Wie ein Kaiser stirbt
Einer Seligsprechung des letzten österreichischen Kaisers und
ungarischen Königs Karl steht nichts mehr im Wege. Papst Johannes
Paul II. hat in einer Audienz für die Mitglieder der Kongregation
für Heilig- und Seligsprechungen den heroischen Tugendgrad des
1922 verstorbenen Monarchen verkünden lassen. Jetzt fehlt nur
noch ein Wunder - wenn die Feststellung des heroisohen Tugendgrades
nicht schon ein Wunder ist. Hatte noch vor wenigen Jahren ein
hoher Beamter des Staatssekretariates einem der Verantwortlichen
für die Causa Kaiser Karls sagen können, man könne sich die Seligsprechung
abschminken, die Zeit für heilige Monarchen sei endgültig
vorbei. Hier ein Auszug aus dem wunderbaren Büchlein «Kaiser Karl»
von Pater Thomas Jentzsch Wie ein Kaiser stirbt:
Die Tag und Nacht fortgesetzte aufopfernde Pflege durch Kaiser
Karls Umgebung, allen voran seine Gattin selbst, mochte ihm fast
nur mehr seelische Erleichterung bringen. Dafür, wie für jeden geistlichen
Trost, war der Kaiser unendlich dankbar, wie er denn zum Unterschied
von fast allen Leidenden ein Vorbild der Güte und Geduld bis zuletzt
geblieben war. Es waren qualvolle und schmerzhafte Behandlungen,
die der Kaiser von den Ärzten über sich ergehen lassen mußte. Am
späten Abend des 27. März 1922, als die Lungenentzündung sich unaufhaltsam
auf beiden Seiten seines Körpers verbreitet hatte, bat Karl den
ihn betreuenden Pater, eine Lebensbeichte ablegen zu dürfen. Besonders
das herzliche Verzeihen des in seinem Herrscherleben auch menschlich
so viel Mißverstandenen und Verfolgten für alle seine Feinde beeindruckte
den Seelsorger tief. Danach ließ der Kaiser ganz gegen seine sonstigen
Anordnungen seinen Ältesten, Otto, aus dem Bett holen, damit er
der Zeremonie der letzten Ölung beiwohnen könne und erstmals die
Todesnähe kennenlerne, was der zehnjährige Knabe auch auffaßte.
Am Tage danach sprach er: Es war nötig, ihn zu rufen, des
Beispiels wegen. Er soll wissen, wie man sich in solchen Lagen benimmt
- als Katholik und als Kaiser! Selbst in seinen Fieberphantasien
wollte er wieder den Wiener Kindern Milch verschaffen, oder tschechischen
Verwundeten helfen. Als sich sein Bewußtsein trübte, glaubte er
immer wieder österreichische oder ungarische Delegationen empfangen
zu müssen; aber wie leer blieben in Wahrheit die Vorzimmer!
Noch während der allerletzten, bewußt durchlebten Stunden des 1.
April 1922 hat der Sterbende das Novembermanifest von 1918 für null
und nichtig erklärt, weil es erzwungen ist und
weiter kein Mensch kann mir das nehmen, daß ich der gekrönte
König von Ungarn bin ... Und etwas später darauf als der todtraurige
Ausdruck ungestillter Sehnsucht: Warum wollen sie uns nicht
nach Hause lassen? Einmal vernahm man auch die seither immer
wieder angeführten Worte wie ein politisches Testament: Ich
muß so viel leiden, damit meine Völker wieder zusammenfinden ....
Nach dem Zeugnis von Kaiserin Zita hat Kaiser Karl sein Leben als
Opfer für seine Völker dargeboten: Keiner hat größere Liebe
als der, der sein Leben hingibt für die Seinen!
Nach furchtbarem schmerzlichem und doch geduldigem Ringen mit dem
über ihn zuletzt noch verhängten Martyrium, mehr denn je ungebrochen
in Glauben, Liebe und Zuversicht, verschied während der Mittagsstunde
dieses Frühlingstages Karl von Österreich. Es war der 1. April 1922.
Die Haare des fünfunddreißigjährigen Kaisers waren ergraut. Die
Gesichtszüge waren von Falten zerfurcht, die sich dann langsam unter
der milden Hand des erlösenden Todes glätteten für den Frieden in
Gott. Kaiser und König Karls letzte bezeugte Worte waren: Jesus!
Jesus! Zwei Aussprüche Kaiser Karls im Angesicht des Todes
lassen ein Licht werfen auf sein inneres Leben - und zugleich auf
die unerforschlichen Ratschlüsse Gottes: Wenn man Gottes Willen
kennt, ist alles gut. Und: Mein ganzes Bestreben ist
immer, den Willen Gottes in allen Dingen möglichst klar zu erkennen
und zu befolgen, und zwar auf das Vollkommenste. Davon zeugt
sein Leben.
Sein Leben war ein von Gott für ihn auferlegter Opferweg und standgehalten
zu haben im Ausüben heroischer Tugenden, darin bestand seine echte
Größe. Einmal die verzwickte Lage in der Donaumonarchie und der
geringe Handlungsspielraum des Kaisers, wo jeder Versuch der Besserung
sofort seine Kehrseite zeigte und wahrscheinlich kein Ausweichgleis
mehr am Untergang vorbeiführte. Zum anderen wurden die vielen Facetten
seiner reichen Persönlichkeit verkannt. Den entschiedenen
Patrioten war er zu weich und zu gütig, den Altösterreichern zu
formlos, den Demokraten zu habsburgerisch - und damit patriarchalisch,
den Militärs zu schwach und pazifistisch und den Pazifisten zu militärisch
gewesen. Da er mit seinem Einsatz von Verständnis und Güte die ihm
auferlegten politischen Ziele erreichen wollte, geriet er in einen
Strudel von endlosen Mißverständnissen und Enttäuschungen bis zur
gänzlichen Vereinsamung.
Das Grundmotiv seines Lebens war in schlichter und liebender Treue
zu dienen. Zwischen Herrschen und Dienen bestand bei ihm kein Widerspruch.
Das Herrscheramt hat er als von Gott übertragen und anvertraut aufgefaßt,
eben als Pflicht gegenüber jenen, zu deren Wohl er dieses Amt ausüben
durfte. Das Kaiser Karl vorschwebende Ideal eines Volkskaisers,
eines für alle und alles besorgten Landesvaters als Gegenstück zum
Familienvater, hatte bei ihm nichts Autoritäres an sich. Karl versuchte,
immer drei Dinge miteinander zu vereinen: Das Herrscheramt, die
Verwirklichung der Grundsätze seines Glaubens und die politische
Wirklichkeit um ihn. Für sein Kaiser- und Königtum hat ihn zutiefst
und bleibend beeindruckt seine Salbung und Krönung mit der Stephanskrone
als König von Ungarn. Umgeben von Ungans Adel in farbenfrohen Trachten
und Uniformen, unter Triumphbögen und Fahnen, überschüttet mit Blumen
und umjubelt von Eljen-Rufen wurden Karl und Zita am
30. Dezember 1916 in Budapest in der St.-Matthias-Kirche vom
Fürstprimas Kardinal Csernoch, gekrönt. Dem Zeugnis Zitas entnimmt
man, daß ihn die Zeremonie tief beeindruckte: Diese heiligen
Verpflichtungen, eingegangen in der Kathedrale, entsprachen auch
genau dem politischen Programm, das er vom Thron her durchführen
wollte. Wir beide empfanden dies so stark, daß zwischen uns kaum
Worte notwendig waren.
Durch den Vollzug der Krönung und Salbung wurde der Herrscher zu
einer geweihten Person, er stand im Dienste des universalen Königtum
Jesu Christi als Wahrer der Rechte Gottes in der Welt; ferner verkörperte
er auf mystische Weise das Ganze des Volkes. Alle Handlungen Kaiser
Karls waren von dem Wissen um diese tieferen Zusammenhänge bestimmt,
werden uns durch dieses wissen verständlich. Sein ganzes Leben beweist
und bestätigt die Idee des christlichen Kaisertums. Es ist dies
das Programm des Zusammenwirkens von Thron, Altar und Familie als
der Grundlage einer christlichen Gesellschaft und jeder sozialen
Ordnung, worin sich dann das Christkönigtum verwirklicht. Sta
et retine lautete der Auftrag des Königs bei der Szepterübergabe
Stehe fest und weiche nicht zurück von dem Platz, der Dir
von Gott zugewiesen wurde. Was ihn aber wirklich bis zur Wurzel
ergriff Familie und Religion, Gottesdienst, Gatten- und Kinderliebe,
das hing für Karl auch wieder mit dem ererbten Auftrag für sein
Haus und seine Monarchie zusammen.
Eines wird im Leben und Wirken Kaiser Karls klar und ist das bleibende
Zeichen in der Welt: Die menschlichen Werte erschöpfen sich
nicht allein in Macht und Größe. Die geschichtliche Stellung Karls
von Österreich darf nicht bloß nach dem Bilde einer auf seinem Platze
denkbaren kraftvolleren Persönlichkeit und einer vollkommeneren
Staatskunst bemessen werden, als es die seine war. Im Leben Kaiser
Karls wurde sichtbar, daß das Gutgemeinte noch nicht das gute Gelingen
nach sich ziehen muß und der Erfolg dem Besten versagt bleiben kann.
Ja, schlußendlich leuchtet eine Wahrheit auf, daß der augenscheinliche
Erfolg der Feinde eben gerade kein Zeichen göttlicher Bestätigung
sein kann. |