Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Wie ein Kaiser stirbt

Einer Seligsprechung des letzten österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Karl steht nichts mehr im Wege. Papst Johannes Paul II. hat in einer Audienz für die Mitglieder der Kongregation für Heilig- und Seligsprechungen den heroischen Tugendgrad des 1922 verstorbenen Monarchen verkünden lassen. Jetzt fehlt nur noch ein Wunder - wenn die Feststellung des heroisohen Tugendgrades nicht schon ein Wunder ist. Hatte noch vor wenigen Jahren ein hoher Beamter des Staatssekretariates einem der Verantwortlichen für die Causa Kaiser Karls sagen können, man könne sich die Seligsprechung „abschminken, die Zeit für heilige Monarchen sei endgültig“ vorbei. Hier ein Auszug aus dem wunderbaren Büchlein «Kaiser Karl» von Pater Thomas Jentzsch „Wie ein Kaiser stirbt“:

Die Tag und Nacht fortgesetzte aufopfernde Pflege durch Kaiser Karls Umgebung, allen voran seine Gattin selbst, mochte ihm fast nur mehr seelische Erleichterung bringen. Dafür, wie für jeden geistlichen Trost, war der Kaiser unendlich dankbar, wie er denn zum Unterschied von fast allen Leidenden ein Vorbild der Güte und Geduld bis zuletzt geblieben war. Es waren qualvolle und schmerzhafte Behandlungen, die der Kaiser von den Ärzten über sich ergehen lassen mußte. Am späten Abend des 27. März 1922, als die Lungenentzündung sich unaufhaltsam auf beiden Seiten seines Körpers verbreitet hatte, bat Karl den ihn betreuenden Pater, eine Lebensbeichte ablegen zu dürfen. Besonders das herzliche Verzeihen des in seinem Herrscherleben auch menschlich so viel Mißverstandenen und Verfolgten für alle seine Feinde beeindruckte den Seelsorger tief. Danach ließ der Kaiser ganz gegen seine sonstigen Anordnungen seinen Ältesten, Otto, aus dem Bett holen, damit er der Zeremonie der letzten Ölung beiwohnen könne und erstmals die Todesnähe kennenlerne, was der zehnjährige Knabe auch auffaßte. Am Tage danach sprach er: „Es war nötig, ihn zu rufen, des Beispiels wegen. Er soll wissen, wie man sich in solchen Lagen benimmt - als Katholik und als Kaiser!“ Selbst in seinen Fieberphantasien wollte er wieder den Wiener Kindern Milch verschaffen, oder tschechischen Verwundeten helfen. Als sich sein Bewußtsein trübte, glaubte er immer wieder österreichische oder ungarische Delegationen empfangen zu müssen; aber wie leer blieben in Wahrheit die Vorzimmer!

Noch während der allerletzten, bewußt durchlebten Stunden des 1. April 1922 hat der Sterbende das Novembermanifest von 1918 für „null und nichtig“ erklärt, „weil es erzwungen ist“ und weiter „kein Mensch kann mir das nehmen, daß ich der gekrönte König von Ungarn bin ...“ Und etwas später darauf als der todtraurige Ausdruck ungestillter Sehnsucht: „Warum wollen sie uns nicht nach Hause lassen?“ Einmal vernahm man auch die seither immer wieder angeführten Worte wie ein politisches Testament: „Ich muß so viel leiden, damit meine Völker wieder zusammenfinden ....“ Nach dem Zeugnis von Kaiserin Zita hat Kaiser Karl sein Leben als Opfer für seine Völker dargeboten: „Keiner hat größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für die Seinen!“

Nach furchtbarem schmerzlichem und doch geduldigem Ringen mit dem über ihn zuletzt noch verhängten Martyrium, mehr denn je ungebrochen in Glauben, Liebe und Zuversicht, verschied während der Mittagsstun­de dieses Frühlingstages Karl von Österreich. Es war der 1. April 1922. Die Haare des fünfunddreißigjährigen Kaisers waren ergraut. Die Gesichtszüge waren von Falten zerfurcht, die sich dann langsam unter der milden Hand des erlösenden Todes glätteten für den Frieden in Gott. Kaiser und König Karls letzte bezeugte Worte waren: „Jesus! Jesus!“ Zwei Aussprüche Kaiser Karls im Angesicht des Todes lassen ein Licht werfen auf sein inneres Leben - und zugleich auf die unerforschlichen Ratschlüsse Gottes: „Wenn man Gottes Willen kennt, ist alles gut.“ Und: „Mein ganzes Bestreben ist immer, den Willen Gottes in allen Dingen möglichst klar zu erkennen und zu befolgen, und zwar auf das Vollkommenste.“ Davon zeugt sein Leben.

Sein Leben war ein von Gott für ihn auferlegter Opferweg und stand­gehalten zu haben im Ausüben heroischer Tugenden, darin bestand seine echte Größe. Einmal die verzwickte Lage in der Donaumonarchie und der geringe Handlungsspielraum des Kaisers, wo jeder Versuch der Besserung sofort seine Kehrseite zeigte und wahrscheinlich kein Aus­weichgleis mehr am Untergang vorbeiführte. Zum anderen wurden die vielen Facetten seiner reichen Persönlichkeit verkannt. „Den entschie­denen Patrioten war er zu weich und zu gütig, den Altösterreichern zu formlos, den Demokraten zu habsburgerisch - und damit patriarchalisch, den Militärs zu schwach und pazifistisch und den Pazifisten zu militärisch gewesen. Da er mit seinem Einsatz von Verständnis und Güte die ihm auferlegten politischen Ziele erreichen wollte, geriet er in einen Strudel von endlosen Mißverständnissen und Enttäuschungen bis zur gänzlichen Vereinsamung.

Das Grundmotiv seines Lebens war in schlichter und liebender Treue zu dienen. Zwischen Herrschen und Dienen bestand bei ihm kein Widerspruch. Das Herrscheramt hat er als von Gott übertragen und anvertraut aufgefaßt, eben als Pflicht gegenüber jenen, zu deren Wohl er dieses Amt ausüben durfte. Das Kaiser Karl vorschwebende Ideal eines „Volkskaisers“, eines für alle und alles besorgten Landesvaters als Gegenstück zum Familienvater, hatte bei ihm nichts Autoritäres an sich. Karl versuchte, immer drei Dinge miteinander zu vereinen: Das Herrscheramt, die Verwirklichung der Grundsätze seines Glaubens und die politische Wirklichkeit um ihn. Für sein Kaiser- und Königtum hat ihn zutiefst und bleibend beeindruckt seine Salbung und Krönung mit der Stephanskrone als König von Ungarn. Umgeben von Ungans Adel in farbenfrohen Trachten und Uniformen, unter Triumphbögen und Fahnen, überschüttet mit Blumen und umjubelt von „Eljen“-Rufen wurden Karl und Zita am 30. Dezember 1916 in Budapest in der St.-Matthias-Kirche vom Fürstprimas Kardinal Csernoch, gekrönt. Dem Zeugnis Zitas entnimmt man, daß ihn die Zeremonie tief beeindruckte: „Diese heiligen Verpflichtungen, eingegangen in der Kathedrale, entsprachen auch genau dem politischen Programm, das er vom Thron her durchführen wollte. Wir beide empfanden dies so stark, daß zwischen uns kaum Worte notwendig waren.“

Durch den Vollzug der Krönung und Salbung wurde der Herrscher zu einer geweihten Person, er stand im Dienste des universalen Königtum Jesu Christi als Wahrer der Rechte Gottes in der Welt; ferner verkörperte er auf mystische Weise das Ganze des Volkes. Alle Handlungen Kaiser Karls waren von dem Wissen um diese tieferen Zusammenhänge bestimmt, werden uns durch dieses wissen verständlich. Sein ganzes Leben beweist und bestätigt die Idee des christlichen Kaisertums. Es ist dies das Programm des Zusammenwirkens von Thron, Altar und Familie als der Grundlage einer christlichen Gesellschaft und jeder sozialen Ordnung, worin sich dann das Christkönigtum verwirklicht. „Sta et retine“ lautete der Auftrag des Königs bei der Szepterübergabe „Stehe fest und weiche nicht zurück von dem Platz, der Dir von Gott zugewiesen wurde.“ Was ihn aber wirklich bis zur Wurzel ergriff Familie und Religion, Gottesdienst, Gatten- und Kinderliebe, das hing für Karl auch wieder mit dem ererbten Auftrag für sein Haus und seine Monarchie zusammen.

Eines wird im Leben und Wirken Kaiser Karls klar und ist das bleibende Zeichen in der Welt: „Die menschlichen Werte erschöpfen sich nicht allein in Macht und Größe. Die geschichtliche Stellung Karls von Österreich darf nicht bloß nach dem Bilde einer auf seinem Platze denkbaren kraftvolleren Persönlichkeit und einer vollkommeneren Staatskunst bemessen werden, als es die seine war. Im Leben Kaiser Karls wurde sichtbar, daß das Gutgemeinte noch nicht das gute Gelingen nach sich ziehen muß und der Erfolg dem Besten versagt bleiben kann. Ja, schlußendlich leuchtet eine Wahrheit auf, daß der augenscheinliche Erfolg der Feinde eben gerade kein Zeichen göttlicher Bestätigung sein kann.

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