Opposition gegen Hitler an, und auch
auf Winfried Martini traf eine Einstufung als Normal-Deutscher kaum
zu. Wir standen alle exzentrisch zum Normal-Deutschen und konnten die
daraus resultierende (relative) Narrenfreiheit nutzen. Ich schicke diese
Story voraus, weil ich die Liste derer, die gegen den konventionellen
Nachkriegs-Konservatismus offen angingen, aus chronologischen Gründen
mit meiner Person beginnen muß. Ich hatte ganz einfach das Glück, im
Frieden der Schweiz und unbelastet von Vergangenheitsbewältigung eine
schweizerische Doktordissertation „Die Konservative Revolution
in Deutschland“ schreiben zu können. Dieses Buch wirkte 1950 bei
seinem Erscheinen in Deutschland aus zwei Gründen als Schock: erstens
erinnerte es mit seiner geschichtlichen Darstellung daran, daß der deutsche
Konservatismus früher durchaus „Ideologien“ hatte; zweitens
stellte es die kecke These auf, daß Christentum und Konservatismus sich
ausschlössen, weil ein Christ, der es mit dem Christsein ernst nehme,
notwendig zu einem Linken werden müsse. (Das trug mir von dem damals
noch lebenden Hans Zehrer den Tadel ein, Konservatismus ohne Christentum
sei „wie eine Dame ohne Unterleib“.) Den nächsten Schlag
führte 1951 Hans-Joachim Schoeps, der damals als deutscher Jude eine
Narrenfreiheit genoß, die ihm inzwischen entzogen wurde. Mit seiner
berühmten Schrift „Die Ehre Preußens“ rief er die Erinnerung
an die konservative Substanz Preußens wach, die sich so kraß von dem
Anpasser-Konservatismus der Besiegten von 1945 unterschied.
Doch solche Vorstöße blieben vereinzelt, solange die Vergangenheitsbewältigung
das konservative Denken lähmte. Dagegen wurde der erste Stoß von Kurt
Ziesel geführt, der 1958 in seiner Kampfschrift „Das verlorene
Gewissen“ nachwies, daß die Zerrformen dieser Vergangenheitsbewältigung
zu einem Großteil Tarnungsmanöver früherer Hitler-Apologeten waren,
die damit von ihren eigenen Sünden ablenken wollten. Die klassische
Darstellung der „reeducation“ und ihrer deutschen Beauftragten
gab jedoch Caspar v. Schrenck-Notzing in seinen beiden Büchern „Charakterwäsche“
(1965) und „Zukunftsmacher“ (1968). Damit war die Bahn wieder
freier. 1965 legte ich mich nochmals quer zum gewohnten Konservatismus:
in „Was die Deutschen fürchten“ entwickelte ich das Programm
eines „deutschen Gaullismus“ und suchte die zähe Amerika-Hörigkeit
der Nachkriegskonservativen zu erschüttern. 1970 erschien dann das von
Hartwig Singer und andern herausgegebene Bändchen „Nationalismus
heute“, Band 1 einer Reihe „junge Kritik“, in der
sich erstmals eine junge Rechte deutlich artikulierte, die aus eigener
Erfahrung nichts anderes als den Nachkrieg kannte (Durchschnittsalter
zwischen 25 und 30). Hier war, wie schon der Titel zeigt, erstmals nichts
mehr von der konservativen Schreck-Distanz zum Nationalismus zu spüren;
hier wurden zum ersten Male wieder konservative und nationale Antriebe
gleichberechtigt und gleichgewichtig aufgenommen. (Unter den Älteren
findet sich nur bei Einzelgängern wie Johannes F. Barnick oder Hans-Dietrich
Sander Vergleichbares.)
Der entscheidende Vorgang innerhalb der Neuorientierung des deutschen
Konservatismus spielte sich allerdings auf einem anderen Felde ab. Bei
der Ausformung eines aus den vorgefundenen Gegebenheiten sich entwickelnden
Konservatismus erhielt die politische Publizistik entscheidende Anstöße
aus der Wissenschaft. Und zwar erstaunlicherweise in erster Linie aus
einer als „links“ geltenden Wissenschaft, der Soziologie.
Schon 1955 hatte der Altmeister dieser Disziplin, Hans Freyer, in seiner
„Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ das begründet, was
man später den „technokratischen Konservatismus“ genannt
hat: also einen Konservatismus, der sich nicht auf eine vorindustrielle
„heile Welt“ bezieht, sondern innerhalb der industriellen
Zivilisation, der nicht ausgewichen werden kann, sich zu verwirklichen
sucht. 1966 zerfetzte dann ein jüngerer Soziologe, Helmut Schoeck, die
utopischen Gesellschaftslehren, indem er in „Der Neid, eine Theorie
der Gesellschaft“ auf die nicht nur negative Funktion des Neides
innerhalb der Gesellschaft hinwies. Ihren Höhepunkt erreichte diese
Literatur in einem Buch, in dem 1969 der Philosoph, Soziologe und Anthropologe
Arnold Gehlen die politische Summe aus seinem Werk zog: „Moral
und Hypermoral“. Ich halte es für die bedeutendste geistige Leistung,
welche die deutsche Rechte seit dem Zusammenbruch von -1945 hervorgebracht
hat. Die jüngeren Konservativen erkennen denn auch in Gehlen ihren Meister
- zusammen mit dem Staatsrechtler Ernst Forsthoff, der in seiner Schrift
„Der Staat der Industriegesellschaft“ (1971) ebenfalls eine
solche politische Summe aus einem ausgebreiteten wissenschaftlichen
Werk gezogen hat.
Damit habe ich Sie, caro Amico, im Galopp durch die deutsche Rechte
nach 1945 geführt - ein kurzes Stück nur durch die Parteipolitik, da
es hier bloß Fragmente einer Rechten gibt, ein längeres hingegen durch
die politische Publizistik, die sich langsam aus der Lähmung durch den
deutschen Zusammenbruchs von 1945 (und die auf ihn folgende Reeducation)
zu lösen beginnt. Es gäbe noch viel nachzutragen. Etwa, daß sich unter
diesen Autoren auch eine kluge Frau, Sigrid Hunke („Europas andere
Religion“,1969; „Das Ende des Zwiespalts“, 1971),
findet. Weiter wäre zu sagen, daß es drei konservative Zeitschriften
mit größeren Lesergemeinden gibt, von denen jede eine typische Form
des Konservativ-Seins verkörpert: die 1970 von Hansjoachim v. Rohr begründete
und heute von dem Politologen Klaus Motschmann geleitete Zweimonatschrift
„Konservativ heute“ ist unter ihnen die populärste und für
die traditionellen Formen des Konservatismus offenste; die von Caspar
von Schrenck-Notzing seit 1970 herausgegebene andere Zeitmonatsschrift
„Criticón“ kann, ohne Ausschließlichkeit, als Heimstatt
des „technokratischen Konservatismus“ angesehen werden;
weltanschaulich am geschlossensten wirkt die von Friedrich Georg Jünger
patronierte Vierteljahresschrift „Scheidewege“ (seit 1971),
in der sich der scharf technikfeindliche Geist dieses jüngeren Bruders
von Ernst Jünger ausprägt. Weiter wäre „Junges Forum“ als
intelligentestes Organ der Jungen Rechten zu nennen, und die „Zeitbühne“
als eine seit Juni 1972 herausgegebene Einmann-Zeitschrift von William
S. Schlamm.
Ich fürchte, daß Ihnen dieses Panorama der deutschen Rechten von heute
reichlich zerklüftet vorkommt. Aber immerhin die Zerklüftungen sind
nicht einfach das Ergebnis von Cliquenbildungen. Sie weisen auf grundsätzliche
Auseinandersetzungen hin. Wir haben sie bereits angedeutet. Im Grunde
hängen sie alle mit der zentralen Problematik des Konservatismus zusammen:
nämlich richtig abzugrenzen zwischen dem, was gleich bleibt, und dem,
was sich verändert. Daß die Ideologienfreiheit als einzige Ideologie
nicht genügt, wird den Konservativen allmählich klar. Aber soll die
„Ideologie“ oder „Idee“, die man braucht, nur
ein Teilstück des Weges erhellen oder soll sie eine Totalerklärung der
Wirklichkeit versuchen? Es ist der alte Streit zwischen Barrsch und
Maurras, zwischen Carl Schmitt und Othmar Spann. Dann: reicht der Antikommunismus
als Leitseil noch aus in einer wieder polyzentrisch gewordenen Welt,
in der sich Washington, Moskau und Peking über die Köpfe der Kleineren
hinweg zu verständigen drohen? Weiter: gab es vor Christus einen Konservatismus,
wird es einen nach einem Verschwinden des Christentums geben? Oder anders
formuliert: gibt es eine anima naturaliter conservativa? Dann eine nüchterne
Frage: ist der Konservative mit der freien Marktwirtschaft verheiratet
oder kann er auch Sozialist sein? Ist die technische Zivilisation unser
Schicksal oder ist uns ein Bereich jenseits von ihr zugänglich, aus
dem wir Kraft schöpfen können? Oder wiederum anders formuliert: haben
diejenigen recht, die sagen, daß „die Natur“ bloß die Erfindung
eines maßlosen Schweizers war, daß die Welt des Menschen stets künstlich
gewesen sei und jede Generation sich ihre „Natur“ selbst
habe schaffen müssen? Wozu noch mindere Probleme vorwiegend taktischer
Art kommen. So etwa die Frage, wie man sich denen gegenüber verhalten
soll, die ich die „Kerenskis der Kulturrevolution“ nenne
- also gegenüber jenen Liberalen, die aus Schreck über das von ihnen
mit Angerichtete plötzlich ins konservative Vokabular verfallen, jene
Steinbuch, Topitsch und restliche Szczesny. Soll man sich über diesen
Zustrom von bisher von den Massenmedien gehätschelten Kulturstars freuen,
oder soll man gegenüber solchen Saisongästen eher mißtrauisch sein?
Dies alles, lieber Freund, mag Ihnen in quasi stenographischer Abkürzung
zeigen, womit man sich heute in der Bundesrepublik als „rechter“
Publizist herumzuschlagen hat. (Wobei das schwierige Problem der praktischen
Optionen in der parteipolitischen Arena zwischen Strauß, Barzel und
Brandt noch gar nicht angerührt ist). Es soll Ihnen, mit der Bitte um
Ihre Indulgenz, vorführen, welch anstrengendes Geschäft es zur Zeit
ist, ein deutscher Konservativer zu sein.
Ihr Armin Mohler.