Freiheit statt Demokratie
Der libertäre Vordenker und bekennende „Antidemokrat“ Hans-Hermann Hoppe
über seine provokanten Thesen. Junge Freiheit Nr.26/05- 24.Juni 2005 Von
Moritz Schwarz
Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe gilt als einer der profiliertesten
Vordenker der weltweiten libertären Bewegung. Geboren wurde er 1949 in
Peine. Er studierte Soziologie und Ökonomie und wanderte 1985 in die USA
aus, um bei Murray Rothbard zu studieren, dessen Lehrstuhl er schließlich
übernahm. Hoppe ist Distinguished Fellow am Ludwig von Mises Institute
in Auburn, Herausgeber des Journal of Libertarian Studies und Autor
verschiedener Bücher. Seine provokante Studie „Demokratie - Der Gott,
der keiner ist“ (Verlag Manuscrpitum, 2003) erreichte in den USA sieben
Auflagen und wurde bislang ins Deutsche, ins Spanische und ins Koreanische
übertragen. Übersetzungen in weitere Sprachen sind in Vorbereitung.
Herr Professor Hoppe, Sie sind bekennender Antidemokrat.
Haben Sie bei Ihrer Vortragsreise durch Europa nicht Schwierigkeiten bei
der Einreise in die Bundesrepublik bekommen?
Hoppe: Nein, und ich rechne auch
nicht damit, daß dies in der Zukunft passieren wird. Ich habe
in Dutzenden von Ländern in der ganzen Welt Vorträge gehalten,
nie sind 0,
0000000mir dabei Schwierigkeiten gemacht worden.
Wie kommt es daß Sie in einem so „betont demokratischen“
Land wie Deutschland mit Ihrer Einstellung ein so gerngesehener Gast sind,
zum Beispiel unlängst bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung?
Hoppe: Weil ich anders bin und etwas anderes
zu sagen habe als die „Langweiler vom Dienst“ in der Politik und den
„führenden“ Medien. Ich bin provokativ und biete intellektuelle Unterhaltung
und Aufklärung gekonnt und auf höchstem Niveau.
Ihre These lautet, die Demokratie ist eine politische
Ordnung, die nicht die Herrschaft des Volkes garantiert, sondern seine
Ausbeutung.
Hoppe: Das Wesen der Demokratie ist die
Umverteilung, die sich entsprechend der Verteilung der politischen Macht
vollzieht. Das heißt, diejenigen, die an der Macht sind, verteilen zugunsten
der eigenen Klientel und auf Kosten der Klientel der anderen Partei
um. Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun, und Grundrechte wie das
auf Eigentum sind im Zweifelsfall schnell perdu. Verschärfend
kommt hinzu, daß die Partei, die gerade herrscht, dazu nur vier Jahre
Zeit hat - bis wieder gewählt wird. Um so schneller und verantwortungsloser
vollzieht sich diese Umverteilung. In der Monarchie dagegen, als deren
„glückliche“ Überwindung die Demokratie zu Unrecht gilt, war der Staat
potentiell für immer in den Händen ein und derselben Dynastie. Dementsprechend
schonend geht ein Monarch mit seinem „Besitz“ um. In der Demokratie
gehört der Staat dagegen keinem, dementsprechend hemmungslos saugt ihn
die gerade herrschende Partei aus.
„Schimpfen Sie auf die Demokratie!“
Zum Beispiel?
Hoppe: Zum Beispiel die Bundesrepublik
Deutschland. Der Kern der gegenwärtigen fundamentalen Krise dieses Landes
ist, daß die Politiker den Wählern jahrzehntelang mehr und immer mehr
versprochen haben. Sie haben verteilt, was volkswirtschaftlich gesehen
gar nicht zum Verteilen da war, nur um wiedergewählt zu werden. Und
die Wähler haben sich willig bestechen lassen, wohlwissend, was vor
sich geht. Aber alle wollten eben ihren Nutzen aus diesem gigantischen
Raubzug ziehen. Das Paradebeispiel ist Konrad Adenauer, der seine Rentenreform gegen den guten Rat der Fachleute
durchgeführt hat, nur um Wähler zu gewinnen, ohne Rücksicht darauf,
daß er damit den Keim der Vernichtung in das bundesdeutsche Rentensystem
gepflanzt hat. Heute sind in Deutschland die Kassen leer und die Schulden
nicht mehr zu tilgen. Alle schimpfen auf diejenigen, die damals über
die Verhältnisse gelebt haben. Das ist Unsinn! Diese Leute haben sich
lediglich gemäß den Regeln des Spiels verhalten. Schimpfen Sie nicht
auf die Spieler, wenn Ihnen das Spiel nicht paßt, schimpfen Sie auf
die Regeln! Schimpfen Sie auf die Demokratie! Freiheit statt Demokratie!
Müßten Sie nicht konsequent von allen Demokraten ausgeladen
und bekämpft werden?
Hoppe: Was die guten Demokraten betrifft,
so haben Sie gewiß recht. Aber gute Demokraten - also Vertreter des
Prinzips, daß A und B, weil sie gegenüber C eine Mehrheit bilden, letzteren
deshalb berauben oder bevormunden dürfen - sind für mich nur „moderate“
Kommunisten, und von denen nicht eingeladen zu werden, betrachte ich
als eine Ehre. Nur gibt es gar nicht so viele Personen, die sich zu
diesem Prinzip bekennen, wenn es denn erst einmal klar ausgesprochen
wird. Es gibt weder in der Familie Demokratie noch in der Kirche, insbesondere
der katholischen, noch in der Wissenschaft oder der Wirtschaft. Nirgendwo
ist jede Stimme gleich. Überall gibt es Grade natürlicher Autorität.
Sind Sie ein Fall für den Verfassungsschutz?
Hoppe: Der Verfassungsschutzweiß doch
gar nicht, was er mit mir und meiner Position anfangen soll. Ich befinde
mich völlig außerhalb der gängigen politischen Klassifikationsschemata.
Zwar bin ich ein Feind des demokratischen Staates, aber zu behaupten,
ich sei ein Feind der Freiheit, des Privateigentums, der Familie und
all dessen, was dem Normalbürger wert und teuer ist, ist absurd, geradezu
zum Totlachen. Auch der Verfassungsschutz benötigt die Rückendeckung
der öffentlichen Meinung. Ich bezweifele, daß es gelingt, mich zu einem
Ungeheuer zu stempeln.
Immerhin, unlängst gab es doch Probleme: Allerdings
nicht wegen des Antidemokraten Hoppe, sondern wegen Ihres Gegenparts,
des konservativen Verlegers Götz Kubitschek, der pikanterweise die Demokratie
in Gestalt des Staates gegen Sie verteidigte. Die Uni Greifswald hat der
Veranstaltung - mit dem Hinweis Kubitschek sei ein „rechter Intellektueller“
- die Räume entzogen (JF berichtete).
Hoppe: Die ganze Affäre erscheint mir
symptomatisch für die politische Befindlichkeit in Deutschland.
Inwiefern?
Hoppe: Demokratie hat eben nichts mit
Freiheit zu tun. Demokratie ist eine von Demagogen angereizte und unsicher
gesteuerte Herrschaft des Mobs. Insbesondere die deutsche Demokratie
trägt Züge eines weichen, durch weitgehende und als solche oft kaum
mehr wahrgenommene Selbstzensur gekennzeichneten Totalitarismus.
Wieso sind sie 1985 ausgerechnet in die USA ausgewandert,
die sich selbst als Mutterland der Demokratie betrachten?
Hoppe: Nach meiner Habilitation 1981 war
ich für fünf Jahre Empfänger eines Heisenberg-Stipendiums. Es hieß inoffiziell,
daß man nach Ablauf des Stipendiums gewiß mit einem Lehrstuhl rechnen
könne. Mir wurde aber schnell klar, daß dies in meinem Fall, mit meinen
Auffassungen, sicher nicht eintreffen würde. Darum bin ich 1985 in die
USA gezogen, in der, wie sich herausstellen sollte richtigen Annahme,
daß der akademische Arbeitsmarkt - wie der Arbeitsmarkt generell - dort
noch flexibel genug sei, um auch Außenseitern wie mir eine Chance zu
eröffnen. Es ist mir nicht leichtgemacht worden, mich in Amerika erfolgreich
durchzusetzen. Aber in Deutschland wäre ich untergegangen, dort habe
ich dagegen von Anfang an Freunde und Förderer gefunden.
Sie sprachen vom „Totalitarismus“ der Demokratie. Meinen
Sie die Political Correctness (PC)?Auch die stammt aus den USA!
Hoppe: Es stimmt, die PC-Bewegung in Amerika
ist zweifellos älter als in Deutschland und Europa. Sie hat mit der
sogenannten „Bürgerrechtsgesetzgebung“ Mitte der sechziger Jahre begonnen
und findet heute in einer Vielzahl beinahe alle Lebensbereiche erfassender
affirmative action-Bestimmungen, Quotenregelungen
und Diskriminierungsverboten Ausdruck. Mittlerweile gibt es eigentlich
nur noch eine einzige nichtgeschützte Personengruppe: weiße heterosexuelle
Männer. Sie sind die für alles Unheil der Welt verantwortliche „Tätergruppe“.
Alle anderen Personengruppen sind ihre „Opfer“. Ob die Situation heute
in Amerika schlimmer oder bedrohlicher ist als in Europa ist schwierig
zu beurteilen. In den USA treibt die Political Correctness wohl
die verrückteren Blüten. Aber obwohl Sündern wider den korrekten Geist
das Leben schwergemacht und nicht selten die Karriere ruiniert wird,
wird man doch, im Unterschied zu Deutschland und vielen anderen europäischen
Ländern, zumindest nicht mit strafrechtlichen Sanktionen bedroht, wenn
man sich über besonders heikle Themen äußert.
Zum Beispiel?
Hoppe: Denken Sie nur an den Volksverhetzungsparagraphen,
der Äußerungen bestimmter Art über die jüngere deutsche Geschichte,
selbst wenn sie nur als untersuchungswürdige Vermutungen gekennzeichnet
werden, unter Strafandrohung stellt. Damit erreicht man meines Erachtens
nur das genaue Gegenteil dessen, was beabsichtigt ist. Wenn bestimmte
Äußerungen verboten sind, stellt sich beinah automatisch der Verdacht
ein, daß an ihnen möglicherweise doch etwas dran ist. Denn warum sollte
man sonst zu so einer drastischen Maßnahme wie einem Sprachverbot greifen?
„Warum SPD wählen, wenn alle Parteien sozialdemokratisch sind?“
Zurück zur Demokratie. Wenn die Demokratie nicht eine
Form der Freiheit, sondern eine Form der Ausbeutung ist, was bedeutet
das dann für den Gründungsmythos der Demokratie in Europa, die Französische
Revolution?
Hoppe: Gewiß muß das Bild von der Französischen
Revolution noch grundlegend berichtigt werden, wenngleich es in den
letzten Jahren schon erhebliche Fortschritte in dieser Richtung gegeben
hat. Die Französische Revolution gehört in dieselbe Kategorie von üblen
Revolutionen wie die bolschewistische Revolution und die nationalsozialistische
Revolution. Königsmord, Egalitarismus, Demokratie, Sozialismus, Religionshaß,
Terror, Massenplünderung, -vergewaltigung und -mord, die allgemeine
militärische Zwangsverpflichtung und den totalen, ideologisch motivierten
Krieg - all das verdanken wir der Französischen Revolution.
Das ist jetzt über 200 Jahre her. Wie konnten sich die
Völker so lange so täuschen?
Hoppe: Die meisten Personen, immer und
überall, sind töricht und dumm. Und der sogenannte Wohlfahrtsstaat und
das „öffentliche“ Bildungswesen trägt dazu bei, die Bevölkerung noch
weiter zu verdummen. Sie denken nicht selbst, sondern beten das nach,
was ihnen von den Eliten erzählt wird. Und die Eliten haben nur allzu
oft ein Interesse daran, die Massen dumm zu halten, da sie selbst von
dieser Dummheit profitieren.
Sie betrachten nicht nur die Demokratie, sondern gleich
den Staat an sich als eine Fehlentwicklung der Geschichte. Wieso hat sich
all das denn entwickelt, wenn es so überflüssig ist?
Hoppe: Versetzen Sie sich in die Lage
vor 1989. Da hätte man fragen können: Sie halten den Sozialismus für
eine Fehlentwicklung, wieso hat er sich dann entwickelt? Die Antwort:
Die Geschichte ist kein geradliniger Prozeß, in dem es immer nur vorwärts
und aufwärts geht. Es gibt auch Fehlentwicklungen. Der Sozialismus stellt
eine solche, kurzfristige Fehlentwicklung dar, der Staat eine andere,
langfristigere. Und ja, natürlich erfüllen beide auch eine „wichtige“
Funktion: Der Sozialismus erlaubt der sozialistischen Partei, die produktiv
arbeitende Bevölkerung zum eigenen Vorteil auszubeuten, und der Staat
leistet das gleiche für die Etatisten.
Sie werfen dem Konservatismus vor, im Grunde nichts
anderes als „Sozialismus“ zu sein. Sind aber nicht vielmehr Sie - mit
Ihrem utopischen Menschenbild vom unbedingt eigenverantwortlichen Menschen
- der „Sozialist“?
Hoppe: Sehen Sie sich einmal das über
150 Jahre alte Kommunistische Manifest an, dann werden Sie mir zustimmen,
daß die konservativen Parteien der Gegenwart einen Großteil der sozialistischen
Ideologie geschluckt haben. Der Niedergang der SPD, den wir gegenwärtig
in Deutschland erleben, ist kein Zeichen einer Abkehr vom Sozialismus,
sondern seines Triumphes: Es gibt keinen besonderen Grund mehr, SPD
zu wählen, wenn doch alle Parteien sozialdemokratisch sind! Von daher
erhoffe ich mir auch so gut wie nichts von der bevorstehenden „Wende“
von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb durch die voraussichtliche Bundestagswahl
im Herbst.
Was die Frage des Utopischen angeht, so irren Sie sich: Die Sozialisten
sind Utopisten, denn sie gehen davon aus, daß es mit der Ankunft des
Sozialismus auch zu einer Wandlung der menschlichen Natur kommt. Das
ist natürlich Unsinn, frommes Wunschdenken. Libertäre wie ich sind dagegen
Realisten. Wir nehmen die Menschen, wie sie sind - gut und böse, friedfertig
und aggressiv, altruistisch und egoistisch, produktiv und unproduktiv,
fleißig und faul, verantwortungsvoll und verantwortungslos etc. - und
glauben nicht, daß die menschliche Natur grundsätzlich wandelbar ist.
Als Realisten sind wir nur davon überzeugt, daß Anreize immer und überall
wirken. Es muß eine institutionelle Anreizstruktur geschaffen werden,
die „gutes“ Verhalten belohnt und „schlechtes“ bestraft. Das wird „schlechtes“
Verhalten zwar nicht beseitigen, aber es wird seine Häufigkeit und Heftigkeit
vermindern.
Und diese Anreize schafft eben zum Beispiel der demokratisch
kontrollierte Rechtsstaat konservativ-altliberaler Prägung!
Hoppe: Die Institution eines Staates,
die im Unterschied zu allen anderen Institutionen Zwangsabgaben (Steuern)
erheben darf und die in allen Konfliktfällen, einschließlich solcher,
in die sie selbst verwickelt ist, letztendscheidender Richter ist, setzt
falsche Anreize: Zum einen erlaubt sie es Personen, ein Einkommen zu
erzielen, ohne dafür Güter oder Dienstleistungen erbringen zu müssen,
die freiwillige Abnehmer finden. Mit anderen Worten: Sie belohnt Personen
dafür, minderwertige Güter oder gar „Ungüter“ herzustellen. Zum anderen
schafft der Staat einen Anreiz dafür, Konflikte nicht zu schlichten,
sondern sie selbst zu provozieren, um sie dann zu eigenen Gunsten zu
entscheiden. Mit anderen Worten: Der Staat belohnt das Begehen von Unrechtstaten.
„Der Sozialstaat wird untergehen, wie einst die UdSSR“
Ihrer Analyse vom zwingend erfolgenden Niedergang des
Wohlfahrtsstaates ist derzeit leider schwerer denn je zu widersprechen.
Werden wir Deutschen tatsächlich unser liebstes politisches Kind, den
deutschen Sozialstaat, verlieren?
Hoppe: Der sogenannte Sozialstaat - eigentlich
handelt es sich bei dem, was wir sozial nennen um „Stehlen und Hehlen“,
aber nicht um echte, freiwillige und nur darum moralisch zu nennende
Sozialpolitik - wird ebenso sicher zusammenbrechen, wie der Kommunismus
zusammengebrochen ist. Das ganze Sozial„versicherungssystem“, der Generationen-„Vertrag“,
ist wie ein Kettenbrief zum Absturz verurteilt. Jeder private Geschäftsmann,
der ein solches „Versicherungssystem“ anbieten wollte, würde sofort
als Gauner verhaftet. Daß man in Deutschland immer noch, selbst angesichts
steigender Lebenserwartungen und sinkender Geburtenraten, so tut, als
habe man es mit einer großen Erfindung zu tun, zeugt deshalb nur davon,
wie verantwortungslos, ja geradezu gemeingefährlich die gesamte Politikerklasse
hierzulande ist.
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