
Edwin Erich Dwinger:
Zwischen weiß und rot |
Edwin Erich Dwinger: Zwischen weiß und rot
Eine Rezension von Martin Möller
Der Leopold-Stocker-Verlag hat einen berühmten Roman über den russischen
Bürgerkrieg neu herausgebracht, „Zwischen weiß und rot“ von Edwin Erich
Dwinger, einem deutschen Schriftsteller des Jahrgangs 1898, der in den
30er und 40er Jahren sehr berühmt war und sogar für den Literaturnobelpreis
vorgeschlagen wurde. Dwinger hatte den Bürgerkrieg als junger Kriegsgefangener
und dann als Freiwilliger für Koltschak selbst mitgemacht, sein Roman
ist ein authentisches Zeitzeugnis, zudem spannend und farbig geschrieben.
Für jeden Liebhaber historischer Romane und Kriegsbücher ist dieses
Werk sehr empfehlenswert, auch dank des günstigen Preises.
Kenntnisse über die Zeit sollten allerdings vorhanden sein
und hier wird es schwierig, denn die populäre Geschichtsvermittlung hat alles
getan, um die authentische Geschichte von Revolution, Bürgerkrieg und
Entstehung des Sowjetstaates im Dunkeln zu lassen. Auch Götz Kubitschek, der
Herausgeber beim Stocker Verlag ist ausweislich des Vorwortes zum Buch Opfer
dieses Obskurantismus.
Zwei der wichtigsten Mißverständnisse möchte ich nennen. Zum einen ist dies
die Propaganda, das Zarenreich vor dem Ersten Weltkrieg sei ein Land
der Armut und Unterdrückung gewesen. Nichts ist weniger wahr, Rußland
war bis 1918 eines der reichsten Länder der Welt mit kraftvoller Wirtschaftsdynamik
und einer Freiheit, wie sie in Mitteleuropa wohl kaum je bekannt war.
Die drei brillanten Bände von Anatole Leroy-Beaulieu
über das Rußland des späten 19. Jahrhundert „L’Empire
des tsars et les Russes“ vermitteln den Eindruck einer ungeheuer
mannigfaltigen Gesellschaft, in der sozialer Aufstieg nicht auf Geburt
oder Geld basierte. Rußland war Europas „östliches Amerika“, ein Land
in dem soziale Mobilität größer war als sonst irgendwo, wo Titel weniger
bedeuteten als im Westen, wo intelligente und tüchtige Leute über Nacht
ihr Glück machen konnten, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Gut
ausgebildete europäische Arbeiter und Spezialisten in vielen Gebieten
gingen lieber nach Rußland als nach den s.g. „Vereinigten Staaten“.
Für Publizisten gab es keinerlei Beschränkungen, der weiteste Teil der
russischen Bevölkerung unterlag keiner oder nur geringster Steuerpflicht.
Wenn je der Begriff „Anarchokapitalismus“ einen Inhalt gehabt hat, dann
im zarischen Rußland.
Ein weiteres Mißverständnis ist das Zarentum, das von
Kubitschek in niederträchtiger Weise massiv verzerrt dargestellt wird. Das
Problem war nicht das Zarentum, das Problem war, daß spätestens seit
Einrichtung der unglückseligen Reichsduma der Zar weitestgehend von den
Schaltstellen der Politik und der Gesellschaft abgeschnitten wurde und seinen
höchst notwendigen Einfluß kaum mehr ausüben konnte. Zum Verhängnis wurde das
in der Julikrise 1914, als die Duma-Politiker den Krieg in Abstimmung mit
Frankreich und England in Gang setzten, ohne daß Nikolaus eingreifen konnte.
Die Telegramme von Wilhelm II. aus Berlin wurden abgefangen, den Zaren
erreichten keine authentischen Informationen mehr. Dies und nichts anderes war
der Schritt vom lokalen Konflikt in den Weltkrieg.
Das Buch Dwingers schildert in künstlerisch beeindruckender Weise
den Weg Rußlands in die Katastrophe. Aus ihm geht auch hervor, daß die
Bolschewiken den Bürgerkrieg lediglich dank westlichem Abwürgen der
weißen Gegenwehr gewonnen haben - mit den bekannten FolgenDer berühmte
Roman über den russischen Bürgerkrieg wurde bei seinem Erscheinen 1930
von allen Seiten und sogar von der KPD-Zeitung „Rote Fahne“ in höchsten
Tönen gelobt, Karl Radek bereitete eine Übersetzung ins Russische vor.
Noch 1947 reihte Johannes R. Becher den Roman unter die 20 wichtigsten
deutschen Bücher der ersten Jahrhunderthälfte.
Edwin Erich Dwinger, Sohn einer russischen Mutter, geriet zu
Beginn des Ersten Weltkrieges als erst 17jähriger deutscher Freiwilliger in
russische Gefangenschaft. Sein auf eigenem Erleben beruhender Roman „Armee
hinter Stacheldraht“ wurde 1929 einer der großen Bucherfolge der Weimarer
Republik. Schon 1930 folgte als Fortsetzung die aufwühlende Darstellung des
Russischen Bürgerkrieges in „Zwischen Weiß und Rot“, die den Autor als
Kandidaten für der Literaturnobelpreis ins Gespräch brachte. Denn Dwinger war
es gelungen, beide Bürgerkriegsparteien authentisch zu schildern, in ihrem
Wollen und ihren Idealen ebenso wie in ihren Grausamkeiten und Untaten.
Zu seinem 100. Geburtstag widmete die FAZ dem Autor einen
ganzseitigen Artikel und schrieb: „Für Dwingers Publikum standen nicht die
‘Stahlgewitter’ und das Heldentum des Krieges, sondern die Zerstörung der
Menschen durch den Krieg und in der Gefangenschaft im Zentrum. Heute ist
Dwingers Sibirien das Porträt einer untergegangenen Welt und mehr noch, das
finstere Gemälde einer deutschen Seelenlandschaft.“