Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Die Zeitschrift für Geopolitik (ZfG)

Von Martin Möller. Niedergeschrieben im Herbst 1987. Dieser Text ist durchaus aktualisierungsbedürftig. Ich befürchte allerdings, daß ich nicht dazu kommen, ihn zu verbessern und so sei er in der ersten Fassung der Nachwelt mitgeteilt.

1. Die geographisch-politische Disziplin Geopolitik.

1.1. Einführung.

1.2. Die Geschichte der Geopolitik vor Haushofer

2. Die Zeitschrift für Geopolitik.

2.1. Die Gründung der Zeitschrift für Geopolitik.

2.2. Die Zeitschrift für Geopolitik 1924-1930.

2.3. Die Zeitschrift für Geopolitik 1930-1932.

3. Europa-Konzepte in der Zeitschrift für Geopolitik.

3.1. Die Notwendigkeit der Neuorientierung.

3.2. Paneuropa.

3.3. Mitteleuropa.

4. Die Zeitschrift für Geopolitik und der Versailler Vertrag.

4.1. Die Friedensverhandlungen von Versailles.

4.2. Die Bestimmungen des Versailler Vertrags.

4.3. Die Zeitschrift für Geopolitik und die westlichen Nachbarn Deutschlands.

4.4. Die Zeitschrift für Geopolitik und Polen.

4.5. Die Zeitschrift für Geopolitik und ihr Verhältnis zu Rußland und zur Sowjetunion.

 

1. Die geographisch-politische Disziplin Geopolitik

1.1. Einführung

Die Disziplin der Geopolitik[1] ist zwar noch nicht mehr als 100 Jahre alt, doch war ihr binnen weniger Jahrzehnte sowohl ein bei Prägung des Begriffes Geopolitik noch nicht vorstellbarer Aufstieg, als auch sodann ein jäher Absturz beschieden, der zumindest in Deutschland zu ihrem gänzlichen Erlöschen führte.

Heute ist von ihrer Existenz außerhalb von ausgesprochenen Fachkreisen kaum noch etwas bekannt und wenn von ihr gesprochen wird, dann meist in Zusammenhang mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Das „dtv Brockhaus Lexicon” beschreibt beispielsweise die Geopolitik als eine Grenzwissenschaft, deren Theorien „nach dem Ersten Weltkrieg von Gruppen der extremen politischen Rechten (bes. von den Nationalsozialisten) agitatorisch vertreten wurden.”[2] Diese behauptete oder vermutete Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie macht es schwer, sich unvoreingenommen und in historisch sinnvoller Weise mit dem Gegenstand dieser Arbeit zu beschäftigen.

Doch nicht etwa aus diesem Grunde habe ich mich auf die Zeit bis 1931 beschränkt. Wie aus der Arbeit hervorgeht, markiert dieses Jahr den Übergang von einem politisch offenen zu einem am Nationalsozialismus orientierten Selbstverständnis der Geopolitik und damit einer Selbstaufgabe der Geopolitik als Wissenschaft. Allein sinnvoll erscheint mir deshalb die Aufarbeitung der Geopolitik in der „Periode der scheinbaren Stabilisierung” (Mirow) der Weimarer Republik, wie sie sich in der „Zeitschrift für Geopolitik” darstellt.

Wie gezeigt werden wird, hat die Geopolitik eine erheblich breitere und vielfältigere Entwicklung durchgemacht, als Zitate wie das oben angeführte glauben machen können. An viele Ergebnisse aus der Geopolitik versucht man heute anzuknüpfen, auch das ein Grund, die Beschäftigung mit einem Denken, das in vieler Hinsicht wieder gegenwärtig wird, nicht zu scheuen.

Schon die „Wieder”-Begegnung mit dem Vokabular, das aus der Geopolitik stammt, zeigt das. Sind doch nicht nur Begriffe wie „Raum” (oder auch „Großraum”), „Rand-”, „Eck-” oder „Mittellage” und viele andere[3] in ihrer heutigen Bedeutung Entlehnungen aus dem von der Geopolitik entwickelten Vokabular, auch von „Geopolitik” und „geopolitisch” wird noch geredet, als wäre diese Disziplin nicht schon seit Jahrzehnten verschwunden. [4] Vielfach wird das Wort allerdings lediglich synonym mit „geographisch” verwendet, eine Unart, die Hettner schon 1927 beklagt: „Wenn man früher von geographischer Lage und geographischer Bedingtheit politischer Vorgänge sprach, so führt heute jeder Zeitungsschreiber und Politiker, der etwas auf sich hält, das Wort Geopolitik im Munde.”[5]

Die Geopolitik hat Spuren im politischen Denken hinterlassen. In Diskussionen der politischen Zukunft Europas wird vielfach auf Vorstellungen zurückgegriffen, die in der geopolitischen Diskussion im Deutschland der Zwischenkriegszeit entwickelt worden sind. Westeuropäische Integration, Paneuropa, Mitteleuropakonzepte, Anlehnung eines möglicherweise sozialistisch[6] geprägten „Gesamtdeutschland” an die Sowjetunion - all diese Vorstellungen sind in der deutschen Geopolitik entwickelt oder ausführlich diskutiert worden.

Zwar sind seit den zwanziger Jahren viele und tiefgreifende Veränderungen in Europa eingetreten, doch wesentliche Problemstellungen bestehen fort oder leben nach der Zwangspause der kommunistischen Beherrschung Ost- und Mitteleuropas wieder auf, zum Teil in verblüffender Intensität und Konstellation. Daß eine Einflußkonkurrenz zwischen Deutschland und Frankreich[7] auf dem Balkan wieder aufleben wird und ganz erhebliche politische Wirkungen zeitigt, war vor kurzem noch völlig unvorstellbar. Die Hilflosigkeit, angesichts der bisher nicht wahrgenommenen Existenz von Völkern und „real existierenden” Problemen ihrer räumlichen Existenz das „Wiederaufleben des Nationalismus” o. ä. zu beklagen, zeigt das Unvermögen und die mangelnde Vorbereitung auf eine tatsächlich europäische Politik, die diesen Namen verdient.

Das Desiderat eines breiten und fundierten Auslandswissens besteht heute ebenso wie 1924. Dieses zu schaffen und zu verbreiten war wesentlicher Teil des geopolitischen Selbstverständnisses, besonders zu diesem Zwecke wurde die „Zeitschrift für Geopolitik” (ZfG) gegründet.

Die Frage, welchen Einfluß die Geopolitik tatsächlich auf die Meinungen der Zeitgenossen hatte, und wie stark ihr Einfluß auf die Politik, sowohl der Weimarer Republik als auch des Dritten Reiches gewesen ist, kann in dieser Arbeit nicht beantwortet werden. Immerhin wird erkennbar, daß die geopolitische Methodik sich in erheblich größerem Maße als vielfach vermutet, von tagespolitischer Zielsetzung leiten ließ und diese - und das trifft vor allem natürlich auf die Außenpolitik zu - begleitete, kommentierte und zu beeinflussen suchte. Dabei war die ZfG in politischer Hinsicht erstaunlich offen, sie stand auch zum Beispiel marxistisch orientierten Autoren offen, auch noch nachdem die Zeitschrift sich „gleichgeschaltet” hatte.

Einen gesicherten Platz im System der Wissenschaften hatte die Geopolitik nicht gefunden, auch nicht im „Dritten Reich”. Zu wenig war es ihr gelungen, die eigene Arbeit überzeugend zu systematisieren und sich gegen die Konkurrenzdisziplin Politische Geographie abzugrenzen. Hier wußte die konservative Wissenschaft in Deutschland ihren Bestand zu sichern und die ungeliebten Außenseiter vom akademischen Parnaß fernzuhalten. Doch war sich die Geopolitik, besonders in der Person Haushofers, über diese Problematik im klaren. Sowohl er als auch sein Sohn Albrecht arbeiteten so lange es möglich war an der wissenschaftlichen Klärung und an der Abgrenzung zur politischen Geographie.

Ziel dieser Arbeit wird es jedoch weniger sein, die Disziplin „Geopolitik” als geographisch-politische Disziplin zu kritisieren, als vielmehr, sie an ihrem historischen Ort zu demonstrieren und zu versuchen, sie in ihrem politischen Anspruch und seinen gesellschaftlichen Bedingungen verständlich zu machen.

Zu diesem Zweck wurde zunächst der geschichtliche Entwicklungsgang und die Entstehung der Geopolitik dargestellt, diese mündete in die Gründung der „Zeitschrift für Geopolitik” ein. Eine weitere Entwicklung konnte nur gestreift werden, da sie für die Darstellung der Thematik nicht relevant war. Sodann war es notwendig, kurz die Konzepte darzustellen, die in der „Zeitschrift für Geopolitik” bezüglich der geopolitischen (d.h. auch außenpolitischen) Orientierung Deutschlands entwickelt wurden. Stichworte sind hier Paneuropa und Mitteleuropa.

Mittelpunkt der Arbeit wird sodann die Darstellung und Bewertung der genuin geopolitischen Arbeit sein, wie sie sich in der „Zeitschrift für Geopolitik” darstellte. Zu diesem Zwecke wurden die Jahrgänge 1924 bis 1932, auf ihre Aussagen zu einigen Schwerpunkten untersucht. Diese Schwerpunkte sind, neben dem eigentlichen Thema, den Bestrebungen zur Revision des Versailler Vertrages, die Aussagen der Geopolitik zu den Bereichen „Frankreich”, „Polen” und „Rußland”. Die erstgenannten Länder waren wichtig, weil insbesondere sie von dem Verlangen der Revision betroffen waren, letztgenanntes war unerläßlich, da es neben Deutschland zu den Hauptverlierern des Ersten Weltkriegs gehörte und deshalb Deutschland im gemeinsamen Interesse an einer Revision der Nachkriegsordnung verbunden war. Auch spielte Rußland in bestimmten geopolitischen Theorien eine nicht unerhebliche Rolle im Sinne einer gemeinsamen eurasischen Kontinentalvorherrschaft.

So wird Rußland in der „Zeitschrift für Geopolitik” und in der geopolitischen Theorie stets besonders gründlich beobachtet und untersucht, gerade auch in der Frage einer Revision der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges.

Deshalb konnte auf eine ausführliche Untersuchung des Verhältnisses zu Rußland nicht verzichtet werden, im Gegensatz zum Thema England und USA, die in der „Zeitschrift für Geopolitik” zwar ausführlich gewürdigt werden, für das Thema selbst jedoch von eher nebensächlicher Bedeutung sind, da es keine territorialen Konflikte zwischen ihnen und Deutschland gab.

Ihre außenpolitische Bedeutung für Deutschland und Europa allerdings wird in der ZfG nicht geleugnet, sie wird im Gegenteil als hoch wichtig eingeschätzt und aufmerksam analysiert. Dieses darzustellen und damit die globalen Aussagen der Geopolitik, z.B. in der Frage der Kolonien und zur Problematik der asiatischen Befreiungsbewegungen etc. einzubeziehen, ist nicht Gegenstand dieser Arbeit und muß unberücksichtigt bleiben. Doch sei zumindest darauf hingewiesen, daß die Geopolitik ein durchaus weltweites Interesse hat und zu höchst interessanten theoretischen Ausbildungen kommt, oft in stark „antiimperialistischem” Sinne. In diesem Zusammenhang sei noch eingestanden, daß eine Auseinandersetzung mit dem Problem der Deutschland entzogenen Kolonien streng genommen in diese Arbeit gehört hätte. Ich habe darauf verzichtet, im Interesse einer Konzentration auf den deutschen Lebensraum und auf Kontinentaleuropa. Zudem spielt dieses Thema im Komplex „Revision” eine so nebensächliche Rolle, daß m.E. darauf guten Gewissens verzichtet werden kann.

1.2. Die Geschichte der Geopolitik vor Haushofer

Als eigentlicher Vater der Geopolitik gilt allgemein der Zoologe und Geograph Friedrich Ratzel (1844-1904). Seine Hauptwerke sind die „Anthropogeographie” (1872) und die „Politische Geographie” (1897).

Der konservative Ratzel, Mitglied des Alldeutschen Verbands, schuf die erste schlüssige Konzeption einer neuen, bei ihm noch stark positivistisch geprägten Disziplin. Zum ersten Mal wurde die später als Sozialdarwinismus bezeichnete Technik der Anwendung biologischer Gesetze auf die Sozialwissenschaft, hier auch auf das Staatsrecht, gebraucht. „Bei der Übernahme der naturwissenschaftlich-materialistischen Lehren der Biologie durch die Gesellschaftswissenschaft liegt die eigentliche Wurzel für die Lehre Ratzels”[8], erkannte Troll in seiner Abhandlung über die Geographie und Geopolitik im Dritten Reich.

Besonders betont Ratzel immer wieder die engen Wechselbeziehungen von Mensch und Geographie, die er vielfältig belegt und untersucht. Hierbei kann Ratzel allerdings auf eine bedeutende Tradition der Geistesgeschichte, ausgehend von Herodot und Hippokrates, zurückgreifen.[9] Im 16. Jahrhundert knüpft u.a. Jean Bodin an die antiken Vorläufer an und untersucht unter astrologischen Gesichtspunkten geographische Einflüsse auf die Politik.[10] 200 Jahre später wendet Montesquieu einen streng geographischen Determinismus auf das soziale und staatliche Leben an.[11]

Ratzel selbst ist besonders beeinflußt durch Heckel und Darwin wie seine Definition „Grundgesetze des räumlichen Wachstums der Staaten sind Ausdruck des Kampfes der Raumorganismen”[12] zeigt. Ratzel leugnet geistig kulturelle Einflüsse nicht völlig, die ökonomisch-soziale Sphäre wird jedoch kaum berücksichtigt. So ist in Ratzels Werk das Gebäude der späteren Geopolitik schon in seinen wesentlichen Strukturen enthalten, es bedurfte lediglich noch einer eigenen Systematik und des klangvollen Namens um den neuartigen Zweig der Geographie ins Leben zu rufen.

Beides verdankt die Geopolitik dem schwedischen Staatswissenschaftler Rudolf Kjellèn (1864 - 1922). Er prägte den Begriff Geopolitik und verwendete ihn zum ersten Mal in dem Artikel „Studier över Sveriges politiska gränser“[13] (Studien über Schwedens politische Grenzen). In seinem Hauptwerk „Der Staat als Lebensform“[14] entwickelt Kjellèn eine systematische Staatslehre im biologisch-empirischen Sinne, die er in fünf Teile gliedert:

- Die Ökopolitik: Untersuchung der ökonomischen Grundlagen des Staates und seine Wirtschaftspolitik

- Die Demopolitik: Untersuchung der Bevölkerung, z.B. in Bezug auf Religion, Rasse, Sprache, Altersstruktur etc.

- Die Soziopolitik: Untersuchung der soziologischen Gegebenheiten und der Verhältnisses soziologisch relevanter Gruppen zum Staat

- Die Geopolitik: Untersuchung der geographischen Bedingtheit des Staates

- Die Kratopolitik: Untersuchung der Wege und Strukturen der Herrschaftsausübung des Staates

Kjellèn geht es in seiner Staatslehre um die Überwindung der Abstraktheit des herkömmlichen Staatsbegriffes. So bezieht er die Geographie in seine Staatslehre ein, indem er sie nicht mehr lediglich zur Beschreibung des Staatsgebietes und seiner Nachbarstaaten benutzt, sondern sie als „integrierenden Bestandteil des Staates” ansieht.[15] In diesem Sinne ist die Geopolitik nach Kjellèn Teil der Staatslehre und nicht Teil der Geographie bzw. der politischen Geographie. Seine später weithin reproduzierte Definition der Geopolitik lautet: „Geopolitik ist die Lehre über den Staat als geographischer Organismus oder Erscheinung im Raum”.[16]

Obwohl Kjellèn Begriff und Systematik der Geopolitik prägte, war er sich des Ratzelschen Erbes bewußt und nennt diesen „den großen Pflüger und Bahnbrecher auf dem weiten und teilweise noch jungfräulichen Gebiete der Geopolitik.”[17]

In seinen Lehren ist Kjellèn indeterministischer und oft differenzierter als Ratzel, auch bemüht er sich um stärkeren Zeitbezug, z.B. durch Analyse militärischer Ereignisse des ersten Weltkriegs oder der Beziehungen der Großmächte - soll doch die Geopolitik zur Handlungslehre und -hilfe für die Politik werden. So wird Kjellèn zum Anreger einer neuen Generation von Wissenschaftlern und Gelehrten, die nach dem ersten Weltkrieg das große Ziel einer notwendigen Neuordnung Europas mit Hilfe der Geopolitik zu erreichen sucht. Gleichzeitig ist sein Werk das eigentliche Bindeglied und die Vermittlung zwischen Ratzel und jenen, die ihn in dieser Bedeutung zwar durchaus würdigen, aber stets Ratzel als eigentlichen Bahnbrecher geopolitischen Denkens und Begründer ihrer Disziplin ansehen.

So schreibt Otto Maull, einer der bedeutendsten Vertreter der Geopolitik jener Zeit, anläßlich des 25. Todestages Ratzels: „In Kjellèns wissenschaftlichem Lehrgebäude hat Ratzels Gedankengut Platz und Widerhall gefunden. … Ist darum von Ratzel einmal die direkte Linie zur Entwicklung der modernen politischen Geographie zu verfolgen, so läuft ein weiterer Ast von ihm über Kjellèn zur Geopolitik der Gegenwart. … Ohne Ratzel wäre diese Entwicklung der Geopolitik undenkbar. Darum kann nicht etwa Kjellèn .. als Vater der Geopolitik bezeichnet werden. Ratzel ist es.”[18]

Daß Ratzel erst nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland die Aufmerksamkeit fand, die ihm nach Meinung seiner Schüler und Anhänger gebührte, ist von diesen oft sehr bedauert worden. Dem Mangel an Wissen über die geographisch-politischen Gegebenheiten in Europa und der ganzen übrigen Welt wurde mitverantwortlich gemacht für das „Hineinstolpern” Deutschlands in den ersten Weltkrieg und die für Deutschland katastrophalen Folgen desselben:

„… die außen- und innenpolitische Führung der … Zentralmächte (haben) gegenüber der britischen, französischen und slawischen wissenschaftlichen Politik versagt … In diese Lücke, deren furchtbares, folgenschweres Vorhandensein von 1900 bis 1914 niemand in Mitteleuropa zu leugnen wagen wird, will die Geopolitik treten. Sie sucht aus den wissenschaftlich erfaßbaren, erdbestimmten und bodengewachsenen Zügen … für die Kunst der Politik eine Brücke bis zu ihrer notwendigen Stelle des Absprungs vom festen wissenschaftlichen Boden zu bauen, damit dieser Sprung wenigstens vom Wissen zum Können, nicht vom Nichtwissen aus erfolge, woher er sicher weiter und gefährlicher ist.”[19]

Hier wird deutlich, warum geopolitisches Denken nach dem ersten Weltkrieg für viele deutsche Wissenschaftler so wichtig wurde. Tiefer Schmerz über Deutschlands Niederlage und deren Folgen stellte die unabweisbare Frage auch nach der wissenschaftlichen Verantwortung und der Möglichkeit, durch wissenschaftliche Neuorientierung sowohl eine Wiederholung der Katastrophe unmöglich zu machen, als auch Wege zu finden, die Folgen der Niederlage Deutschlands zu mindern oder gar in bestimmten Umfang rückgängig zu machen.

Dieser politisch-gesellschaftliche Anspruch war das eigentlich Neue der Geopolitik gegenüber den überkommenen akademischen Disziplinen der Geographie bzw. der politischen Geographie. Gleichzeitig stellte er eine nicht zu unterschätzende Gefährdung der Geopolitik und ihres Selbstverständnisses als Wissenschaft dar. Hettner stellt fest: „Die Politik ist keine Wissenschaft, sondern eine praktische Betätigung … Der Wissenschaftler, der Geograph ebenso wie der Historiker, kann sich darin gelegentlich betätigen; aber er verläßt damit das Gebiet der eigentlichen Wissenschaft.”[20]

Der Problematik waren sich die Geopolitiker von Anfang an durchaus bewußt, die vielen Versuche zur besseren Systematisierung, das Ringen um eine Lösung des Verhältnisses zur politischen Geographie zeigt es. Von Lautensach stammte die verbreitete Formel vom Unterschied zwischen einer statischen und einer dynamischen Auffassung: „Der Gegenstand der (politischen Geographie) ist eine Form des staatlichen Seins, nicht Werdens. In der Betrachtungsweise der Geopolitik dagegen stehen politische Vorgänge der Vergangenheit und Gegenwart im Vordergrunde. Die Auffassung der politischen Geographie ist statisch, die der Geopolitik dynamisch.”[21]

Vogel bestreitet diese Auffassung: „Gerade die politische Geographie muß, wenn sie fruchtbar sein soll, eine dynamische Auffassung pflegen, und sowohl Ratzels wie Kjellèns Darlegungen sind durchaus von solchem Geiste dynamischer Auffassung getragen.”[22] Er plädiert für die Auflösung des Trennungsstriches zwischen politischer Geographie und Geopolitik, sei das nicht mehr möglich, so favorisiert er die Definition Maulls, der davon ausgeht, daß Geopolitik und politische Geographie das gleiche Stoffgebiet hätten, jedoch: „ … (Die Geopolitik) ist angewandte politische Geographie, sie stellt einen Vorstoß der Geographie in andere Lebensgebiete dar. … Die Geopolitik ist eine Anwendung geographischer Methode auf die Mannigfaltigkeit des politischen Lebens, durch sie … wird auch die Theorie der politischen Geographie befruchtet.”[23]

Diese war über eine solche Befruchtung nichts weniger als erfreut.[24] Die größere Öffentlichkeitswirksamkeit hatte in den zwanziger und dreißiger Jahren die Geopolitik, vor allem dank der Zeitschrift für Geopolitik. Sie verschaffte der Geopolitik die große Aufmerksamkeit und Anerkennung in Deutschland und dann in der ganzen Welt, die dazu führte, daß ihr tatsächlicher Einfluß vielfach überschätzt wurde.[25]

Das lag nicht nur am Informationsmangel vieler ausländischer Zeitgenossen, besonders im Krieg, auch eine gewisse Selbstüberschätzung vieler Geopolitiker in Deutschland hat dazu beigetragen.[26] Sie stellten das Postulat einer zentralen Position der Geopolitik innerhalb der Staatswissenschaften auf, vergessend, daß selbst für Kjellèn die Geopolitik nur eines von fünf Gliedern einer neuen Staatslehre gewesen ist.

Entscheidend für diese Überschätzung der Geopolitik und für ihre dann anscheinend bruchlose Einordnung in die Vorstellungswelt des deutschen Nationalsozialismus war ihre immer stärker zutage tretende Fixierung auf die politischen und geographischen Folgen des Versailler Vertrages, unter den Deutschland nach dem ersten Weltkrieg gestellt war. Es ist erkennbar, daß diese Fixierung mit der Abnahme der außenpolitischen Gestaltungskraft der Weimarer Republik und mit dem gefährlichen Erstarrungsprozeß im Europa der späten zwanziger Jahre sich verstärkte.

Auf die daraus resultierenden Gefährdungen für eine europäische Friedensordnung hat die Geopolitik stets hingewiesen. Die Möglichkeiten einer Überwindung solcher Gefahren versuchte die Geopolitik mit ihren Mitteln aufzuzeigen und zu diskutieren - aus durchaus vielfältiger und oft kontroverser Perspektive. Dabei fühlten sich ihre Protagonisten durchaus nicht nur an die aktuellen politischen Möglichkeiten gebunden, ging es ihnen doch stets um mehr, als einen kurzfristigen Einfluß auf die Tagespolitik.

Trotzdem stand die Geopolitik in einem zum Teil recht engen Wechselverhältnis mit der Politik und ihren Durchsetzungsmöglichkeiten. Der Anspruch einer „politischen Kunstlehre” ließ sich nur bei einer gewissen Nähe zur Tagespolitik realisieren und auch die Durchsetzung langfristiger politischer Ziele, die die Geopolitik im Auge hatte, bedurfte politisch durchsetzungsfähiger Konzepte.

Hier hat die Geopolitik manches Sinnvolle und noch heute Wertvolle geleistet. Diese Arbeit spielte sich in der Zeitschrift für Geopolitik ab, sie gilt es in den folgenden Kapiteln zu dokumentieren.

2. Die Zeitschrift für Geopolitik

2.1. Die Gründung der Zeitschrift für Geopolitik

Die „Zeitschrift für Geopolitik” (ZfG) wurde von Karl Haushofer im Sommer 1923 gegründet. Der Plan zur Zeitschriftengründung entstand in zahlreichen Gesprächen seit 1921 mit einem Schüler Haushofers, dem Mitarbeiter des Hugo Wolff Verlags, Kurt Vowinckel. Dieser hatte Vorlesungen und Seminare Haushofers besucht und war mit Haushofer zu der Einsicht gelangt, daß ein neues Bewußtsein der geographisch-politischen Bedingtheit Deutschlands einen Weg aus der schwierigen Nachkriegssituation weisen könne und daß diese Neuorientierung auf dem Wege einer breiten Aufklärung dieser Bedingungen der Propagierung des Begriffes „Geopolitik” wirksam erfolgen könne.

Der Plan einer Zeitschriften- oder gar Zeitungsgründung wurde durch Haushofer seit Mitte 1922 im Verlag Oldenbourg erwogen. Als dieser Verlag zunächst aufgrund der Inflation Bedenken hatte und dann immer weniger geneigt schien, das Projekt aufzunehmen, entschloß sich Kurt Vowinckel zur Verlagsgründung.

Neben der Herausgabe der geopolitischen Zeitschrift sollte auch die Propagierung und Verbreitung der Geopolitik Gegenstand der Arbeit dieses Verlages sein. Nach der Übersiedlung Vowinckels nach Berlin-Grunewald im Sommer 1923 wurde dieser Verlag als „Kurt Vowinckel Verlag” gegründet. Die Verlagsgründung schien in der Reichshauptstadt erfolgversprechender als in München zu sein, da hier sowohl alle Möglichkeiten des Kontaktes zu politisch und wirtschaftlich einflußreichen Kreisen gegeben waren, als auch die der Wirkung auf die deutsche und die Weltöffentlichkeit.

Karl Haushofer erklärte sich bereit, im „Kurt Vowinckel Verlag” Lektor für Geographie und Geopolitik zu werden. Während Vowinckel mit der Gründung seines Verlags beschäftigt war, warb Haushofer in dem sehr großen Kreise ihm bekannter Fachkollegen um Interesse und Mitarbeit an dem Projekt der Gründung einer geopolitischen Zeitschrift. Diese Suche war durchaus erfolgreich und schon im frühen Herbst 1923 hatte Haushofer die Zusage einiger geeigneter Wissenschaftler zur Mitarbeit an dem Projekt.[27]

Der wichtigste dieser zukünftigen Mitarbeiter ist der in Deutschland hoch angesehene Geograph Professor Erich Obst, Ordinarius für Geographie an der TH Hannover. Es sollte sich erweisen, daß die in vieler Hinsicht spannungsvolle und von durchaus gegensätzlichen Vorstellungen geprägte Zusammenarbeit von Erich Obst und Karl Haushofer die Grundlage für die Vielfalt und Breite der Anschauungen legen sollte, die die ZfG in den folgenden Jahren prägen und ihr zu weltweitem Interesse und Wirksamkeit verhelfen sollte.

Das Herausgeberkollegium wurde durch den Hannoveraner Studienrat Hermann Lautensach, den Obst interessieren konnte, und den Geographen Fritz Termer vom Institut für Amerikanistik an der Universität Würzburg ergänzt. Der Staatswissenschaftler Kurt Hesse übernahm die Schriftleitung.

Um eine sinnvolle Arbeitsteilung zu ermöglichen, beschlossen die Herausgeber, das Arbeitsfeld zu gliedern. Dazu wurden die Referate „Alte Welt”, „Indo-Pazifische Welt”, und „Atlantische Welt”[28] geschaffen, hinzu kam ein selbstständiges Referat für den Leitartikel.

Karl Haushofer übernahm seiner besonderen Erfahrungen wegen das indo-pazifische Referat, Erich Obst wurde als besonders an europäischer Problematik interessiert für die Alte Welt zuständig und Fritz Termer als Amerikanist für die Atlantische Welt. Hermann Lautensach verwaltete als ständiger Mitarbeiter das sogenannte „erdumfassende und systematische Referat”, Schriftleiter Kurt Hesse war für den Leitartikel zuständig und konnte so von Anfang an einen nicht unbedeutenden Einfluß ausüben.

Die Dispergation des Herausgeberkollegiums forderte intensive organisatorische Vorarbeiten und eine besondere Strukturierung der Editionsarbeit. Zunächst wurden die Hefte zwar in Berlin gemeinsam erarbeitet, doch konnte diese Arbeitsweise nicht lange durchgehalten werden. Man einigte sich auf eine Vorgehensweise, die zwar der Redaktion in Berlin die Entscheidung über die Gestalt eines jeden Heftes überließ, den Herausgebern aber nicht die Kontrolle über ihr jeweiliges Referat nahm.

Das Prozedere sah so aus, daß die bei der Redaktion in Berlin eingehenden Arbeiten auf die Referate aufgeteilt und dem jeweiligen Ressortchef zugesandt wurden, dieser übernahm nun die Prüfung, sonderte die unbrauchbaren Beiträge aus und schickte die von ihm als zum Druck geeignet ausgewählten wiederum an die Redaktion. Aus den von den Fachreferaten genehmigten Arbeiten stellte dann die Redaktion in Person von Kurt Vowinckel und Kurt Hesse die einzelnen Hefte zusammen.

Auf diese Weise war zwar die Kontrolle jedes Herausgebers über sein Referat bestmöglich gesichert, sowohl auf die Gestalt des Heftes als auch auf die weiteren Referate jedoch hatte keiner der Herausgeber Einfluß. Die Redaktion hingegen entschied über die endgültige Gestalt und den Inhalt eines jeden Heftes, sie konnte so eine starke Machtposition gegenüber den Herausgebern aufbauen.

2.2. Die Zeitschrift für Geopolitik 1924-1930

Wie von Haushofer und Vowinckel geplant, erschien das erste Heft der ZfG am 1. Januar 1924, die Erscheinungsweise der Zeitschrift war monatlich, bis zur amtlich angeordneten Einstellung der Zeitschrift im Jahre 1944 sollte es dabei keine Unterbrechung geben.

Das Impressum des ersten Heftes verzeichnete als die Herausgeber Dr. Fritz Hesse, Prof. Dr. Karl Haushofer und Prof. Dr. Erich Obst. Als ständige Mitarbeiter waren Hermann Lautensach und Dr. Fritz Termer aufgeführt. Der Umfang des Heftes betrug 54 Seiten, die Aufsätze hatten eine Länge von nicht mehr als acht Seiten. Die Begrenzung des Heftumfanges und der Länge der Aufsätze sollte vor allem der Kostenreduzierung dienen, aus dem gleichen Grunde wurde in der ZfG weitgehend auf Fußnoten und Anmerkungen verzichtet.

Die Erstauflage betrug 800 Exemplare - die Höhe der Auflage sollte in den folgenden Jahren bis auf über 5000 ansteigen. Ein großer Teil der Auflage ging an Abonnenten, der Anteil der Abonnenten an der Leserschaft war stets sehr hoch. 1927 betrug dieser Anteil 1/3, d.h. ca. 1200 Exemplare. Wie unvollständige Verzeichnisse aus Haushofers Nachlaß zeigen, war unter den Abonnenten stets ein bedeutender Anteil ausländischer Bezieher, zeitweise ist fast ein Drittel der Auflage ins Ausland gegangen. Unter den ausländischen Abonnenten waren auch bis zu 500 Bibliotheken.

In den dreißiger Jahren war die ZfG zeitweise die deutsche Zeitung mit dem höchsten Auslandsabsatz. Dabei überwogen die angelsächsischen Länder, auch japanische Bezieher waren dank Haushofers Verbindungen stark unter den Abonnenten vertreten. Überhaupt verdankte die ZfG ihre weit verbreitete Leserschaft vor allem Karl Haushofer und seinen vielfältigen Verbindungen zu wissenschaftlichen, militärischen und politischen Kreisen.

In den folgenden Jahren traten einige Veränderungen im Herausgeberkollegium auf. Im Dezember 1924 schied Fritz Termer aus, an seine Stelle trat ab Januar 1925 der Würzburger Geographieprofessor Otto Maull, der schon vorher an der ZfG mitgearbeitet hatte. Zum gleichen Zeitpunkt wurde der Arbeitsbereich der Referate neu aufgeteilt,

ganz Afrika wurde nun dem Referat „Alte Welt” von Erich Obst angegliedert, Otto Maull übernahm die „Neue Welt” (Atlantische Welt). Der „Indo-Pazifische” Bereich blieb unverändert bei Karl Haushofer.

Im Frühjahr 1926 schied Fritz Hesse aus der Redaktion aus, sowohl als verantwortlicher Schriftleiter und damit für den Leitartikel Verantwortlicher als auch als Herausgeber. Seine Aufgaben als Schriftleiter übernahm Kurt Vowinckel, der damit in der Redaktion und im Verlag eine beherrschende Position gewinnen konnte.

Im Laufe des Jahres 1925 begann die ZfG, mit dem „Wirtschaftsdienst Hamburg” zusammenzuarbeiten. Dieser Wirtschaftsdienst versorgte die Zeitschrift mit ökonomischen Statistiken, mit Tabellen und Zahlenmaterial. Knapp zwei Jahre später, im Januar 1927 kam es zum ersten Mal zur Fusion mit einer anderen Zeitschrift - die ZfG nahm die Zeitschrift „Weltpolitik und Weltwirtschaft” auf, eine Zeitschrift, die ebenfalls noch recht jung war. 1925 in eben jenem Oldenbourg-Verlag gegründet, in dem auch die ZfG hätte erscheinen sollen, war sie seitdem zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die ZfG geworden.

So hatte sie Lautensach in seinem Literaturbericht des Jahrgangs 1925 als „verwandte Zeitschrift” gewürdigt, die „frei von jeder parteipolitischen Bindung die großen Linien des Weltgeschehens unserer Zeit festhalten will, um die führenden Schichten des deutschen Volkes zu weltpolitischer und -wirtschaftlicher Betätigung reif zu machen.”[29]

Drei Mitarbeiter der „Weltpolitik und Weltwirtschaft” traten in die Redaktion bzw. den Herausgeberstab der ZfG ein, es handelte sich um den bisherigen Herausgeber Alfred Ball, den Syndikus des Westdeutschen Papierverbandes Dr. Fritz Coerper sowie den Leipziger Universitätsprofessor und Volkswirt Dr. Kurt Wiedenfeld.

Der Titel wurde angegeben mit „Zeitschrift für Geopolitik verbunden mit der Zeitschrift Weltpolitik und Weltwirtschaft”. Im Impressum wurden nun neben den alten Herausgebern der ZfG auch Alfred Ball als Herausgeber für Weltpolitik und Weltwirtschaft sowie Fritz Coerper genannt, als Mitarbeiter wurde Kurt Wiedenfeld aufgeführt.

Den Mitarbeitern von „Weltpolitik und Weltwirtschaft” standen im Heft von nun an bis zu 20 Seiten zur Verfügung. Im Bereich des Leitartikels waren das bis zu sieben Seiten, die gelegentlich für zwei Artikel verwendet wurden. Anschließend an den geopolitischen Berichtsteil des Heftes folgte dann die weltwirtschaftliche Berichterstattung, sie nahm bis zu 15 Seiten ein. Bedingt durch die Erweiterung des Inhalts erweiterte sich auch der Umfang des Heftes, er betrug im Jahre 1927 bis zu 95 Seiten, der gesamte Jahrgang ist 1104 Seiten stark.

Inhaltlich bedeutete die Fusion für die ZfG und ihre geopolitische Arbeit keinen Gewinn, zu unterschiedlich waren letztendlich doch die Zielrichtungen und Argumentationsweisen der beiden miteinander vereinigten Blätter. Während die Mitarbeiter der ZfG bemüht waren, hinter der Tagespolitik die geopolitische Bedingtheit und die Raumgebundenheit zu erkennen und freizulegen, blieb das Interesse der „Weltpolitik und Weltwirtschaft” doch stark an der Oberfläche und war weniger analytisch als viel mehr deskriptiv und indikativ. Das vermögen schon die Titel einiger Aufsätze des Jahrgangs 1926 zu zeigen: „Der deutsch-russische Neutralitätsvertrag”, „Britische Pläne in Ost-Afrika”, „Chinas Auferstehung”, „Die englische Industrie nach dem Generalstreik”.

Als ebenfalls nicht förderlich im Sinne der Herausgeber wirkte sich der weitere Machtzuwachs der Berliner Redaktion in der Person Kurt Vowinckels aus. Sein Einfluß auf Inhalt und Gestaltung der Hefte weitete sich durch die Fusion beträchtlich aus. Die Kontrolle über ihr Referat und das Vertrauen in die Integrität der Kollegen gab den Herausgebern bisher die stete Gewißheit, in der ZfG über das Forum ihrer wissenschaftlichen Zielsetzung zu verfügen, nun entglitt ihnen mehr und mehr die Kontrolle über Inhalt und Qualität der Zeitschrift.

So schreibt Obst: „Ich muß ganz offen gestehen, daß mir die ZfG nicht mehr die innere Befriedigung gewährt, die ich in früheren Jahren empfunden habe. Das liegt an der unglückseligen Verschmelzung und der durch diesen Umstand stark mitbedingten eigentümlichen Schriftleitung des Herrn Vowinckel. Wo immer ich hinkomme, überall wird mir mit Recht gesagt, wie geschlossen, einheitlich wissenschaftlich unsere Zeitung früher gewesen ist, wie zerfahren … sie jetzt geworden ist. Auf die Dauer vermag ich diesen Zustand mit meinem Namen nicht mehr zu decken. Es darf nicht sein, daß (die) Zeitschrift von Herrn Vowinckel mit allerlei Beiwerk ausgestattet wird, von dem wir nichts wissen … „[30]

Verstärkt und überlagert wurden die Probleme mit der Redaktion der Zeitschrift durch immer stärker zutage tretende Konflikte auch innerhalb des Kreises der Herausgeber. Diese Probleme waren im wesentlichen wissenschaftstheoretischer Natur und wurden verursacht durch den unterschiedlichen Ansatz der vier Protagonisten der Geopolitik.

Diese Unterschiede zeigten sich bei der Vorbereitung eines theoretischen geopolitischen Werkes, das Haushofer, Obst, Lautensach und Maull im Jahre 1927 gemeinsam erarbeiteten und herausgeben wollten. Der geplante Titel war „Bausteine der Geopolitik”, das Werk sollte im Vowinckel Verlag erscheinen. Kurt Vowinckel selbst hatte die Gemeinschaftsarbeit angeregt. Ziel war es, die theoretischen Grundlagen der Geopolitik der Öffentlichkeit und insbesondere den interessierten wissenschaftlichen Fachkollegen deutlich zu machen und damit auch den Wissenschaftsanspruch der Geopolitik zu untermauern.

Vowinckel plante zunächst, die „Bausteine” als Zusammenfassung einzelner schon erschienener Aufsätze und neuer theoretischer Abhandlungen zu edieren. Von Obst, Lautensach und Maull stellten sich dem nun Bedenken entgegen. Sie befürchteten eine kontraproduktive Wirkung dieser Konzeption und eine Verschlechterung ihrer wissenschaftlichen Reputation.

Auf der anderen Seite sahen Vowinckel und Haushofer die Notwendigkeit eines raschen Erscheinens der „Bausteine”, da sie die Gefahr eines weiteren Substanzverlustes der Geopolitik und der Minderung ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit höher einschätzten als den von Lautensach und Obst befürchteten Verlust ihrer wissenschaftlichen Reputation.

Obwohl auch die inhaltlichen Differenzen zwischen den Herausgebern und dem Schriftleiter beträchtlich angewachsen waren, konnten sich die Mitglieder der „geopolitischen Quadriga”[31] und Vowinckel auf einer Konferenz am 17. und 18. September in Berlin auf eine gemeinsam beschlossene Basis ihrer geopolitischen Arbeit einigen. Bei dieser Konferenz war Karl Haushofer allerdings nicht anwesend. Er stand jedoch durch Obst in engem Kontakt mit den Mitherausgebern. Diese bemühten sich um eine Formulierung der Ziele der Geopolitik im Sinne Haushofers und auf der Grundlage seiner Formulierungen. Der Kernsatz der Ausarbeitung lautet:

„Die Geopolitik ist die Lehre von der Erdgebundenheit der politischen Vorgänge. Sie fußt auf der breiten Grundlage der Geographie, insbesondere der politischen Geographie als der Lehre von den politischen Raumorganismen und ihrer Struktur. Die von der Geographie erfaßte Wesenheit der Erdräume gibt für die Geopolitik den Rahmen ab, innerhalb dessen sich der Ablauf der politischen Vorgänge vollziehen muß, wenn ihnen Dauererfolg beschieden sein soll. Gewiß werden die Träger des politischen Lebens gelegentlich über diesen Rahmen hinaus greifen, früher oder später wird sich die Erdgebundenheit immer wieder geltend machen.

Im Sinne dieser Erkenntnis will die Geopolitik Rüstzeug zum politischen Handeln liefern und Wegweiser im politischen Leben sein. Damit wird sie zur Kunstlehre, die die praktische Politik bis zu der notwendigen Stelle des Absprungs vom festen Boden zu leiten fähig ist. Nur so wird dieser Sprung vom Wissen zum Können und nicht vom Nichtwissen aus erfolgen, wo er sicher weiter und gefährlicher ist.

Die Geopolitik will und muß zum geographischen Gewissen des Staates werden.”[32]

War durch diese Definitionsarbeit der Rahmen für die weitere geopolitische Arbeit gesteckt, blieb doch die Frage nach den Inhalten und den politischen Konsequenzen weiterhin offen, auch wurden die Machtverhältnisse zwischen den Herausgebern und der Redaktion bzw. Schriftleitung nicht verändert, so daß Konflikte für die Zukunft voraussehbar waren.

Diese entzündeten sich an den finanziellen Problemen, die im Jahre 1928 die ZfG mehr und mehr belasteten. Die Dienste des „Wirtschaftsdienstes Hamburg” waren schon seit Anfang 1928 aus finanziellen Gründen nicht mehr in Anspruch genommen worden. Nun forderte Vowinckel Ende des Jahres eine Reduzierung der Herausgebergehälter und damit der Anzahl der Herausgeber.

Diese Forderung führte im Februar 1929 zum Ausscheiden Hermann Lautensachs aus dem Kreise der Herausgeber. Für sein systematisches Referat war die Fusion mit der ZfW durch die thematische Nähe gefährlich geworden, es zeigten sich Überschneidungen und Konkurrenzerscheinungen. Deutlich wurde auch, daß die Leitung des Referates für Weltpolitik und damit die Kontrolle des Leitartikels durch Alfred Ball den durch Lautensachs Referat vertretenen Anspruch der Geopolitik schmälerte bzw. relativierte.

2.3. Die Zeitschrift für Geopolitik 1930-1932

Konnte man bisher noch von einem Gleichgewicht der Kräfte sprechen, verschoben sich nach Lautensachs Ausscheiden aus dem Herausgeberkreis die Fronten sehr entscheidend. Zwar blieb er noch ständiger Mitarbeiter, doch war die Position der Vertreter der Geopolitik in der Zeitschrift nun endgültig auf ihr jeweiliges Referat beschränkt.

Ein Einfluß auf Gestalt und Tendenz der ZfG bestand nicht mehr.

Im Jahre 1930 schien sich die Lage noch einmal zu ändern, als zum 1. Januar auf Betreiben Obsts ein junger Geograph, Dr. H. J. Rust, zum Schriftleiter der ZfG bestellt wurde und gleichzeitig Arthur Ball (der 1927 seinen verstorbenen Bruder Alfred ersetzt hatte) als Herausgeber für Weltpolitik und Weltwirtschaft ausschied. Neuer Herausgeber für Weltwirtschaft wurde Dr. G. Hermann, der bisher als ständiger Mitarbeiter aufgeführt worden war.

Das Impressum nannte als verantwortliche Herausgeber nur noch Obst, Maull und Haushofer, Vowinckel erschien als Herausgeber für den Leitaufsatz und konnte nach wie vor den politischen und inhaltlichen Kurs der ZfG steuern.

Diese Aufgabe nahm er auf eine Weise wahr, die auf starke Ablehnung von Obst und Maull stieß. Anlaß zu Kritik gaben die Leitaufsätze, in denen Vowinckel immer häufiger Sympathisanten einer eher national geprägten Richtung zu Wort kommen ließ. Hier sind die Aufsätze von Hans Zehrer zu erwähnen, die 1930 und 1931 erscheinen.

Obst und Maull waren nicht bereit, sich mit einer Politisierung der ZfG abzufinden, um so weniger, als sie ihrer politischen und wissenschaftlichen Linie entscheidend widersprach. Doch in der Auseinandersetzung um den Weg der ZfG mußten sie unterliegen, da die Position Vowinckels als Verleger und Herausgeber zu stark war, und Karl Haushofer nicht bereit oder in der Lage, sie in ihren Bemühungen zu unterstützen.

Er blieb neutral, als Vowinckel Ende 1931 ultimativ das Ausscheiden von Obst und Maull forderte. Zwar versuchte Vowinckel zunächst auch diese Forderung mit finanziellen Schwierigkeiten des Verlages zu begründen, doch rückte er auch nicht von ihr ab, als sowohl Obst als auch Maull sich zu einer befristeten honorarfreien Mitarbeit bereit erklärten. Als es deutlich wurde, daß das Weiterbestehen der ZfG von der Erfüllung der Forderungen Vowinckels abhängen sollte, zogen sie die Konsequenzen und schieden aus.

Mit Ablauf des 8. Jahrgangs 1931 traten Obst, Maull und Hermann zurück. Auch Schriftleiter Rust schied aus. Der Kommentar, den Vowinckel im ersten Heft 1932 dazu gab, zeigte auf eindrucksvolle Weise dessen politische und „wissenschaftliche” Position. Vowinckel begründete den Austritt von Obst, Maull und Hermann mit der Notwendigkeit, durch die Veränderung im Mitarbeiter- und Herausgeberkollegium eine Konzentration auf Deutschland und die deutsche Problematik zu erreichen. Deutschland sei das „erste Kulturvolk, das zu einer Besinnung auf den Boden gezwungen wurde”. Damit sei Deutschland „zu einer führenden Rolle im Verhältnis von Mensch und Boden berufen”. Auf diesem Wege solle die Geopolitik Deutschland dienen. So fände die ZfG zu „geschlosseneren Formen” zurück, in ihren Grundsätzen bliebe sie jedoch unverändert.[33]

Vowinckel gab diese Erklärung auf der 2. Umschlagseite ab, der redaktionelle Teil des Heftes begann auf der ersten Seite mit einer knappen Notiz über den Rücktritt von Obst, Maull und Hermann, gefolgt von einer Verabschiedung der scheidenden Kollegen durch den Begründer der Zeitschrift, Karl Haushofer. Dieser sprach etwas unbestimmt von einer „Kette von Entwicklungen”, die nichts zu tun habe mit dem „von ungewöhnlicher Harmonie” getragenem Verhältnis der Herausgeber und fuhr fort:

„Schwer und ernst muß das Gefühl dessen sein, der als letzter aus dem Kreis der gründenden Herausgeber zurückbleibt, um zu versuchen, in der Überlieferung des alten Kurses weiterzusteuern. Sieben Jahre lang hatte eine in ihrer Art seltene Arbeitsgemeinschaft mit Erfahrungen aus den verschiedensten Gebieten und mit überparteilicher Blickweite der Geopolitik die Richtung gegeben. … In tiefbewegter Zeit gehen nun die beiden Gefährten von Bord und der Älteste aus dem Kreise muß fortan streben, das Steuer in ihrem Geiste, im Geiste der Begründung weiter zu halten, bis es ohne Gefährdung des gewonnenen Erfahrungsgutes an die sich rasch mehrende Gefolgschaft übergeben werden kann. Bis dahin bittet er, … in ihrem Sinne weiterhin Geopolitik zu denken, zu pflegen und zu gestalten - wie es der letzte der alten Herausgeber zu halten verspricht. Dieses Gelöbnis der Werktreue in ihrem Geiste ist eine Form des Dankes, die dem Unterzeichneten aufrichtiges Bedürfnis ist.”[34]

Diese Hoffnung war allerdings zu diesem Zeitpunkt schon im wesentlichen illusionär - konnte und wollte doch Haushofer schon in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr „das Steuer” im Sinne von Obst, Maull und anderen engagierten Geopolitikern halten. Zu wenig war er dazu wirklich bereit und in der Lage, stand er doch theoretisch und politisch der Linie Vowinckels sehr viel näher als z.B. derjenigen Obsts.

Wie sich im ersten Heft 1932 zeigte, wurde aufgrund des Ausscheidens Obsts das Referat „Alte Welt” dem Referat „Atlantische Welt” zugeschlagen, das fortan von Albrecht Haushofer verwaltet wurde. Karl Haushofer berichtete nach wie vor über den „Indopazifischen Raum”. Gerhard Hermann, wiewohl als Herausgeber ausgeschieden, übernahm das Referat für die weltwirtschaftliche Berichterstattung.

Im Impressum drückte sich die veränderte Situation durch den Untertitel „begründet von Prof. Dr. Karl Haushofer und Prof. Dr. Erich Obst” aus, Gerhard Hermann und Albrecht Haushofer wurden als Mitarbeiter aufgeführt. In späteren Heften wurden auch weiterhin Lautensach und Wiedenfeld als ständige Mitarbeiter genannt, ohne daß aus dem Inhalt zu erkennen war, worin diese Mitarbeit bestand.

Daß auch Hermann als Herausgeber ausschied, hatte also offenbar nichts mit dem Ausscheiden von Obst und Maull zu tun, die Tatsache, daß er weiter als ständiger Mitarbeiter aufgeführt wurde, läßt darauf schließen, daß der Grund für diese Änderung in der finanziellen Neuordnung der Verlagsverhältnisse zu suchen war.

Weitere Veränderungen sind im Verlaufe des Jahrgangs 1932 dann nicht mehr festzustellen, mit dem Revirement des Jahreswechsels war es zu stabilen Verhältnissen in Verlag und Redaktion gekommen. Wesentliche wissenschaftliche und politische Spannungen bestanden nicht mehr, die republikanisch gesonnenen Mitarbeiter waren ausgeschieden.

Damit begann eine neue Periode für die Geopolitik und für die ZfG. Diese Periode muß als Durchsetzung einer „Vorauseilende Gleichschaltung” bezeichnet werden, d.h. einer Einordnung der ZfG in den deutschen Nationalsozialismus. Dank Vowinckels Organisationstalents und dank Haushofers Anpassungsbereitschaft an eine Ideologie, die er zwar nicht vertrat, jedoch aus verschiedensten Gründen zu unterstützen bereit war, vollzog die ZfG freiwillig einen Prozeß, der dem Großteil der deutschen Presse noch bevorstand und unter zum Teil erheblichem politischen Druck ablaufen sollte.

Von tatsächlich wissenschaftlicher Bedeutung der ZfG und der Geopolitik kann man nun nicht mehr sprechen, eine, wenn auch unter den beschriebenen Vorbehalten, ernstzunehmende Geopolitik existiert in Deutschland nicht mehr. In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit bestimmten Ergebnissen beschäftigen, die die Geopolitik in den Jahren 1924 bis 1932 erzielt hat. Hauptaugenmerk sei auf die Beschäftigung mit dem Versailler Vertrag gelegt.

3. Europa-Konzepte in der Zeitschrift für Geopolitik

3.1. Die Notwendigkeit der Neuorientierung

Das Problem der Stellung Deutschlands in Europa und in der europäischen Staatengemeinschaft war durch den Ersten Weltkrieg und seine Ergebnisse nachdrücklich in das öffentliche Bewußtsein gedrungen. Auch in dieser Frage wirkte sich die beträchtliche Diskrepanz zwischen den verbreiteten Vorstellungen über die Rolle Deutschlands vor und während des Krieges und der Situation Deutschlands nach dem Kriege auf zwiespältige Weise aus.

Die Desorientierung wurde noch verstärkt durch die Neuordnung Europas und die gänzlich veränderte Lage, in der sich Deutschland nach dem Kriege innerhalb Europas wiederfand.

Konnte Europa vor dem Krieg auf eine zum Teil jahrhundertealte, gefestigte Staatenordnung zurückblicken, die durch gemeinsame Geschichte und Kultur sowie vielfältige dynastische Verbindung höchst stabil anmutete, waren nach dem Krieg diese Verhältnisse zerstört oder zusammengebrochen, eine Vielzahl neuer Staaten hatte sich in Mittel- und Osteuropa gebildet und die Lage sowohl Deutschlands und der Deutschen als auch der gesamten Ordnung in diesem Nachkriegssystem war eine höchst unsichere und ungewisse geworden.[35]

Hinzu kam der Schock der sozialen und staatlichen Umwälzungen, das Ende der Dynastie der Hohenzollern, die Novemberrevolution samt den damit verbundenen Kämpfen und die Etablierung der „Weimarer” Republik. Die Hohenzollernherrschaft hatte im Bewußtsein der Deutschen die Einheit des Deutschen Reiches repräsentiert und war das Symbol eines deutschen Staates, der von einer Mehrheit der Deutschen nicht nur als Nationalstaat sondern mehr noch als ein nahezu sakrosanktes Ordnungssystem verstanden worden ist.

Dieses war nun zerbrochen und die Deutschen sahen sich vor die Aufgabe gestellt, einerseits gänzlich unvorbereitet einen neuen Nation- und Staatsbegriff zu akzeptieren, andererseits ihren Platz als Nation in einem veränderten Europa und einer veränderten Welt neu zu definieren.

Die Lösung beider Aufgaben war eng miteinander verbunden und ineinander verknüpft, beide Aufgaben waren letztlich politischer Natur und somit nur innerhalb des politischen Systems des Nachkriegs-Deutschlands zu bewältigen. Zudem waren diese Aufgaben nicht nur historisch geprägt, sie erforderten ebenso eine klare Entscheidung für ein Wertsystem, innerhalb dessen sich ihre Lösung verwirklichen lassen konnte.

Über die Art der Lösung dieser Aufgabe herrschte in Deutschland große Unsicherheit, eine Unsicherheit, die sich im Laufe der Zeit nicht verminderte und angesichts des Mangels an tatsächlichen politischen Alternativen gar noch verstärkte. Sie zeigte sich nicht nur in der politischen Geschichte der Weimarer Republik, auch die Kultur- und Geistesgeschichte ist zutiefst geprägt vom Verlust des festen Werte- und Ordnungssystems, über das die Deutschen in der Zeit vor dem Kriege verfügt hatten.[36]

Die Geopolitik verdankte ihre Entstehung dieser Krise der inneren und äußeren Orientierung. Die Zeitschrift für Geopolitik versuchte, an der Bewältigung der Krise mitzuarbeiten. Dabei entwickelten die Geopolitiker eine fast missionarische Energie, waren sie doch der Meinung, den Schlüssel für das Verständnis der Niederlage Deutschlands im Weltkriege in der Hand zu haben. Ein wesentlicher Impetus ihrer Arbeit war es, Erkenntnisse einem möglichst breiten Publikum zu vermitteln und diese gleichzeitig der deutschen Außenpolitik nutzbar machen zu können.

Eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem Ersten Weltkrieg und eine vorwiegend revisionistische Kritik an der Nachkriegssituation konnte deshalb nicht ein inneres Anliegen der ZfG sein. Wenn sich dennoch verschiedene Spuren eines eher revisionistischen Denkens in der ZfG finden lassen, zeigt das vor allem den ungeheuer starken Einfluß, den dieses Denken in der Zeit der Weimarer Republik ausgeübt hatte.

Ziel der Geopolitik war es jedoch, den Zusammenhang zwischen der räumlichen Lage Deutschlands und der Politik, die zum Kriege geführt hatte, zu untersuchen, Fehlentwicklungen aufzuzeigen und ein Konzept für eine sinnvollere Eingliederung Deutschlands in Europa zu erarbeiten und zu begründen.

In diesen Zielen waren sich die Exponenten der Geopolitik einig, die Ergebnisse ihrer Arbeit jedoch waren unterschiedlich, zum Teil einander widersprechend. Dies lag zum einen an dem sehr ungleichen Ausgangspunkt, beispielsweise des weitgereisten und weltmännischen Offiziers Karl Haushofer und des „Schreibstuben”-Gelehrten und Universitätsprofessors Erich Obst. Zum anderen hatte es politische Gründe und dokumentierte die unterschiedlichen Standpunkte der Autoren.

Trotz der Unterschiedlichkeiten und Differenzen können in den Aufsätzen der ZfG zwei Grundkonzeptionen erkannt werden. In diese Konzeptionen können die meisten Arbeiten in der ZfG eingeordnet werden, sie werden, wenn auch mit manchen Unterschieden und Abwandlungen, durch Erich Obst und Karl Haushofer repräsentiert. Diese Konzeptionen sind verbunden mit den Stichworten „Paneuropa” und „Mitteleuropa”, sie seien im Folgenden kurz dargestellt.

3.2. Paneuropa

Es war Erich Obst, der als verantwortlicher Referent für die „Alte Welt” (Europa und Afrika - dieser Kontinent spielte in der ZfG übrigens kaum eine Rolle) bis 1931 die Diskussion leitete und gestaltete. Seine Arbeit war durchgehend von einem leidenschaftlichen Engagement für eine europäische Integration geprägt, der Durchsetzung dieses Zieles war alle politische und historische Problematik untergeordnet.

Sein Konzept könnte man kurz als „Einheit in der Vielfalt” beschreiben, er selbst beschreibt es in seinem Aufsatz „Problem Europa”: „Vielleicht … vermag die Kenntnis der Ursachen unserer unglückseligen Zersplitterung dazu beitragen, daß die Europäer endlich bei voller Wahrung der kulturellen Eigenart jeder Nation den Partikularismus überwinden und ihren Erdteil als Einheit entdecken. … Nur der Zusammenschluß Aller zu einem freiwilligen und jedem Partner gleiches Recht gewährenden Europäischen Staatenbund vermag die drohende Gefahr (u.a. schwerer Wirtschaftskrisen, d.V.) zu bannen.”[37]

Für Erich Obst ist es ausgemachte Sache, daß ein Staatenbund, der auf den alten Prinzipien der Souveränität beruht, nicht ausreicht und am Wesen der europäischen Zusammenhänge scheitern muß: „Der Gegensatz zwischen Staat und Volkstum kann … nicht beseitigt werden, solange jeder der vielen Gliedstaaten Europas auf seiner … Souveränität besteht. Die freie Entwicklung jedes einzelnen Volkstums ist vielmehr nur denkbar in einem wirtschaftlich und machtpolitisch geeinten Europa, bei dem dann als Innengrenzen zur Absonderung autonomer Kulturprovinzen die jeweiligen Volkstumsgrenzen anerkannt werden können.”[38]

Aus dem von der Geopolitik postulierten „Gesetz der wachsenden Räume” leitete Obst dabei auch die Notwendigkeit einer Bewältigung des immer stärker spürbar werdenden Druckes auf den europäischen Kontinent ab: „In einer Epoche, wo der Drang zum Großorganismus die gesamte Politik aller Erdteile beherrscht, ist für ein zersplittertes Europa kein Platz mehr; die absolute Souveränität muß gegen Kulturautonomie innerhalb eines europäischen Kontinentalblocks eingetauscht werden oder sie fällt dem Ansturm der außereuropäischen Großraumreiche zum Opfer.” Dabei hatte Obst nicht nur die Gefahr eines sich etwa verstärkenden russischen Übergewichtes im Auge. Vielmehr zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt eine Intensivierung des amerikanischen Einflusses in Europa ab: „Europa kann nur als geschlossene Einheit die Krisis überstehen oder es verfällt in seinen einzelnen Bestandteilen langsam aber sicher dem Schicksal einer amerikanischen Kolonie.”[39]

Daß diese geschlossene Einheit nicht diejenige eines formalen Staatenbundes sein konnte, machte Obst angesichts des „Paneuropa-Planes” des französischen Außenministers Aristide Briand im Jahre 1929 klar: „Was wir brauchen, ist eine Union der europäischen Völker und eine solche ist ohne vorherige eindeutige und gerechte Lösung der Minderheitenfrage unter keinen Umständen möglich … Der Weg … führt über die Völker, über wahrhaftes Minderheitenrecht und pannationale Organisationen. Letztere und nicht die Staaten werden sich als tragfähige Bausteine des Paneuropagebäudes erweisen.”[40]

Besonders an dieser Stelle wird klar, daß die ungelösten Minderheitenprobleme, die der Versailler Vertrag hinterlassen bzw. neu geschaffen hat, für Obst wie auch für andere Autoren der ZfG, die sich mit Europakonzeptionen befaßten, ein zentrales Problem darstellten. Eine Regelung auf der Grundlage dieses Vertrages war für alle Autoren unvorstellbar. Auch deshalb wurde Briand scharf angegriffen: „Frankreich als Vorkämpfer der europäischen Kultur gegen den angelsächsischen Barbarismus - das wird das Leitmotiv sein, hinter dem sich die realpolitische Tendenz verbirgt: Europa muß bleiben wie es ist, es darf nichts geändert werden! … Hier wird in Wirklichkeit gegen Europa gekämpft, sofern man nicht etwa der Ansicht ist, daß auch Napoleon I. … ein großer Paneuropäer war.”[41]

Das Mißtrauen wird deutlich, das allgemein gegen ein unter französischer Hegemonie integriertes Europa gehegt wurde. Wenn sich dieses durchgehend erkennbare Mißtrauen auch mit der Ablehnung des französischen geistigen und kulturellen Einflusses verband, ergaben sich Konzeptionen, die nicht unwesentlich von der skizzierten Europaidee Obsts abwichen.

3.3. Mitteleuropa

Diese Konzeptionen standen im allgemeinen unter dem Stichwort Mitteleuropa und gingen von der Vorstellung aus, Deutschland könne und müsse in diesem Teil des Kontinents wieder zum zentralen politischen und wirtschaftlichen Einflußfaktor werden. Die Mitteleuropa-Konzepte wurde in der ZfG seit dem Ende der zwanziger Jahre zunehmend diskutiert, die Diskussion fand ihren Höhepunkt in dem Planheft  „Österreich”, das im Januar 1930 erschien. Das war kein Zufall, gingen doch besonders viele Vertreter der Mitteleuropa-Idee von der Vorstellung eines gesamtdeutschen Nationalstaates unter Einbeziehung Österreichs aus. Stand bei Obst noch der Gedanke der „Kulturautonomie” und des „Minderheitenrechtes” im Vordergrund, trat nun die „Anschluß”-Idee stärker hervor, basierend auf der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht des Deutschen Volkes.

Zwar verzichtete auch Obst nicht auf den Vollzug des Selbstbestimmungsrechtes der Deutschen und die Vorstellung einer staatlichen Einigung des Deutschen Reiches und der Republik Österreich. Bei ihm war diese Einigung jedoch niemals Ziel- oder Kernvorstellung. Die entscheidende Aufgabe sah er in dem Ausgleich und der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Nur von hier aus konnte seiner Meinung nach die europäische Problematik gelöst werden.

Die Vertreter des Mitteleuropa-Gedankens gingen andere Wege. Sie sahen besonders etwa seit 1928 wieder die Möglichkeit des Aufstiegs Deutschlands zur stärksten kontinentaleuro­päischen Macht und zur Gestaltung Europas mit Deutschland als Mittelpunkt und Kristallisa­tionskern.[42] Von hier aus sollte Mitteleuropa politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammen­wachsen. Der Paneuropa-Gedanke wurde als politisch nicht tragfähig kritisiert: „Die paneuro­päische Bewegung (hat) 100% recht, erzeugt aber praktisch nicht einen Funken polit. Span­nung. … das Raumbild … bleibt tot und kalt wie eine abgestorbene Perle.”[43]

Um das Raumbewußtseins der Deutschen zu stärken und zu schärfen forderte der Autor, Hans Zehrer, im selben Aufsatz, eine auf die Einbindung des Deutschtums in Mittel-, Ost- und Südosteuropas zielende Politik, deren Anklang er in der Jugend- und Jungscharbewegung erblickte. Neben einem besseren Kennenlernen des vom Deutschtum geprägten Europa forderte Zehrer eine aktive deutsche Kulturpolitik und eine Wirtschaftspolitik, die auf Integration des Mitteleuropäischen Raumes zielt.

Im gleichen Heft finden wir den Abdruck eines Vortrages von Karl C. von Loesch, der der Volksdeutschen Bewegung angehörte.[44] Auch von Loesch verwarf die Idee Paneuropa als Illusion und forderte statt dessen die Durchsetzung von zwischenstaatlichen Rechtsverhältnissen, basierend auf dem Völker- und Menschenrecht. Die europäischen Konditionen vor und nach dem Weltkriege vergleichend, vermerkte er eine Verschlechterung des Rechtsgutes der Minderheiten, wobei man ihm nicht folgen kann, wenn er behauptet, daß die Polen in Preußen vor dem Krieg nicht benachteiligt worden wären. Mit dem zeitgenössischen Polen ging er härter ins Gericht und forderte: „Vom europäischen Standpunkt gesehen ist jedes Nachgeben in der moralischen Position ein Aufhalten in der endlichen Gesundung dieses Erdteils durch eine Entlastung Polens von einer durch nichts zu rechtfertigenden Raubpolitik des letzten Jahrzehnts.”[45]

Diese antipolnische Tendenz ist nicht untypisch, wird aber bei weitem nicht von allen Autoren der Mitteleuropa-Richtung vertreten. Vielfach finden wir hingegen auch ein ehrliches Bemühen um Beilegung der Differenzen und um Betonung der gemeinsamen Interessen.

Über die Ausdehnung Mitteleuropas gab es in der ZfG keine einheitliche Meinung. Einigkeit bestand lediglich darüber, daß Deutschland, Österreich, die Tschechoslowakei und Ungarn Teil dieses mitteleuropäischen Raumes sind. Einige Autoren hielten es für richtig, Polen, Rumänien und Jugoslawien, auch Italien im Sinne einer Mitteleuropa-Konzeption zu inkorporieren. Hier mögen romantische Vorstellungen von einer Neuauflage des alten deutsch-römischen Kaiserreiches eine Rolle gespielt haben, auch ein gewisses Verantwortungsgefühl für die zum Teil starken und geschlossen siedelnden deutschen Minderheiten in diesen Ländern wurde an vielen Stellen deutlich.

Wesentlich war jedoch den meisten Autoren dieser Richtung die Forderung nach einer staatlichen Einigung des Deutschen Reichs und Österreichs sowie die Ablehnung einer tschechischen Eigenstaatlichkeit: „ … die Aufrechterhaltung eines tschechoslowakischen Staates der heutigen Form (ist) unmöglich. Das Schicksal hat die Tschechen ins ‘Herzland Germaniens’ verschlagen, der größte Teil ihrer Vergangenheit spielte sich im Rahmen des Reiches ab und ihre Zukunft wird in der deutsch-mitteleuropäischen Lebensgemeinschaft liegen.”[46]

Von den Autoren der ZfG wurde ganz allgemein die enge Bindung der Tschechoslowakei an Rußland und Frankreich als unnatürlich, widersinnig und ahistorisch beklagt. Scharf abgelehnt wurden besonders Ende der zwanziger Jahre die französischen Pläne einer zunehmenden Einflußnahme in diesem Raum (von Frankreich unter den Parolen „Zentraleuropa” und „Donauföderation” betrieben).

Dementsprechend wurden Vorstellungen eines intensiveren deutschen Einflusses entwickelt. Dieser sei sinnvollerweise durch eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit zu realisieren: „ (Der Weg dorthin ist) … der Weg der Zollunion mit Ländern, deren Struktur die deutsche Wirtschaftsstruktur zu ergänzen geeignet ist - der Weg der Verwirklichung des Föderationsprinzipes auf dem Gebiete zwischenstaatlicher Wirtschaft … Das Ziel des Weges ist der autarkische mitteleuropäische Wirtschaftsraum.”[47]

Ebenfalls aus dieser Zeit stammen auch andere Aufsätze, die großräumige Konzeptionen vom Ökonomischen her begründen: „Über Aufnahme Österreichs … weiter zur Schaffung eines einheitlichen größeren Wirtschaftsraumes durch Vertiefung und Ausgestaltung der Beziehungen zu den wirtschaftlichen Ergänzungsgebieten im Osten und Südosten. Somit ist eine Konsolidierung ganz Mitteleuropas und Osteuropas in mehr oder minder engem Anschluß an die deutsche Sphäre als weiterer Weg der deutschen Politik vorgezeichnet.”[48]

Gewiß nicht zufällig war die zeitliche Nähe zu den politischen Bestrebungen Brünings, eine Zollunion mit Österreich zu schaffen.[49] Die Zunahme des Interesses an wirtschaftlichen Zusammenhängen wurde ebenfalls deutlich. Die sehr schwere Lage Deutschlands während der Weltwirtschaftskrise machte sich bemerkbar, auch in den Vorstellungen eines „Autarkieraumes”, die deutlich aus der Not geboren waren: „Deutschland muß versuchen, mit anderen Gebieten, die in ähnlicher Lage sind, zu einer größeren Wirtschaftseinheit zu gelangen. Das heißt also Zusammenschluß mit den übrigen mittel- und osteuropäischen Staaten, oder Fusion mit Frankreich oder Anschluß an Rußland.”[50] schreibt Colin Ross, die seiner Meinung in Frage kommenden „Optionen” zusammenfassend.

Daß nur die erste Möglichkeit für Deutschland in Frage kommt, war zumindest für die Vertreter der Mitteleuropa-Richtung keine Frage. Die Mitteleuropa-Richtung wird zu Beginn der dreißiger Jahre zunehmend sowohl aggressiver als auch an isolationistischer Tendenz zunehmend vertreten: „Deutschland ist der Vorkämpfer der Völker Mitteleuropas gegen den Bolschewismus ebenso wie gegen den Landhunger Frankreichs … Deshalb ist Deutschlands Parole heute: Weder West- noch Ostorientierung sondern Mitteleuropa!”[51]

Daß eine solche Position mit den Paneuropa-Bestrebungen eines Erich Obst kaum zu vereinbaren war, liegt auf der Hand. Hier wird deutlich, daß die Leitvorstellung einer europäischen Einigung zu diesem Zeitpunkt in der ZfG kaum noch Raum hatte.

Daß diese Entwicklung nicht zwangsläufig war, macht die nach wie vor überzeugende Definition Hans Zehrers deutlich: „Der Name dieses zukünftigen deutschen Vorstellungsbildes wird „Mitteleuropa” lauten. Es ist der einzige Begriff, der alle Bedingungen unserer Lage in sich vereint. Er umfaßt die europäische Idee, die heute in den Gemütern herumspukt; nur definiert und präzisiert er damit zugleich unsere besondere nationale Situation. Er stabilisiert die Mittellage alles Deutschen.”[52]

4. Die Zeitschrift für Geopolitik und der Versailler Vertrag

4.1. Die Friedensverhandlungen von Versailles

Ein Ereignis hatte wie kein anderes die ZfG beschäftigt und Leidenschaft und Engagement ihrer Autoren angeregt. Es wäre gar kaum übertrieben zu behaupten, daß es ohne dieses Ereignis wohl weder die ZfG noch die Geopolitik in dieser Form gegeben hätte. Wir sprechen von den „Friedensverträgen von Versailles und St. Germain”.[53]

Der Versailler Vertrag wurde von den Vertretern der Geopolitik insgesamt und in seinen Einzelheiten scharf abgelehnt und mit den Mitteln ihrer Wissenschaft bekämpft. Die Überwindung des „Systems von Versailles”[54] und damit der Nachkriegsposition Deutschlands in Europa war das eigentliche Ziel der Geopolitik wie auch der deutschen Politik in der Weimarer Republik überhaupt, seine Bestandteile sind Hauptangriffspunkt der geopolitischen Argumentation. Deshalb ist es unerläßlich, im Zusammenhang dieser Arbeit auf das Zustandekommen und die wesentlichsten Inhalte dieses Vertragswerkes einzugehen.

Deutschland hatte den Vertrag von Versailles am 28.Juni 1919 durch den Außenminister Hermann Müller (SPD) und den Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) im Spiegelsaal des Versailler Schlosses unterzeichnet. An den Verhandlungen, die zum Versailler Vertrage führten, war Deutschland nicht beteiligt, der deutschen Delegation wurde am 7. Mai 1919 das fertige Vertragswerk zur Kenntnisnahme vorgelegt.

Die sieben Wochen zwischen Vertragsübergabe und Unterzeichnung waren durch konzentrierte Überlegungen um Annahme und Ablehnung des Vertrages gezeichnet, das erste Kabinett der Weimarer Republik kapitulierte vor dieser Entscheidung.[55] Daß es schließlich trotz der allgemeinen Einschätzung der „Unannehmbarkeit”[56] zur Unterzeichnung kam, lag an der bestehenden Alternative: Wiederaufnahme der Kampfhandlungen bis zur bedingungslosen Kapitulation. Daß dieses zur Zerstörung und schwerstem Schaden des Reiches geführt hätte, war wohl allen Parteien und Verantwortlichen klar, wenn es auch unterschiedlich deutlich realisiert und ausgesprochen wurde.

Trotzdem plädierten viele Stimmen für die Nichtunterzeichnung, unter ihnen der Führer der deutschen Delegation in Versailles, der erste Außenminister der Weimarer Republik, Graf Brockdorff-Rantzau (parteilos). Matthias Erzberger (Zentrum),[57] der Führer der „Realpolitiker”, die sich auf den Boden der Tatsachen stellen wollten, setzte sich jedoch durch. Nach dem Rücktritt des Kabinetts Scheidemanns am 20. Juni 1919[58] und Ausscheiden des Grafen Brockdorff-Rantzau aus dem Kabinett gelang es ihm, ein parlamentarisches Mandat für die Unterzeichnung zu erlangen.[59]

Die ablehnenden Mitglieder der Nationalversammlung aus den Parteien DDP, DVP und DNVP stellten der parlamentarischen Mehrheit eine Ehrenerklärung des Inhalts aus, daß die Ehrenhaftigkeit der Motive der Unterzeichner respektiert würde. Die Ehrlichkeit vieler Unterzeichner eben dieser Erklärung scheint jedoch recht zweifelhaft, stellte sie doch kein Hindernis dar für die spätere Polemik gegen die Unterzeichner des Friedensvertrages. Daß man glaubte, diese Ehrenerklärung wäre notwendig, zeigt die Problematik der Situation. Sicherlich darf man von Rabenau folgen, der meinte: „ … sehr viele, die gegen die Unterzeichnung stimmten, taten es, weil sie schon wußten, daß auch gegen sie die Unterzeichnung angenommen wurde. Es war natürlich angenehm, auf der Neinseite zu sein.”[60]

Über den Inhalt des Friedensvertrages ist mit der deutschen Delegation in Versailles nicht verhandelt worden. Ihr wurde lediglich die Möglichkeit eingeräumt, binnen einer Frist von 14 Tagen, die dann noch einmal um eine Woche erweitert wurde, in schriftlicher Form Änderungswünsche einzureichen. Zuvor hatte Deutschland bereits einen eigenen Entwurf für den Friedensvertrag eingereicht, der jedoch in Bausch und Bogen abgelehnt wurde.[61]

Für die Nutzung der Verhandlungsfrist boten sich zwei Möglichkeiten an: Zum einen der Versuch, durch Noten zu den einzelnen Punkten zu versuchen, Erleichterung für Deutschland zu schaffen, zum anderen die Möglichkeit, einen weiteren deutschen Gegenentwurf einzureichen,

der den Friedenswillen Deutschlands und seine Rechtsposition demonstriert. Brockdorff-Rantzau entschied sich für die erste Variante und reichte zu den einzelnen Positionen Änderungswünsche bzw. die abweichenden Vorstellungen ein.

Unter anderem konzentrierten sich seine Noten auf die Frage nach der deutschen Kriegsschuld und die im Vertragsentwurf ausgesprochene Ableitung der Reparationsforderungen aus dieser.[62] Tatsächlich war in den Noten, die zum Abschluß des Waffenstillstandes ausgetauscht wurden[63], ein derartiger Zusammenhang nicht ausgesprochen worden, somit verstieß dieses Element des Vertragsentwurfs gegen die völkerrechtlich verbindlichen Grundlagen der Friedensvereinbarungen.

Ein wesentliches Motiv für die starre Position in der Frage der Kriegsschuld war das lebhafte Interesse einer weltweiten und natürlich vor allem der deutschen Öffentlichkeit an den Friedensverhandlungen. Für diese stellte die erzwungene Anerkennung der alleinigen deutschen Kriegsschuld eine ultimative Herausforderung dar, gegen die es sich mit allen gebotenen Mitteln zur Wehr zu setzen galt.

Die Mobilisierung der öffentlichen Meinung durch Publizierung der deutschen Noten und der Einfluß dieser Öffentlichkeit auf die Verhandlungsführung erwies sich jedoch als höchst nachteilig, da er bei den Alliierten, namentlich bei den Franzosen, nicht etwa zu einer Entlastung Deutschlands, sondern im endgültigen Vertragswerk zu einer nun verschärften und unzweideutigen Formulierung von der Kriegsschuld Deutschlands führte.

Dieser endgültige Vertrag wurde der deutschen Delegation am 16. Juni ultimativ übergeben, die Frist zur Unterzeichnung betrug 5 Tage.[64] Nun wurde klar, daß das deutsche Verhandlungskonzept von Versailles gescheitert war, das Kabinett Scheidemann trat vier Tage später zurück, auch Brockdorff-Rantzau schied aus der Regierung aus. Deutlich wurde ebenfalls, daß die deutschen Hoffnungen auf einen „Rechtsfrieden”[65] getrogen hatten und die Forderungen nach Einhaltung der „14 Punkte” in Verkennung der vollständigen Niederlage Deutschlands erfolgt war.

Schon in dieser Periode der Unsicherheit und Hoffnung vor dem Vorliegen des Vertrags war die deutsche Regierung nicht in der Lage, die Situation richtig zu erkennen und die nötigen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Somit erfolgte auch die Unterzeichnung des Vertrags nicht aufgrund tatsächlicher Einsicht in die Situation, sondern lediglich aufgrund der begründeten Furcht vor den Folgen der Nichtunterzeichnung, nämlich der Zerteilung des Reiches.[66]

Die deutsche Öffentlichkeit war durch die Vertragsunterzeichnung gleichsam paralysiert. Das war möglich vor allem wegen des grotesken Mißverhältnisses zwischen Inhalt des Vertrags und öffentlichem Bewußtsein in Deutschland am Ende des Ersten Weltkrieges. Dieses Problem ist vielfach dargestellt worden. An dieser Stelle scheint es wichtig, festzustellen, daß nicht zuletzt die illusionäre Haltung der Reichsleitung, die den Deutschen in den Monaten vor dem Waffensstillstand noch immer die bestehende Möglichkeit eines „Siegfrieds” vorgaukelte, und die daraus resultierende Unfähigkeit der Deutschen, die Niederlage und ihre Tragweite einzusehen, zu diesem Ergebnis geführt haben.

4.2. Die Bestimmungen des Versailler Vertrags

Der Inhalt des Versailler Vertrags hatte schwerwiegende Folgen für das Deutsche Reich, Folgen, die an den territorialen Einbußen Deutschlands deutlich werden. Diese seien hier ausführlicher dargestellt als weitere Bestimmungen des Vertrags, beschäftigten sie doch die Geopolitik mehr als zum Beispiel die Frage der Reparationen.

Grundlage der territorialen Neuordnung Europas sollte gemäß den 14 Punkten des US-amerikanischen Präsidenten Wilson in seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918[67] das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen” sein.

Deutschland hatte die „14 Punkte” und damit jenes Selbstbestimmungsrecht in der Waffenstillstandserklärung vom 11. November 1918[68] als Grundlage der Friedensverhandlungen anerkannt. Schon in den „14 Punkten” selbst wurde allerdings deutlich, daß das abstrakte Selbstbestimmungsrecht in erheblichem Maße durch anders begründete territoriale Forderungen zuungunsten Deutschlands eingeschränkt werden würde - die in Punkt 13 aufgestellte Forderung nach „freiem Zugang Polens zum Meere” ließ die Interpretation eines territorialen Zugangs Polens zur Ostsee zu, der nur durch die Abtretung fast ausschließlich deutsch besiedelten Gebietes in Pommern, Westpreußen oder Ostpreußens an Polen möglich gemacht werden konnte.

Die in Paris vorgelegten Regelungen übertrafen jedoch auch die düstersten Erwartungen der deutschen Delegation. Nach ihnen erhielt Polen den größten Teil Westpreußens und der Provinz Posen, den ostpreußischen Kreis Soldau und Oberschlesien. In den südlichen Teilen Ostpreußens sowie dem östlich der Weichsel gelegenen Teil Westpreußens sollten Volksabstimmungen über den Verbleib beim Reich durchgeführt werden. Danzig wurde als Freistadt vom Reich getrennt bei Gewährung erheblicher Rechte an Polen, das Memelland[69] wurde von Ostpreußen abgetrennt und unter das Mandat der Ententemächte gestellt.[70]

Die Tschechoslowakei erhielt einen Teil des schlesischen Kreises Ratibor, Elsaß-Lothringen kam ohne Abstimmung an Frankreich, Belgien erhielt Moresnet sowie Eupen-Malmèdy, der Nordteil Schleswigs wurde der Volksabstimmung unterworfen.[71]

Bedeutende Teile des Reichsgebietes wurden der militärischen Kontrolle Frankreichs bzw. der Entente unterstellt. Hier war Frankreich allerdings keineswegs am Ziel seiner Wünsche angelangt, hatte es doch sein Ziel einer militärischen Rheingrenze wegen britischer Einwendungen nicht erreicht. Die Besetzung des Rheinlandes wurde auf höchstens 15 Jahre begrenzt, das Saarland kam nicht an Frankreich, sondern wurde für 15 Jahre dem Völkerbund unterstellt.

Im Widerspruch zu den Wilson’schen Prinzipien und zu den Vereinbarungen des Waffenstillstandes wurde allen deutschen Volksgruppen außerhalb des Reichsgebietes das Selbstbestimmungsrecht verwehrt und somit auch der Wert dieses Rechtes erheblich gemindert. Den geschlossenen deutschen Siedlungsgebieten in Böhmen und Mähren wurde der Anschluß an Österreich oder das Deutsche Reich verwehrt, diesem Rest-Staat der Habsburger Monarchie wiederum der Anschluß an das Deutsche Reich.

Um jeden Gedanken der Zusammengehörigkeit Österreichs und Deutschlands zu verhindern, untersagte die Entente die Führung des Begriffes „Deutsch” im Namen, die Staatsbezeichnung mußte lauten „Republik Österreich”, verboten wurde die gewünschte Staatsbezeichnung „Republik Deutsch-Österreich”.

Der endgültige Friedensvertrag milderte die territorialen Konsequenzen für Deutschland lediglich in einem Punkt: Oberschlesien wurde nicht abgetrennt, sondern ebenso wie der Südteil Ostpreußens der Abstimmung unterworfen. Die Abstimmung in Oberschlesien ergab am 20. März 1921 ein Votum von 60 % für Deutschland. Trotzdem wurde dieses einheitliche Kultur- und Wirtschaftsgebiet willkürlich geteilt, der größte Teil des Kohle- und Industriereviers wurde Polen angegliedert.

Insgesamt verlor Deutschland 14 % seines Territoriums mit ca. 10 % seiner Bevölkerung. Die territorialen Konsequenzen aus dem Versailler Vertrag wird man so beurteilen müssen, wie Erdmann den ganzen Vertrag: „ … entweder zu hart: denn Deutschland konnte nicht anders als vom ersten Augenblick zu versuchen, ihn abzuschütteln; (oder) zu milde: Denn der Eingriff in die deutsche Substanz war nicht tief genug, um Deutschland die Hoffnung und die Möglichkeit zu nehmen, den Vertrag revidieren zu können…”[72]

Die Hoffnung auf Revision war vom ersten Tag der Gültigkeit des Versailler Vertrages an innerste Triebkraft der deutschen nationalen Emotionen, wie die Kämpfe gegen die polnischen Insurgenten in Oberschlesien und Posen und die Korrekturversuche durch Verhandlungen während der Weimarer Republik es zeigen. Der Aufgabe, die Möglichkeiten auszuloten und zu begründen, unterzog sich neben anderen die „Zeitschrift für Geopolitik”, die es als eines ihrer Hauptziele betrachtete, die Unhaltbarkeit des „Versailler Systems” zu begründen und Alternativen für Deutschland und Europa auszuarbeiten.

Schon in Heft 4 des 1.Jahrgangs der ZfG erfolgt eine Generalkritik. Sie wird geleistet von dem Berliner Geographieprofessor Ernst Tiessen.[73] Seine sehr sorgfältig und gründlich unter den Gesichtspunkten der politischen Geographie geleistete Untersuchung der relevanten Bestimmungen des Versailler Vertragswerkes kommt zu den Ergebnissen:

„I. Der F.V.V. ist kein Friedensvertrag, d.h. er dient durch die von ihm aufgestellten Regelungen nicht der Erhaltung des Friedens unter den nebeneinander bestehenden und besonders den aneinander grenzenden Staaten; er hat nicht ein stärkeres, zuverlässiges Gleichgewicht hergestellt, sondern hat im Gegenteil die Gegensätze verschärft und unzählige Spannungen neu geschaffen. Das mag und wird hoffentlich heute für jeden Verständigen, nicht nur in Deutschland, eine Binsenwahrheit sein; aber es ist doch nicht überflüssig, Beweise dafür auch aus der politisch-geographischen Betrachtung abzuleiten und auszuprägen. Daß ein Friedenszustand auf Grund dieses Vertrages nicht gesichert, noch auf längere Zeit möglich ist, wird bewirkt …”[74]

Hier folgen sechs detailliert ausgeführte Argumente, der Verfasser fährt fort:

„II. Vom politisch-geographischen Standpunkt gesehen ist der F.V.V. überhaupt kein Vertrag. Außer den Tatsachen, daß der Vertrag … durch Diktat zustande gekommen und daß die Unterschrift erpreßt worden ist, sei hier besonders hervorgehoben:

Das Fehlen des Gleichgewichts und der Gleichberechtigung der Vertragsparteien: Dreiviertel der Welt gegen einen Staat.

Die Aufhebung des Staatscharakters des Deutschen Reiches durch den Vertrag infolge Aufhebung bestimmter Grenzen (labile Grenzen und Grenzdurchbrechungen). … Ein Vertrag, der keine bestimmten Grenzen schafft, sondern sie aufhebt, hebt den Staatscharakter eines der Vertragschließenden und damit den Charakter des Staatsvertrages selbst auf. Solange der F.V.V. besteht, ist das Deutsche Reich nach der politisch- geographischen Auffassung des Begriffes kein „Staat”.[75]

Hier ist in den wesentlichen Elementen alles zusammengefaßt, was in den folgenden Jahren die ZfG in vielen Details erarbeitet und vertieft. Zwar folgen nicht alle Autoren den Konsequenzen Ernst Tiessens in sämtlichen Einzelheiten, doch bleiben die Grundsätze dieselben, wie folgende Kapitel zeigen werden.

4.3. Die Zeitschrift für Geopolitik und die westlichen Nachbarn Deutschlands

Das Verhältnis zu Frankreich als der kontinentalen europäischen Siegermacht stellte den eigentlichen Schwerpunkt deutscher Außenpolitik in der Weimarer Republik dar. Dieses Verhältnis war von Anfang an ganz erheblich belastet durch die Auswirkungen des Weltkrieges und der Bestimmungen des Versailler Vertrages. Fast allgemein herrschte in Deutschland das Bewußtsein vor, daß eine gerechte Position in Europa nur gegen Frankreich und im Gegensatz zu Frankreich errungen werden könne. Frankreich schien sich in seiner Rolle des „Erbfeindes” bestätigt zu haben und wurde als der Repräsentant des „Versailler Systems” angesehen, eines Systems, dessen sich zu entledigen höchstes Ziel Deutschlands darstellte.

Dieses Ziel verfolgten alle Regierungen der Weimarer Republik mit mehr oder weniger starker Intensität, fast zwangsläufig schien dabei der Interessengegensatz zu Frankreich das eigentliche Hindernis zu sein.

Dabei war es eine der Eigentümlichkeiten der Nachkriegssituation, daß nicht nur Deutschland, sondern in fast demselben Maße auch Frankreich selbst sich durch den Friedensvertrag benachteiligt glaubte. Wichtige Kriegsziele Frankreichs waren nicht erreicht worden, da die Verbündeten Frankreichs, insbesondere England, die unumschränkte Vorherrschaft Frankreichs auf dem europäischen Kontinente in den Friedensverhandlungen zu verhindern suchten. Daß sie dabei erfolgreich sein konnten, lag an der hohen Bedeutung, die Frankreich dem Bündnissystem, das zugleich mit den Friedensverträgen von Versailles installiert wurde, beimessen mußte.

Dieses Bündnissystem sollte Frankreich den dauerhaften Schutz gegen deutsche Angriffe bieten, den die Vorkriegs-Entente nicht zu leisten imstande war - vor allem der latenten Schwäche Rußlands wegen. Dessen Platz sollten die USA einnehmen, die durch diese Verpflichtung Garant des Friedenssystems und der europäischen Nachkriegsordnung geworden wären.

Dieser Versuch nun scheiterte, die isolationistischen Tendenzen, die schon während der Friedensverhandlungen deutlich geworden waren, setzten sich im amerikanischen Kongreß mit großer Stärke durch. Die USA ratifizierten weder den Versailler Vertrag noch den Garantievertrag vom 28. Juni 1919, sondern schlossen am 25. August 1921 einen eigenen Friedensvertrag mit Deutschland ab, der ihr allerdings sämtliche Rechte aus dem Versailler Vertrag sicherte.

Frankreich sah sich nun um die Früchte des Sieges betrogen, da es auf die Annexion des Saarlandes und auf die dauerhafte militärische Rheingrenze nur um den Preis eben dieses Bündnissystems, das die USA einschließen mußte, verzichtet hatte. Aus diesem Grunde begann sich sehr bald auch in Frankreich die Meinung durchzusetzen, die Ergebnisse des Friedens müßten und könnten revidiert werden.

Es standen sich somit doppelt unvereinbare Positionen gegenüber[76] und diese Situation prägte das deutsch-französische Verhältnis während der Weimarer Republik und findet ihren Niederschlag auch in der ZfG. Es zeigte sich allerdings, daß die Beurteilung des deutsch-französischen Verhältnisses sich im Laufe der Zeit deutlich wandelte, nicht unbeeinflußt durch Ergebnisse politischer Entwicklungen wie z.B. den Verträgen von Locarno. Des weiteren zeigten sich besonders hier, wie aber auch hinsichtlich anderer Themen, daß sich innerhalb der ZfG immer stärkere, nicht nur politisch, sondern offenkundig ideologisch bedingte Differenzen auftaten.

Gegenüber standen sich die Paneuropa-Vorstellung von Erich Obst und Konzepte, die auf einem deutschen Sonderweg in Europa bzw. der Hinwendung Deutschlands zu Osteuropa und der Sowjetunion basierten. Diese Vorstellungen, die in ersten Ansätzen schon früh festzustellen waren, verbanden sich zu Beginn der dreißiger Jahre mit einer auch ideologisch begründeten Abkehr vom Westen, vom System des europäischen Liberalismus. Im Jahre 1931 setzte sich diese Richtung durch,[77] bedingt und begünstigt durch die negative Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen und auch durch die Erkenntnis, daß sich die Haltung Frankreichs auch in Zukunft kaum wandeln werde.

Zunächst jedoch standen bei allen Vorbehalten gegen Frankreich die Hoffnungen im Vordergrund, einen dauerhaften Ausgleich mit Frankreich erreichen zu können, der im Rahmen einer politischen Einigung Europas den territorialen und machtpolitischen Dauerkonflikt Deutschlands mit seinen westlichen Nachbarn Frankreich und Belgien zu lösen in der Lage ist. Das solle nach Ansicht vieler Autoren der ZfG jedoch nicht durch die Aufgabe deutscher Interessen und deutscher Positionen erfolgen.

Eine erste tiefergehende Beschäftigung mit Frankreich legte Johannes Wütschke vor.[78] Er stellte die geopolitische Lage Frankreichs als nach allen Seiten natürlich begrenzt dar, mit Ausnahme der Grenze zu Deutschland. Das Gebiet, in dem Frankreich auf Deutschland trifft, ist der „arelatisch-lotharingische Grenzsaum”,[79] den flache Mittelgebirge einnehmen. Wütschke ging auf die Geschichte dieses Gebietes vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart ein und charakterisierte ihn dann als „ewiges Kampfgebiet beider Völker”. Durch die Reichsgründung (1871) und die daran anschließende Erstarkung Deutschlands wurde das Interesse Frankreichs auf seine Ostgrenzen gelenkt, die Auseinandersetzung mit Deutschland wurde seitdem charakterisiert durch die „starre Beharrung in der Verfolgung seiner europäischen Kontinentalpoltik”.

Ähnlich argumentierte Adolf Günther,[80] der die Haltung Frankreichs zu Europa heftig kritisierte und schlußfolgerte, daß Deutschland auf sich allein gestellt sei beim Aufbau eines Europas, dessen Mitte es einnehmen müsse. Bei Günther wurde die Geopolitik erstmals im Sinne einer nationalen Behauptungsideologie verstanden, er fragte folgerichtig, ob die Geopolitik überhaupt auf Frankreich anwendbar sei. Mit einer solchen Haltung stand Günther während dieser Zeit noch allein in der ZfG.

Fundierter und weniger polemisch betrachtete Hermann Lautensach[81] den westlichen Nachbarn Deutschlands. Er betonte den Gegensatz der geopolitischen Lage Frankreichs, das er als geschlossen und zentralistisch charakterisierte, und Deutschlands, dessen Mittellage in Europa[82] von Lautensach dargestellt wurde, sowie seine nach allen Seiten offene Lage.

Des weiteren ging Lautensach ausführlich auf die Geschichte der Ausbildung der deutschen und der französischen Nation ein, politische Resümee ist die Einsicht in die Schwäche Deutschlands nach dem Weltkrieg: Durch die Beherrschung des Rheines beherrscht Frankreich ganz Deutschland, es kann vom Niederrhein aus Druck auf die Nordseehäfen, von Koblenz aus Druck auf die Verbindungen zwischen Nord- und Süddeutschland ausüben.

Für Lautensach war der Kampf um den Rhein der Kampf um die Zukunft des ganzen Deutschlands. Für Deutschland sah er dabei Hoffnung in drei Tendenzen:

- Die nachlassende Volkskraft Frankreichs[83]

- Die ebenfalls durch den Weltkrieg geschwächte Wirtschaftskraft Frankreichs,

- Frankreich steht noch vor der Modernisierung seiner Wirtschaft - die Kraft, die es dazu braucht, ist gebunden.

Deshalb sei der Kampf um die Rückgewinnung des Rheines nicht aussichtslos, sondern müsse von Deutschland weitsichtig vorbereitet und entschlossen geführt werden.

Im gleichen Heft ging auch Obst auf die Frage nach dem Rhein ein und kam zu dem Ergebnis: „Europa kann Fried und Ruh nur dann erlangen, wenn der Rhein ehestens wieder wird, was er war, ein freier deutscher Strom.”[84]

Nach dieser geopolitisch begründeten Behandlung der deutsch-französischen Problematik nahm im Verlaufe des Jahres 1925 der Kommentar der politischen Entwicklungen immer mehr Raum ein. Hier sind an erster Stelle die Verträge zu nennen, die am 16. Oktober 1925 in Locarno paraphiert und am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnet wurden. Inhalt der „Locarno-Verträge” waren eine Garantie der deutschen Nachkriegswestgrenzen mit Frankreich und Belgien, sowie Schiedsverträge, auch mit Polen und der Tschechoslowakei.

Die Locarno-Verträge wurden in der ZfG zunächst eher negativ beurteilt: „Wir müssen Herrn Stresemann und jedem andern deutschen Staatsmann das Recht aberkennen, in dieser Weise über das Deutschtum in den ehemaligen Reichslanden zu verfügen”[85] schreibt Erich Obst, der in diesen Verträgen ein „neues Versailles” aufgerichtet zu sehen glaubt. Die Ablehnung der Locarno-Verträge wurde in diesem Sinne auch von anderen Autoren der ZfG geteilt.

Unter dem Eindruck der Folgeentwicklungen von Locarno, der Aussicht auf Lösung des Reparationsproblemes und auf vorzeitige Räumung des Rheinlandes modifizierte Obst jedoch seinen Standpunkt kurze Zeit später in entscheidender Weise: „ Wir können an den Sieg des ‚Geistes von Locarno’ erst dann glauben, wenn lebenswichtige Belange des deutschen Volkes und Staates gewahrt werden: Räumung des Rhein- und Saarlandes, Beseitigung des Unrechts der Ostgrenzen, grundsätzliche Anerkennung des Anschlußrechtes für Deutsch-Österreich, Rückgabe der … Kolonien, gerechte Politik gegenüber den deutschen Minderheiten, offene Widerrufung der Kriegsschuldlüge und Beseitigung der auf dieser Lüge aufgebauten Reparationsverpflichtungen des Deutschen Reiches. Dem deutschen Außenminister Stresemann, der heute unentbehrlicher ist denn je, wünschen wir … weitere Erfolge … .”[86]

Hier wurden weder die Westgrenzen noch das Deutschtum in den westlichen „Reichslanden” hervorgehoben, sondern ein Forderungskatalog aufgestellt, der auf Locarno aufbaut und sich mit der Politik Stresemanns durchaus deckt. Diese Forderungen entsprachen dem generellen Ziel der Revision von Versailles in einer Form, die nicht im Gegensatz zu den Interessen Frankreichs zu stehen brauchte.

Die Räumung des Rheinlandes und des Saarlandes waren nur noch eine Frage der Zeit, sie sollten spätestens bis zum Jahre 1935 abgeschlossen werden. Im Saarland war eine Volksabstimmung über die Rückkehr nach Deutschland vorgesehen, es wurde kaum je ernsthaft bezweifelt, daß sich die Saarländer für Deutschland entscheiden würden.

Gerade durch den Locarno-Vertrag war auch die Möglichkeit einer vorzeitigen Räumung, die gemäß dem Versailler Vertrag bei korrekter Erfüllung der Reparationsverpflichtungen möglich war, wieder in greifbare Nähe gerückt.

Das deutsche Minderheitenproblem in Frankreich und Belgien war nicht so gravierend wie in den östlichen Nachbarstaaten Deutschlands, zudem war nach wie vor die Möglichkeit friedlicher Revisionen gegeben. So versuchte Deutschland das Gebiet von Eupen und Malmédy durch Verhandlungen mit Belgien zurückzugewinnen.

Angesichts dieser Entwicklungen und der sich dadurch eröffnenden Möglichkeiten für eine Stärkung der deutschen Positionen, namentlich im Osten, schien die bilaterale Problematik auch nach den Maßstäben der Autoren der ZfG lösbar zu sein. Obst sprach in seiner Berichterstattung aus dem Jahre 1930, daß die „Westfragen leidlich gelöst” seien.[87]

Das entscheidende Problem und Haupthindernis für die deutsch-französische Aussöhnung blieb hingegen auch bis weit über Locarno hinaus das strikte Festhalten Frankreichs an der anti-deutschen Koalitionspolitik in Mittel- und Südosteuropa, dem System der „Pufferstaaten”, und die einseitig gegen Deutschland gerichtete Sicherheits- und Bündnispolitik, die eine deutsch-französische Annäherung und Aussöhnung weiterhin nahezu unmöglich machte.

Nach dem Abschluß der britisch-französischen Entente im Jahre 1928 schrieb Obst: „Frankreich will augenscheinlich nicht die Freundschaft mit Deutschland … Wie schmerzlich wir das für uns und Europa bedauern, braucht hier nicht betont zu werden. Wir haben eine deutsch-französische Annäherung und Aussöhnung ehrlich ersehnt, aber wir fürchten, diese Möglichkeit ist … in weite Ferne gerückt.”[88]

Die zunehmende Verhärtung der Positionen nach dem Tode Gustav Stresemanns am 3. Oktober 1929 und im Zeichen der Weltwirtschaftskrise ließen Erich Obst nicht an seinem grundsätzlichen Festhalten an der europäischen Einigungsidee zweifeln. So schrieb er noch 1931: „Das eine (steht fest): Es gibt keinen Frieden für Europa, keine Erholung der Weltwirtschaft, ohne eine wirkliche Aussöhnung und ehrliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich. Wir wollen die Schuld (für das derzeitige Stocken im Versöhnungsprozeß, d.V.) gewiß nicht nur auf Seiten Frankreichs suchen, wollen am besten … nicht von Schuld, sondern von einem tragischen Konflikt sprechen.”[89]

Obst stand mit dieser Haltung im Jahre 1931 schon fast allein in der ZfG. Zunehmend setzten sich diejenigen Autoren durch, die einen Ausgleich mit Frankreich für unmöglich hielten, der Idee der europäischen Einigung nichts abgewinnen konnten oder sie gar als für Deutschland schädlich erachteten. Diese Haltung ging oft einher mit einer Ablehnung des westlichen Denkens und des Liberalismus.

Am radikalsten wurde diese anti-westliche Richtung von Klaus Werner vertreten, der in seinem Leitaufsatz „Deutschland gegen Frankreich” die Möglichkeit eines Krieges mit Frankreich erwog.[90] Zwar vermied es Werner von einem Revanchekrieg zu sprechen, doch schon die einleitenden Worte Kurt Vowinckels verdeutlichen, daß es darum doch auch ging: „Es darf heute … nicht eine einzige Möglichkeit auf dem Altar der „Verständigung” geopfert werden, die in der Hand entschlossener Führer später für Deutschland bedeutungsvoll werden kann.”[91]

In dem Aufsatz untersuchte Werner, wie die militärische und politische Lage Deutschlands derzeit im Falle eines Angriffes Frankreichs aussehen würde. Er kam zu dem Ergebnis, daß trotz der militärischen Restriktionen des Versailler Vertrages Deutschland gute Chancen hätte, einen solchen Angriff abzuwehren und auch in einem Falle der Aggression der Kleinen Entente politisch-militärische Überlebenschancen bestünden. Deshalb: „Gott steht nicht immer im Lager der stärkeren Bataillone. Er steht mindestens so oft im Lager der stärkeren Nerven.”[92]

Diese gewiß mehr als leichtfertig zu nennenden Überlegungen, nur dreizehn Jahre nach Ende des Weltkrieges, zeigen, wie sich der Kurs der ZfG gewandelt hatte. Deutlich wurde aber auch die Resignation angesichts der französischen Intransigenz und des Scheiterns aller Bemühungen ein neues, auf Gleichberechtigung gegründetes Europa aufzubauen. Die ZfG machte hierfür Frankreich verantwortlich, die Argumente dafür sind nicht von der Hand zu weisen. Andererseits kann man es verstehen, wenn Frankreich sich an die so schwer errungenen Ergebnisse der Friedensverträge klammerte und zur konservativen, rein statisch denkenden Macht sich hin entwickelte. Doch dieses Denken war es letztendlich, das dann zur Katastrophe von 1940 geführt hat - nicht ohne Berechtigung hatte die ZfG davor gewarnt.

4.4. Die Zeitschrift für Geopolitik und Polen

Das Verhältnis zu der nach dem Weltkrieg neu erstandenen Republik Polen stellte eine schwere Belastung für die Außenpolitik der Weimarer Republik dar. Der polnische Staat war in wesentlichen Teilen auf deutschem und österreichischem Gebiet errichtet worden, Polen hatte, die militärische Niederlage des Reiches ausnutzend, mit französischer Unterstützung überwiegend deutsch besiedeltes Gebiet okkupiert, durch die Schaffung des „polnischen Korridors” wurde der einheitliche Zusammenhang des Reichsgebietes zerstört und Ostpreußen zur Exklave gemacht.

In Polen war eine bedeutende deutsche Minderheit zurückgeblieben, deren Status und Behandlung bis hin zum Zweiten Weltkrieg einen Konfliktstoff ersten Ranges darstellte. Danzig war aus dem Reiche herausgelöst und als „Freie Stadt” dem Völkerbund unterstellt worden.[93] Hier bekam Polen bedeutende Rechte zugesprochen, wiewohl die Stadt nur eine unbedeutende polnische Minderheit von höchstens 3 % der Bevölkerung aufwies.

Planmäßig waren auf der Pariser Friedenskonferenz diejenigen Gegensätze geschaffen worden, die das Verhältnis von Polen und Deutschland während der Zwischenkriegszeit bestimmt haben. Hier schien noch erheblich weniger als gegenüber Frankreich ein Ausgleich oder eine wie immer geartete friedliche Lösung möglich.

Zu all dem war der jungen Republik Polen gegenüber Deutschland eine höchst problematische Aufgabe zugefallen, die Aufgabe, im Verbunde mit Frankreich und den anderen „Pufferstaaten” Deutschland und Sowjet-Rußland „militärisch in Schach zu halten”.[94] Mit Frankreich war Polen durch einen offenen und geheimen militärischen Pakt vom 19. 2.1921 verbunden. Daß es nicht gelang, England in ein Garantiebündnis für die polnischen Westgrenzen zu bewegen, verstärkte die Instabilität der Situation.

Die doppelte Frontstellung gegen Deutschland und Sowjet-Rußland führte zu exorbitanten polnischen Rüstungsanstrengungen. In Polen wurden jährlich 120.000 Rekruten eingezogen, die Heeresstärke betrug einschließlich Reserve 2.000.000. Polen bewies durch Angriffskriege gegen seine Nachbarn Rußland, Litauen und Deutschland, daß es bereit ist, diese Stärke auch offensiv militärisch zu nutzen.

Entsprechend dieser Situation, die sich bis 1934 nicht wesentlich änderte, war auch die Haltung der ZfG gegenüber Polen im wesentlichen starr und auf weitgehende Revision der Ergebnisse des Versailler Vertrages abgestellt. Der durchgehende Tenor fast aller Beiträge in der ZfG gegenüber Polen war einheitlich:

Die deutsch besiedelten Gebiete sowohl im Korridor und Westpreußen als auch in Oberschlesien müßten Deutschland zurückgegeben werden, Danzig müßte wieder entsprechend dem Selbstbestimmungsrecht deutsch werden, in den strittigen Mischlagen sollten neutral kontrollierte Abstimmungen zur Festlegung einer akzeptablen Grenze durchgeführt werden.

Diese Forderungen an Polen wurden unterstrichen mit dem Hinweis auf die langfristig unhaltbare Belastung Polens durch die doppelte Frontstellung gegen Deutschland und die Sowjetunion sowie die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Polens mit Deutschland.

Politisch begründete Kompromißvorschläge zu diesen „Polen-Essentials” wie z.B. der Vorschlag eines „Korridors durch den Korridor”[95] wurden abgewiesen: „Angesichts der brutalen Drangsalierung, denen das gewaltsam zu Polen geschlagene Deutschtum nach wie vor ausgesetzt ist, wirkt dieser Vorschlag geradezu wie ein Witz!”[96]

In der Diskussion von Gebietsansprüchen an Polen finden wir weniger historische Argumente, hingegen wurden vorwiegend sowohl wirtschaftliche als auch demographische Argumente benutzt um zu zeigen, daß der Anspruch Polens auf Oberschlesien oder Westpreußen haltlos sei. Im Jahre 1930 faßte z.B. Wilhelm Osterling die Argumente für die Rückgabe Westpreußens in einem umfangreichen Aufsatz zusammen.[97]

Er stellte fest, daß die Schaffung des Korridors lediglich den Intentionen Dmowskis entspringe und daß in der polnischen Vorkriegsliteratur wie auch z.B. in den Entwürfen Pilsudskis nichts davon zu finden sei. Von einem Volkstumskampf wäre in Westpreußen nie die Rede gewesen, hingegen hätten sich deutsches und polnisches Volkstum hier 700 Jahre lang ergänzt. Auch in den Zeiten polnischer Hoheit über Westpreußen hätte deutsches Recht gegolten, wäre die deutsche Kultur dominierend gewesen. Und er konstatierte, daß sich eine natürliche Grenze zu Polen mit Leichtigkeit feststellen ließe, die jetzige Grenze sei unsinnig, zudem militärisch unsicher. Deshalb könne nur eine friedliche politische Lösung die Erlösung bringen.

Vielfach wird auch die wirtschaftliche Einheit Oberschlesiens nachgewiesen, die einheitliche Infrastruktur und die Bindungen nach Schlesien und Deutschland:

„Es erfüllt sich das Schicksal dieses ehemals geschlossenen festländischen Montanbezirkes (Ostoberschlesien): die Zertrümmerung in zwei Torsi und die Abschneidung von den natürlichen Bezugs- und Absatzgebieten führt den Niedergang des polnischen Teils herbei. Dieser wird vollständig dann werden, wenn die … befristeten Beschränkungen in (Deutschlands) Zollfreiheit gefallen sein werden. Trotz dieser … Lage erklärte der polnische Staatspräsident, … es seien noch nicht alle Gebiete, die zur vollen Existenz Polens notwendig seien, mit dem Mutterlande vereint worden.

… Bedrückung der Minderheiten, Imperialismus, riesige Heeresrüstung, Stabilität der Zlotywährung, Blüte der Wirtschaft, das sind fünf Dinge, die auch der klügste polnische Staatsmann nicht vereinigen wird. Circulus vitiosus!”[98]

Die ZfG wies an vielen Stellen auf die gemeinsamen kulturellen und geschichtlichen Wurzeln der deutschen und polnischen Nation in den umstrittenen Gebieten hin. Auch betonte sie die Notwendigkeit, daß Polen sich entscheiden müsse zwischen Mitteleuropa und damit Deutschland oder dem Osten, d.h. Rußland. Häufig wurde gegenüber Polen der Hinweis auf einen möglichen Ausgleich Deutschlands und Frankreichs und die damit verbundenen möglichen Folgen für Polen gebraucht. Ebenso wurde Polen die langfristige Bedrohung durch die Sowjetunion vor Augen geführt.

Die ZfG ging allerdings auch auf Möglichkeiten der Lösung der deutsch-polnischen Problematik ein. Dabei wird das Existenz- und Lebensrecht Polens nicht bestritten, schon 1925 betonte Lothar Mischke, daß den Ergebnissen des Versailler Vertrages „eine Fülle von neuen Ansätzen historischen Geschehens entsprang”.[99] Er wies auf die Möglichkeit einer besseren Neuordnung hin und die wichtige Aufgabe für Polen „eine seiner Bedeutung entsprechende Stellung zu erringen”. Dies könne jedoch nur in Kooperation mit Deutschland gelingen, da wegen der „Mittellage” Polens eine Entscheidung für den Westen und das westliche Wertesystem nur auch eine Entscheidung für den westlichen Nachbarn Polens, Deutschland, sein könne.

Gerade für den Fall, daß „das Russentum einst seinen Weg nach dem Westen wieder aufnimmt”[100] prophezeite Mischke den Ausfall des Bundesgenossen Frankreich, falls Polen dann noch gegen Deutschland stehe, bliebe als Verbündeter gegen die Sowjetunion nur Rumänien übrig. Mischke schloß mit dem Appell an die Völker Mitteleuropas, sich die historischen Gemeinsamkeiten ihrer Kultur ins Bewußtsein zu bringen und die bestehenden Gegensätze beizulegen.

Auch Erich Obst erwies sich als politischer Vordenker, der bestrebt war, tragfähige politische Modelle zu entwickeln. Schon 1925 sprach er davon, daß Polen sich entscheiden müsse zwischen einer „paneuropäischen Union” und der langfristigen Alternative, Opfer Rußlands und Deutschlands zu werden.[101] Fünf Jahre später ging er einen Schritt weiter, indem er den Vorschlag der Lösung dieser Problematik in einer deutsch-polnischen Union „als Auftakt zu dem Zusammenschluß von Mitteleuropa bzw. als Keimzelle zu Paneuropa”[102] machte. Hoffnung auf Realisierbarkeit dieses angesichts der politischen Situation fast utopischen Vorschlages machte er sich nicht: „… es wird zunächst darauf ankommen, einen modus vivendi zu finden, der Deutschland und Polen nicht noch weiter entfremdet.”[103]

Hier finden wir erstmals einen Ansatz, der eine Lösung ohne Erfüllung von Gebietsforderungen als einen ersten Schritt zu einer größeren europäischen Union erwägt. Die Einbindung in die großräumige Konzeption von Paneuropa ist auch hier kennzeichnend für das geopolitische Denken und in dieser Form für die Konzeption Obsts.

Die polnische Frage wurde in der ZfG auch als Herausforderung an die deutsche Innen- bzw. Bevölkerungspolitik verstanden: „ … Die Zukunft unseres Vaterlandes (entscheidet sich) nicht am Rheine, sondern an der Weichsel … , für dieses Schicksalsgebiet (gilt) nicht Grimms ‚Volk ohne Raum’ sondern umgekehrt der Mahnruf ‚Raum ohne Volk’ …”[104] schrieb Obst und hatte die Landflucht in den Ostgebieten der Weimarer Republik im Auge. Er fuhr fort: „Glückt es nicht, … einen völkischen Wall … zu errichten, … (verschiebt sich die deutsche Schicksalszone) automatisch von der Weichsel zur Oder.”

An anderer Stelle konstatierte er: „ Die Erhaltung … des Deutschtums (innerhalb der Diktatgrenzen) spielt (einstweilen) eine größere Rolle als die Beseitigung dieser Diktatgrenzen selbst.”[105]

Daß diese Beseitigung trotz auch differenzierterer Vorstellungen für Obst langfristiges Ziel blieb, kann nicht bezweifelt werden. Doch er versicherte hier wie auch andernorts: „Niemand von uns denkt an einen Revanchekrieg … Jeder von uns erklärt aber … daß die Dinge im Osten so … unter keinen Umständen bleiben können.[106]

Ansonsten wurde in der ZfG an den „Essentials” festgehalten: Rückgabe des Korridors und Oberschlesiens, Rückgliederung Danzigs ans Reich. Für die Lösung der Bevölkerungsproblematik sah man als letzte Möglichkeit ein Umsiedlungsprogramm, „das die vielfältigen Mischlagen aufhebt und die Volkstumsgrenzen in Übereinstimmung mit den Staatsgrenzen bringt.”[107]

Hier zeigte sich, wie auch an anderen Stellen, eine gelegentlich prophetische Sicht der Problematik. Die wissenschaftliche Analyse aktueller außenpolitischer Gegenstände kam gelegentlich zu kurz. Insofern entsprach die Haltung der ZfG dem erstarrten Verhältnis von Deutschland und Polen in dieser Zeit.

Hinter dem anscheinend unflexiblem Wiederholen von Positionen und Forderungen stand wohl auch die Überlegung, daß außenpolitischer Erfolg nicht nur auf wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern auch auf propagandistischem Erfolg im Auslande aufbauen muß - angesichts des hohen Interesses, das die ZfG über die Grenzen Deutschlands hinaus erfuhr, wäre dieses Kalkül nicht vollständig von der Hand zu weisen.

4.5. Die Zeitschrift für Geopolitik und ihr Verhältnis zu Rußland und zur Sowjetunion

Das außenpolitische Verhältnis Deutschlands und Rußlands war entscheidend geprägt durch die russischen Revolutionen von 1917 und deren tiefgreifende Auswirkungen auf das gesamte europäische Macht- und Staatengefüge. Hier hatte die radikalste antimonarchistische und antibürgerliche Partei der Sozialisten gesiegt, zunächst in St. Petersburg und in Moskau, sodann im ganzen ehemaligen Zarenreich, ausgenommen allerdings diejenigen Staaten, denen es gelang, aus eigener Kraft oder mit deutscher militärischer Unterstützung, die Unabhängigkeit zu erringen.

Durch die „Oktober”-Revolution und ihre Sicherung sowie Durchdringung im Russischen Reich waren die im 19. Jahrhundert beträchtlich kumulierten außenpolitischen Energien des eurasischen Imperiums gebunden und konnten so nur mäßig Einfluß auf die politische Entwicklung Europas nehmen. Um so stärker war der geistige Einfluß des siegreichen Bolschewismus sowie die Auswirkungen des nunmehr in ganz Europa, namentlich jedoch in Deutschland, einsetzenden Kampfes der jeweiligen kommunistischen Parteien für eine bolschewistisch-kommunistische Revolution. Diese von Rußland mit Hilfe von Komintern und Geheimdiensten sowie anderen Mitteln hartnäckig und ohne Rücksicht auf außenpolitische Interessen exekutierte Zerstörungsarbeit vergiftete das politische Klima Europas mehr als jeder andere Einfluß und vereitelte die zumindest von deutscher Seite zum Teil lebhaft forcierten Versuche eines Ausgleiches sowie einer sachlichen Zusammenarbeit.

Die Voraussetzungen einer solchen Zusammenarbeit und Kooperation waren unbefangen betrachtet tatsächlich gut und wurden auch durch den Start mit dem harten Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 nur unwesentlich gemindert. Die bolschewistischen Führer maßen in Erwägung des vergänglichen Charakters solcher Friedensschlüsse den Ergebnissen dieses und anderer Friedensschlüsse kein übertrieben großes Gewicht bei.

Zudem hatte hier die deutsche Revolution von 1919 neue Verhältnisse geschaffen und eine Klasse von Politikern an die Macht gebracht, die dem sozialistischen Experiment zum Teil nicht ohne Sympathien gegenüberstanden und zu einem Entgegenkommen bereit waren. Als Beispiel sei der Zentrumspolitiker und deutsche Reichskanzler Joseph Wirth[108] genannt.

Außenpolitisch konnte man sich auch auf den gemeinsamen Gegensatz zu den sich im Gefolge des Ersten Weltkrieges zwischen Deutschland und Rußland und auf deren Kosten etablierten Staaten Polen und Litauen verlassen sowie auf verschiedene andere geopolitische Konstanten. Auch wirtschaftlich waren die Potenzen beträchtlich, doch wurde auch hier alsbald der verderbliche Einfluß der destruktiven kommunistischen Politik schmerzhaft fühlbar.

Für die ZfG war die Auseinandersetzung mit dem Problem Rußland stets eine intensivste Herausforderung. Maßen doch fast alle Autoren, namentlich aber Karl Haushofer dem Verhältnis Deutschlands zu Rußland höchste Bedeutung bei. Dem Versagen der Außenpolitik des Reiches gegenüber Rußland wurde vielfach die Verantwortung für den ungünstigen Verlauf des Weltkrieges zugewiesen,[109] hier galt es nach Meinung der ZfG einen neuen Anfang zu setzen, hier galt es auch Chancen wahrzunehmen für eine erneuerte Machtposition Deutschlands.

Als Rußlandexperte der ZfG erweist sich wiederum Erich Obst. Er hatte Rußland bereist und war in der Lage, eine lebendige Vorstellung von den geographischen Bedingungen zu entwickeln. Das große Interesse der ZfG an Rußland manifestierte sich schon im ersten großen Aufsatz der ZfG, der sich mit der geopolitischen Geschichte Rußlands befaßt:[110]

Die wesentliche Leitlinie sah Obst in der Verbindung der Flußtäler von Dnjepr, Lowat und Wolchow, deren Zentrum der Isthmus Smolensk-Witebsk darstellt, der erste Mittelpunkt russischer Volkstumsentwicklung. Mit dem Eindringen der Normannen (Waräger) erweiterte sich der Horizont über die Düna in den Ostseeraum hinein und damit nach Europa. Hingegen blieben die südlichen Steppen und damit auch die Dnjepr-Mündung jahrhundertelang von den kriegerischen Horden der Tataren und Mongolen dominiert, über das Donaudelta drangen wiederum byzantinische Einflüsse ein, von hier aus wurde Rußland im 10. Jahrhundert christianisiert. Die geistig-kulturellen Folgen dieser Entwicklung charakterisierte Obst im wesentlichen negativ: Es gab „keine Philospohie, keine Kreuzzüge, keine allgemeine Schulbildung, keine Renaissance und keine Reformation. Statt dessen: Äußerlicher Ritus, Fatalismus, Aberglauben, völlige Unterordnung der Kirche unter den Staat, damit Isolierung von Ost- und Mitteleuropa”.

Der Tatarensturm des 13. Jh. führte zur Erstarkung des geopolitischen Zentrums des gesamten nachmalig russischen Raumes: Der Moskauer Wasserscheide. Die Herrschaft über die Flußtäler von Don, Dnjepr, Wolga, Oka, Düna und Lowat sicherte dem Moskauer Herrscher die Beherrschung des Raumes, der Moskauer Großfürst setzte sich folgerichtig im Machtkampf um das Erbe der Tatarenherrschaft durch.

Von hier aus gelang im 18. und 19. Jahrhundert sowohl der Durchbruch zur Ostsee als auch zum Schwarzen Meer: Die Herrschaft über die Quellen schaffte langfristig die Herrschaft auch über die Mündungen der Flüsse. Eine bevorzugte Westbindung Peter I. und die sie repräsentierende Einrichtung der Hauptstadt in St. Petersburg konnte so nur Episode sein. Preis der Durchdringung des Raumes war die geistig-seelische Spaltung Rußlands und die daraus resultierende innere Spannung des Russentums, einer Spannung, die Obst mit dem Siege des Bolschewismus keinesfalls aufgelöst sieht.

Wenige Hefte später beschäftigt sich Richard Pohle mit den Ergebnissen des Weltkrieges für Rußland.[111] Ähnlich Obst sieht er den Sieg der Bolschewiki als Ergebnisse vor allem ihrer Behauptung in Moskau, dem geopolitischen Zentrum Rußlands. Zwar haben sich die „Randstaaten” Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen von Rußland trennen und eine eigene staatliche Existenz erringen können, doch bleibe Rußland in seinem wesentlichen imperialen Bestand auch nach der Niederlage im Weltkriege gesichert.

Die Existenz dieser Staaten sowie auch den Bestand der asiatischen Grenzen des russischen Imperiums hielt Pohle wegen des englisch-russischen Gegensatzes für mittelfristig gesichert. „Solange zwischen Bär und Walfisch der Gegensatz andauernd wächst, solange erscheint auch die Existenz der baltischen Randstaaten gesichert.”[112]

Konflikte im Ostseeraum prognostizierte Pohle vor allem aufgrund des Interesses Rußlands an den strategisch bedeutsamen Ålandsinseln.[113] Für den Zeitpunkt einer wiederhergestellten russischen Ostseeflotte seien hier Auseinandersetzungen möglich.

Aus dem geopolitisch begründeten Gegensatz zwischen England und Rußland sowie aus dem weiterhin andauernden Gegensatz zwischen Deutschland und den westlichen Siegermächten England und Frankreich ergeben sich die zunächst günstig beurteilten Perspektiven und Hoffnungen für eine deutsch-russische Kooperation.

Die außenpolitische Entwicklung gab zumindest bis 1925 durchaus zu diesen Hoffnungen Anlaß. So waren auch in den Revolutionswirren der Jahre 1919/20 niemals die Verbindungen ganz abgebrochen. Aufrecht erhalten wurden diese vor allem von der Reichswehrführung und einem Kreis von östlich orientierten Diplomaten, z.B. Ago Freiherr von Maltzan, dem Chef der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes.

So kam es schon am 6. Mai 1921 zum ersten deutsch-russischen Handelsabkommen,[114] ein Jahr später wurde der Vertrag von Rapallo geschlossen, in dem neben wirtschaftlicher Zusammenarbeit und dem gegenseitigen Verzicht auf Reparationsleistungen auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbart wurde. Verzichtet wurde auch auf den gegenseitigen Ersatz von Zivilschäden. Damit wurde der Artikel 116 des Versailler Vertrages hinfällig.[115] Erster deutscher Botschafter in Moskau wurde Brockdorff-Rantzau.[116]

Diesen ermutigenden Anfängen war indes keine dauerhafte Zusammenarbeit gefolgt. Zwar hatte Rußland ein gewisses Interesse an der Kooperation mit Deutschland, nicht zuletzt um ein Zusammengehen Deutschlands mit den Westmächten zu verhindern, doch gab es seine Destabilisierungs- und Revolutionierungsversuche nicht auf. Angesichts eines Zwischenfalles im Jahre 1924, als in der russischen Handelsmission in Berlin Agitations- und Geheimdienstmaterial beschlagnahmt wurde, fragte sich Obst, ob Deutschland für Rußland interessant bleiben werde: „Wir haben mit unserer Anerkennung den Bann gebrochen. Geld haben wir nicht … Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen!”[117]

Doch als im Jahre 1926 ein weiteres Handelsabkommen geschlossen wurde[118] wurden auch in Obst nochmals Hoffnungen geweckt: „Deutschland, das sowohl politisch wie wirtschaftlich als auch kulturell vom Westen wenig erhoffen darf, hat sich den ihm gemäßen Weg nach dem Osten gebahnt … Was wir vor allem von dem Berliner Vertrag erhoffen, ist die Bildung eines deutsch-russischen Blockes, der im Geiste aufrichtiger Völkerversöhnung die ihm seelisch nahestehenden Völkerschaften Mitteleuropas anziehen und zu einem größeren politischen Raumorganismus formen kann. Zukünftige Geschlechter werden Deutschland einmal Dank dafür wissen, daß es Rußland vor der einseitigen Orientierung nach Asien hin bewahrte und für die Gemeinschaft des noch nicht ganz seelenlos gewordenen Mitteleuropas erhielt.”[119]

Hier wird deutlich, wie tief die geopolitische Vorstellung einer deutsch-russischen Kontinentalvorherrschaft das politische Denken auch Obsts mit geprägt hatte und wie wenig dieser damals bereit war, die aus der innenpolitischen Entwicklung Rußlands resultierenden Risiken zu berücksichtigen. Hatte doch Obst wie viele eher konservativ geprägte Deutsche das kommunistische Experiment Rußlands nicht nur mit Ablehnung verfolgt: „Mit grausamer Brutalität, aber auch mit bewunderungswürdigem Fleiß und achtungsgebietender Hingabe wird diesem Ziel (der klassenlosen Gesellschaft, d.V.) nachgestrebt.”[120]

Eine ähnliche Tendenz verriet auch eine siebenteilige Artikelserie, die in Heft 6 des Jahrganges 1930 sich mit dem zweiten sowjetischen Fünfjahrplan und seinen Auswirkungen auf Europa beschäftigt.

Zunächst wird hier einem sowjetischen Autor beträchtlicher Raum geboten, die Stalinsche Industrialisierungs- und Sozialpolitik zu propagieren.[121] Daß dieser Autor ungenannt blieb, könnte seinen Grund in der schon damals pathologischen Xenophobie Sowjetrußlands haben.

Sodann kam Artur Just, Wirtschaftsredakteur der „Kölnischen Zeitung“, zu Wort. Sein Aufsatz „Der autarke russische Raum” zeigte tiefe Bewunderung für das sowjetische System der zentralstaatlichen Wirtschaftslenkung und -planung. Quasi entschuldigend wies er darauf hin, daß es ganz ohne internationale Arbeitsteilung und Kooperation aber auch nicht gehe. Ausführlich ging er auch auf die Vorteile ein, die das staatliche Außenhandelsmonopol der Sowjetwirtschaft böte. Der Aufsatz schließt mit der Vision, daß Rußland seine Vorkriegsstellung als Getreideexporteur wiedergewinnen werde.

Die nächsten beiden Aufsätze[122] widmen sich den Feldern des Außenhandels und der Planwirtschaft. Beiden eigen ist der Tenor einer positiven Würdigung der sowjetischen Anstrengungen, von Ungern geht auch hart mit deren Kritikern ins Gericht. Als besonders negatives Beispiel der verbohrten Sowjetkritiker stellte er Karl Kautsky hin mit dessen Worten: „… es ist mit voller Sicherheit zu sagen, daß es (das Sowjetsystem, d.V.) scheitern wird und scheitern muß.”[123]

Auch der nun folgende Autor behandelte sein Thema ohne allzu kritischen Eifer.[124] Er schloß mit den Worten, die man wohl nur als stalinistische Propaganda verstehen kann: „Bei der beispiellosen Energie und Härte, mit der die in Stalin verkörperte Partei ihre Ziele verfolgt, kann an dem Erfolg der in Gang befindlichen Nachholung (der westeuropäischen Entwicklung, d.V.) nicht gezweifelt werden.”[125]

Mit erheblich größerer Distanz schloß sich nunmehr Karl Haushofer selbst mit einem genuin geopolitischen Beitrag an.[126] Er untersucht ausführlich und kenntnisreich die geopolitischen Aspekte der Entwicklung russischer Staatlichkeit und würdigt die Bewältigung der Aufgabe der staatlichen Durchdringung des Raumes zwischen St. Petersburg und Wladiwostok durch die Russen. Dadurch sei ein gewaltiges Übergewicht der asiatischen Orientierung Rußlands entstanden, dies müsse die europäische und deutsche Politik stets vor Augen haben.

Den industriellen Anstrengungen der Sowjetunion traute er weniger zu: „auch nach … GPU … und Stalin sind die Russen eben Russen als Eisenbahnpfleger, … Mißhandler von stehenden und beweglichen Maschinen.”[127] Das schränke die militärische Potenz jedoch wenig ein und man darf einmal mehr die Weitsicht Haushofers bewundern angesichts seines Resumès: „Wird der Roten Armee ein Daseinskampf aufgenötigt, so wird sie ihn da führen, wo die Kampfräume ihr kongenial sind, … wo weite fremde Etappengebiete unter den Füßen der feindlichen Kräfte zusammenbrechen und wo sie viele Millionen unterdrückter Volksschichten in Gang setzen kann.”[128]

Beendet wurde die Artikelreihe durch den Beitrag des Russen Jurij Semjonow „Der „Kulturbolschewismus” in seiner Heimat”[129]. Dieser würdigte und lobte die Stalinsche Kultur- und Alphabetisierungspolitik.

Insgesamt wird hier deutlich, daß von einem pauschalen „Antikommunismus” oder „Antisowjetismus” in der ZfG keine Rede sein konnte. Eher war das Gegenteil der Fall. Bewundert wurde die sowjetische Politik auch von Autoren, die für Deutschland jedes kommunistische Experiment strikt abgelehnt hätten. Beängstigend erscheint bei vielen Autoren ein gewisses Wunschdenken und die Fähigkeit zum Ignorieren negativer Nachrichten und Berichte, die zu diesem Zeitpunkt in reicher Anzahl vorgelegen haben, wie das zitierte Beispiel Kautsky zeigt.

Wohltuend hebt sich wiederum Obst ab, der seinen Standpunkt von 1924 den veränderten Gegebenheiten angepaßt hat: ”Es ist verführerisch … von einem deutsch-russischen Rachebündnis zu träumen. Wir … beschwören (die deutschen Volksgenossen), diesen Weg nicht zu betreten … Wir können nur wieder hochkommen, wenn wir … etwas neues entgegenstellen: … Geistiges Ringen für Recht und Freiheit aller Völker.”[130]

Zum Abschluß dieses Kapitels sei aus einem Buch von Axel de Vries zitiert, das Obst in seinem Literaturbericht aus der alten Welt bespricht.[131] Der Autor kommt in seinem Werk „Die Sowjetunion nach dem Tode Lenins“ zu zwei Ergebnissen: Zum einen sei die eiserne Energie und Widerstandskraft der bolschewistischen Führung der Sowjetunion nach Lenins Tod keinesfalls zu unterschätzen, die Fähigkeit mit Problemen und Schwierigkeiten fertig zu werden sei fast unerschöpflich, so daß keinesfalls mit einem inneren Zusammenbruch oder ähnlichem zu rechnen sei.

Zum anderen hält es de Vries für grundverkehrt, das revolutionäre Potential der Bolschewiki an einer taktischen Variante wie der NEP zu messen, das Ziel sei nach wie vor die Weltrevolution, daran werde sich in naher Zukunft nichts ändern. Angesichts der großen Gefahr, die daraus Europa erwächst, ist die Schlußfolgerung von de Vries: „Mit allen Mitteln und in jedem Fall muß in Europa ein Krieg verhindert werden, so lange der kommunistische Orden noch in der Verfassung ist, die Brandfackel ins zusammenbrechende Europa zu schleudern. Denn letzten Endes wird jeder Krieg nur als Wegbereiter für die furchtbare Organisation dienen, deren Herrschaft den Tod der europäischen Kultur bedeuten würde: den Kommunistischen Orden.”

 

 


[1] Problematik der Definition und Abgrenzung unter 1.2.

[2] dtv Brockhaus Lexicon, Mannheim und München 1986

[3] z.B. Raumbewältigung, Schwellenlage, Flankenstellung, Wachstumsspitzen

[4] so spricht J. Habermas im „Historikerstreit” 1986 von „geopolitischem Tamtam”

[5] Alfred Hettner: Methodische Zeit- und Streitfragen. in Geographische Zeitschriften 1929

[6] oder „bolschewistisch”

[7] z.B. in der Frage der völkerrechtlichen Anerkennung der jugoslawischen Teilrepubliken

[8] Carl Troll: Die geographischen Wissenschaften in Deutschland 1933-1945. Erdkunde I, Berlin 1947

[9] Herodot entwickelt seine differenzierten geographisch-historischen Theorien in den „Logoi”. Siehe Herodot: Historiae. Hrsg. Karl Hudl, Oxford 1957

[10] Jean Bodin: Les Six Livres de la rèpublique. Paris 1583

[11] siehe Charles de Montesquieu: Ouevres complètes. Hrsg. A. Mason, Lpzg. 1764

[12] zitiert nach Gollwitzer: Geschichte des weltpolitischen Denkens. Göttingen 1982, S. 58

[13] erschienen 1899 in der Zeitschrift „Ymer”

[14] erschienen in Stockholm 1916, erste deutsche Ausgabe 1917

[15] K.-H. Harbeck: Die Zeitschrift für Geopolitik. Diss., Kiel 1963, S. 2

[16] Rudolf Kjellèn: Der Staat als Lebensform. Berlin 1924, S.45

[17] Kjellèn, a.a.O., S.84

[18] Maull, Otto: Friedrich Ratzel zum Gedächtnis. In ZfG 1929, S.617

[19] Haushofer, Karl: Grundlagen, Wesen und Ziele der Geopolitik. In „Bausteine zur Geopolitik”,
Berlin 1928, S. 30

[20] Hettner, a.a.O. S. 334

[21] H. Lautensach in: Bausteine zur Geopolitik, S. 311

[22] W. Vogel: Politische Geographie und Geopolitik 1909-1934. In: Geographisches Jahrbuch 1934, S. 79

[23] Otto Maull in: Geographischer Anzeiger 1926, S. 245

[24] Das Wort „Geopolitik” … ist eine neue Etikette für eine alte Sache” [nämlich die angewandte politische Geographie MM.], so Hettner, a.a.O., S. 336

[25] So berichtet Gollwitzer, daß in den U.S.A. im zweiten Weltkrieg Berichte über ein riesiges Institut für Geopolitik in München mit Tausenden Mitarbeitern, Technikern und Gelehrten verbreitet wurden.

[26] wenn z.B. Vowinckel die Geopolitik als „Grundprinzip und innere Haltung” verstehen will und meint, die Geopolitk sei „die Staatswissenschaft im Dritten Reich.” Zitiert nach Troll, a.a.O., S. 19

[27] so H.Lautensach, O.Maull, H.Levy, W.Rowland-Kallig, F.Termer, H.Schaffauer, W.Vogel

[28] Aufteilung siehe Karte im Anhang

[29] ZfG 1925, S. 526

[30] zitiert nach Harbeck, a.a.O., S.27 f

[31] so Vowinckel im Brief an Haushofer, zit. nach Harbeck, a.a.O., S. 29

[32] Bausteine für Geopolitk, S.27

[33] ZfG 1932, vor der S. 1

[34] ebenda, S.1

[35] fast überflüssig anzumerken, daß diese Instabilität zum Teil bis heute anhält und Ursache für die gegenwärtige Problematik im gesamten Süd/Ost-Mitteleuropäischen Raum ist

[36] Diese Desorientierung nach dem Krieg zeigte allerdings die Brüchigkeit des Wertesystems

[37] ZfG 1924, S. 59

[38] ebenda

[39] ZfG 1927, S. 273

[40] ebenda, S. 274

[41] ZfG 1930, S. 747

[42] so Hans Zehrer: Frankreichs Kampf um Europa. In ZfG 1930, S. 356

[43] Hans Zehrer: Ist eine deutsche Außenpolitik überhaupt möglich? In ZfG 1930, S. 25

[44] Karl C. von Loesch: Der Kampf für das Recht im Osten. ZfG 1930, S. 29

[45] ebenda, S. 38

[46] ebenda S. 33

[47] Kleo Pleyer: Sudeten-Raum und Deutsch-Österreich. In ZfG 1928, S. 401

[48] Ignaz Schmerz: Verschiebungen im Donauraum. In ZfG 1931, S. 181

[49] J. Reichard: Aufbruch zum Morgen! In ZfG 1931, S. 580

[50] Colin Ross: Die Fiktion der Weltwirtschaft. In ZfG 1931, S. 565

[51] In der ZfG werden diese Bestrebungen begrüßt von August Winnig (Mai 1930, „Ein Anfang”). Am 5. 9.1931 verwirft der Haager Gerichtshof die deutsch-österreichische Zollunion

[52] nach M. Cleinow: Deutschland zwischen Ost und West. In ZfG 1931, S. 584

[53] im folgenden stets „Versailler Vertrag” genannt

[54] diese Bezeichnung in der ZfG und weiterer Literatur durchgängig üblich zur Bezeichnis der politischen Ordnung in Europa nach dem Versailler Vertrag

[55] Rücktritt des Kabinettes Scheidemann am 20. Juni, vier Tage nach Vorlage der endgültigen Friedensbedingungen

[56] so durch Scheidemann am 12. Mai in seiner Rede in der Berliner Universität: „Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?” Zitiert nach Peter Krüger: Versailles. S. 10

[57] Führer der Waffenstillstandskommission in Compiegne, Minister ohne Portefeuille im Kabinett Scheidemann, Reichsfinanzminister im Kabinett Bauer

[58] nach Vorlage der endgültigen Friedensbedingungen am 16. Juni

[59] am 22.Juni, zunächst unter dem Vorbehalt der Streichung der Kriegsschuld- und Auslieferungsartikel 231 und 227-30, dieser Vorbehalt wurden vom französischen Ministerpräsidenten Clemenceau jedoch zurückgewiesen

[60] Rabenau, Friedrich von: „Seeckt. Aus seinem Leben”. Lpz. 1940, S. 185

[61] hier war z.B. eine Einschränkung der nationalen Souveränität durch Völkerbundmitgliedschaft vorgesehen

[62] Artikel 231 des Friedensvertrages

[63] insbesondere der Lansing-Note vom 7.10.1918, die die alliierten Entschädigungswünsche ohne jeden kausalen Zusammenhang mit Kriegsschuld oder -ursache formulierte

[64] Die Frist wurde dann um 2 Tage erweitert

[65] Brockdorff-Rantzau am 14.1.1919: „Der Friede, den wir schließen, muß ein Rechtsfriede sein”. Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945. Göttingen 1982

[66] So waren schon alle Vorbereitungen zur Sezession einer linksrheinischen Republik für den Fall der Fortsetzung der Kämpfe getroffen

[67]

1.

Öffentlichkeit der Friedensverträge, keine geheimen Verhandlungen

2.

Freiheit der Meere 

3.

Gleichheit der Handelsbeziehungen

4.

gleichmäßige Abrüstung

5.

unparteiische Regelung der Kolonialfrage

6.

Räumung Rußlands

7.

Wiederherstellung Belgiens

8.

Räumung Frankreichs

9.

Rückgabe Elsaß-Lothringens

10.

Grenzregelung für Italien nach nationalen Gesichtspunkten

11.

Autonomie der Völker Österreich-Ungarns

12.

Wiederherstellung Rumäniens, Serbiens, Montenegros

13.

Unabhängiges Polen mit freiem Zugang zum Meer

14. Einrichtung eines Völkerbundes

[68] unterzeichnet von Erzberger in Compiègne

[69] der Teil Ostpreußens nördlich der Memel

[70] 1924 nach Okkupation an Litauen

[71] Wiewohl Dänemark nicht Kriegsgegner war, entsprach dieser Punkt auch den deutschen Vorstellungen. Umstritten war lediglich das Verfahren der sg. Blockabstimmung

[72] Karl Dietrich Erdmann: Die Weimarer Republik. In „Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte”, Bd. 19, S. 108

[73] Ernst Tiessen: Der Friedensvertrag von Verailles und die Politische Geographie. In Zfg 1924, S. 187

[74] ebenda, S. 217

[75] ebenda, S. 218 f. Es folgt ein Vergleich der Friedensschlüsse von Frankfurt 1871 und Versailles 1919

[76] „Beide Kontrahenten waren so verbissen in … ihrer Fixierung aufeinander, daß nur selten der … Abstand vorhanden war, um das Berechtigte in den Forderungen des Gegners … zu erkennen.” Peter Krüger: Versailles. S. 93

[77] z.B. die Aufsätze „Ein Volk, ein Staat” von Karl Haushofer oder “Ein Anfang” von August Winnig und das ganze Heft 1 über Österreich und den Anschlußgedanken.

[78] Johannes Wütschke: Ein geopolitisches Grundgesetz in der Entwicklung der französischen Politik. ZfG 1924, S. 271

[79] das Gebiet von Burgund und Lothringen

[80] A. Günther: Über Frankreichs geopolitische Stellung. ZfG 1924, S. 355

[81] Herrmann Lautensach: Deutschland und Frankreich. ZfG 1925, S.6

[82] er spricht sogar von „planetarer Mittellage” und weist auf die deutsche Aufgabe der Abschirmung Westeuropas hin.

[83] Die Gefährlichkeit dieser These hatte sich schon anhand der Verschleißtheorien des Weltkriegs gezeigt.

[84] ZfG 1925, S. 97

[85] Zfg 1925, S. 514

[86] ZfG 1927, S. 16

[87] ZfG 1930, S. 99

[88] ZfG 1928, S. 712

[89] ZfG 1931, S. 586 f

[90] Klaus Werner: Deutschland gegen Frankreich. In ZfG 1931, S. 849

[91] ebenda

[92] ebenda, S. 855

[93] ähnlich dem Status, den diese Stadt vor der Eingliederung in Preußen unter polnischer Hoheit innehatte

[94] Erdmann: Die Weimarer Republik. S. 102

[95] Coudenhoven-Kallergis in Paneuropa 1931, Heft 6. Die nationalsozialistische Regierung macht diese Forderung zum Inhalt des Ultimatums vom August 1939.

[96] Erich Obst in Zfg 1931, S. 734

[97] W. Osterling: Korridorproblem und -literatur. In ZfG 1930, S. 773

[98] Lautensach, in: Zfg 1924, S. 447. Polnischer Staatspräsident war zu dieser Zeit ein gewisser Stanislaus Wojciechowski.

[99] Lothar Mischke: Der polnische Staat als europäisches Problem. In ZfG 1925, S. 305

[100] ebenda S. 310

[101] ZfG 1925, S. 679

[102] ZfG 1930, S. 3

[103] ebenda S. 4

[104] ZfG 1930, S. 265

[105] ZfG 1930, S. 586

[106] ZfG 1930, S. 665

[107] so Obst in ZfG, 1930, S. 666, und er fährt fort: „Ein internationales Schiedsgericht sorgt dafür, daß unbillige Härten vermieden erden. Selbstverständlich wird das Deutsche Reich … Polen einen freien Zugang zum Meer garantieren.”

[108] nach dem Zweiten Weltkrieg Gründer des von Ost-Berlin finanzierten „Bundes der Deutschen” und Stalin-Preisträger.

[109] und auch für politische Fehlentwicklungen in den Jahrzehnten zuvor

[110] Erich Obst: Die geopolitischen Leitlinien des europäischen Rußland. ZfG 1924, S. 5

[111] Richard Pohle: Die politischen Zustandsänderungen im Russischen Reich seit 1914. ZfG 1924, S. 277

[112] ebenda, S. 287

[113] Die Ålandsinseln waren nach dem Kriege zunächst finnisch, 1921 wurden sie neutralisiert.

[114] Es wurde auch die Lieferung von Rüstungsgütern vereinbart, bald darauf wurde eine gemeinsame Gesellschaft zur Rüstungsproduktion (GEFU) gegründet.

[115] Der wie für Frankreich auch für Rußland unbegrenzt hohe Reparationsforderungen ermöglichte und so die geopolitische Situation von 1914 wiederhergestellt hätte.

[116] Dieser war ursprünglich für eine deutsch-englische Zusammenarbeit und versuchte auch das deutsch-russische verhältnis dergestalt zu beeinflussen.

[117] ZfG 1924, S. 213

[118] vor allem zur Kompensation der Annäherung an den Westen in Locarno

[119] ZfG 1925, S. 681

[120] Obst in ZfG 1924, Heft 5, S. 12

[121] N.N.: Fünfjahresplan und kapitalistische Welt. In ZfG 1930, S. 450

[122] R. Glanz: Die SU auf dem Weltmarkt. In ZfG 1930, S. 459 / R. von Ungern-Sternberg:
Der Fünfjahresplan im Spiegel der Weltpresse. In ZfG 1930, S. 463

[123] zitiert aus seiner Schrift: “Der Bolschewismus in der Sackgasse”, auf S. 465

[124] Heinrich Saller: Die russische Verkehrspolitik. In ZfG 1930, S. 467

[125] ebenda S.472

[126] Karl Haushofer: Das asiatische Antlitz der Sowjets. ZfG 1930, S. 476

[127] Ebenda, S. 478

[128] Ebenda, S. 480

[129] ZfG 1930, S. 480

[130] ZfG 1930, S. 419

[131] ZfG 1925, S. 292

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