Die Marburger Rede des deutschen Vizekanzlers von Papen[1]
Papen hielt diese Rede am 17. Juni 1934.Den unversöhnlichen
Haß zog sich allerdings der Autor Edgar Julius Jung.zu. Ihn
verhafteten die Nazis binnen weniger Tage und ermordeten ihn, möglicher
Weise in einem Wald bei Oranienburg am 1. Juli 1934.
Am 21. Februar 1933, also in den stürmischen Tagen,
da der Nationalsozialismus seine Herrschaft im Deutschen Reiche
antrat, versuchte ich in einer Rede vor der Berliner Studentenschaft,
den Sinn der Zeitenwende zu erläutern. Ich spräche - so führte ich
damals aus - an einer Stelle, welche der Erforschung der Wahrheit
und der geistigen Freiheit gewidmet sei. Damit wolle ich mich nicht
zu den liberalen Vorstellungen von Wahrheit und Freiheit bekennen.
Die letzte Wahrheit läge allein bei Gott, und das Forschen nach
ihr erhielte nur von diesem Ausgangspunkt her seinen letzten Sinn.
An meine damaligen Ausführungen knüpfe ich heute, wo es mir wiederum
vergönnt ist, auf akademischem Boden - in dem mittelalterlichen
Juwel, in der Stadt der heiligen Elisabeth - zu stehen, an und füge
hinzu, daß, mag auch das Ideal der objektiven Wahrheit unbestritten
sein, die Pflicht zur subjektiven Wahrheit, also zur Wahrhaftigkeit,
von uns Deutschen gefordert wird, wollen wir nicht auf die elementarste
Grundlage menschlicher Gesittung verzichten. Diese der Wissenschaft
gewidmete Stätte scheint mir deshalb als besonders geeignet, eine
Rechenschaft der Wahrhaftigkeit vor dem Deutschen Volke abzulegen.
Denn die Stimmen, die fordern, daß ich grundsätzliche Stellung nähme
zum deutschen Zeitgeschehen und zum deutschen Zustande, werden immer
zahlreicher und dringender. Man sagt, ich hätte durch die Beseitigung
des Weimarer Preußenregimes und durch die Zusammenfassung der nationalen
Bewegung einen so entscheidenden Anteil an der deutschen Entwicklung
genommen, daß mir die Pflicht obliege, diese Entwicklung schärfer
zu beobachten als die meisten anderen Deutschen. Ich habe nicht
die Absicht, mich dieser Pflicht zu entziehen. Im Gegenteil - meine
innere Verpflichtung an Adolf Hitler und sein Werk ist so groß,
und so sehr bin ich der in Angriff genommenen Erneuerung Deutschlands
mit meinem Herzblut verbunden, daß es vom menschlichen wie vom staatsmännischen
Gesichtspunkt aus eine Todsünde wäre, nicht das zu sagen, was in
diesem entscheidenden Abschnitt der deutschen Revolution gesagt
werden muß.
Das Geschehen der letzten anderthalb Jahre hat das ganze
deutsche Volk erfaßt und in seinen Tiefen aufgewühlt. Fast wie ein
Traum liegt es über uns, daß wir aus dem Tal der Trübsal, der Hoffnungslosigkeit,
des Hasses und der Zerklüftung wieder zur Gemeinschaft der deutschen
Nation zurückgefunden haben. Die ungeheueren Spannungen, in denen
wir seit den Augusttagen 1914 gestanden, sind aufgebrochen, und
aus ihnen erhebt sich wieder einmal die deutsche Seele, vor der
die glorreiche, und doch so schmerzhafte Geschichte unseres Volkes,
von den Sagen der deutschen Helden bis zu den Schützengräben von
Verdun, ja bis zu den Straßenkämpfen unserer Tage, vorüberzieht.
Der unbekannte Soldat des Weltkrieges, der mit hinreißender
Energie und mit unerschütterlichem Glauben sich die Herzen seiner
Volksgenossen eroberte, hat diese Seele frei gemacht. Mit seinem
Feldmarschall hat er sich an die Spitze der Nation gestellt, um
in dem deutschen Schicksalsbuch eine neue Seite aufzuschlagen und
die geistige Einheit wiederherzustellen. Diese Einheit des Geistes
haben wir in dem Rausch von tausend Kundgebungen, Fahnen und Festen
einer sich wiederfindenden Nation erlebt. Nun aber, da die Begeisterung
verflacht, die zähe Arbeit an diesem Prozeß ihr Recht fordert, zeigt
es sich, daß der Läuterungsprozeß von solch historischem Ausmaße
auch Schlacken erzeugt, von denen er sich reinigen muß. Schlacken
dieser Art gibt es in allen Bezirken unseres Lebens, in den materiellen
und den geistigen. Das Ausland, das uns mit Mißgunst betrachtet,
weist mit dem Finger auf diese Schlacken und deutet sie als einen
ernsten Zersetzungsprozeß. Es möge sich nicht zu früh freuen, denn
wenn wir die Energie aufbringen, uns von diesen Schlacken zu befreien,
dann beweisen wir gerade damit am besten, wie stark wir innerlich
sind und wie entschlossen, den Weg der deutschen Revolution nicht
umfälschen zu lassen. Wir wissen, daß die Gerüchte und das Geraune
aus dem Dunklen, in das sie sich flüchten, hervorgezogen werden
müssen.
Eine offene und männliche Aussprache frommt dem deutschen
Volke mehr als beispielsweise der ventillose Zustand einer Presse,
von welcher der Herr Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda
festgestellt hat, daß sie kein Gesicht mehr habe. Dieser
Mangel besteht ohne Zweifel. Die Presse wäre ja eigentlich dazu
da, die Regierung darüber zu unterrichten, wo sich die Mängel eingeschlichen
haben, wo sich Korruption eingenistet hat, wo schwere Fehler gemacht
werden, wo ungeeignete Männer am falschen Platze stehen, wo gegen
den Geist der deutschen Revolution gesündigt wird. Ein anonymer
oder geheimer Nachrichtendienst, mag er noch so trefflich organisiert
sein, vermag nie diese Aufgabe der Presse zu ersetzen. Denn der
Schriftleiter steht unter gesetzlicher und gewissensmäßiger Verantwortung,
die anonymen Lieferanten von Nachrichten dagegen sind unkontrollierbar
und der Gefahr des Byzantinismus ausgesetzt. Wenn aber die berufenen
Organe der öffentlichen Meinung das geheimnisvolle Dunkel, welches
zur Zeit über die deutsche Volksstimmung gebreitet scheint, nicht
genügend lichten, so muß der Staatsmann selber eingreifen und die
Dinge beim Namen nennen. Ein solches Vorgehen soll beweisen, daß
die Regierung stark genug ist, anständige Kritik zu ertragen, daß
sie sich des alten Grundsatzes erinnert, wonach nur Schwächlinge
keine Kritik dulden.
Wenn das Ausland behauptet, in deutschen Landen sei
die Freiheit gestorben, so soll es durch die Offenheit meiner Darlegungen
darüber belehrt werden, daß die deutsche Regierung es sich leisten
kann, von sich aus brennende Fragen der Nation zur Debatte zu stellen.
Dieses Recht hierzu erwirbt sich allerdings nur, wer sich ohne Vorbehalte
dem Nationalsozialismus und seinem Werke zur Verfügung gestellt
und ihm seine Loyalität bewiesen hat. Diese einleitenden Worte waren
nötig, um zu zeigen, in welchem Geiste ich an meine Aufgabe, rückhaltlose
Rechenschaft über den deutschen Zustand und die deutschen Ziele
abzulegen, herangehe. Nun lassen Sie mich kurz die Lage umreißen,
wie ich sie vorfand, als das Schicksal mich für die Leitung der
deutschen Geschicke mitverantwortlich machte.
Die staatlichen Autoritäten standen im Verfall und vermochten
der Auflösung aller natürlichen und von Gott gewollten Verbindungen
nicht zu steuern. Der Mangel an Führung und Tatkraft hatte einen
Grad erreicht, der im deutschen Volke den Wunsch nach einer festen
Hand immer stärker werden ließ. Die Opposition der Frontgeneration
und der Jugend war unwiderstehlich geworden. Der allgemeinen Parteienzerklüftung
entsprach das Umsichgreifen einer verhängnisvollen Mutlosigkeit.
Die Arbeitslosigkeit wuchs und mit ihr der soziale Radikalismus.
Daß diesen Übeln nicht mit kleinen Mitteln zu begegnen sei, sondern
durch einen geistigen und politischen Umschwung, sahen nicht nur
die rechtsstehenden Gruppen des deutschen Volkes, vor allen Dingen
die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, sondern war
die allgemeine Ansicht der parteimäßig nicht gebundenen Besten unseres
Volkes. Die Umwertung aller Werte, wie Nietzsche sagt, war gerade
geistig vorbereitet worden, und es ist deshalb ein Unrecht, wenn
der berechtigte Kampf gegen einen gewissen Intellektualismus
heute in einen solchen gegen den Geist überhaupt umgemünzt
wird. Die geschichtliche Wahrheit ist, daß die Notwendigkeit eines
grundsätzlichen Kurswechsels auch von solchen Menschen anerkannt
und betrieben wurde, die den Weg des Umschwungs über eine Massenpartei
scheuten.
Ein Anspruch auf ein revolutionäres oder nationales
Monopol für bestimmte Gruppen erscheint mir deshalb als übersteigert,
ganz abgesehen davon, daß er die Volksgemeinschaft stört.
Ich habe am 17. März 1933 in Breslau darauf hingewiesen,
daß sich in den Nachkriegsjahren eine Art von konservativ-revolutionärer
Bewegung entwickelt hat, die sich vom Nationalsozialismus wesentlich
nur durch die Taktik unterschied. Da die deutsche Revolution gegen
die Demokratisierung und ihre verhängnisvollen Folgen kämpfte, so
lehnte der neue Konservativismus folgerichtig jede weitere Demokratisierung
ab und glaubte an die Möglichkeit des Ausschaltens pluralistischer
Kräfte von oben. Der Nationalsozialismus dagegen ging zunächst den
Weg der Demokratie zu Ende, um dann vor der allerdings nicht leichten
Frage zu stehen, wie die Ideen der unbedingten Führung, der restlosen
Autorität, des aristokratischen Ausleseprinzips und der organischen
Volksordnung zu verwirklichen seien. Die Geschichte hat der nationalsozialistischen
Taktik recht gegeben, eine Erkenntnis, welche die konservativen
Staatsmänner zum Bündnis mit der nationalsozialistischen Bewegung
in jenen Stunden zu Beginn des Jahres1933 veranlaßte.
Auf diesen Tatbestand muß verwiesen werden, wenn allzu
eifrige, manchmal sogar allzu jugendliche Revolutionäre mit dem
Schlagwort reaktionär auch diejenigen abtun wollen,
die sich in vollem Bewußtsein der Aufgabe unterzogen, welche die
Zeit an sie stellte. Denn für den echten Politiker sind nur folgende
Grundhaltungen möglich. Er kann die Notwendigkeiten der Zeit verkennen,
und an diesem Mangel scheitern; er kann sich dem Zuge der Zeit entgegenstemmen
und deshalb unterliegen; er kann sich aber auch zum Vorkämpfer dessen
machen, was unerbittlich getan werden muß und so das Gebot der Geschichte
erfüllen. Wer diese Haltung angenommen hat, ist über hohle Schlagworte
erhaben, insbesondere über das der Reaktion, welches übrigens verdächtig
an die Gott sei Dank überwundenen marxistischen Zeitläufte erinnert.
Außerdem muß sich der Staatsmann noch über ein zweites
Erfordernis klar werden, nämlich darüber, daß eine Zeitenwende zwar
eine totale ist, also alle Lebensäußerungen und Lebensumstände erfaßt
und verändert; daß aber vor diesem gewaltigen Hintergrund das politische
Geschehen des Vordergrunds sich abspielt, auf welches allein der
Begriff der Politik angewandt werden darf. Der Staatsmann und Politiker
kann den Staat reformieren aber nicht das Leben selbst. Die Aufgaben
des Lebensreformators und des Politikers sind grundverschiedene.
Aus dieser Erkenntnis heraus hat der Führer in seinem Werk Mein
Kampf. erklärt, die Aufgabe der Bewegung sei nicht die einer
religiösen Reformation, sondern die einer politischen Reorganisation
unseres Volkes. Die Zeitenwende als totaler Begriff entzieht sich
deshalb bis zu einem gewissen Grade der staatlichen Formung. Nicht
alles Leben kann organisiert werden, weil man es sonst mechanisiert.
Der Staat ist Organisation, das Leben ist Wachstum. Gewiß bestehen
zwischen dem Leben und der Organisation Beziehungen und Wechselwirkungen,
sie haben aber Grenzen, die ohne Gefahr für das Leben nicht überschritten
werden dürfen. Denn gerade darin besteht das Wesen einer Revolution,
daß der lebendige Geist gegen die Mechanik anrennt.
Der Bolschewismus ist deshalb nicht die wirkliche Revolution
des 20. Jahrhunderts, sondern ein Sklavenaufstand, der die endgültige
Mechanisierung des Lebens herbeiführen möchte. Die wahre Revolution
des 20. Jahrhunderts - so führte ich schon in meiner Berliner Universitätsrede
aus, - ist die der heroischen und gottverbundenen Persönlichkeit
gegen unlebendige Fesselung, gegen Unterdrückung des göttlichen
Funkens, gegen Mechanisierung und Kollektivierung, die nichts anderes
ist als letzte Entartung des bürgerlichen Liberalismus. Kollektivismus
ist der Individualismus der Masse, die nicht mehr das Ganze, sondern
nur noch sich selber will.
Wie ein neues Zeitgefühl in einem Volke entsteht und
wächst, darüber weiß zumeist der sehr wenig, der selber an einer
Wende steht. Er macht es sich nicht leicht, ihren Sinn zu begreifen
Aber soviel wissen wir aus der Geschichte,
daß eine Revolution gewissermaßen nur der politische Stempel auf
eine von der Geschichte vorgelegte Urkunde ist. Der neue
Mensch, als das Ergebnis einer Zeitenwende, wächst; der Staat dagegen
muß von der menschlichen Vernunft gestaltet werden. Wohl formt der
Staat auch den Menschen, es wäre aber eine Illusion, wollte man
annehmen, daß die grundsätzliche Änderung des menschlichen Wertgefühls
vom Staat aus gemacht werden könnte. So kann der Staat wohl eine
Geschichtsauffassung begünstigen und um ihre Vereinheitlichung besorgt
sein. Aber er kann sie nicht kommandieren. Entspringt sie doch der
Weltanschauung die jenseits des Staatlichen wurzelt. Sie fußt auch
auf exakter Forschung, deren Mißachtung sich immer rächt Wenn ich
an das Problem der Geschichtsdeutung für die Gegenwart denke, so
erinnere ich mich mit Vergnügen der Frage, die mein Geschichtsprofessor
an mich zu richten pflegte: Wie hätte sich die deutsche Geschichte
entwickelt, wenn Friedrich der Große Maria Theresia geheiratet hätte?
Der Sinn der Zeitenwende ist klar: Es geht um die Entscheidung
zwischen dem gläubigen und dem ungläubigen Menschen, es geht darum,
ob alle ewigen Werte verweltlicht werden sollen oder nicht, ob der
Vorgang der Säkularisation, der Entheiligung, wie er vor einigen
Jahrhunderten einsetzte, zur Entgöttlichung des Menschengeistes
und damit zum Zerfall jeglichen Kultur führt, oder ob der Glaube
an die Transzendenz und die ewige Weltordnung wieder das Fühlen,
Denken und Handeln der Menschen grundlegend bestimmt. Auf diesem
geschichtlichen Hintergrund vollzieht sich das politische Geschehen
auch der deutschen Revolution. Der Staatsmann hat die Aufgabe, morsche
Formen und zerfallene Werte abzuschreiben, die nach neuem Leben
drängenden ewigen Werte in ihrem Wachstum zu fördern, sie der staatsschöpferischen
Gestaltung zugrunde zu legen.
War die liberale Revolution von 1789 die Revolution
des Nationalismus gegen die religio, gegen die Bindung, so
kann die Gegenrevolution, die sich nun im 20. Jahrhundert vollzieht,
nur eine konservative in dem Sinne sein, als sie nicht rationalisiert
und auflöst, sondern alles Leben wieder unter die natürlichen Gesetze
der Schöpfung stellt. Dies ist wohl der Grund, weshalb auch der
Kulturleiter der NSDAP Alfred Rosenberg, in Königsberg von einer
konservativen Revolution sprach.
Daraus ergehen sich auf politischem Gebiet folgende
klare Folgerungen: Die Zeit der Emanzipation des jeweils niedrigsten
Standes gegen die höheren Stände ist vorüber. Dabei geht es nicht
darum, einen Stand niederzuhalten das wäre reaktionär, sondern zu
verhindern, daß ein Stand aufsteht, sich des Staates bemächtigt
und für sich den Totalitätsanspruch erhebt. Jede natürliche und
göttliche Ordnung muß so verlorengehen, es droht die Revolution
in Permanenz. Der Staat ist vielmehr die Herrschaftsmitte des Volksganzen,
in welchem jeder Stand biologisch ausgegliedert wird und jeder einzelne
durch natürliche Auslese an seinem Platze steht. Wahre Herrschaft
aber umfaßt das Volksganze und drängt jeden Sonderanspruch irgendeines
Standes oder einer Klasse zurück. Ziel der deutschen Revolution,
wenn sie für Europa gültig und vorbildlich sein will, muß deshalb
die Begründung einer natürlichen sozialen Ordnung sein, die dem
unablässigen Kampf um die Herrschaft ein Ende macht.
Wahre Herrschaft
kann nicht von einem Stand oder einer Klasse hergeleitet werden.
In diese Klassenherrschaft aber ist noch immer das Prinzip der Volkssouveränität
gemündet. Deshalb kann eine anti-demokratische Revolution nur dann
zu Ende gedacht werden, wenn sie mit dem Grundsatz der Volkssouveränität
bricht und wieder zu dem der natürlichen und göttlichen Herrschaft
zurückkehrt.
Damit darf nicht etwa die Entrechtung des Volkes verwechselt
werden. Aus der Demokratie kann eine anonyme Tyrannis werden, während
aus echter verantwortlicher Herrschaft niemals die Vernichtung der
Volksfreiheit hergeleitet werden kann. Ich weiß, wie sehr der Führer
wünscht, daß im Volke das Gefühl für echte verantwortliche, gerechte
Herrschaft lebendig bleibt. Deshalb, meine ich, wird der deutsche
Staat dermaleinst seine Krönung in einer Staatsspitze finden, die
ein- für allemal den politischen Kämpfen, der Demagogie und dem
Streit der wirtschaftlichen und ständischen Interessen entrückt
ist.
Neben der Erfordernis eines Herrschaftsprinzips aus
höherer Verantwortung und überpersönlicher Dauer steht - sich gegenseitig
bedingend - die Notwendigkeit der Stiftung einer neuen sozialen
Ordnung. Das Gefühl ihrer Notwendigkeit bewegt alle europäischen
Völker, welche die gewaltigen Veränderungen der Industrialisierung,
der Verstädterung, der Technisierung und der Kapitalisierung durchgemacht
haben. Daß diese Sehnsucht nach sozialer Neuordnung insbesondere
im Faschismus und Nationalsozialismus lebt, braucht nicht besonders
betont zu werden. Andererseits aber erkennen wir, wie ungemein schwierig
es ist, Masse, die den Zusammenhang mit Blut und Boden verlor, wieder
in Volk zurückverwandeln, da doch die gesunden ständischen Bindungen
und Rangordnungen im liberalen Zeitalter verlorengegangen sind.
Der Nationalsozialismus legt deshalb entscheidenden
Wert darauf, die Seelen dieser Massen zunächst für Volk und Staat
zurückzugewinnen. Dies geschieht in der Hauptsache durch Erziehung,
Zucht und Propaganda. Das nationalsozialistische System erfüllt
somit zunächst die Aufgabe, zu welcher der Parlamentarismus zu schwach
geworden war: den unmittelbaren Kontakt mit den Massen wieder herzustellen.
Es ist so eine Art von direkter Demokratie entstanden, der es gelungen
ist die dem Staat entgleitenden Massen wieder zu gewinnen.
Hinter dieser zeitbedingten Notwendigkeit steht aber als revolutionäres
Ziel ein viel größeres: die Stiftung einer sozialen Ordnung, die
auf gemeingültigen organischen Formen beruht und nicht nur auf einer
geschickten Beherrschung der Masse. Während die französische Revolution
im Parlament und im allgemeinen Wahlrecht grundlegende Formen schuf,
muß es das Ziel der konservativen Revolutionen sein, durch organisch
ständischen Aufbau zu solch allgemeinen gültigen Prinzipien vorzustoßen.
Die Vorherrschaft einer einzigen Partei an Stelle des
mit Recht verschwundenen Mehr-Parteiensystems erscheint mir geschichtlich
als ein Übergangszustand der nur so lange Berechtigung hat, als
es die Sicherung des Umbruchs verlangt und bis die neue personelle
Auslese in Funktion tritt.
Denn die Logik der antiliberalen Entwicklung verlangt
das Prinzip einer organischen politischen Willensbildung, die auf
Freiwilligkeit aller Volksteile beruht. Nur organische Bindungen
überwinden die Parteien und schaffen jene freiheitliche Volksgemeinschaft,
die am Ende dieser Revolution stehen muß.
Eine weitere entscheidende Tatsache dieser Revolution
des 20. Jahrhunderts ist das Ende des Kosmopolitismus, der nichts
ist als die Frucht der liberalen Vorstellung von der alles beherrschenden
Macht der Weltwirtschaft. Dem gegenüber steht das völkische Erwachen,
jene fast metaphysische Rückbesinnung auf die eigenen Blutsquellen,
die geistigen Wurzeln, die gemeinsame Geschichte und den Lebensraum.
Erst heute entwickeln wir wieder jenes gesunde Gefühl für die geschichtliche
Einheit von Körper und Seele, von Sprache und Sitte, die ihrem Wesen
nach außerstaatlich und als Gegenpol zum Staate notwendig ist. Während
in der Nationaldemokratie Volkstum und Staat in eins zusammenfließen,
begreifen wir jetzt wieder die fruchtbare Spannung zwischen Volk
und Staat, aus dem heraus dem Staate jene Kräfte zugeführt werden,
ohne die er zum leeren Mechanismus wird. Deshalb ist auch völkisches
Deshalb ist auch völkisches Bewußtsein etwas anderes als der nationalstaatlich
empfundene Nationalismus. Während dieser zur Abschließung der Völker
voneinander, zu gegenseitiger Zerfleischung und damit zur Balkanisierung
Europas führt, hat das gestärkte völkische Bewußtsein die Tendenz,
die Heiligkeit aller Volkstümer anzuerkennen. Das völkische Erwachen
macht somit die Bahn frei für übervölkische Zusammenarbeit.
Ich habe in Dortmund bereits darauf hingewiesen, daß
die moderne Technik die Schaffung wirtschaftlicher Großräume verlange;
daß das von den überseeischen Kontinenten unter schärfsten Wettbewerb
genommene Europa seinen Lebensstandard nur dann notdürftig erhalten
könne, wenn gewissermaßen die europäischen Gesamtunkosten geringer
werden. Der Weg zu dieser Bildung wirtschaftlicher Großräume, wie
sie vom Zeitalter des Flugzeugs mit des Kraftwagens verlangt werden,
führt über jene Heiligung der Volkstümer und über die Vorstellung
von großstaatlichen Zusammenschlüssen, welche die Volkstümer unberührt
und ungekränkt lassen. Dazu gehört aber die freiwillige Preisgabe
eines Staatstotalismus, der kein gewachsenes Eigenleben anerkennt.
Dazu gehört vor allem die Einsicht in das Wesen des Herrschaftsstaates,
der zwar nichts zuläßt, was gegen den Staat angeht, aber auch nicht
beansprucht, daß alles durch den Staat geschehe.
Bei der Entwicklung dieses Zielbildes der deutschen
Revolution bin ich mitten in die Problematik der gegenwärtigen Lage
geraten, der ich getreu meinen einleitenden Worten nicht aus dem
Wege gehen möchte. Die Frage, die als Grundproblem der Zeitenwende
von mir aufgeworfen wurde, die Scheidung in gläubige und ungläubige
Menschen, berührt die Auseinandersetzung um die Staatsauffassung.
Ein Staat muß sich entscheiden, ob er religiös oder weltlich sein
will. Die geschichtliche Logik verlangt, daß
auf den liberalen, weltlichen Staat von 1789 der religiös fundierte
Staat der deutschen Gegenrevolution folge. Man soll
aber den religiösen Staat der sich auf ein lebendiges Gottesbekenntnis
stützt, nicht etwa verwechseln mit einem verweltlichten Staat, in
dem diesseitige Werte an Stelle des Jenseitsglaubens gesetzt und
mit religiösen Lehren verbrämt werden. Auch hier gilt ein Wort des
Führers aus dem Werk Mein Kampf, wo er schreibt: Ich
stehe nicht an zu erklären, daß ich in den Männern, die heute die
völkische Bewegung in die Krise religiöser Streitigkeiten hineinziehen,
schlimmere Feinde meines Volkes sehe, als in dem nächstbesten international
eingestellten Kommunisten. Gewiß ist die äußere Achtung vom
dem religiösen Bekenntnis ein Fortschritt gegenüber jener ehrfurchtslosen
Haltung, wie sie ein entarteter Rationalismus zeitigte. Aber wir
dürfen nicht vergessen, daß wirkliche Religion die Bindung an Gott
und nicht an jene Ersatzmittel ist, die gerade durch die materialistische
Geschichtsauffassung eines Karl Marx in das Bewußtsein der Völker
eingeführt worden sind. Wenn nun weite Kreise, gerade aus dem Gesichtspunkt
des totalen Staates und der restlosen Einschmelzung des Volkes heraus,
eine einheitliche Glaubensgrundlage fordern, so sollten sie nicht
vergessen, daß wir glücklich sein müssen, eine solche Grundlage
im Christentum zu besitzen. Sie sollten sich auch überlegen, ob
die behauptete Krise des Christentums nicht - wie häufig behauptet
wird - Folge der Überheblichkeit oder der Unlebendigkeit der christlichen
Heilswahrheit ist. sondern ob nicht vielleicht den rationalisierten
und liberalisierten Menschen weitgehend die innere Fähigkeit, das
Mysterium Christi zu erfassen, abhandengekommen ist.
Ich bin der Überzeugung, daß die
christliche Lehre schlechthin die religiöse Form alles abendländischen
Denkens darstellt, und daß mit dem Wiedererwachen der religiösen
Kräfte eine neue Durchdringung auch des deutschen Volkes mit christlichem
Gute stattfindet, dessen letzte Tiefe eine durch das 19. Jahrhundert
gegangene Menschheit kaum mehr erahnt. Um diese Entscheidung,
ob das neue Reich der Deutschen christlich sein wird oder sich in
Sektierertum und halbreligiösem Materialismus verliert, wird gerungen
werden. Sie wird einfach sein, wenn alle Versuche, sie von der Staatsgewalt
her in Richtung einer gewaltsamen Reformation zu beeinflussen, unterbleiben.
Es ist zuzugeben, daß in dem Widerstand christlicher Kreise gegen
staatliche oder parteiliche Eingriffe in die Kirche ein politisches
Moment liegt. Aber nur deshalb, weil politische Eingriffe in den
religiösen Bezirk die Betroffenen zwingen, aus religiösen Gründen
den auf diesem gebiet widernatürlichen Totalitätsanspruch abzulehnen.
Auch als Katholik habe ich Verständnis dafür, daß eine auf Gewissensfreiheit
aufgebaute religiöse Überzeugung es ablehnt, sich von der Politik
her im Ureigensten kommandieren zu lassen. Man soll sich deshalb
nicht darüber hinwegtäuschen, daß etwa aufgezwungene Glaubenskämpfe
Kräfte auslösen würden, an denen auch Gewalt scheitern muß. Man
sollte auch in jenen Kreisen, die eine neue arteigene religiöse
Einigung erhoffen, sich einmal die Frage stellen, wie sie sich die
Erfüllung der deutschen Aufgabe in Europa vorstellen, wenn wir uns
freiwillig aus der Reihe der christlichen Völker ausschalten. Jedes
Wirken in den europäischen Raum hinein erscheint mir unter solchen
Voraussetzungen als unmöglich. Die Tatsache einer gemeinsamen europäischen
Kultur und Zivilisation, für die wir selbst so viel beigesteuert
haben, verpflichtet trotz aller völkischen Besonderheiten der einzelnen
Kulturleistung. Wir dürfen uns nicht geistig an den Grenzen abschließen
und uns freiwillig ins Ghetto begeben. Hier liegt die wirkliche
Reaktion, das Sichverschließen gegenüber der geschichtlichen Notwendigkeit
und der Sendung eines Volkes, das, wenn es wirklich ein großes Volk
war, noch immer den Gedanken des Reiches pflegte. Der alte Zwiespalt
zwischen Welf und Waibling, der sich durch die ganze deutsche Geschichte
hinzieht, wird wieder lebendig und fordert eine Entscheidung.
Wer darüber unterrichtet ist, was sich in Europa heute
in den besten Köpfen und den edelsten Seelen vollzieht, der fühlt
förmlich, wie eine neue Ghibbellinen Partei in Europa zu keimen
beginnt, die in sich das Ideal jenes aristokratischen Grundgedankens
der Natur trägt, von dem der Führer spricht, und die getrieben wird
von der Sehnsucht nach einem glücklichen Erdteil. Erneuerer sein
heißt, über die zeitlichen Vorteile und Vorurteile hinwegblicken,
nach jenen ewigen Ordnungen streben, die zu allen Zeiten und bei
allen Nationen in der Sehnsucht der Besten lebte.
Es hat keinen Zweck, vor sich selber zu verbergen, daß
eine gewisse Kluft zwischen dem geistigen Wollen und der täglichen
Praxis der deutschen Revolution sich aufgetan hat. Das ist auch
nicht erstaunlich! Um dieser Gefahr zu begegnen, soll man sich die
Frage nach den Ursachen dieses Zustandes vorlegen. Sie sind darin
zu suchen, daß in der deutschen Revolution - wie dies häufig in
der Geschichte deri Fall ist - die geistige Umkehr mit einem sozialen
Umbruch zusammentrifft. Die geistige Umkehr strebt nach dem erwähnten
aristokratischen Grundgedanken der Natur, der soziale Umbruch dagegen
läuft Gefahr, bis zu einem gewissen Grade von jener Dynamik beeinflußt
zu werden, welche seinerzeit schon politisch den Marxismus trug.
In einer solchen Lage steht die Führung vor einer ungeheuren Aufgabe,
deren Lösung den ganzen schweren und großen Entschluß des wahren
Staatsmannes erfordert. Diese Aufgabe hatte für eine ähnliche geschichtliche
Situation Konrad Ferdinand Meyer in seiner meisterhaften Novelle
Die Versuchung des Pescara erschöpfend umschrieben, wenn
er Martin Luthers Stellung zu den Bauernkriegen folgendermaßen umreißt:
Ein weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was
die Zeit erfordert, dann aber - und das ist ein schweres Amt - steht
er wie ein Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts
und schleudert hinter sich die aufgeregten Massen und bösen Buben,
die mittun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend.
Daß dieses gewaltige Amt, das zu allen Zeiten dem Revolutionär
aufgegeben ist, noch auszuüben ist, wird nicht verkannt. Die Führung
wird darüber zu wachen haben, daß kein neuer Klassenkampf unter
anderen Feldzeichen sich wiederholt. Sie will das Volksganze und
lehnt es deshalb bei aller Anerkennung nationaler Verdienste ab,
das Volk für alle Zeiten in eine bevorrechtete Klasse und eine solche
minderen Rechts einzuteilen. Eine solche Haltung entspräche dem
fast hundertprozentigen Bekenntnis des deutschen Volkes vom 12. November
1933 zur neuen Staatsführung.
Zwar ist es selbstverständlich, daß die Träger des revolutionären
Prinzips zunächst auch die Machtpositionen besetzen. Ist aber eine
Revolution vollzogen, so repräsentiert die Regierung nur die Volksgesamtheit,
niemals aber ist sie Exponent einzelner Gruppen; sie müßte sonst
bei der Bildung der Volksgemeinschaft scheitern. Dabei muß man auch
mit falschen romantischen Vorstellungen brechen, die in das 20.
Jahrhundert nicht passen. So können wir nicht daran denken, die
Einteilung des Volkes nach altgriechischem Muster in Spartiaten
und Heloten zu wiederholen. Am Ende einer solchen Entwicklung hatten
die Spartiaten nichts zu tun, als die Heloten niederzuhalten, wodurch
die außenpolitische Kraft Spartas geschwächt wurde. Im Staate der
wahren Volksgemeinschaft muß endlich einmal der innenpolitische
Schlachtruf verstummen. Gewiß muß es eine Auslese geben. Aber das
natürliche Ausgliederungs- und Ausleseprinzip ist nicht durch das
Bekenntnis zu einer bestimmten Formation zu ersetzen, solange die
Motive dieses Bekenntnisses unerforschbar bleiben. Darum hat der
Nationalsozialismus immer dafür gekämpft, das Parteibuch durch menschliche
Bewährung und Leistung abzulösen. Andererseits ist Adel nicht nur
ein Bluts, sondern auch ein geistiges Prinzip. Es geht deshalb nicht
an, den Geist mit dem Schlagwort Intellektualismus abzutun.
Und wenn wir uns heute manchmal über 150%ige Nationalsozialisten
beklagen, dann sind es solche Intellektuellen ohne Boden, solche,
die Wissenschaftlern von Weltruf ihre Existenz bestreiten möchten,
weil sie kein Parteibuch besitzen. Der im Wesen und im Blute wurzelnde
Geist aber ist charaktervoll, unbestechlich, der Erkenntnis und
dem Gewissen verhaftet. Ihm gilt unter allen Umständen die Achtung
der Nation, weil sie eine Sünde wider die Schöpfung begeht und
sich selbst verleugnet, wenn sie den Geist verneint. Hüten wir uns
vor der Gefahr, die geistigen Menschen von der Nation auszuschließen
und seien wir des Umstandes eingedenk, daß alles Große aus dem Geiste
kommt, auch in der Politik. Man wende auch nicht ein, die geistigen
Menschen entbehrten der Vitalität, ohne die ein Volk nicht geführt
werden könne. Der wahre Geist ist so lebenskräftig, daß er sich
für seine Überzeugung opfert. Die Verwechslung von Vitalität mit
Brutalität würde eine Anbetung der Gewalt verraten, die für ein
Volk gefährlich wäre.
Da gibt es grundliberale Leute, die keinen Satz aussprechen,
ohne das Wort liberalistisch zu mißbrauchen. SieÜbelster Intellektualismus
ist allerdings die Herrschaft des Schlagwortes. meinen, die echte
Humanität wäre liberalistisch, wo sie doch in Wahrheit eine Blüte
der antik-christlichen Kultur ist. Sie bezeichnen die Freiheit als
liberalen Begriff, wo sie doch in Wahrheit urgermanisch ist. Sie
gehen an gegen die Gleichheit vor dem Richter, die als liberale
Entartung angeprangert wird, wo sie doch in Wirklichkeit die Voraussetzung
jedes gerechten Spruches ist. Diese Leute unterdrücken jenes Fundament
des Staates, das noch allezeit, nicht nur in liberalen Zeiten, Gerechtigkeit
hieß. Ihre Angriffe richten sich gegen die Sicherheit und Freiheit
der privaten Lebenssphäre, die sich der deutsche Mensch in Jahrhunderten
schwerster Kämpfe errungen hat.
Auch der Satz Männer machen Geschichte wird
häufig mißverstanden. Mit Recht wendet sich deshalb die Reichsregierung
gegen einen falschen Personenkult, der das Unpreußischste ist, was
man sich nur vorstellen kann. Große Männer werden nicht durch Propaganda
gemacht, sondern wachsen durch ihre Taten und werden anerkannt von
der Geschichte. Auch Byzantinismus kann über diese Gesetze nicht
hinwegtäuschen. Wer deshalb von Preußentum spricht, soll zunächst
an stillen und unpersönlichen Dienst, aber erst zuletzt, am besten
gar nicht, an Lohn und Anerkennung denken.
Die Erziehung eines Volkes zum Dienst am Staate ist
ein selbstverständliches Gebot und muß um so härter einsetzen, je
lässiger sie von dem Weimarer Regime gepflegt wurde. Aber man soll
sich über die biologischen und psychologischen Grenzen der Erziehung
nichts vormachen. Auch der Zwang endet an dem Selbstbehauptungswillen
der echten Persönlichkeit. Gefährlich sind die Reaktionen auf den
Zwang. Als alter Soldat weiß ich, daß straffste Disziplin durch
gewisse Freiheiten ergänzt werden muß. Auch der gute Soldat, der
sich mit Freude bedingungslosem Gehorsam unterwarf, zählte die Tage
seiner Dienstzeit, weil das Freiheitsbedürfnis der menschlichen
Natur eingewurzelt ist. Die Anwendung militärischer Disziplin auf
das Gesamtleben eines Volkes muß sich deshalb in Grenzen halten,
die der menschlichen Anlage nicht zuwiderlaufen. Jeder Mensch braucht
Stunden, in denen er der Familie, der Erholung oder sich selbst
gehört. In dieser Erkenntnis hat der Reichsunterrichtsminister verfügt
den Sonntag wieder zu einem Tag zu machen, welcher der Kirche und
der Familie gehört. Verwerflich aber wäre der Glaube, ein Volk gar
mit Terror einen zu können. Die Regierung wird dahin laufenden Versuchen
begegnen, denn sie weiß, daß jeder Terror Ausfluß eines bösen Gewissens
ist, das ungefähr der schlechteste Berater ist, den sich die Führung
erlauben darf. Die wahre Erziehung, die immer Zucht ist, kann nur
aus sittlichen Grundsätzen hergeleitet werden. Wahrhaft sittliche
Grundsätze vermag aber nur der Glaube an eine höhere Weltordnung
zu vermitteln. Vaterlandsliebe, Opferwille und Hingabe sind nur
dann von Bestand, wenn sie als göttliches Gebot im Einzelmenschen
wurzeln.
Wir dürfen uns deshalb nicht in den Bann des polemischen
Schlagwortes vom Einzelnen, der nichts bedeutet, begeben. Der Führer
fordert von seiner Bewegung, daß sie nie zu vergessen habe,
daß im persönlichen Wert der Wert alles Menschlichen liege, daß
jede Idee und jede Leistung das Ergebnis der schöpferischen Kraft
eines Menschen ist, und daß die Bewunderung vor der Größe nicht
nur ein Dankeszoll an diese darstellt, sondern auch ein einendes
Band um die Dankenden schlingt.
Ich habe deshalb die Probleme der deutschen Revolution
und meine Stellung dazu so scharf umrissen, weil das Gerede von
der zweiten Welle, welche die Revolutionen vollenden werde, kein
Ende nehmen will. Wer verantwortungslos mit solchen Gedanken spielt,
der soll sich nicht verhehlen, daß einer zweiten Welle leicht eine
dritte folgen kann, daß, wer mit der Guillotine droht, am ehesten
unter das Fallbeil gerät. Auch ist nicht ersichtlich, wohin diese
zweite Welle führen soll. Es wird viel von der kommenden Sozialisierung
gesprochen. Haben wir eine antimarxistische Revolution erlebt, um
das Programm des Marxismus durchzuführen? Denn Marxismus ist jeder
Versuch, die soziale Frage durch Kollektivierung des Eigentums zu
lösen. Wird dadurch das deutsche Volk reicher wird sein Volkseinkommen
größer, geht es irgend jemandem besser als allenfalls denen, die
bei einem solchen Raubzug Beute wittern? Gewiß gibt es ein soziales
Problem, hervorgerufen durch wirtschaftliche und bevölkerungspolitische
Vorgänge. Diese sind aber nur zu meistern, wenn das Eigentum wieder
unter Verantwortung gestellt wird, nicht dadurch, daß die kollektive
Verantwortungslosigkeit zum herrschenden Prinzip erhoben wird. Sie
darf daher auch nicht zum Prinzip einer sich immer mehr von eigener
Initiative und Verantwortlichkeit entfernenden Planwirtschaftsweise
gemacht werden. Denn wer noch nicht gemerkt hat daß jede Form
des Kollektivismus zu unausrottbarerer Korruption führt, der ist
bisher blind durch die Welt gegangen.
Kein Volk kann sich den ewigen
Aufstand von unten leisten, wenn es vor der Geschichte bestehen
will. Einmal muß die Bewegung zu Ende kommen, einmal ein festes
soziales Gefüge, zusammengehalten durch eine unbeeinflußbare Rechtspflege
und durch eine unbestrittene Staatsgewalt, entstehen. Mit ewiger
Dynamik kann nicht gestaltet werden. Deutschland darf nicht ein
Zug ins Blaue werden, von dem niemand weiß, wann er zum Halten kommt.
Die Geschichte fließt von allein, es ist nicht notwendig, sie unablässig
zu treiben. Wenn deshalb eine zweite Welle neuen Lebens durch die
deutsche Revolution gehen sollte, so nicht als soziale Revolution,
sondern als schöpferische Vollendung des begonnenen Werkes. Der
Staatsmann ist dazu da, Formen zu schaffen; seine einzige Sorge
gilt Staat und Volk. Der Staat ist die alleinige Macht und der letzte
Garant für das, worauf jeder Staatsbürger Anspruch hat: auf eiserne
Gerechtigkeit. Der Staat kann deshalb auf die Dauer auch keinen
Dualismus ertragen, und von dem Frage, ob es gelingt, den Dualismus
zwischen Partei und Staat einer befriedigenden Lösung zuzuführen,
hängt der Erfolg der deutschen Revolution und die Zukunft unseres
Volkes ab.
Die Regierung ist wohlunterrichtet über all das, was
an Eigennutz, Charakterlosigkeit, Unwahrhaftigkeit, Unritterlichkeit
und Anmaßung sich unter dem Deckmantel der deutschen Revolution
ausbreiten möchte. Sie täuscht sich auch nicht darüber hinweg, daß
der reiche Schatz an Vertrauen, den ihr das deutsche Volk schenkte,
bedroht ist. Wenn man Volksnähe und Volksverbundenheit will, so
darf man die Klugheit des Volkes nicht unterschätzen, muß sein Vertrauen
erwidern und es nicht unausgesetzt bevormunden wollen. Das deutsche
Volk weiß, daß seine Lage eine ernste ist, es spürt die Wirtschaftsnot,
es erkennt genau die Mängel mancher aus der Not geborenen Gesetze,
es hat ein feines Gefühl für Gewalt und Unrecht, es lächelt über
plumpe Versuche, es durch eine falsche Schönfärberei zu täuschen.
Keine Organisation und keine noch so laute Propaganda
wird auf die Dauer allein imstande sein, das Vertrauen zu erhalten.
Ich habe deshalb die Propagandawelle gegen die sogenannten Kritikaster
anders aufgefaßt, als dieses von manchen geschah. Nicht durch Aufreizung,
insbesondere der Jugend, nicht durch Drohungen gegenüber hilflosen
Volksteilen, sondern nur durch eine vertrauensvolle Aussprache mit
dem Volke kann die Zuversicht und die Einsatzfreude gehoben werden.
Das Volk weiß, daß ihm schwere Opfer zugemutet werden. Es wird sie
ertragen und dem Führer in unerschütterlicher Treue folgen, wenn
man es mitraten und - taten läßt, wenn nicht gleich jedes Wort der
Kritik als Böswilligkeit ausgelegt wird, und wenn verzweifelnde
Patrioten nicht zu Staatsfeinden gestempelt werden.
Als der deutsche U-Bootkrieg England im Lebensnerv traf,
machte die englische Presse das englische Volk auf die ganze Schwere
der Gefahr aufmerksam. Der Erfolg war, daß die Engländer wie ein
Mann zur Abwehr zusammenstanden. Gerade angesichts des geistigen
und materiellen Boykotts, dem wir in der Welt ausgesetzt sind, zeigt
dieses Beispiel, wie stark das Verhältnis zwischen Führung und Volk
auf Vertrauen aufgebaut sein muß, wenn es um letzte Dinge geht.
Ein entmündigtes Volk hat kein Vertrauen zu verschenken.
Es ist an der Zeit, in Bruderliebe und Achtung vor dem
Volksgenossen zusammenzurücken, das Werk ernster Männer nicht zu
stören und doktrinäre Fanatiker zum Verstummen zu bringen. Die Regierung
warnt diejenigen, die nicht sehen wollen, daß die Deutschen ein
Volk unter Völkern inmitten Europas sind, daß die spärlichen, überlieferten
Güter, die wir gerettet haben, zusammengehalten werden müssen
und wir uns keine leichtfertige Zerstörung überkommenen Werte leisten
können. Verleugnen wir das große Kulturerbe, mißachten oder mißhandeln
wir die tausendjährige Geschichte unseres Volkes, die dreitausendjährige
unseres Erdteils, so werden wir die großen Chancen, die das 20. Jahrhundert
nochmals dem Kernvolke Europas bietet, verpassen. Weltgeschichte
wird heute dort gemacht, wo man lächelnd auf das kranke Europa herabsieht.
Wenn Europa seinen Anspruch auf Führung in der Welt aufrechterhalten
will, dann ist keine Stunde mehr zu verlieren, um alle seine Kräfte
der geistigen Wiedergeburt zu widmen und die kleinlichen Querelen
zu begraben.
Die Welt steht in gewaltigen Veränderungen, nur ein
verantwortungsbewußtes zuchtvolles Volk wird führen. Wir Deutschen
können uns aus Ohnmacht zu der gebührenden Stellung emporarbeiten,
wenn wir Geist mit Energie, Weisheit mit Kraft, Erfahrung mit Tatwillen
paaren. Die Geschichte wartet auf uns, aber nur dann, wenn wir uns
ihrer als würdig erweisen.
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