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Zehn Gründe, Amerika nicht zu lieben, und vier Gründe, es trotzdem zu tun

Die USA - „gelobtes Land" oder „modernes Babylon"? Ein Essay von Sebastian Hochfelder.


Merkwürdig: Als am 11. September 2001 jene Attentate mit eindeutig islamistischem Hintergrund die ganze Welt erschütterten und ihr schlagartig und eindrucksvoll den diabolischen Charakter jenes Wahnsystems namens Islam enthüllten, da beeilte man sich allenthalben zu versichern, daß die ganze Sache mit dem Islam rein gar nichts zu tun habe. Man unterschied flugs zwischen einem falschen und einem wahren Islam, der in Wahrheit eine „Religion des Friedens“ sei, und ignorierte beharrlich alle Stellungnahmen islamischer Autoritäten, die derlei Selbstmordattentate eindeutig aus ihrer Religion heraus rechtfertigten. Nun erst recht, so hieß es allüberall, müsse man mit den Muslimen den „Dialog“ führen und dem Islam die höchste Wertschätzung entgegenbringen. So hat der Islam durch jene Attentate nur gewonnen statt verloren.

Ein ähnliches Phänomen wiederholt sich derzeit mit dem Krieg im Irak. Obwohl die USA durch ihren ungerechten Angriff auf ein vorher eigens entwaffnetes und daher weitgehend wehrloses, relativ kleines Land unter völliger Mißachtung aller Proteste und Widersprüche, sei es von europäischen Staaten, sei es von Kirchenführern, ja selbst vom Papst und von den UN, vor aller Welt den knallharten und gnadenlosen Charakter ihrer imperialistischen Politik unzweifelhaft demonstriert haben, hat man nichts eiliger als zu versichern, daß man ja vielleicht aus Friedensgründen gegen den Irakkrieg sei, aber keineswegs „anti-amerikanisch“ gesinnt. Ja, vielmehr überschlägt man sich vor Eifer, geflissentlich seine Amerika-Liebe unter Beweis zu stellen, und dies erstaunlicherweise besonders in jenen Kreisen, die sich aus demonstrativ zur Schau getragener „Papsttreue“ zu besonders vehementer Kritik am Irak-Krieg verpflichtet glauben.

So hat unlängst ein führender Redakteur einer katholischen Tageszeitung, die sich ebenfalls deutlich gegen den Irak-Krieg geäußert hat, sich bemüßigt gefühlt, uns „Zehn Gründe“ anzugeben, „Amerika zu lieben - trotz allem“. Als ersten Grund nennt er: „Die Vereinigten Staaten sind ein offenes Land, das im Verlauf seiner Geschichte unzählige Flüchtlinge und Verfolgte aufgenommen hat (was nicht zuletzt viele deutsche Juden erfahren haben).“ Zwar müßten sich freilich auch die Amerikaner vor einer „unkontrollierten und illegalen Einwanderung“ schützen, doch denke „der Amerikaner“ von „seinem ganzen Geist und seiner Gründungsgeschichte“ her „zunächst einmal fremdenfreundlich“. „Immerhin eine biblische Tugend“, wie der Autor anmerkt.

Zweiter Grund: „Amerika ist das Land der Freiheit, wo jeder denken und glauben kann, was er will.“ Zwar könne sich, „wo Freiheit ist“, neben dem Guten „auch das Böse entwickeln“, doch sei dies „ein Dilemma, das die Heilige Schrift mit dem Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut sogar als weisen Ratschluß Gottes aufscheinen läßt“. „Wo aber die Freiheit ist, gedeiht die Liebe am besten“, meint unser Autor.

Als dritten Grund weiß der katholische Redakteur, daß „der Glaube an Gott“ Amerika „in die Wiege gelegt“ sei. „Daß aus dem Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten christlichen Konfessionen und deren Zusammenleben mit Juden, Deisten und Freidenkern kein ewiger Religionskrieg erwuchs, ist dem Prinzip der Religionsfreiheit zu verdanken, einer Säule des Selbstverständnisses der Vereinigten Staaten.“ Und wenn „ein Volk an einen Schöpfer glaubt“, so sage dies „etwas aus über das Menschenbild, mit dem man den anderen behandelt“. „Erst wenn sich Gott aus den Seelen der Menschen verflüchtigt hat, ist wirklich alles erlaubt“, verrät der Redakteur.

Ein vierter Grund: „Die Amerikaner sind ein Volk von Patrioten. Sie lieben ihre Heimat, sie sind stolz auf die Leistungen ihrer Väter und Mütter.“ Und nur wer „sein eigenes Land liebt, kann auch die Liebe eines Asiaten oder Afrikaners zu seiner Heimat verstehen“.

Fünftens: Die Vereinigten Staaten verstünden sich als „Hort der Demokratie“. Wenngleich dies bis „hin zu der Versuchung“ gehe, „diese Regierungsform in Weltgegenden und Kulturen verankern zu wollen, die darauf nicht vorbereitet sind“, so müsse man doch anerkennen, daß „ein amerikanischer Präsident kein Diktator ist“. Denn „wenn die Amerikaner es so wollen, wählen sie ihn beim nächsten Mal ab“. „Demokratische Strukturen im Verein mit einer freien Presse“ seien zwar noch lange keine Garantie gegen Korruption und dergleichen, doch wo sei jemand, der „die bessere Alternative nennen“ könne.

Der sechste Liebesgrund: „Amerika ist ein säkulares Land.“ Das bedeutet: „Niemand zwingt den anderen im Namen seiner Religion ein bestimmtes Verhalten auf, noch instrumentalisiert der Staat religiöse Bekenntnisse, um das Staatsvolk zu disziplinieren.“ Unser Autor weiter: „Das unheilvolle Bündnis zwischen Thron und Altar, das in Europa den Glauben der Christen zu einer Staatsreligion werden ließ, ist den Vereinigten Staaten unbekannt. Das jahrhundertelange Ringen, mit dem sich die Kirche in Europa aus der Mentalität und den Fängen der staatlichen Macht entwand, blieb der Kirche in Amerika erspart.“

Zum siebenten: Zwar hätten die Vereinigten Staaten, „das Land der Atombombe und der Mondlandung“, die „Licht- und Schattenseiten des wissenschaftlichen Fortschritts kennengelernt“ und seien auch weiterhin dabei, etwa in der „Biogenetik bis an die Grenzen ethischer Grauzonen vorzustoßen“, doch liege dem „ungestümen Forscherdrang, der aus Amerika die technologisch führende Industrienation gemacht hat“, etwas „zutiefst Menschliches zugrunde, ein Optimismus, der jedem Fatalismus widersteht und auch das Unmögliche möglich machen will“. Den Weg des naturwissenschaftlichen Fortschritts bei allen Gefahren nicht zu gehen, „hieße, die dem Menschen von Gott zugedachte Fähigkeit, sich die Welt untertan zu machen, brach liegen zu lassen“.

Achtens sei zu bemerken, daß „Amerika nicht das Land des starken Staates“ ist, „der das Leben seiner Bürger per Gesetz und Verordnungen erstarren läßt“. Es sei vielmehr das „Land der persönlichen Verantwortung und Eigeninitiative“, in dem „die Leistung des einzelnen zählt, nicht aber die Verteilungs- und Zuteilungsmechanismen der staatlichen Behörden“.

Darüber hinaus und neuntens seien „die Vereinigten Staaten ein wehrhaftes Land, ein Land der Stärke, das sich und seinen Verbündeten die notwendigen Freiräume bewahren kann“. Das scheine derzeit zwar „fast anrüchig“ zu sein, im Fall eines tatsächlich unvermeidlichen „Zusammenpralls der Kulturen“ werde es jedoch „Amerika sein, das Europa vor einer drohenden Vergewaltigung von außen bewahren kann“.

Und schließlich als zehntes ein „Paradox“: „Amerika ist das Land des Friedens.“ So falsch nämlich der Entschluß von Präsident Bush gewesen sein mag, den Irak „schon jetzt“ anzugreifen, so bildeten doch die Bürger der USA eine „friedliebende Nation“. Das „Sicherheitsbedürfnis des Landes“ und die „Politik der Stärke“ dürften nicht darüber hinwegtäuschen, „daß tief im Gedächtnis Amerikas die Erinnerung an die Zeit der religiösen Verfolgungen auf dem alten Kontinent und an den Bürgerkrieg im eigenen Land eingeschrieben ist“. „Mit ‚Pax americana‘ ist das Projekt der neuen Weltordnung überschrieben, die Amerika errichten will“, sagt unser Autor und bemerkt, daß diese „nicht nur den Geschichtsbewußten“ besser „im Ohr klingen“ sollte als „etwa eine ‚Pax germanica‘ oder gar die ‚Pax sovietica‘“. Es gehe eben um „‚pax‘, den Frieden“, und das solle man „den Vereinigten Staaten glauben“.

Soweit die für einen katholischen Redakteur ganz unglaublichen Ausführungen, die aus den USA eine geradezu vorbildliche Nation, ja ein auserwähltes Volk, eine Art Reich Gottes auf Erden machen, in der „biblische Tugend“ blüht, der „Ratschluß Gottes“ aufscheint, „Freiheit“ die „Liebe“ gedeihen läßt und der „Glaube an Gott“ schon in der Wiege liegt. Vaterlandsliebe, Erfüllung des göttlichen Gebots der Herrschaft über die Erde und Stärke, die dem Frieden dient - oh glorreiche, oh herrliche, oh göttliche Nation! Wie könnten wir uns erfrechen, in jenem Dekalog, der uns mit so vielen Gründen dich zu lieben befiehlt, anderes als heilige Pflicht zu erkennen?

„Brüder, seid nüchtern und wachet! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“ (1 Petr 5,8). Wir wollen also trotz dieser Apotheose den nüchternen katholischen Blick nicht verlieren und abseits jeder Mystifizierung die genannten zehn Gründe einer genaueren Untersuchung unterziehen.

Da wäre zunächst die „biblische Tugend“ der amerikanischen „Fremdenfreundlichkeit“. Tatsache ist, daß die USA eine restriktivere Einwanderungsgesetzgebung haben als viele Länder Europas, insbesondere die Bundesrepublik - von staatlichen Leistungen und Zuwendungen für Einwanderer ganz abgesehen. Tatsache ist ferner, daß während des II. Weltkriegs im Auftrag des Papstes u.a. an die USA ein offizielles Gesuch gestellt wurde um Ausstellung von Einreisevisa für Juden; die deutsche Reichsregierung hatte nämlich die Ausreise von ca. 1 Million Juden genehmigt; die USA stellten keine Visa aus. Ein rumänisches Angebot, heimlich 72.000 Juden gegen Zahlung einer Kopfprämie ausreisen zu lassen, wurde von den USA abgelehnt. 1944 ging es mit ungarischen Juden ebenso. Von 1941 bis 1945 gab es in den USA eine Quotenregelung für Einwanderer mit festen Höchstzahlen für jedes Land; Präsident Roosevelt hätte diese Quoten aufheben können, was er nicht tat. Trotz der Quotenregelung hätten die USA etwa 210.000 europäische Juden aufnehmen können, tatsächlich ließen sie von Jahr zu Jahr weniger Flüchtlinge ins Land, insgesamt in den vier Jahren nur ca. 21.000. Soviel zu dem „offenen Land“, das „unzählige Flüchtlinge und Verfolgte aufgenommen hat“, wie es „nicht zuletzt viele deutsche Juden erfahren haben“.

Tatsache ist auch, daß in den USA nach wie vor eine Herrscherklasse protestantischer Weißer angelsächsischer Herkunft dominiert und große soziale und ethnische Spannungen bestehen. Wir zitieren aus einem unverdächtigen Werk, nämlich Microsofts „Encarta“, Artikel „Vereinigte Staaten“: „Auch wenn die Gleichberechtigung aller Staatsbürger gesetzlich festgeschrieben ist, bestehen große Spannungen zwischen Angehörigen einzelner ethnischer Gruppen. Von sozialen Benachteiligungen sind neben der schwarzen Bevölkerung auch die Bürger lateinamerikanischer und asiatischer Abstammung und vor allem die Indianer betroffen. Diesen wurden erst 1924 die staatsbürgerlichen Rechte zuerkannt. Der überwiegende Teil der indianischen Bevölkerung lebt in den mehr als 250 Reservaten.“ In der Tat, ein Volk voll „Fremdenfreundlichkeit“ und „biblischer Tugend“!

Was die „Freiheit“ betrifft, so verwechselt unser Autor hier Freiheit mit Liberalismus. Daß jeder „denken und glauben kann, was er will“, ist gewiß kein christlicher Grundsatz, denn steht nicht schon im Gesetz des Moses geschrieben: „Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine fremden Götter neben mir haben“? Und war es nicht der höchst zweifelhafte Magier und Begründer des Neo-Satanismus Aleister Crowley, der dagegen in seinem „Liber Al (!) vel Legis“ den Grundsatz aufstellte: „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ und der diese „Freiheit“ auch noch „Liebe“ nannte? Dies hält unser Autor offensichtlich für den „weisen Ratschluß Gottes“. Was Freiheit im christlichen Sinn bedeutet, hat hingegen unser Herr Jesus Christus ein für allemal gültig definiert: „Wenn ihr in meinem Worte bleibt, seid ihr in Wahrheit meine Jünger; ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8,31f). Die Freiheit besteht im wahren Glauben an Christus und nicht darin, zu denken und zu glauben, was man will! Nur auf dem Boden dieser Freiheit gedeiht auch die wahre, göttliche Liebe.

Der „Glaube an Gott“, der den Amerikanern angeblich „in die Wiege gelegt“ ist, stammt mit seiner „Religionsfreiheit“ bei näherem Zusehen aus den Anderson-Konstitutionen der Freimaurerei: „Obgleich in alten Zeiten die Maurer gehalten waren, in jedem Lande der Religion des betreffenden Landes oder der betreffenden Nation anzugehören, welcher Art sie auch war, wird es jetzt für zweckmäßiger gehalten, sie nur der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen und jedem seine eigenen Ansichten zu lassen, was auch immer ihre Denomination oder ihr Bekenntnis sei, durch das sie sich unterscheiden lassen. Dadurch wird die Maurerei das Einigungszentrum und das Mittel werden, um eine aufrichtige Freundschaft zwischen den Personen zu knüpfen, die sich sonst für immer fremd geblieben wären.“ Der gemeinsame Glaube an den „Schöpfer“ ist nichts anderes als der Glaube an den „Großen Baumeister aller Welten“ der Freimaurer, der als „Gott“ der USA aus der Pyramide der Dollarnote auf die Anfänge einer „Neuen Weltordnung“ huldvoll herniederblickt. Daß dieser deistische und humanistische „Gott“ der Freimaurer nicht der christliche Gott ist und daher keine Basis für ein christliches Menschenbild und eine echte Moral, sollte ein katholischer Autor an sich wissen.

Zum „Patriotismus“ der Amerikaner ist zu bemerken, daß dieser zum einen meist überzogen und geradezu religiös überhöht wirkt (man denke nur an das obligate Morgengebet zur amerikanischen Flagge, die sogar in den Altarräumen der Kirchen nicht fehlen darf), zum zweiten nicht so sehr auf das Vaterland als vielmehr auf dessen liberale „Werte“ bezogen ist (zumal die „Väter und Mütter“, auf die man stolz sein könnte, oft noch gar keine Amerikaner waren, weshalb man denn auch lieber auf Männer wie Washington und Lincoln stolz ist) und zum dritten trotz allem reichlich provinziell ausfällt; der Durchschnitts-Amerikaner sieht kaum über die Grenzen seines Tellerrandes hinaus, weiß kaum, daß es außerhalb seines eigenen, großen und gelobten Landes noch etwas gibt und sieht im amerikanischen Wesen die Rettung der Welt (wie dies derzeit auch die amerikanische Politik beweist). Schon deswegen findet sich von Verständnis für die Liebe anderer zu ihrer Heimat bei den meisten Amerikanern keine Spur. Mit echter Vaterlandsliebe im christlichen Sinn hat das wenig gemein.

Was an der Demokratie „liebenswert“ ist, sie also zu einem Grund machen soll, Amerika zu lieben, leuchtet uns nicht ganz ein. Die Demokratie ist zunächst einfach eine Staatsform, und noch nicht einmal unbedingt die beste. Sie ist sodann ein Lieblingskind des Liberalismus, im liberalen Sinn verstanden als Volkssouveränität: das Volk als König regiert sich selbst. Diese demokratische Ideologie wurde von den Päpsten immer verurteilt. Nun sollen wir sie plötzlich lieben? Christus ist der König, auch der Republiken! Das ist auch die „bessere Alternative“, die unser katholischer Autor sonderbarerweise nicht kennt. Tatsache ist freilich, daß die USA ihre Demokratie als geradezu religiöses Erbe zur Erlösung der Welt betrachten und sie mit einem entsprechend missionarischen Eifer auszubreiten suchen, wie sich derzeit im Irak zeigt und unser Autor ganz richtig bemerkt. Aber ist das ein Grund, sie zu lieben? Was im übrigen die frei gewählten und abgewählten Präsidenten betrifft, so sei nur an die reichlich dubiosen Wahlen erinnert, denen der gegenwärtige US-Präsident sein Amt verdankt. Regiert er wirklich nach dem Willen der Mehrheit des amerikanischen Volkes? Sind die Strukturen wirklich so „demokratisch“, die Presse wirklich so „frei“, und wählt das Volk wirklich seinen Präsidenten, mit Vernunft und politischem Sachverstand? Was unterscheidet tatsächlich einen US-Präsidenten von einem „Diktator“, außer der begrenzten Amtszeit?

Die von unserem Autor gerühmte Trennung von Kirche und Staat als Folge der „Religionsfreiheit“ wurde von den Päpsten mehrfach verurteilt. Sie nannten diesen Grundsatz „absurd“, „gottlos“, einen „Wahnsinn“, zum Indifferentismus und schließlich zur Unfreiheit der Kirche führend. Letzteres zeigt sich heute etwa in dem Bestreben einiger US-Staaten, die katholischen Priester in Mißbrauchsfällen per Gesetz zum Bruch des Beichtgeheimnisses zu zwingen. Im übrigen steht auch diese „Trennung“ wohl mehr auf dem Papier, denn tatsächlich führen die Katholiken in den USA immer noch ein Dasein zweiter Klasse; erst ein einziges Mal ist etwa ein Katholik Präsident der USA geworden, und den hat man alsbald erschossen. Der Redakteur irrt außerdem, wenn er meint, die „Religionsfreiheit“ habe in den USA nicht erst erkämpft werden müssen. Laut der unverdächtigen „Encarta“ von Microsoft war die Massachusetts-Bay-Kolonie der „Pilgrim Fathers“ bis 1691 „eine Theokratie, in der Kirchenbesuch Pflicht und die Kirchenmitgliedschaft Voraussetzung für Wahlrecht und Ämterübernahme waren“. „Anderen Glaubensgemeinschaften gegenüber, vor allem Baptisten und Quäkern, war man nicht eben wohlgesonnen“, heißt es in dem Nachschlagewerk. Auch in der „atlantischen Küstenregion, die Virginia, North und South Carolina und Georgia umfaßte, dominierte die Kirche von England. Alle Siedler mußten Steuern an sie zahlen. Nichtanglikanische Geistliche, beispielsweise Baptisten oder Presbyterianer, unterlagen häufig dem Predigtverbot und durften keine Trauungen durchführen.“ Das von unserem Autor „unheilvoll“ genannte „Bündnis zwischen Thron und Altar“ ist der unaufgebbare christkatholische Grundsatz vom universalen Königtum Christi. Darum hat sich auch nicht, wie der Redakteur in liberaler Verblendung meint, die Kirche in „jahrhundertelangem Ringen“ endlich vom Staat befreit; umgekehrt wird ein Schuh daraus: die liberalen Staaten haben sich, auf Betreiben der Freimaurerei, durch blutige revolutionäre Umtriebe von der Kirche und damit von Unserem Herrn Jesus Christus „befreit“. Wahrhaftig ein Grund für uns Katholiken, die USA um ihres „Säkularismus“ willen zu lieben!

Den „ungestümen Forscherdrang“, der sie zur führenden Industrienation gemacht hat, haben die USA nicht selten „importiert“, um nicht zu sagen „geklaut“. So wurden etwa die Grundlagen für die Mondlandung von deutschen Wissenschaftlern erarbeitet, die die Amerikaner samt ihren Forschungen nach dem II. Weltkrieg aus Deutschland „mitgehen“ ließen (z.B. Wernher v. Braun). Typisch amerikanisch - und nicht „zutiefst menschlich“ - ist freilich der technologische „Optimismus“, in Wirklichkeit eine Art Aberglauben an die Allmacht der Technik, der zu so abstrusen Projekten führte wie „HAARP“ und „Total Awareness Information“ (in dessen Signet mit der Devise „Scientia est potentia - Wissen ist Macht“ das Auge des Dollar-Gottes aus der Pyramide so allwissend wie allmächtig auf die Weltkugel schaut). Daß man bei der grenzenlosen Freiheit von „Wissenschaft“ und Technik in den USA bereits nicht bloß „bis an die Grenzen ethischer Grauzonen“, sondern weit darüber hinaus vorgestoßen ist, unterstreicht unsere Ansicht, daß hier jedenfalls vielfach ein Mißbrauch der „dem Menschen von Gott zugedachten Fähigkeit“ vorliegt, sich die Welt untertan zu machen. Der Eindruck läßt sich nicht ganz von der Hand weisen, als wolle man mithilfe des technischen Fortschritts oftmals nicht so sehr dem „Fatalismus“ widerstehen als vielmehr dem Willen Gottes und Seinen Geboten.

Richtig ist, daß in den USA „die Leistung des einzelnen zählt, nicht aber die Verteilungs- und Zuteilungsmechanismen der staatlichen Behörden“, was aber zugleich leider bedeutet, daß wir es mit einer Ellebogengesellschaft sozialdarwinistischer Prägung zu tun haben, die entsprechend viel soziales Elend aufweist. Wer stark und hart ist und sich durchsetzen kann, kann es weit bringen, „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Wehe aber den Schwachen im Lande! Unnötig zu erwähnen, daß für das amerikanische Leistungs-System nicht die christliche Nächstenliebe Pate stand. Was im übrigen die „Gesetze und Verordnungen“ betrifft, davon haben die USA nicht gerade zu wenig. In vielem ist das Leben der US-Bürger viel enger reglementiert als im guten alten Europa respektive Deutschland; man denke nur an die landesweiten Geschwindigkeitsbegrenzungen, Rauch- und Alkoholverbote usw. Darin zeigt sich eben die puritanische Tradition, die wenigstens in manchen äußerlichen Dingen wesentlich strenger vorgeht als der in Wirklichkeit sehr großzügige Katholizismus. Daß ausgerechnet die USA mit ihrem FBI und CIA samt deren Abhör- und Überwachungsmechanismen kein „Land des starken Staates“ sein sollen, ist wohl eher ironisch gemeint.

Zum „wehrhaften“ „Land der Stärke“ ist angesichts des Irak-Kriegs und auf dem Schulhof herumballernder Kinder nicht viel zu sagen. Bezeichnend ist vielleicht, daß Filme aus den USA für den deutschen Markt immer in den Gewaltszenen „entschärft“ werden müssen (und umgekehrt in den Bettszenen). Bewunderns- oder gar liebenswert finden wir diese Western-Mentalität mit ihren schießwütigen Revolver-Helden nicht. Und sicherer fühlen wir uns dadurch auch nicht, zumal wir nicht damit rechnen können, daß die USA uns im „Kampf der Kulturen“ tatsächlich vor „Vergewaltigung bewahren“ und nicht vielmehr eventuell sogar selbst unversehens zum „Vergewaltiger“ werden, wenn z.B. irgendein amerikanischer Präsident beschließt, daß Deutschland ein „Schurkenstaat“ ist. Ein weniger „wehrhaftes“ Land schiene uns bedeutend beruhigender, mindestens in bezug auf unsere eigenen „Freiräume“.

Um endlich zum „Paradox“ zu kommen, so haben noch alle imperialistischen Mächte behauptet, nur den „Frieden“ bringen zu wollen, und das nicht einmal zu unrecht; denn „Frieden“ aus ihrer Sicht bedeutet einfach den Zustand völliger Hegemonie: eine unangefochtene Supermacht und ansonsten nur Satelliten, die ganz nach ihrer Pfeife tanzen. Eben das ist das Projekt der „neuen Weltordnung“, wie es den USA vorschwebt. Wie „friedliebend“ eine Nation ist, die ohne jeden vernünftigen Grund einen Krieg vom Zaum bricht und ein zuvor entwaffnetes Land überfällt, möge unser Autor entscheiden. Daß wir jedoch als Christen weder eine „pax americana“ noch sonst irgendeinen Frieden außer der „pax christiana“ anstreben können, ist keine Frage. Jeder andere Friede wäre auch eine Illusion. „Denn Er (Christus) ist unser Friede“ (Eph 2,14).

Im Fazit scheinen uns die zehn Gründe, die der Redakteur angibt, nicht gerade geeignet, unsere Liebe zu Amerika zu wecken - im Gegenteil! Wir können nicht umhin, in diesem „gelobten Land der Freiheit“ das moderne Babylon zu erblicken, auch wenn es sicher seine Errungenschaften und Verdienste hat, um derentwillen es offensichtlich von Gott ausersehen ist, in etwa die Rolle des alten Rom in der modernen Welt zu übernehmen, das ja für die Kirchenväter auch das allegorische „Babylon“ gewesen ist. Gleich diesem wird es jedoch wohl in der heutigen Form zum Untergang bestimmt sein, sobald es seine weltgeschichtliche Rolle erfüllt hat. Was dann bleibt, ist einfach ein Land, das von Gott geschaffen wurde, mit einer Nation, die Gott dort gesammelt hat, aus Menschen, denen Gott eine unsterbliche Seele gegeben und die Er zu Seiner heiligen Kirche und zur ewigen Seligkeit berufen hat - ein Land, in dem hoffentlich einst Christus herrschen wird, wenn sein liberaler Geist abgetan ist. Und das sind nun tatsächlich für uns Gründe, Amerika trotzdem zu lieben.

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