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zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Edwin Erich Dwinger:
Zwischen weiß und rot

Edwin Erich Dwinger: Zwischen weiß und rot

Eine Rezension von Martin Möller





Der Leopold-Stocker-Verlag hat einen berühmten Roman über den russischen Bürgerkrieg neu herausgebracht, „Zwischen weiß und rot“ von Edwin Erich Dwinger, einem deutschen Schriftsteller des Jahrgangs 1898, der in den 30er und 40er Jahren sehr berühmt war und sogar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde. Dwinger hatte den Bürgerkrieg als junger Kriegsgefangener und dann als Freiwilliger für Koltschak selbst mitgemacht, sein Roman ist ein authentisches Zeitzeugnis, zudem spannend und farbig geschrieben. Für jeden Liebhaber historischer Romane und Kriegsbücher ist dieses Werk sehr empfehlenswert, auch dank des günstigen Preises.

Kenntnisse über die Zeit sollten allerdings vorhanden sein und hier wird es schwierig, denn die populäre Geschichtsvermittlung hat alles getan, um die authentische Geschichte von Revolution, Bürgerkrieg und Entstehung des Sowjetstaates im Dunkeln zu lassen. Auch Götz Kubitschek, der Herausgeber beim Stocker Verlag ist ausweislich des Vorwortes zum Buch Opfer dieses Obskurantismus.

Zwei der wichtigsten Mißverständnisse möchte ich nennen. Zum einen ist dies die Propaganda, das Zarenreich vor dem Ersten Weltkrieg sei ein Land der Armut und Unterdrückung gewesen. Nichts ist weniger wahr, Rußland war bis 1918 eines der reichsten Länder der Welt mit kraftvoller Wirtschaftsdynamik und einer Freiheit, wie sie in Mitteleuropa wohl kaum je bekannt war.

Die drei brillanten Bände von Anatole Leroy-Beaulieu über das Rußland des späten 19. Jahrhundert „L’Empire des tsars et les Russes“ vermitteln den Eindruck einer ungeheuer mannigfaltigen Gesellschaft, in der sozialer Aufstieg nicht auf Geburt oder Geld basierte. Rußland war Europas „östliches Amerika“, ein Land in dem soziale Mobilität größer war als sonst irgendwo, wo Titel weniger bedeuteten als im Westen, wo intelligente und tüchtige Leute über Nacht ihr Glück machen konnten, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Gut ausgebildete europäische Arbeiter und Spezialisten in vielen Gebieten gingen lieber nach Rußland als nach den s.g. „Vereinigten Staaten“. Für Publizisten gab es keinerlei Beschränkungen, der weiteste Teil der russischen Bevölkerung unterlag keiner oder nur geringster Steuerpflicht. Wenn je der Begriff „Anarchokapitalismus“ einen Inhalt gehabt hat, dann im zarischen Rußland.

Ein weiteres Mißverständnis ist das Zarentum, das von Kubitschek in niederträchtiger Weise massiv verzerrt dargestellt wird. Das Problem war nicht das Zarentum, das Problem war, daß spätestens seit Einrichtung der unglückseligen Reichsduma der Zar weitestgehend von den Schaltstellen der Politik und der Gesellschaft abgeschnitten wurde und seinen höchst notwendigen Einfluß kaum mehr ausüben konnte. Zum Verhängnis wurde das in der Julikrise 1914, als die Duma-Politiker den Krieg in Abstimmung mit Frankreich und England in Gang setzten, ohne daß Nikolaus eingreifen konnte. Die Telegramme von Wilhelm II. aus Berlin wurden abgefangen, den Zaren erreichten keine authentischen Informationen mehr. Dies und nichts anderes war der Schritt vom lokalen Konflikt in den Weltkrieg.

Das Buch Dwingers schildert in künstlerisch beeindruckender Weise den Weg Rußlands in die Katastrophe. Aus ihm geht auch hervor, daß die Bolschewiken den Bürgerkrieg lediglich dank westlichem Abwürgen der weißen Gegenwehr gewonnen haben - mit den bekannten FolgenDer berühmte Roman über den russischen Bürgerkrieg wurde bei seinem Erscheinen 1930 von allen Seiten und sogar von der KPD-Zeitung „Rote Fahne“ in höchsten Tönen gelobt, Karl Radek bereitete eine Übersetzung ins Russische vor. Noch 1947 reihte Johannes R. Becher den Roman unter die 20 wichtigsten deutschen Bücher der ersten Jahrhunderthälfte.

Edwin Erich Dwinger, Sohn einer russischen Mutter, geriet zu Beginn des Ersten Weltkrieges als erst 17jähriger deutscher Freiwilliger in russische Gefangenschaft. Sein auf eigenem Erleben beruhender Roman „Armee hinter Stacheldraht“ wurde 1929 einer der großen Bucherfolge der Weimarer Republik. Schon 1930 folgte als Fortsetzung die aufwühlende Darstellung des Russischen Bürgerkrieges in „Zwischen Weiß und Rot“, die den Autor als Kandidaten für der Literaturnobelpreis ins Gespräch brachte. Denn Dwinger war es gelungen, beide Bürgerkriegsparteien authentisch zu schildern, in ihrem Wollen und ihren Idealen ebenso wie in ihren Grausamkeiten und Untaten.

Zu seinem 100. Geburtstag widmete die FAZ dem Autor einen ganzseitigen Artikel und schrieb: „Für Dwingers Publikum standen nicht die ‘Stahlgewitter’ und das Heldentum des Krieges, sondern die Zerstörung der Menschen durch den Krieg und in der Gefangenschaft im Zentrum. Heute ist Dwingers Sibirien das Porträt einer untergegangenen Welt und mehr noch, das finstere Gemälde einer deutschen Seelenlandschaft.“

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