Restauration von Freiheit und Ordnung
Im Jahre 1798 überfiel Napoleon die Schweiz und besetzte das
Land. Die angestammte Freiheitsordnung der Schweizer wurde irreparabel
zerschlagen und an ihre Stelle ein destruktives Besatzungsunrecht,
Helvetik genannt, gesetzt. Die Geschichte dieser Helvetik kann nur
als permanente Revolution beschrieben werden, trotzdem fand die
Helvetik auch verräterische Anhänger im eigenen Lande.
1814 fiel der faule Zauber in sich zusammen und es eröffneten
sich Möglichkeiten, die rechtlichen Verhältnisse der Schweiz
zu rekonstruieren.
Über die Frage, wie das geschehen und wie weit die Rekonstruktion
der vorrevolutionären Ordnung gehen solle, gab es erhebliche
Meinungsverschiedenheiten. Karl Ludwig von Haller, während
der Napoleonzeit unermüdlich gegen Fremdherrschaft und Franzosenterror
aktiv, griff mit den beiden Schriften von 1814 "Was
sind Untertanenverhältnisse" und "Was
ist die alte Ordnung" in die Auseinandersetzung ein. In
den Schriften verteidigte er die vorrevolutionäre Ordnung und
rief zu deren Rekonstruktion auf. Zwar gelang die von Haller gewünschte
vollständige Restauration des vorrevolutionären Zustandes
nicht, doch kam das Ergebnis seinen Vorstellungen recht nahe, so
daß man Haller als einen der auch politisch erfolgreichsten
gegenrevolutionären Schriftsteller der Neuzeit bezeichnen darf.
Schauen wir in Kürze auf den Inhalt der beiden Schriften.
In Was sind Untertanenverhältnisse zeigt Haller,
daß bereits 1814 die Gedankenbremse der politischen Korrektheit
existierte (Niemand will für einen illiberalen Menschen
gehalten werden). Diese Bremse will er durch seine Denkanstöße
lösen. Er sagt, daß es zwar auf die Worte Untertanen
und dienen nicht ankommt, daß aber die Sache
selbst notwendig ist in jeder Gesellschaft, in allen menschlichen
Verhältnissen. Somit ist die Forderung der Revolutionäre,
die "Untertanenverhältnisse" abzuschaffen absurd
und Haller zeigt auch, wie es in jedem revolutionären System
weiterhin Herrscher und Beherrschte gegeben hat, gegeben haben mußte.
System der Revolutionäre ist es aber (bis heute!) die Freiheit
des Untertanenverhältnisses zu leugnen und Herrscher gegen
Beherrschte aufzuhetzen um die Gesellschaft zu zerstören.
Haller dreht den Spieß um, entlarvt mit dem Instrument einer
Gegenaufklärung die haltlosen Argumente der Linken und Revolutionäre
und zeigt die Destruktivität Ihrer Prämissen und Schlußfolgerungen
auf: „Die Liberalität [der Linken] besteht darin, fremdes
Gut zu rauben und zu verschenken.“
Der Aufsatz Was ist die alte Ordnung ist etwas umfangreicher.
Nach dem Sieg über die Franzosen sollte die Freiheit und damit
die alte Ordnung in Bern und der Schweiz wiederkehren. Haller macht
klar, daß die Schweiz eindeutig auf der Seite der siegreichen
Koalition gegen Frankreich steht und stehen muß. Die Alte
Ordnung besteht darin, wie Haller auch schon in den Untertanenverhältnissen
ausgeführt hat, daß jedem das Seine gelassen bzw. zurückgegeben
wird: "Die alte Ordnung ist nichts weiter als die einfache
Gerechtigkeit, die jedem das Seinige gibt und läßt, im
buchstäblichen Verstand die ungekünstelte natürliche
Ordnung der Dinge." Diese Ordnung fordert Haller, diese Ordnung
fordert er insbesondere für die Stadt Bern, die durch Helvetik
und Mediation schwer geschädigt worden ist. Haller geht auf
den Begriff der Souveränität ein, der mit dem Begriff
der Freiheit eng verbunden ist:
"Übrigens ist sie selbst immer noch [d.h. auch wenn
sie souverän über ihren Besitz ist] abhängig, teils
von ihren Verträgen mit den eidgenössischen Städten
und Ländern, mit anderen Staaten und auch mit den Städten
oder Landschaften ihres Gebiets, teils von höherer Macht,
wenn sie mit der ihrigen in Berührung kommt, teils von den
Gesetzen der Natur und von den natürlichen Gesetzen der Pflicht.
Denn ganz und absolut unabhängig ist kein Mensch und kein
Menschen-Verein auf dem Erdboden."
Die demokratische Regierung eines Kantons und über Bern lehnt
Haller vehement ab: "Eine Repräsentativ- oder Kantonsregierung
- ihre Mitglieder mögen sein, wer sie wollen - ist das überflüssigste
Ding auf dem Erdboden, das fünfte Rad am Wagen."
Haller beschreibt umfangreich die Rechtsverhältnisse, die
die Stadt Bern an ihren Besitz und ihre Untertaten geknüpft
hat. Bern hatte französisch sprechende Untertanen und er führt
aus, daß diese völlig gleichberechtigt gewesen seien
und ihre volkliche Eigenart haben uneingeschränkt leben können.
Hingegen seine die Franzosen in vielen fremdsprachigen Ländern
und Regionen als Unterdrücker aufgetreten.
Das Band, das Herren und Knechte, Obrigkeit und Untertanen miteinander
verknüpft, sei "wechselseitige Liebe und Wohlwollen".
Und Haller schließt mit den Worten:
Lange genug haben wir Ungerechtigkeit, ja beispiellose Erniedrigung
geduldet, und im Stillen um Gottes Hilfe gefleht. Sie kommt, diese
Hilfe, ohne unser Zutun, zu unserm eigenen Erstaunen wunderbar,
wie vom Himmel herabgefallen. Sollten wir sie undankbar zurückstoßen,
und dadurch alles Glückes unwürdig werden? Wir verlangen
aber nicht, daß ihr hinwieder Unrecht leiden müsset,
nein! Wir wollen nur das unsrige, und lassen jedem das seinige.
Die alte Ordnung soll nicht nur eine Herstellung der Gerechtigkeit
für uns, sondern auch für euch sein. Wir geben euch
alle Eure Rechte wieder, die ihr zum Teil ebenfalls verloren habet,
und mehr noch dazu: O, daß ihr auch die unserigen mehren
möget. Daß der Bund der Herzen sich mit dem neuen Jahre
neu und fester schlingen möge!
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