Was war das Reich?
Ein Aufsatz von Martin Möller
© Martin Möller
Das Reich war der staatliche Rahmen, in dem sich das europäische
Leben seit der Frühzeit bis in unsere jüngs te Gegenwart
hinein abspielte. Unsere gesamte Geschichte, die Entfaltung der
Völker, denen wir angehören, das Aufsteigen und Vergehen
der europäischen Kulturen spielte sich innerhalb des Reiches
ab, das sich zu Recht Sacrum Imperium, „Geheiligtes
Reich“ nannte. Gerade weil es auch heute noch staatliche Gebilde
gibt, die den Namen des Reiches tragen, und andere, die ihn zu Unrecht
beanspruchen, ist es notwendig zu verdeutlichen, was das Reich war
und welche Bedeutung es in seiner Zeit und für uns heute hat.
Dazu muß zunächst klar gemacht werden, daß die
Gebilde, die in jüngerer Zeit sich mit dem Reichsbegriff schmückten,
ihn zu Unrecht trugen. Dies betrifft sowohl das Deutsche Reich
von 1871, das ja bekanntlich den staatlichen und weitgehend auch
den territorialen Rahmen schuf, in dem wir heute noch leben; dies
betrifft um so mehr die sich selbst Drittes Reich nennenden
Herrschaft der Nationalsozialisten, die einen Gegenentwurf zum Sacrum
Imperium darstellt, ein Anti-Reich gewissermaßen, das
eine Pervertierung des Reichsbegriffes repräsentierte. Was
immer die Nationalsozialisten getan und gelassen haben - es betrifft
keinesfalls Wesen und Tradition des Reichs und ebenfalls nicht den
Reichsbegriff, da das Dritte Reich nichts mit dem geheiligten Imperium
gemein hatte und auch kein „Reich“ war. Abusus non tollet
usum - dies gilt insbesondere für die Nationalsozialisten.
Das Wort „Reich“ wird meist mit „Imperium“
übersetzt. Ähnlich wie „Imperium“ bedeutet
dieser Begriff soviel wie Herrschaftsbereich, Herrschaftsausdehnung.
Dabei hat das altgermanische „Rihhi“ sicherlich eher
eine räumliche als eine staatliche Bedeutung. Im Englischen
lebt es in der verstümmelten Form von „rich“ fort.
Jedenfalls hat sich der germanische Reichsbegriff bereits in sehr
früher Zeit mit der römischen Idee der Pax Romana,
das heißt der Ausdehnung des durch das Imperium gestiftetet
Friedens über den gesamten (bekannten) Erdkreis verbunden.
Folgerichtig wurden auch die antiken Großstaaten wie Persien,
Babylon und Assyrien als Reich bezeichnet, in deren Tradition
die eigene Herrschaftsform gestellt wurde. Zugleich wurde eine historisch-mythische
Reichslehre geschaffen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde.
Eine besondere neue Qualität bekam der Reichsbegriff durch
das sich seit dem Erscheinen des Heilands im gesamten Imperium Romanum
ausbreitende Christentum. Schon früh wurde den Bischöfen
und Kirchenvätern klar, daß das Römische Reich eine
Vorform des zu schaffenden christlichen Reichs gewesen war, ja,
daß das Imperium Romanum gerade durch die Christianisierung
seinen eigentlichen und wesentlichen Sinn bekommen hatte. Lange
vor der Konstantinischen Wende war der Kirche das Gebet für
das Heil des Herrschers Pflicht und dies blieb so bis in die 50er
Jahre des 20sten Jahrhunderts. Das irdische, das Römische
Imperium wurde immer stärker als Abbild des Himmlischen
Reichs, wie es durch das Evangelium geoffenbart wurde, verstanden.
Die Monarchie des Caesar, im Imperium Romanum oft durch republikanische
Perioden unterbrochen, wurde analog zum Monotheismus, der im Christentum
vollendet wurde, verbindlich. Der Kaiser wurde somit zu einer Art
„Summus Episcopus“, der die Kirche schützt, regiert
und ihr Recht gewährleistet.
Dieser angestrebten Rechtsstellung des Herrschers, die 1.000 Jahre
später im Protestantismus wiederum, wenn auch korrumpiert,
aufleben sollte, wurde immer wieder Widerstand durch den Papst und
die Bischöfe geleistet. Unbezweifelt und lehrmäßig
deutlich herausgearbeitet wurde jedoch die Stellung des Königtums
als Sakramentale, als im Dienste der Kirche und der christlichen
Lehre stehendes Heilsmittel. Aus der Theorie des Kaisers als Universalbischof
ergaben sich in den folgenden Jahrhunderten häufig Probleme
bei der Regelung des Verhältnisses von der Reichsleitung zur
Kirche, doch bei aller Einschränkung, die sich diese Theorie
zu Recht gefallen lassen mußte, war es seit dem 5. Jahrhundert
ehernes und unumstößliches Gesetz, daß die Vollendung
des Reiches christlich, d.h. katholisch verfaßt sei.
Die Ausbreitung des katholischen Glaubens an alle Enden der Erde,
der Schutz der Lehre der Kirche und ihrer Repräsentanten war
die vornehmste Aufgabe des Reiches, in deren Dienst sich alle Glieder
zu stellen hatten. Diese Lehre überlebte das antike Imperium
Romanum und führte dazu, daß dieses Imperium auf erneuerter
staatlicher und volklicher Basis wieder aufgerichtet werden konnte.
Dabei hat die mittelalterliche Lehre dem Papst, der als Bischof
von Rom eine außerordentlich prominente Position im Reich
einnahm, eine außergewöhnliche Rolle bei der Gestaltung
des christlichen Reiches zugesprochen. Immerhin war diese Lehre
insofern allgemeingültig, als seit Konstantin bis in die Neuzeit
hinein ein Kaisertum ohne Mitwirkung des Papstes völlig ausgeschlossen
war. Noch bis zum 2. Vatikanischen Konzil beteten die Katholiken
in den entsprechenden Meßfeiern für den Kaiser, den es
ja längst nicht mehr gab.
Nach dem Fall Roms war es der Frankenkönig Karl der Große,
der das Imperium als Reich wieder erstehen ließ. Hierbei ergab
sich das Problem, das ja ein legitimes Kaisertum in Konstantinopel
existierte. Dieses betrachtete das vom Papst gestiftete westliche,
das fränkische Kaisertum als Anmaßung, konnte jedoch,
da seine Macht gering war, nicht eingreifen. Daraus resultiert der
bis heute wirksame Konflikt zwischen West und Ost in Europa, der
selbstredend auch in volklichem, seelischem Grund wurzelt. Es kann
jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß der römische
Bischof, der Papst, ohne Einschränkung legitimiert war, die
Kaiserkrone wieder aufzurichten und zu schirmen. Der Rückzug
des Kaisertums auf die Stadt Byzanz spottete der universalen Bedeutung
und Mission des Kaisertums, die Notwendigkeit, die Völker Europas
in staatlicher Macht und katholischer Lehre zusammenzufassen, gebot
die Aufrichtung des Kaisertums durch Papst Leo III. Der Segen, den
der Papst spendete, begründete eine welthistorisch einzigartige
Reichsbildung, deren Herrschaft 200 Jahre später in der Renovatio
Imperii auf den deutschen König übertragen wurde.
Auch diese Übertragung vom fränkischen auf das deutsche
Königtum führte zu einer Gliederung der Reichsidee. Der
fränkische Reichsteil entzog sich immer stärker der universalen
Gewalt des Kaisers und blieb diesem nur mittelbar untertan. Die
für die Zukunft bedeutungsvolle Gliederung Europas in Imperium
und umgebende selbstständige und nachgeordnete „Reiche“
bahnte sich an, ohne sofort wirksam zu werden. Gehörten doch
weite Teile des heutigen „Frankreich“ noch für
Jahrhunderte zum Reichsgebiet. Lyon, Marseille, Arles, Bisanz (Besançon),
Verdun und Cambrai waren Teile des vom Kaiser regierten Imperiums
und blieben es für lange Zeit.
Die volkliche Grundlage für die „Renovatio Imperii Romanorum“,
die Erneuerung des Reiches durch die Deutschen, war die Zusammenfassung
der zentralgermanischen Stämme der Bayern, Franken, Schwaben
und Sachsen zu einem zwar zunächst losen Zweckverband, der
sich jedoch aufgrund einer unvergleichlichen Kraft und Leistungsfähigkeit
den europäischen Herrschaftsanspruch und erfolgreich die römische
Kaiserkrone beanspruchte. Dieser welthistorische Aufstieg der zwischen
Nordsee und Alpen siedelnden Stämme hätte weder zu der
Entstehung des deutschen Volkes, noch zur Erneuerung des römischen
Kaisertums führen müssen. Daß dieses in der uns
überlieferten Form geschah, deutet auf einen tiefen Zusammenhang
zwischen deutschem Volkstum und römischem Missionsauftrag hin,
der in den folgenden Jahrhunderten in großartiger Weise zur
Entfaltung kam.
Diese mystische Mission war für Jahrhunderte Lebenszweck und
politisches Ziel der deutschen Kaiser. Otto der Große, heute
in seinem Magdeburger Dom bestattet, legte in einer einzigartigen
Erneuerungstat die Grundlage für die erhabenste Periode der
Menschheitsgeschichte. Nicht genug damit, daß er das Reichsgebiet
militärisch schirmte und die Feinde in ihre Grenzen verwies,
er reorganisierte in kraftvoll schöpferischer Herrscherweise
die gesamte Polis seines Imperiums, erneuerte die Kirche und stellte
das Papsttum, jahrhundertelang schwaches Anhängsel der römischen
Aristokratie, auf erneuerte Grundlagen, die seiner Menschheitsmission
entsprach. Zudem gelang ihm das Höchste, was Menschen überhaupt
erreichen können - er machte seine Feinde zu seinen Freunden,
in dem er sie in die machtvolle und belebende Aura seines Imperiums
eingliederte.
Daß höchste Achtung vor der Personalität jedes
einzelnen Reichsangehörigen und den Nachbarn zu den Grundprinzipien
des Reichsfriedens gehörten, war dafür die Voraussetzung.
Noch heute gehören die Stätten, die mit Otto dem Großen
verbunden sind, zu den heiligsten, den erhabensten Stätten
Deutschlands, zuvörderst der Magdeburger Dom, heute vorübergehend
in protestantischer Hand, und die Pfalzen Grone und Memleben.
Doch Ottos Bedeutung greift weit über Deutschland hinaus.
Er zeigte die Leitlinien für ein Jahrtausend europäischer
Politik auf, die bis zum Ende des alten Reiches gültig blieben,
um dann von einem ungeheueren, noch heute in vollem Gange befindlichen
Zerstörungsprozeß vernichtet zu werden. Für ein
Jahrtausend blieb Europa geeint, inklusive Böhmen, Polen, Mähren,
Ungarn, Italien, Lothringen und in mehr oder weniger lockeren Verbund,
der Mehrzahl der angrenzenden Länder und Reiche. Erst die willkürliche
und völlig unnötige Niederlegung der Kaiserkrone durch
den Habsburger Herrscher Franz II. gab dem Wüten der Revolutionen,
den Barbareien der Nationalisten und Demokraten ungehindert Raum.
Hatte das Haus Habsburg zunächst noch gehofft, das Kaisertum
auf ihren Hausbesitz übertragen zu können, mußten
sie bereits 100 Jahre später die bittere Rechnung mit dem völligen
Verlust ihres riesigen europäischen Reiches bezahlen. Nun senkte
sich die Nacht einer seit Jahrtausenden unvorstellbaren Barbarei
über die Völker Europas, die das leichte Joch des Reichsdienstes
abgeschüttelt hatten, um das bittere Schicksal der Selbstvergötzung
und Selbstzerfleischung erleiden zu müssen.
Als Franz II. die Krone niederlegte, hatten die zerstörerischen
Kräfte der Moderne bereits viele der harmonisch angeordneten
Elemente des Imperiums zerstört. Bei den destruktiven Elementen
ist an erster Stelle der Protestantismus zu nennen, der in seinen
Keimen bereits seit dem 12. Jahrhunderte in Europa wirkte und durch
Calvin im 16. Jahrhundert voll zu seinem zerstörerischen Ausbruch
kam. Zerstörerisch war der Protestantismus durch sein revolutionäres
Prinzip, das mit dem Reichsprinzip nicht vereinbar war. Diese Revolution
zerstörte zunächst die geistige Einheit Europas, ohne
in der Lage zu sein, eine neue Einheit zu stiften. Diese Revolution
zerstörte auch die politische Einheit, in dem sie langfristig
zur Herauslösung der protestantischen Gebiete aus dem Reichsverband
notwendig führen mußte. Zwar wurde im allgemeinen die
Herrschaft des Kaisers scheinheilig weiterhin anerkannt, doch wurde
alles getan, um die eigene Herrschaft aus der Reichshierarchie herauszulösen.
Dies mußte zu Krieg und Zerstörung führen.
Die römische Kirchenleitung hatte seit dem 12. Jahrhundert
versucht, mit Augenmaß und Rechtssinn den Ansturm der Protestanten
gegen das Reich zu beenden. Dies konnte aufgrund bestimmter politischer
Konstellationen, wie dem außerordentlichen Erstarken der Territorialfürsten,
im 15. Jahrhunderten nicht mehr gelingen. Diese machten sich die
revolutionäre Tendenz der Reformation zu Nutze, um das Reich
zu schwächen und die Kirche zu plündern. Hauptimpetus
der der Reformation zum Siege verhelfenden Kräfte waren Neid
und Gier - die theologischen Verstiegenheiten der Reformatoren entlockten
den räuberischen Fürsten bestenfalls ein Gähnen.
Neben dem Hause Wettin ist hier vor allem das Haus der Hohenzollern
zu nennen, das zu den größten Kirchenräubern aller
Zeiten gehört. Es sei daran erinnert, daß sich die heute
auf Hohenzollernterritorien befindlichen Staaten in schändlicher
Weise nach wie vor am Kirchengute mästen. Lediglich Polen hat
einiges der Kirche zurückgegeben. Für die Beurteilung
der Hohenzollern ist es erschwerend, daß sie nicht nur die
Kirche hemmungslos geplündert haben, sondern daß sie
zuvor auch in Person des Erzbischofs Albrecht eine so grauenhafte
Amtsführung an den Tag legten, daß das Glaubensgut in
den Augen vieler herabgewürdigt wurde. Hätte Albrecht
seinen Amtspflichten einen Bruchteil der Energie gewidmet, die er
der Pfründen- und Einkommenskumulation zuwandte, hätte
das reformatorische Zerstörungswerk in Mitteldeutschland nie
und nimmer obsiegen können.
Die nun „protestantischen“ Fürsten verhielten
sich zwar gelegentlich reichstreu, doch fühlten sie sich dazu
in immer geringerem Maße verpflichtet. Die einmal geweckte
Begehrlichkeit am Kirchengut führte zu einer protestantischen
Politik, die sich als permanenter Raubzug darstellte, ein Raubzug,
der erst dann zum Erliegen kam, wenn die Kirche in hunderten Kilometern
Umkreis nichts, aber auch gar nichts mehr besaß. Es sei erwähnt,
daß diese „Politik“ erst mit dem Ende des Imperiums
mangels Masse abebbte, noch im Reichsdeputationshauptschluß
wurden die Fürsten satt mit Kirchengut „entschädigt“
- wofür, weiß niemand. Preußen strich damals die
Bistümer Münster, Hildesheim, Paderborn, Erfurt und das
(kurmainzer) Eichsfeld ein.
Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt, daß viele Protestanten
sich - im Gegensatz zu den ehrvergessenen Landes- und Standesherren
- reichstreu verhielten, ihnen hat Gertrud von LeFort in der „Magdeburgischen
Hochzeit“ ein einzigartiges literarisches Denkmal gesetzt.
Trotz des verbrecherischen Verhaltens der protestantischen Fürsten
hat das Reich die Herausforderung durch Luthertum und Calvinismus
erfolgreich bewältigt. In einem ein volles Jahrhundert währenden
Ausgleichsprozeß wurde alles getan, um die Integrität
des Imperiums zu wahren. Doch die Protestanten waren mit friedlichen
Mitteln nicht aufzuhalten. Bruch des Reichsrechts wurde auf Bruch
des Reichsrechts gehäuft, die Friedenspflicht war ihnen völlig
unbekannt, kurz der Protestantismus trieb alles auf die Katastrophe
eines allgemeinen Reichsbürgerkrieges zu, den es in katholischen
Jahrhunderten niemals gegeben hatte. Die protestantischen Fürsten
gingen soweit, eine verräterische Union gegen Kaiser und Reich
zu schließen.
Auf eine Darstellung der Folgen sei hier - nicht für alle
Zeit - verzichtet. Der Protestantismus war - wie gesagt - nicht
der einzige Grund für den Niedergang des Reiches, es wäre
durchaus möglich gewesen, diese geistige Strömung zu integrieren.
Erschwerender wirkte der Egoismus der protestantischen Fürsten,
der Verrat am Reich, zu dem sie sich hinreißen ließen
und ihre nackte Besitzgier.
Die verschiedenen im 18. und 19. Jahrhundert konstruierten Fortschrittstheorien
wiesen dem Imperium Romanum die Rolle des notwenigen Verlierers
zu, des loosers, der viel zu lange gezögert hatte, von
der Bühne der Geschichte abzutreten und dem herrlichen Fortschritt
der Demokraten, Kommunisten und Borussen Platz zu machen. Bereits
der ehemalige sächsische Fürstenschüler und brandenburgische
„Historiograph“ Pufendorf sprach vom Imperium als Monstrum.
Seine Kritik zielte, wie die Politik seiner Herren, nicht auf Reform,
sondern auf Zerstörung. Es wäre interessant zu erfahren,
was Pufendorf zu den Nachfolgegebilden zu sagen hätte. An der
Tatsache, daß deren geistige Grundlegung vollständig
gescheitert ist, kann es heute keinen Zweifel mehr geben. Die Anziehungskraft
des Reiches leuchtet weiter über Zeiten und Räume und
wird ihr Charisma noch dann entfalten, wenn der letzte Humanismus-Gläubige
im selbstproduzierten Unrat erstickt ist.
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