Kurze
Anmerkungen zu der von der Kongregation für die Glaubenslehre am
26. 6.2000 in einer Pressekonferenz vorgestellten Botschaft
von Fatima[1]
Eine Skizze von Professor Dirk Budde
A. Verfahren
Ca. 1 - 2 Monate vor dem 13. Mai 2000 wurde über die Medien und
in einer Pressekonferenz durch den Bischof von Leira-Fatima mitgeteilt,
daß der Papst anläßlich der Seligsprechung der Fatimakinder Jacinta
und Francesco eine für die Kirche und die ganze Welt schwerwiegende
und wichtige Botschaft bekanntgeben werde.
Am 26. 6. wird auf einer Pressekonferenz - dies schon ein erstaunliches
Verfahren - durch einen offensichtlich „gutgelaunten und lachenden“
Kardinal Ratzinger eine „apokalyptische“ Botschaft vorgestellt.
„Wie auf Bestellung“ wird das „Dritte Geheimnis“
mit Teilen der Interpretation in allen bedeutenden überregionalen
und auch regionalen Medien ohne jede Kritik, die sonst, wenn es
sich um die Verkündigung christlich-katholischer Wahrheiten handelt,
sofort zur Stelle ist, abgedruckt.
B. Einige Anmerkungen zum Inhalt des „Geheimnisses“
und zu seiner Interpretation
1. Allgemeines
Der banale Text des sog. „Dritten Geheimnisses“ ist
weder schwerwiegend noch wichtig, so daß die vierzigjährige strengste
Geheimhaltung weder verständlich ist noch gerechtfertig erscheint.
Bekanntlich gibt es Erklärungen von Päpsten, daß der Text wegen
seines schwerwiegenden Inhaltes nicht veröffentlicht werden solle.
Die ersten beiden Geheimnisse hatten u.a. die Beendigung
des Ersten Weltkrieges prophezeit und einen Zweiten Weltkrieg angekündigt
- was kündigte das Dritte Geheimnis an?
Das Dritte Geheimnis wird vorgestellt als Interpretation
des Zweiten Geheimnisses. Das Zweite Geheimnis aber
sprach von der „Vernichtung
mehrerer Nationen“. Wieso soll die Interpretation mehr zu
fürchten sein als der zu interpretierende Text?
Vorgestellt wurde vom Hl. Stuhl eine Interpretation der Interpretation,
eigentlich eine Zumutung für jeden denkenden Menschen. Im Übrigen
steht das Dritte Geheimnis, das als Interpretation des Zweiten
Geheimnisses vorgestellt wird, in allenfalls vagem und nur bruchstückhaftem
Zusammenhang zum Text des Zweiten Geheimnisses.
C. Einige Einzelheiten
Auf S. 4 der Dokumentation werden Weltweihe und Rußlandweihe nicht
unterschieden und unterschiedslos - inzidenter, indem die Rußlandweihe
gar nicht erwähnt wird - als erledigt abgefertigt: „Ja, es
ist so geschehen, wie es Unsere Liebe Frau am 25. März 1984 erbeten
hatte.“ Erstaunlich - die Weihe wäre also am 25. März
1984 erbeten und am gleichen Tage vollzogen worden?!
Der von Kardinal Ratzinger zitierte „Brief“ Sr. Lucias
steht in offensichtlichen Widerspruch zu dem, was Papst Johannes
Paul II. und auch Sr. Lucia gesagt haben. Bei der Weihe der
ganzen Welt ohne die Erwähnung Rußlands 1984 hatte der Heilige Vater
in Anwesenheit von zehntausenden Zeugen während und nach der Zeremonie
zugegeben, daß das russische Volk „unsere Weihe immer noch
erwartet und erhofft.“
Am nächsten Tag wurde diese Aussage in der Zeitung des päpstlichen
Osservatore Romano veröffentlicht. Sr. Lucia selbst erklärte
im September 1985 in einem Interview, daß die Weihe vom 25. März
1984 nicht den Forderungen der Muttergottes entsprochen habe, denn
„die Bischöfe nahmen nicht teil und Rußland wurde nicht genannt.“
Die weitere Aussage des Dokuments „Jede Diskussion und jegliches
weitere Bittgesuch haben daher kein Fundament.“ (S. 4, Abs.
1) erweist sich daher als falsch und Kardinal Ratzinger als Gegner der Rußlandweihe.
Warum ist dieser Text (s. S. 16) erst ab 1960 verständlich?
1960 begannen allerdings die Vorbereitungen zum 2. Vatikanischen
Konzil. Der hier vorgelegte Text des Dritten Geheimnisses
wäre bereits im vergangenen Jahrhundert verständlich gewesen.
Kardinal Ratzinger schreibt in den Erläuterungen: „Der Schluß
des Geheimnisses erinnert an Bilder, die Sr. Lucia in frommen Büchern
gesehen haben mag …“
Sr. Lucia hat dieses also in frommen Büchern gesehen. Warum dann
dieser Aufwand um Fatima, der gewaltige Erklärungsbedarf …
? Hier wird des übernatürliche Charakter der visionären Schau Sr.
Lucias geleugnet.
Der Text des Dritten Geheimnisses spricht von „Seelen
der Leichen“, für welche der Papst bete. Dies ist kein kirchlicher
Sprachgebrauch, die Kirche spricht stets von den Seelen der Verstorbenen
oder den Seelen der Toten. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis wird
von der Auferstehung der Toten und nicht von der Auferstehung der
Leichen gesprochen[2].
Daß die Gottesmutter von „Seelen der Leichen“ gesprochen
haben soll, dürfte daher auszuschließen sein. Lediglich im AT, so
bei Jesaja, ist an einigen Stellen von „Leichen“ die
Rede, aber immer in Bezug auf von Gott Abgefallene, Verlorene. Im
Übrigen war der Glaube an die Auferstehung des Fleisches und die
Unsterblichkeit der Seele im AT noch nicht klar ausgeprägt, - sieht
man von der Gestalt des Elias und seiner Himmelfahrt ab.
Die letzten Sätze auf S. 26 sind in mehrfacher Hinsicht entlarvend.
Hier heißt es: „Mein unbeflecktes Herz wird siegen.“
Dieser Satz wird als Stichwort des Fatimageheimnisses zitiert, -
aber falsch! Vielmehr muß es heißen: „Am
Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren.“
Der Unterschied ist nach Inhalt und Aussagekraft nicht unerheblich,
aber offensichtlich beabsichtigt.
Dies erweist die sich anschließende schwammige Interpretation deutlich,
welche das Fatimageheimnis in die allgemeine Heilsgeschichte so
einbettet, daß es seiner konkret in eine bestimmte Zeit hineingesprochenen
Aussagekraft beraubt wird.
Der Sieg des Unbefleckten Herzens Mariens wird - und dies ist der
schwerwiegendste Vorwurf - häretisch
interpretiert. Zitat:
„Das für Gott geöffnete, durch das Hinschauen auf Gott reingewordene
Herz ist stärker als …“
Damit wird durch den Präfekten der Glaubenskongregation - wie immer
„jesuitisch“ weich verpackt, versteckt und schillernd
- ein Dogma unserer Kirche, nämlich das der unbefleckten Empfängnis
Mariens geleugnet. Daß es sich hier nicht um einen Lapsus, einen
einmaligen sprachlichen Ausrutscher handelt, beweisen die Ausführungen
auf Seite 23. Zitat Ratzinger:
» „Das unbefleckte Herz“ ist gemäß Mat. 5, 8 ein
Herz, das ganz zu seiner inneren Einheit von Gott her gefunden
hat und daher „Gott sieht.“ «
Mat. 5, 8 enthält aber nur die allgemeine Seligsprechung derer,
„die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“
Mat. 5, 8 betrifft also die allgemeine Seligpreisung derer, die
reinen Herzens geworden
sind. Die Muttergottes ist aber im Hinblick
auf die Verdienste Jesu Christi durch ein einzigartiges Gnadengeschenk
Gottes nicht erst rein geworden, sondern von dem Augenblick ihrer
Empfängnis ohne jeden Makel der Erbsünde stets rein gewesen.[3]
Auch hier wieder ein Fall „fein versteckter Häresie“:
Der einzigartige Charakter der Unbefleckten Empfängnis wird ins
Allgemeine abgeschoben.
Fatima wird in die Vergangenheit verwiesen (Siehe S. 17, 18, 26),
wenn auch in der üblichen Weise geschickt garniert - „nunmehr
der Vergangenheit anzugehören scheinen“, „gehören nun
der Vergangenheit an“.
Damit ist die Fatima-Botschaft entkernt, die Muttergottes mit ihrem
dringenden Anliegen aus Kirche und Welt verbannt und Lourdes, La Salette
sowie andere Marienerscheinungen wurden ihrer Wirkungskraft beraubt.
Und … ? Hat denn eine allgemeine Bekehrung stattgefunden?
Eine Bekehrung Rußlands? Eine Weihe Rußlands?
Wie der Herr Sr. Lucia selbst wissen ließ, wird Rußland sich
nicht eher bekehren, als bis die Weihe vollzogen ist „weil
ich will, daß meine ganze Kirche diese Weihe als einen Triumph
des Unbefleckten Herzens Mariens anerkenne, damit neben der Andacht
zu meinem Göttlichen Herzen die Andacht zum Unbefleckten Herzen
ihren Platz finde!“
Der schon lange bekannte und veröffentlichte Satz des Fatima-Geheimnisses
„In Portugal wird das Dogma des Glaubens stets bewahrt bleiben.“
hängt nach der Veröffentlichung des sg. Dritten Geheimnisses
isoliert in der Luft. Dürfte nicht vielmehr die Aussage über die
Wahrung des Glaubens in Portugal ein Hinweis darauf sein, daß im
vorhergehenden Text von der Glaubenskrise in der Katholischen Kirche
die Rede ist? So die Auslegung seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche,
die Fatima wegen der besonderen Einbeziehung Rußlands immer ihre
Aufmerksamkeit zugewendet hat und weiter zuwendet und die Weihe
Rußlands bis heute einfordert. Im Übrigen dürfte es auch schwer
vorstellbar sein, daß die Gottesmutter als Mutter der Kirche die
Krise in der Kirche unerwähnt gelassen haben sollte, von der sie
in anderen, etwa in den von der Kirche anerkannten Erscheinungen
von La Salette[4]
und Akita (Japan)[5]
in dem Sinne gesprochen hat, daß es Satan gelingen werden, bis in
die Spitze der Kirche vorzudringen.
Das Dokument enthält kein einziges Wort zum Rosenkranzgebet und
Rosenkranzgeheimnis als Hilfsmittel, obwohl die Gottesmutter dieses
Gebet dringend empfohlen hat. Dies ist um so bemerkenswerter, als
der Erscheinungszyklus in Fatima vom 13. Mai 1917 bis
13. Oktober 1917 stattfand, also genau 153 Tage umfaßt,
was dem Rosenkranzpsalter entspricht. Dies ist kein Zufall!
Der schon dürftige Inhalt des sog. „Dritten Geheimnisses“
wird in schwülstigem Stil mit teilweise unerträglichem Wortschwall
eher erstickt denn geöffnet.
Abschließend soll noch eine überaus interessante Schau der stigmatisierten
Nonne Anna Katharina Emmerich zitiert werden, die sich bei geschichtlicher
Prüfung und Analyse anderer Aussage der Seherin selbst und des erfaßten
Zeitraums auf den jetzigen Papst (Johannes Paul II.) beziehen
dürfte:
„Ich wurde in der Nacht nach Rom geführt, wo der hl. Vater in
großer Bedrängnis noch verborgen ist, um üblen Zumutungen zu entgehen.
Er ist schwach und von Trauer, Sorge und Gebet ganz erschöpft.
Er hält sich verborgen, weil er seiner Umgebung nicht mehr trauen
kann. Es ist aber ein alter, einfältiger, sehr frommer Priester
bei ihm, der sein Freund ist und den man als einfältig gar nicht
der Mühe für wert gehalten hat, ihn aus seiner Nähe wegzuschaffen.
Dieser Mann aber hat viel Gnade vor Gott. Er sieht und merkt vieles
und teilt es dem hl. Vater treulich mit.
Diesem mußte ich mehreres im Gebet eröffnen über Verräter und
schlecht Gesinnte unter den vertrautesten hohen Beamten, das er
ihm hinterbringen mußte. Auf diese Weise ist er vor dem gewarnt,
der bis jetzt alles machte und er wird nichts mehr machen.
Der Papst ist so schwach, daß er nicht allein mehr gehen kann.
Ich sehe dort größte Gefahren aller Arten. Die Völker ziehen
hinab. Andere lauern im Reden.[6]
…
Ich kam über Rom und sah in der Nähe des hl. Stuhls vielen Betrug.
Ich sah viele große, ins Kreuz versiegelte Briefe, in welche gegen
das Wissen des Papstes andere Sachen an ihn und als von ihm untergeschoben
wurden. Es war eine abscheuliche Durchstecherei. Der Papst schien
in großer Sorge und erwartete Nachrichten und es stand ihm Kummer
bevor.[7]
[1] Verfasser hat
aus Gründen der Übersichtlichkeit und um eine Überfrachtung der
skizzenhaften Darstellung zu vermeiden, auf einige Quellenangaben
verzichtet, die jedoch vorgelegt werden können. Im Übrigen handelt
es sich bei diesem Aufsatz um einige wenige Stichpunkte, die der
Ergänzung und Erweiterung bedürfen.
[2] In seinem
Buch „Angerührt vom Unsichtbaren“, Freiburg 2000,
spricht Kardinal Ratzinger in Bezug auf den hl. Leichnam
und die Auferstehung Christi: „Was würde uns schon das Mirakel
einer wiederbelebten Leiche zu sagen haben?“
[3] vgl. die Verkündigung
des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis durch Papst Pius IX.
in der Bulle „Ineffabilis Deus“ vom 8. Dezember 1824.
[4] La Salette,
ca. 50 km südöstlich von Grenoble in den Alpen, war Mitte des
19. Jh. Schauplatz von Erscheinungen der Gottesmutter an die beiden
Kinder Mélanie und Maximin. Unter anderem enthüllte die Gottesmutter
in den Botschaften von La Salette, daß Rom den Glauben verlieren
und Sitz des Antichristen werden wird!
[5] Die der tauben
Sr. Agnes Sasagawa in den Jahren 1973 bis 1981 gewährten Offenbarungen
der Muttergottes sind kirchlich anerkannt. Sie wurden vom Weinen
einer Marienstatue begleitet. Im Jahre 1973 kündigte die Muttergottes
folgendes an:
- Der Dämon wirkt bis in die Kirche hinein
- Kardinäle erheben sich gegen Kardinäle, Bischöfe gegen Bischöfe
- Marianische Priester werden verlacht
- Entehrung von Kirchen und Altären
- Großes Strafgericht mit Feuer vom Himmel
[6] Anna Katharina
Emmerick: Visionen und Leben. Aufgezeichnet von Clemens Brentano,
in erstmals genauer Veröffentlichung der Urtexte ausgewählt, herausgegeben
und eingeleitet von Dr. Anton Brieger. München 1974 (S. 65 f.)
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