Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Henry Louis Mencken

* 12. 9. 1880 Baltimore; + 29. 1. 1956 ebd.

Amerikas wohl bedeutendster Journalist des 20. Jh.s, Verfasser von politischen, sozial- und literaturkritischen, theologischen sowie philologischen Werken, ein Hauptverfechter der „Alten Rechten“ der Zwischenkriegsjahre sowie Inspirator der konservativen wie libertären Publizistik bis heute. Der Jude Walter Lippmann erkannte Mencken „den mächtigsten persönlichen Einfluß auf eine ganze Generation kultivierter Menschen“ zu, was durchaus keine Übertreibung war. Wie kein anderer seines Metiers beherrschte Mencken die amerikanische Sprache, über die er ein Werk schrieb (The American Language), das zum Klassiker wurde und seine Bedeutung bis heute bewahrt hat. Dabei war Mencken, dessen lebhafter, farbiger und wortreicher Stil einzigartig ist, Autodidakt.

Mencken wuchs als Sohn eines Zigarrenfabrikanten deutscher Herkunft (Leipzig) in Baltimore auf, arbeitete anfänglich im väterlichen Betrieb, bevor er 1899 seine vollberufliche Tätigkeit als Journalist aufnahm und schließlich Editor bei der Baltimore Sun wurde, der er in wechselnden Funktionen - zuletzt als politischer Kolumnist und Berater der Chefredaktion - eng verbunden war. Daneben war er Mitarbeiter und Mitherausgeber der führenden Zeitschrift The Smart Set (1908-23) und gründete 1923 The American Mercury, der rasch zum bedeutendsten amerikanischen Magazin avancierte und sich politischen, literarischen und naturwissenschaftlichen Fragen widmete. Bis zu den dreißiger Jahren publizierte Mencken Bücher zu Themen wie Literaturkritik (A Book of Prefaces  1917), die Frauenfrage (In Defense of Women  1918), Moral und Theologie (Treatise on the Gods 1930; Treatise on Right and Wrong“ 1934), Politik (Notes on Democracy 1926) sowie eine sechsbändige Essaysammlung zu verschiedensten Themen (Prejudices 1919-1927). Anthologien von Menckens Arbeiten über den Journalismus (A gang of Pecksniffs, seiner bedeutendsten Zeitungsartikel (The Impossible H. L. M  1991), sein Tagebuch (Diary  1989) sowie Erinnerungen erschienen teils posthum.

Mencken lernte schon frühzeitig die Werke von Charles Darwin, Herbert Spencer und William Graham Sumner kennen: Sumners vergessener Mensch, der einen nützlichen Beruf in kompetenter Weise ausübt, anständig lebt und auf eigene Fasson glücklich werden oder sein will und nur fordert, „allein gelassen zu werden“, taucht bei Mencken immer wieder auf und ist für sein Denken von zentraler Bedeutung).

Murray N. Rothbard, ein Bewunderer Menckens, meinte treffend: „Es fällt den Amerikanern schwer, einen Fusionisten von hochgeistigem Witz und voller Hingabe zu Prinzipien zu verstehen; man ist danach entweder ein Humorist, der freundlich oder böse die Schwächen des Zeitalters aufs Korn nimmt, oder man ist ein ernsthafter und feierlicher Denker. Daß ein Mann von überschäumendem Witz sich auf diese Weise um so mehr positiven Ideen und Prinzipien hingeben kann, ist von wenigen verstanden worden; fast immer wurde er als purer Zyniker und Nihilist dar gestellt.“

Es war bezeichnend für Mencken, daß ihn dies wenig kümmerte; es bestärkte ihn vielmehr in seiner nicht allzu großen Hochachtung für viele seiner Landsleute. Als Individualist, Skeptiker und klassischer Liberaler, der er war, wählte er jenen Weg, der seinem Wesen und Temperament am ehesten entsprach: Als distanzierter Beobachter genoß er das absurde Theater, die „Verrücktheiten“ der Zeit und Welt, in der er lebte.

Mencken hat sein Credo wie folgt umschrieben: „Ich glaube nur an die menschliche Freiheit. Wenn ein Mensch je etwas wie Würde erreichen kann, so ist dies nur möglich, wenn herausragenden Menschen die absolute Freiheit gegeben wird, zu denken, was sie denken wollen, und zu sagen, was sie sagen wollen. Ich wende mich gegen jeden Menschen oder gegen jede Organisation, die darauf aus ist, diese Freiheit zu beschränken oder gar zu verbieten. Im übrigen kann dieser Mensch nur dann seiner Freiheit sicher sein, wenn diese allen Menschen gewährt wird.“

Er bezeichnet sieh als „extremen Liberalen“ und unterstrich: „Ich glaube unbedingt an die freie Rede. Ich lehne es ab, daß Menschen wegen ihrer Überzeugungen oder Meinungen gefangengenommen werden.“

Zudem betonte er: „Ich habe nichts mit einem Reformer gemeinsam, wie sehr ich mich auch gegen dieses oder jenes Malaise wenden mag. Denn darin steckt gewöhnlich weit mehr Entzücken als Indignation.“

In diesem Kontext muß „lieh der Kampf Menckens gegen die Prohibition und gegen die Zensur gesehen werden: Er entlarvte die verlogene Doppelmoral gewisser spießbürgerlicher Puritaner, hinter der sich „der blanke Neid verbirgt über jene Menschen, die es verstehen, alle Möglichkeiten für ein glückliches und zufriedenes Leben auszuschöpfen“. Zielscheiben seines zuweilen ätzenden Spotts waren die spießige „Booboisie“, Politiker, der Puritanismus protestantisch-fundamentalistischer Prägung sowie die ultraamerikanischen „Hurra-Patrioten“. Mencken förderte in seiner ersten Lebenshälfte Schriftsteller wie Theodore Dreiser oder Sinclair Lewis, die dem Realismus verpflichtet waren und eine amerikanische Literatur schufen, die möglichst eigenständig sein und sich von europäischen sowie insbesondere briti­schen Vorbildern abheben sollte.

In „Notes on Democracy“ übte er ätzende Kritik an der amerikanischen Demokratie im allgemeinen, der unbeschränkten Demokratie im besonderen. Er war der Überzeugung, daß die Massendemokratie wie der Puritanismus mit dem Neid untrennbar verbunden seien. Beide Phänomene basierten auf dem Haß des inferioren Menschen auf jene Individuen, die ein besseres, reich erfülltes Leben genössen. Mit den Mitteln der Demokratie (Erlaß sogenannter Gesetze), unter krasser Verletzung der Rechtsstaatlichkeit und der Bill of Rights werde der Versuch unternommen, Minder- oder Mehrheiten Verhaltensweisen oder Verbote aufzuzwingen, die den subjektiven Wertvorstellungen oder Vorurteilen einer Mehr- oder Minderheit entsprächen (Prohibition etc.).

Dem Massenmenschen fehle jedes echte Verständnis für Freiheit. Menckens Plädoyer für den Minimalstaat war schon früh mit einem entschiedenen Engagement für die freie Marktwirtschaft verbunden, da nur diese Wirtschaftsordnung materiellen Wohlstand und Freiräume für das Individuum ermögliche. Es war deshalb nur folgerichtig - und keinesfalls ein Frontenwechsel, wie von vielen Zeitgenossen irrtümlicherweise angenommen, als Mencken die Konservativen und echten Liberalen in ihrem Kampf gegen Präsident F. D. Roosevelts New Deal entschieden unterstützte, ja gar zu einem ihrer wichtigsten Sprecher wurde.

In den letzten Jahren sind zahlreiche Werke aus Menckens Nachlaß erschienen, die ein differenzierteres Bild des legendären Publizisten ermöglichen: Der Briefwechsel mit seiner Frau Sara Haardt enthüllte zur allgemeinen Überraschung eine romantische, zärtliche Seite des gelegentlich auch etwas rauhbeinigen Mannes. In dem nach seinem Willen erst 1989 publizierten Tagebuch erinnert er sich regelmäßig des Todestages seiner Frau und beschreibt die Besuche an ihrem Grab. Wenn seinen schwarzen Bediensteten ein Unglück widerfuhr, sorgte er sich auf rührende Weise um sie. Mencken, der Befürworter des liberalen Minimalstaats, zeigte zugleich ein hohes Maß an sozialer Verantwortung.

In den letzten acht Jahren seines Arbeitslebens, das am 23. November 1948 brüsk endete, als er einen Herzinfarkt erlitt, von dem er sich zwar körperlich, nicht aber geistig erholte, erschienen sechs seiner wichtigsten Bücher: die drei liebevoll, amüsant und heiter verfaßten Erinnerungsbücher „Happy Days 1880-92“ (1940), „Newspaper Days 1899-1906“ (1941) sowie „Heathen Days 1890-1936“ (1943), die beiden Ergänzungen („Supplements“) zu „The American Language“ sowie der beeindruckende „New Dictionary of Quotations“ (1942), in dem sich kluge Zitate selbst von etwas in Vergessenheit geratenen liberalen und libertären Denkern zu Themen wie individuelle Freiheit und Staat, Mann und Frau usw. finden.

Selten einmal erlaubte sich Mencken den Spaß, ein von ihm selbst geschaffenes Bonmot unter einem Pseudonym in die Sammlung einzuschmuggeln. In diesen letzten produktiven Jahren arbeitete er zudem an den beiden Memoirenbänden „My Life as Author and Editor“ (1991) sowie „Thirty-Five Years of Newspaper Work, 1906-41“ (Veröffentlichung bei der Johns Hopkins University Press geplant), die nach seinem Willen „bis zum 1. Januar 1980 oder 35 Jahre nach dem Tod des Autors, welches auch immer das spätere Datum sein mag, von niemandem geöffnet werden dürfen“. Am 29. Januar 1956 starb der große alte Mann in Baltimore.

Das Interesse an seinem vielseitigen Oeuvre hat seither - nicht zuletzt angeregt durch die zahlreichen posthumen Neuveröffentlichungen - nicht nachgelassen.

Bibliographie

George Bernard Shaw, New York 1905

Friedrich Nietzsche, New York 1907

H. L. M. /R. R. La Monte: Men Versus The Man: A Correspondence, New York 1972 (1910)

H. L. M. / G. J. Nathan: A Book of Prefaces, New York 1917

In Defense of Women, New York 1985 (1918)

dies.: Heliogabalus. A Buffoonery, New York 1920

The American Credo, New York 1921

Prejudices in Six Series, New York 1985 (1919-27)

Notes on Democracy, New York 1980 (1926)

Menckeniana. A Schimpflexikon, New York 1980 (1928)

Treatise on the Gods, New York 1980 (1930)

H. L. M. / G. J. Nathan: The Smart Set Anthology, New York 1934

Treatise on Right & Wrong, New York 1980 (1934)

Happy Days 1880-92, New York 1940

Newspaper Days, New York 1941

Heathen Days, New York 1943

A New Dictionary of Quotations on Historical Principles from Ancient & Modern Sources, New York 1985 (1942)

Christmas Story, New York 1946.

Editionen

A M. Chrestomathy. His own Selection of bis choicest Writings, New York 1982 (1949)

Minority Report. H. L. M/s Notebook, New York 1956

A Carnival of Buncombe, hrsg. v. M. Moos, Baltimore 1956

R. McHugh: The Bathtub Hoax and other Elasts and Bravos, New York 1981 (1958)

Leiters of H. L. M., hrsg. v. G. J. Forgue, Boston 1981 (1961)

The American Language, hrsg. v. R. I. McDavid / D. W. Maurer, New York 1982 (1919-45)

M. & Sara. A Life in Leiters, hrsg. v. M. E. Rodgers, New York 1987

The Editor, the Bluenose and the Prostitute. H. L. M.’s History of the „Ha-track“ Case, hrsg. v. C. Bö Je, Boulder 1988 (1924-26)

The Diary of H. L. M., hrsg. v. C. A. Fechner, New York 1989

The Impossible H. L. M. - A Selection of his best Newspaper Stones, hrsg. v. M. E. Rodgers, New York 1991

My Life äs Author and Editor, hrsg. v.J. Yardley, New York 1993.

Literatur

C. Angoff: H. L. M. A Portrait from Memory, New York 1956

M. N. Rothbard: H. L. M.: The Joyous Libertarian, in: New Libertanan Review, Indianapolis 1981 (1962)

P. Wagner: H. L. M., Minneapolis 1966

C. Bode:M., Carbonville - Edwardsville 1973 (1969)

L. C. Hobson, fr.: Serpent in Eden. H. L. M. and ehe South, Baton Rouge 1974

C. A. Fecher: M. - A Study of His Thought, New York 1978

C. Scruggs: H. L. M. and the Black Writers of the 1920s, Baltimore 1984

A. K. Winterherger: Henry Louis Mencken - Kämpfer für die Freiheit des Individuums. Zum 30. Todestag des großen amerikanischen Journalisten und Essayisten, in: Zürichsee-Zeitung, 29. Januar I956;

 

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