Auf der Kanzel soll keine Alltagspolitik betrieben werden. Wir
haben der Ewigkeit und nicht dem Tage zu dienen. Die politisierenden
Pfarrer, die ihre Rolle mit der des Straßenredners und Zeitungsschreibers
verwechseln, sind, wie die letzten Jahre beweisen, ein Unglück
für die Kirche. Diese Diener des lebendigen Gottes erniedrigen
sich zu Hofkaplänen und Kammerdienern der Regierungen.
Wir haben auf der Kanzel nie etwas anderes als Religion zu treiben.
Theologie, die Wissenschaft Gottes. Aber gerade weil wir Religion
treiben müssen, haben wir auch im staatlichen Leben die Tatsache
festzustellen, daß auf dem tiefsten Grunde aller Politik Theologie
ist. Jede politische Wahrheit geht zurück auf eine religiöse Wahrheit.
Jede politische Irrlehre entspringt einer religiösen Irrlehre.
Die politische Frage, die heute bei allen Völkern im Vordergrund
steht, ist die demokratische Frage. Die Nationen sehen in der
Demokratie das große Heilmittel gegen alle Sünden der Regierungen.
Die Völker, 6.000 Jahre unter der Vormundschaft einer bevorzugten
Kaste, fühlen sich mündig. Die Souveränität, bisher ein Kronrecht,
wird ein Volksrecht. Es ist die Geburtsstunde der Freiheit, Gleichheit
und Brüderlichkeit. Jeder Bürger ein König! Die Folge davon: das
Paradies auf Erden! die soziale Frage ist gelöst! Der Krieg ist
in Zukunft unmöglich. Die ganze Menschheit eine Familie - die
Weltrepublik! Alle Nationen, die kleinen und die großen, gleichberechtigte
Schwestern!
Die demokratische Frage ist im tiefsten Grunde eine sittliche
und religiöse Frage und gehört deswegen auf die Kanzel. Wenn
der demokratische Rausch nicht mit aller Entschiedenheit bekämpft
wird, so ist bald die ganze Welt verrückt. Ich mache eine
Feststellung: Ich rede nicht von der Regierungsform. Der Schweizer
ist von Geburt Republikaner und ist es mit aller Glut der Seele.
Die moderne Demokratie hat mit der Regierungsform an und für
sich nichts zu schaffen. Sie besteht ebenso bei überzeugten Monarchisten
wie Republikanern. Sie ist die allgemeine Auffassung, daß die
Regierung auf den Schultern des Volkes zu ruhen habe, daß das
Volk regieren müsse und daß alle Regierungsvollmachten vom Volke
gegeben und darum auch wieder genommen werden können. Das
ist eine Häresie. Noch mehr: Es ist Revolution, die Umwälzung
aller Fundamente der staatlichen Ordnung.
Die Demokratie, die moderne Demokratie, die Lehre von der Volkssouveränität
und Volksherrschaft ist ein Widerspruch gegen das christliche
Dogma. Es gibt nach der hl. Schrift keine Gewalt außer von Gott,
und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer sich der
Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes. Und die
sich widersetzen, ziehen sich die Verdammnis zu (Röm 13, 1-2).
In der Republik und z.T. auch in der konstitutionellen Monarchie
werden die Regierenden durch die Mehrheit des Volkes gewählt.
Durch eine solche Wahl wird nun allerdings der Inhaber der Regierungsgewalt
bezeichnet, aber wie Leo XIII. sehr entschieden betont, wird
hierdurch keine Herrschaft und kein Recht der Gewalt übertragen.[1]
Niemand gibt, was er nicht hat. Von Natur aus ist jeder Mensch
ebenbürtig in der Menschenwürde und hat deswegen keine Gewalt
über den anderen. Seine Macht über den anderen ist mathematisch
ausgedrückt gleich Null. Auch bei 500.000 Stimmen. Denn 500.000
mal Null ist gleich Null. Und 50 Millionen mal Null ist wieder
Null. Ob die Rechnung in einer kleinen Alpenrepublik, in den Vereinigten
Staaten von Amerika oder in Rußland gemacht wir, das Resultat
ist immer dasselbe. Wir können Regierungsräte bestimmen, aber
wir können aus ihnen keine Regierung machen. Wir können den Regierungsräten
nicht die Seele der obrigkeitlichen Autorität einhauchen. Dieses
Recht hat sich Gott vorbehalten. Jede Gewalt kommt von oben. Die
Theorie von der Volksherrschaft, die moderne Demokratie ist daher
eine Irrlehre.
Die moderne Demokratie führt zum praktischen Atheismus. Wenn
die Gewalt und das Recht im Volke ruht, so folgt, daß Gott in
den öffentlichen Angelegenheiten der Nationen nichts zu sagen
hat. Die Religion hat keine Rechte auf die Regierung. Die Kirche
ist vogelfrei. Die Gebote Gottes gelten höchstens für die Sakristei
und das Kämmerlein der privaten Frömmigkeit. Man geht vielleicht
nicht soweit, das Dasein Gottes zu leugnen, aber Gott im Himmel
ist recht- und machtlos. Er ist Gott ohne Thron und Krone. Er
ist eine lächerliche Figur, mit der man manchen kann, was man
will. Wir haben in der Politik den praktischen Atheismus. Gott
ist nichts, die Masse ist allmächtiger, allgegenwärtiger, allwissender
Gott!
Die moderne Demokratie mit ihrem Endziel, der Weltrepublik, diesem
Ideal der gegenwärtig herrschenden internationalen Freimaurerei,
ist ein Werk des Gotteshasses und des Antichristentums. Die immer
harmlosen Katholiken ahnen das nicht. Desto schlimmer für sie.
Die Prophezeiung von Donoso Cortes in seinem Schreiben an Kardinal
Fornari wird in Erfüllung gehen: Das große antichristliche Reich
der letzten Zeiten, das die geheime Offenbarung voraussagt, wird
in kolossales, demagogisches Weltreich sein, regiert von einem
Volksmann von satanischer Größe.
Die moderne Demokratie - ich
wiederhole es, die moderne Demokratie, nicht die altehrwürdige,
christliche Republik der Vergangenheit - ist
das Werk der Hölle. Die Volkssouveränität an der Stelle
der Souveränität des Allerhöchsten!
Die moderne Demokratie ist ein Widerspruch mit der Vernunft,
ein Wahnsinn. Das Volk soll regieren, in den Republiken, in den
Monarchien? Ich sage: Entweder oder! Entweder befiehlt das Volk
und dann gehorcht es nicht. Oder das Volk gehorcht und dann befiehlt
es nicht. Man kann nicht zugleich regieren und Gehorchen. Man
kann nicht zugleich der Vorgesetzte und der Untergebene sein.
Man ist entweder das eine oder das andere. Man regiert oder man
wird regiert. Die Ehrlichkeit verlangt also, daß man sich für
das Regiertwerden ausspricht und somit gegen die Volksherrschaft
und Volkssouveränität. Oder man ist für das Massenregiment - alle
Bürger sind Könige, Regierungsräte, Gesetzgeber und Richter -
und das ist die Anarchie. Soll die Volkssouveränität nicht leere
Phrase sein, so muß man Anarchist werden.
Die moderne Demokratie widerspricht aller Erfahrung und Geschichte.
Es hat niemals ein Volk gegeben, das sich selbst regiert hat.
Es gibt heute keines und wird nie eines geben. Das Volk ist immer
regiert worden, vielleicht durch einen allein in der Monarchie,
vielleicht durch mehrere miteinander in der Republik, vielleicht
durch eine Familie, in der die Herrschaft sich durch die Jahrhunderte
vererbt, vielleicht durch vom Volk bestimmte Männer. Aber mag
auch die Form der Regierung in den einzelnen Nationen und Zeiten
sich ändern, das Volk wird immer regiert, weil es da ist, um regiert
zu werden.
Auch die Republik macht davon keine Ausnahme. Vor hundert Jahren
sind Könige und Aristokraten gestürzt worden. Was geschah? Es
kamen neue Namen, neue Männer, neue Familien, neue Aristokraten,
Aristokraten des Geldes oder Geistes, die sich auf die leeren
grünen Sessel schwangen. Das Volk ist da, um regiert zu werden.
Wir können an die Urne gehen, aber es ist in der Regel eine Selbsttäuschung,
wenn wir glauben, daß das „Volk“ an der Urne den Ausschlag gibt.
Das Volk wird geführt von einem kleinen Häuflein, von einigen
Schriftstellern, Redakteuren, Rednern, Kapitalisten, Agitatoren,
von einem Komitee, einem offenen oder geheimen Klub.
Die Volksherrschaft ist in der Regel Phrase oder Volksbetrug.
Sie ist fast immer die Stiege, auf die neue Machthaber hinaufsteigen
zur Macht. Sind sie droben, so verachten sie die Stiege, das Volk.
Darin beruht die Taktik der modernen internationalen Freimaurerei.
Sie spricht von Volksherrschaft, um die Könige und Regierungen
zu stürzen und sich an deren Stelle zu setzen. Ihr letztes Ziel
ist nicht die Souveränität des Volkes, sondern die Souveränität
der Loge! Das Volk wird auch in Zukunft regiert werden.
Die moderne Demokratie ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Volk,
das heißt alle. Nun gut, das „Volk“ ist kein einheitliches Ganze.
Es ist zumal heute zusammengesetzt aus den größten Gegensätzen.
Wenn es eine Zeit gäbe, wo das ganze Volk regieren könnte, dann
wäre es die Zeit, wo alle eines Sinnes und eines Herzens wären,
das ganze Volk gleichsam eine Person. Wenn es eine Zeit gibt,
wo die allgemeine Übereinstimmung nicht vorhanden und deswegen
die Demokratie unmöglich ist, dann ist es die heutige.
Die Herrschaft muß nach gewissen Grundsätzen geschehen. Diese
Grundsätze sind entweder katholisch oder protestantisch, liberal
oder sozialistisch. Die Regierung ist also immer Regierung im
Sinn und Geiste eines Volksteiles, einer gewissen Partei, Klasse
oder Religion. Sie ist Mehrheitsherrschaft, Parteiherrschaft,
Klassenherrschaft, aber sie ist nie Volksherrschaft. Es gibt im
demokratischen Staatswesen immer Minderheiten, die nicht regieren,
sondern regiert werden. Also gibt es keine Demokratie, d.h. Herrschaft
Aller.
Das Ideal der Demokratie sei die Demokratie mit Proporz nach
dem Grundsatz der Gleichberechtigung Aller. Der Proporz ist die
Politik der Verzweiflung und der Verwirrung. Ich verstehe eine
Regierung, die katholisch ist. Ich verstehe eine Regierung, die
antiklerikal ist. Ich verstehe eine Regierung, die sozialistisch
ist. Aber offen gestanden, ich begreife nicht, wie eine Regierung
zugleich katholisch und antiklerikal, liberal und sozialistisch
sein kann. Ich begreife nicht, wie eine Partei in der Regierung
der Kopf, die andere der Mund, die dritte der Arm, die vierte
der Magen sein kann. Eine solche Regierung, falls sie existieren
kann, ist ein Monstrum. Die Regierung muß Kopf, Zunge, Arm, Magen
von einer homogenen Art besitzen. Demokratie im Vollsinn des Wortes
existiert nicht.
Die moderne Demokratie ist gerade, wo sie gerecht sein will,
ungerecht und gefährlich. Die Demokratie überläßt alles dem Schicksal
der Urne. Die Urne, das ist der Zufall, und doch wieder die „Unfehlbarkeit“.
Alle ihre Urteile haben Gesetzeskraft! Eine einzige Stimme kann
den Ausschlag geben über die wichtigsten Fragen der Religion und
des Rechtes. Atheisten können an der Urne
das Entscheidungsrecht haben über die Kirche, Diebe über Eigentum,
Wucherer über Lohn und Arbeit, Ehebrecher und Verführer über das
Strafgesetzbuch und Ungebildete über die Grundlagen der menschlichen
Gesellschaft.
Die Wahrheit und Gerechtigkeit, ewig, unwandelbar und unabhängig,
sind der Willkür der Mehrheit ausgesetzt. Die moderne Demokratie
anerkennt im Gegensatz zur christlichen Staatsordnung keine Souveränität
der Wahrheit und der göttlichen Gebote, an welche auch die Urne
gebunden ist.
Die moderne Demokratie ist die größte Lüge des Jahrhunderts.
Sie ist nicht die Rettung aus der Sintflut, sondern ihre Fortsetzung
und Steigerung. Der das sagt, ist ein Republikaner,
Sohn des ältesten und schönsten aller Freistaaten, aber zugleich
überzeugter Gegner der modernen Demokratie. Unser Kampf gilt nicht
der Regierungsform, sondern einer überall grassierenden, gottlosen
und folgenschweren Irrlehre über den Ursprung der bürgerlichen
Gewalt.
Aber auch dann, wenn man unter Demokratie etwas anderes als wir
verstehen wollte, nämlich die allgemeine Errichtung von Freistaaten,
können wir darin nicht die Arche in der Sintflut sehen. Die Regierungsform
spielt eine untergeordnete Rolle. Wie viele auf grünen Sesseln
sitzen, einer oder sieben, ist von nebensächlicher Bedeutung.
Es hat Staaten gegeben, wo einer an der Spitze war und das Volk
war frei und glücklich. Es gibt Regierungen, wo sieben befehlen,
und ihre Politik ist Tyrannei und Sklaventum.
Zweck aller Regierungen ist Volksdienst,
Schutz der Menschenrechte und der höchsten Menschheitsgüter: Religion,
Gewissen, Familie, Leben, Eigentum, Ehre, Wohlfahrt.
Die beste Regierung, Monarchie oder Republik ist diejenige, wo
sich die Güter im ungestörten Besitze der Allgemeinheit sich befinden.
Ein Schrei geht durch die Menschheit aller Sprachen. Mehr Rechte!
Mehr Freiheit! Die Regierungen sollen um der Völker willen und
für die Völker da sein und nicht die Völker für die Intrigen der
Höfe und der Regierungen! Dieser Ruf ist der Verzweiflungsschrei
der zermarterten Völker. Ich rufe mit. Aber ich füge gleich bei:
Die Regierungsform ist Nebensache. Die Form nützt nichts. Der
Geist rettet.
Was die Völker brauchen, ist nicht Demokratie, sondern Schutz
vor allen Feinden der hl. Menschenrechte, Schutz vor den Tyrannen
allen, den republikanischen und den monarchistischen, vor den
Tyrannen an Gewissen und Glauben, an Leben und Eigentum und jeglichem
Gute. Aber der Garantien von Freiheit und Recht gibt's nur eine,
nur eine einzige: Das Verantwortlichkeitsgefühl der Regierungen,
das Gewissen der Gewaltigen der Erde, die Religion. Die Arche
heißt nicht Demokratie, sie heißt katholische Kirche. Der Retter
ist nicht Wilson, sondern der Papst.