Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Joseph de Maistre: Zur Monarchie

Aus: Idée générale des lois et du gouvernement de S.M. le roi de Sardaigne avec quelques réflexions sur la Savoie en particulier.1
In «4e lettre d'un royaliste savoisien à ses compatriotes» (1793)

Die Monarchie ist die einzige Regierungsform, in der die individuelle Liebe zum Herrscher das Prinzip der Regierung dauernd stärkt und fortbestehen läßt. Was ist das Volk in einer Demokratie? Ein Name, ein moralisches Wesen. Wenn man von ihm eine Gunst erlangt, spaltet sich die Dankbarkeit auf, und dieses Gefühl schwächt sich, wie alle anderen, in der Aufteilung ab. Demokratien sind deshalb so wenig dauerhaft, well sie sich nur durch Überschwenglichkeit erhalten können und die Überschwenglichkeit ein dem Menschen unnatürlicher Zustand ist. Sobald die demokratische Begeisterung verfliegt, hat die Regierung keinen Mittelpunkt, keine Einheit mehr. Das Volk weiß mit seiner Macht nichts mehr anzufangen, es weiß nicht einmal mehr, worin diese Macht besteht. Und da es das Bedürfnis hat, die Autorität zu sehen, verhilft es ihr selbst dazu, sich in einigen Wenigen zu vereinigen oder in einer einzigen Person zu konzentrieren.

Im System der Monarchie ist der Herrscher kein moralisches Wesen, sondern ein Mensch wie ihr. Zwischen ihm und euch gibt es einen Austausch der Gefühle, eine Gegenseitigkeit von Dienstleistung und Dankbarkeit wie unter allen anderen Menschen. Alles, was ihr an Größe, Macht oder Ansehen besitzt, verdankt ihr diesem Menschen oder seinen Vorgängern. Erinnerungen dieser Art sind so wirksam wie die Genüsse des Augenblicks oder besser, sie sind dauerhafte Genüsse, die mit der Zeit zunehmen statt abzunehmen. Eure Väter haben keine bedeutende oder nützliche Tat begangen, deren Verdienst nicht euch zugute käme und euch dem Herrscher teuer machte. Umgekehrt vereinigen sich alle Wohltaten, die die königliche Familie der eurigen angedeihen ließ, zu einem einzigen Bündel, die ihr dem lebenden Herrscher anrechnet. Als Nachfolger aller Wohltäter erbt er die Dankbarkeit, die früher jedem einzelnen von ihnen entgegengebracht wurde, und all diese auf denselben Menschen vereinigten Gefühle gewinnen eine ungeheure Intensität, wie Sonnenstrahlen, die im Raum zerstreut nur mäßige Wärme erzeugten, aber zum glühenden Feuer werden, wenn sie das Brennglas in einem Punkt vereinigt. Auf diese Weise entsteht der Adel, nämlich aus einer fortgesetzten Dankbarkeit des Herrschers für fortgesetzte Dienste. Wenn er für die Monarchie wesentlicher erscheint, so deshalb, well er darin greifbarer und wirksamer ist, denn er stellt darin ein Verhältnis von Mensch zu Mensch dar.

Noch ein Wort zur Beziehung der Monarchie zur Erbaristokratie, um die so großer Lärm entstanden ist, seit ihr die französischen Neuerer den Krieg erklärten. Die Geschichte aller Zeiten and aller Völker lehrt zwei unbestreitbare Wahrheiten, daß nämlich die Gleichheit unmöglich und die Erbaristokratie unvermeidlich ist. Man erlaube mir, für den Augenblick die Wahrheit dieser Behauptungen vorauszusetzen, wir werden vielleicht darauf zurückkommen. Vorausgesetzt also, daß man auf diese Aristokratie nicht verzichten kann, gibt es dann eine Regierungsform, bei der sie weniger Unzuträglichkeiten hätte als in der Monarchie? Da wir die Hierarchie der Stände als notwendig vorausgesetzt haben, ist alles, was man verlangen darf, daß sie keine unüberwindlichen Schranken zwischen den verschiedenen Familien des Staates aufrichtet, daß keine von ihnen gedemütigt wird durch eine Auszeichnung, in deren Besitz sie niemals gelangen kann.

Genau das ist in gemäßigten Monarchien wie der unseren der Fall oder wie in Frankreich vor der Revolution. Es gibt keine Familie, die das Verdienst ihres Oberhaupts nicht vom zweiten in den ersten Rang befördern könnte. Das Volk selbst beschwerte sich über die Leichtigkeit des Aufstiegs, und die empörte öffentliche Meinung weigerte sich, ihn anzuerkennen, wenn er nicht durch Verdienst gerechtfertigt war. Unabhängig von dieser schmeichelhaften Erhebung oder bevor sie mit der Zeit die Bedeutung erlangt, die ihren Wert ausmacht, finden sich alle Ämter des Staates auf dein Weg des Verdienstes, um ihm den erblichen Rang zu ersetzen und es ihm näherzubringen: das Verdienst hat ein Recht auf alles, und oft erlangt es auch alles. Die Monarchie ist in der Tat eine Turnusaristokratie, wenn ich so sagen darf, die nacheinander alle Familien des Staates erhebt: alle Ehren, alle Ämter stehen am Ende von einer Art Kampfplatz, wo alle das Recht zu laufen haben: so braucht sich keiner zu beklagen. Und der König ist der Schiedsrichter des Wettlaufs.

Diese Ordnung wird noch vollkommener erscheinen, wenn man bedenkt, daß die Geburts- und Ämteraristokratie, die bereits stark gemildert ist durch das Recht jeder Familie und jedes einzelnen, in den Genuß desselben Ranges zu gelangen, außerdem alles Anstößige für die unteren Schichten verliert durch die universelle Oberhoheit des Monarchen, vor dem kein Bürger mächtiger ist als der andere. Der Mann aus dem Volke, der sich zu gering erachtet im Vergleich zu einem Fürsten, vergleicht diesen mit dem Souverän: und ihre Eigenschaft als Untertan, die sie beide gleichermaßen derselben Macht und derselben Gerichtsbarkeit unterwirft, stellt eine Art Gleichheit dar, die die unvermeidlichen Leiden der Selbstachtung lindert.

Es ist Zeit, zum Schluß zu kommen: Die Monarchie ist eine Regierungsform, die so legitim ist wie andere, aber friedlicher, sicherer und dauerhafter als jede andere. Unter allen Monarchien Europas ist die unsere eine der gemäßigtsten, der ausgewogensten durch die Gesetze, die Religion, die öffentliche Meinung und die Beständigkeit des regierenden Hauses. Der König kann euch nicht zu einer wohlhabenden, mächtigen, einflußreichen Nation machen, die Natur hat es nicht gewollt. Aber statt des Glanzes hat sie euch Glück verliehen, wenn ihr wollt. Nun gilt es, alle eure Kräfte anzustrengen, um die Wunden des Staates zu schließen. Vielleicht wird das Unglück Savoyens Gutes hervorbringen, das wir kaum zu erhoffen wagten. Langer Wohlstand schläfert die Regierungen am Ende ein, Mißgeschicke geben ihnen Energie zurück, verdoppeln ihre Kräfte und setzen sie instand, große Dinge zum Wohle der Völker zu bewirken. Aber alle Bemühungen des Königs wären vergeblich, wenn er nicht in der öffentlichen Gesinnung und in der Liebe des Volkes die unerläßlichen Verbündeten fände.

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