Buchbesprechung: Die 68er und ihre Gegner. Der Widerstand gegen die KulturrevolutionErschienen im Stocker-Verlag, Herausgerb: Hartmuth Becker / Felix Dirsch / Stefan Winckler. ISBN 3-7020-1005-X, 252 Seiten, Hardcover, Preis: € 19,90
Mit dieser Verlagsankündigung warb der Stocker-Verlag aus Graz in der Steiermark für sein Buch „Die 68er und ihre Gegner“. Schon in dieser Darstellung fällt der aus dem linken Vokabular übernommene Widerstandsbegriff auf. Er leuchtet in diesem Zusammenhang nicht ein und mag der plakativen Wirkung wegen gewählt worden sein. Auch der Begriff „die 68er“ ist fahrlässig gewählt. Unter 68ern versteht man landläufig die sogenannte APO, das heißt die „außerparlamentarische Opposition“ aus der Zeit der Kanzlerschaft Kurt Georg Kiesingers. Dieser war bekanntlich am 1. Dezember 1966 vom Deutschen Bundestag zum Kanzler gewählt worden, nachdem sein Vorgänger Ludwig Ehrhardt zurückgetreten war. Ehrhardt hatte, wie später Helmut Kohl, mit einer christlich-liberalen Koalition zusammengearbeitet (Vizekanzler und FDP-Chef damals der „schöne Ritterkreuzträger“ Erich Mende), Kiesinger stützt sich auf eine CDU/CSU-SPD-Koalition, die bald allgemein „Große Koalition“ genannt wurde, obwohl die FDP eine sehr tatkräftige parlamentarische Opposition bildete und von einer tatsächlich „großen“ Koalition, d.h. einer Allparteienregierung, keine Rede sein konnte. Nachdem den Deutschen fast 20 Jahre suggeriert worden war, ihr Wohl und Wehe hinge davon ab, daß SPD und CDU in Opposition zueinander zu stehen haben, kehrte nun eine gewisse Unsicherheit ein. Diese Unsicherheit wurde wiederum von den linksradikalen Kräften ausgenutzt, um Unruhe zu stiften. Die Gründe hierfür waren völlig willkürlich gewählt, sei es ein Schahbesuch oder die völlig harmlosen „Notstands“-Gesetze, mit denen man nicht einmal Mafia-Telefone abhören konnte. Man stelle sich heute vor, wie paradiesisch die damaligen Zustände waren: Vollbeschäftigung, keinerlei Staatsschulden, keine Kriminalität, eine weitestgehend homogene, in einem märchenhaften Wohlstand geeinte Bevölkerung. Dies forderte die neurotischen und infantilen Anteile des Volksgeistes heraus, man war gegen Vietnam und natürlich gegen die US-Imperialisten und was damals noch so alles en vogue war. Am 2. Juni 1967 wurde während des Besuches des Schahs von Persien der Student Benno Ohnesorg in Berlin bei einem illegalen Aufzug getötet, was die Linksextremisten in bewährter Manier zu jahrelangem Krakeelen mißbrauchten. Daß der BRD-Staat vor diesem Krawallen zurückwich und seine Verteidiger zudem im Regen stehen ließ, darf nicht als Folgeerscheinung einer „Kulturrevolution“ gewertet werden, sondern als typisch demokratische Feigheit. Es wäre auch überraschend gewesen, wenn sich ein Staat, der selbst Ausformung von Fremdherrschaft und Zersetzung war, sich anders verhalten hätte. Das, was in „Die 68er und ihre Gegner“ beklagt wird, wird weniger von der „68er“-Kulturrevolution als viel mehr von der völlig unrevolutionär agierende sozialliberale Bundestags-Koalition, die die „Große Koalition“ am 29. September 1969 in regulären Bundestagswahlen ablöste, verantwortet. Der Außenminister der Großen Koalition, Willy Brandt, wurde Kanzler, erster sozialdemokratischer Kanzler in Deutschland seit dem 27.März 1930, dem Tag, als Hermann Müller 1 Müller war eine Art Helmut Schmidt-Vorläufer und Vertreter der einst kaisertreuen Revisionisten. 1919 mußte er allerdings in den sauren Apfel beißen müssen und in Versailles zur Unterschrift antreten. als letzter parlamentarisch amtierender Kanzler des weiland Deutschen Reiches zurücktrat. Die Sozialdemokraten sahen die vergangenen vierzig Jahre als gigantischen Reformstau an und exekutierten mit Hilfe des Deutschen Bundestags, und wo immer möglich der Landtage, ein linksliberales „Reform“-Programm, das zwar Kultur, Gesittung und Menschenwürde mitten ins Gesicht schlug, jedoch wahrhaftig nicht revolutionär sondern streng demokratisch-parlamentarisch durchgeführt wurde. Alle Versuche revolutionärer Demokratie-Aufweichung wurden streng abgewiesen, sei es mit dem Radikalenerlaß, sei es mit entsprechendem innenpolitischen und propagandistischem Instrumentarium. Die Kommune schäumte, faselte von einer „bleiernen Zeit“ und von „Deutschland im Herbst“, wurde jedoch auf ihren Platz verwiesen. Es muß klar und eindeutig konstatiert werden, daß alles, was seit 1969 geschah, die Freigabe des Massenmordes an den Ungeborenen, die Zerstörung der Familie, die Freigabe der Kinder als Experimentiermaterial für linke Hetze und Pornoaufklärer, die volkliche Entsolidarisierung etc. etc., durch streng und ordnungsgemäß gehandhabte parlamentarische Werkzeuge rein demokratisch ins Werk gesetzt wurde, irgend eines „Marsches durch die Institutionen“ bedurfte es dazu nicht. Es grenzt an Gehirnwäsche und Geschichtsfälschung, wenn man nun die Zerrüttungserscheinungen der damaligen Zeit der „68er Bewegung“ in die Schuhe schieben will. Die Zerstörung von Kultur, Geist, Kirche und Familie ist dem Parteiensystem, dem Parlamentarismus und dem BRD-Sozialstaat zuzuschreiben und allen Parteien, die an dem rechtswidrigen Aufbau dieses Staatswesens in Deutschland mitgewirkt haben. Die ausgesprochene SPD- und CDU-Nähe gewisser Helden des Bandes legt die Vermutung nahe, daß deren Beteiligung an der herrlichen Emanzipation von Recht, Wahrheit und Freiheit vertuschen werden soll. Ein Hermann Lübbe repräsentiert beispielsweise den Typus des völlig gleichgeschalteten BRD-Bürgers. Trotz der erbärmlichen Erfahrungen von Weimar und der NS-Zeit mit den Parteien, trotz der eindeutigen Absage des Widerstandes im 3. Reich an den Parteienstaat trat er in den 50er Jahren in die SPD ein, wurde gar SPD-Staatssekretär. Sein „Trick“, eine imaginäre liberale Demokratie gegen die reale totalitäre Demokratie zu setzen, ist eine intellektuelle Zumutung für jeden geschichtlich Denkenden. Die Tatsache, daß er sich für den „Hessischen Elternverein“ und gegen die GEW eingesetzt hat, mag löblich sein, mit Widerstand oder auch nur ansatzweise Ähnlichem hat es jedoch nicht das Geringste zu tun. Von ähnlich ethischer Qualität ist Günter Rohrmoser, der in dem Buch über Gebühr gelobt wird, obwohl über ihn nichts Lobenswertes bekannt geworden ist. Auch Rohrmoser ist ein ganz gewöhnlicher Demokrat und seine philosophische Potenz bewegt sich auf dem Niveau gewöhnlichen Gymnasialunterrichts. Er stellte die lächerliche These auf, daß Marx überholt sei, woraus man ja wohl folgern muß, daß es eine Zeit gab, in der Marx aktuell gewesen ist. Es nimmt nicht wunder, daß der SPD- und CDU-Zerrüttungsstaat gegen einen derartigen „Widerstand“ resistent blieb. Zwar nicht gegen den menschen- und gottfeindlichen BRD-Staat, doch immerhin gegen linke Kräfte innerhalb der evangelischen Kirche leistete Professor Klaus Motschmann erbitterten Widerstand. Dies ein besonders tragischer Fall komplexer Verwirrung, denn trotz jahrzehntelanger intellektueller Auseinandersetzung gelang es Herrn Professor Motschmann nicht, die eigentlich naheliegenden Gründe für das Versagen seiner evangelischen „Kirche“ zu ermitteln, den unwahren Biblizismus nämlich, die Ermangelung der apostolischen und sakramentalen Grundlage, das Fehlen eines kirchlichen Amtes, die mangelnde Bindung an den Stuhl Petri, der diese „Kirche“ zum willenlosen Werkzeug des jeweiligen Zeitgeistes macht. Diese Kirche war 1848 liberal, sie war 1871 deutschnational, sie war 1920 republikanisch, sie war 1933 führertreu, sie formulierte 1945 Schuldbekenntnisse, - warum hätte sie sich 1969 anders verhalten sollen, können, als in den 450 Jahren zuvor? Für diese Kirche gibt es keine Entschuldigung. Die Autoren des Buchs kennen die fragliche Zeit fast ausnahmslos nicht aus eigener Erfahrung, da sie mehrheitlich um 1970 geboren wurden. Über historische Kenntnisse verfügen sie nicht. Das Buch „Die 68er und ihre Gegner“ muß als Versuch gelten, Spuren zu verwischen und die tatsächlichen Verantwortlichen der demokratischen Zerrüttung, nicht erst seit 1968, zu decken. |