Die Zeitschrift für Geopolitik (ZfG)
Von Martin Möller. Niedergeschrieben im Herbst 1987. Dieser
Text ist durchaus aktualisierungsbedürftig. Ich befürchte
allerdings, daß ich nicht dazu kommen, ihn zu verbessern
und so sei er in der ersten Fassung der Nachwelt mitgeteilt.
1. Die geographisch-politische Disziplin Geopolitik.
1.1. Einführung.
1.2. Die Geschichte der Geopolitik
vor Haushofer
2. Die Zeitschrift für Geopolitik.
2.1. Die Gründung der Zeitschrift für
Geopolitik.
2.2. Die Zeitschrift für Geopolitik
1924-1930.
2.3. Die Zeitschrift für Geopolitik
1930-1932.
3. Europa-Konzepte in der Zeitschrift
für Geopolitik.
3.1. Die Notwendigkeit der Neuorientierung.
3.2. Paneuropa.
3.3. Mitteleuropa.
4. Die Zeitschrift für Geopolitik und
der Versailler Vertrag.
4.1. Die Friedensverhandlungen von
Versailles.
4.2. Die Bestimmungen des Versailler
Vertrags.
4.3. Die Zeitschrift für Geopolitik
und die westlichen Nachbarn Deutschlands.
4.4. Die Zeitschrift für Geopolitik
und Polen.
4.5. Die Zeitschrift für Geopolitik
und ihr Verhältnis zu Rußland und zur Sowjetunion.
Die Disziplin der Geopolitik[1] ist zwar noch nicht mehr als 100
Jahre alt, doch war ihr binnen weniger Jahrzehnte sowohl ein bei
Prägung des Begriffes Geopolitik noch nicht vorstellbarer Aufstieg,
als auch sodann ein jäher Absturz beschieden, der zumindest in
Deutschland zu ihrem gänzlichen Erlöschen führte.
Heute ist von ihrer Existenz außerhalb von ausgesprochenen Fachkreisen
kaum noch etwas bekannt und wenn von ihr gesprochen wird, dann
meist in Zusammenhang mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus.
Das „dtv Brockhaus Lexicon” beschreibt beispielsweise
die Geopolitik als eine Grenzwissenschaft, deren Theorien „nach
dem Ersten Weltkrieg von Gruppen der extremen politischen Rechten
(bes. von den Nationalsozialisten) agitatorisch vertreten wurden.”[2] Diese behauptete oder vermutete Nähe zur nationalsozialistischen
Ideologie macht es schwer, sich unvoreingenommen und in historisch
sinnvoller Weise mit dem Gegenstand dieser Arbeit zu beschäftigen.
Doch nicht etwa aus diesem Grunde habe ich mich auf die Zeit
bis 1931 beschränkt. Wie aus der Arbeit hervorgeht, markiert dieses
Jahr den Übergang von einem politisch offenen zu einem am Nationalsozialismus
orientierten Selbstverständnis der Geopolitik und damit einer
Selbstaufgabe der Geopolitik als Wissenschaft. Allein sinnvoll
erscheint mir deshalb die Aufarbeitung der Geopolitik in der „Periode
der scheinbaren Stabilisierung” (Mirow) der Weimarer Republik,
wie sie sich in der „Zeitschrift für Geopolitik” darstellt.
Wie gezeigt werden wird, hat die Geopolitik eine erheblich breitere
und vielfältigere Entwicklung durchgemacht, als Zitate wie das
oben angeführte glauben machen können. An viele Ergebnisse aus
der Geopolitik versucht man heute anzuknüpfen, auch das ein Grund,
die Beschäftigung mit einem Denken, das in vieler Hinsicht wieder
gegenwärtig wird, nicht zu scheuen.
Schon die „Wieder”-Begegnung mit dem Vokabular, das
aus der Geopolitik stammt, zeigt das. Sind doch nicht nur Begriffe
wie „Raum” (oder auch „Großraum”), „Rand-”,
„Eck-” oder „Mittellage” und viele andere[3] in ihrer heutigen Bedeutung Entlehnungen aus dem von der Geopolitik
entwickelten Vokabular, auch von „Geopolitik” und
„geopolitisch” wird noch geredet, als wäre diese Disziplin
nicht schon seit Jahrzehnten verschwunden.
[4] Vielfach wird das Wort allerdings lediglich synonym mit
„geographisch” verwendet, eine Unart, die Hettner
schon 1927 beklagt: „Wenn man früher von geographischer
Lage und geographischer Bedingtheit politischer Vorgänge sprach,
so führt heute jeder Zeitungsschreiber und Politiker, der etwas
auf sich hält, das Wort Geopolitik im Munde.”[5]
Die Geopolitik hat Spuren im politischen Denken hinterlassen.
In Diskussionen der politischen Zukunft Europas wird vielfach
auf Vorstellungen zurückgegriffen, die in der geopolitischen Diskussion
im Deutschland der Zwischenkriegszeit entwickelt worden sind.
Westeuropäische Integration, Paneuropa, Mitteleuropakonzepte,
Anlehnung eines möglicherweise sozialistisch[6] geprägten „Gesamtdeutschland” an die Sowjetunion
- all diese Vorstellungen sind in der deutschen Geopolitik entwickelt
oder ausführlich diskutiert worden.
Zwar sind seit den zwanziger Jahren viele und tiefgreifende Veränderungen
in Europa eingetreten, doch wesentliche Problemstellungen bestehen
fort oder leben nach der Zwangspause der kommunistischen Beherrschung
Ost- und Mitteleuropas wieder auf, zum Teil in verblüffender Intensität
und Konstellation. Daß eine Einflußkonkurrenz zwischen Deutschland
und Frankreich[7]
auf dem Balkan wieder aufleben wird und ganz erhebliche politische
Wirkungen zeitigt, war vor kurzem noch völlig unvorstellbar. Die
Hilflosigkeit, angesichts der bisher nicht wahrgenommenen Existenz
von Völkern und „real existierenden” Problemen ihrer
räumlichen Existenz das „Wiederaufleben des Nationalismus”
o. ä. zu beklagen, zeigt das Unvermögen und die mangelnde Vorbereitung
auf eine tatsächlich europäische Politik, die diesen Namen verdient.
Das Desiderat eines breiten und fundierten Auslandswissens besteht
heute ebenso wie 1924. Dieses zu schaffen und zu verbreiten war
wesentlicher Teil des geopolitischen Selbstverständnisses, besonders
zu diesem Zwecke wurde die „Zeitschrift für Geopolitik”
(ZfG) gegründet.
Die Frage, welchen Einfluß die Geopolitik tatsächlich auf die
Meinungen der Zeitgenossen hatte, und wie stark ihr Einfluß auf
die Politik, sowohl der Weimarer Republik als auch des Dritten Reiches
gewesen ist, kann in dieser Arbeit nicht beantwortet werden. Immerhin
wird erkennbar, daß die geopolitische Methodik sich in erheblich
größerem Maße als vielfach vermutet, von tagespolitischer Zielsetzung
leiten ließ und diese - und das trifft vor allem natürlich auf
die Außenpolitik zu - begleitete, kommentierte und zu beeinflussen
suchte. Dabei war die ZfG in politischer Hinsicht erstaunlich
offen, sie stand auch zum Beispiel marxistisch orientierten Autoren
offen, auch noch nachdem die Zeitschrift sich „gleichgeschaltet”
hatte.
Einen gesicherten Platz im System der Wissenschaften hatte die
Geopolitik nicht gefunden, auch nicht im „Dritten Reich”.
Zu wenig war es ihr gelungen, die eigene Arbeit überzeugend zu
systematisieren und sich gegen die Konkurrenzdisziplin Politische
Geographie abzugrenzen. Hier wußte die konservative Wissenschaft
in Deutschland ihren Bestand zu sichern und die ungeliebten Außenseiter
vom akademischen Parnaß fernzuhalten. Doch war sich die Geopolitik,
besonders in der Person Haushofers, über diese Problematik im
klaren. Sowohl er als auch sein Sohn Albrecht arbeiteten so lange
es möglich war an der wissenschaftlichen Klärung und an der Abgrenzung
zur politischen Geographie.
Ziel dieser Arbeit wird es jedoch weniger sein, die Disziplin
„Geopolitik” als geographisch-politische Disziplin
zu kritisieren, als vielmehr, sie an ihrem historischen Ort zu
demonstrieren und zu versuchen, sie in ihrem politischen Anspruch
und seinen gesellschaftlichen Bedingungen verständlich zu machen.
Zu diesem Zweck wurde zunächst der geschichtliche Entwicklungsgang
und die Entstehung der Geopolitik dargestellt, diese mündete in
die Gründung der „Zeitschrift für Geopolitik” ein.
Eine weitere Entwicklung konnte nur gestreift werden, da sie für
die Darstellung der Thematik nicht relevant war. Sodann war es
notwendig, kurz die Konzepte darzustellen, die in der „Zeitschrift
für Geopolitik” bezüglich der geopolitischen (d.h. auch
außenpolitischen) Orientierung Deutschlands entwickelt wurden.
Stichworte sind hier Paneuropa und Mitteleuropa.
Mittelpunkt der Arbeit wird sodann die Darstellung und Bewertung
der genuin geopolitischen Arbeit sein, wie sie sich in der „Zeitschrift
für Geopolitik” darstellte. Zu diesem Zwecke wurden die
Jahrgänge 1924 bis 1932, auf ihre Aussagen zu einigen Schwerpunkten
untersucht. Diese Schwerpunkte sind, neben dem eigentlichen Thema,
den Bestrebungen zur Revision des Versailler Vertrages, die Aussagen
der Geopolitik zu den Bereichen „Frankreich”, „Polen”
und „Rußland”. Die erstgenannten Länder waren wichtig,
weil insbesondere sie von dem Verlangen der Revision betroffen
waren, letztgenanntes war unerläßlich, da es neben Deutschland
zu den Hauptverlierern des Ersten Weltkriegs gehörte und deshalb
Deutschland im gemeinsamen Interesse an einer Revision der Nachkriegsordnung
verbunden war. Auch spielte Rußland in bestimmten geopolitischen
Theorien eine nicht unerhebliche Rolle im Sinne einer gemeinsamen
eurasischen Kontinentalvorherrschaft.
So wird Rußland in der „Zeitschrift für Geopolitik”
und in der geopolitischen Theorie stets besonders gründlich beobachtet
und untersucht, gerade auch in der Frage einer Revision der Ergebnisse
des Ersten Weltkrieges.
Deshalb konnte auf eine ausführliche Untersuchung des Verhältnisses
zu Rußland nicht verzichtet werden, im Gegensatz zum Thema England
und USA, die in der „Zeitschrift für Geopolitik” zwar
ausführlich gewürdigt werden, für das Thema selbst jedoch von
eher nebensächlicher Bedeutung sind, da es keine territorialen
Konflikte zwischen ihnen und Deutschland gab.
Ihre außenpolitische Bedeutung für Deutschland und Europa allerdings
wird in der ZfG nicht geleugnet, sie wird im Gegenteil als hoch
wichtig eingeschätzt und aufmerksam analysiert. Dieses darzustellen
und damit die globalen Aussagen der Geopolitik, z.B. in der Frage
der Kolonien und zur Problematik der asiatischen Befreiungsbewegungen
etc. einzubeziehen, ist nicht Gegenstand dieser Arbeit und muß
unberücksichtigt bleiben. Doch sei zumindest darauf hingewiesen,
daß die Geopolitik ein durchaus weltweites Interesse hat und zu
höchst interessanten theoretischen Ausbildungen kommt, oft in
stark „antiimperialistischem” Sinne. In diesem Zusammenhang
sei noch eingestanden, daß eine Auseinandersetzung mit dem Problem
der Deutschland entzogenen Kolonien streng genommen in diese Arbeit
gehört hätte. Ich habe darauf verzichtet, im Interesse einer Konzentration
auf den deutschen Lebensraum und auf Kontinentaleuropa. Zudem
spielt dieses Thema im Komplex „Revision” eine so
nebensächliche Rolle, daß m.E. darauf guten Gewissens verzichtet
werden kann.
Als eigentlicher Vater der Geopolitik gilt allgemein der Zoologe
und Geograph Friedrich Ratzel (1844-1904). Seine Hauptwerke sind
die „Anthropogeographie” (1872) und die „Politische
Geographie” (1897).
Der konservative Ratzel, Mitglied des Alldeutschen Verbands,
schuf die erste schlüssige Konzeption einer neuen, bei ihm noch
stark positivistisch geprägten Disziplin. Zum ersten Mal wurde
die später als Sozialdarwinismus bezeichnete Technik der Anwendung
biologischer Gesetze auf die Sozialwissenschaft, hier auch auf
das Staatsrecht, gebraucht. „Bei der Übernahme der naturwissenschaftlich-materialistischen
Lehren der Biologie durch die Gesellschaftswissenschaft liegt
die eigentliche Wurzel für die Lehre Ratzels”[8],
erkannte Troll in seiner Abhandlung über die Geographie und Geopolitik
im Dritten Reich.
Besonders betont Ratzel immer wieder die engen Wechselbeziehungen
von Mensch und Geographie, die er vielfältig belegt und untersucht.
Hierbei kann Ratzel allerdings auf eine bedeutende Tradition der
Geistesgeschichte, ausgehend von Herodot und Hippokrates, zurückgreifen.[9]
Im 16. Jahrhundert knüpft u.a. Jean Bodin an die antiken Vorläufer
an und untersucht unter astrologischen Gesichtspunkten geographische
Einflüsse auf die Politik.[10]
200 Jahre später wendet Montesquieu einen streng geographischen
Determinismus auf das soziale und staatliche Leben an.[11]
Ratzel selbst ist besonders beeinflußt durch Heckel und Darwin
wie seine Definition „Grundgesetze des räumlichen Wachstums
der Staaten sind Ausdruck des Kampfes der Raumorganismen”[12] zeigt. Ratzel leugnet geistig
kulturelle Einflüsse nicht völlig, die ökonomisch-soziale Sphäre
wird jedoch kaum berücksichtigt. So ist in Ratzels Werk das Gebäude
der späteren Geopolitik schon in seinen wesentlichen Strukturen
enthalten, es bedurfte lediglich noch einer eigenen Systematik
und des klangvollen Namens um den neuartigen Zweig der Geographie
ins Leben zu rufen.
Beides verdankt die Geopolitik dem schwedischen Staatswissenschaftler
Rudolf Kjellèn (1864 - 1922). Er prägte den Begriff Geopolitik
und verwendete ihn zum ersten Mal in dem Artikel „Studier
över Sveriges politiska gränser“[13] (Studien über Schwedens politische
Grenzen). In seinem Hauptwerk „Der Staat als Lebensform“[14]
entwickelt Kjellèn eine systematische Staatslehre im biologisch-empirischen
Sinne, die er in fünf Teile gliedert:
- Die Ökopolitik: Untersuchung der ökonomischen Grundlagen
des Staates und seine Wirtschaftspolitik
- Die Demopolitik: Untersuchung der Bevölkerung, z.B.
in Bezug auf Religion, Rasse, Sprache, Altersstruktur etc.
- Die Soziopolitik: Untersuchung der soziologischen Gegebenheiten
und der Verhältnisses soziologisch relevanter Gruppen zum Staat
- Die Geopolitik: Untersuchung der geographischen Bedingtheit
des Staates
- Die Kratopolitik: Untersuchung der Wege und Strukturen
der Herrschaftsausübung des Staates
Kjellèn geht es in seiner Staatslehre um die Überwindung der
Abstraktheit des herkömmlichen Staatsbegriffes. So bezieht er
die Geographie in seine Staatslehre ein, indem er sie nicht mehr
lediglich zur Beschreibung des Staatsgebietes und seiner Nachbarstaaten
benutzt, sondern sie als „integrierenden Bestandteil des
Staates” ansieht.[15] In diesem Sinne ist die Geopolitik nach Kjellèn
Teil der Staatslehre und nicht Teil der Geographie bzw. der politischen
Geographie. Seine später weithin reproduzierte Definition der
Geopolitik lautet: „Geopolitik ist die Lehre über den Staat
als geographischer Organismus oder Erscheinung im Raum”.[16]
Obwohl Kjellèn Begriff und Systematik der Geopolitik prägte,
war er sich des Ratzelschen Erbes bewußt und nennt diesen „den
großen Pflüger und Bahnbrecher auf dem weiten und teilweise noch
jungfräulichen Gebiete der Geopolitik.”[17]
In seinen Lehren ist Kjellèn indeterministischer und oft differenzierter
als Ratzel, auch bemüht er sich um stärkeren Zeitbezug, z.B. durch
Analyse militärischer Ereignisse des ersten Weltkriegs oder der
Beziehungen der Großmächte - soll doch die Geopolitik zur Handlungslehre
und -hilfe für die Politik werden. So wird Kjellèn zum Anreger
einer neuen Generation von Wissenschaftlern und Gelehrten, die
nach dem ersten Weltkrieg das große Ziel einer notwendigen Neuordnung
Europas mit Hilfe der Geopolitik zu erreichen sucht. Gleichzeitig
ist sein Werk das eigentliche Bindeglied und die Vermittlung zwischen
Ratzel und jenen, die ihn in dieser Bedeutung zwar durchaus würdigen,
aber stets Ratzel als eigentlichen Bahnbrecher geopolitischen
Denkens und Begründer ihrer Disziplin ansehen.
So schreibt Otto Maull, einer der bedeutendsten Vertreter der
Geopolitik jener Zeit, anläßlich des 25. Todestages Ratzels: „In
Kjellèns wissenschaftlichem Lehrgebäude hat Ratzels Gedankengut
Platz und Widerhall gefunden. … Ist darum von Ratzel einmal
die direkte Linie zur Entwicklung der modernen politischen Geographie
zu verfolgen, so läuft ein weiterer Ast von ihm über Kjellèn zur
Geopolitik der Gegenwart. … Ohne Ratzel wäre diese Entwicklung
der Geopolitik undenkbar. Darum kann nicht etwa Kjellèn .. als
Vater der Geopolitik bezeichnet werden. Ratzel ist es.”[18]
Daß Ratzel erst nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland die
Aufmerksamkeit fand, die ihm nach Meinung seiner Schüler und Anhänger
gebührte, ist von diesen oft sehr bedauert worden. Dem Mangel
an Wissen über die geographisch-politischen Gegebenheiten in Europa
und der ganzen übrigen Welt wurde mitverantwortlich gemacht für
das „Hineinstolpern” Deutschlands in den ersten Weltkrieg
und die für Deutschland katastrophalen Folgen desselben:
„… die außen- und innenpolitische Führung der … Zentralmächte
(haben) gegenüber der britischen, französischen und slawischen
wissenschaftlichen Politik versagt … In diese Lücke, deren furchtbares,
folgenschweres Vorhandensein von 1900 bis 1914 niemand in Mitteleuropa
zu leugnen wagen wird, will die Geopolitik treten. Sie sucht aus
den wissenschaftlich erfaßbaren, erdbestimmten und bodengewachsenen
Zügen … für die Kunst der Politik eine Brücke bis zu ihrer notwendigen
Stelle des Absprungs vom festen wissenschaftlichen Boden zu bauen,
damit dieser Sprung wenigstens vom Wissen zum Können, nicht vom
Nichtwissen aus erfolge, woher er sicher weiter und gefährlicher
ist.”[19]
Hier wird deutlich, warum geopolitisches Denken nach dem ersten
Weltkrieg für viele deutsche Wissenschaftler so wichtig wurde.
Tiefer Schmerz über Deutschlands Niederlage und deren Folgen stellte
die unabweisbare Frage auch nach der wissenschaftlichen Verantwortung
und der Möglichkeit, durch wissenschaftliche Neuorientierung sowohl
eine Wiederholung der Katastrophe unmöglich zu machen, als auch
Wege zu finden, die Folgen der Niederlage Deutschlands zu mindern
oder gar in bestimmten Umfang rückgängig zu machen.
Dieser politisch-gesellschaftliche Anspruch war das eigentlich
Neue der Geopolitik gegenüber den überkommenen akademischen Disziplinen
der Geographie bzw. der politischen Geographie. Gleichzeitig stellte
er eine nicht zu unterschätzende Gefährdung der Geopolitik und
ihres Selbstverständnisses als Wissenschaft dar. Hettner stellt
fest: „Die Politik ist keine Wissenschaft, sondern eine
praktische Betätigung … Der Wissenschaftler, der Geograph
ebenso wie der Historiker, kann sich darin gelegentlich betätigen;
aber er verläßt damit das Gebiet der eigentlichen Wissenschaft.”[20]
Der Problematik waren sich die Geopolitiker von Anfang an durchaus
bewußt, die vielen Versuche zur besseren Systematisierung, das
Ringen um eine Lösung des Verhältnisses zur politischen Geographie
zeigt es. Von Lautensach stammte die verbreitete Formel vom Unterschied
zwischen einer statischen und einer dynamischen Auffassung: „Der
Gegenstand der (politischen Geographie) ist eine Form des staatlichen
Seins, nicht Werdens. In der Betrachtungsweise der Geopolitik
dagegen stehen politische Vorgänge der Vergangenheit und Gegenwart
im Vordergrunde. Die Auffassung der politischen Geographie ist
statisch, die der Geopolitik dynamisch.”[21]
Vogel bestreitet diese Auffassung: „Gerade die politische
Geographie muß, wenn sie fruchtbar sein soll, eine dynamische
Auffassung pflegen, und sowohl Ratzels wie Kjellèns Darlegungen
sind durchaus von solchem Geiste dynamischer Auffassung getragen.”[22] Er plädiert für die Auflösung
des Trennungsstriches zwischen politischer Geographie und Geopolitik,
sei das nicht mehr möglich, so favorisiert er die Definition Maulls,
der davon ausgeht, daß Geopolitik und politische Geographie das
gleiche Stoffgebiet hätten, jedoch: „ … (Die Geopolitik)
ist angewandte politische Geographie, sie stellt einen Vorstoß
der Geographie in andere Lebensgebiete dar. … Die Geopolitik
ist eine Anwendung geographischer Methode auf die Mannigfaltigkeit
des politischen Lebens, durch sie … wird auch die Theorie
der politischen Geographie befruchtet.”[23]
Diese war über eine solche Befruchtung nichts weniger als erfreut.[24] Die größere Öffentlichkeitswirksamkeit hatte in den zwanziger
und dreißiger Jahren die Geopolitik, vor allem dank der Zeitschrift
für Geopolitik. Sie verschaffte der Geopolitik die große Aufmerksamkeit
und Anerkennung in Deutschland und dann in der ganzen Welt, die
dazu führte, daß ihr tatsächlicher Einfluß vielfach überschätzt
wurde.[25]
Das lag nicht nur am Informationsmangel vieler ausländischer
Zeitgenossen, besonders im Krieg, auch eine gewisse Selbstüberschätzung
vieler Geopolitiker in Deutschland hat dazu beigetragen.[26]
Sie stellten das Postulat einer zentralen Position der Geopolitik
innerhalb der Staatswissenschaften auf, vergessend, daß selbst
für Kjellèn die Geopolitik nur eines von fünf Gliedern einer neuen
Staatslehre gewesen ist.
Entscheidend für diese Überschätzung der Geopolitik und für ihre
dann anscheinend bruchlose Einordnung in die Vorstellungswelt
des deutschen Nationalsozialismus war ihre immer stärker zutage
tretende Fixierung auf die politischen und geographischen Folgen
des Versailler Vertrages, unter den Deutschland nach dem ersten
Weltkrieg gestellt war. Es ist erkennbar, daß diese Fixierung
mit der Abnahme der außenpolitischen Gestaltungskraft der Weimarer
Republik und mit dem gefährlichen Erstarrungsprozeß im Europa
der späten zwanziger Jahre sich verstärkte.
Auf die daraus resultierenden Gefährdungen für eine europäische
Friedensordnung hat die Geopolitik stets hingewiesen. Die Möglichkeiten
einer Überwindung solcher Gefahren versuchte die Geopolitik mit
ihren Mitteln aufzuzeigen und zu diskutieren - aus durchaus vielfältiger
und oft kontroverser Perspektive. Dabei fühlten sich ihre Protagonisten
durchaus nicht nur an die aktuellen politischen Möglichkeiten
gebunden, ging es ihnen doch stets um mehr, als einen kurzfristigen
Einfluß auf die Tagespolitik.
Trotzdem stand die Geopolitik in einem zum Teil recht engen Wechselverhältnis
mit der Politik und ihren Durchsetzungsmöglichkeiten. Der Anspruch
einer „politischen Kunstlehre” ließ sich nur bei einer
gewissen Nähe zur Tagespolitik realisieren und auch die Durchsetzung
langfristiger politischer Ziele, die die Geopolitik im Auge hatte,
bedurfte politisch durchsetzungsfähiger Konzepte.
Hier hat die Geopolitik manches Sinnvolle und noch heute Wertvolle
geleistet. Diese Arbeit spielte sich in der Zeitschrift für Geopolitik
ab, sie gilt es in den folgenden Kapiteln zu dokumentieren.
Die „Zeitschrift für Geopolitik” (ZfG) wurde von
Karl Haushofer im Sommer 1923 gegründet. Der Plan zur Zeitschriftengründung
entstand in zahlreichen Gesprächen seit 1921 mit einem Schüler
Haushofers, dem Mitarbeiter des Hugo Wolff Verlags, Kurt Vowinckel.
Dieser hatte Vorlesungen und Seminare Haushofers besucht und war
mit Haushofer zu der Einsicht gelangt, daß ein neues Bewußtsein
der geographisch-politischen Bedingtheit Deutschlands einen Weg
aus der schwierigen Nachkriegssituation weisen könne und daß diese
Neuorientierung auf dem Wege einer breiten Aufklärung dieser Bedingungen
der Propagierung des Begriffes „Geopolitik” wirksam
erfolgen könne.
Der Plan einer Zeitschriften- oder gar Zeitungsgründung wurde
durch Haushofer seit Mitte 1922 im Verlag Oldenbourg erwogen.
Als dieser Verlag zunächst aufgrund der Inflation Bedenken hatte
und dann immer weniger geneigt schien, das Projekt aufzunehmen,
entschloß sich Kurt Vowinckel zur Verlagsgründung.
Neben der Herausgabe der geopolitischen Zeitschrift sollte auch
die Propagierung und Verbreitung der Geopolitik Gegenstand der
Arbeit dieses Verlages sein. Nach der Übersiedlung Vowinckels
nach Berlin-Grunewald im Sommer 1923 wurde dieser Verlag als „Kurt
Vowinckel Verlag” gegründet. Die Verlagsgründung schien
in der Reichshauptstadt erfolgversprechender als in München zu
sein, da hier sowohl alle Möglichkeiten des Kontaktes zu politisch
und wirtschaftlich einflußreichen Kreisen gegeben waren, als auch
die der Wirkung auf die deutsche und die Weltöffentlichkeit.
Karl Haushofer erklärte sich bereit, im „Kurt Vowinckel
Verlag” Lektor für Geographie und Geopolitik zu werden.
Während Vowinckel mit der Gründung seines Verlags beschäftigt
war, warb Haushofer in dem sehr großen Kreise ihm bekannter Fachkollegen
um Interesse und Mitarbeit an dem Projekt der Gründung einer geopolitischen
Zeitschrift. Diese Suche war durchaus erfolgreich und schon im
frühen Herbst 1923 hatte Haushofer die Zusage einiger geeigneter
Wissenschaftler zur Mitarbeit an dem Projekt.[27]
Der wichtigste dieser zukünftigen Mitarbeiter ist der in Deutschland
hoch angesehene Geograph Professor Erich Obst, Ordinarius für
Geographie an der TH Hannover. Es sollte sich erweisen, daß die
in vieler Hinsicht spannungsvolle und von durchaus gegensätzlichen
Vorstellungen geprägte Zusammenarbeit von Erich Obst und Karl
Haushofer die Grundlage für die Vielfalt und Breite der Anschauungen
legen sollte, die die ZfG in den folgenden Jahren prägen und ihr
zu weltweitem Interesse und Wirksamkeit verhelfen sollte.
Das Herausgeberkollegium wurde durch den Hannoveraner Studienrat
Hermann Lautensach, den Obst interessieren konnte, und den Geographen
Fritz Termer vom Institut für Amerikanistik an der Universität
Würzburg ergänzt. Der Staatswissenschaftler Kurt Hesse übernahm
die Schriftleitung.
Um eine sinnvolle Arbeitsteilung zu ermöglichen, beschlossen
die Herausgeber, das Arbeitsfeld zu gliedern. Dazu wurden die
Referate „Alte Welt”, „Indo-Pazifische Welt”,
und „Atlantische Welt”[28]
geschaffen, hinzu kam ein selbstständiges Referat für den Leitartikel.
Karl Haushofer übernahm seiner besonderen Erfahrungen wegen das
indo-pazifische Referat, Erich Obst wurde als besonders an europäischer
Problematik interessiert für die Alte Welt zuständig und Fritz
Termer als Amerikanist für die Atlantische Welt. Hermann Lautensach
verwaltete als ständiger Mitarbeiter das sogenannte „erdumfassende
und systematische Referat”, Schriftleiter Kurt Hesse war
für den Leitartikel zuständig und konnte so von Anfang an einen
nicht unbedeutenden Einfluß ausüben.
Die Dispergation des Herausgeberkollegiums forderte intensive
organisatorische Vorarbeiten und eine besondere Strukturierung
der Editionsarbeit. Zunächst wurden die Hefte zwar in Berlin gemeinsam
erarbeitet, doch konnte diese Arbeitsweise nicht lange durchgehalten
werden. Man einigte sich auf eine Vorgehensweise, die zwar der
Redaktion in Berlin die Entscheidung über die Gestalt eines jeden
Heftes überließ, den Herausgebern aber nicht die Kontrolle über
ihr jeweiliges Referat nahm.
Das Prozedere sah so aus, daß die bei der Redaktion in Berlin
eingehenden Arbeiten auf die Referate aufgeteilt und dem jeweiligen
Ressortchef zugesandt wurden, dieser übernahm nun die Prüfung,
sonderte die unbrauchbaren Beiträge aus und schickte die von ihm
als zum Druck geeignet ausgewählten wiederum an die Redaktion.
Aus den von den Fachreferaten genehmigten Arbeiten stellte dann
die Redaktion in Person von Kurt Vowinckel und Kurt Hesse die
einzelnen Hefte zusammen.
Auf diese Weise war zwar die Kontrolle jedes Herausgebers über
sein Referat bestmöglich gesichert, sowohl auf die Gestalt des
Heftes als auch auf die weiteren Referate jedoch hatte keiner
der Herausgeber Einfluß. Die Redaktion hingegen entschied über
die endgültige Gestalt und den Inhalt eines jeden Heftes, sie
konnte so eine starke Machtposition gegenüber den Herausgebern
aufbauen.
Wie von Haushofer und Vowinckel geplant, erschien das erste Heft
der ZfG am 1. Januar 1924, die Erscheinungsweise der Zeitschrift
war monatlich, bis zur amtlich angeordneten Einstellung der Zeitschrift
im Jahre 1944 sollte es dabei keine Unterbrechung geben.
Das Impressum des ersten Heftes verzeichnete als die Herausgeber
Dr. Fritz Hesse, Prof. Dr. Karl Haushofer und Prof. Dr. Erich
Obst. Als ständige Mitarbeiter waren Hermann Lautensach und Dr.
Fritz Termer aufgeführt. Der Umfang des Heftes betrug 54 Seiten,
die Aufsätze hatten eine Länge von nicht mehr als acht Seiten.
Die Begrenzung des Heftumfanges und der Länge der Aufsätze sollte
vor allem der Kostenreduzierung dienen, aus dem gleichen Grunde
wurde in der ZfG weitgehend auf Fußnoten und Anmerkungen verzichtet.
Die Erstauflage betrug 800 Exemplare - die Höhe der Auflage sollte
in den folgenden Jahren bis auf über 5000 ansteigen. Ein großer
Teil der Auflage ging an Abonnenten, der Anteil der Abonnenten
an der Leserschaft war stets sehr hoch. 1927 betrug dieser Anteil
1/3, d.h. ca. 1200 Exemplare. Wie unvollständige Verzeichnisse
aus Haushofers Nachlaß zeigen, war unter den Abonnenten stets
ein bedeutender Anteil ausländischer Bezieher, zeitweise ist fast
ein Drittel der Auflage ins Ausland gegangen. Unter den ausländischen
Abonnenten waren auch bis zu 500 Bibliotheken.
In den dreißiger Jahren war die ZfG zeitweise die deutsche Zeitung
mit dem höchsten Auslandsabsatz. Dabei überwogen die angelsächsischen
Länder, auch japanische Bezieher waren dank Haushofers Verbindungen
stark unter den Abonnenten vertreten. Überhaupt verdankte die
ZfG ihre weit verbreitete Leserschaft vor allem Karl Haushofer
und seinen vielfältigen Verbindungen zu wissenschaftlichen, militärischen
und politischen Kreisen.
In den folgenden Jahren traten einige Veränderungen im Herausgeberkollegium
auf. Im Dezember 1924 schied Fritz Termer aus, an seine Stelle
trat ab Januar 1925 der Würzburger Geographieprofessor Otto Maull,
der schon vorher an der ZfG mitgearbeitet hatte. Zum gleichen
Zeitpunkt wurde der Arbeitsbereich der Referate neu aufgeteilt,
ganz Afrika wurde nun dem Referat „Alte Welt” von
Erich Obst angegliedert, Otto Maull übernahm die „Neue Welt”
(Atlantische Welt). Der „Indo-Pazifische” Bereich
blieb unverändert bei Karl Haushofer.
Im Frühjahr 1926 schied Fritz Hesse aus der Redaktion aus, sowohl
als verantwortlicher Schriftleiter und damit für den Leitartikel
Verantwortlicher als auch als Herausgeber. Seine Aufgaben als
Schriftleiter übernahm Kurt Vowinckel, der damit in der Redaktion
und im Verlag eine beherrschende Position gewinnen konnte.
Im Laufe des Jahres 1925 begann die ZfG, mit dem „Wirtschaftsdienst
Hamburg” zusammenzuarbeiten. Dieser Wirtschaftsdienst versorgte
die Zeitschrift mit ökonomischen Statistiken, mit Tabellen und
Zahlenmaterial. Knapp zwei Jahre später, im Januar 1927 kam es
zum ersten Mal zur Fusion mit einer anderen Zeitschrift - die
ZfG nahm die Zeitschrift „Weltpolitik und Weltwirtschaft”
auf, eine Zeitschrift, die ebenfalls noch recht jung war. 1925
in eben jenem Oldenbourg-Verlag gegründet, in dem auch die ZfG
hätte erscheinen sollen, war sie seitdem zu einer ernstzunehmenden
Konkurrenz für die ZfG geworden.
So hatte sie Lautensach in seinem Literaturbericht des Jahrgangs
1925 als „verwandte Zeitschrift” gewürdigt, die „frei
von jeder parteipolitischen Bindung die großen Linien des Weltgeschehens
unserer Zeit festhalten will, um die führenden Schichten des deutschen
Volkes zu weltpolitischer und -wirtschaftlicher Betätigung reif
zu machen.”[29]
Drei Mitarbeiter der „Weltpolitik und Weltwirtschaft”
traten in die Redaktion bzw. den Herausgeberstab der ZfG ein,
es handelte sich um den bisherigen Herausgeber Alfred Ball, den
Syndikus des Westdeutschen Papierverbandes Dr. Fritz Coerper sowie
den Leipziger Universitätsprofessor und Volkswirt Dr. Kurt Wiedenfeld.
Der Titel wurde angegeben mit „Zeitschrift für Geopolitik
verbunden mit der Zeitschrift Weltpolitik und Weltwirtschaft”.
Im Impressum wurden nun neben den alten Herausgebern der ZfG auch
Alfred Ball als Herausgeber für Weltpolitik und Weltwirtschaft
sowie Fritz Coerper genannt, als Mitarbeiter wurde Kurt Wiedenfeld
aufgeführt.
Den Mitarbeitern von „Weltpolitik und Weltwirtschaft”
standen im Heft von nun an bis zu 20 Seiten zur Verfügung. Im
Bereich des Leitartikels waren das bis zu sieben Seiten, die gelegentlich
für zwei Artikel verwendet wurden. Anschließend an den geopolitischen
Berichtsteil des Heftes folgte dann die weltwirtschaftliche Berichterstattung,
sie nahm bis zu 15 Seiten ein. Bedingt durch die Erweiterung des
Inhalts erweiterte sich auch der Umfang des Heftes, er betrug
im Jahre 1927 bis zu 95 Seiten, der gesamte Jahrgang ist 1104
Seiten stark.
Inhaltlich bedeutete die Fusion für die ZfG und ihre geopolitische
Arbeit keinen Gewinn, zu unterschiedlich waren letztendlich doch
die Zielrichtungen und Argumentationsweisen der beiden miteinander
vereinigten Blätter. Während die Mitarbeiter der ZfG bemüht waren,
hinter der Tagespolitik die geopolitische Bedingtheit und die
Raumgebundenheit zu erkennen und freizulegen, blieb das Interesse
der „Weltpolitik und Weltwirtschaft” doch stark an
der Oberfläche und war weniger analytisch als viel mehr deskriptiv
und indikativ. Das vermögen schon die Titel einiger Aufsätze des
Jahrgangs 1926 zu zeigen: „Der deutsch-russische Neutralitätsvertrag”,
„Britische Pläne in Ost-Afrika”, „Chinas Auferstehung”,
„Die englische Industrie nach dem Generalstreik”.
Als ebenfalls nicht förderlich im Sinne der Herausgeber wirkte
sich der weitere Machtzuwachs der Berliner Redaktion in der Person
Kurt Vowinckels aus. Sein Einfluß auf Inhalt und Gestaltung der
Hefte weitete sich durch die Fusion beträchtlich aus. Die Kontrolle
über ihr Referat und das Vertrauen in die Integrität der Kollegen
gab den Herausgebern bisher die stete Gewißheit, in der ZfG über
das Forum ihrer wissenschaftlichen Zielsetzung zu verfügen, nun
entglitt ihnen mehr und mehr die Kontrolle über Inhalt und Qualität
der Zeitschrift.
So schreibt Obst: „Ich muß ganz offen gestehen, daß mir
die ZfG nicht mehr die innere Befriedigung gewährt, die ich in
früheren Jahren empfunden habe. Das liegt an der unglückseligen
Verschmelzung und der durch diesen Umstand stark mitbedingten
eigentümlichen Schriftleitung des Herrn Vowinckel. Wo immer ich
hinkomme, überall wird mir mit Recht gesagt, wie geschlossen,
einheitlich wissenschaftlich unsere Zeitung früher gewesen ist,
wie zerfahren … sie jetzt geworden ist. Auf die Dauer vermag
ich diesen Zustand mit meinem Namen nicht mehr zu decken. Es darf
nicht sein, daß (die) Zeitschrift von Herrn Vowinckel mit allerlei
Beiwerk ausgestattet wird, von dem wir nichts wissen … „[30]
Verstärkt und überlagert wurden die Probleme mit der Redaktion
der Zeitschrift durch immer stärker zutage tretende Konflikte
auch innerhalb des Kreises der Herausgeber. Diese Probleme waren
im wesentlichen wissenschaftstheoretischer Natur und wurden verursacht
durch den unterschiedlichen Ansatz der vier Protagonisten der
Geopolitik.
Diese Unterschiede zeigten sich bei der Vorbereitung eines theoretischen
geopolitischen Werkes, das Haushofer, Obst, Lautensach und Maull
im Jahre 1927 gemeinsam erarbeiteten und herausgeben wollten.
Der geplante Titel war „Bausteine der Geopolitik”,
das Werk sollte im Vowinckel Verlag erscheinen. Kurt Vowinckel
selbst hatte die Gemeinschaftsarbeit angeregt. Ziel war es, die
theoretischen Grundlagen der Geopolitik der Öffentlichkeit und
insbesondere den interessierten wissenschaftlichen Fachkollegen
deutlich zu machen und damit auch den Wissenschaftsanspruch der
Geopolitik zu untermauern.
Vowinckel plante zunächst, die „Bausteine” als Zusammenfassung
einzelner schon erschienener Aufsätze und neuer theoretischer
Abhandlungen zu edieren. Von Obst, Lautensach und Maull stellten
sich dem nun Bedenken entgegen. Sie befürchteten eine kontraproduktive
Wirkung dieser Konzeption und eine Verschlechterung ihrer wissenschaftlichen
Reputation.
Auf der anderen Seite sahen Vowinckel und Haushofer die Notwendigkeit
eines raschen Erscheinens der „Bausteine”, da sie
die Gefahr eines weiteren Substanzverlustes der Geopolitik und
der Minderung ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit höher einschätzten
als den von Lautensach und Obst befürchteten Verlust ihrer wissenschaftlichen
Reputation.
Obwohl auch die inhaltlichen Differenzen zwischen den Herausgebern
und dem Schriftleiter beträchtlich angewachsen waren, konnten
sich die Mitglieder der „geopolitischen Quadriga”[31] und Vowinckel auf einer Konferenz
am 17. und 18. September in Berlin auf eine gemeinsam beschlossene
Basis ihrer geopolitischen Arbeit einigen. Bei dieser Konferenz
war Karl Haushofer allerdings nicht anwesend. Er stand jedoch
durch Obst in engem Kontakt mit den Mitherausgebern. Diese bemühten
sich um eine Formulierung der Ziele der Geopolitik im Sinne Haushofers
und auf der Grundlage seiner Formulierungen. Der Kernsatz der
Ausarbeitung lautet:
„Die Geopolitik ist die Lehre von der Erdgebundenheit der politischen
Vorgänge. Sie fußt auf der breiten Grundlage der Geographie, insbesondere
der politischen Geographie als der Lehre von den politischen Raumorganismen
und ihrer Struktur. Die von der Geographie erfaßte Wesenheit der
Erdräume gibt für die Geopolitik den Rahmen ab, innerhalb dessen
sich der Ablauf der politischen Vorgänge vollziehen muß, wenn
ihnen Dauererfolg beschieden sein soll. Gewiß werden die Träger
des politischen Lebens gelegentlich über diesen Rahmen hinaus
greifen, früher oder später wird sich die Erdgebundenheit immer
wieder geltend machen.
Im Sinne dieser Erkenntnis will die Geopolitik Rüstzeug zum politischen
Handeln liefern und Wegweiser im politischen Leben sein. Damit
wird sie zur Kunstlehre, die die praktische Politik bis zu der
notwendigen Stelle des Absprungs vom festen Boden zu leiten fähig
ist. Nur so wird dieser Sprung vom Wissen zum Können und nicht
vom Nichtwissen aus erfolgen, wo er sicher weiter und gefährlicher
ist.
Die Geopolitik will und muß zum geographischen Gewissen des Staates
werden.”[32]
War durch diese Definitionsarbeit der Rahmen für die weitere
geopolitische Arbeit gesteckt, blieb doch die Frage nach den Inhalten
und den politischen Konsequenzen weiterhin offen, auch wurden
die Machtverhältnisse zwischen den Herausgebern und der Redaktion
bzw. Schriftleitung nicht verändert, so daß Konflikte für die
Zukunft voraussehbar waren.
Diese entzündeten sich an den finanziellen Problemen, die im
Jahre 1928 die ZfG mehr und mehr belasteten. Die Dienste des „Wirtschaftsdienstes
Hamburg” waren schon seit Anfang 1928 aus finanziellen Gründen
nicht mehr in Anspruch genommen worden. Nun forderte Vowinckel
Ende des Jahres eine Reduzierung der Herausgebergehälter und damit
der Anzahl der Herausgeber.
Diese Forderung führte im Februar 1929 zum Ausscheiden Hermann
Lautensachs aus dem Kreise der Herausgeber. Für sein systematisches
Referat war die Fusion mit der ZfW durch die thematische Nähe
gefährlich geworden, es zeigten sich Überschneidungen und Konkurrenzerscheinungen.
Deutlich wurde auch, daß die Leitung des Referates für Weltpolitik
und damit die Kontrolle des Leitartikels durch Alfred Ball den
durch Lautensachs Referat vertretenen Anspruch der Geopolitik
schmälerte bzw. relativierte.
Konnte man bisher noch von einem Gleichgewicht der Kräfte sprechen,
verschoben sich nach Lautensachs Ausscheiden aus dem Herausgeberkreis
die Fronten sehr entscheidend. Zwar blieb er noch ständiger Mitarbeiter,
doch war die Position der Vertreter der Geopolitik in der Zeitschrift
nun endgültig auf ihr jeweiliges Referat beschränkt.
Ein Einfluß auf Gestalt und Tendenz der ZfG bestand nicht mehr.
Im Jahre 1930 schien sich die Lage noch einmal zu ändern, als
zum 1. Januar auf Betreiben Obsts ein junger Geograph, Dr. H.
J. Rust, zum Schriftleiter der ZfG bestellt wurde und gleichzeitig
Arthur Ball (der 1927 seinen verstorbenen Bruder Alfred ersetzt
hatte) als Herausgeber für Weltpolitik und Weltwirtschaft ausschied.
Neuer Herausgeber für Weltwirtschaft wurde Dr. G. Hermann, der
bisher als ständiger Mitarbeiter aufgeführt worden war.
Das Impressum nannte als verantwortliche Herausgeber nur noch
Obst, Maull und Haushofer, Vowinckel erschien als Herausgeber
für den Leitaufsatz und konnte nach wie vor den politischen und
inhaltlichen Kurs der ZfG steuern.
Diese Aufgabe nahm er auf eine Weise wahr, die auf starke Ablehnung
von Obst und Maull stieß. Anlaß zu Kritik gaben die Leitaufsätze,
in denen Vowinckel immer häufiger Sympathisanten einer eher national
geprägten Richtung zu Wort kommen ließ. Hier sind die Aufsätze
von Hans Zehrer zu erwähnen, die 1930 und 1931 erscheinen.
Obst und Maull waren nicht bereit, sich mit einer Politisierung
der ZfG abzufinden, um so weniger, als sie ihrer politischen und
wissenschaftlichen Linie entscheidend widersprach. Doch in der
Auseinandersetzung um den Weg der ZfG mußten sie unterliegen,
da die Position Vowinckels als Verleger und Herausgeber zu stark
war, und Karl Haushofer nicht bereit oder in der Lage, sie in
ihren Bemühungen zu unterstützen.
Er blieb neutral, als Vowinckel Ende 1931 ultimativ das Ausscheiden
von Obst und Maull forderte. Zwar versuchte Vowinckel zunächst
auch diese Forderung mit finanziellen Schwierigkeiten des Verlages
zu begründen, doch rückte er auch nicht von ihr ab, als sowohl
Obst als auch Maull sich zu einer befristeten honorarfreien Mitarbeit
bereit erklärten. Als es deutlich wurde, daß das Weiterbestehen
der ZfG von der Erfüllung der Forderungen Vowinckels abhängen
sollte, zogen sie die Konsequenzen und schieden aus.
Mit Ablauf des 8. Jahrgangs 1931 traten Obst, Maull und Hermann
zurück. Auch Schriftleiter Rust schied aus. Der Kommentar, den
Vowinckel im ersten Heft 1932 dazu gab, zeigte auf eindrucksvolle
Weise dessen politische und „wissenschaftliche” Position.
Vowinckel begründete den Austritt von Obst, Maull und Hermann
mit der Notwendigkeit, durch die Veränderung im Mitarbeiter- und
Herausgeberkollegium eine Konzentration auf Deutschland und die
deutsche Problematik zu erreichen. Deutschland sei das „erste
Kulturvolk, das zu einer Besinnung auf den Boden gezwungen wurde”.
Damit sei Deutschland „zu einer führenden Rolle im Verhältnis
von Mensch und Boden berufen”. Auf diesem Wege solle die
Geopolitik Deutschland dienen. So fände die ZfG zu „geschlosseneren
Formen” zurück, in ihren Grundsätzen bliebe sie jedoch unverändert.[33]
Vowinckel gab diese Erklärung auf der 2. Umschlagseite ab, der
redaktionelle Teil des Heftes begann auf der ersten Seite mit
einer knappen Notiz über den Rücktritt von Obst, Maull und Hermann,
gefolgt von einer Verabschiedung der scheidenden Kollegen durch
den Begründer der Zeitschrift, Karl Haushofer. Dieser sprach etwas
unbestimmt von einer „Kette von Entwicklungen”, die
nichts zu tun habe mit dem „von ungewöhnlicher Harmonie”
getragenem Verhältnis der Herausgeber und fuhr fort:
„Schwer und ernst muß das Gefühl dessen sein, der als letzter
aus dem Kreis der gründenden Herausgeber zurückbleibt, um zu versuchen,
in der Überlieferung des alten Kurses weiterzusteuern. Sieben
Jahre lang hatte eine in ihrer Art seltene Arbeitsgemeinschaft
mit Erfahrungen aus den verschiedensten Gebieten und mit überparteilicher
Blickweite der Geopolitik die Richtung gegeben. … In tiefbewegter
Zeit gehen nun die beiden Gefährten von Bord und der Älteste aus
dem Kreise muß fortan streben, das Steuer in ihrem Geiste, im
Geiste der Begründung weiter zu halten, bis es ohne Gefährdung
des gewonnenen Erfahrungsgutes an die sich rasch mehrende Gefolgschaft
übergeben werden kann. Bis dahin bittet er, … in ihrem Sinne weiterhin
Geopolitik zu denken, zu pflegen und zu gestalten - wie es der
letzte der alten Herausgeber zu halten verspricht. Dieses Gelöbnis
der Werktreue in ihrem Geiste ist eine Form des Dankes, die dem
Unterzeichneten aufrichtiges Bedürfnis ist.”[34]
Diese Hoffnung war allerdings zu diesem Zeitpunkt schon im wesentlichen
illusionär - konnte und wollte doch Haushofer schon in den vergangenen
zwei Jahren nicht mehr „das Steuer” im Sinne von Obst,
Maull und anderen engagierten Geopolitikern halten. Zu wenig war
er dazu wirklich bereit und in der Lage, stand er doch theoretisch
und politisch der Linie Vowinckels sehr viel näher als z.B. derjenigen
Obsts.
Wie sich im ersten Heft 1932 zeigte, wurde aufgrund des Ausscheidens
Obsts das Referat „Alte Welt” dem Referat „Atlantische
Welt” zugeschlagen, das fortan von Albrecht Haushofer verwaltet
wurde. Karl Haushofer berichtete nach wie vor über den „Indopazifischen
Raum”. Gerhard Hermann, wiewohl als Herausgeber ausgeschieden,
übernahm das Referat für die weltwirtschaftliche Berichterstattung.
Im Impressum drückte sich die veränderte Situation durch den
Untertitel „begründet von Prof. Dr. Karl Haushofer und Prof.
Dr. Erich Obst” aus, Gerhard Hermann und Albrecht Haushofer
wurden als Mitarbeiter aufgeführt. In späteren Heften wurden auch
weiterhin Lautensach und Wiedenfeld als ständige Mitarbeiter genannt,
ohne daß aus dem Inhalt zu erkennen war, worin diese Mitarbeit
bestand.
Daß auch Hermann als Herausgeber ausschied, hatte also offenbar
nichts mit dem Ausscheiden von Obst und Maull zu tun, die Tatsache,
daß er weiter als ständiger Mitarbeiter aufgeführt wurde, läßt
darauf schließen, daß der Grund für diese Änderung in der finanziellen
Neuordnung der Verlagsverhältnisse zu suchen war.
Weitere Veränderungen sind im Verlaufe des Jahrgangs 1932 dann
nicht mehr festzustellen, mit dem Revirement des Jahreswechsels
war es zu stabilen Verhältnissen in Verlag und Redaktion gekommen.
Wesentliche wissenschaftliche und politische Spannungen bestanden
nicht mehr, die republikanisch gesonnenen Mitarbeiter waren ausgeschieden.
Damit begann eine neue Periode für die Geopolitik und für die
ZfG. Diese Periode muß als Durchsetzung einer „Vorauseilende
Gleichschaltung” bezeichnet werden, d.h. einer Einordnung
der ZfG in den deutschen Nationalsozialismus. Dank Vowinckels
Organisationstalents und dank Haushofers Anpassungsbereitschaft
an eine Ideologie, die er zwar nicht vertrat, jedoch aus verschiedensten
Gründen zu unterstützen bereit war, vollzog die ZfG freiwillig
einen Prozeß, der dem Großteil der deutschen Presse noch bevorstand
und unter zum Teil erheblichem politischen Druck ablaufen sollte.
Von tatsächlich wissenschaftlicher Bedeutung der ZfG und der
Geopolitik kann man nun nicht mehr sprechen, eine, wenn auch unter
den beschriebenen Vorbehalten, ernstzunehmende Geopolitik existiert
in Deutschland nicht mehr. In den folgenden Kapiteln werden wir
uns mit bestimmten Ergebnissen beschäftigen, die die Geopolitik
in den Jahren 1924 bis 1932 erzielt hat. Hauptaugenmerk sei auf
die Beschäftigung mit dem Versailler Vertrag gelegt.
Das Problem der Stellung Deutschlands in Europa und in der europäischen
Staatengemeinschaft war durch den Ersten Weltkrieg und seine Ergebnisse
nachdrücklich in das öffentliche Bewußtsein gedrungen. Auch in
dieser Frage wirkte sich die beträchtliche Diskrepanz zwischen
den verbreiteten Vorstellungen über die Rolle Deutschlands vor
und während des Krieges und der Situation Deutschlands nach dem
Kriege auf zwiespältige Weise aus.
Die Desorientierung wurde noch verstärkt durch die Neuordnung
Europas und die gänzlich veränderte Lage, in der sich Deutschland
nach dem Kriege innerhalb Europas wiederfand.
Konnte Europa vor dem Krieg auf eine zum Teil jahrhundertealte,
gefestigte Staatenordnung zurückblicken, die durch gemeinsame
Geschichte und Kultur sowie vielfältige dynastische Verbindung
höchst stabil anmutete, waren nach dem Krieg diese Verhältnisse
zerstört oder zusammengebrochen, eine Vielzahl neuer Staaten hatte
sich in Mittel- und Osteuropa gebildet und die Lage sowohl Deutschlands
und der Deutschen als auch der gesamten Ordnung in diesem Nachkriegssystem
war eine höchst unsichere und ungewisse geworden.[35]
Hinzu kam der Schock der sozialen und staatlichen Umwälzungen,
das Ende der Dynastie der Hohenzollern, die Novemberrevolution
samt den damit verbundenen Kämpfen und die Etablierung der „Weimarer”
Republik. Die Hohenzollernherrschaft hatte im Bewußtsein der Deutschen
die Einheit des Deutschen Reiches repräsentiert und war das Symbol
eines deutschen Staates, der von einer Mehrheit der Deutschen
nicht nur als Nationalstaat sondern mehr noch als ein nahezu sakrosanktes
Ordnungssystem verstanden worden ist.
Dieses war nun zerbrochen und die Deutschen sahen sich vor die
Aufgabe gestellt, einerseits gänzlich unvorbereitet einen neuen
Nation- und Staatsbegriff zu akzeptieren, andererseits ihren Platz
als Nation in einem veränderten Europa und einer veränderten Welt
neu zu definieren.
Die Lösung beider Aufgaben war eng miteinander verbunden und
ineinander verknüpft, beide Aufgaben waren letztlich politischer
Natur und somit nur innerhalb des politischen Systems des Nachkriegs-Deutschlands
zu bewältigen. Zudem waren diese Aufgaben nicht nur historisch
geprägt, sie erforderten ebenso eine klare Entscheidung für ein
Wertsystem, innerhalb dessen sich ihre Lösung verwirklichen lassen
konnte.
Über die Art der Lösung dieser Aufgabe herrschte in Deutschland
große Unsicherheit, eine Unsicherheit, die sich im Laufe der Zeit
nicht verminderte und angesichts des Mangels an tatsächlichen
politischen Alternativen gar noch verstärkte. Sie zeigte sich
nicht nur in der politischen Geschichte der Weimarer Republik,
auch die Kultur- und Geistesgeschichte ist zutiefst geprägt vom
Verlust des festen Werte- und Ordnungssystems, über das die Deutschen
in der Zeit vor dem Kriege verfügt hatten.[36]
Die Geopolitik verdankte ihre Entstehung dieser Krise der inneren
und äußeren Orientierung. Die Zeitschrift für Geopolitik versuchte,
an der Bewältigung der Krise mitzuarbeiten. Dabei entwickelten
die Geopolitiker eine fast missionarische Energie, waren sie doch
der Meinung, den Schlüssel für das Verständnis der Niederlage
Deutschlands im Weltkriege in der Hand zu haben. Ein wesentlicher
Impetus ihrer Arbeit war es, Erkenntnisse einem möglichst breiten
Publikum zu vermitteln und diese gleichzeitig der deutschen Außenpolitik
nutzbar machen zu können.
Eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem Ersten Weltkrieg und
eine vorwiegend revisionistische Kritik an der Nachkriegssituation
konnte deshalb nicht ein inneres Anliegen der ZfG sein. Wenn sich
dennoch verschiedene Spuren eines eher revisionistischen Denkens
in der ZfG finden lassen, zeigt das vor allem den ungeheuer starken
Einfluß, den dieses Denken in der Zeit der Weimarer Republik ausgeübt
hatte.
Ziel der Geopolitik war es jedoch, den Zusammenhang zwischen
der räumlichen Lage Deutschlands und der Politik, die zum Kriege
geführt hatte, zu untersuchen, Fehlentwicklungen aufzuzeigen und
ein Konzept für eine sinnvollere Eingliederung Deutschlands in
Europa zu erarbeiten und zu begründen.
In diesen Zielen waren sich die Exponenten der Geopolitik einig,
die Ergebnisse ihrer Arbeit jedoch waren unterschiedlich, zum
Teil einander widersprechend. Dies lag zum einen an dem sehr ungleichen
Ausgangspunkt, beispielsweise des weitgereisten und weltmännischen
Offiziers Karl Haushofer und des „Schreibstuben”-Gelehrten
und Universitätsprofessors Erich Obst. Zum anderen hatte es politische
Gründe und dokumentierte die unterschiedlichen Standpunkte der
Autoren.
Trotz der Unterschiedlichkeiten und Differenzen können in den
Aufsätzen der ZfG zwei Grundkonzeptionen erkannt werden. In diese
Konzeptionen können die meisten Arbeiten in der ZfG eingeordnet
werden, sie werden, wenn auch mit manchen Unterschieden und Abwandlungen,
durch Erich Obst und Karl Haushofer repräsentiert. Diese Konzeptionen
sind verbunden mit den Stichworten „Paneuropa” und
„Mitteleuropa”, sie seien im Folgenden kurz dargestellt.
Es war Erich Obst, der als verantwortlicher Referent für die
„Alte Welt” (Europa und Afrika - dieser Kontinent
spielte in der ZfG übrigens kaum eine Rolle) bis 1931 die Diskussion
leitete und gestaltete. Seine Arbeit war durchgehend von einem
leidenschaftlichen Engagement für eine europäische Integration
geprägt, der Durchsetzung dieses Zieles war alle politische und
historische Problematik untergeordnet.
Sein Konzept könnte man kurz als „Einheit in der Vielfalt”
beschreiben, er selbst beschreibt es in seinem Aufsatz „Problem
Europa”: „Vielleicht … vermag die Kenntnis der
Ursachen unserer unglückseligen Zersplitterung dazu beitragen,
daß die Europäer endlich bei voller Wahrung der kulturellen Eigenart
jeder Nation den Partikularismus überwinden und ihren Erdteil
als Einheit entdecken. … Nur der Zusammenschluß Aller zu
einem freiwilligen und jedem Partner gleiches Recht gewährenden
Europäischen Staatenbund vermag die drohende Gefahr (u.a. schwerer
Wirtschaftskrisen, d.V.) zu bannen.”[37]
Für Erich Obst ist es ausgemachte Sache, daß ein Staatenbund,
der auf den alten Prinzipien der Souveränität beruht, nicht ausreicht
und am Wesen der europäischen Zusammenhänge scheitern muß: „Der
Gegensatz zwischen Staat und Volkstum kann … nicht beseitigt
werden, solange jeder der vielen Gliedstaaten Europas auf seiner
… Souveränität besteht. Die freie Entwicklung jedes einzelnen
Volkstums ist vielmehr nur denkbar in einem wirtschaftlich und
machtpolitisch geeinten Europa, bei dem dann als Innengrenzen
zur Absonderung autonomer Kulturprovinzen die jeweiligen Volkstumsgrenzen
anerkannt werden können.”[38]
Aus dem von der Geopolitik postulierten „Gesetz der wachsenden
Räume” leitete Obst dabei auch die Notwendigkeit einer Bewältigung
des immer stärker spürbar werdenden Druckes auf den europäischen
Kontinent ab: „In einer Epoche, wo der Drang zum Großorganismus
die gesamte Politik aller Erdteile beherrscht, ist für ein zersplittertes
Europa kein Platz mehr; die absolute Souveränität muß gegen Kulturautonomie
innerhalb eines europäischen Kontinentalblocks eingetauscht werden
oder sie fällt dem Ansturm der außereuropäischen Großraumreiche
zum Opfer.” Dabei hatte Obst nicht nur die Gefahr eines
sich etwa verstärkenden russischen Übergewichtes im Auge. Vielmehr
zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt eine Intensivierung des amerikanischen
Einflusses in Europa ab: „Europa kann nur als geschlossene
Einheit die Krisis überstehen oder es verfällt in seinen einzelnen
Bestandteilen langsam aber sicher dem Schicksal einer amerikanischen
Kolonie.”[39]
Daß diese geschlossene Einheit nicht diejenige eines formalen
Staatenbundes sein konnte, machte Obst angesichts des „Paneuropa-Planes”
des französischen Außenministers Aristide Briand im Jahre 1929
klar: „Was wir brauchen, ist eine Union der europäischen
Völker und eine solche ist ohne vorherige eindeutige und gerechte
Lösung der Minderheitenfrage unter keinen Umständen möglich …
Der Weg … führt über die Völker, über wahrhaftes Minderheitenrecht
und pannationale Organisationen. Letztere und nicht die Staaten
werden sich als tragfähige Bausteine des Paneuropagebäudes erweisen.”[40]
Besonders an dieser Stelle wird klar, daß die ungelösten Minderheitenprobleme,
die der Versailler Vertrag hinterlassen bzw. neu geschaffen hat,
für Obst wie auch für andere Autoren der ZfG, die sich mit Europakonzeptionen
befaßten, ein zentrales Problem darstellten. Eine Regelung auf
der Grundlage dieses Vertrages war für alle Autoren unvorstellbar.
Auch deshalb wurde Briand scharf angegriffen: „Frankreich
als Vorkämpfer der europäischen Kultur gegen den angelsächsischen
Barbarismus - das wird das Leitmotiv sein, hinter dem sich die
realpolitische Tendenz verbirgt: Europa muß bleiben wie es ist,
es darf nichts geändert werden! … Hier wird in Wirklichkeit
gegen Europa gekämpft, sofern man nicht etwa der Ansicht ist,
daß auch Napoleon I. … ein großer Paneuropäer war.”[41]
Das Mißtrauen wird deutlich, das allgemein gegen ein unter französischer
Hegemonie integriertes Europa gehegt wurde. Wenn sich dieses durchgehend
erkennbare Mißtrauen auch mit der Ablehnung des französischen
geistigen und kulturellen Einflusses verband, ergaben sich Konzeptionen,
die nicht unwesentlich von der skizzierten Europaidee Obsts abwichen.
Diese Konzeptionen standen im allgemeinen unter dem Stichwort
Mitteleuropa und gingen von der Vorstellung aus, Deutschland könne
und müsse in diesem Teil des Kontinents wieder zum zentralen politischen
und wirtschaftlichen Einflußfaktor werden. Die Mitteleuropa-Konzepte
wurde in der ZfG seit dem Ende der zwanziger Jahre zunehmend diskutiert,
die Diskussion fand ihren Höhepunkt in dem Planheft „Österreich”,
das im Januar 1930 erschien. Das war kein Zufall, gingen doch
besonders viele Vertreter der Mitteleuropa-Idee von der Vorstellung
eines gesamtdeutschen Nationalstaates unter Einbeziehung Österreichs
aus. Stand bei Obst noch der Gedanke der „Kulturautonomie”
und des „Minderheitenrechtes” im Vordergrund, trat
nun die „Anschluß”-Idee stärker hervor, basierend
auf der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht des Deutschen
Volkes.
Zwar verzichtete auch Obst nicht auf den Vollzug des Selbstbestimmungsrechtes
der Deutschen und die Vorstellung einer staatlichen Einigung des
Deutschen Reiches und der Republik Österreich. Bei ihm war diese
Einigung jedoch niemals Ziel- oder Kernvorstellung. Die entscheidende
Aufgabe sah er in dem Ausgleich und der Aussöhnung zwischen Deutschland
und Frankreich. Nur von hier aus konnte seiner Meinung nach die
europäische Problematik gelöst werden.
Die Vertreter des Mitteleuropa-Gedankens gingen andere Wege.
Sie sahen besonders etwa seit 1928 wieder die Möglichkeit des
Aufstiegs Deutschlands zur stärksten kontinentaleuropäischen
Macht und zur Gestaltung Europas mit Deutschland als Mittelpunkt
und Kristallisationskern.[42]
Von hier aus sollte Mitteleuropa politisch, wirtschaftlich und
kulturell zusammenwachsen. Der Paneuropa-Gedanke wurde als politisch
nicht tragfähig kritisiert: „Die paneuropäische Bewegung
(hat) 100% recht, erzeugt aber praktisch nicht einen Funken polit.
Spannung. … das Raumbild … bleibt tot und kalt wie
eine abgestorbene Perle.”[43]
Um das Raumbewußtseins der Deutschen zu stärken und zu schärfen
forderte der Autor, Hans Zehrer, im selben Aufsatz, eine auf die
Einbindung des Deutschtums in Mittel-, Ost- und Südosteuropas
zielende Politik, deren Anklang er in der Jugend- und Jungscharbewegung
erblickte. Neben einem besseren Kennenlernen des vom Deutschtum
geprägten Europa forderte Zehrer eine aktive deutsche Kulturpolitik
und eine Wirtschaftspolitik, die auf Integration des Mitteleuropäischen
Raumes zielt.
Im gleichen Heft finden wir den Abdruck eines Vortrages von Karl
C. von Loesch, der der Volksdeutschen Bewegung angehörte.[44] Auch von Loesch verwarf die Idee Paneuropa als Illusion und
forderte statt dessen die Durchsetzung von zwischenstaatlichen
Rechtsverhältnissen, basierend auf dem Völker- und Menschenrecht.
Die europäischen Konditionen vor und nach dem Weltkriege vergleichend,
vermerkte er eine Verschlechterung des Rechtsgutes der Minderheiten,
wobei man ihm nicht folgen kann, wenn er behauptet, daß die Polen
in Preußen vor dem Krieg nicht benachteiligt worden wären. Mit
dem zeitgenössischen Polen ging er härter ins Gericht und forderte:
„Vom europäischen Standpunkt gesehen ist jedes Nachgeben
in der moralischen Position ein Aufhalten in der endlichen Gesundung
dieses Erdteils durch eine Entlastung Polens von einer durch nichts
zu rechtfertigenden Raubpolitik des letzten Jahrzehnts.”[45]
Diese antipolnische Tendenz ist nicht untypisch, wird aber bei
weitem nicht von allen Autoren der Mitteleuropa-Richtung vertreten.
Vielfach finden wir hingegen auch ein ehrliches Bemühen um Beilegung
der Differenzen und um Betonung der gemeinsamen Interessen.
Über die Ausdehnung Mitteleuropas gab es in der ZfG keine einheitliche
Meinung. Einigkeit bestand lediglich darüber, daß Deutschland,
Österreich, die Tschechoslowakei und Ungarn Teil dieses mitteleuropäischen
Raumes sind. Einige Autoren hielten es für richtig, Polen, Rumänien
und Jugoslawien, auch Italien im Sinne einer Mitteleuropa-Konzeption
zu inkorporieren. Hier mögen romantische Vorstellungen von einer
Neuauflage des alten deutsch-römischen Kaiserreiches eine Rolle
gespielt haben, auch ein gewisses Verantwortungsgefühl für die
zum Teil starken und geschlossen siedelnden deutschen Minderheiten
in diesen Ländern wurde an vielen Stellen deutlich.
Wesentlich war jedoch den meisten Autoren dieser Richtung die
Forderung nach einer staatlichen Einigung des Deutschen Reichs
und Österreichs sowie die Ablehnung einer tschechischen Eigenstaatlichkeit:
„ … die Aufrechterhaltung eines tschechoslowakischen
Staates der heutigen Form (ist) unmöglich. Das Schicksal hat die
Tschechen ins ‘Herzland Germaniens’ verschlagen, der
größte Teil ihrer Vergangenheit spielte sich im Rahmen des Reiches
ab und ihre Zukunft wird in der deutsch-mitteleuropäischen Lebensgemeinschaft
liegen.”[46]
Von den Autoren der ZfG wurde ganz allgemein die enge Bindung
der Tschechoslowakei an Rußland und Frankreich als unnatürlich,
widersinnig und ahistorisch beklagt. Scharf abgelehnt wurden besonders
Ende der zwanziger Jahre die französischen Pläne einer zunehmenden
Einflußnahme in diesem Raum (von Frankreich unter den Parolen
„Zentraleuropa” und „Donauföderation”
betrieben).
Dementsprechend wurden Vorstellungen eines intensiveren deutschen
Einflusses entwickelt. Dieser sei sinnvollerweise durch eine verstärkte
wirtschaftliche Zusammenarbeit zu realisieren: „ (Der Weg
dorthin ist) … der Weg der Zollunion mit Ländern, deren
Struktur die deutsche Wirtschaftsstruktur zu ergänzen geeignet
ist - der Weg der Verwirklichung des Föderationsprinzipes auf
dem Gebiete zwischenstaatlicher Wirtschaft … Das Ziel des
Weges ist der autarkische mitteleuropäische Wirtschaftsraum.”[47]
Ebenfalls aus dieser Zeit stammen auch andere Aufsätze, die großräumige
Konzeptionen vom Ökonomischen her begründen: „Über Aufnahme
Österreichs … weiter zur Schaffung eines einheitlichen größeren
Wirtschaftsraumes durch Vertiefung und Ausgestaltung der Beziehungen
zu den wirtschaftlichen Ergänzungsgebieten im Osten und Südosten.
Somit ist eine Konsolidierung ganz Mitteleuropas und Osteuropas
in mehr oder minder engem Anschluß an die deutsche Sphäre als
weiterer Weg der deutschen Politik vorgezeichnet.”[48]
Gewiß nicht zufällig war die zeitliche Nähe zu den politischen
Bestrebungen Brünings, eine Zollunion mit Österreich zu schaffen.[49]
Die Zunahme des Interesses an wirtschaftlichen Zusammenhängen
wurde ebenfalls deutlich. Die sehr schwere Lage Deutschlands während
der Weltwirtschaftskrise machte sich bemerkbar, auch in den Vorstellungen
eines „Autarkieraumes”, die deutlich aus der Not geboren
waren: „Deutschland muß versuchen, mit anderen Gebieten,
die in ähnlicher Lage sind, zu einer größeren Wirtschaftseinheit
zu gelangen. Das heißt also Zusammenschluß mit den übrigen mittel-
und osteuropäischen Staaten, oder Fusion mit Frankreich oder Anschluß
an Rußland.”[50] schreibt Colin Ross, die seiner
Meinung in Frage kommenden „Optionen” zusammenfassend.
Daß nur die erste Möglichkeit für Deutschland in Frage kommt,
war zumindest für die Vertreter der Mitteleuropa-Richtung keine
Frage. Die Mitteleuropa-Richtung wird zu Beginn der dreißiger
Jahre zunehmend sowohl aggressiver als auch an isolationistischer
Tendenz zunehmend vertreten: „Deutschland ist der Vorkämpfer
der Völker Mitteleuropas gegen den Bolschewismus ebenso wie gegen
den Landhunger Frankreichs … Deshalb ist Deutschlands Parole
heute: Weder West- noch Ostorientierung sondern Mitteleuropa!”[51]
Daß eine solche Position mit den Paneuropa-Bestrebungen eines
Erich Obst kaum zu vereinbaren war, liegt auf der Hand. Hier wird
deutlich, daß die Leitvorstellung einer europäischen Einigung
zu diesem Zeitpunkt in der ZfG kaum noch Raum hatte.
Daß diese Entwicklung nicht zwangsläufig war, macht die nach
wie vor überzeugende Definition Hans Zehrers deutlich: „Der
Name dieses zukünftigen deutschen Vorstellungsbildes wird „Mitteleuropa”
lauten. Es ist der einzige Begriff, der alle Bedingungen unserer
Lage in sich vereint. Er umfaßt die europäische Idee, die heute
in den Gemütern herumspukt; nur definiert und präzisiert er damit
zugleich unsere besondere nationale Situation. Er stabilisiert
die Mittellage alles Deutschen.”[52]
Ein Ereignis hatte wie kein anderes die ZfG beschäftigt und Leidenschaft
und Engagement ihrer Autoren angeregt. Es wäre gar kaum übertrieben
zu behaupten, daß es ohne dieses Ereignis wohl weder die ZfG noch
die Geopolitik in dieser Form gegeben hätte. Wir sprechen von
den „Friedensverträgen von Versailles und St. Germain”.[53]
Der Versailler Vertrag wurde von den Vertretern der Geopolitik
insgesamt und in seinen Einzelheiten scharf abgelehnt und mit
den Mitteln ihrer Wissenschaft bekämpft. Die Überwindung des „Systems
von Versailles”[54] und damit der Nachkriegsposition Deutschlands in Europa war
das eigentliche Ziel der Geopolitik wie auch der deutschen Politik
in der Weimarer Republik überhaupt, seine Bestandteile sind Hauptangriffspunkt
der geopolitischen Argumentation. Deshalb ist es unerläßlich,
im Zusammenhang dieser Arbeit auf das Zustandekommen und die wesentlichsten
Inhalte dieses Vertragswerkes einzugehen.
Deutschland hatte den Vertrag von Versailles am 28.Juni 1919
durch den Außenminister Hermann Müller (SPD) und den Verkehrsminister
Johannes Bell (Zentrum) im Spiegelsaal des Versailler Schlosses
unterzeichnet. An den Verhandlungen, die zum Versailler Vertrage
führten, war Deutschland nicht beteiligt, der deutschen Delegation
wurde am 7. Mai 1919 das fertige Vertragswerk zur Kenntnisnahme
vorgelegt.
Die sieben Wochen zwischen Vertragsübergabe und Unterzeichnung
waren durch konzentrierte Überlegungen um Annahme und Ablehnung
des Vertrages gezeichnet, das erste Kabinett der Weimarer Republik
kapitulierte vor dieser Entscheidung.[55] Daß es schließlich trotz der allgemeinen Einschätzung
der „Unannehmbarkeit”[56]
zur Unterzeichnung kam, lag an der bestehenden Alternative: Wiederaufnahme
der Kampfhandlungen bis zur bedingungslosen Kapitulation. Daß
dieses zur Zerstörung und schwerstem Schaden des Reiches geführt
hätte, war wohl allen Parteien und Verantwortlichen klar, wenn
es auch unterschiedlich deutlich realisiert und ausgesprochen
wurde.
Trotzdem plädierten viele Stimmen für die Nichtunterzeichnung,
unter ihnen der Führer der deutschen Delegation in Versailles,
der erste Außenminister der Weimarer Republik, Graf Brockdorff-Rantzau
(parteilos). Matthias Erzberger (Zentrum),[57] der Führer der „Realpolitiker”,
die sich auf den Boden der Tatsachen stellen wollten, setzte sich
jedoch durch. Nach dem Rücktritt des Kabinetts Scheidemanns am
20. Juni 1919[58]
und Ausscheiden des Grafen Brockdorff-Rantzau aus dem Kabinett
gelang es ihm, ein parlamentarisches Mandat für die Unterzeichnung
zu erlangen.[59]
Die ablehnenden Mitglieder der Nationalversammlung aus den Parteien
DDP, DVP und DNVP stellten der parlamentarischen Mehrheit eine
Ehrenerklärung des Inhalts aus, daß die Ehrenhaftigkeit der Motive
der Unterzeichner respektiert würde. Die Ehrlichkeit vieler Unterzeichner
eben dieser Erklärung scheint jedoch recht zweifelhaft, stellte
sie doch kein Hindernis dar für die spätere Polemik gegen die
Unterzeichner des Friedensvertrages. Daß man glaubte, diese Ehrenerklärung
wäre notwendig, zeigt die Problematik der Situation. Sicherlich
darf man von Rabenau folgen, der meinte: „ … sehr
viele, die gegen die Unterzeichnung stimmten, taten es, weil sie
schon wußten, daß auch gegen sie die Unterzeichnung angenommen
wurde. Es war natürlich angenehm, auf der Neinseite zu sein.”[60]
Über den Inhalt des Friedensvertrages ist mit der deutschen Delegation
in Versailles nicht verhandelt worden. Ihr wurde lediglich die
Möglichkeit eingeräumt, binnen einer Frist von 14 Tagen,
die dann noch einmal um eine Woche erweitert wurde, in schriftlicher
Form Änderungswünsche einzureichen. Zuvor hatte Deutschland bereits
einen eigenen Entwurf für den Friedensvertrag eingereicht, der
jedoch in Bausch und Bogen abgelehnt wurde.[61]
Für die Nutzung der Verhandlungsfrist boten sich zwei Möglichkeiten
an: Zum einen der Versuch, durch Noten zu den einzelnen Punkten
zu versuchen, Erleichterung für Deutschland zu schaffen, zum anderen
die Möglichkeit, einen weiteren deutschen Gegenentwurf einzureichen,
der den Friedenswillen Deutschlands und seine Rechtsposition
demonstriert. Brockdorff-Rantzau entschied sich für die erste
Variante und reichte zu den einzelnen Positionen Änderungswünsche
bzw. die abweichenden Vorstellungen ein.
Unter anderem konzentrierten sich seine Noten auf die Frage nach
der deutschen Kriegsschuld und die im Vertragsentwurf ausgesprochene
Ableitung der Reparationsforderungen aus dieser.[62] Tatsächlich war in den Noten,
die zum Abschluß des Waffenstillstandes ausgetauscht wurden[63],
ein derartiger Zusammenhang nicht ausgesprochen worden, somit
verstieß dieses Element des Vertragsentwurfs gegen die völkerrechtlich
verbindlichen Grundlagen der Friedensvereinbarungen.
Ein wesentliches Motiv für die starre Position in der Frage der
Kriegsschuld war das lebhafte Interesse einer weltweiten und natürlich
vor allem der deutschen Öffentlichkeit an den Friedensverhandlungen.
Für diese stellte die erzwungene Anerkennung der alleinigen deutschen
Kriegsschuld eine ultimative Herausforderung dar, gegen die es
sich mit allen gebotenen Mitteln zur Wehr zu setzen galt.
Die Mobilisierung der öffentlichen Meinung durch Publizierung
der deutschen Noten und der Einfluß dieser Öffentlichkeit auf
die Verhandlungsführung erwies sich jedoch als höchst nachteilig,
da er bei den Alliierten, namentlich bei den Franzosen, nicht
etwa zu einer Entlastung Deutschlands, sondern im endgültigen
Vertragswerk zu einer nun verschärften und unzweideutigen Formulierung
von der Kriegsschuld Deutschlands führte.
Dieser endgültige Vertrag wurde der deutschen Delegation am 16.
Juni ultimativ übergeben, die Frist zur Unterzeichnung betrug
5 Tage.[64] Nun
wurde klar, daß das deutsche Verhandlungskonzept von Versailles
gescheitert war, das Kabinett Scheidemann trat vier Tage später
zurück, auch Brockdorff-Rantzau schied aus der Regierung aus.
Deutlich wurde ebenfalls, daß die deutschen Hoffnungen auf einen
„Rechtsfrieden”[65] getrogen hatten und die Forderungen nach Einhaltung
der „14 Punkte” in Verkennung der vollständigen Niederlage
Deutschlands erfolgt war.
Schon in dieser Periode der Unsicherheit und Hoffnung vor dem
Vorliegen des Vertrags war die deutsche Regierung nicht in der
Lage, die Situation richtig zu erkennen und die nötigen Schlußfolgerungen
daraus zu ziehen. Somit erfolgte auch die Unterzeichnung des Vertrags
nicht aufgrund tatsächlicher Einsicht in die Situation, sondern
lediglich aufgrund der begründeten Furcht vor den Folgen der Nichtunterzeichnung,
nämlich der Zerteilung des Reiches.[66]
Die deutsche Öffentlichkeit war durch die Vertragsunterzeichnung
gleichsam paralysiert. Das war möglich vor allem wegen des grotesken
Mißverhältnisses zwischen Inhalt des Vertrags und öffentlichem
Bewußtsein in Deutschland am Ende des Ersten Weltkrieges. Dieses
Problem ist vielfach dargestellt worden. An dieser Stelle scheint
es wichtig, festzustellen, daß nicht zuletzt die illusionäre Haltung
der Reichsleitung, die den Deutschen in den Monaten vor dem Waffensstillstand
noch immer die bestehende Möglichkeit eines „Siegfrieds”
vorgaukelte, und die daraus resultierende Unfähigkeit der Deutschen,
die Niederlage und ihre Tragweite einzusehen, zu diesem Ergebnis
geführt haben.
Der Inhalt des Versailler Vertrags hatte schwerwiegende Folgen
für das Deutsche Reich, Folgen, die an den territorialen Einbußen
Deutschlands deutlich werden. Diese seien hier ausführlicher dargestellt
als weitere Bestimmungen des Vertrags, beschäftigten sie doch
die Geopolitik mehr als zum Beispiel die Frage der Reparationen.
Grundlage der territorialen Neuordnung Europas sollte gemäß den
14 Punkten des US-amerikanischen Präsidenten Wilson in seiner
Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918[67] das „Selbstbestimmungsrecht
der Nationen” sein.
Deutschland hatte die „14 Punkte” und damit
jenes Selbstbestimmungsrecht in der Waffenstillstandserklärung
vom 11. November 1918[68]
als Grundlage der Friedensverhandlungen anerkannt. Schon in den
„14 Punkten” selbst wurde allerdings deutlich,
daß das abstrakte Selbstbestimmungsrecht in erheblichem Maße durch
anders begründete territoriale Forderungen zuungunsten Deutschlands
eingeschränkt werden würde - die in Punkt 13 aufgestellte
Forderung nach „freiem Zugang Polens zum Meere” ließ
die Interpretation eines territorialen Zugangs Polens zur Ostsee
zu, der nur durch die Abtretung fast ausschließlich deutsch besiedelten
Gebietes in Pommern, Westpreußen oder Ostpreußens an Polen möglich
gemacht werden konnte.
Die in Paris vorgelegten Regelungen übertrafen jedoch auch die
düstersten Erwartungen der deutschen Delegation. Nach ihnen erhielt
Polen den größten Teil Westpreußens und der Provinz Posen, den
ostpreußischen Kreis Soldau und Oberschlesien. In den südlichen
Teilen Ostpreußens sowie dem östlich der Weichsel gelegenen Teil
Westpreußens sollten Volksabstimmungen über den Verbleib beim
Reich durchgeführt werden. Danzig wurde als Freistadt vom Reich
getrennt bei Gewährung erheblicher Rechte an Polen, das Memelland[69] wurde von Ostpreußen abgetrennt und unter das Mandat der Ententemächte
gestellt.[70]
Die Tschechoslowakei erhielt einen Teil des schlesischen Kreises
Ratibor, Elsaß-Lothringen kam ohne Abstimmung an Frankreich, Belgien
erhielt Moresnet sowie Eupen-Malmèdy, der Nordteil Schleswigs
wurde der Volksabstimmung unterworfen.[71]
Bedeutende Teile des Reichsgebietes wurden der militärischen
Kontrolle Frankreichs bzw. der Entente unterstellt. Hier war Frankreich
allerdings keineswegs am Ziel seiner Wünsche angelangt, hatte
es doch sein Ziel einer militärischen Rheingrenze wegen britischer
Einwendungen nicht erreicht. Die Besetzung des Rheinlandes wurde
auf höchstens 15 Jahre begrenzt, das Saarland kam nicht an Frankreich,
sondern wurde für 15 Jahre dem Völkerbund unterstellt.
Im Widerspruch zu den Wilson’schen Prinzipien und zu den
Vereinbarungen des Waffenstillstandes wurde allen deutschen Volksgruppen
außerhalb des Reichsgebietes das Selbstbestimmungsrecht verwehrt
und somit auch der Wert dieses Rechtes erheblich gemindert. Den
geschlossenen deutschen Siedlungsgebieten in Böhmen und Mähren
wurde der Anschluß an Österreich oder das Deutsche Reich verwehrt,
diesem Rest-Staat der Habsburger Monarchie wiederum der Anschluß
an das Deutsche Reich.
Um jeden Gedanken der Zusammengehörigkeit Österreichs und Deutschlands
zu verhindern, untersagte die Entente die Führung des Begriffes
„Deutsch” im Namen, die Staatsbezeichnung mußte lauten
„Republik Österreich”, verboten wurde die gewünschte
Staatsbezeichnung „Republik Deutsch-Österreich”.
Der endgültige Friedensvertrag milderte die territorialen Konsequenzen
für Deutschland lediglich in einem Punkt: Oberschlesien wurde
nicht abgetrennt, sondern ebenso wie der Südteil Ostpreußens der
Abstimmung unterworfen. Die Abstimmung in Oberschlesien ergab
am 20. März 1921 ein Votum von 60 % für Deutschland. Trotzdem
wurde dieses einheitliche Kultur- und Wirtschaftsgebiet willkürlich
geteilt, der größte Teil des Kohle- und Industriereviers wurde
Polen angegliedert.
Insgesamt verlor Deutschland 14 % seines Territoriums mit ca.
10 % seiner Bevölkerung. Die territorialen Konsequenzen aus dem
Versailler Vertrag wird man so beurteilen müssen, wie Erdmann
den ganzen Vertrag: „ … entweder zu hart: denn Deutschland
konnte nicht anders als vom ersten Augenblick zu versuchen, ihn
abzuschütteln; (oder) zu milde: Denn der Eingriff in die deutsche
Substanz war nicht tief genug, um Deutschland die Hoffnung und
die Möglichkeit zu nehmen, den Vertrag revidieren zu können…”[72]
Die Hoffnung auf Revision war vom ersten Tag der Gültigkeit des
Versailler Vertrages an innerste Triebkraft der deutschen nationalen
Emotionen, wie die Kämpfe gegen die polnischen Insurgenten in
Oberschlesien und Posen und die Korrekturversuche durch Verhandlungen
während der Weimarer Republik es zeigen. Der Aufgabe, die Möglichkeiten
auszuloten und zu begründen, unterzog sich neben anderen die „Zeitschrift
für Geopolitik”, die es als eines ihrer Hauptziele betrachtete,
die Unhaltbarkeit des „Versailler Systems” zu begründen
und Alternativen für Deutschland und Europa auszuarbeiten.
Schon in Heft 4 des 1.Jahrgangs der ZfG erfolgt eine Generalkritik.
Sie wird geleistet von dem Berliner Geographieprofessor Ernst
Tiessen.[73] Seine sehr sorgfältig und gründlich unter den Gesichtspunkten
der politischen Geographie geleistete Untersuchung der relevanten
Bestimmungen des Versailler Vertragswerkes kommt zu den Ergebnissen:
„I. Der F.V.V. ist kein Friedensvertrag, d.h. er dient durch
die von ihm aufgestellten Regelungen nicht der Erhaltung des Friedens
unter den nebeneinander bestehenden und besonders den aneinander
grenzenden Staaten; er hat nicht ein stärkeres, zuverlässiges
Gleichgewicht hergestellt, sondern hat im Gegenteil die Gegensätze
verschärft und unzählige Spannungen neu geschaffen. Das mag und
wird hoffentlich heute für jeden Verständigen, nicht nur in Deutschland,
eine Binsenwahrheit sein; aber es ist doch nicht überflüssig,
Beweise dafür auch aus der politisch-geographischen Betrachtung
abzuleiten und auszuprägen. Daß ein Friedenszustand auf Grund
dieses Vertrages nicht gesichert, noch auf längere Zeit möglich
ist, wird bewirkt …”[74]
Hier folgen sechs detailliert ausgeführte Argumente, der Verfasser
fährt fort:
„II. Vom politisch-geographischen Standpunkt gesehen ist der
F.V.V. überhaupt kein Vertrag. Außer den Tatsachen, daß der Vertrag
… durch Diktat zustande gekommen und daß die Unterschrift erpreßt
worden ist, sei hier besonders hervorgehoben:
Das Fehlen des Gleichgewichts und der Gleichberechtigung der
Vertragsparteien: Dreiviertel der Welt gegen einen Staat.
Die Aufhebung des Staatscharakters des Deutschen Reiches durch
den Vertrag infolge Aufhebung bestimmter Grenzen (labile Grenzen
und Grenzdurchbrechungen). … Ein Vertrag, der keine bestimmten
Grenzen schafft, sondern sie aufhebt, hebt den Staatscharakter
eines der Vertragschließenden und damit den Charakter des Staatsvertrages
selbst auf. Solange der F.V.V. besteht, ist das Deutsche Reich
nach der politisch- geographischen Auffassung des Begriffes kein
„Staat”.[75]
Hier ist in den wesentlichen Elementen alles zusammengefaßt,
was in den folgenden Jahren die ZfG in vielen Details erarbeitet
und vertieft. Zwar folgen nicht alle Autoren den Konsequenzen
Ernst Tiessens in sämtlichen Einzelheiten, doch bleiben die Grundsätze
dieselben, wie folgende Kapitel zeigen werden.
Das Verhältnis zu Frankreich als der kontinentalen europäischen
Siegermacht stellte den eigentlichen Schwerpunkt deutscher Außenpolitik
in der Weimarer Republik dar. Dieses Verhältnis war von Anfang
an ganz erheblich belastet durch die Auswirkungen des Weltkrieges
und der Bestimmungen des Versailler Vertrages. Fast allgemein
herrschte in Deutschland das Bewußtsein vor, daß eine gerechte
Position in Europa nur gegen Frankreich und im Gegensatz zu Frankreich
errungen werden könne. Frankreich schien sich in seiner Rolle
des „Erbfeindes” bestätigt zu haben und wurde als
der Repräsentant des „Versailler Systems” angesehen,
eines Systems, dessen sich zu entledigen höchstes Ziel Deutschlands
darstellte.
Dieses Ziel verfolgten alle Regierungen der Weimarer Republik
mit mehr oder weniger starker Intensität, fast zwangsläufig schien
dabei der Interessengegensatz zu Frankreich das eigentliche Hindernis
zu sein.
Dabei war es eine der Eigentümlichkeiten der Nachkriegssituation,
daß nicht nur Deutschland, sondern in fast demselben Maße auch
Frankreich selbst sich durch den Friedensvertrag benachteiligt
glaubte. Wichtige Kriegsziele Frankreichs waren nicht erreicht
worden, da die Verbündeten Frankreichs, insbesondere England,
die unumschränkte Vorherrschaft Frankreichs auf dem europäischen
Kontinente in den Friedensverhandlungen zu verhindern suchten.
Daß sie dabei erfolgreich sein konnten, lag an der hohen Bedeutung,
die Frankreich dem Bündnissystem, das zugleich mit den Friedensverträgen
von Versailles installiert wurde, beimessen mußte.
Dieses Bündnissystem sollte Frankreich den dauerhaften Schutz
gegen deutsche Angriffe bieten, den die Vorkriegs-Entente nicht
zu leisten imstande war - vor allem der latenten Schwäche Rußlands
wegen. Dessen Platz sollten die USA einnehmen, die durch diese
Verpflichtung Garant des Friedenssystems und der europäischen
Nachkriegsordnung geworden wären.
Dieser Versuch nun scheiterte, die isolationistischen Tendenzen,
die schon während der Friedensverhandlungen deutlich geworden
waren, setzten sich im amerikanischen Kongreß mit großer Stärke
durch. Die USA ratifizierten weder den Versailler Vertrag noch
den Garantievertrag vom 28. Juni 1919, sondern schlossen am 25.
August 1921 einen eigenen Friedensvertrag mit Deutschland ab,
der ihr allerdings sämtliche Rechte aus dem Versailler Vertrag
sicherte.
Frankreich sah sich nun um die Früchte des Sieges betrogen, da
es auf die Annexion des Saarlandes und auf die dauerhafte militärische
Rheingrenze nur um den Preis eben dieses Bündnissystems, das die
USA einschließen mußte, verzichtet hatte. Aus diesem Grunde begann
sich sehr bald auch in Frankreich die Meinung durchzusetzen, die
Ergebnisse des Friedens müßten und könnten revidiert werden.
Es standen sich somit doppelt unvereinbare Positionen gegenüber[76] und diese Situation prägte das deutsch-französische Verhältnis
während der Weimarer Republik und findet ihren Niederschlag auch
in der ZfG. Es zeigte sich allerdings, daß die Beurteilung des
deutsch-französischen Verhältnisses sich im Laufe der Zeit deutlich
wandelte, nicht unbeeinflußt durch Ergebnisse politischer Entwicklungen
wie z.B. den Verträgen von Locarno. Des weiteren zeigten sich
besonders hier, wie aber auch hinsichtlich anderer Themen, daß
sich innerhalb der ZfG immer stärkere, nicht nur politisch, sondern
offenkundig ideologisch bedingte Differenzen auftaten.
Gegenüber standen sich die Paneuropa-Vorstellung von Erich Obst
und Konzepte, die auf einem deutschen Sonderweg in Europa bzw.
der Hinwendung Deutschlands zu Osteuropa und der Sowjetunion basierten.
Diese Vorstellungen, die in ersten Ansätzen schon früh festzustellen
waren, verbanden sich zu Beginn der dreißiger Jahre mit einer
auch ideologisch begründeten Abkehr vom Westen, vom System des
europäischen Liberalismus. Im Jahre 1931 setzte sich diese Richtung
durch,[77] bedingt und begünstigt durch die negative Entwicklung
der deutsch-französischen Beziehungen und auch durch die Erkenntnis,
daß sich die Haltung Frankreichs auch in Zukunft kaum wandeln
werde.
Zunächst jedoch standen bei allen Vorbehalten gegen Frankreich
die Hoffnungen im Vordergrund, einen dauerhaften Ausgleich mit
Frankreich erreichen zu können, der im Rahmen einer politischen
Einigung Europas den territorialen und machtpolitischen Dauerkonflikt
Deutschlands mit seinen westlichen Nachbarn Frankreich und Belgien
zu lösen in der Lage ist. Das solle nach Ansicht vieler Autoren
der ZfG jedoch nicht durch die Aufgabe deutscher Interessen und
deutscher Positionen erfolgen.
Eine erste tiefergehende Beschäftigung mit Frankreich legte Johannes
Wütschke vor.[78] Er stellte die geopolitische Lage Frankreichs
als nach allen Seiten natürlich begrenzt dar, mit Ausnahme der
Grenze zu Deutschland. Das Gebiet, in dem Frankreich auf Deutschland
trifft, ist der „arelatisch-lotharingische Grenzsaum”,[79] den flache Mittelgebirge einnehmen. Wütschke ging auf die Geschichte
dieses Gebietes vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart ein und
charakterisierte ihn dann als „ewiges Kampfgebiet beider
Völker”. Durch die Reichsgründung (1871) und die daran anschließende
Erstarkung Deutschlands wurde das Interesse Frankreichs auf seine
Ostgrenzen gelenkt, die Auseinandersetzung mit Deutschland wurde
seitdem charakterisiert durch die „starre Beharrung in der
Verfolgung seiner europäischen Kontinentalpoltik”.
Ähnlich argumentierte Adolf Günther,[80]
der die Haltung Frankreichs zu Europa heftig kritisierte und schlußfolgerte,
daß Deutschland auf sich allein gestellt sei beim Aufbau eines
Europas, dessen Mitte es einnehmen müsse. Bei Günther wurde die
Geopolitik erstmals im Sinne einer nationalen Behauptungsideologie
verstanden, er fragte folgerichtig, ob die Geopolitik überhaupt
auf Frankreich anwendbar sei. Mit einer solchen Haltung stand
Günther während dieser Zeit noch allein in der ZfG.
Fundierter und weniger polemisch betrachtete Hermann Lautensach[81] den westlichen Nachbarn Deutschlands. Er betonte den Gegensatz
der geopolitischen Lage Frankreichs, das er als geschlossen und
zentralistisch charakterisierte, und Deutschlands, dessen Mittellage
in Europa[82] von Lautensach dargestellt wurde,
sowie seine nach allen Seiten offene Lage.
Des weiteren ging Lautensach ausführlich auf die Geschichte der
Ausbildung der deutschen und der französischen Nation ein, politische
Resümee ist die Einsicht in die Schwäche Deutschlands nach dem
Weltkrieg: Durch die Beherrschung des Rheines beherrscht Frankreich
ganz Deutschland, es kann vom Niederrhein aus Druck auf die Nordseehäfen,
von Koblenz aus Druck auf die Verbindungen zwischen Nord- und
Süddeutschland ausüben.
Für Lautensach war der Kampf um den Rhein der Kampf um die Zukunft
des ganzen Deutschlands. Für Deutschland sah er dabei Hoffnung
in drei Tendenzen:
- Die nachlassende Volkskraft Frankreichs[83]
- Die ebenfalls durch den Weltkrieg geschwächte Wirtschaftskraft
Frankreichs,
- Frankreich steht noch vor der Modernisierung seiner Wirtschaft
- die Kraft, die es dazu braucht, ist gebunden.
Deshalb sei der Kampf um die Rückgewinnung des Rheines nicht
aussichtslos, sondern müsse von Deutschland weitsichtig vorbereitet
und entschlossen geführt werden.
Im gleichen Heft ging auch Obst auf die Frage nach dem Rhein
ein und kam zu dem Ergebnis: „Europa kann Fried und Ruh
nur dann erlangen, wenn der Rhein ehestens wieder wird, was er
war, ein freier deutscher Strom.”[84]
Nach dieser geopolitisch begründeten Behandlung der deutsch-französischen
Problematik nahm im Verlaufe des Jahres 1925 der Kommentar der
politischen Entwicklungen immer mehr Raum ein. Hier sind an erster
Stelle die Verträge zu nennen, die am 16. Oktober 1925 in Locarno
paraphiert und am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnet wurden.
Inhalt der „Locarno-Verträge” waren eine Garantie
der deutschen Nachkriegswestgrenzen mit Frankreich und Belgien,
sowie Schiedsverträge, auch mit Polen und der Tschechoslowakei.
Die Locarno-Verträge wurden in der ZfG zunächst eher negativ
beurteilt: „Wir müssen Herrn Stresemann und jedem andern
deutschen Staatsmann das Recht aberkennen, in dieser Weise über
das Deutschtum in den ehemaligen Reichslanden zu verfügen”[85] schreibt Erich Obst, der in diesen Verträgen
ein „neues Versailles” aufgerichtet zu sehen glaubt.
Die Ablehnung der Locarno-Verträge wurde in diesem Sinne auch
von anderen Autoren der ZfG geteilt.
Unter dem Eindruck der Folgeentwicklungen von Locarno, der Aussicht
auf Lösung des Reparationsproblemes und auf vorzeitige Räumung
des Rheinlandes modifizierte Obst jedoch seinen Standpunkt kurze
Zeit später in entscheidender Weise: „ Wir können an den
Sieg des ‚Geistes von Locarno’ erst dann glauben,
wenn lebenswichtige Belange des deutschen Volkes und Staates gewahrt
werden: Räumung des Rhein- und Saarlandes, Beseitigung des Unrechts
der Ostgrenzen, grundsätzliche Anerkennung des Anschlußrechtes
für Deutsch-Österreich, Rückgabe der … Kolonien, gerechte
Politik gegenüber den deutschen Minderheiten, offene Widerrufung
der Kriegsschuldlüge und Beseitigung der auf dieser Lüge aufgebauten
Reparationsverpflichtungen des Deutschen Reiches. Dem deutschen
Außenminister Stresemann, der heute unentbehrlicher ist denn je,
wünschen wir … weitere Erfolge … .”[86]
Hier wurden weder die Westgrenzen noch das Deutschtum in den
westlichen „Reichslanden” hervorgehoben, sondern ein
Forderungskatalog aufgestellt, der auf Locarno aufbaut und sich
mit der Politik Stresemanns durchaus deckt. Diese Forderungen
entsprachen dem generellen Ziel der Revision von Versailles in
einer Form, die nicht im Gegensatz zu den Interessen Frankreichs
zu stehen brauchte.
Die Räumung des Rheinlandes und des Saarlandes waren nur noch
eine Frage der Zeit, sie sollten spätestens bis zum Jahre 1935
abgeschlossen werden. Im Saarland war eine Volksabstimmung über
die Rückkehr nach Deutschland vorgesehen, es wurde kaum je ernsthaft
bezweifelt, daß sich die Saarländer für Deutschland entscheiden
würden.
Gerade durch den Locarno-Vertrag war auch die Möglichkeit einer
vorzeitigen Räumung, die gemäß dem Versailler Vertrag bei korrekter
Erfüllung der Reparationsverpflichtungen möglich war, wieder in
greifbare Nähe gerückt.
Das deutsche Minderheitenproblem in Frankreich und Belgien war
nicht so gravierend wie in den östlichen Nachbarstaaten Deutschlands,
zudem war nach wie vor die Möglichkeit friedlicher Revisionen
gegeben. So versuchte Deutschland das Gebiet von Eupen und Malmédy
durch Verhandlungen mit Belgien zurückzugewinnen.
Angesichts dieser Entwicklungen und der sich dadurch eröffnenden
Möglichkeiten für eine Stärkung der deutschen Positionen, namentlich
im Osten, schien die bilaterale Problematik auch nach den Maßstäben
der Autoren der ZfG lösbar zu sein. Obst sprach in seiner Berichterstattung
aus dem Jahre 1930, daß die „Westfragen leidlich gelöst”
seien.[87]
Das entscheidende Problem und Haupthindernis für die deutsch-französische
Aussöhnung blieb hingegen auch bis weit über Locarno hinaus das
strikte Festhalten Frankreichs an der anti-deutschen Koalitionspolitik
in Mittel- und Südosteuropa, dem System der „Pufferstaaten”,
und die einseitig gegen Deutschland gerichtete Sicherheits- und
Bündnispolitik, die eine deutsch-französische Annäherung und Aussöhnung
weiterhin nahezu unmöglich machte.
Nach dem Abschluß der britisch-französischen Entente im Jahre
1928 schrieb Obst: „Frankreich will augenscheinlich nicht
die Freundschaft mit Deutschland … Wie schmerzlich wir das
für uns und Europa bedauern, braucht hier nicht betont zu werden.
Wir haben eine deutsch-französische Annäherung und Aussöhnung
ehrlich ersehnt, aber wir fürchten, diese Möglichkeit ist …
in weite Ferne gerückt.”[88]
Die zunehmende Verhärtung der Positionen nach dem Tode Gustav
Stresemanns am 3. Oktober 1929 und im Zeichen der Weltwirtschaftskrise
ließen Erich Obst nicht an seinem grundsätzlichen Festhalten an
der europäischen Einigungsidee zweifeln. So schrieb er noch 1931:
„Das eine (steht fest): Es gibt keinen Frieden für Europa,
keine Erholung der Weltwirtschaft, ohne eine wirkliche Aussöhnung
und ehrliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich.
Wir wollen die Schuld (für das derzeitige Stocken im Versöhnungsprozeß,
d.V.) gewiß nicht nur auf Seiten Frankreichs suchen, wollen am
besten … nicht von Schuld, sondern von einem tragischen
Konflikt sprechen.”[89]
Obst stand mit dieser Haltung im Jahre 1931 schon fast allein
in der ZfG. Zunehmend setzten sich diejenigen Autoren durch, die
einen Ausgleich mit Frankreich für unmöglich hielten, der Idee
der europäischen Einigung nichts abgewinnen konnten oder sie gar
als für Deutschland schädlich erachteten. Diese Haltung ging oft
einher mit einer Ablehnung des westlichen Denkens und des Liberalismus.
Am radikalsten wurde diese anti-westliche Richtung von Klaus
Werner vertreten, der in seinem Leitaufsatz „Deutschland
gegen Frankreich” die Möglichkeit eines Krieges mit Frankreich
erwog.[90] Zwar vermied es Werner von einem
Revanchekrieg zu sprechen, doch schon die einleitenden Worte Kurt
Vowinckels verdeutlichen, daß es darum doch auch ging: „Es
darf heute … nicht eine einzige Möglichkeit auf dem Altar
der „Verständigung” geopfert werden, die in der Hand
entschlossener Führer später für Deutschland bedeutungsvoll werden
kann.”[91]
In dem Aufsatz untersuchte Werner, wie die militärische und politische
Lage Deutschlands derzeit im Falle eines Angriffes Frankreichs
aussehen würde. Er kam zu dem Ergebnis, daß trotz der militärischen
Restriktionen des Versailler Vertrages Deutschland gute Chancen
hätte, einen solchen Angriff abzuwehren und auch in einem Falle
der Aggression der Kleinen Entente politisch-militärische Überlebenschancen
bestünden. Deshalb: „Gott steht nicht immer im Lager der
stärkeren Bataillone. Er steht mindestens so oft im Lager der
stärkeren Nerven.”[92]
Diese gewiß mehr als leichtfertig zu nennenden Überlegungen,
nur dreizehn Jahre nach Ende des Weltkrieges, zeigen, wie sich
der Kurs der ZfG gewandelt hatte. Deutlich wurde aber auch die
Resignation angesichts der französischen Intransigenz und des
Scheiterns aller Bemühungen ein neues, auf Gleichberechtigung
gegründetes Europa aufzubauen. Die ZfG machte hierfür Frankreich
verantwortlich, die Argumente dafür sind nicht von der Hand zu
weisen. Andererseits kann man es verstehen, wenn Frankreich sich
an die so schwer errungenen Ergebnisse der Friedensverträge klammerte
und zur konservativen, rein statisch denkenden Macht sich hin
entwickelte. Doch dieses Denken war es letztendlich, das dann
zur Katastrophe von 1940 geführt hat - nicht ohne Berechtigung
hatte die ZfG davor gewarnt.
Das Verhältnis zu der nach dem Weltkrieg neu erstandenen Republik
Polen stellte eine schwere Belastung für die Außenpolitik der
Weimarer Republik dar. Der polnische Staat war in wesentlichen
Teilen auf deutschem und österreichischem Gebiet errichtet worden,
Polen hatte, die militärische Niederlage des Reiches ausnutzend,
mit französischer Unterstützung überwiegend deutsch besiedeltes
Gebiet okkupiert, durch die Schaffung des „polnischen Korridors”
wurde der einheitliche Zusammenhang des Reichsgebietes zerstört
und Ostpreußen zur Exklave gemacht.
In Polen war eine bedeutende deutsche Minderheit zurückgeblieben,
deren Status und Behandlung bis hin zum Zweiten Weltkrieg einen
Konfliktstoff ersten Ranges darstellte. Danzig war aus dem Reiche
herausgelöst und als „Freie Stadt” dem Völkerbund
unterstellt worden.[93]
Hier bekam Polen bedeutende Rechte zugesprochen, wiewohl die Stadt
nur eine unbedeutende polnische Minderheit von höchstens 3 %
der Bevölkerung aufwies.
Planmäßig waren auf der Pariser Friedenskonferenz diejenigen
Gegensätze geschaffen worden, die das Verhältnis von Polen und
Deutschland während der Zwischenkriegszeit bestimmt haben. Hier
schien noch erheblich weniger als gegenüber Frankreich ein Ausgleich
oder eine wie immer geartete friedliche Lösung möglich.
Zu all dem war der jungen Republik Polen gegenüber Deutschland
eine höchst problematische Aufgabe zugefallen, die Aufgabe, im
Verbunde mit Frankreich und den anderen „Pufferstaaten”
Deutschland und Sowjet-Rußland „militärisch in Schach zu
halten”.[94]
Mit Frankreich war Polen durch einen offenen und geheimen militärischen
Pakt vom 19. 2.1921 verbunden. Daß es nicht gelang, England in
ein Garantiebündnis für die polnischen Westgrenzen zu bewegen,
verstärkte die Instabilität der Situation.
Die doppelte Frontstellung gegen Deutschland und Sowjet-Rußland
führte zu exorbitanten polnischen Rüstungsanstrengungen. In Polen
wurden jährlich 120.000 Rekruten eingezogen, die Heeresstärke
betrug einschließlich Reserve 2.000.000. Polen bewies durch Angriffskriege
gegen seine Nachbarn Rußland, Litauen und Deutschland, daß es
bereit ist, diese Stärke auch offensiv militärisch zu nutzen.
Entsprechend dieser Situation, die sich bis 1934 nicht wesentlich
änderte, war auch die Haltung der ZfG gegenüber Polen im wesentlichen
starr und auf weitgehende Revision der Ergebnisse des Versailler
Vertrages abgestellt. Der durchgehende Tenor fast aller Beiträge
in der ZfG gegenüber Polen war einheitlich:
Die deutsch besiedelten Gebiete sowohl im Korridor und Westpreußen
als auch in Oberschlesien müßten Deutschland zurückgegeben werden,
Danzig müßte wieder entsprechend dem Selbstbestimmungsrecht deutsch
werden, in den strittigen Mischlagen sollten neutral kontrollierte
Abstimmungen zur Festlegung einer akzeptablen Grenze durchgeführt
werden.
Diese Forderungen an Polen wurden unterstrichen mit dem Hinweis
auf die langfristig unhaltbare Belastung Polens durch die doppelte
Frontstellung gegen Deutschland und die Sowjetunion sowie die
Notwendigkeit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Polens mit Deutschland.
Politisch begründete Kompromißvorschläge zu diesen „Polen-Essentials”
wie z.B. der Vorschlag eines „Korridors durch den Korridor”[95]
wurden abgewiesen: „Angesichts der brutalen Drangsalierung,
denen das gewaltsam zu Polen geschlagene Deutschtum nach wie vor
ausgesetzt ist, wirkt dieser Vorschlag geradezu wie ein Witz!”[96]
In der Diskussion von Gebietsansprüchen an Polen finden wir weniger
historische Argumente, hingegen wurden vorwiegend sowohl wirtschaftliche
als auch demographische Argumente benutzt um zu zeigen, daß der
Anspruch Polens auf Oberschlesien oder Westpreußen haltlos sei.
Im Jahre 1930 faßte z.B. Wilhelm Osterling die Argumente für die
Rückgabe Westpreußens in einem umfangreichen Aufsatz zusammen.[97]
Er stellte fest, daß die Schaffung des Korridors lediglich den
Intentionen Dmowskis entspringe und daß in der polnischen Vorkriegsliteratur
wie auch z.B. in den Entwürfen Pilsudskis nichts davon zu finden
sei. Von einem Volkstumskampf wäre in Westpreußen nie die Rede
gewesen, hingegen hätten sich deutsches und polnisches Volkstum
hier 700 Jahre lang ergänzt. Auch in den Zeiten polnischer Hoheit
über Westpreußen hätte deutsches Recht gegolten, wäre die deutsche
Kultur dominierend gewesen. Und er konstatierte, daß sich eine
natürliche Grenze zu Polen mit Leichtigkeit feststellen ließe,
die jetzige Grenze sei unsinnig, zudem militärisch unsicher. Deshalb
könne nur eine friedliche politische Lösung die Erlösung bringen.
Vielfach wird auch die wirtschaftliche Einheit Oberschlesiens
nachgewiesen, die einheitliche Infrastruktur und die Bindungen
nach Schlesien und Deutschland: