Die Rechte der Nation
Eine Kritik von Martin Möller
Diese Kritik wurde im Jahre 2002 im Auftrag
der Jungen Freiheit verfaßt. Das Blatt weigerte sich
jedoch den Aufsatz vertragsgemäß zu bringen. Grund dafür ist die
nationalistische Verblendung der Jungen Freiheit und
ihrer Redakteure, die sich binnen mehrerer Jahre immer wieder
weigerten, ihre auf destrukiver, nationalistischer Ideologie beruhende
Position zu korrigieren und die Positionen nicht etwa andersdenkender,
sondern überhaupt denkender Autoren zu akzeptieren.
Da dieser Wahnsinn - der die Junge
Freiheit an die Seite ihrer angeblichen Verfolger
stellt - Methode hat, muß ich an dieser Stelle dringend vor der
Vorstellung warnen, die Junge Freiheit hätte sich
die Freiheit für Deutschland zum Ziel gesetzt. Das Gegenteil ist
der Fall. Niemand, dem Freiheit, Wahrheit und Recht irgend etwas
bedeuten, sollte die Junge Freiheit unterstützen.
Ich möchte hinzufügen, daß ich diesen Artikel hier völlig unverändert
bringe. Heute (Ostern 2003) würde ich die Thesen und Ausführungen
Romigs in erheblich schärferem Maße zurückweisen. Ein Konservativismus
wie derjenige Friedrich Romigs führt ins katholische Altersheim,
jedoch nicht in die herrlichen Welten, die er seinen Lesern vorgaukelt.
Friedrich
Romig: Die Rechte der Nation. Leopold Stocker Verlag. Graz 2002.
ISBN 3-7020-0943-4
Friedrich Romig ist unbestritten der bedeutendste Vertreter der
christlichen Soziallehre in Europa und seit Jahrzehnten Vordenker
des Konservativismus in Deutschland. Sein jüngstes Buch, eine
Zusammenfassung von Aufsätzen der vergangenen zehn Jahren,
die hier und an anderer Stelle bereits veröffentlicht worden
sind, ist im Leopold-Stocker-Verlag erschienen und es faßt
die Entwicklung und theoretische Fortspinnung der konservativen
Theorie für unsere Gegenwart mustergültig zusammen. Dabei
knüpft er an die im «Lexikon des Konservativismus»
niedergelegten theoretischen Grundlagen an, verdeutlicht und konkretisiert
sie. Sowohl das Lexikon als auch «Die Rechte der Nation»
gehören zum Kernbestand der politischen Literatur der Gegenwart
und somit in jede Bibliothek - auch des Liberalen, der sich ein
konservatives Lebensgefühl bewahrt hat und auch des Nichtkatholiken,
des Nichtchristen, der einen Sinn für geistige Zusammenhänge
besitzt.
Das Denken von Professor Romig basiert auf dem festen Fundament
der griechischen und der deutschen klassischen Philosophie und bietet
sichere Gewähr dafür, daß er sich nie in theologisch
oder sozialwissenschaftlich abgehobene Gefilde verirrt, hinter denen
sich bekanntlich allzuoft nackter Opportunismus versteckt. Die den
Universitäten und Ordinariaten nahestehenden katholischen Sozialwissenschaftler;
dürften wohl die Lehre Romigs scheuen wie der Teufel das Weihwasser,
baut doch Romig auf Naturrecht und vorkonziliarer Soziallehre
der Päpste, insbesondere Leos XIII. und der beiden letzten
Pius-Päpste auf. Diese Lehre gilt im heutigen Katholizismus
als veraltet, ja als verächtliche Verirrung, wie überhaupt
der eigenen Tradition im allgemeinen eine hochmütige Geringschätzung
entgegengebracht wird.
Dies kann man von Romig nicht behaupten. Er wurzelt fest in den
Jahrhunderten nicht nur der katholischen Geistesgeschichte und ist
den heute notorischen Kleingeistern somit ein rotes Tuch. Ein rotes
Tuch für Professor Romig sind wiederum die ebenfalls sich am
deutschen Idealismus orientierenden Vertreter des «Deutschen
Kollegs». Diese Kontroverse bleibt in «Die Rechte der
Nation» allerdings ausgespart, deshalb kann an dieser Stelle
nur auf den Diskussionsbeitrag Romigs in «Zur Zeit»
vom 10. Dezember 1999 verwiesen werden, in dem Romig seine
Kritik an den entsprechenden Thesen skizziert. Es ist bedauerlich,
daß diese Kontroverse nicht öffentlich weitergeführt
werden konnte.
Totalitären Repressionstechniken - bis hin zu Bedrohung an
Leib und Leben - wurde auch Professor Romig im freiheitlich-demokratischen
Österreich vielfach ausgesetzt. Sein mutiger und zudem recht
wirkungsvoller Einsatz gegen EU-Integration und Globalisierung machte
ihn zur Zielscheibe derjenigen Kräfte, die sich als EU- und
Globalisierungsgegner gerieren, tatsächlich aber die Büttel
der Weltpolizei sind. Man scheute sich nicht, den weltweit geachteten
Wissenschaftler öffentlich zu diffamieren, zu bedrohen und
als Antisemiten zu denunzieren, eine Beschuldigung, die gerade bei
einem Mann wie Romig als irrsinnig zu bezeichnen ist. Aus dem vorliegenden
Buch: Die Juden sind das Volk katexochen. Was sie verbindet
und zum Volk macht, ist ihr gemeinsamer Glaube, ihr Bund mit Gott,
durch den es zu einer Facette Gottes wird. Auch in den Debatten
mit dem «Deutschen Kolleg» hat Romig stets die Juden
als volkliche und geistige Gemeinschaft mit Wärme verteidigt.
Als Katastrophe muß man es bezeichnen, daß die Mord-Hetzer
von staatlichen Stellen in Österreich und Deutschland unterstützt
und finanziert werden. Immerhin haben es österreichische Gerichte
gestattet, das DÖW wahrheitsgemäß als eine
Art Privat-Stasi, Zentrale linker Wühlarbeit,
kommunistische Tarnorganisation und linksextreme
Subversion zu charakterisieren. Daß dieses Gerichtsurteil
Schutz vor den Schlägerbanden verleiht, muß allerdings
bezweifelt werden.
In dem für die heutige Debatte zentralen Aufsatz «Globalisierung
oder geschlossener Handelsstaat» (hier [d.h. in
der "Junge Freiheit"]1996 erstmals erschienen) widerlegt
Romig sachgerecht und uneingeschränkt überzeugend die
Globalisierungspropaganda. Vornehm und dezent wird auch das geistig
sterile Geplappere, das sich heute als katholische oder
christliche Soziallehre aufspielt (man denke an die
grauenhaften Propagandakampagnen von «Misereor» oder
entsprechender Sozialwerke), demaskiert: ...
Auf die Frage, wer denn diesen Rechtsanspruch (auf Arbeit bzw. Beschäftigung)
einzulösen habe, angesichts der Globalisierung der Märkte
könnten es ja wohl Unternehmer und Staaten nicht sein, blieb
S. eine schlüssige Antwort schuldig. Vor der ihm vorgehaltenen
Konsequenz, daß die Einlösung des Rechts auf Arbeit das
Ende der Globalisierung und Fichtes geschlossenen Handelsstaat
mit Beschäftigungsgarantie und Berufslenkung erfordere, scheute
er zurück. Aus Mangel an konsequentem Weiterdenken und logischen
Schlußfolgerungen bleiben viele gutgemeinte Forderungen der
Vertreter der Katholischen Soziallehre bloß pastorales Geräusch.
Dieses pastorale Geräusch, das der Normalbürger
als wenn auch hoch bezahltes sinnloses Gequatsche qualifizieren
muß, ist bei Romig nicht anzutreffen. Seinen Aufsätzen
ist eine geistige Konzentration eigen, die zu uneingeschränktem
Gewinn führt und auch in einer Sprache gestaltet ist, die sowohl
höchsten Ansprüchen genügt, als auch breite Verständlichkeit
gewährleistet. Dem gelegentlich geäußerten Vorwurf,
Romigs Theorie sei zu katholisch und somit zu dogmatisch, kann nicht
energisch genug widersprochen werden. Sicherlich gibt es für
den kirchlich nicht Bewanderten Anfangswiderstände bei der
Lektüre, doch nach der geringe Mühe kostenden Überwindung
dieser Widerstände wartet hoher Gewinn auf ihn - und übrigens
auch die Chance, überhaupt zu verstehen, was katholisch ist
- dem pastoralen Geräusch der modernisierten und
vom Schutt der Jahrhunderte befreiten Kirche kann er
es nämlich im Normalfall nicht entnehmen.
Die Auseinandersetzung mit der Ideologie des Liberalismus nimmt
für Romig einen hohen Rang ein. Erkennt er doch zu Recht im
Liberalismus die „Immunschwäche Europas“, wobei
man sich darüber klar sein muß, daß es sich um
die Immunschwäche gegenüber einer unfehlbar tödlich
wirkenden Krankheit handelt. Deshalb betont Romig zu Recht, daß
Liberalismus und Kirche unvereinbar sind - unvereinbar wie Feuer
und Wasser. Wenn Romig allerdings im gleichen Atemzug Papst Johannes
Paul II. mit seiner Enzyklika «Centesimus annus» zitiert
(„Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte
beweist, leicht in ... Totalitarismus“), dann verschweigt
er, daß die römische Kirchenleitung mit dem letzten „Konzil“
den Liberalismus und seine abträglichen und zerstörerischen
Auswirkungen in die Kirche hineingenommen hat und daß sich
die „Immunschwäche Europas“ mehr und mehr eben
auch als „Immunschwäche der Kirche“ erweist, als
Immunschwäche gegenüber all denjenigen Tendenzen, die
Romig nicht müde wird, unablässig zu geißeln.
Warum genau das, was Leo XIII., seine Vorgänger Leo XII.
oder Gregor XVI. und seine Nachfolger verdammten und unermüdlich
bekämpften, nun kirchlich sein soll und gar zur Norm kirchlicher
Lehre und Handelns erhoben wird, kann auch Romig nicht erklären.
Hier werden Probleme und Frontstellungen sichtbar, deren Auswirkungen
der Theologe Joseph Ratzinger zwar bereits 1970 als „Katastrophe“
bezeichnet hat, die er jedoch trotz seines jahrzehntelangen Wirkens
in der Kurie nicht wirklich gelöst hat - wohl nicht hat lösen
können, angesichts der beschriebenen Immunschwäche. Der
Arzt für diese Krankheit muß allerdings noch gefunden
werden.
Um die Rolle der Kirche als „Reich Gottes auf Erden“
zu verdeutlichen, zitiert Romig gern aus den entsprechenden Dokumenten
des Zweiten Vatikanums. Der Kenner des Zweiten Vatikanums sollte
wohl wissen, daß diese Versammlung eine Staatskirchenlehre
etabliert hat, die in revolutionärer Weise alles umgestülpt
hat, was seit Konstantin dem Großen in der Kirche des Ostens
und des Westens, der Ultramontanisten und der Protestanten als wahrheits-
und evangeliumsgemäß gegolten hatte. Es ist kein Zufall,
daß die Konzilerklärung «Dignitatis humanae»
von Romig nicht zitiert wird, stellt sie doch sozusagen die Wahrheit
im Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Kirche auf den Kopf.
Marx - und nicht Hegel - hätte sicherlich seine Freude an ihr
gehabt.
Problematisch und schwankend wird das Urteil, wenn die Rede auf
die Rechte der Nation, d.h. des Volkes, der ethnischen
Gemeinschaft kommt. Es ist zunächst zu bemängeln, daß
von Nation statt von Volk, Heimat oder Vaterland gesprochen
wird. Der moderne, durch die französische Revolution geprägte
Begriff der Nation führt in die Irre und verleitet zu Mißverständnissen,
wie die Dauerdebatte um diesen Gegenstand deutlich zeigt. Romig
greift diesbezüglich die Lehre der UNO auf, die ihrerseits
wiederum als liberalistisch, ja als revolutionär zumindest
gegenüber unserem überkommenen Staatsbegriff bezeichnet
werden muß. Wenngleich Romig und die UNO gewiß Unterschiedliches
meinen, muß doch klar gesagt werden, daß Völker
und Volksgruppen zwar gewisse Rechte gegenüber dem Staat haben,
Rechte, die im Bereiche des Gebrauches der Sprache, der Pflege des
Brauchtums, der Religion etc. angesiedelt sind, daß aber ein
„Selbstbestimmungsrecht“ im Sinne der Losreißung
von dem Staat, in dem sie leben, nicht existiert.
Die Kirche hat es nie anders gesehen und beispielsweise den gewaltsamen
Freiheitskampf sowohl der katholischen Iren gegenüber Großbritannien
als auch der katholischen Polen gegenüber dem Zarenreich streng
verurteilt, obwohl sie sich mit dieser Haltung ins eigene Fleisch
schnitt. Die Behauptung, daß „mit dem Erringen der staatlichen
Unabhängigkeit ... das Selbstbestimmungsrecht des jeweiligen
Volkes ... konsumiert“ sei und daß Volksgruppen gegenüber
den Nationalstaaten über nur eingeschränkte Rechte verfügten,
kann nur in die Irre führen. Es muß betont werden, daß
das angebliches „Selbstbestimmungsrecht“ in der Menschheitsgeschichte
vor allem als propagandistisches Werkzeug zur Zerstörung der
europäischen Monarchien benutzt worden ist und daß dieses
angebliche Recht in der Realität nirgends verankert ist. Die
Auflehnung von Völkern unter Berufung auf ein angebliches Selbstbestimmungsrecht
führt zu Zuständen, wie sie in Osteuropa seit 1919 herrschen
mit all den katastrophalen Folgen, die ja heute keineswegs ausgestanden
sind, sondern seit 1990 sich noch täglich verschlimmern. Solange
die Völker nicht Buße tun für den Aufstand der Selbstbestimmung,
kann sich daran mit Sicherheit nichts ändern.
Die Reichskrone, die das Buch Romigs ziert, ist der Hinweis darauf,
daß es neben den „Rechten der Nation“ vor allem
eine Pflicht der Nationen gibt, die in Lob und Dank gegen Gott besteht:
„Lobt den HERRN, alle Heiden, und preiset IHN, alle Völker!“
Dies ist der Schlüssel zum Verständnis der Völkergeschichte
seit der Erfindung des Selbstbestimmungsrechtes, und es steht zu
befürchten, daß diese Geschichte gemäß der
Prophezeiung Jesajas sich weiterhin fortsetzen wird:
„Ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn und
habe sie trunken gemacht in meinem Grimm und ihr Blut auf die
Erde geschüttet.“
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