Der begabte und hochgebildete Pastor wurde von Lavater (siehe
dort) beeinflußt und distanzierte sich vom herrschenden Rationalismus.
Er lehrte Moral- und Pastoraltheologie, veröffentlichte zahlreiche
Schriften und spielte eine bedeutende Rolle im geistigen Leben
seiner Zeit. Mit seinem Freund Goethe kam es wegen seiner Zeitschrift
Urania (1793-1795) zum Zerwürfnis. So liest man in den
Xenien:
„Urania - deinen Heiligen Namen kann nichts entehren und wenn
ihn auf sein Sudelgefäß Ewald, der Frömmelnde schreibt.“
Sein großes Interesse für Pädagogik machte ihn zum Bewunderer
Pestalozzis, den er in der Schweiz besuchte. Sein mannigfaltiges
Werk umfaßt Predigten, Erbauungsbücher, Philosophie, aber auch
Reiseberichte.
Ewald ist gewissermaßen der Mann der revolutionären Prophylaxe.
Wie kann man der Revolution vorbeugen, um sie nicht unterdrücken
zu müssen? Wenn Freiheit auch ein heruntergekommener Begriff ist,
dem man mit Mißtrauen begegnen muß, dürfen doch gewisse Grundfreiheiten,
- die Religionsfreiheit zum Beispiel - nicht angetastet werden,
dagegen sind verschiedene Mißbräuche (in Deutschland zum Beispiel
der Menschenverkauf) abzustellen. Man muß den Herrscher zur Menschlichkeit
erziehen und darf vor allem nicht vergessen, daß „das Hauptmittel
gegen Revolutionen die Verbreitung der reinen Lehre Jesu ist“.
Die Veröffentlichung seines „Was sollte der Adel jetzt thun?“1793
in Leipzig, in dem er kritische Ideen über die Haltung des Adels
entwickelt, verschaffte ihm erbitterte Feinde.
Fürsten!
verhindert auf alle Art die gräßliche Krankheit der Revolution,
wovon Frankreich ein so einziges Gemälde darstellt. Und solltet
Ihr einen Teil Eurer Rechte und Einkünfte hingeben; und solltet
Ihr Euch manchen Wunsch versagen, manche Grille aufopfern müssen;
und solltet Ihr freiwillig manchem Menschen Gefühl mit Vorurteil
vermischt, nachgeben, oder dem, was bei Euch Vorurteil heißt,
und dem Andern heilig ist; und solltet Ihr warten, lange warten
müssen mit Ausführung der Pläne zur Aufklärung und Veredlung
Eures Volks; und solltet Ihr Euch selbst zu eingeschränkten
Monarchen machen, da Ihr bisher uneingeschränkte wart; alles
tausendmal besser, als dies fürchterliche Faulfieber der Empörungssucht,
das den Kranken von Sinnen bringt, ihn mit Freiheitsträumen
betäubt, indes er schon wie ein Verwesender riecht, haltet Euer
Volk nie sicher vor dieser Krankheit, so lange es noch gedrückt
wird, so lange es noch von Euren Nachfolgern gedrückt werden
kann. Früher oder später kommt dann seine und Eure Stunde, wo
es durch sie zum Leben oder zum Tode sich durcharbeiten muß.
Nur mäßige Regierungsart kann den Staatskörper gesund erhalten;
nur Väterlichkeit weckt Kindersinn, Kinderliebe bei dem Volke;
und nur dieser Sinn hält die Bande des Staats fest.
Und wenn dieser Sinn jetzt bei den Regenten
der Erde keimte! Wenn alle Ungeheuer des rohen und feinen Despotismus,
und alle Scheusale der Empörungen, der Volkswut und der Anarchie
nur Gewitter wären, durch die sich die Luft reinigt, daß die
Sonne hell und mild herableuchten kann; und Nebel, wodurch der
erquickende Saft der Traube gereift wird! Wenn der Kongreß aller
Mächte über die Ruhe unseres Weltteils sich mit dem Entschluß
endete: Wir wollen Väter unseres Landes sein! Und die Revolutionen
es fühlbarer machten den Fürsten, daß es süß ist, wie ein Vater
geliebt werden; und aller Despotismus es fühlbar machte dem
Volk, wie süß es ist, einen Vater zum Regenten zu haben! - Welche
goldene Zeit!