Deutschland, Europa und das Heilige Römische Reich
Aufgabe und Sendung Deutschlands für Europa und die ganze Welt. Geschichte
und Zukunft.
Von P. Thomas Jentzsch. Mit freundlicher Genehmigung von trad.info
Die gegenwärtigen Ereignisse um Europa legen es nahe, uns auf die geistigen
Wurzeln unseres Vaterlandes zurückzubesinnen. Alle Völker haben in der
Heilsgeschichte Gottes eine Sendung und so auch das deutsche Volk, und
zwar keine geringe. Diese Besinnung auf die heilsgeschichtliche Grundlage
Deutschlands ist auch der einzig gangbare Weg, endgültig und entschieden
davon abzurücken, die deutsche Geschichte auf die zwölf Jahre des tausendjährigen
Reiches einzuengen und diese zu verabsolutieren, samt den ständig
wachgehaltenen Schuldkomplexen. Es gilt die Erinnerung an eine große,
jahrhundertelange, kontinuierliche deutsche Geschichte wieder aufzunehmen.
Wir sollen wieder zu Recht unser von Gott gegebenes Volkstum lieben und
den Auftrag wieder annehmen, den Gott dazu mitgegeben hat.
Am 10. Juni 1990 war der 800. Todestag von Kaiser Friedrich I. Barbarossa
(1152-1190), eines der mächtigsten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches,
der auf dem dritten Kreuzzug in Kleinasien beim Durchqueren des Bergflusses
Saleph, wohl von einem Strudel erfaßt, vom Pferd gerissen wurde und im
eisigen, schnellfließenden Bergwasser den Tod fand. Andere Überlieferungen
sprechen davon, der Kaiser sei bei einem Bad in dem kalten Wasser vom
Herzschlag getroffen worden und untergegangen. Nach längerer Suche konnte
nur noch der entseelte Leichnam, am Ufer angeschwemmt, geborgen werden.
So fand der erfolgversprechende dritte Kreuzzug, von deutscher Beteiligung
her gesehen, vor den Toren des Gelobten Landes ein bitteres Ende. Hatte
ja schon Sultan Saladin angesichts des Erscheinens des disziplinierten,
heldenhaften kaiserlichen Heeres seinen Rückzug aus Palästina angetreten.
Kaiser Friedrich Barbarossa gilt als das Modell eines Kaisers, was Ansehen,
Macht und Sendungsbewußtsein betrifft. Welches Reich beherrschte der Staufer?
Das Heilige Römische Reich erstreckte sich von der Nordsee bis an das
Gebiet von Rom, vom Königreich Burgund im Westen bis nach Schlesien und
Pommern im Osten. Diese Ausdehnung des Heiligen Römischen Reiches zeigt,
daß das Reich sich nicht auf Deutschland beschränkte. Es zeigt uns, daß
Deutschland im Reich gelegen war, aber nicht das Reich selbst war. Das
alte Reich war kein Nationalstaat.
Was war das Reich?
Es war die Klammer, der gemeinsame Lebensraum von verschiedenen Völkern
und Staaten, ein Zusammenschluß und Bündnis verschiedener Herrschaften,
so der deutschen Herzogtümer der Baiern, Schwaben, Sachsen, Lothringer,
der Königreiche Böhmen, Burgund und der Langobarden, von Grafschaften,
Marken und freien Städten. Das Reich war also übernational, ein Verband
von relativ selbständigen Herrschaften unter einem gewählten Oberhaupt,
das seinerseits auch ein Landesherr war (Barbarossa war zugleich Herzog
von Schwaben). Das Reich war eine völkerverbindende Institution, ein reger
Austausch von verschiedenen Völkerschaften im selben Staatswesen.
Reichspolitik bedeutete, - und damit teilte Friedrich Barbarossa die Auffassung
Ottos III. (995-1002) -, deutsche und nichtdeutsche Völkerschaften föderativ
zu vereinen, nicht aber eine deutsche Vorherrschaft über die Nachbarn
auszuüben. Nach außen wurde keine Eroberungspolitik betrieben, sondern
der Versuch unternommen, andere Herrschaftsgebiete, so besonders Polen
und Ungarn, wie Bundesgenossen und Freunde an das Römische Reich zu binden
als Mitarbeiter für das Reich. Dieses christliche Imperium sollte ein
Völkerverband sein, dessen Würde und Vorrangstellung vor völkischen Königreichen
durch die Person des Kaisers dargestellt und garantiert wird.
Der Kaiser selbst anerkannte in Respekt und Achtung die nationalen
Eigenheiten der Völker, ja, er garantierte durch Privilegien selbst den
Schutz von Minderheiten, einschließlich der Juden. In der Geschichte ist
das Reich das weltliche Gegenstück zur Kirche gewesen, das Corpus Christianum
(politische Körperschaft der Christenheit) in Korrespondenz zum Corpus
Christi mysticum (Kirche als mystischer Leib Christi). Das oberste Hirtenamt
des Papstes stand in Beziehung zum obersten weltlichen Amt des Kaisers.
Das Amt des Kaisers bedeutete Verpflichtung gegen die eine, heilige, katholische
und apostolische Kirche und somit verantwortliches Handeln vor Christus,
dem Herrn aller Welten, dem Pantokrator.
Geistige Ausrichtung des Reiches
Durch die Kaiserkrönung Karls des Großen zu Weihnachten im Jahre 800,
vollzogen durch den Papst, erhielt Karl Sendung und Weihe und so die Sendung
und Weihe seines Reiches zum Römischen Reich und zum Nachbilden des himmlischen
Jerusalem als der civitas Dei (Gottesstaat): Der Kaiser stellt sich bewußt
in die Nachfolge Christi und will starker Arm der Kirche sein, die Interessen
Christi in der Welt zur Geltung zu bringen. Von daher ist die Grundorientierung
des Kaisers auf Rom und auf das Papsttum zu sehen: Die Kirche als die
Stiftung des Gottessohnes ist die einzige legitime Macht, um ein Staatswesen
von innen her aufzubauen und zu befestigen. Darin liegt der Grund des
universalen Königtums Christi.
Die Idee des Reiches als einer vielvölkischen christlichen Staatenfamilie
und dem katholischen Glauben verpflichtet wurde als ein Gut geschätzt,
als eine Friedensordnung in dieser Welt. Darin liegt das Bemühen um eine
Nachbildung des Vorbildes, des kommenden Reiches Christi, darin liegt
die eschatologische Ausrichtung des Heiligen Reiches, des Sacrum Imperium.
Der Kaiser verstand sich als Träger einer von Gott verliehenen Macht und
wußte sich von daher dem göttlichen Recht unterworfen. Er, der Verwalter
des Reiches als des Typus des kommenden Gottesstaates, mußte Gott Rechenschaft
ablegen. So sah er sich als Repräsentant des universalen Königtums Christi
auf Erden zur Erbauung und Sicherung der friedlichen christlichen Ordnung
und als weltlicher Schutzherr der Kirche, die die Garantin des Reichsbestandes
war. Das Ziel der Politik war nicht Weltherrschaft, sondern Weltgeltung
als Vorbild und Muster.
Das Reich gipfelte in der Würde der Kaiserkrone: Programmatisch ist die
christliche Staatsidee auf der Reichskrone bildhaft dargestellt: vier
Bildplatten der oktogonalen Krone zeigen Szenen aus dem Alten Testament:
König David, König Salomon, König Ezechias und die Vision der Majestät
des Herrn bei Isaias. Die Aufgabe des Kaisers ist demnach: regieren in
Recht und Gerechtigkeit zum Verwirklichen eines Friedensreiches. Abhängig
ist der Kaiser von der Gnade Gottes und in Huldigung unterworfen dem Willen
Christi: Er soll Christus nachahmen (imitatio Christi) und als Abbild
Christi, des Weltherrschers, erscheint im Kaiser selbst das Bild Gottes
(imago Dei). Dafür waren David und Salomon der Typus, das auf Christus
hinweisende Vorbild. Das irdische Reich war zwar nicht Christi Reich,
war nicht die Stadt Gottes, aber dieses Reich sollte von Christi Kraft
erfüllt und von Ihm her gestaltet werden, damit die irdischen und überirdischen
Kräfte eins würden aus dem Willen Christi. Er muß herrschen (1 Kor. 15,25)!
Das Reich und insbesondere Deutschland als Träger und Kernland sollte
ein Musterbeispiel der gottgegebenen biblischen Beziehungen von Kirche
und Staat sein, da ja der Kaiser anders als der König, bei dem das völkische
Element zum Tragen kommt, gleichsam amtsmäßig auf den Papst
orientiert ist.
Nach der Theologie der Reichskrone ist der Kaiser der erste Christ, der
kraft seiner Taufe im allgemeinen Priestertum den Staat als oberster Laie,
gleichsam mit hohepriesterlichem Grundzug, Gott darbringt als Gabe seines
Glaubens und in Huldigung an Christus. Dies drücken besonders die Stirn-
und Nackenplatten der Reichskrone aus, die in ihrer Anordnung der zwölf
Edelsteine an den Choschen, den Brustschild der alttestamentlichen Hohenpriester
erinnern. Zugleich sind damit ausgedrückt die zwölf Grundsteine des himmlischen
Jerusalem der Apokalypse: Der Staat soll sich auf Gott hinbewegen und
in ihm sein Ziel finden. Das ist die eschatologische Ausrichtung der Reichsidee.
Also tief im biblischen Denken steht das deutsche Kaisertum. Die kaiserliche
Macht ist so geläutert worden zum Aufbau einer öffentlichen Ordnung nach
christlichen Maßstäben, als vor Gott verantwortete Macht. Nicht der Wille
des Kaisers ist Gesetz, sondern die Machtausübung steht in Bezug zur sittlichen
Erlaubtheit. Dies ist die Frucht der Hinwendung des Staates zur Kirche
seit Konstantin dem Großen als ein Prozeß über Jahrhunderte: über Theodosius
den Großen und Justinian bis zu Karl dem Großen und den nachfolgenden
deutschen Kaisern. Der Staat als Universalstaat auf christlicher Basis,
das war die tragende Idee des Heiligen Römischen Reiches. Deutschlands
Reichsaufgabe war es, neue Welt für die christliche Gemeinschaft zu gewinnen.
Nach der Aufteilung des Reiches Karls des Großen ging die Kaiserwürde
mit Otto dem Großen auf die Deutschen über und damit die Reichssendung.
Reichsaufgabe im besondern war es, das Glaubensgut in neuberührte Völker
zu tragen, ferner die Ostgrenze zu sichern gegen heidnische Einfälle.
Von der geographischen Lage in der Mitte Europas her, als Brücke von West
zu Ost, wurde Deutschland die abendländische christliche Mission zur Pflicht
auferlegt. Von daher hat Deutschland eine weltgeschichtliche Sendung zu
erfüllen: Als Land der Mitte ist es geistig im Westen verankert - im ehemaligen
Frankenreich Karls des Großen gelegen - und an Rom gebunden durch die
Missions- und Aufbauarbeit des hl. Bonifatius. Aber die Missions- und
Kulturarbeit ging nach Osten.
Deutschtum im Osten
Die kulturellen Unternehmungen der Deutschen gingen nach dem Osten.
Durch die offene Ostgrenze bedingt, wurde das deutsche Volk zur Reichsaufgabe
berufen; es mußte sich dieser christlichen Aufgabe der Sicherung der bedrohten
Ostgrenze, der Mission und Kultivierung unterziehen, bis bei den östlichen
Völkern das Christentum Wurzel gefaßt hatte und bis die Kraft des Sarazenen
(Türken) gebrochen war. Reichsaufgabe bedeutet Aufgabe gegenüber der Außenwelt,
Aufgabe für den Glauben.
So haben schon polnische Könige, so auch der hl. Stephan von Ungarn deutsche
Siedler angeworben zur Missionierung und Kultivierung. Die organische
Besiedlung des deutschen Osten ging durchs ganze Hochmittelalter. Jahrhunderte
später, nach dem Zurückdrängen der Türken aus dem von ihnen besetzten
Ungarn, bald nach der Eroberung Belgrads 1717, ließ der kaiserliche Feldherr,
Prinz Eugen von Savoyen, Deutsche zur Besiedlung der durch die fremde
Besatzung verwüsteten und entvölkerten Landstriche des Donauraumes anfordern.
Es sollte keine militärische Sicherung der befreiten Gebiete sein, sondern
eine Sicherung durch Ansiedlung. Damit haben die Habsburger deutsche Siedler
betraut, vor allem schwäbische, um durch Schutz und Erhaltung des Bodens
einen Schutzwall für das christliche Abendland zu bilden. Bei der Urbarmachung
des Bodens im Südosten zeigten sich aufs neue deutsche Tugend und Organisationstalent,
Mut und Fleiß und echte Frömmigkeit wie schon im Mittelalter bei der Urbarmachung,
Kultivierung und Christianisierung des deutschen Ostens in Schlesien und
Preußen. Sehr schön kommt das Deutschtum im Osten zum Ausdruck im Lied
der Buchenlanddeutschen (Bukowina):
Traute Welt der goldnen Ähren,
Wälder, Fluren wunderbar,
Über Wipfeln schneebedeckt
Wacht des Himmels Sternenschar.
Das ist am Karpatenrand
Gottes grünes Buchenland.
In den Bergen, in den Hütten,
Bunter Stämme Liebe webt,
und der Deutsche schlicht inmitten
Als ein wahrer Bruder lebt.
Deutscher Geist durch deutsches Wort
Ist der beste Friedenshort.
Dräuet Sturm und Ungewitter,
Wankt der Damm in finstrer Nacht,
Hält im grünen Land der Buchen
Deutsche Treu die Feuerwacht.
Wo der Pflug die Scholle sucht,
folgen heilig Recht und Zucht.
Traute Welt der goldnen Ähren,
Wälder, Fluren wunderbar,
über Wipfeln schneebedeckt
wacht des Himmels Sternenschar.
Das war am Karpatenrand
Gottes grünes Buchenland.
Die Deutschen und das Reich, völkisch gesehen
Deutschland selbst war eingegliedert in das die Nationen überspannende
Heilige Römische Reich. Die Deutschen als Reichsvolk und mit Österreich
(Habsburg) als Kraftzentrum und Kern des Reiches stellten sich ganz in
den Dienst der Reichsaufgabe: Missionierung, Ausbreitung der christlichen
Kultur in den heidnischen Osten, später Mitaufbau eines christlich gewordenen
Ostens oder die Abwehr antichristlicher Angriffe aus dem Osten (Türkei).
So fand das Deutschtum, eingebunden in das Reich und in die Reichsaufgabe,
seine Sendung, sein Maß und seine Erfüllung. Der Deutsche führte gleichsam
ein zweifaches Leben: als raumgebundenes Siedlungsvolk in den westlichen
und mittleren Breiten der Erdteilsmitte und dann als der stärkste Träger
einer den deutschen Raum weit übergreifenden Idee, nämlich der Reichsidee
als des universalen Gottesstaates, des corpus Christianum. Darin fand
und verwirklichte sich deutsches Wesen, darin trug Deutschland zu einer
europäischen Friedensordnung bei, darin fand Deutschland den internationalen
Anschluß und Ausgleich und sein Gleichgewicht. Das Reich war kein national-deutsches
Reich, war kein Nationalstaat. Die Grenzen des Deutschtums im Osten nach
Polen zu, nach Böhmen, Mähren, Jugoslawien, waren nicht fest, sondern
übergehend, fließend, offen. Ferner gab es deutsche Siedlungsgebiete,
ganze Landstriche, in anderen Nationen. Wie das Reich selbst, so hatte
auch Deutschland die Struktur eines genossenschaftlichen Wesens, das den
einzelnen Völkern und Stämmen in der Zuordnung auf ein christliches Kaisertum
gute Freiheiten beließ.
Der Nationalstaat
Die erste große Erschütterung des Reichsgefüges, der Zusammenprall der
Kräfte im Reich war ausgelöst durch die Glaubensspaltung Luthers. Doch
das Reich fiel nicht auseinander, hatte aber seinen ausschließlich katholischen
Charakter eingebüßt. Die katholischen Herrschaften und Fürstbistümer erwiesen
sich stark genug. Mit dem Erstehen des Nationalstaates in Frankreich ging
Hand in Hand eine Rationalisierung der Staatsregierung nach den Gesetzen
der Vernunft, was schon die absolutistischen französischen Könige
begonnen hatten. Alles soll vernünftig, überschaubar, praktisch werden.
Das oberste Gebot der Vernunft sei die Vereinheitlichung der Staatsregierung
und Zentralisation, Machtkonzentration in der Regierung. Privilegien,
Sonderrechte, Traditionen von Volksgruppen und Minderheiten müssen vereinheitlicht
werden auf nationaler Basis.
Die Allmacht des Staates kündigt sich an, die es im Reich nie gab, weil
im Reich als lehensrechtlichem Verband oder, modern umgesetzt, als föderalistischem
Staatenbund Mitherrschaft, Mitverantwortung und Mittragen des Reiches
durch die Herrschaftseinheiten in der Verfassung traditionell
verankert war. Das Unheil über Deutschland brachte Napoleon, als er durch
seine kaiserlichen Eroberungen den letzten römischen Kaiser,
Franz II., zwang, die Kaiserkrone niederzulegen (6.8.1806).
Aus dem Reich entstand durch Beraubung des Kircheneigentums (Säkularisation)
und Auflösung (Mediatisierung) der kleinen Herrschaften eine Fülle von
selbständigen Staaten. Dieser Zustand, Deutschland als Gebiet mit vielen
souveränen Staaten ohne gemeinsames Oberhaupt, blieb auch nach dem Wiener
Kongreß bestehen. Das war eigentlich die totale Zerschlagung des Reiches
und die Zersplitterung Deutschlands in lauter selbständige Staaten. Dieses
unnatürliche, engkarierte und eigensüchtige Gebilde konnte nicht von Dauer
sein. Im Zuge der modernen Nationalbewegung war der Ruf nach Einheit der
Nation immer lauter geworden. Diese neue Idee des Nationalstaates stammt
aus der Französischen Revolution, wonach eine Volks-Nation den Staat ausmachen
soll.
Diesen Ruf erfüllte schließlich Preußen auf seine Weise, indem Bismarck
einen deutschen Nationalbundesstaat schuf. Die deutschen Fürstentümer
kamen unter preußische Vorherrschaft. Die Tragödie war, daß der legitime
Einfluß des kaiserlichen, habsburgischen Osterreich als Repräsentationsmacht
der deutschen Staaten durch Bismarck ausgeschaltet und Deutschland auf
sich selbst beschränkt wurde. Das Ende des alten Deutschland war die Schlacht
bei Königgrätz am 3.7.1866 (Nordböhmen, an der Elbe), wo Preußen siegte
und Österreich aus Deutschland verwies. Der Sieg Preußens bei Königgrätz
leitete letztlich den Sieg des Nationalismus im deutschen Raum ein, den
Bismarck so nicht gewollt hat. Der Nationalismus bedeutet den Bezug nur
auf sich selbst, das Verlieren der universalen, völkerverbindenden Schau
des traditionellen Deutschtums und den Verlust des Verantwortungsgefühles
für die Nachbarvölker.
Wir erkennen den krassen Bruch mit der Reichsidee: die Reichsidee nämlich
als Konföderation im Sinne des Miteinander, Einbindung in ein natürliches
Gesamt und Wahrung der Rechte und Freiheiten. Diese reichische Haltung
hat einst die Deutschen im Dienst an ihr charakterlich geformt. Dies drückt
sich aus durch Respekt vor anderen Völkern und ihre Bereitschaft, mit
ihnen zusammenzuarbeiten und sie bei ihnen selbst mitarbeiten zu lassen,
verbunden jedoch mit einer Treue und Hochschätzung des eigenen Volkstums.
Es war eine tausendjährige Indienstnahme des Deutschen für das Reich.
Indem Deutschland sich durch den Nationalstaat, auf sich selbst beschränkte,
wurde das Gleichgewicht in Mitteleuropa gestört. Der letzte Abgrund des
Irrweges, der Verführung und des Abfalls von der deutschen Bestimmung
vor Gott war der totale Nationalismus. Ein Besessener brachte das Ende:
Hitler bediente sich der preußischen Machtmaschinen der Zentralisation
und benützte die Idee eines maßlosen Nationalismus. Das ehemalige Heilige
Reich wurde pervertiert und nun Künder und Vollstrecker des Antichristlichen.
Das säkularisierte, preußisch-national orientierte zweite Reich
entartete völlig im sogenannten Dritten Reich. Unter Hitler
wurde die Idee des Reiches zum Götzen gemacht, zum schlechthin entchristlichten
Staat, der raffiniert mit der Vorstellung des ersten mittelalterlichen
Reiches die Massen anlockte und Reichsbegeisterung erregte.
Der Weg in die Zukunft
Der Ausweg kann nur ein neues Deutschland sein, das heißt die Rückkehr
zu den alten Quellen deutscher Frömmigkeit und Gottbezogenheit, auf daß
Gott Deutschland eine neue Sendung gebe für das Abendland oder Europa.
Die deutsche Staatskunst liegt nicht im zentralistischen Staat (was zwar
auch technisch beherrscht würde), sondern im föderativen Staatswesen,
doch einbezogen in ein übernatürliches Gesamt. Diese Seelenhaltung des
Deutschen, der Sinn für Eigenständigkeit gepaart mit Freiheitssinn, dazu
die Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren und sich zusammenzuschließen
(Konföderation) im Verbund mit anderen, um so Zusammenarbeit erstehen
zu lassen, dieser Charakter liegt im germanischen Wesen begründet und
hat seine Form und Veredelung im alten Reich erfahren, dessen geistiges
Fundament der katholische Glaube war.
Das war deutsche Staatskunst, die bis zuletzt im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie
der Habsburger als dem Rest des alten Reiches gegenwärtig war. Die letzte
Stimme deutscher Staatskunst war gegen Ende des Ersten Weltkrieges das
Völkermanifest des letzten Kaisers von Osterreich, Karls I.:
Meine Regierung ist beauftragt, zum Neuaufbau Österreichs
ohne Verzug alle Arbeiten vorzubereiten. An die Völker, auf deren Selbstbestimmungsrecht
sich das neue Reich gründen wird, geht Mein Ruf, an dem großen Werke
durch Nationalrate mitzuwirken, die, gebildet aus den Reichsratsabgeordneten
jeder Nation, die Interessen der Völker zueinander sowie im Verkehr
mit Meiner Regierung zur Geltung bringen. So möge unser Vaterland, gefestigt
durch die Eintracht der Nationen, die es umschließt, als Bund freier
Völker aus den Stürmen des Krieges hervorgehen.
Kaiser Karl hatte eben den entscheidenden Gegensatz zwischen den Grundlagen
der habsburgischen und der hohenzollernschen Politik in ihrer unterschiedlichen
Einstellung zum Nationalismus erkannt und suchte wieder die eigenständige,
tief aus der Reichsgeschichte und der Geschichte Österreichs herzuleitende
Position zu gewinnen. Das deutsche Reich war auf nationalen, die Donaumonarchie
auf übernationalen, reichischen Grundlagen aufgebaut. Kaiser Karl war
das letzte große Angebot Gottes für eine Friedensordnung in der europäischen
Mitte im Sinne des Reiches mit dem alten Prinzip der Konföderation gegen
den absolutistischen Zentralismus und nationalistisches Eigennutzdenken.
Auch auf ihn kann man die Stelle im Johannesprolog beziehen: Er
kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Das Konzept Kaiser Karls gewinnt aber gerade heute Aktualität und weist
den Weg in eine neue Zukunft für die Mitte Europas. Christliche Reichsidee
bestand im germanisch-fränkischen Bereich über Karl den Großen zu Otto
dem Großen bis 1806. Weitergeführt wurde sie in der Donaumonarchie bis
1918: über tausend Jahre. Das Bismarckreich bestand siebenundvierzig Jahre,
das Dritte Reich zwölf Jahre. Eines ist klar: Warum bestand
das tausendjährige Heilige Römische Reich? Weil es auf Christus hinorientiert
war. Die letzten Zeiten waren für Deutschland der Ausnahmefall.
Die Übernahme des Nationalstaates von Frankreich, die Ausgrenzung anderer
einerseits und das Erringen der eigenen nationalen Größe andererseits
bedeutete für Deutschland Konflikte, Kampf und Krieg. Die Kraft des deutschen
Volkstums war im alten übernationalen Reich eingegliedert in einem großen
Organismus von Völkern.
Deutschland, das Israel des Neuen Bundes
Doch die deutsche Sendung kann man letztlich nur übernatürlich begreifen
von Gott her gesehen als eine Bestimmung. Was ist die Wurzel des Deutschen
bezüglich seiner Weltaufgabe im christlichen Sinn, die eben die Reichsaufgabe
war? Die deutsche Sendung weist eindeutig auf Israel hin, auf das Königtum
Davids. Wie Israel ein Gottesstaat war, wo die Religion das öffentliche
Leben geprägt hat, wo der König berufen war, das Volk im Glauben zu erhalten
und zu schützen, so ging diese Sendung und Aufgabe über den Papst an den
deutschen König als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches über. Auffallend
ist ferner, daß der Patron Israels als des Gottesvolkes im Alten Bund
und der Patron Deutschlands der hl. Erzengel Michael ist, der Verteidiger
des Volkes Gottes. Im Neuen Bund nimmt Deutschland die Sendung Israels
ein für die Kirche. Das deutsche Volk trug die Reichsaufgabe und deshalb
wurde es der Gegenstand des Ringens. Der dämonische Einfall galt dem Ziel,
diese Schau Gottes aus dem Herzen des Volkes zu reißen, um durch eine
Schwächung die Macht Christi zu unterhöhlen. Dieser Kampf blieb lange
Zeit unerkannt, die Menschen langsam in diese Entwicklung hineinziehend.
Unwiderruflich sind die Gnadengaben und Berufungen Gottes
(Röm. 11,29). Das gilt nicht nur für Israel im Alten Bund, das gilt auch
im Neuen Bund für die Berufungen, die von Gott in seinem Heilsgeschehen
gesetzt worden sind. Im Urteil der Kirche, in den Augen Gottes hat das
Heilige Römische Reich als die Herzmitte und Verkörperung christlicher
Zivilisation weiterhin Bestand als ideelle Wirklichkeit und somit auch
die Bedeutung Deutschlands im Heilsplan Gottes. So hat Papst Pius VII.
die Ablegung der Reichskrone durch den letzten Kaiser Franz II. nicht
anerkannt und betont, daß diese Institution weiter besteht als bleibende
Aufgabe für uns und für die Zukunft. Da eben dieser besondere Auftrag
Gottes für die Deutschen - die Sendung für die Kirche und Schaffung einer
christlichen Völkerkonföderation - in entscheidenden Stunden der deutschen
Geschichte verleugnet wurde, belegte Gott unser Land mit dem Zeichen des
Kreuzes zu Buße und Umkehr: die durch die Reformation hervorgerufene religiöse
Teilung Deutschlands in Nord und Süd und die nach dem Zweiten Weltkrieg
erfolgte Teilung in Ost und West.
Deutschland - ein Land unter dem Kreuz.
So klagt auch der Prophet Jeremias, angewandt auf das deutsche Volk:
Warum wendet dieses Volk sich ab in beständiger Abkehr, klammert sich
fest am Trug und verweigert die Umkehr? (8,5). Es möge dieses Wort des
Propheten Jeremias sich enthüllen: Kehrt zurück, abtrünnige Söhne
- Spruch des Herrn, denn ich bin euer Gebieter! Dann verleihe ich
euch Hirten, die nach meinem Herzen sind, diese weiden euch voll Einsicht
und Klugheit (3,14.15). Und der Prophet Isaias: Völker werden
deine Gerechtigkeit schauen und alle Könige deine Herrlichkeit. Du wirst
mit einem neuen Namen genannt, der geprägt wird vom Munde des Herrn. Du
wirst eine prächtige Krone sein in des Herrn Hand, ein Königsdiadem in
der Hand deines Gottes. Dann nennt man sie ‚heiliges Volk',
‚Erlöste des Herrn' (Is. 62,2.3.12). Seine Wege sah ich und
will es nun heilen und leiten und Tröstung ihm schenken (Is. 57,18).
Verwendete Literatur:
Keinhardt Staats, Theologie der Reichskrone, Hiersemann, Stuttgart 1976.
Wolf D. Gruner, Die deutsche Frage, Beck, München 1985.
Elisabeth Fehrenbach, Vom Ancien Régime zum Wiener Kongreß, Oldenbourg,
München 1986.
Otto von Habsburg, Die Reichsidee, Amalthea, Wien 1987.
Theo Rody, Preußen und Österreich im Ringen um die deutsche Seele, Schnell
und Steiner, München 1946.
Paul Rohrbach, Das Herz Europas, Brockhaus, Wiesbaden 1950. |