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Le Roi est mort

Arthur Koestler ca. 1946

I.

   Le Roi est mort, vive le Roi - Der König ist tot, es lebe der König! - pflegten die französischen Höflinge zu rufen, wenn der König das Zeitliche gesegnet hatte. Hitler ist tot, es lebe der Faschismus - ist eine mögliche Variation für die nächsten paar Jahre und wir würden gut daran tun, uns dies einzuprägen, damit wir nicht so schmerzlich überrascht werden wie der Mann, der, seinen Kopf im Maule des Löwen, schlafen wollte. Es genügt nicht, den Faschismus auf dem Schlachtfeld zu besiegen, er muß in den Köpfen, Herzen und Drüsen der Menschen besiegt werden, denn er ist lediglich ein neues Wort für einen sehr alten Geisteszustand. Überall, wo über Neger und Juden gewitzelt wird, überall, wo amtlich oder privat in die Liebesgewohnheiten und politischen Überzeugungen der Bürger hineingeschnüffelt wird, überall, wo eine Forderung auf Lohnerhöhung die Rote Drohung genannt wird und wo ein legaler Streik mit Bleiknüppeln und Flintenschüssen niedergeschlagen wird, überall, wo diese Dinge vorkommen, ist der Faschismus gegenwärtig, gerade unter deiner Nase; du brauchst nicht ins Kino zu gehen und dir die Gestapo im Farbfilm anzusehen, um den Faschismus zu finden.

Freiheit ist eine Sache des Gradunterschiedes. Der Gefangene in der Einzelhaft ist weniger frei, als der, der sich bewegen darf; ein Internierungslager ist ein Paradies, verglichen mit einem Gefängnis; das faschistische Italien war ein freies Land im Vergleich mit Nazideutschland, und ein unfreies, verglichen mit Frankreich. Aber die französische Demokratie verweigerte den Frauen das Wahlrecht oder ein Bankkonto zu unterhalten ohne des Ehemannes gnädige Erlaubnis. Dies erscheint den Amerikanern natürlich als eine sehr barbarische Sache und bestätigt sie in ihrer spießbürgerlichen Überzeugung, sie lebten im freiesten Lande der Welt. Ich weiß von einem Mann, der Selbstmord begangen hat, weil er durch die Straßen von Wien getrieben worden war mit einem Plakat um den Hals, auf dem geschrieben stand: Ich bin ein dreckiger Jude, bitte, spucken Sie mich an, und, nachdem er die gelobte Küste Amerikas erreicht hatte, aus einem Hotel hinausgeworfen wurde, das Juden nicht einließ. Er wußte offensichtlich nicht, daß es so etwas gibt im Lande Jeffersons und Lincolns.

Wenn ich nun sage, daß der Unterschied zwischen Faschismus und Demokratie nur ein Gradunterschied ist, so werden Sie wahrscheinlich widersprechen und auf die verfassungsmäßigen Garantien - Pressefreiheit, parlamentarische Vertretung usw. hinweisen. Dies ist selbstverständlich richtig, und jeder, der unter einer Diktatur gelebt hat, weiß die große Bedeutung demokratischer Einrichtungen zu schätzen. Er kennt sie sogar besser als die, welche dieses Argument immer benützen, um zu beweisen, daß alles in Ordnung ist. Aber er kennt auch den Unterschied zwischen dem Buchstaben des Gesetzes und dem Geiste, in welchem es angewandt wird. Man würde sich schämen, solch eine Plattheit wie jener Sergeant in Bataan zu zitieren, welcher es immer fertig zu bringen scheint, Abraham Lincoln mit Präsident Harding zu verwechseln. Laßt uns also das Tüpfelchen auf das i setzen und uns einprägen, daß auch Hitler ein Parlament hat, das theoretisch die Freiheit besitzt, ihm jederzeit den Laufpaß zu geben; daß die ungarische Arbeiterpartei unter der Herrschaft Horthys legal bleiben und sogar bis vor wenigen Monaten eine Tageszeitung herausgeben durfte; und daß die demokratischste Verfassung in der Welt, die Sowjetverfassung von 1936, anscheinend sich mit einem Einparteiensystem und der Ausschaltung aller oppositionellen Tätigkeiten vereinbaren läßt.

Mit anderen Worten, man kann sich nicht auf Verfassungsgarantien verlassen und sie als eine Entschuldigung für Trägheit gebrauchen. Wir denken immer an den Faschismus als etwas Abgegrenztes, von unseren Lebensformen deutlich Unterschiedenes. Es wäre richtiger, man würde ihn mit einem Gas vergleichen, das man in irgendeinen Behälter beliebiger Gestalt füllen kann. Und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, in einem gewissen Gestank zu leben, so wird man dies nicht wahrnehmen, auch wenn man vollständig vergiftet wird. Die Gefahr ist nicht die, daß wir eines Morgens aufwachen können und eine faschistische Welt vorfinden; das wäre leicht zu verhüten. Die Gefahr ist die, daß wir am Abend vorher in einer Welt zu Bett gehen, welche schon im Begriffe war, faschistisch zu werden, ohne daß wir es wahrgenommen hätten.

II.

Ich wünsche, Sie möchten nicht denken, dies seien die Übertreibungen einer berufsmäßigen Kassandra. Die europäischen Kassandras schrieen zwischen den beiden Kriegen, nicht weil sie Pessimisten oder Masochisten oder Bangemacher waren oder wegen des Vergnügens, nachher sagen zu können: „Ich sagte es ja.“ Sie können dies schon deshalb nicht sagen, weil wenige von ihnen noch am Leben sind. Sie warnten euch, nicht weil sie Visionäre waren, sondern weil sie die Wirklichkeit geschaut und sie an ihrem eigenen Körper erlitten haben. Die Sozialisten haben euch vor Hitler gewarnt, weil sie Dachau und Oranienburg kannten. Die Franzosen baten um Sicherheit, weil sie wußten, was Invasion bedeutet. Die kleinen Nationen haben euch vor der Machtpolitik gewarnt, vor dem Begriff der Großen Drei (oder Vier oder Fünf), weil sie wußten, daß sie die Zeche bezahlen würden. Die Juden warnten euch vor dem Rassenwahn, weil sie wußten, daß das, was mit Schimpfwörtern beginnt, mit Lynchen und Morden endet, ob dies nun in Kalkutta, Warschau oder Detroit ist. Und heute warnen euch diejenigen von uns, welche den Faschismus entstehen sahen und seine ersten Anzeichen kennen, vor dem frommen Irrtum, die Pocken Pickel zu nennen.

Selbstverständlich schafft Leiden allein noch keine Weisheit. Man möge uns nicht für anmaßend oder gönnerhaft halten, wenn wir auf den Unterschied zwischen unserer Erfahrung und der eurigen hinweisen. Nicht jeder Märtyrer ist ein Heiliger und oft benimmt er sich wie ein Narr. Die Polen haben, mit Ausnahme nur der Juden, die schlimmste Tragödie erlitten; sie wurden vom Feinde hingeschlachtet und von ihren Alliierten im Stich gelassen; und sieh nur, wie es ihnen gelang, ihre Sache in schlechtes Licht zu stellen. Es scheint, als ob sie unfähig wären, ihre Lektion zu lernen, aber es wäre richtiger zu sagen, daß die Geschichte ein schlechter Lehrer ist; sie legt zuerst die Strafe auf und überläßt es dann dem Schüler, den Grund herauszufinden. Und die Polen sind nicht die einzigen schlechten Schüler; im größeren Teile des verwüsteten Kontinents sind der Nationalismus und die blinde Rachsucht im Zunehmen und selbst die Guerilla- und Widerstandsbewegungen kämpfen gegeneinander, offen oder versteckt, sowohl in den befreiten als in den noch besetzten Ländern.

Aber trotzdem besteht ein Unterschied zwischen denen, welche gelitten haben, und denen, welche verhältnismäßig unberührt geblieben sind. Unter den Millionen in Europa, welche Hungersnot, Schrecken und Entwürdigung erfahren haben, gibt es eine bewußte Minderheit, welche wenigstens ein oder zwei Dinge gelernt hat. Sie sind der einzige Besitz, der einem bankrotten Kontinent geblieben ist und seine stärkste Hoffnung darstellt. Man sollte sie nicht mit dieser oder jener Partei oder Gruppe verwechseln, obwohl sie in den Linksgruppen zahlreicher sind als auf der Rechten. Bis jetzt sind sie lediglich Einzelpersonen mit einem gemeinsamen Nenner und es ist möglich, daß die alten Parteien und die neuen Bindungen nach Ost und West ihnen ihre Prägung aufdrücken werden. Es hat nichts zu sagen, daß sie noch eine Minderheit sind. Jeder Fortschritt, der in der Geschichte vollbracht worden ist, ist zunächst von solchen bewußten Minderheiten ausgegangen, wenn es ihnen nur gelang, ihre Erkenntnis der trägen Masse beizubringen, indem sie ihnen bedeuteten, wo ihr eigenes Interesse liegt. Ohne sie wäre die Bastille niemals erstürmt worden und die Vereinigten Staaten wären nie vereinigt worden. Sie sind die guten Schüler der Geschichte, die aus ihr eine Lehre ziehen.

Nun gibt es solche Minderheiten natürlich überall - unter der amerikanischen Intelligenz so gut wie in den Maquis von Norwegen und Frankreich. Dies ist aber genau der Punkt, wo der Unterschied zwischen den Habenden und den Habenichtsen des Leidens und der Erfahrung in Erscheinung tritt. Unter den Habenichtsen ist die Intelligenz eine kleine und ziemlich isolierte Gruppe. Ihre Kassandrarufe kommen aus der Ahnung und nicht aus der Erfahrung. Sie können sich heiser schreien und finden doch keine Resonanz, weil ihnen die Phantasie der Visionäre abgeht und sie einfach keine Vorstellung von dem haben, worüber sich der andere so aufregt. Dieser Mangel an Widerhall beeinflußt denn wiederum den Charakter des intellektuellen Kassandrarufers; er wird einsam und bitter und gerät mit dem gewöhnlichen Mann noch mehr in Zwietracht. Wären die französischen Bauern im achtzehnten Jahrhundert nicht durch Leiden und Hungern vorbereitet gewesen, so hätten Danton und Samt Just ihr Leben mit der Herausgabe von einem Gegenstück der New Republic oder der Partisan Review zubringen müssen.

Offenbar sind auf dem europäischen Kontinent das Klima und die Verhältnisse verschieden. Mindestens haben die Leute dort ihre Unerfahrenheit verloren, jene reizende, entwaffnende und zugleich ungeheuerliche Ahnungslosigkeit von dem, was los ist, die für den amerikanischen Durchschnittssoldaten und Offizier im Ausland so charakteristisch ist. Haben Sie Photos von amerikanischen Panzern, umgeben von Einwohnern eines französischen oder belgischen Dorfes gesehen? Von jenen Leuten, die da die Hand nach einer Tafel Schokolade ausstrecken oder Blumen werfen, ist jeder einzelne ein Jahrhundert älter als die Jungens in den Panzern. Das sieht man in ihren Augen, selbst wenn sie lächeln. Man sieht dies sogar bei dem jungen Mädel, das den Fahrer küßt. Sie sind die „Habenden“ der Erfahrung. Und jene bewußte Minderheit unter ihnen, auf die sich unsere Hoffnungen stützen, sind nicht Vereinzelte, die von der Intelligenz herkommen, sondern Männer der Tat und des Feingefühls, die hauptsächlich aus den Widerstandsbewegungen stammen. Ihre Zahl ist im Verhältnis viel größer, ihre Verknüpfung mit den Massen ist menschlicher und enger, und ihre Aussichten, gehört zu werden, sind besser, auch wenn es einige Zeit braucht. Denn die breite, träge Masse selbst ist nicht nur fanatisiert, sondern auch feinfühliger gemacht worden. Dadurch sehen die Leute auf den Photos älter und reifer aus als die Jungens in dem Panzerturm.

Souffrir passe; avoir souffert ne passe jamais“ (Leiden vergeht, gelitten haben vergeht niemals). Dieser Rest ihres Leidens wird bleiben, auch wenn er keinen sofortigen politischen Ausdruck findet, auch wenn er eine Zeitlang eine verborgene Strömung bleibt, die auf die Gelegenheit zum Durchbruch an die chaotische Oberfläche wartet. Sie mögen Dummheiten und Fehler begehen, aber dies werden nicht ganz dieselben Fehler wie zuvor sein. Und vielleicht werden es nicht einmal ihre eigenen Fehler sein, sondern solche, die ihnen von außen auferlegt werden: Falsche Gegensätzlichkeiten und nationale Spaltungen, die lediglich latente Konflikte zwischen den Großmächten widerspiegeln, die um Einflußzonen kämpfen. Wenn schließlich die Polen alle Weisheit dieser Erde erworben hätten, so wäre ihr Schicksal dennoch so ziemlich dasselbe geblieben, und wenn du von den Streitigkeiten unter den griechischen Partisanen oder französischen Maquiskämpfern hörst, dann sage nicht selbstgefällig: „Diese Leute sind die gleichen Narren, die sie vorher waren, ihre Leiden haben sie nicht verändert.“ Die Veränderung ist da und wird zur rechten Zeit ihre Früchte tragen, wenn die Machtpolitik ihnen eine Möglichkeit gibt. Und wenn ihnen diese Möglichkeit versagt wird, wie dies in der Vergangenheit war, dann haben sie wenigstens eine Entschuldigung, wenn sie zeitweise verrückt werden.

Aber ihr habt keine solche Entschuldigung. Ihr seid nicht zwischen zwei große Nachbarn hineingepreßt, die euer Schicksal entweder durch Quälereien oder durch Nichtbeachtung entscheiden. Ein Einfall Venezuelas in die Vereinigten Staaten ist in den nächsten paar hundert Jahren ziemlich unwahrscheinlich. Auch wird die kanadische Regierung keine Bewegung in eurer Mitte finanzieren, die sich als nationalrevolutionäre Partei ausgibt. Ihr seid das reichste Land der Welt. Zweimal innerhalb einer Generation habt ihr Westeuropa vor der Unterjochung gerettet. Nach dem ersten Mal habt ihr euch und eure Toten auf den französischen Friedhöfen des moralischen Kredites ihres Opfers beraubt. Die Menschen in Europa fragen sich, ob ihr diesmal dasselbe tun werdet.

III.

Da die Freiheit eine Sache der Gradunterschiede ist, so besteht die große Gefahr, daß diejenigen, welche nicht durch Erfahrung immun geworden sind, unmerklich in die aufeinanderfolgenden Grade von Unfreiheit hineingleiten. Dies gilt für unsre ganze westliche Zivilisation. Die großen Geschichtskatastrophen, wie der Zerfall Roms, kamen nicht in einem lauten Krach, sondern sie waren wie ein sachtes Abwärtsgleiten, das Jahrhunderte oder Jahrzehnte andauern kann.

Es scheint ein seltsames Gesetz der menschlichen Natur zu sein, daß die wirklichen Tragödien durch eine sanfte Trivialität getarnt sind. Die ersten Anzeichen der Tuberkulose sind viel weniger dramatisch als Keuchhusten. Geisteskrankheit zeigt sich in ganz harmlosen Symptomen, verglichen etwa mit der Heftigkeit eines Nervenzusammenbruchs. Jeder Soldat weiß, daß der Himmel und die Felder nie so verträumt, friedlich und sicher aussehen wie in einer Kampfpause. Jeder Psychoanalytiker weiß, daß die wirklichen Konflikte des Patienten hinter jenen Ideen und Träumen liegen, die er als trivial und unwichtig beiseite schiebt. Und wenn man seine Tagebucheintragungen ein Jahr später liest, dann ist man überrascht, zu finden, daß diejenigen Ereignisse, die einem am wichtigsten waren, alle seltsam unterbetont sind; das gleiche gilt für viele Selbstbiographien. So merkwürdig diese Erscheinung auch anmutet, ihre Gründe sind offensichtlich. Der Geist kann sein Gleichgewicht nur halten, wenn er sich mit einem Schutzfilter umgibt, der die großen tragischen Sturzfluten der Wirklichkeit auf einen trivialen Sprühregen reduziert. Sonst würden alle im halbwüchsigen Alter verrückt werden. Es ist dies eine notwendige Einrichtung, aber sie hat ihre Nachteile. In einer Krise erhält sie unsere Gesundheit. Wenn aber alles gut geht, macht sie uns selbstzufrieden und gefühllos. Die englische Gewohnheit der „Unterbewertung“ hat ihre unbewußten Wurzeln in derselben Tendenz, das Tragische zu einem Sprühregen der Banalität abzuschwächen. Sie geht auf die späte Victoria-Periode zurück, als England ein Bollwerk der Macht und Selbstgefälligkeit wurde.

Das Leiden vergrößert die Löcher der Filter; dies ist der große Vorteil, den die Habenden vor den Habenichtsen besitzen. Der Kern aller moralischen Lehren und Ermahnungen zielt darauf ab, daß wir denselben Vorgang durch eine freiwillige Anstrengung vollziehen. Aber dies ist eine schwierige Aufgabe, und deshalb ist es auch so viel leichter, Krieg zu führen, als dem Frieden zu leben.

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