Kapitel 14: Das Römische Reich wurde durch die göttliche Vorsehung
auf die edlen Deutschen übertragen
Schon lange bevor die translatio vollzogen wurde, bestimmte
Gott in seinem Vorsehungsplan, daß das Römische Reich von den Deutschen
regiert werden sollte. Aus diesem Grund wurde seinerzeit der Hirtenstab
des heiligen Petrus nach Deutschland gesandt. Geschichte und Geheimnis
dieser Sendung überliefert die Glosse zu de sacerdotis unctione,
c. unico. Aber ich hole weiter aus.
Als der heilige Petrus, der Erste der Apostel, Eucharius, Valerius
und Maternus, drei durch Heiligkeit des Lebens und gelehrte Bildung
ausgezeichnete Männer, ausgesandt hatte, um den Galliern und den
Germanen den Glauben an die Heiligste Dreifaltigkeit zu verkündigen,
und diese in das edle Elsaß (jetzt eine deutsche Provinz, damals
eine Provinz der Gallia Belgica) gelangt waren, begab es sich, daß
der heilige Maternus in einem Dorf namens Ehl[1]
der Natur ihren Tribut zollte und starb. Eucharius und Valerius
übergaben seinen Leib der Erde und kehrten eiligst auf demselben
Weg, den sie gekommen waren, in die Stadt Rom zurück. Als sie vor
Petrus standen, sprachen sie: Heiliger Vater, sieh, unser
Begleiter Maternus ist den Weg allen Fleisches gegangen und wurde
begraben. Aber es ist nicht ratsam, ohne deinen Befehl zu zweit
weiterzumachen; wir bitten dich, geselle uns einen anderen an seiner
Stelle bei.
Der heilige Petrus aber antwortete: Das ist es nicht, was
zu tun ist, Brüder. Was ihr erzählt habt, ist geschehen, damit die
Herrlichkeit Gottes unter den Völkern offenbar werde. Und
er sagte: Nehmt diesen meinen Stab, und wenn ihr an die Grabstätte
kommt, holt den Leichnam heraus, berührt ihn mit dem Stab und sprecht
dabei: Christus, der Sohn Gottes, und sein Diener Petrus befehlen
dir: Steh auf und übe mit uns das Amt aus, das dir übertragen wurde!
Alsbald kehrten Eucharius und Valerius auf dem Weg, den sie gekommen
waren, zurück nach Ehl, wo sie Maternus begraben hatten, und gelangten
nach 40 Tagen an sein Grab. Dort taten sie nach der Weisung des
Apostels, stellten sich vor das Grab, den Stab in der Hand, und
sprachen die oben geschriebenen Worte. Sofort richtete sich der
Leichnam auf, und die Seele wurde wieder mit dem Körper vereint.
Maternus ging gesund und unversehrt mit seinen Brüdern umher und
säte das Wort Gottes aus. Wie nun das Volk im Elsaß das Wunder sah,
rühmte es allsogleich Gott, und noch am selben Tag wurde eine große
Menschenmenge getauft.
Daher sagen wir, daß der heilige Petrus in prophetischem Geist den Stab
zu den Deutschen geschickt hat. Aus diesem Grund, der zugleich ein
Geheimnis birgt, benutzt der Römische Pontifex heutzutage nicht
wie die anderen Bischöfe den Hirtenstab, wie der Text zur oben zitierten
Glosse sagt. Die berichtete Geschichte ist aber nicht nur nach dem Wortsinn, sondern
auch nach dem allegorisch-typischen Sinn zu verstehen. Was sollen
wir denn unter Petrus, dem Apostelfürsten und Fundament der Kirche,
anderes verstehen als das königliche Priestertum?
Was bezeichnet der Hirtenstab, auf den sich der Hirte stützt und
mit dem das umherirrende Schaf zur Herde zurückgeführt und der räuberische
Wolf vertrieben wird, anderes als das Heilige
Reich? Denn der Apostolische Hirte stützt sich auf den Stab,
während der Kaiser der Römer die Rechte der Römischen Kirche als
ihr Vogt schützt und verteidigt, und die hochherzige Gesinnung der
Deutschen verlangt, den katholischen Glauben, an dem die Römische
Kirche unbeirrt festhält, mit kaiserlicher Autorität zu bewahren.
Durch den Stab wird ein umherirrendes Schaf zur Herde zurückgeführt
und Maternus wieder auferweckt; so werden alle, die den Makel der
Irrlehre an sich tragen und der Römischen Kirche den Gehorsam aufgekündigt
haben, in päpstlichem Auftrag durch den Kaiser mit dem weltlichen
Schwert zur Einheit des Glaubens zurückgeholt.
Mit dem Stab wird außerdem der räuberische Wolf vertrieben; d. h. die
Sarazenen und die Feinde des christlichen Namens werden, von der Macht
des Römischen Kaisers gebändigt, von der
Tenne des Glaubens ferngehalten. Und wie der heilige Römische Bischof
Petrus diesen Stab durch Eucharius und Valerius nach Germanien sandte,
so hat der Römische Papst in der Person des großmächtigen Karl das Römische
Reich von den Griechen auf die Deutschen übertragen. Es steht also fest,
daß es nicht nur durch menschlichen Plan geschah, sondern auch durch göttliche
Vorhersehung vorgezeichnet wurde, daß das Römische Reich am Ende der Zeiten
auf die Deutschen zu übertragen war. Alle also, die versuchen, die Rechte
und die Territorien des Reiches rechtswidrig zu beanspruchen und das Heilige
Reich nach Kräften zu bedrängen, beleidigen nicht allein die kaiserliche,
sondern auch die göttliche Majestät. Ist dies schon bei den anderen Nationen
tadelnswert, so ist dies doch noch weit verabscheuungswürdiger bei den
deutschen Fürsten, die der Herr vor allen Völkern zur Lenkung des Reiches
auserwählt hat.
[1] im Kreis Erstein,
Unterelsaß, später dort Kloster, das von den gottlosen französischen
Revolutionären zerstört wurde
|