Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Scholien zur Demokratie

von Nicolás Gómez Dávila

Aphorismus 1

Die demokratischen Doktrinen, diese Krämpfe verletzter Eitelkeit oder mit Füßen getretener Habsucht, erfinden die Übel, die sie anschwärzen, um das Gute zu rechtfertigen, das sie proklamieren.

Aphorismus 2

Die natürlichen Ungleichheiten würden das Leben des Demokraten verbittern, existierte nicht die Verleumdung.

Aphorismus 3

Die Ursache für die demokratischen Dummheiten bildet das Vertrauen in den anonymen Staatsbürger; und die Ursache seiner Verbrechen das Vertrauen des anonymen Staatsbürgers in sich selbst.

Aphorismus 4

Die Tyrannei eines Individuums ist dem Despotismus des Gesetzes vorzuziehen, denn der Tyrann ist verwundbar und das Gesetz unkörperlich.

Aphorismus 5

Der Fortschrittler triumphiert immer und der Reaktionär hat immer recht. Recht haben heißt in der Politik nicht die Szene beherrschen, sondern vom ersten Akt an die Leichen des fünften vorhersagen.

Aphorismus 6

Der Demokrat verteidigt seine Überzeugungen, indem er den für obsolet erklärt, der ihn bekämpft.

Aphorismus 7

Die Beklemmung angesichts des Untergangs der Zivilisation ist eine reaktionäre Betrübnis. Der Demokrat kann nicht das Verschwinden von dem Beklagen, was er nicht kennt.

Aphorismus 8

Der demokratische Historiker lehrt, daß der Demokrat nur tötet, weil seine Opfer ihn dazu zwingen.

Aphorismus 9

Der Linke schreit, daß die Freiheit untergeht, wenn seine Opfer es ablehnen, ihre eigene Ermordung zu finanzieren.

Aphorismus 10

Die Politiker sind in der Demokratie die Kondensatoren der Dummheit.

Aphorismus 11

Die demokratischen Gemetzel gehören zur Logik des Systems. Die einstigen Gemetzel zur Unlogik des Menschen.

Aphorismus 12

Die Demokraten teilen sich in solche, die die Perversität für kurierbar halten, und in solche, die leugnen, daß es sie gibt.

Aphorismus 13

Die Demokratie feiert den Kult der Menschheit auf einer Pyramide von Schädeln.

Aphorismus 14

Die Aristokratien sind das Normale, die Demokratien die Fehlgeburten der Geschichte.

Aphorismus 15

Wenn die Mehrheit ihn vernichtend schlägt, muß der wahre Demokrat sich nicht nur für besiegt erklären, sondern darüber hinaus bekennen, daß er Unrecht hat.

Aphorismus 16

Der "Wille der Allgemeinheit" ist die Funktion, die dem Demokraten die Behauptung ermöglicht, daß er dafür, daß man sich einer Mehrheit beugt, einen anderen Grund gibt als die bloße Furcht.

Aphorismus 17

Der Reaktionär hat den Dialog erfunden, indem er die Unähnlichkeit der Menschen und die Vielfalt ihrer Absichten beobachtet.
Der Demokrat praktiziert den Monolog, weil die Menschheit sich durch ihn äußert.

Aphorismus 18

Die demokratische Sentimentalität verpöbelt die Volksseele und prädisponiert sie für das Verbrechen. Die Aufweichmittel der Seele machen sie blutdürstig.

Aphorismus 19

Das demokratische Denken pflegt die Konsequenzen der Handlung mit demselben geradlinigen Vertrauen abzuleiten wie die Implikationen eines Prinzips.
Was der Reaktionär hingegen zu sehen weiß, ist das paradoxale Wesen der Handlungen, der Menschen, der Welt.

Aphorismus 20

Das Leben ist eine Werkstatt von Hierarchien. Allein der Tod ist Demokrat.

In den Demokratien, in denen der Egalitarismus verhindert, daß die Bewunderung die Wunde heile, die die fremde Überlegenheit in unseren Seelen aufreißt, wuchert der Neid.
Der Neid ist der schändliche demokratische Ersatz für die Ehrerbietung.

Die Demokratie vertraut die Macht dem nicht an, der ihr nicht die Huldigung erweist, ihr Gewissen und Geschmack zum Opfer zu bringen.

Der Demokrat entrüstet sich darüber, daß seine Opfer sich entrüsten.

Da uns die Geschicklichkeit des Demokraten im Wahlkampf als Beweis der Intelligenz erscheint, erscheinen uns die Abgeschmacktheiten seiner öffentlichen Erklärungen als Berechnung.
Bis wir bestürzt entdecken, daß er an sie glaubt.

Grundpostulat der Demokratie: Das Gesetz ist das Gewissen des Staatsbürgers.

Der Demokrat erstarrt, wenn er von der ungewöhnlichen Koalition Kenntnis erhält, die ihn bedroht, wenn er entdeckt, daß die Klassik des Sophokles sich mit der Romantik Kierkegaards verbündet hat, um ihn zu verurteilen.
Wenn er bei diesem Unterfangen den bischöflichen Pomp Bossuets mit dem dionysischen Atheismus Nietzsches paktieren sieht.

Die moderne Gesellschaft erniedrigt sich mit solcher Schnelligkeit, daß wir an jedem neuen Morgen mit Nostalgie des Gegners von Gestern gedenken.
Die Marxisten fangen schon an, uns als die letzten Aristokraten des Okzidents zu erscheinen.

Was kein Speichellecker einem Despoten zu sagen wagt, das sagt der Demokrat dem Volk.

In den Demokratien sind die politischen Parteien zunächst die Konsequenz eines Programms; danach sind die Programme Vorwände für die Parteien.

„Patriot“ ist in den Demokratien jener, der vom Staat lebt; Egoist jener, von dem der Staat lebt.

Aphorismus 31

Das Individuum, das eine authentische Berufung hat, ist reaktionär, welcher Art die Überzeugungen auch seien, die es hegt.
Demokrat ist, wer erwartet, daß die Außenwelt ihm Ziele setzt.

Aphorismus 32

Der Amtsmißbrauch und die Bestechung sind in demokratischen Zeiten die letzten Schutzräume der Freiheit

Aphorismus 33

Die Konservativen der Gegenwart sind nicht mehr als von der Demokratie mißhandelte Liberale.

Aphorismus 34

Solange die Demokratie ihn nicht bemerkt, kann der kultivierte Mensch in demokratischen Zeiten überleben.

Aphorismus 35

Der Demokrat schiebt seine Irrtümer den Umständen in die Schuhe. Wir sind dem Zufall für unsere Erfolge dankbar.

Aphorismus 36

Die Demokratie verfertigt den Totalitarismus mit liberalem Handwerkszeug.

Aphorismus 37

Dem Demokraten genügt es nicht, daß wir respektieren, was er mit seinem Leben machen will, er verlangt darüber hinaus, daß wir respektieren, was er mit uns machen will.

Aphorismus 38

Wird einem Demokraten ein Finger brandig, fällt ihm nur eines ein: Ein Gesetz zu fordern, das das Abschneiden aller Hände anordnet.

Aphorismus 39

Die Konstitution ist in einer Demokratie ein verschämter Anschlag auf die Souveränität des Volkes.

Aphorismus 40

Die Geschichte der Demokratie ist die der Entwicklung der „grands simplificateurs“ von Saint-Beauve zu den „terribles simplificateurs“ Burckhardts.

Aphorismus 41

Die demokratischen Gerichte jagen nicht dem Schuldigen Angst ein, sondern dem Angeklagten.

Aphorismus 42

Das Volk ist nicht demokratisch, solange das Bürgertum ihm nicht seine Seele einhaucht.

Aphorismus 43

Die Demokratie hat den Terror als Mittel und den Totalitarismus als Zweck.

Aphorismus 44

Mit der Vokabel „Demokratie“ bezeichnen wir weniger einen politischen Fakt als eine metaphysische Perversion.

Aphorismus 45

In den Augen des Demokraten ist suspekt, wer sich nicht erniedrigt.

Aphorismus 46

Die Wirkung des demokratischen Rhetorik auf den Geschmack heißt Ekel.

Aphorismus 47

Die Kunst des Denunzianten wird in all ihrer Perfektion nur in Zeiten reiner Demokratie praktiziert.

Aphorismus 48

In demokratischen Zeiten wird die Selbstgefälligkeit universell.

Aphorismus 49

Das liberaldemokratische Klima läßt das Hirn erweichen und schwammig werden.

Aphorismus 50

Der demokratische Atheismus bestreitet nicht die Existenz Gottes, sondern seine Identität.

Aphorismus 51

Die Hinrichtung Ludwigs XVI. ist weniger der politischen Geschichte Frankreichs zuzuordnen als der religiösen Geschichte des Abendlandes.
Die Königsmorde besiegelten einen neuen Bund im Blute frevlerischer Opferung.

Aphorismus 52

Da nicht einmal das Böse auf Erden rein ist, hat jede der drei demokratischen Wellen dem Menschen eine klarere Vorstellung gebracht: Die erste die von der Seele, die zweite die vom transzendenten Gott, die dritte die von der Geschichte: Platonismus, alexandrinische Theologie, Romantik.

Aphorismus 53

Irren ist menschlich, lügen demokratisch.

Aphorismus 54

Der Demokrat verzeiht leichter die Beleidigung als die Gefälligkeit.

Aphorismus 55

In einer Demokratie ist der einzige, der andere anlächelt, der um Wählerstimmen bemühte Politiker. Die übrigen können sich sich den Luxus eines entgegenkommenden Lächelns nicht leisten: ein jeder ist des anderen Rivale.

Aphorismus 56

„Totalitarismus“ ist die empirische Realität des „Gemeinwillens“ (Volonté générale)

Aphorismus 57

Im Mittelalter sind die intelligenten Verteidiger des
Papsttums die Ghibellinen gewesen.

Aphorismus 58

Der Kapitalismus ist die monströse Deformierung des Privateigentums durch die liberale Demokratie.

Aphorismus 59

Die Demokratie hat den Neid „gesunden Wetteifer“ genannt.

Aphorismus 60

In der hierarchischen Gesellschaft wird die Einbildungskraft geschult und nicht das Individuum maßlos aufgebläht, wie in der demokratischen Gesellschaft.

Aphorismus 61

Die alte Geschichte ist Spiegel der Laster der Demokratie, die moderne Geschichte ist Spiegel ihrer Verbrechen.

Aphorismus 62

Solange man ihn nicht ernst nimmt, kann, wer die Wahrheit spricht, eine Weile in einer Demokratie leben. Danach: Der Schierling.

Aphorismus 63

Jede Anspielung auf die Genetik irritiert den Demokraten, als würde sie seine Souveränität untergraben.

Aphorismus 64

Zwei perverse Feen haben bei den Ländern dieses Kontinents Patenstelle angenommen: die Demokratie und die Rhetorik.

Ein Gewimmel von Würmern im Kadaver einer Gesellschaft ist, wenn es nach den Demokraten geht, ein Zeichen von Gesundheit.

Der Demokrat ruft mit lauter Stimme Vox populi populus est deus und murmelt leise quia populus deus est.

Als es im Grab von Leibniz die Idee vom Heiligen Reiche begrub, besiegelte das Abendland sein Schicksal. P 176

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