Der leere Thron
Charles A. Couloumbe
Die jüngsten Geschehnisse
in Afghanistan haben die Bedeutung der Monarchie für die Zuweisung
von Legitimität an die Nach-Taliban-Regierung unterstrichen.
Am 18. April 2002 kehrte König Mohammed Zahir Schah aus dem Exil
zurück. Bis heute hat er seinen Thron trotz eindeutiger Rechtslage
nicht wieder besteigen dürfen.
Bisher sind alle Kräfte des Landes und fast
alle Medien weltweit äußerst bemüht darum, zu betonen,
daß die Rückkehr des Königs keine Restauration ist. Gleichzeitig
wird beteuert, wie wichtig es ist, daß der Königs dem neuen
Regime seinen Segen gibt. Wahrlich ein Paradoxon.
Doch ein verständliches. Denn die Rückkehr
des Königs macht manchem Angst. Wenn sich der afghanische König
des Seinen erfreuen kann, wo soll das enden? Besonders die Persische Regierung
ist äußerst unzufrieden mit der Situation.
Doch ist Restauration ein Alp, der alle Republiken
heimsucht. Die Gesetze, welche die Heimkehr der Herrscher von Frankreich,
Portugal, Italien, Griechenland und Österreich selbst zu Besuchen
verbieten, legen beredt Zeugnis von der Furcht der Republikaner ab. Räuber
fühlen sich nur selten sicher in ihrem Raubgut.
Doch geht es um mehr. Republiken, aus Revolutionen
geboren, sind ihrem Wesen nach destruktiv und können nichts Kreatives
hervorbringen. Alle Institutionen, derer wir uns im Westen erfreuen, sind
monarchische Schöpfungen oder wurden von den Monarchen gefördert.
Parlamente, Ministerien, Universitäten, Gerichte, Armeen und Flotten,
Provinzial- und Stadtregierungen, wissenschaftliche Gesellschaften und
Akademien - diese und noch mehr. Die verbliebenen oder aus der Mottenkiste
geholten Schmuckstücke der Monarchie werden mißbraucht um Legitimität
vorzutäuschen. Amerikanische Colleges, der Kongreß, Regierungen
der Bundesstaaten, alle halten an Symbolen der Monarchie fest. Das Gardebataillon,
das den österreichischen Bundespräsidenten schützt, kommt
von der Monarchie her, und es führt den Doppeladler der Kaisergarde
im Wappen. In den USA streiten sich Staats- und Bundesregierungen darum,
wer im Jahre 1776 bzw. 1783 Rechtsnachfolger der Souveränität
der Krone geworden ist.
Der Geist des Kaisers
Die Republiken stehen vor einem Problem. Um die
eigene institutionelle Legitimität zu begründen, müssen
sie ihre Verbindung zur Monarchie erklären. Auf den Weltnetzseiten
der verschiedensten republikanischen Ministerien ist das deutlich zu erkennen.
Gleichzeitig müssen sie stets die Beseitigung der Monarchie rechtfertigen.
Die Webseite der mexikanischen Armee preist das wunderbare Werk der verschiedensten
Vizekönige beim Aufbau mexikanischer Streitkräfte in den höchsten
Tönen. Kaum aber beginnen sie das Thema Revolution zu
streifen, ändern sie ihre Position um 180 Grad. Dies muß man
wohl als schizophren bezeichnen.
Doch hat es einen Sinn. In den späten 1960er
Jahren schrieb Valentin Tomberg: Europa wird vom Geist des Kaisers
verfolgt. Seine Abwesenheit ist genauso intensiv spürbar, wie seine
einstige Präsenz. Die Wunde spricht, - das was wir vermissen,
spüren wir.
So wie dies für das Gebiet des einstigen Sacrum
Imperium zutrifft (und heute, da die EU immer mehr zum imperatorlosen
Imperium wird, wahrer denn je), trifft es für alle europäischen
Republiken zu, für ganz Amerika, für Indien, Südafrika
und für Pakistan. Inmitten des monarchischen Schmuckes der Garden
und Kongresse bleibt der leere Thron spürbar.
Doch geht es nicht nur um Strukturen von Regierungen.
Die Kirche, gegründet vom legitimen Erben des Davidsthrones, bleibt
ein kraftvoller Zeuge der Monarchie, gleichgültig, wie sehr die heutigen
Kirchenmänner sie attackieren. Was immer sie einwenden - der Altar
IST ein Thron. Oder die Künste: Oper, Ballett, klassische Musik,
Theater, alle Gattungen sind unter königlichem Schutz entwickelt
und herausgebildet worden, und ihre Konventionen künden davon. Auch
heute noch gibt es in US-amerikanischen Theatern die königliche Loge.
Die Rituale der Jagd stammen aus der Monarchie und werden genauestens
auch in Republiken beachtet. Selbst die normalsten und allgemeinsten Höflichkeitsformen
stammen von den königlichen Höfen her.
Herz und Verstand
Und das hat seinen guten Sinn, denn der Mensch ist
in seiner Seele von Natur aus Monarchist. Er sehnt sich danach, Leben
und Liebe einer Person, die über ihm steht zu widmen und dies mindestens
in dem gleichen Maße, wie er an sich selbst interessiert ist. Und
deshalb findet der Kampf zwischen Republik und Krone in Herz und Geist
jedes Einzelnen statt. Dr. Stephan A. Hoeller schrieb im »Tao of
Freedom«:
die symbolische
Verbindung der archetypischen Strukturen des Unbewußten bleiben
bestehen und repräsentieren den Maßstab seelischer menschlicher
Beständigkeit. Die Königin und der König von England sind
auch heute archetypische Symbole in der Seele ihres Volkes, ihre gekrönten
und gesalbten Häupter tragen nicht nur irdische Diademe sondern den
Glanz transzendentaler Ehre. Der Tenno regiert inmitten überirdischen
Glanzes in seinem riesigen Palast in Tokio und zelebriert dort seine jährlichen
Rituale um Segen und Fruchtbarkeit auf die Inseln von Dai Nippon herabzuflehen.
Doch in den meisten Regionen
des Globus sind die Götter gestorben und mit ihnen die Könige,
die irdischen Repräsentanten archetypischen Glanzes. Das alte Tao
ist abgereist. Wie im China des Konfuzius marschieren Ursurpatoren und
Räuber durch die Länder und stolzieren durch die Paläste.
Die Stadt der Menschen und die Stadt Gottes haben keine Verbindung mehr
und die Menschheit baut einen babylonischen Turm nach dem anderen um einmal
mehr den Himmel zu erreichen.
Dieses Problem ist
in den Republiken am sichtbarsten. Doch noch schlimmer ist, daß
in den meisten noch bestehenden Monarchien die politischen Kräfte,
die im Schatten der Krone herrschen, langsam aber sicher die Kronen ihrer
Herrscher zerfeilen. Blairs Umgang mit dem House of Lords und den königlichen
Symbolen in Britannien, der Eid in Kanada, die Abschaffung des monarchischen
Te Deum in Belgien und so weiter und so fort. Und oft scheint
es, als würden die Monarchen derartiges ganz gerne hinnehmen oder
sogar befördern.
Monarch und Volk
Ein nicht zu unterschätzender Faktor für
den Niedergang der Monarchie ist die geradezu unglaubliche Aufnahmewilligkeit
für einen zentralen Mythos der Demokratie - die Wahnvorstellung,
daß gewählte Vertreter für das Volk sprechen. Viele konstitutionelle
Monarchen akzeptieren alles, was ihre Minister ihnen vorlegen; sie glauben
daß gegenteiliges Handeln politischer Selbstmord wäre und sie
in Gegensatz zu ihrem Volk bringen würde. Die Erfahrung mit den Republiken
zeugt vom Gegenteil. Hat sich darüber schon jemand Gedanken gemacht?
Bei den wenigen Gelegenheiten, daß ein konstitutioneller
Monarch oder sein Vizekönig im 20. Jahrhundert die Klingen mit
professionellen Politikern kreuzte, waren stets die Monarchen im Recht.
Sie waren diejenigen, denen es stets mehr um den Erhalt der Wohlfahrt
des Volkes ging. Doch auch diese Erkenntnis konnte bisher den Mythos nicht
zerstören. Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch blieben historische
Realität und seelisches Leben unbeachtet.
Derzeit betätigt sich der Westen in einem Krieg
gegen islamische Terroristen. Wie stets in solchen Fällen wird in
Amerika die Flagge geschwenkt und die demokratischen Werte hochgehalten.
Jede Infragestellung der Demokratie wird als subversiv erachtet. Was noch
schlimmer ist: Aus der Tatsache, daß unsere Gegner über ein
moralisches Gesetz verfügen, wird die Forderung abgeleitet, daß
wir jede öffentliche Moral zerstören müssen, damit wir
nicht werden wie sie.
Es ist eine Schande, daß dieser Krieg
für die Propaganda mißbraucht wird, das republikanische System
wäre automatisch besser als jedes andere System.
Wie andere Monarchisten bin ich bekümmert über
die Tatsache, daß die Möglichkeiten, die der Niedergang des
Kommunismus geboten hat, ungenutzt vorüber gingen. König Simeon
II. hat in Bulgarien kein Wunder vollbracht, das wird seine Rückkehr
auf den Thron verzögern. Die Tatsache, daß ein solches Wunder
überhaupt nicht möglich ist, wird verschwiegen. König Michael
umkreist noch immer das rumänische politische Leben, das Haus Savoy
ist nach wie vor aus Italien verbannt und auch auf die Rückkehr von
Kronprinz Alexander auf den serbischen Thron muß noch gewartet werden.
Trotz allem ist es nicht ausgeschlossen, daß
sich die Dinge wandeln und manch einer beginnt, tiefer zu blicken. In
den vergangenen Jahren wurden drei wichtige Bücher veröffentlicht,
jedes einzelne ist es wert, ausführlich besprochen zu werden:
Robert
B. Kraynak: Christlicher Glaube und moderne Demokratie - Gott und
Politik in der gefallenen Welt.
Eine machtvolle Kritik an der liberalen Demokratie aus Augustinischer
Sicht.
Hans-Hermann Hoppe: Demokratie - Der Gott, der versagte. Ökonomie
und Politik in Monarchie, Demokratie und natürlicher Ordnung.
Der Libertäre Hoppe behauptet die Überlegenheit der Monarchie aus historisch-ökonomischer
Sicht.
Aidan Nichols OP: Christentum erwache!
Dieses Werk, das für eine Wiedergeburt des Christentums plädiert,
zeigt, daß die Monarchie ein essentielles Element der europäischen
Sozialordnung ist.
Keiner dieser Autoren präsentiert ein praktisches
Programm. Doch erfüllen sie eine wichtige Aufgabe. Den Revolutionen
des 18. Jahrhunderts, die unseren langen, traurigen Weg weg von monarchischer
Gesundheit einleiteten, ging eine lange Diskussion von Intellektuellen
voraus. Dies war notwendig bevor eine tatsächliche Umwälzung
von statten gehen konnte. Als es dazu kam, wurde der Erfolg durch die
Tatsache ermöglicht, daß die monarchistisch gesinnten Gegner
der Revolution nicht wenige der Ideen der Revolutionäre teilten.
(Siehe: Thomas Molnar: The Counter-Revoution)
Zu einem ähnlichen Vorgang muß es kommen,
wenn die lehren Throne wieder besetzt werden sollen. Während sowohl
monarchisches Gefühl als auch unterbewußtes Sehnen nach der
Krone weit verbreitet sind, muß artikulierte intellektuelle Theorie
hinzukommen, um eine Restauration ins Werk setzen zu können. Die
Tatsache, daß die geistige Arbeit in Angriff genommen wird, ist
ermutigend.
Mein Bruder, mein Hauptmann, mein König
Und nicht nur das: Wie die meisten meiner Leser wissen, ist »Der
Herr der Ringe« ein sehr erfolgreicher Film. Wie sein literarisches
Vorbild ist auch der Film ein monarchistisches Werk. Ein Bekannter aus
dem konservativ-republikanischen Hollywood sagte: Zuerst war ich
etwas verwundert über dieses König-Zeugs. Doch irgendwie kam
mir der Gedanke, daß ich und die modernen Ansichten falsch sein
könnten. Wenn solch ein Gedanke in Tinsel Town (Hollywood)
möglich ist, warum nicht auch anderswo?
Solange menschlicher Geist existiert, gibt es Hoffnung auf Restauration.
Der letzte Monarchist stirbt mit dem letzten Menschen. Zur Ermutigung
der Monarchietreuen ein Gedicht aus »Der Herr der Ringe«:
Nicht alles, was Gold ist,
muß glittern,
Nicht jeglicher Wandrer ist betört,
Was alt ist und stark, kann nicht verwittern,
Tiefe Wurzeln der Frost nicht zerstört.
Aus Asche entsteht noch
ein Feuer,
Dem Schatten ist Licht noch bestimmt,
Gebrochenes Schwert wird erneuert,
Der Prinz den Thron noch erklimmt.
Sei gewiß: Der Thron wird wieder besetzt werden.
Der Autor lebt als Schriftsteller und
Publizist in Los Angeles (Californien) und gehört der starken US-amerikanischen
Monarchiebewegung an. |