Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Über Polen

Ein Aufsatz von Martin Möller

Inhaltsverzeichnis

Die Entstehung der polnisch-deutschen Nachbarschaft

Der Deutsche Orden

Jagellonen und Habsburger

Von den Jagellonen zu den Teilungen

Preußen als Keimzelle der polnisch-deutschen Antagonie

Die Polenpolitik Friedrichs II.

Der Erwerb Schlesiens

Die Teilungen

Alternativen für das preußische Teilungsgebiet

Das preußische Erbe des deutschen Staates von 1871

Marschall Pilsudski und die Neubegründung Polens

Wo endet Europa?

Welchen Weg wird Polen in Zukunft gehen?

Polen als Büttel der Sieger

Historische Verantwortung

Die Entstehung der polnisch-deutschen Nachbarschaft

 

Deutsche und Polen bzw. ihre Vorfahren sind seit dem Ende der Völkerwanderung Nachbarn. Westslawische Stämme rückten bekanntlich in den Raum zwischen Elbe und Bug ein und entfalteten dort ihr volkliches und politisches Leben. Ähnlich wie das deutsche Volk bildete sich das Volk der Polen aus der Zusammenfassung mehrere Stämme, so der Wislanen, der Masowier und der Polanen. Geschichtliche Subjekte wurden Deutsche und Polen durch die Christianisierung, die sich unterschiedlich gestaltete. Deutsche und Polen wurden katholische Völker, geprägt durch die Lehre der Kirche vom Reich Gottes.

Es war für die Polen selbstverständlich, sich eng an das erneuerte „Imperium Romanum der fränkischen und deutschen Könige anzuschließen. Doch wurden ihre Siedlungsgebiete nicht wie Böhmen und Mähren in die Grenzen des Reiches eingegliedert. Das Verhältnis von Polen zum Reich blieb zunächst das eines Vasallenstaates, wie der vom Kaiser verliehene Titel des polnischen Königs „Amicus Imperatoris“ zeigt.

Bei der Ausprägung der Grenzen zwischen dem Reich und Polen blieben Gebiete von beträchtlicher Ausdehnung zunächst umstritten. Es handelte sich um das Herzogtum Pommern, um die Nordmark (heute Land Brandenburg) und die Mark Meißen (heutiger „Freistaat Sachsen“ und Niederlausitz) und um Schlesien. Diese Territorien gliederten sich im Verlaufe eines Jahrhunderte währenden Prozesses an das „Imperium Romanum“ an. Dabei gab es durchaus kämpferische Auseinandersetzungen, - im Allgemeinen kann aber kein Zweifel daran bestehen, daß es sich bei den Eingliederungen in das Reichsgebiet um freie Entscheidungen der Stammesfürsten, der Landesherren und ihrer Hintersassen handelte, die zwischen zwei Bewerbern denjenigen wählten, der ihnen am Meisten zu bieten in der Lage war. Dies betrifft sowohl Pommern, das sich der polnischen Oberherrschaft entzog, als auch Schlesien, das über die Brücke des Riesengebirges eng an das böhmische Reichsgebiet heran wuchs. Als Kaiser Karl IV. am 7. April 1348 Schlesien förmlich den böhmischen Kronlande inkorporierte, war dieser Prozeß bereits abgeschlossen.

Das enge Verhältnis zwischen den Polen und dem Reich kennzeichnet die Tatsache, daß Boleslaw der Tapfere von Kaiser Otto III. zum Tribunatus erhoben wurde, dessen Aufgabe es war, die Macht des christlichen Kaisertums nach Osten hin zu vertreten. Diese Aufgabe hat Polen jahrhundertelang treu erfüllt, treuer als viele deutsche Reichsfürsten. Polnische Fürsten waren jahrhundertelang selbst Reichsfürsten und wurden Teil des Reichsadels. Zwischen den Adelsgeschlechtern bestanden in dieser Zeit enge verwandtschaftliche Beziehungen. Es sei nur die aus Bayern stammende Hl. Hedwig von Andechs genannt, Patronin Schlesiens und des Bistums Berlin, damals Gattin des piastischen Herzogs Boleslaw dem Bärtigen.

Bereits im 12. Jahrhundert brach der polnische Staat auseinander, es begann eine durch innere Auseinandersetzungen und Gewalt geprägte Geschichte, an deren Ende ein staatlicher Neubeginn stand. In diese Zeit gehört die Berufung des Deutschen Ordens durch den masowischen Fürsten Konrad, der ein Stammvater der Habsburger ist. Die umfangreiche deutsche Städtegründung und Siedlung wurde von den polnischen (Teil-)fürsten sorgfältig gefördert, fast alle polnischen Städte sind entweder nach deutschem Recht gegründet oder auf dieses umgestellt worden. Die urpolnische Hauptstadt Krakau war eine deutschrechtliche Stadt, ihre Hauptkirche, die Marienkirche war die Kirche der deutschen katholischen Gemeinde, die auch den berühmten Altar von Veit Stoß gestiftet hat. All diese Fakten, die ich hier nur streifen kann, zeigen die engste kulturelle und volkliche Durchdringung des gesamten ostdeutsch-polnischen Raumes, die natürlich auf Gegenseitigkeit beruhte.

Es dürfte keine zwei Völker in Europa geben, die ethnisch so eng verwandt und kulturell so stark ineinander verwoben sind, wie das deutsche und das polnische. Lediglich die Zugehörigkeit zu einander fremden Sprachgruppen trennt bis zum heutigen Tage das Gemeinschaftsbewußtsein der Polen und Deutschen, ein Bewußtsein, das auch durch konfessionelle, dynastische, ökonomische und politische Entwicklungen immer wieder litt, bis hin zu den letztlich völlig überflüssigen Aggressionen des 20. Jahrhunderts.

Der Deutsche Orden

Der Deutsche Orden hat Preußen und das Baltikum auf Geheiß des Fürsten Konrad von Masowien kolonisiert und missioniert. Daß er langfristig scheiterte, hat neben imperiale und nationalen Gründe auch geopolitische. Die mit geringen Mitteln an der Ostsee bis hinauf an den Peipussee aufgerichtete Herrschaft war in extremen Maße überdehnt und konnte langfristig militärisch kaum behauptet werden. Das Reich des Deutschen Ordens reichte von der Oder bis zur Narwa, nahe dem heutigen St. Petersburg und konnte von den Ostseeküsten aus eine Tiefe von oft nur etwa 100 km beanspruchen. Die Länge der Grenzen und Küsten des Ordensstaates entsprach der Länge aller sonstigen deutschen Grenzen, bei einer Fläche, die höchstens ein Zehntel des Reichsgebietes ausmachte. Dies beeinflußte den Untergang des Ordensstaates erheblich.

Es ist dem Reiche vorgeworfen worden, daß es den Orden und das Deutschtum im Baltikum im Stich gelassen habe. Doch waren die Kaiser, vor allem Maximilian I., verpflichtet, im Interesse des gesamten Imperiums sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das hat Maximilian, so weit es in seiner Macht lag, getan. Vielleicht wäre es im Interesse des Reiches und Polens gewesen, das Land des Ordens in weltliche Fürstentümer umzuwandeln. Auch dem Deutschen Orden hätte es besser getan, sich auf ausschließlich geistliche Aufgaben zu besinnen. Doch dies ist graue Theorie, so wie die deutsch-polnisch-borussische Deutung des Ordens allerdings auch romantische Saga ist. Die Schlacht von Tannenberg-Grunwald ist eines der bedeutendsten Epitaphe der europäischen Geschichte. Deutsche und Polen haben ewige Ursache des Stolzes auf die militärischen und patriotischen Leistungen der Ritterheere und ewig seien sie eingedenk der Schlachthymnen „Bogurodzica“ (Gottesmutter) und „Christ ist erstanden“.

Jagellonen und Habsburger

Hedwig war die Erbtochter des Hauses Anjou und sollte Polen als Mitgift erhalten. Hedwig liebte Wilhelm von Habsburg und war mit diesem auf eine Weise einig geworden, daß dieser sich für mit ihr verheiratet hielt. Doch hatte der polnische Adel bei der Gattenwahl wie bei allen nationalen Angelegenheiten ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Er verlangte nach einem Gemahl, der fähig ist, die Macht Polens im Osten zu befestigen. Deshalb fiel die Wahl auf den litauischen Prinzen Jagello. Die Hochzeit und Taufe des Jagello führte zur Bekehrung des ganzen litauischen Volkes, das seinem Herzog in das katholische Christentum folgte und das Heidentum ablegte, so seine bis zu heutigen Tage andauernde Westbindung im katholischen Sinne begründend.

Die geopolitischen Konsequenzen der polnisch-litauischen Allianz waren beträchtlich und wirken bis zum heutigen Tage nach. Vor allem war die religiöse Entscheidung der Litauer nachhaltig. Ohne diese Entscheidung wäre Litauen wahrscheinlich entweder vom orthodoxen Sumpf oder von den teutonisch-protestantischen Preußen verschluckt worden. Für den Orden brachen schwere Zeiten an, Unterstützung des Reichs und des Heiligen Stuhls für kriegerische Aktivitäten konnte er nicht mehr beanspruchen, da er kein Mandat hatte, gegen katholische Nachbarn anzutreten. Polen und Litauen waren als Union stärker, als sie es als Verbündete je hätten sein können. Die Personalunion schuf die größte Monarchie, das größte Reich Europas und befestigte den katholischen Glauben bis an den Dnjepr.

Die Jagellonendynastie stand in engsten Verbindungen zum Hochadel des Reiches, insbesondere zu den Geschlechtern der Habsburger und Hohenzollern. Die drei jungen, kraftstrotzenden Dynastien sollten jede in ihrer Weise voller Herrschergeist und Sendungsbewustsein in die Geschichte Europas eingreifen. Während sich die Hohenzollern um den Landesausbau eines entlegenen und armen Territoriums kümmern mußten, konnten Jagello und Albrecht sofort zu den Gipfeln des europäischen Olymp aufbrechen und nach Kronen streben, die zum Höchsten zählen, was die Welt zu bieten hatte. Während Jagello im Jahre 1386 Hedwig, die Erbin Polens heiratete, hatte Albrecht von Habsburg im Jahre 1421 die Erbin Ungarns aus dem Hause Luxemburg geehelicht. Deren Tochter Elisabeth wiederum wurde die Frau Kasimir Jagelloncziks, des Sohns Jagellos. Sie schenkte dem Jagellonengeschlecht zahlreiche tatkräftige Nachkommen, vier ihrer Söhne wurden Könige, einer Kardinal, einer wurde heiliggesprochen.

Im Jahre 1521 wurde Anna, die Tochter des Jagellonen Ladislaus V., König von Böhmen und Ungarn, und Enkelin Kasimir Jagelloncziks mit dem späteren Kaiser Ferdinand I. vermählt. Sie zog im Jahre 1515 zwölfjährig mit unvorstellbarem Prunk in Wien ein, nach dem auf einem Erbschaftskongreß die Erbfolge für die in die Ehe gebrachten Länder geregelt worden war. Noch sechs Jahre mußte sie sehnlich warten, bis die in Wien geschlossene Ehe in Linz bestätigt und vollzogen wurde. 26 Jahre dauerte die Ehe des Kaisers und seiner tanzlustigen Frau, die auch vorbildliche Mutter von 15 Kindern wurde. Anna, die Jagellonin, war Stammutter aller späteren Habsburger bis auf den heutigen Tag, allein drei ihrer Enkel waren Kaiser des Reiches. Die Liebe zwischen Anna und Ferdinand war außerordentlich zärtlich - ein überzeugender Beweis für eheliche Liebe gerade in Zweckheiraten. Stets begleitete Anna den Kaiser auf seinen Reisen, er meinte scherzhaft, die Reisekosten für seine Frau seien sinnvoller angelegt als diejenigen für amouröse Abenteuer anderer Fürsten.

Der Bruder Annas, der Jagellone Ludwig II., erbte im Jahre 1516 die Kronen Ungarns und Böhmens von seinem Vater. Doch bereits zehn Jahre später fiel er im Kampfe gegen Sultan Suleiman II. in der Schlacht von Mohácz. Diese wenig berühmte Schlacht hatte außerordentlichen Einfluß auf die europäische Geschichte, fielen doch aufgrund des Wiener Erbschaftsvertrages von 1515 die Länder Ungarn und Böhmen vom Haus der Jagellonen an das Haus Habsburg zurück, wo sie bis zur europäischen Revolution von 1917-1920 verbleiben sollten. Die Jagellonen schieden aus dem weiteren Gestaltungskreis der Weltgeschichte aus und Polen tendierte von einer mitteleuropäischen zu einer osteuropäischen Macht. Die Jagellonen blieben die Verlierer im Erbschaftspoker, um so bedauerlicher, wenn man bedenkt, daß sie die Hohenzollern beerbt hätten, wenn diese denn jemals im Mannesstamme ausgestorben wären, und auf dem Erbwege ganz Preußen erworben hätten. Doch dies war niemals der Fall.

Auch Sigmund I. der Alte war Sohn einer Habsburgerin, Elisabeth, der größten Königin Polens. Doch das konnte seinen Schmerz nicht mindern, im Gegenteil, es verstärkte die Qual den konsolidiert geglaubten Besitz an einem Schicksalstag wieder an die Sippe des Onkels verlieren zu müssen. War doch auch die Mutter mit ganzer Seele Jagellonin geworden und hatte alles getan, ihren Söhnen zu Kronen und Ehren zu verhelfen. Und - sie war nicht nur mit ganzer Seele Jagellonin, sie war auch mit ganzer Seele Polin, die das Land bis in die entlegensten Teile durchreiste, ihren Mann klug und handfest unterstützend. Nicht zuletzt als Frucht ihrer katholischen Erziehung führte ihr Sohn Kasimir ein so frommes Leben, daß die Kirche ihn heiligsprach.

Auch in den folgenden Jahrhunderten zierte eine nicht unerhebliche Anzahl habsburgischer Prinzessinnen die Seite des jeweiligen polnischen Regenten. Unter ihnen waren Elisabeth und Katharina, Töchter des Kaisers Ferdinand I. und selbst Töchter einer Jagellonin. Frau des polnischen Königs Sigmund III. Wasa war die Habsburgerin Anna, die ihrem Mann zwischen ihrem 18. und 25. Lebensjahr fünf Kinder gebar. Dieser heiratete anschließend die Schwester Annas, Konstanze, auch sie hatte fünf Kinder, so daß Sigmund III. Vater zehn habsburgisch-jagellonischer Sprößlinge gewesen ist. Zwei weitere polnische Königinnen aus dem Hause Habsburg waren Eleonore Maria Josefa, Gattin König Michael Wisniowieckis und Maria Josefa, Gemahlin August des Starken (Heirat 1719).

Während des 1. Weltkrieges mehrten sich die Bestrebungen um die Restauration eines polnischen Königreiches1 und der Habsburger Erzherzog Karl Stefan wurde allgemein als Anwärter auf einen zu errichtenden polnischen Thron angesehen. Es war nicht die deutsche Seite, sondern der Wiener Hof, der eine Obstruktionspolitik betrieb, da er die polnische Krone mit den Kronen Böhmens und Ungarns in Personalunion beim Kaiser von Österreich vereinen wollte. Als schließlich Kaiser Wilhelm einseitig ein polnisches Königtum mit Karl Stefan an der Spitze errichten wollte, winkte dieser ab - es war zu spät, die welthistorische Gelegenheit war, vielleicht für alle Zeit, vorüber.

Von den Jagellonen zu den Teilungen

Nach Ausgang der Jagellonendynastie hatte sich ein adelsrepublikanisches System mit reinem Wahlkönigtum etabliert. Zwar gab es zu Anfang noch vorsichtige dynastische Orientierungen, doch wurden diese von der mächtigen Schlachta im Keime erstickt. Die Jagellonen waren an der historischen Aufgabe gescheitert, Polen zu einer Erbmonarchie umzuformen, sowie die Schlachta zu entmachten und zu dezimieren. Die Adelsdemokratie führte, wie jede Demokratie, zu innerer und äußerer Schwächung des Reiches, das ja im Jahre 1572, als der letzte Jagellone Sigmund II. August starb, eines der mächtigsten Reiche Europas noch gewesen ist. Auf den Reichstagen erschienen zur Königswahl tausende Wähler, gewählt wurde im allgemeinen ein schwacher, den Magnaten gefügiger ausländischer Fürst mit wohlklingendem Namen.

Im Jahre 1697 war August II. von Sachsen-Wettin gewählt worden. August war im Vorfelde der Wahl aus tiefer Glaubensüberzeugung zum Katholizismus konvertiert. Immerhin verdanken wir dieser Entscheidung die katholische Hofkirche in Dresden. Die Regierungszeit Augusts und seines Sohnes war eine schwache, woran jedoch vor allem die Magnaten selbst schuld waren, die ihren antimonarchischen Instinkten freie Bahn ließen und schon im Ansatz den heilsamen Versuch, Polen in ein Wettiner Erbreich einzugliedern, verhinderten. Zudem gab man sich der Illusion hin, die Waffen- und Wehrlosigkeit Polens könne die mächtigen Nachbarn mitleidsvoll von Angriffen abhalten.

Trotzdem wurde der 2. Nordische Krieg (1700 - 1721) wiederum überwiegend auf polnischem Territorium ausgetragen und nur der große russische Sieg über die Schweden bei Poltawa (1709) führte zur Rettung Polens vor den Schweden, das nun allerdings in eine noch stärkere, diesmal russische außenpolitischer Abhängigkeit als zuvor geriet. Der schwedische Einfluß wurde durch einen ungleich gefährlicheren russischen abgelöst, die Anwesenheit russischer Truppen in Polen und die Einbeziehung des Zaren in auch geringfügige Streitfragen zum Normalfall.

Es ist schwer verständlich, daß die Polen ihren Zorn an ihrem König auslassen, den sie ja nicht hätten wählen müssen. Sicherlich war das Haus Wettin nicht sonderlich geeignet für den polnischen Thron, doch war es immer noch erheblich geeigneter als andere denkbare „Kandidaten“. Daß sich die Magnaten zur Wahrung ihrer zerstörerischen „Freiheiten“ in die russischen Arme warfen und daß man zuvor alles, aber auch alles daran gesetzt hatte, eine ausländische und möglichst schwache Dynastie zu bekommen und zu kultivieren, war nicht dem Haus Wettin anzulasten.

Peter I. von Rußland hegte keine zärtlichen Gefühle für den polnischen Magnatenstaat und er legte sorgfältig die Grundlagen für dessen einstmaliges Ende. Im „Potsdamer Traktat“ vereinbarte er bereits im Jahre 1720 mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm die Zementierung der polnischen Verfassung. Den Polen hätte die Liebe der Feinde Polens zur polnischen Verfassung auffallen müssen. Selbst am den Friedensschlüssen, die ihr eigenes Territorium betrafen, wurde Polen nun nicht mehr beteiligt. Rußland entschied beispielsweise, daß nicht etwa ein „Piast“, sondern wiederum ein sächsischer Kurfürst im Jahre 1733 nächster polnischer König wurde. Auch im Zusammenhang mit dieser Königswahl wurden weitere Absprachen für die Auflösung Polens getroffen.

Preußen als Keimzelle der polnisch-deutschen Antagonie

Die bis heute bestehenden deutsch-polnischen Gegensätze sind Erbe der preußischen Arrondierungspolitik, die kurzsichtigem Staatsegoismus entsprang. Preußen war Vorreiter einer Entwicklung, der den Eigennutz der Teilstaaten auch gegen das Reich zum Handlungsmaßstab machte. Dabei ist Staatsegoismus oft genug nichts als politische Dummheit. Selten hat es einen Staat gegeben, der in der Lage war, stets auf einen Interessenausgleich mit seinen Nachbarn zu verzichten. Bereits die Abwehrkämpfe gegen die Ungarn und Dänen im 10. Jahrhundert hatten seit Heinrich I. deutlich gezeigt, daß in Mitteleuropa eine Behauptung gegen die von allen Seiten anbrandenden Feinde nur gemeinsam und nur im Reichsverbande möglich ist. Die ottonischen Könige besaßen die Fähigkeit, die Kräfte des Reiches zur Abwehr zu bündeln, den Feind an der Grenze zu disziplinieren und ihn zur Mitarbeit zu erziehen. Diese Fähigkeit hat Preußen zu seinem eigenen Schaden und zum Schaden des Reiches, zum Schaden Europas nie besessen. Deshalb muß Preußen als Zerstörer des Reiches betrachtet werden.

Die Erhebung Preußens zum Königtum konnten die Hohenzollern nur durch wiederholten Bruch des Reichsrechtes, durch die Vernachlässigung ihrer außenpolitischer Verpflichtungen und durch notorische Bündnispolitik mit reichsfeindlichen Kräften erreichen. Die Feinde des Reiches waren fast ausnahmslos auch außenpolitische Feinde Polens. Preußen hat sich mit ihnen sowohl zum Schaden des Reiches als auch zum Schaden Polens zusammengetan. Das durch den jahrzehntelangen Krieg geschwächte Reich, dessen Handlungsfähigkeit seit dem 30jährigen Krieg erheblich eingeschränkt war, mußte gute Miene zur Krönung in Königsberg machen. Leopold I. wußte zwar, daß ihm ein „Vandalenkönig an der Ostsee“ ins Haus steht, doch konnte er dem nicht abhelfen. Das „fait accompli“ einer preußisch-protestantischen Königskrone mußte das Reich erheblichen Risiken aussetzen und die zentrale Stellung der deutschen Krone gefährden. Zudem gab die Krönung der reichsfeindlichen Ideologie des Kalvinismus erheblichen Auftrieb.

Polen war durch eine klug und sensitiv agierende Politik der Reformation und dem Sektenwesen z.B. der Unitarier Herr geworden und hatte nach einer etwa einhundertjährigen religiös wirren Periode völlig den Katholizismus restituiert. Die am 1. April 1656 erfolgte Proklamation der Muttergottes zur Königin Polens war der Schlußstein der polnischen Gegenreformation, die in der Verteidigung des Paulinerklosters in Tschenstochau einen Höhepunkt gefunden hatte. Schattenseite der Gegenreformation war die Verfestigung eines starren Konservatismus, der wirksame Reformen nur zu oft verhinderte.

Der deutsch-polnische Gegensatz ist das Ergebnisse der reichsfeindlichen und gleichermaßen gegen Polen gerichteten preußischen Politik. Preußische Politik und die Demokratiebestrebungen haben sich hierbei unheilvoll überlagert und verstärkt. Dadurch wurden die jahrhundertelang stabilen Beziehungen des Reiches zu seinem wichtigsten östlichen Nachbarn und Markhalter geschädigt; für Deutschland entstand ein Ostproblem, das ohne die preußische Intransigenz nicht bestanden hätte.

Die Polenpolitik Friedrichs II.

Die Außenpolitik Friedrichs war darauf gerichtet, die Westgebiete des Reiches zugunsten preußischen Territorialgewinnes auf Kosten Österreichs und Polens preiszugeben und Rußland auf Kosten Polens nach Osteuropa hereinzuholen. Auf Reichsrecht und Reichsinteressen nahm Friedrich keinerlei Rücksicht. Diese reichsfeindliche Haltung führte zur Zerstörung des Reiches und zur Beherrschung seiner Territorien durch seine Feinde bis zum heutigen Tage.

Zu dem Erbe, das Friedrich antrat, gehörte das Land Preußen, im wesentlichen so, wie es Albrecht im Jahre 1525 als Lehnsmanndes Königs von Polen geschaffen hatte. Zu Preußen gehörte demnach nicht das Ermland, das 1466 im 2. Thorner Frieden als "Preußen königlichen Anteils" dem König von Polen übergeben wurde. An diesen territorialen Verhältnissen änderte auch der 1. Nordische Krieg nichts, in dem bekanntlich der Kurfürst Friedrich Wilhelm die Souveränität über das "herzogliche" Preußen erlangt hatte. Friedrich konnte sich deshalb wie sein Vater und Großvater nur "König in Preußen" nennen. Hier liegt eine semantische Wurzel für seine gegen Polen gerichtete Politik, mußte er doch nach dem Erwerb des Ermlandes streben um das vollständige Königtum von Preußen für sich reklamieren zu können.

Der Gewinn der Souveränität für das "herzogliche" Preußen führte zu erheblichem Druck auf die Landbrücke zwischen dem Hohenzollernland Pommern und dem Hohenzollernland Preußen. Das Königreich Preußen reichte bei Marienwerder bis an die Weichsel, die Entfernung von hier bis zur pommerschen Ostgrenze beträgt weniger als 100 km. Zwischen der Weichsel und der pommerschen Ostgrenze liegt das später so genannte "Westpreußen", mit Danzig, Thorn und Kulm. Dieses ehemalige Ordensland war ethnisch bunt gemischt, Deutsche, Kaschuben, Kujawier und Masowier lebten hier seit Ende des Ordensstaates unter dem Schutz des Königs von Polen friedlich zusammen. Sehnsucht nach einer Hohenzollernherrschaft ist nicht zu erkennen, im Gegenteil, namentlich die Städte, aber auch die deutschblütigen Landstände wehrten sich dagegen, die Freiheiten, welche die polnisch-katholische Krone ihnen gewährte, zu verlieren und unter das Borussenszepter zu gelangen.

Preußens stand im Ruf der Politik der Beschneidung und Aufhebung der ständischen Freiheiten. Die Vorgänge im herzoglichen Preußen waren im Ermland und an der Weichsel nicht verborgen geblieben. Der ständische Standpunkt konnte zwar auf Dauer nicht der einzig maßgebende sein, doch war die Einengung der ständischen Freiheiten den Westpreußen Grund genug für die Ablehnung der Hohenzollern. Das katholische Ermland mit seinem bodenständigen Bischof hatte erheblichen Grund zur Sorge um Glaube und Kultur.

Es ist kein Zufall, daß bereits 20 Jahre nach dem Tode Friedrichs II. das Ende des «Imperium Romanum», des Reichs der Deutschen gekommen war. 36 Jahre beständige Zerstörungsarbeit hatten ihr Werk getan. War das «Imperium Romanum» bei Friedrichs Regierungsantritt durchaus noch reformfähig, konnte es 1786 als abrißreif betrachtet werden. Hatte sein Urahn, Markgraf Johann Georg im Jahre 1580 noch ausgerufen: "Man sollte das alte bruchfällige Reichsgebeu lieber stützen als vollends brechen!", so bereitete Friedrich den wahnsinnigen Destruktivismus Nietzsches vor, in dem er zu stürzen suchte, was schwach war.

Die Souveränität über Preußen, die ja die preußische Königskrone überhaupt ermöglicht hatte, hätte bei einer anderen Politik der Hohenzollern, auch aussichtsreiche Möglichkeiten für eine konstruktive preußisch-polnische und deutsch-polnische Politik eröffnen können. War doch das Doppelverhältnis als preußischer Lehnsmann des polnischen Königs und als unabhängiger brandenburgischer Nachbar den heranziehenden Normen einer modernen Zeit nicht mehr angemessen. Doch den Hohenzollern ging es um eine Schwächung des polnischen Nachbarn und um Machtgewinn auf Kosten Polens und des Reichs.

Der Erwerb Schlesiens

Der kriegerische Erwerb Schlesiens durch Friedrich war der Vorbote der Zerstörung des Reiches. Zur Begründung dieses Angriffs auf das Erzhaus mußten zweihundert Jahre alte Erbverbrüderungen mit den piastischen Herzögen von Liegnitz, Brieg und Wohlau herhalten. Doch waren diese Verträge ungültig und unwirksam, da der böhmische König als Lehnsherr sie nicht nur unbestätigt gelassen, sondern ihnen sogar förmlich widersprochen hatte.

Es liegt auch auf der Hand, daß Schlesien im Interesse der Reichseinheit besser bei Österreich auf­gehoben gewesen wäre. Schlesien war vor Jahrhunderten über Böhmen fest ins Reichsgebiet hinein gewachsen und gehörte kulturell, volklich und geographisch zu Böhmen und Mähren. Nun wurde die Grenze zwischen Schlesien und Böhmen zur Staatsgrenze. Die herrliche schlesische Kultur wurde schwer geschädigt. Tausende Schlesier sind deshalb lange vor 1945 nach Übersee ausgewandert.

Der Erwerb Schlesiens durch Preußen schwächte vor allem die Position des Reiches in Böhmen, dem ewigen Unruheherd mit ethnischen, politischen und religiösen Spannungen. Der Staat Preußen selbst wurde nun zu einem sinnlosen und völlig überflüssigen Druck auf die polnischen Westgebiete, namentlich Posen und Gnesen, gezwungen. Durch den Erwerb Schlesiens wurde die Länge der preußisch-polnische Grenze verdoppelt. Polen war nun im Westen, Südwesten und Nordwesten und Norden von borussischen Territorien umgeben. Die schlesischen Kriege zeigten, daß Preußen zu allem bereit war.

Der Erwerb Schlesiens schwächte aber auch Preußen, da die Landverbindung zwischen Brandenburg und Schlesien so schmal war, daß man sie an einem Tag durchwandern konnte1 . Allein diese Tatsache führte zu der außenpolitischen Notwendigkeit, ständig Druck auf die Nachbarstaaten, insbesondere Sachsen und Polen, auszuüben. Ziel der preußischen Politik war es denn auch von Stund an zum unrechten Erwerb Schlesiens weiteren unrechten Erwerb hinzuzufügen. Der preußische Territorialzugewinn der Jahre 1772-1815 war im Raub Schlesiens bereits vorgezeichnet.

Die Teilungen

Seit dem Jahre 1745 beherrschte der preußischen König Friedrich II. die gesamte polnische Westgrenze. Seine Erfolge bei der Expansion des Staates und seine großen Leistungen beim inneren Ausbau seiner Länder hätten die Verantwortlichen in Polen aufrütteln müssen. Zwar versuchte der polnische Adel zu reformieren, wurde aber durch Bestechung und Unterwanderung geteilt und blockiert. Die Magnaten versuchten mit allen Mitteln die Wirtschaft auszusaugen und zu strangulieren. Die Städte, einst Glanz und Reichtum Polens, gerieten unter ihre Fuchtel, so daß die Städte fast unbewohnbar wurden. Handel und Handwerk wurden durch Steuerlasten gelähmt, die jahrhundertelang florierenden Handelswege erstarben und selbst der Fernhandel wählte Umwege durch Pommern und Schlesien. Bei seiner parasitären Wirtschaftsweise bedienten sich die polnischen Magnaten einer zahlreichen Schicht jüdischer Verwalter und Zinspresser. Diese waren bei den völlig verarmten Bauernschichten so verhaßt, daß sie regelmäßig Opfer von Aufständen und verzweifelter Selbstjustiz wurden. Die unheilvolle Überlagerung parasitärer Lebens- und Wirtschaftsformen mit einem monetaristischem Zinssystem führte zu der vollständigen Abkopplung Polens vom mitteleuropäischen Wirtschaftsfortschritt und zu namenloser Verelendung.

Zum größten Schaden für das Land verhinderten die Magnaten sämtliche Reformbestrebungen. Auch den bodenständigen König Jan Sobieski, den letzten König, der das Ruder hätte herumreißen können, behinderten die Magnaten so intransigent bei seinen Reformbemühungen zum Wohle Polens, daß dieser am 17. Juni 1696 entmutigt starb.

Angesichts dieser Zustände in Polen waren die Teilungen wohl kaum zu vermeiden. Die vielgerühmte "Maiverfassung" vom 3.Mai 1791 war insofern typisch für demokratische Reformen, als sie mitten im Zusammenbruch erfolgte. Als diese Verfassung dann nach 1920 in Form einer konstitutionellen Monarchie ihre Wirkung hätte tun können, war sie natürlich "völlig überholt". Ansätze zu einer Alternative lassen sich in der preußisch-polnische Defensivallianz von 1790 erkennen. Doch hat Polen durch eine Demokratie, die das Attribut des "Adels" eigentlich nicht verdient, die Aufbau- und Eroberungsarbeit von Jahrhunderten leichtsinnig verspielt. Während in ganz Europa die Dynastien sich festigten, die Rechte der Stände deutlich eingeschränkt wurden und fortschrittliche absolutistische Staatswesen entstanden, die in der Lage waren, das Wohl ihrer Untertanen zu heben und Machtentfaltung nach außen zu gestalten, lieferte sich Polen der Willkür eines hybriden, hypertrophierten Adels aus.

Diese Mißstände wurden, obwohl seit langer Zeit erkannt, nicht beseitigt, sondern bis zum Exzeß überspitzt. Ein sehr großer Teil des polnischen Magnaten gehörte nicht in den „Sejm“ sondern vor ein königliches Kriegsgericht. Doch dazu war keiner der (Wahl-) Monarchen Polens Willens und in der Lage gewesen. Die Kämpfe in den beiden Nordischen Kriegen hätten 1660 und 1721 eine letzte Möglichkeit für die Errichtung einer Erbdynastie ggf. in Personalunion geboten. Doch nahmen die Magnaten lieber die Abhängigkeit von Rußland in Kauf. Dieses historische Versagen führte direkt in die drei Teilungen der Adelsrepublik hinein.

Für viele Polen bedeuteten die Teilungen eine erhebliche Verbesserung ihrer materiellen, kulturellen und staatsbürgerlichen Situation. Namentlich die preußischen und österreichischen Teilungsgebiete erfuhren einen Anschluß an 200 Jahre verpaßter europäischer Entwicklung. Den gesteigerten russischen Einfluß hatten maßgebliche Teile der polnischen politischen Kräfte ja selbst gewünscht, - nun besaß Rußland 80% des polnischen Territoriums vor 1772 und übte dort einen Einfluß aus, der sich wenig von dem unterschied, was vor den Teilungen an der Tagungsordnung gewesen war.

Trotz dieser Tatsachen war die Aufteilung Polens ein Schock und ein Fanal für Europa. Père Gratry meinte, daß Europa seit den Teilungen Polens in Todsünde lebt. Daß ist nur teilweise richtig, denn den Todsünden der Völker kann niemand die Absolution erteilen. Polen entwickelte in der Teilungszeit ein Märtyrerbewußtsein, das dem Charakter der Polen nicht gut getan hat. (Emigranten.) Es darf nicht vergessen werden, daß die Teilungsperiode parallel zur französischen Revolution sich ereignete, die einen unglaublich verwildernden Einfluß auf die Europäische Geschichte ausgeübt hat. Die abschließende dritte Teilung geschah, nachdem Frankreich bereits alle deutschen Gebiete links des Rheins sich angeeignet hatte und mit den Massenmorde in der Vendée eine auf Völkermord basierende Terrorpolitik in das vor Schrecken erstarrte Europa hinein getragen hatte.

Mit den Teilungen hatte sich die innere und notwendige Tendenz Europas, gegen Osten zu expandieren, vollständig umgekehrt. Stand Polen einst an Dnjestr und Dnjepr, tendierte es bis nach Moskau hinein, konnte es die Innenpolitik Rußlands mitbestimmen, war es nun binnen weniger Jahrzehnte völlig von der politischen Land­karte verschwunden. Preußen und Österreich hatten expandiert, doch ging dieser Gewinn auf Kosten eines bisherigen Partners, während Rußland alle Barrieren für den Marsch nach Europa hinein weggeräumt hatte.

Man mag die Qualität der russischen Erwerbungen gering schätzen, geostrategisch waren sie unbezahlbar. Der gesamte Geschichtsverlauf bis zum Wiener Kongreß bestätigt, daß Preußen durch seine Forcierung der Teilungsstrategie nicht nur das Reich in größte Gefahr gebracht hat, sondern auch seine Kräfte erheblich überschätze. Dies hat man Friedrich Wilhelm II. angelastet, er baute jedoch auf der Politik seines Vorgängers Friedrich II. auf. Preußen konnte Grodno nicht behaupten und mußte aus „Südostpreußen“ weichen. Rußland konnte seine Garnisonen vor den Toren Thorns, Posens und Breslaus positionieren. Binnen 50 Jahren war die Ostgrenze Europas um 1.000 km von Smolensk nach Gnesen verschoben worden, ein absolut katastrophales Ergebnis. Vor den Teilungen stand Polen 300 km vor Moskau, nach den Teilungen standen die Russen 300 km vor Wien und Berlin. So wurden die geo­politischen Voraussetzungen für die Einschnürung des deutschen Lebensraumes geschaffen. Die Verluste im Osten nach 1918 und nach 1944 sind unwiderlegbarer Beweis der Richtigkeit dieser Analyse.

Die an Rußland gefallenen Gebiete bedeckten eine Fläche, die unge­fähr der Hälfte des Reichsgröße entsprach, es war zwar nicht gerade dicht besiedelt, stellte aber je­denfalls eine Quelle vielfältiger Reichtümern dar. Die polnisch-litauische Union reichte von Riga und Smolensk bis nach Kiew und Krementschug. Sie wurde der kurzfristigen Lösung internationaler Probleme und dem Dogma eines Gleichgewichtes geopfert, das stets nur Halluzination gewesen war. Daß der Polnische Reichstag zustimmte, besagt nicht mehr als die Zustimmung des Deutschen Bundestages zum Grundgesetz. Europa übte Verrat an sich selbst durch die Hand Preußens, das sich allerdings auch nach Jena wieder ansehnlich arrondierte. Danzig, Westpreußen und Posen schienen eine ausreichende Kompensation für das schlechte Gewissen, einen Staat geopfert zu haben, mit dem man jahrhundertelang verbündet war, mit dessen Jagellonendynastie enge Verwand­schafts­be­ziehungen bestanden hatten, dessen Sprache ein nicht unerheblicher Teil der preußischen Untertanen sprach.

Alternativen für das preußische Teilungsgebiet

Polen hatte niemals an eine Polonisierung Danzigs oder West­preußens gedacht. Hierzu wäre es sicherlich in der Lage gewesen, doch schützte die polnische Republik die Volkstums-, Sprach- und Kulturrechte der Deutschen besser, als der preußische Staat die entsprechenden Rechte der Polen. Zwar hat sich auch Preußen vielfach um die Rechte der Polen bemüht, doch schraubte es diese Bemühungen stets zurück, wenn der polnische, gelegentlich chaotische Freiheitsdrang sich bemerkbar machte. Preußen war nicht in der Lage, eine ehrliche Rechtsgrundlage des polnischen Lebens zu verwirklichen.

Die demokratischen Bestrebungen nicht nur der Polen, sondern auch der deutschblütigen Preußen verschärften die an sich bereits schwierige Lage erheblich. Diese Bestrebungen enthüllten die Tendenz, daß die Demokratie zum Todesprinzip des freien Europas werden mußte. Als sich im Jahre 1848 die Widersprüche zwischen dem bestehenden staatsrechtlichen Zustande des Deutschen Bundes und den Wünschen der großdeutsch gesonnenen Demokraten herausstellte, unternahm es der mitteldeutsche Publizist Constantin Frantz, die nationale Frage abseits der damaligen ideologischen Kampflinien zu durchdenken. Dabei gelangte er zu einem Konzept föderativer staatlicher Bindungen in Mitteleuropa, einem Konzept, das verwirklicht unter bestimmten Umständen die Verteidigung Europas gegen die russische und amerikanische Gefahr möglich gemacht hätte.

Eine Verwirklichung derartiger Pläne war nicht so unwahrscheinlich, wie es im Rückblick erscheinen mag, im preußischen Adel gab es beispielsweise Sympathien für eine polnische Autonomie und einem revolutionären Krieg gegen Rußland waren viele Deutsche nicht abgeneigt. Doch scheiterten alle derartige Vorstellungen. An dieser Stelle sei immerhin das damalige Konzept Frantz' in zusammengefaßter Form dargestellt:

Frantz geht davon aus, daß Polen nicht untergehen kann, da es immer als Nation bestanden hat. Ein Neuerstehen der polnischen Nation muß nicht gegen Deutschland gerichtet sein, da Polen und Deutschland gemeinsame Interessen haben. So ist Polen in verkehrlicher und wirtschaftlicher Hinsicht auf Deutschland verwiesen. Auch für die Neubegründung eines geordneten Staatswesens braucht Polen dringend deutsche Hilfe, damit ein Abgleiten in die Adelsanarchie diesmal vermieden werde. Deshalb schlägt Frantz eine Union von Preußen und den polnischen Teilen Österreichs und Rußlands, d.h. Altpolens, unter der preußischen Krone vor.

Der agrarische Charakter Polens läßt, so Frantz, den Anschluß an ein bürgerlich-industrielles Land sinnvoll erscheinen, so daß die Verbindung mit Deutschland Polen an die Spitze der Völker bringen kann. Deutschland, das zu allen Zeiten slawische Nationen in seinen Grenzen gehabt hat, gewinnt mit Polen einen Absatzmarkt für seine Industrien, sowie Zugang zu weiteren Märkten.

Bei der Entwicklung des föderativer Gedankens muß die Vorstellung der Herrschaft eines Volkes über das andere verschwinden. Statt Beherrschung sieht Frantz einen gleichberechtigten "Sozialismus der Völker" als Sinn und Ziel. Auch die unterschiedlichen Konfessionen, Katholizismus und norddeutscher Protestantismus, können sich ergänzen. Eine Föderation Polens und Preußen würde den preußischen König zum "Besitz" der Polen machen und nicht umgekehrt die Polen zum Besitze Preußens.

Die deutsche Herrschaft ist nach Frantz europäisches Mittleramt. Die offene Gestalt Osteuropas fordert einen osteuropäischen Bundesstaat unter Einschluß Preußens, Polens, Litauens und Kurlands. Die baltischen Völker sind zu einer gemeinsamen zivilisatorischen Einheit unter Führung Preußens aufgerufen. Wie Österreich den Donauraum an Deutschland anschließt, so kann Preußen den Osten an Deutschland heranführen. Rußland darf als Teil Asiens nicht in diesen Bund aufgenommen werden, es hat eigene Aufgaben und Probleme.

Frantz betont, daß der Nationalismus nicht zum Maßstab der Staatengründung herangezogen werden darf. Nationalismus ist nicht nur für Osteuropa tödlich! Gott will wohl die Nationen, aber er will auch ihr Zusammenleben und ihre Versöhnung, deshalb sollte es in Mitteleuropa keine scharfe staatliche Trennung zwischen den Nationen geben. Ein selbständiges, nicht mit Deutschland verbundenes Polen ist nicht wünschenswert, da es zu schwach wäre, den europäischen Schutzschild gegen Moskau zu bilden und Spielball von Paris und Moskau werden müsse.

Preußen kann als Katalysator für gesellschaftlichen Fortschritt wirken. Der Panslawismus ist die schlechteste Lösung, weil er zur Russifiziert Europas führen muß. Preußen hingegen ist auf Polen verwiesen, da Preußen in seiner ganzen Geschichte eng mit Polen verbunden war und durch Natur und Geschichte auf Polen verwiesen ist: "Deutschland, in der Mitte der Völker stehend, ist nicht dazu bestimmt, sich abzuschließen und sich zu zentralisieren, wie Frankreich, es ist dazu berufen, die Völkereinheit zu vermitteln, und diese Einheit selbst durch einen großen föderativen Organismus zu repräsentieren. Die deutschen Stämme und die Stimmen der konföderierten Völker bilden das wahre Parlament. Der deutsche Geist, das ist der wahre Kaiser. Er wohnt nicht in Frankfurt noch auch in Wien oder Berlin, er ist hier und dort und allerwegen, und er wird wirken bis an das Ende der Tage."

Das preußische Erbe des deutschen Staates von 1871

Das Donnerwetter von 1864-1871 übergrollte auch bald Preußisch-Polen. Der Sprecher der Polen im nun "deutschen" Reichstag rief aus: "Wir wollen, meine Herren, bis Gott anders über uns bestimmt hat, unter preußischer Herrschaft bleiben, aber dem Deutschen Reich wollen wir nicht einverleibt sein." Dabei hatten polnisch-preußische Soldaten die Siege von Königgrätz, Sedan und Düppel mit erfochten; jeder 14 Bürger im "Deutschen Reich" war polnischer Zunge. Doch sowenig dieses Reich ein Reich war, so wenig konnte es das historische und volkliche Polen erreichen.

Durch die Einverleibung Elsaß-Lothringens war ein neues Element in das deutsche Nationalitätsverständnis hineingebracht worden - Deutschland berief sich in der kleindeutschen Union von 1871 nun auf dasselbe territorial-historisches Prinzip wie die polnischen Nationalisten in der Provinz Posen und Westpreußens und wurde so seiner Argumente zur Aufrechterhaltung der preußischen bzw. "deutschen" Herrschaft in Posen beraubt. Der Nationalismus des Reiches höhlte die übernationale Verfassung Preußens massiv aus.

Außenpolitisch führte die polnische Frage zu einer Erstarrung des Reiches: Das gemeinsame Interesse Deutschlands und Rußlands an einer letztlich gewaltsamen Aufrechterhaltung der nicht mehr rechtlich zu vertretenden Herrschaft über die polnischen Teilungsgebiete führte zu einer dauerhaften Irritation des Verhältnisses zu Österreich und dazu, daß die dringend notwendige österreichisch-deutsche Frontstellung gegen Rußland als zu riskant betrachtet wurde.

Das Kaiserreich, in seiner Polenpolitik hart und autoritär, verschärfte durch den Kulturkampf die Fronten empfindlich. Zwar war dieser Kulturkampf eine gesamteuropäische Erscheinung, doch wirkte er sich in Preußen in besonderem Maße zerstörerisch aus. Sämtlich katholischen Bischöfe auf preußischem Territorium saßen zeitweise im Gefängnis. Im Deutschen Reich herrschte ein immer tiefer werdendes Unverständnis für Polen und seine politischen Bedürfnisse. Die Propaganda des Ostmarkenvereins, der "Hakatisten" hallte durch Deutschland, doch löste sie kein einziges Problem und half einen Nationalhaß zu schaffen, der noch heute unzählige Menschen in beiden Ländern beeinflußt. Ähnliche bedenkliche Erscheinungen, meist auf demokratischer Grundlage, machten sich auf polnischer Seite bemerkbar, die auch durch die mißliche nationale Lage nicht entschuldigt werden können.

Der in diese verwirrte Zeit hereinbrechende Weltkrieg wurde von allen Seiten als Gelegenheit zur Lösung der Konflikte begrüßt. Polen wurde zum Aufmarschgebiet der zarischen Truppen, die aus strategisch idealer Lage Deutschland in wenigen Wochen hätten überrennen können. Doch die in Solschenizyns "Rotem Rad" geschilderte Unfähigkeit der russischen Generäle führte zu der deutsch-österreichischen Besetzung ganz Polens schon im Sommer 1915. Am 5. April 1916 erklärte Reichskanzler Bethmann-Hollweg vor dem Reichstag, daß eine neue Haltung in der Polenfrage gefunden werden muß. Doch leider wurde diese neue Haltung in der Politik des Reiches nicht manifest. Erst am 15. November 1916 proklamierten der deutsche und der österreichische Kaiser die Wiederherstellung eines polnischen Staates, der nur vormals russisch-polnisches Gebiet umfassen sollte. Hinter der Proklamation stand erkennbar der Wunsch der Obersten Heeresleitung nach polnischen Rekruten. Die Gründung einer polnischen Armee unter einem polnischem Kommando erfolgte jedoch nicht und so blieb auch die Rekrutenwerbung ein Mißerfolg.

Ein Provisorischer Staatsrat mit beratender Funktion wurde im Januar 1917 eingerichtet, auch Pilsudski, der Führer der nationalen Sozialisten wurde Mitglied dieses Rates. Doch als sich zeigte, daß den Polen keine eigene Entscheidungsbefugnis von deutscher Seite eingeräumt werden würde, legte Pilsudski sein Mandat nieder und die polnischen Legionen verweigerten den Eid. Pilsudski wurde im Sommer 1917 in der Festung Magdeburg interniert. Ein nun nachträglich etablierter Regentschaftsrat konnte keine politische Wirkung erlangen, die Polen blieben fortan abseits und warten ab, was geschehen möge.

Als der Krieg sich dem Ende zuneigte, war noch ganz Polen von deutschen und österreichischen Truppen besetzt. Am 10. November 1918 wurde Pilsudski aus Magdeburg entlassen, nach seinem Eintreffen in Warschau ein wurde er zum Oberbefehlshaber und Diktator ernannt. Die deutschen Truppen räumten in Abstimmung mit den Polen das Land.

Marschall Pilsudski und die Neubegründung Polens

Ähnlich wie Deutschland fand sich Polen nach dem 1. Weltkrieg in einer neuen geopolitischen Situation wieder. Im Süden grenzte es zwischen Ratibor und Stanislaus an die neu konstruierte CSR, danach westlich Tschernowitz an Rumänien, einen Staat, von dem die meisten Polen vor 1920 wohl wenig gehört hatten, im Osten hatte Polen die Last einer viele hundert Kilometer langen Grenze mit dem neuerstandenen Sowjetrußland zu tragen. Dann folgten Grenzen mit Lettland und Rumpf-Litauen, zwei Staaten, die sich aus dem Russischen Reich heraus gelöst hatten und kaum existenzfähig waren.

Im Norden und Westen war Polen die ererbte Grenze mit dem Deutschen Reich geblieben, durchbrochen vom "Korridor" und dem "Freistaat Danzig", einem kuriosen Gebilde, dessen Territorium nach der Milchproduktion für das zu versorgende Gebiet konstruiert worden war. Angesichts der polnischen Rechte in Danzig wäre es besser gewesen, die Stadt voll in die polnische Republik zu integrieren. Als "Freistaat" wurde Danzig für Polen als Weichselhafen zu unsicher. Nachdem bolschewistisch inspirierte Streiks der deutschen Hafenarbeiter gegen polnische Waffenimporte im Jahre 1920 das um seine Freiheit ringende Polen in größte Gefahr gebracht hatten, baute Polen den Hafen von Gdingen und die dazu gehörige Infrastruktur aus. Trotz der daraus resultierenden Konkurrenzsituation zwischen Danzig und Gdingen florierten beide Häfen und belebten die Region in hohem Maße.

Obwohl die Zweite Republik Polen teilweise auf Reichs- bzw. preußischem Gebiet gegründet wurde, war diese Staatsgründung nicht nur im polnischen, sondern auch im deutschen Interesse. Es konnte nach dem Abgang der Hohenzollern nicht erwartet werden, daß das, was diese Dynastie zusammengetragen hatte, Bestand behalten würde. Diese Konsequenz war bitter, doch unausweichlich. Hätte man sie bereits früher gezogen, z.B. 1848, wäre ein großer Teil des deutschen bzw. preußischen Ostens erhalten geblieben. Spätestens im Weltkriege war die letzte Möglichkeit gekommen, ein an das Deutsche Reich angelehntes Polen zu schaffen. Die Streitigkeiten um den Zweikaiservertrag zeigten, daß die preußischen Eliten nicht bereit waren, die notwendigen Konsequenzen aus den geänderten politischen Entwicklungen zu ziehen. Sie tragen die Schuld an den später vonstatten gegangenen Entwicklungen. Daß sie dann während der Weimarer Republik und später auf intransigente Weise an der Ostrevision arbeiteten, zeigt ihren Charakter, der nicht von politischer Weitsicht und Einsicht in Notwendigkeiten geprägt war.

Die territorialen Probleme zwischen Deutschland und Polen hätten nach dem Weltkriege binnen weniger Monate gelöst werden können. Die deutschen Ostverluste waren absolut und relativ erheblich geringer als z.B. die polnischen Verluste in der zweiten polnischen Teilung. Altes Reichsgebiet war lediglich in Oberschlesien angetastet worden, dessen Teilung sicherlich bitter war. In den Teilungsgebieten Westpreußen und Posen erreichte Polen 1920 nicht einmal die Teilungsgrenzen von 1795. Ein Friedensvertrag hätte die Probleme der deutschen Minderheiten in den nun polnischen Gebieten lösen können, so wie ja auch Polen dann mit dem "Dritten Reich” ein bilaterales Minderheitenschutzabkommen abgeschlossen hat. Hätte es dergleichen bereits 1925 gegeben, wäre niemals ein deutsch-polnischer Krieg entstanden.

Nicht die gesamte deutsche Rechte bestritt das Existenz- und Lebensrecht des neuen Polens. Bereits 1925 betonte Lothar Mischke in der Zeitschrift für Geopolitik, "daß den Ergebnissen des Versailler Vertrages eine Fülle von neuen Ansätzen historischen Geschehens entsprang". Er wies auf die Möglichkeit einer besseren Neuordnung hin und die wichtige Aufgabe für Polen "eine seiner Bedeutung entsprechende Stellung zu erringen". Dies könne jedoch nur in Kooperation mit Deutschland gelingen, da wegen der "Mittellage" Polens eine Entscheidung für den Westen und das westliche Wertesystem nur auch eine Entscheidung für den westlichen Nachbarn Polens, Deutschland, sein könne.

Auch das Danzig-Problem wäre lösbar gewesen, sei es als Kondominium, sei es durch beiderseitige großzügige Rechtsgestaltung in und um Danzig. Die Existenz eines territorialen Korridors bzw. Durchfahrtsrechte würde bei politischem guten Willen und angesichts der moderne Verkehrstechnik kein Problem darstellen. Was zwischen 1949 und 1989 für Westberlin gelang, hätte auch für Ostpreußen leicht gelöst werden können. Ansätze dafür gab es selbst 1939 noch. Dies alles wäre vor allem gerade im Interesse Polens gewesen. Polen hatte während der Teilungszeit in den nichtrussichen Teilungsgebieten in erheblichen Maße von den zivilisatorischen Potenzen Deutschlands profitiert und auch die eigenen ökonomischen und geistigen Potenzen in einem Maße ausbauen können, wie nie zuvor seit den Jagellonen. Es kann an dieser Stelle nicht ausreichend geklärt werden, warum diese ansatzweise aufscheinenden Potenzen nicht realisiert werden konnten. Zweifellos ist die nationalistische und demokratische Verblendung auf beiden Seiten ein Hauptgrund für das Versagen.

Einen Lichtblick in der düsteren Lebensperiode des polnisch-deutschen Verhältnisses bietet Josef Pilsudski, die überragende Persönlichkeit der 2. Republik. Pilsudski, 1867 nahe Wilna geboren, hatte sich im Kampf gegen das Zarenreich profiliert und dann nach Österreich abgesetzt. Die grenzenlos naive Liberalität dieses Staatswesens beweist die Tatsache, daß der notorische Rebell Pilsudski "Schützenvereine" gründen und ausrüsten konnte. Diese führte er allerdings im Weltkriege gegen den Zaren und setzte auch auf das durch den Zweikaiservertrag gegründete Königreich Polen, das dann vor allem durch das österreichische Zögern nicht zum Tragen kam. Man sandte ihn in die Magdeburger Festung, wo Pilsudski nobel behandelt wurde. Am 10. November 1918 wurde Pilsudski nach Warschau entlassen.

Pilsudski stand für die großartige Vision eines Auferstehens des jagellonischen Polens, für eine Reichskonzeption, die auf föderativer, gen Osten gerichteter Politik beruhen sollte. Zwar geißelte auch Pilsudski den angeblichen deutschen "Drang nach Osten", doch war sein Ziel eine stabile, gesicherte Westgrenze, die Deutschland ihm auch auf lange Sicht hinaus hätte bieten können, war doch Deutschlands Drang nach Osten bereits seit Jahrhunderten erheblich erlahmt und hatten die Deutschen bereits seit fast 100 Jahren einen gewissen Drang nach Westen entwickelt - nicht um das verlorene Lothringen zurückzuerobern, sondern um im Westen besser zu leben. Posen, Westpreußen, die gesamten preußischen Ostprovinzen litten spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unter einer Abwanderung, die auch durch angestrengteste Kolonisation, auch der Polen, nicht ersetzt werden konnte. Zog es doch auch die nicht nur preußischen Polen eher ins Ruhrgebiet, wo sich die Arbeit mehr lohnte als auf den Äckern Posens und Pommerns. Die Polen, die begehrliche Blicke auf Schlesien warfen, fragte Pilsudski, mit welchem Recht sie eine seit 700 Jahren deutsche Provinz beanspruchten.

Pilsudskis Denken war zwar national orientiert, doch ging sie von den Grunderkenntnissen der europäischen politischen Sendung aus. Allerdings glaubte er, wie viele geniale Politiker, fest an das Ideal des demokratischen, des völkischen Führers. Dies ist um so bedauerlicher, als es ihm ohne Schwierigkeiten gelungen wäre, eine neue Dynastie zu installieren und Polen zu einer stabilen, rechtsstaatlichen Monarchie zu führen. Gerade die altständischen Kräfte, die Nachkommen der Schlachta unterstützten ihn ja und die Erinnerung an die polnische Monarchie lebte in den Volksmassen. Pilsudski versuchte die "Sanacja", die Sanierung einer maroden Demokratie, und versäumte es, für den Fall des Rücktritts als "Naczelnik" den weichen Übergang zur Monarchie vorzubereiten. Im Jahre 1926 riß er aus dem Hintergrunde die Macht an sich, ließ die ihm nicht genehmen Demokraten in Brest einsperren und weitere vor Gericht stellen. Ein Ermächtigungsgesetz wurde fast zeitgleich mit dem deutschen Ermächtigungsgesetz im Jahre 1934 erlassen. Die Zusammenarbeit mit Deutschland lief gut an, doch starb Pilsudski am 12. Mai 1935 und hinterließ einen Staat, typisch für das Erbe großer Männer, typisch für die demokratische Götterdämmerung.

Während der Tod eines Königs stets die Freude und die Hoffnung auf den Thronfolger in sich birgt, hinterläßt der Tod des Diktators Leere. Pilsudskis Leistungen für Polen waren übermenschlich groß, doch sein politisches Erbe wurde verspielt. Beck und Rydz-Smigly waren bei weiten zu dünnbeinig für die Stiefel des großen Marschalls. Sie hielten die Schaukel am Schwingen, konnten sie jedoch nicht stoppen. Zu spät erkannten sie, daß Polen selbst der Preis für das von ihnen begeistert annektierte Olsagebiet im ehemals österreichischen, nun tschechoslowakischen Schlesien sein sollte. Aus Dummheit warfen sie Polen in den Rachen des Weltimperialismus und gaben ihr eigenes Volk, ihr eigenes Vaterland preis, nicht ohne zuvor das sensible, von Pilsudski stets respektvoll behandelte Verhältnis zum Deutschtum in ihrem Lande zerrüttet zu haben.

Wo endet Europa?

Polen verfügt heute über gesicherte Grenzen - doch sind diese Grenzen ebenso wie die deutschen Grenzen Zwangs- und Unrechtsgrenzen, mit blutigem Lineal gezogen. Alle Vertreibungen, alle Massenmorde, alle Wegnahmen und Enteignungen bleiben Unrechtstaten, die nicht verjähren und auch in Jahrhunderten keinen Rechtscharakter gewinnen können. Polen sollte sich der Bewältigung seiner Geschichte in ebenso schonungslosem Maße widmen, wie es die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten getan haben. Ein Teil dieser Leistung ist bereits vollbracht worden und an dem hoffentlich nicht fernen Tag, an dem in Deutschland und in Polen wieder die Wahrheit herrschen wird, werden wir auch auf polnische Erkenntnisse zurückgreifen können. Es gibt die gemeinsame Wahrheit und sie kann von beiden Völkern verstanden und ertragen werden.

Trotz und obgleich alledem ist es schwer vorstellbar, daß die Grenzen Stalins und Churchills in Mitteleuropa Bestand behalten werden. Kann Polen auf Dauer die Grenzziehung im Osten hinnehmen? Was für Deutschland Stettin, Breslau und Straßburg ist für Polen Wilna und Lemberg. Soll die Ostgrenze Europas die willkürliche britische Curzon-Linie bleiben? Das hieße Jahrhunderte polnischer, österreichischer, ungarischer, deutscher und jüdischer Kultur preisgeben. Lemberg und Tschernowitz sind europäische Städte und keine russischen Vorposten. Die Zerstörungsgeschichte des europäischen Ostens sollte endlich ein Ende finden. Vertreibungen und "Umsiedlungen" sind schlimme Verbrechen. Doch diese Verbrechen sind bereits seit 1789 verübt worden. Auch diese Geschichte müssen die osteuropäischen Völker bewältigen. Erst dann kann der europäische Frieden, der Friede, der dem Namen Europas gerecht wird, tatsächlich beginnen.

Welchen Weg wird Polen in Zukunft gehen?

Die Selbstbezichtigungen der BRD-Politiker gegenüber Polen sind in einem solchen Maße grotesk, daß der gesunde Menschenverstand zu dem Schluß kommen muß, daß an der ganzen Sache nichts dran sein kann, ja, daß es wahrscheinlich nur dazu dient, die im Auftrage der Sieger exekutierte Preisgabe des deutschen Ostens zu bemänteln. Kann doch der BRD-Staat schon deshalb kein Träger von Schuld sein, weil er kein souveräner, kein handlungsfähiger, ja überhaupt kein Staat ist. Die BRD ist vom Tage ihrer Gründung bis zum heutigen Tage an ein Objekt der Siegerstaaten des letzten Krieges, ein Instrument der Westalliierten zur Abwicklung des Deutschen Reiches und der Deutschen als Volk. Seit dem 7. Mai 1945 bis zum heutigen Tage haben die Alliierten vollständig über die Souveränität des Deutschen Reiches verfügt, nur sie sind für alles verantwortlich, was in dieser Zeit durch Organe der BRD getan wurde.

Die BRD-Politiker sind insofern persönlich schuldig, als sie sich zum Schaden Deutschlands, zum Schaden Polens und ganz Europas in den Dienst fremder Mächte gestellt und ihnen - wie Adolf Hitler 1939 - die Verwirklichung ihrer düsteren Pläne in Europa ermöglicht haben. Haben diese Politiker zum Schaden Deutschlands gehandelt, haben sie Landesverrat begangen und wären nach den allgemein üblichen Maßstäben insofern auch strafrechtlich schuldig. Beim Vertragskomplex im Zusammenhang mit der scheinbaren "Wieder"vereinigung handelte es sich keinesfalls um Verträge und Abmachungen, die Deutschland selbst geschlossen hat. Die Herbeiziehung der sogenannten "beiden deutschen Staaten", die lächerlichen Diskussionen in Volkskammer und Bundestag waren ein kurioses Ornament, ein Kasperletheater der Weltgeschichte. Es besteht kein Zweifel an der Tatsache, daß es sich hier, wie immer wieder seit 1945 um Verträge handelt, die lediglich einer gewissen Machtverschiebung der Sieger des Zweiten Weltkriegs, der Besatzer und Zerstörer Europas, einen gewissen notariellen Ausdruck gaben.

Um die Handlungsfähigkeit Polens sah und sieht es nicht viel besser aus. Bekanntlich hat Stalin auf deutschem und polnischen Gebiet zwischen 1944 und 1947 einen eigenen Staat gegründet, der nicht souverän war und den er "Volkspolen" nannte. Man darf auch aus historischer Distanz der Analyse zustimmen, daß es sich um einen sowjetrussischen Satellitenstaat gehandelt hat, der seine geringe Handlungsfähigkeit lediglich von den bolschewistischen Besatzern abgeleitet hat und der zu souveränen Akten wie dem Abschluß außenpolitischer Verträge nicht in der Lage war und bis heute nicht ist. Die damit zusammenhängenden Fragen mußten mit Moskau, dem Souverän, ausgehandelt werden.

Polen als Büttel der Sieger

Schon die sozialistische Volksrepublik Polen ist von Alliierten als Büttel gegen Deutschland instrumentalisiert worden. Der politische Einfluß auf Volkspolen ging hierbei nicht nur von der Sowjetunion aus, auch die Westalliierten suggerierten sehr geschickt, Volkspolen gehöre zu den Siegern der Geschichte und hätte sich sehr vor dem (west)deutschen Revanchismus zu hüten. Unvergessen bleibt der Besuch de Gaules in Polen, als er in Zabrze2 ausrief, nun wäre er in der polnischsten der polnischen Städte angekommen. Darüber hätten sich eigentlich auch die Deutschen freuen sollen, hätte man doch daraus auch eine Niederlegung der französischen Besatzerrechte konstruieren können, doch tatsächlich sollte es natürlich nur die Polen in dem Wahn des rechtmäßigen Erwerbes Schlesiens einlullen, in dem Frankreich wie üblich Polen immer dann unterstützte, wenn es durch reines Maulheldentum zu erreichen war, daß der nicht gerade durch die Liebe der Völker verwöhnte Pole ihm seine Sympathie und Begeisterung zuwendete.

Allzu leichtfertig haben dann gerade die tatsächlichen polnischen Patrioten ideologische Komplexe wie Parlamentarismus und Demokratie mit tatsächlicher Freiheit und dem Lebensgesetz der Nation verwechselt. Leider hatten sie nur wenig tatsächlichen Anhalt für ihre Wohlgefühle. Sie wurden enttäuscht und sie werden noch erheblich mehr enttäuscht werden. Es sei denn, sie glauben auf Gedeih und Verderb daran, daß ein oberflächlich parlamentarisiertes Lubliner Polen das wirkliche Polen ist.

Angesichts dessen muß man sich fragen, worüber man überhaupt redet, wenn man heute über Deutschland und über Polen redet. Fast hat es den Anschein, als gäbe es die Subjekte von einst nicht mehr, als hätte sich eine andere, eine artifizielle, eine alptraumhafte Wirklichkeit über das wahre Deutschland und das wahre Polen geschoben und diese verdrängt.

Welches aber ist die wirkliche Realität, das tatsächliche Wesen der Dinge, um die es heute geht? Geht es um ein mystisches, ideales Wesen der Nationen, Staaten und Völker, um Sinnbilder oder möglicherweise verstorbene Gottheiten und Heilige, oder geht um die tatsächliche, heute wirksame, handelnde und lebendige Realität? Teil dieser Realität aber ist das Wesen der Staaten und Völker, das durch die Wirren der Geschichte hindurch wirklich sichtbar bleibt und das auch in Zeiten, in denen es vollkommen geleugnet wird und unsichtbar wird, lebt, webt und gestaltet.

Von 1795 bis 1918 und dann wieder von 1939 bis 1945 hat man Polen einreden wollen, es gäbe gar kein Polen und es würde nie wieder ein Polen geben. Von der Polnischen Republik sprach Molotow als dem "abscheulichen Bastard des Versailler Vertrages", zur leider nicht geringen Freude vieler Deutscher - und doch lebte Polen weiter, nicht nur in den Herzen der Polen, auch als völkerrechtliches Subjekt, das weiterhin militärischen Einfluß ausübte. So erfüllten Polen ihre Verpflichtungen gegenüber Britannien und dies obwohl Britannien selbst 1939 völlig untätig zugesehen hat, wie das nationalsozialistische Deutschland gemeinsam mit der Sowjetunion das um seine nackte Existenz ringende Polen grausam zerschlug.

Historische Verantwortung

In den Herzen der polnischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges lebte Polen, als der Staat Polen untergegangen war und so wie die lebendigen, pulsierenden polnischen Herzen Polen in sich trugen, so haben auch deutsche Herzen ihr Vaterland in sich getragen, wenn von Deutschland nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu bemerken war. Dies betrifft die dunkle Zeit nach 1806 als Schenkendorf sang:

"Ihr Sterne seid uns Zeugen, die ruhig niederschau'n,
wenn alle Brüder schweigen und falschen Götzen trau'n:
Wir woll'n das Wort nicht brechen, nicht Buben werden gleich,
woll'n predigen und sprechen vom heil'gen deutschen Reich."

Dies betrifft aber auch die Zeit seit 1919, von der Stefan George sang:

Wenn je dieses Volk sich aus feigem Erschlaffen,
sein selber erinnert, der Kür und der Sende,
wird sich ihm eröffnen die göttliche Deutung unsagbaren Grauens,
dann heben sich Hände und Münder ertönen zum Preise der Würde,
dann flattert im Frühwind mit wahrhaftem Zeichen,
die Königsstandarte und grüßt sich verneigend
Die Hehren - die Helden!

In dieser nicht mehr fernen Zeit werden sich Deutsche und Polen mit anderen Augen sehen können, in dieser Zeit wird das tatsächliche gemeinsame Glück und die tatsächliche gemeinsame Schuld sich offenbaren, werden sich Deutsche und Polen gemeinsam vor Opfern und Helden verneigen.

 

 

Ende

 

1 Der Zar war allerdings rechtmäßiger polnischer König

2 Der Name Hindenburg wurde erst 1915 verliehen und ist ohne historische Relevanz

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