Aphorismus 1
Die demokratischen Doktrinen, diese Krämpfe verletzter
Eitelkeit oder mit Füßen getretener Habsucht, erfinden
die Übel, die sie anschwärzen, um das Gute zu rechtfertigen,
das sie proklamieren.
Aphorismus 2
Die natürlichen Ungleichheiten würden das Leben
des Demokraten verbittern, existierte nicht die Verleumdung.
Aphorismus 3
Die Ursache für die demokratischen Dummheiten bildet
das Vertrauen in den anonymen Staatsbürger; und die Ursache
seiner Verbrechen das Vertrauen des anonymen Staatsbürgers
in sich selbst.
Aphorismus 4
Die Tyrannei eines Individuums ist dem Despotismus des Gesetzes
vorzuziehen, denn der Tyrann ist verwundbar und das Gesetz
unkörperlich.
Aphorismus 5
Der Fortschrittler triumphiert immer und der Reaktionär
hat immer recht. Recht haben heißt in der Politik nicht
die Szene beherrschen, sondern vom ersten Akt an die Leichen
des fünften vorhersagen.
Aphorismus 6
Der Demokrat verteidigt seine Überzeugungen, indem er
den für obsolet erklärt, der ihn bekämpft.
Aphorismus 7
Die Beklemmung angesichts des Untergangs der Zivilisation
ist eine reaktionäre Betrübnis. Der Demokrat kann
nicht das Verschwinden von dem Beklagen, was er nicht kennt.
Aphorismus 8
Der demokratische Historiker lehrt, daß der Demokrat
nur tötet, weil seine Opfer ihn dazu zwingen.
Aphorismus 9
Der Linke schreit, daß die Freiheit untergeht, wenn
seine Opfer es ablehnen, ihre eigene Ermordung zu finanzieren.
Aphorismus 10
Die Politiker sind in der Demokratie die Kondensatoren der
Dummheit.
Aphorismus 11
Die demokratischen Gemetzel gehören zur Logik des Systems.
Die einstigen Gemetzel zur Unlogik des Menschen.
Aphorismus 12
Die Demokraten teilen sich in solche, die die Perversität
für kurierbar halten, und in solche, die leugnen, daß
es sie gibt.
Aphorismus 13
Die Demokratie feiert den Kult der Menschheit auf einer Pyramide
von Schädeln.
Aphorismus 14
Die Aristokratien sind das Normale, die Demokratien die Fehlgeburten
der Geschichte.
Aphorismus 15
Wenn die Mehrheit ihn vernichtend schlägt, muß
der wahre Demokrat sich nicht nur für besiegt erklären,
sondern darüber hinaus bekennen, daß er Unrecht
hat.
Aphorismus 16
Der "Wille der Allgemeinheit" ist die Funktion,
die dem Demokraten die Behauptung ermöglicht, daß
er dafür, daß man sich einer Mehrheit beugt, einen
anderen Grund gibt als die bloße Furcht.
Aphorismus 17
Der Reaktionär hat den Dialog erfunden, indem er die
Unähnlichkeit der Menschen und die Vielfalt ihrer Absichten
beobachtet.
Der Demokrat praktiziert den Monolog, weil die Menschheit
sich durch ihn äußert.
Aphorismus 18
Die demokratische Sentimentalität verpöbelt die
Volksseele und prädisponiert sie für das Verbrechen.
Die Aufweichmittel der Seele machen sie blutdürstig.
Aphorismus 19
Das demokratische Denken pflegt die Konsequenzen der Handlung
mit demselben geradlinigen Vertrauen abzuleiten wie die Implikationen
eines Prinzips.
Was der Reaktionär hingegen zu sehen weiß, ist das paradoxale
Wesen der Handlungen, der Menschen, der Welt.
Aphorismus 20
Das Leben ist eine Werkstatt von Hierarchien. Allein der
Tod ist Demokrat.
In den Demokratien, in denen der Egalitarismus verhindert,
daß die Bewunderung die Wunde heile, die die fremde
Überlegenheit in unseren Seelen aufreißt, wuchert
der Neid.
Der Neid ist der schändliche demokratische Ersatz für
die Ehrerbietung.
Die Demokratie vertraut die Macht dem nicht an, der ihr nicht
die Huldigung erweist, ihr Gewissen und Geschmack zum Opfer
zu bringen.
Der Demokrat entrüstet sich darüber, daß
seine Opfer sich entrüsten.
Da uns die Geschicklichkeit des Demokraten im Wahlkampf als
Beweis der Intelligenz erscheint, erscheinen uns die Abgeschmacktheiten
seiner öffentlichen Erklärungen als Berechnung.
Bis wir bestürzt entdecken, daß er an sie glaubt.
Grundpostulat der Demokratie: Das Gesetz ist das Gewissen
des Staatsbürgers.
Der Demokrat erstarrt, wenn er von der ungewöhnlichen
Koalition Kenntnis erhält, die ihn bedroht, wenn er entdeckt,
daß die Klassik des Sophokles sich mit der Romantik
Kierkegaards verbündet hat, um ihn zu verurteilen.
Wenn er bei diesem Unterfangen den bischöflichen Pomp
Bossuets mit dem dionysischen Atheismus Nietzsches paktieren
sieht.
Die moderne Gesellschaft erniedrigt sich mit solcher Schnelligkeit,
daß wir an jedem neuen Morgen mit Nostalgie des Gegners
von Gestern gedenken.
Die Marxisten fangen schon an, uns als die letzten Aristokraten
des Okzidents zu erscheinen.
Was kein Speichellecker einem Despoten zu sagen wagt, das
sagt der Demokrat dem Volk.
In den Demokratien sind die politischen Parteien zunächst
die Konsequenz eines Programms; danach sind die Programme
Vorwände für die Parteien.
Patriot ist in den Demokratien jener, der vom
Staat lebt; Egoist jener, von dem der Staat lebt.
Aphorismus 31
Das Individuum, das eine authentische Berufung hat, ist reaktionär,
welcher Art die Überzeugungen auch seien, die es hegt.
Demokrat ist, wer erwartet, daß die Außenwelt
ihm Ziele setzt.
Aphorismus 32
Der Amtsmißbrauch und die Bestechung sind in demokratischen
Zeiten die letzten Schutzräume der Freiheit
Aphorismus 33
Die Konservativen der Gegenwart sind nicht mehr als von der
Demokratie mißhandelte Liberale.
Aphorismus 34
Solange die Demokratie ihn nicht bemerkt, kann der kultivierte
Mensch in demokratischen Zeiten überleben.
Aphorismus 35
Der Demokrat schiebt seine Irrtümer den Umständen
in die Schuhe. Wir sind dem Zufall für unsere Erfolge
dankbar. |
Aphorismus 36
Die Demokratie verfertigt den Totalitarismus mit liberalem
Handwerkszeug.
Aphorismus 37
Dem Demokraten genügt es nicht, daß wir respektieren,
was er mit seinem Leben machen will, er verlangt darüber
hinaus, daß wir respektieren, was er mit uns machen
will.
Aphorismus 38
Wird einem Demokraten ein Finger brandig, fällt ihm
nur eines ein: Ein Gesetz zu fordern, das das Abschneiden
aller Hände anordnet.
Aphorismus 39
Die Konstitution ist in einer Demokratie ein verschämter
Anschlag auf die Souveränität des Volkes.
Aphorismus 40
Die Geschichte der Demokratie ist die der Entwicklung der
„grands simplificateurs“ von Saint-Beauve zu den
„terribles simplificateurs“ Burckhardts.
Aphorismus 41
Die demokratischen Gerichte jagen nicht dem Schuldigen Angst
ein, sondern dem Angeklagten.
Aphorismus 42
Das Volk ist nicht demokratisch, solange das Bürgertum
ihm nicht seine Seele einhaucht.
Aphorismus 43
Die Demokratie hat den Terror als Mittel und den Totalitarismus
als Zweck.
Aphorismus 44
Mit der Vokabel „Demokratie“ bezeichnen wir weniger
einen politischen Fakt als eine metaphysische Perversion.
Aphorismus 45
In den Augen des Demokraten ist suspekt, wer sich nicht erniedrigt.
Aphorismus 46
Die Wirkung des demokratischen Rhetorik auf den Geschmack
heißt Ekel.
Aphorismus 47
Die Kunst des Denunzianten wird in all ihrer Perfektion nur
in Zeiten reiner Demokratie praktiziert.
Aphorismus 48
In demokratischen Zeiten wird die Selbstgefälligkeit
universell.
Aphorismus 49
Das liberaldemokratische Klima läßt das Hirn erweichen
und schwammig werden.
Aphorismus 50
Der demokratische Atheismus bestreitet nicht die Existenz
Gottes, sondern seine Identität.
Aphorismus 51
Die Hinrichtung Ludwigs XVI. ist weniger der politischen
Geschichte Frankreichs zuzuordnen als der religiösen
Geschichte des Abendlandes.
Die Königsmorde besiegelten einen neuen Bund im Blute
frevlerischer Opferung.
Aphorismus 52
Da nicht einmal das Böse auf Erden rein ist, hat jede
der drei demokratischen Wellen dem Menschen eine klarere Vorstellung
gebracht: Die erste die von der Seele, die zweite die vom
transzendenten Gott, die dritte die von der Geschichte: Platonismus,
alexandrinische Theologie, Romantik.
Aphorismus 53
Irren ist menschlich, lügen demokratisch.
Aphorismus 54
Der Demokrat verzeiht leichter die Beleidigung als die Gefälligkeit.
Aphorismus 55
In einer Demokratie ist der einzige, der andere anlächelt,
der um Wählerstimmen bemühte Politiker. Die übrigen
können sich sich den Luxus eines entgegenkommenden Lächelns
nicht leisten: ein jeder ist des anderen Rivale.
Aphorismus 56
Totalitarismus ist die empirische Realität
des Gemeinwillens (Volonté générale)
Aphorismus 57
Im Mittelalter sind die intelligenten Verteidiger des
Papsttums die Ghibellinen gewesen.
Aphorismus 58
Der Kapitalismus ist die monströse Deformierung des
Privateigentums durch die liberale Demokratie.
Aphorismus 59
Die Demokratie hat den Neid „gesunden Wetteifer“
genannt.
Aphorismus 60
In der hierarchischen Gesellschaft wird die Einbildungskraft
geschult und nicht das Individuum maßlos aufgebläht,
wie in der demokratischen Gesellschaft.
Aphorismus 61
Die alte Geschichte ist Spiegel der Laster der Demokratie,
die moderne Geschichte ist Spiegel ihrer Verbrechen.
Aphorismus 62
Solange man ihn nicht ernst nimmt, kann, wer die Wahrheit
spricht, eine Weile in einer Demokratie leben. Danach: Der
Schierling.
Aphorismus 63
Jede Anspielung auf die Genetik irritiert den Demokraten,
als würde sie seine Souveränität untergraben.
Aphorismus 64
Zwei perverse Feen haben bei den Ländern dieses Kontinents
Patenstelle angenommen: die Demokratie und die Rhetorik.
Ein Gewimmel von Würmern im Kadaver einer Gesellschaft
ist, wenn es nach den Demokraten geht, ein Zeichen von Gesundheit.
Der Demokrat ruft mit lauter Stimme Vox populi populus
est deus und murmelt leise quia populus deus est.
Als es im Grab von Leibniz die Idee vom Heiligen Reiche begrub,
besiegelte das Abendland sein Schicksal. P 176
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