Goethe wollte kein Groß-Deutschland!
Seit etwa sechs Generationen lernen alle Deutschen ein bestimmtes,
hier wiedergegebenes Zitat von Johann Wolfgang von Goethe kennen.
Es beginnt mit den Worten „Mir ist nicht bange, daß
Deutschland nicht eins werde“. Dieses Zitat steht in allen
Schulbüchern aller demokratisch orientierten Staatwesen, mögen
diese „Weimarer Republik“, „Drittes Reich“,
„BRD“ oder „DDR“ genannt werden. Insinuiert
werden soll, daß Goethe großdeutsch im Sinne der Revolution
von 1848, im Sinne des Anschlusse von 1938 und ggf. im Sinne der
Reichs„einigung“ von 1871 gedacht habe. Im Schulunterricht
und im Sinne der Demokraten-Schulung wird dieses Zitat meist verbunden
mit der Lehre von der angeblichen deutschen „Kleinstaaterei“
- ein schwachsinniges Propagandakonstrukt, das allerdings den deutschen
Geist wirkungsvoll zerrüttet hat.
Wer sich die Mühe macht und bei Goethe (bzw. Eckermann) nachliest,
was Goethe tatsächlich gesagt und gemeint habe, der wird allerdings
mit größter Verwunderung feststellen, daß Goethe
genau das Gegenteil von dem gemeint hat, was ihm von der Lügen-Allianz
Drittes Reich-BRD-DDR untergeschoben wird. Großdeutsch-nationale
Vorstellungen, vieleicht gar gepaart mit Demokratie und Revolution
waren Goethe in höchstem Maße fremd, man vergleiche unzählige
Zitate und Gedichte, u.a. auch im Bereiche dieser Netzpräsenz.
Es ist auch das Verdienst von Hans-Hermann Hoppe, uns diese Tatsache
in Erinnerung gerufen zu haben. Hoppe beendete sein Kapitel: „Über
Zentralisierung und Sezession“ mit folgenden Worten:
„Sezession fördert die ökonomische Integration
und Entwicklung. Der Prozeß der Zentralisierung hat zur Bildung
eines internationalen, US-dominierten Kartells der Migrations-,
Handels- und Papiergeldverwaltung geführt, zu immer bedrückenderen
und belastenderen Regierungen, zu globalisiertem Wohlfahrts- und
Kriegführungsetatismus und zu ökonomischem Stillstand
oder sogar sinkenden Lebensstandards. Sezession, wenn sie ausreichend
Verbreitung findet, könnte all dies ändern. Die Welt würde
aus zehntausenden unterschiedlicher Länder, Regionen und Kantonen
bestehen, sowie aus hunderttausenden unabhängiger freier Städte,
wie den gegenwärtigen „Kuriositäten“ Monaco,
Andorra, San Marino, Liechtenstein, Hongkong und Singapur. ... Es
wäre eine Welt unerhörten Wohlstandes, Wirtschaftswachstums
und kulturellen Fortschritt.“
Ähnlich hat bereits Goethe gedacht, keinesfalls aber großdeutsch
oder demokratisch. Derartige Vorstellungen weist er, wie wir gleich
lesen werden, sogar ausdrücklich zurück, nachdem er sie
sorgfältig geprüft hat. Es ist wahrhaftig eine ausgesuchte
Scheußlichkeit der Demokraten, einem Goethe das Wort im Munde
herumzudrehen und ganzen Generationen wehrloser Deutscher zu suggerieren,
der Geheimrat stünde auf ihrer Seite. Das ganze Gegenteil ist
wahr, Goethe ist einer der stärksten Zeugen gegen Nationalismus,
Zentralismus, demokratische Staatsbarbarei und Gleichmacherei.
Lassen wir also einen edlen Zeugen der Humanität selbst sprechen.
Wir folgen dem Wortlaut aus dem Buch „Gespräche mit Goethe
in den letzten Jahren seines Lebens“ von Johann Peter Eckermann,
erschienen als „Insel Taschenbuch“ (1987). Laut Friedrich
Nietzsche übrigens „das beste deutsche Buch, das es gibt“:
Goethe pro Monarchie; contra Großdeutsche Demokratie:
Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde; unsere
guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das
ihrige tun. Vor allen aber sei es eins in Liebe untereinander, und
immer sei es eins gegen den auswärtigen Feind. Es sei eins,
daß der deutsche Taler und Groschen im ganzen Reich gleichen
Wert habe; eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig
Staaten ungeöffnet passieren könne. Es sei eins, daß
der städtische Reisepaß eines weimarischen Bürgers
von den Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für
unzulänglich gehalten werde, als der Paß eines Ausländers.
Es sei von Inland und Ausland unter deutschen Staaten überhaupt
keine Rede mehr. Deutschland sei ferner eins in Maß und Gewicht,
in Handel und Wandel und hundert ähnlichen Dingen, die ich
nicht alle nennen kann und mag.
Die Demokraten zitieren stets bis hierher. SO aber geht es weiter!!!:
Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß
das sehr große Reich eine einzige große Resistenz habe,
und daß diese eine große Residenz, wie zum Wohl der
Entwickelung, einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der
großen Masse des Volkes gereiche, so ist man im Irrtum.
Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen
Gliedern verglichen, und so ließe sich wohl die Residenz eines
Staates dem Herzen vergleichen, von welchem aus Leben und Wohlsein
in die einzelnen nahen und fernen Glieder strömt. Sind aber
die Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das zuströmende
Leben schwach und immer schwächer empfunden werden. Ein geistreicher
Franzose, ich glaube Dupin, hat eine Karte über den Kulturzustand
Frankreichs entworfen und die größere oder geringere
Aufklärung der verschiedenen Departements mit helleren oder
dunkleren Farben zur Anschauung gebracht. Da finden sich nun besonders
in südlichen, weit von der Residenz entlegenen Provinzen, einzelne
Departements, die in ganz schwarzer Farbe daliegen, als Zeichen
einer dort herrschenden großen Finsternis. Würde das
aber wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt des einen
großen Mittelpunktes zehn Mittelpunkte hätte, von denen
Licht und Lehen ausginge ?
Wodurch ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige
Volkskultur, die alle Teile des Reichs gleichmäßig durchdrungen
hat. Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze. von denen
sie ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? - Gesetzt,
wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden
Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte
ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände, ja auch
um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Kultur
Hand in Hand geht!
Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten
und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken,
an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche
gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür
gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen.
Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß
da, ja es ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte.
Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich!
Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über
siebenzig hinausseht und die doch auch als Träger und Beförderer
höherer Volksbildung keineswegs zu verachten. Der Sinn für
Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in keinem Lande verbreitet
wie in Deutschland, und das ist auch etwas!
Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart,
Kassel, Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an
die großen Lebenselemente, die diese Städte in sich selber
tragen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf die benachbarten
Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das alles sein würde,
wenn sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen?
Frankfurt, Bremen, Hamburg, Lübeck sind groß und glänzend,
ihre Wirkungen auf den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen.
Würden sie aber wohl bleiben, was sie sind, wenn sie ihre eigene
Souveränität verlieren und irgendeinem großen deutschen
Reich als Provinzialstädte einverleibt werden sollten? Ich
habe Ursache, daran zu zweifeln. |