Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Was war das „Reich“?

Ein Aufsatz von Martin Möller     
 © Martin Möller

Das Reich war der staatliche Rahmen, in dem sich das europäische Leben seit der Frühzeit bis in unsere jüngs te Gegenwart hinein abspielte. Unsere gesamte Geschichte, die Entfaltung der Völker, denen wir angehören, das Aufsteigen und Vergehen der europäischen Kulturen spielte sich innerhalb des Reiches ab, das sich zu Recht Sacrum Imperium, „Geheiligtes Reich“ nannte. Gerade weil es auch heute noch staatliche Gebilde gibt, die den Namen des Reiches tragen, und andere, die ihn zu Unrecht beanspruchen, ist es notwendig zu verdeutlichen, was das Reich war und welche Bedeutung es in seiner Zeit und für uns heute hat.

Dazu muß zunächst klar gemacht werden, daß die Gebilde, die in jüngerer Zeit sich mit dem Reichsbegriff schmückten, ihn zu Unrecht trugen. Dies betrifft sowohl das Deutsche Reich von 1871, das ja bekanntlich den staatlichen und weitgehend auch den territorialen Rahmen schuf, in dem wir heute noch leben; dies betrifft um so mehr die sich selbst Drittes Reich nennenden Herrschaft der Nationalsozialisten, die einen Gegenentwurf zum Sacrum Imperium darstellt, ein Anti-Reich gewissermaßen, das eine Pervertierung des Reichsbegriffes repräsentierte. Was immer die Nationalsozialisten getan und gelassen haben - es betrifft keinesfalls Wesen und Tradition des Reichs und ebenfalls nicht den Reichsbegriff, da das Dritte Reich nichts mit dem geheiligten Imperium gemein hatte und auch kein „Reich“ war. Abusus non tollet usum - dies gilt insbesondere für die Nationalsozialisten.

Das Wort „Reich“ wird meist mit „Imperium“ übersetzt. Ähnlich wie „Imperium“ bedeutet dieser Begriff soviel wie Herrschaftsbereich, Herrschaftsausdehnung. Dabei hat das altgermanische „Rihhi“ sicherlich eher eine räumliche als eine staatliche Bedeutung. Im Englischen lebt es in der verstümmelten Form von „rich“ fort. Jedenfalls hat sich der germanische Reichsbegriff bereits in sehr früher Zeit mit der römischen Idee der Pax Romana, das heißt der Ausdehnung des durch das Imperium gestiftetet Friedens über den gesamten (bekannten) Erdkreis verbunden. Folgerichtig wurden auch die antiken Großstaaten wie Persien, Babylon und Assyrien als Reich bezeichnet, in deren Tradition die eigene Herrschaftsform gestellt wurde. Zugleich wurde eine historisch-mythische Reichslehre geschaffen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde.

Eine besondere neue Qualität bekam der Reichsbegriff durch das sich seit dem Erscheinen des Heilands im gesamten Imperium Romanum ausbreitende Christentum. Schon früh wurde den Bischöfen und Kirchenvätern klar, daß das Römische Reich eine Vorform des zu schaffenden christlichen Reichs gewesen war, ja, daß das Imperium Romanum gerade durch die Christianisierung seinen eigentlichen und wesentlichen Sinn bekommen hatte. Lange vor der Konstantinischen Wende war der Kirche das Gebet für das Heil des Herrschers Pflicht und dies blieb so bis in die 50er Jahre des 20sten Jahrhunderts. Das irdische, das Römische Imperium wurde immer stärker als Abbild des Himmlischen Reichs, wie es durch das Evangelium geoffenbart wurde, verstanden. Die Monarchie des Caesar, im Imperium Romanum oft durch republikanische Perioden unterbrochen, wurde analog zum Monotheismus, der im Christentum vollendet wurde, verbindlich. Der Kaiser wurde somit zu einer Art „Summus Episcopus“, der die Kirche schützt, regiert und ihr Recht gewährleistet.

Dieser angestrebten Rechtsstellung des Herrschers, die 1.000 Jahre später im Protestantismus wiederum, wenn auch korrumpiert, aufleben sollte, wurde immer wieder Widerstand durch den Papst und die Bischöfe geleistet. Unbezweifelt und lehrmäßig deutlich herausgearbeitet wurde jedoch die Stellung des Königtums als Sakramentale, als im Dienste der Kirche und der christlichen Lehre stehendes Heilsmittel. Aus der Theorie des Kaisers als Universalbischof ergaben sich in den folgenden Jahrhunderten häufig Probleme bei der Regelung des Verhältnisses von der Reichsleitung zur Kirche, doch bei aller Einschränkung, die sich diese Theorie zu Recht gefallen lassen mußte, war es seit dem 5. Jahrhundert ehernes und unumstößliches Gesetz, daß die Vollendung des Reiches christlich, d.h. katholisch verfaßt sei.

Die Ausbreitung des katholischen Glaubens an alle Enden der Erde, der Schutz der Lehre der Kirche und ihrer Repräsentanten war die vornehmste Aufgabe des Reiches, in deren Dienst sich alle Glieder zu stellen hatten. Diese Lehre überlebte das antike Imperium Romanum und führte dazu, daß dieses Imperium auf erneuerter staatlicher und volklicher Basis wieder aufgerichtet werden konnte. Dabei hat die mittelalterliche Lehre dem Papst, der als Bischof von Rom eine außerordentlich prominente Position im Reich einnahm, eine außergewöhnliche Rolle bei der Gestaltung des christlichen Reiches zugesprochen. Immerhin war diese Lehre insofern allgemeingültig, als seit Konstantin bis in die Neuzeit hinein ein Kaisertum ohne Mitwirkung des Papstes völlig ausgeschlossen war. Noch bis zum 2. Vatikanischen Konzil beteten die Katholiken in den entsprechenden Meßfeiern für den Kaiser, den es ja längst nicht mehr gab.

Nach dem Fall Roms war es der Frankenkönig Karl der Große, der das Imperium als Reich wieder erstehen ließ. Hierbei ergab sich das Problem, das ja ein legitimes Kaisertum in Konstantinopel existierte. Dieses betrachtete das vom Papst gestiftete westliche, das fränkische Kaisertum als Anmaßung, konnte jedoch, da seine Macht gering war, nicht eingreifen. Daraus resultiert der bis heute wirksame Konflikt zwischen West und Ost in Europa, der selbstredend auch in volklichem, seelischem Grund wurzelt. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß der römische Bischof, der Papst, ohne Einschränkung legitimiert war, die Kaiserkrone wieder aufzurichten und zu schirmen. Der Rückzug des Kaisertums auf die Stadt Byzanz spottete der universalen Bedeutung und Mission des Kaisertums, die Notwendigkeit, die Völker Europas in staatlicher Macht und katholischer Lehre zusammenzufassen, gebot die Aufrichtung des Kaisertums durch Papst Leo III. Der Segen, den der Papst spendete, begründete eine welthistorisch einzigartige Reichsbildung, deren Herrschaft 200 Jahre später in der Renovatio Imperii auf den deutschen König übertragen wurde.

Auch diese Übertragung vom fränkischen auf das deutsche Königtum führte zu einer Gliederung der Reichsidee. Der fränkische Reichsteil entzog sich immer stärker der universalen Gewalt des Kaisers und blieb diesem nur mittelbar untertan. Die für die Zukunft bedeutungsvolle Gliederung Europas in Imperium und umgebende selbstständige und nachgeordnete „Reiche“ bahnte sich an, ohne sofort wirksam zu werden. Gehörten doch weite Teile des heutigen „Frankreich“ noch für Jahrhunderte zum Reichsgebiet. Lyon, Marseille, Arles, Bisanz (Besançon), Verdun und Cambrai waren Teile des vom Kaiser regierten Imperiums und blieben es für lange Zeit.

Die volkliche Grundlage für die „Renovatio Imperii Romanorum“, die Erneuerung des Reiches durch die Deutschen, war die Zusammenfassung der zentralgermanischen Stämme der Bayern, Franken, Schwaben und Sachsen zu einem zwar zunächst losen Zweckverband, der sich jedoch aufgrund einer unvergleichlichen Kraft und Leistungsfähigkeit den europäischen Herrschaftsanspruch und erfolgreich die römische Kaiserkrone beanspruchte. Dieser welthistorische Aufstieg der zwischen Nordsee und Alpen siedelnden Stämme hätte weder zu der Entstehung des deutschen Volkes, noch zur Erneuerung des römischen Kaisertums führen müssen. Daß dieses in der uns überlieferten Form geschah, deutet auf einen tiefen Zusammenhang zwischen deutschem Volkstum und römischem Missionsauftrag hin, der in den folgenden Jahrhunderten in großartiger Weise zur Entfaltung kam.

Diese mystische Mission war für Jahrhunderte Lebenszweck und politisches Ziel der deutschen Kaiser. Otto der Große, heute in seinem Magdeburger Dom bestattet, legte in einer einzigartigen Erneuerungstat die Grundlage für die erhabenste Periode der Menschheitsgeschichte. Nicht genug damit, daß er das Reichsgebiet militärisch schirmte und die Feinde in ihre Grenzen verwies, er reorganisierte in kraftvoll schöpferischer Herrscherweise die gesamte Polis seines Imperiums, erneuerte die Kirche und stellte das Papsttum, jahrhundertelang schwaches Anhängsel der römischen Aristokratie, auf erneuerte Grundlagen, die seiner Menschheitsmission entsprach. Zudem gelang ihm das Höchste, was Menschen überhaupt erreichen können - er machte seine Feinde zu seinen Freunden, in dem er sie in die machtvolle und belebende Aura seines Imperiums eingliederte.

Daß höchste Achtung vor der Personalität jedes einzelnen Reichsangehörigen und den Nachbarn zu den Grundprinzipien des Reichsfriedens gehörten, war dafür die Voraussetzung. Noch heute gehören die Stätten, die mit Otto dem Großen verbunden sind, zu den heiligsten, den erhabensten Stätten Deutschlands, zuvörderst der Magdeburger Dom, heute vorübergehend in protestantischer Hand, und die Pfalzen Grone und Memleben.

Doch Ottos Bedeutung greift weit über Deutschland hinaus. Er zeigte die Leitlinien für ein Jahrtausend europäischer Politik auf, die bis zum Ende des alten Reiches gültig blieben, um dann von einem ungeheueren, noch heute in vollem Gange befindlichen Zerstörungsprozeß vernichtet zu werden. Für ein Jahrtausend blieb Europa geeint, inklusive Böhmen, Polen, Mähren, Ungarn, Italien, Lothringen und in mehr oder weniger lockeren Verbund, der Mehrzahl der angrenzenden Länder und Reiche. Erst die willkürliche und völlig unnötige Niederlegung der Kaiserkrone durch den Habsburger Herrscher Franz II. gab dem Wüten der Revolutionen, den Barbareien der Nationalisten und Demokraten ungehindert Raum. Hatte das Haus Habsburg zunächst noch gehofft, das Kaisertum auf ihren Hausbesitz übertragen zu können, mußten sie bereits 100 Jahre später die bittere Rechnung mit dem völligen Verlust ihres riesigen europäischen Reiches bezahlen. Nun senkte sich die Nacht einer seit Jahrtausenden unvorstellbaren Barbarei über die Völker Europas, die das leichte Joch des Reichsdienstes abgeschüttelt hatten, um das bittere Schicksal der Selbstvergötzung und Selbstzerfleischung erleiden zu müssen.

Als Franz II. die Krone niederlegte, hatten die zerstörerischen Kräfte der Moderne bereits viele der harmonisch angeordneten Elemente des Imperiums zerstört. Bei den destruktiven Elementen ist an erster Stelle der Protestantismus zu nennen, der in seinen Keimen bereits seit dem 12. Jahrhunderte in Europa wirkte und durch Calvin im 16. Jahrhundert voll zu seinem zerstörerischen Ausbruch kam. Zerstörerisch war der Protestantismus durch sein revolutionäres Prinzip, das mit dem Reichsprinzip nicht vereinbar war. Diese Revolution zerstörte zunächst die geistige Einheit Europas, ohne in der Lage zu sein, eine neue Einheit zu stiften. Diese Revolution zerstörte auch die politische Einheit, in dem sie langfristig zur Herauslösung der protestantischen Gebiete aus dem Reichsverband notwendig führen mußte. Zwar wurde im allgemeinen die Herrschaft des Kaisers scheinheilig weiterhin anerkannt, doch wurde alles getan, um die eigene Herrschaft aus der Reichshierarchie herauszulösen. Dies mußte zu Krieg und Zerstörung führen.

Die römische Kirchenleitung hatte seit dem 12. Jahrhundert versucht, mit Augenmaß und Rechtssinn den Ansturm der Protestanten gegen das Reich zu beenden. Dies konnte aufgrund bestimmter politischer Konstellationen, wie dem außerordentlichen Erstarken der Territorialfürsten, im 15. Jahrhunderten nicht mehr gelingen. Diese machten sich die revolutionäre Tendenz der Reformation zu Nutze, um das Reich zu schwächen und die Kirche zu plündern. Hauptimpetus der der Reformation zum Siege verhelfenden Kräfte waren Neid und Gier - die theologischen Verstiegenheiten der Reformatoren entlockten den räuberischen Fürsten bestenfalls ein Gähnen. Neben dem Hause Wettin ist hier vor allem das Haus der Hohenzollern zu nennen, das zu den größten Kirchenräubern aller Zeiten gehört. Es sei daran erinnert, daß sich die heute auf Hohenzollernterritorien befindlichen Staaten in schändlicher Weise nach wie vor am Kirchengute mästen. Lediglich Polen hat einiges der Kirche zurückgegeben. Für die Beurteilung der Hohenzollern ist es erschwerend, daß sie nicht nur die Kirche hemmungslos geplündert haben, sondern daß sie zuvor auch in Person des Erzbischofs Albrecht eine so grauenhafte Amtsführung an den Tag legten, daß das Glaubensgut in den Augen vieler herabgewürdigt wurde. Hätte Albrecht seinen Amtspflichten einen Bruchteil der Energie gewidmet, die er der Pfründen- und Einkommenskumulation zuwandte, hätte das reformatorische Zerstörungswerk in Mitteldeutschland nie und nimmer obsiegen können.

Die nun „protestantischen“ Fürsten verhielten sich zwar gelegentlich reichstreu, doch fühlten sie sich dazu in immer geringerem Maße verpflichtet. Die einmal geweckte Begehrlichkeit am Kirchengut führte zu einer protestantischen Politik, die sich als permanenter Raubzug darstellte, ein Raubzug, der erst dann zum Erliegen kam, wenn die Kirche in hunderten Kilometern Umkreis nichts, aber auch gar nichts mehr besaß. Es sei erwähnt, daß diese „Politik“ erst mit dem Ende des Imperiums mangels Masse abebbte, noch im Reichsdeputationshauptschluß wurden die Fürsten satt mit Kirchengut „entschädigt“ - wofür, weiß niemand. Preußen strich damals die Bistümer Münster, Hildesheim, Paderborn, Erfurt und das (kurmainzer) Eichsfeld ein.

Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt, daß viele Protestanten sich - im Gegensatz zu den ehrvergessenen Landes- und Standesherren - reichstreu verhielten, ihnen hat Gertrud von LeFort in der „Magdeburgischen Hochzeit“ ein einzigartiges literarisches Denkmal gesetzt.

Trotz des verbrecherischen Verhaltens der protestantischen Fürsten hat das Reich die Herausforderung durch Luthertum und Calvinismus erfolgreich bewältigt. In einem ein volles Jahrhundert währenden Ausgleichsprozeß wurde alles getan, um die Integrität des Imperiums zu wahren. Doch die Protestanten waren mit friedlichen Mitteln nicht aufzuhalten. Bruch des Reichsrechts wurde auf Bruch des Reichsrechts gehäuft, die Friedenspflicht war ihnen völlig unbekannt, kurz der Protestantismus trieb alles auf die Katastrophe eines allgemeinen Reichsbürgerkrieges zu, den es in katholischen Jahrhunderten niemals gegeben hatte. Die protestantischen Fürsten gingen soweit, eine verräterische Union gegen Kaiser und Reich zu schließen.

Auf eine Darstellung der Folgen sei hier - nicht für alle Zeit - verzichtet. Der Protestantismus war - wie gesagt - nicht der einzige Grund für den Niedergang des Reiches, es wäre durchaus möglich gewesen, diese geistige Strömung zu integrieren. Erschwerender wirkte der Egoismus der protestantischen Fürsten, der Verrat am Reich, zu dem sie sich hinreißen ließen und ihre nackte Besitzgier.

Die verschiedenen im 18. und 19. Jahrhundert konstruierten Fortschrittstheorien wiesen dem Imperium Romanum die Rolle des notwenigen Verlierers zu, des loosers, der viel zu lange gezögert hatte, von der Bühne der Geschichte abzutreten und dem herrlichen Fortschritt der Demokraten, Kommunisten und Borussen Platz zu machen. Bereits der ehemalige sächsische Fürstenschüler und brandenburgische „Historiograph“ Pufendorf sprach vom Imperium als Monstrum. Seine Kritik zielte, wie die Politik seiner Herren, nicht auf Reform, sondern auf Zerstörung. Es wäre interessant zu erfahren, was Pufendorf zu den Nachfolgegebilden zu sagen hätte. An der Tatsache, daß deren geistige Grundlegung vollständig gescheitert ist, kann es heute keinen Zweifel mehr geben. Die Anziehungskraft des Reiches leuchtet weiter über Zeiten und Räume und wird ihr Charisma noch dann entfalten, wenn der letzte Humanismus-Gläubige im selbstproduzierten Unrat erstickt ist.


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