Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010

 

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Dante Aligheri: Monarchia

Liber primus - XII

Nur in der Monarchie existiert wirkliche Freiheit

1.

Die menschliche Gattung befindet sich im besten Zustand, wenn sie die größte Freiheit genießt. Dies wird offenkundig sein, wenn das Prinzip der Freiheit klar ist.

2.

Deswegen muß man wissen, daß das Prinzip unserer Freiheit im freien Entscheidungsvermögen besteht, welches viele im Munde führen, wenige aber begreifen. Sie gelangen nämlich bis dahin, daß sie behaupten, das freie Entscheidungsvermögen sei das freie Urteil des Willens. Und sie sagen die Wahrheit, aber der Sinn der Worte ist ihnen fremd.

3.

Und deshalb sage ich, das Urteil sei die Mitte zwischen dem Erfassen und dem Begehren; denn zuerst wird ein Ding erfaßt; dann wird das erfaßte Ding als gut oder schlecht beurteilt; und zuletzt erstrebt oder meidet es der Beurteilende.

4.

Wenn also das Urteil das Begehren gänzlich bewegt und in keiner Weise das Begehen ihm zuvorkommt, dann ist das Urteil frei; wenn allerdings das Urteil vom Begehren, das ihm in irgendeiner Weise zuvorkommt, bewegt wird, kann es nicht frei sein, weil es nicht durch sich selbst, sondern von einem andern als gefangenes bewegt wird.

5.

Und daher kommt es, daß die Tiere kein freies Entscheidungsvermögen besitzen können, weil ihre Urteile stets durch das Begehren bestimmt werden. Und aus diesem Grund erhellt ebenfalls, daß die vernünftigen Substanzen, deren Willen unveränderlich ist, und die vom Körper getrennten Seelen, die glücklich von hier gegangen sind, die Freiheit des Entscheidungsvermögens wegen der Unveränderlichkeit des Willens nicht verlieren, sondern sie auf vollkommenste und wirksamste Weise beibehalten.

6.

Ist dies eingesehen, so kann weiterhin offenkundig sein, daß diese Freiheit oder das Prinzip dieser unserer ganzen Freiheit das größte Geschenk ist, das Gott der menschlichen Natur verliehen hat, wie ich im »Paradies« der Komödie bereits gesagt habe, denn durch dieses Geschenk werden wir hienieden glücklich wie Menschen, dort aber glücklich wie Götter.

7.

Wenn sich dies so verhält, wer wagte zu behaupten, die menschliche Gattung befinde sich nicht im besten Zustand, wenn sie am wirksamsten von diesem Prinzip Gebrauch machen kann?

8.

Wer aber unter der Herrschaft des Monarchen lebt, genießt die größte Freiheit. Deswegen muß man wissen, daß derjenige frei ist, „der um seiner selbst willen und nicht um eines andern willen existiert“. Was nämlich um eines andern willen existiert, wird von diesem genötigt, so wie der Weg vom Ziel genötigt wird.

9.

Die menschliche Gattung ist aber nur unter der Herrschaft des Monarchen um ihrer selbst willen da. Nur dann nämlich wird den entarteten Staatsverfassungen, d. h. der Demokratie, der Oligarchie und der Tyrannei, die den Menschen zur Knechtschaft zwingen, wie demjenigen klar ist, der sie alle prüft - der richtige Weg gezeigt; und nur dann regieren die Könige, Aristokraten, sowie die Eiferer für die Freiheit des Volkes in angemessener Weise.

10.

Deshalb sagt der Philosoph (Aristoteles) in seiner Politik, in einer ungerechten Staatsverfassung sei ein guter Mensch ein schlechter Bürger, in einer gerechten Staatsverfassung dagegen seien der gute Mensch und der gute Bürger ertauschbar. Und die gerechten Staatsverfassungen dieser Art haben die Freiheit zum Ziel, nämlich daß die Menschen um ihrer selbst willen existieren.

11.

Der Bürger nämlich ist nicht um des Konsuln willen da und das Volk nicht um des Königs willen, sondern umgekehrt sind die Konsuln um der Bürger und der König um des Volkes willen da, so wie die Staatsverfassung nicht im Hinblick auf die Gesetze, sondern diese für jene entworfen werden; ebenso sind jene, die nach dem Gesetz leben, nicht auf den Gesetzgeber hingeordnet, sondern umgekehrt dieser auf jene, wie es der Philosoph in jenen Schriften, die uns von ihm zu diesem Thema erhalten sind, darlegt.

12.

Daher ist ebenfalls klar: Obschon der Konsul oder der König, was den Weg betrifft, Herren der andern sind, sind sie bezüglich des Zieles Diener der andern, ganz besonders aber der Monarch, den man ohne Zögern als Diener aller einzustufen hat. Daraus kann auch erkannt werden, daß der Monarch bei den zu erlassenden Gesetzen durch das ihm vorgegebene Ziel gebunden ist.

13.

Also ist die menschliche Gattung unter der Herrschaft des Monarchen in ihrem besten Zustand. Daraus folgt, daß die Monarchie für das Wohl der Welt notwendig ist.

Liber primus - XIII

Der Monarch ist am besten zur Herrschaft geeignet

1.

Wer am meisten für das Herrschen geeignet ist, kann am besten die andern führen. Denn in jeder Handlung beabsichtigt der Handelnde hauptsächlich, seine eigene Ähnlichkeit zu entfalten, und dies gilt sowohl vom naturnotwendig Handelnden wie auch vom willentlich Handelnden.

2.

Daher kommt es, daß jeder Handelnde als solcher Freude empfindet: Da alles, was ist, sein Sein begehrt und im Handeln das Sein des Handelnden in einer gewissen Weise vermehrt wird, folgt notwendigerweise die Freude, da mit der erstrebten Sache stets Freude verknüpft ist.

3.

Daher handelt nur das, was in der Weise (bereits) wirklich existiert, wie das Erleidende werden soll. Deshalb sagt der Philosoph in der Metaphysik: „Alles, was von der Möglichkeit in die Wirklichkeit überführt wird, wird durch ein solches wirklich Seiendes überführt.“ Würde etwas auf eine andere Weise zu handeln versuchen, dann würde es dies umsonst versuchen.

4.

Und auf dieser Grundlage kann der Irrtum jener zerschlagen werden, die gut redend und schlecht handelnd glauben, die andern über das Leben und die Sitten zu belehren, sich aber nicht darüber Rechenschaft geben, daß die Hände Jakobs mehr überzeugten als die Worte, obschon jene das Falsche und diese das Wahre kundtaten. Deshalb sagt der Philosoph in der Nikomachischen Ethik: „Was die Leidenschaften und Handlungen betrifft, sind die Reden weniger glaubwürdig als die Werke.“

5.

Deshalb wurde dem Sünder David vom Himmel gesagt: „Weshalb verkündigst du meine Gerechtigkeit?“, als würde ihm gesagt: „Du redest vergebens, da du von dem, was du sagst, weit entfernt bist.“ Daraus wird geschlossen, daß derjenige, der die andern führen soll, am besten geeignet sein muß.

6.

Aber der Monarch ist jener, der für das Herrschen am besten geeignet sein kann. Dies wird auf folgende Weise erklärt: Jegliches Ding ist um so leichter und um so vollkommener für den Habitus und die Tätigkeit geeignet, je weniger in ihm vom Gegensatz dieser Eignung vorhanden ist. Deshalb erreichen jene leichter und vollkommener den Habitus der philosophischen Wahrheit, die nie etwas davon gehört haben, als jene, die eine Zeitlang davon gehört haben und mit falschen Meinungen vertraut sind. Deshalb sagt Galenus zu Recht, daß „solche die doppelte Zeit benötigen zum Erwerb einer Wissenschaft“.

7.

Da also der Monarch von den Sterblichen keine Gelegenheit zur Begierde haben kann oder mindestens nur zur kleinsten Begierde, wie oben gezeigt wurde, was bei den andern Herrschern nicht zutrifft, und da die Begierde allein das Urteil verderben und die Gerechtigkeit behindern kann, folgt, daß er als einziger auf vorzüglichste Weise die Eignung zum Herrschen besitzt, weil er von allen am meisten Urteil und Gerechtigkeit besitzen kann. Diese beiden Qualitäten stehen dem Gesetzgeber und dem Gesetzesvollstrecker in vorzüglicher Weise zu, gemäß dem Zeugnis jenes heiligsten Königs, der, als er von Gott das erbat, was dem König und dem Sohn eines Königs zusteht, sagte: „Gott, gib deinem König das Urteil und dem Sohn deines Königs die Gerechtigkeit.“

8.

Mit Recht wurde also oben im Untersatz behauptet, der Monarch allein sei derjenige, welcher zum Herrschen am besten geeignet sein könne. Also kann der Monarch allein die andern am besten führen. Daraus folgt, daß die Monarchie für die beste Ordnung der Welt notwendig ist.

Liber primus - XIV

Verschiedenes bedarf verschiedener Gesetze

1.

Zudem: Was durch eines verwirklicht werden kann, bei dem ist es besser, wenn es durch eines verwirklicht wird als durch mehrere. Dies wird auf folgende Weise erklärt: Es sei eines, durch das etwas verwirklicht werden kann, es möge A heißen; und es seien mehrere, durch die dasselbe ebenfalls verwirklicht werden kann, sie mögen A und B heißen. Wenn also jenes, das durch A und B verwirklicht wird, durch A allein verwirklicht werden kann, dann ist B überflüssig, weil aus seiner Gegenwart nichts folgt, da ja dasselbe vorher allein durch A verwirklicht wurde.

2.

Da jegliche Hinzunahme dieser Art müßig oder überflüssig ist und alles überflüssige Gott und der Natur mißfällt und alles, was Gott mißfällt, schlecht ist, wie an sich offenkundig ist, folgt nicht nur, daß es besser ist, daß etwas, wenn möglich, durch eines verwirklicht werde als durch mehrere, sondern auch, daß durch eines verwirklicht werden gut ist, durch mehrere dagegen absolut schlecht.

3.

Überdies: Ein Ding wird besser genannt aufgrund seiner größeren Nähe zum Besten. Zudem kommt dem Ziel der Grund des Besten zu. Durch eines verwirklicht werden, steht dem Ziel näher. Also ist dies besser. Daß es dem Ziel näher steht, erhellt wie folgt: Das Ziel sei C. >Durch eines verwirklicht werden< sei A. >Durch mehrere verwirklicht werden< sei A und B. Es ist offenkundig, daß der Weg von A durch B zu C länger ist als von A direkt zu C.

4.

Die menschliche Gattung aber kann durch einen einzigen höchsten Herrscher beherrscht werden, nämlich den Monarchen. Deswegen gilt es, sorgfältig zu beachten, daß der Satz »Die menschliche Gattung kann durch einen einzigen Herrscher beherrscht werden« nicht so zu verstehen ist, als ob die kleinsten Verfügungen eines jeden Städtchens unmittelbar von ihm erlassen werden könnten. Denn auch die Gesetze der Städte sind manchmal unzureichend und bedürfen einer Verfügungsgewalt, wie durch den Philosophen im fünften Buche der Nikomachischen Ethik erhellt, wo er die Billigkeit empfiehlt.

5.

Die einzelnen Nationen, Königreiche und Städte besitzen in ihrem Hoheitsgebiet gewisse Besonderheiten, welche es durch verschiedene Gesetze zu regeln gilt. Das Gesetz ist nämlich eine richtungweisende Vorschrift für das Leben.

6.

Die Skythen, welche jenseits des siebten Klimas leben und unter einem großen Unterschied zwischen Tag und Nacht zu leiden haben und von einer geradezu unerträglichen Kälte belästigt werden, brauchen andere Vorschriften als die Garamanten, die unter dem Äquator wohnen und bei denen das Tageslicht ebenso lange dauert wie die Finsternis der Nacht und die sich wegen des Übermaßes an Lufthitze nicht bekleiden können.

7.

Dieser Satz ist vielmehr so zu deuten, daß die menschliche Gattung hinsichtlich des Gemeinsamen, das alle betrifft, von ihm beherrscht und mittels einer gemeinsamen Vorschrift auf den Frieden hingelenkt wird. Diese Vorschrift oder dieses Gesetz sollen die einzelnen Herrscher von ihm empfangen, so wie der praktische Intellekt für eine praktische Schlußfolgerung vom spekulativen Intellekt einen Obersatz empfängt und zu diesem einen partikulären Satz bildet, der ihm im eigentlichen Sinne zusteht, und daraus im Hinblick auf die Tätigkeit einen besonderen Schlußsatz ableitet.

8.

Diese Aufgabe kann einer allein nicht nur wahrnehmen, sondern es ist vielmehr notwendig, daß einer sie erfüllt, damit jegliche Verwirrung über die allgemeinen Prinzipien vermieden werde.

9.

Moses schreibt im Buch der Gesetze, daß er dies auf diese Weise gehandhabt habe: Nachdem er die Ältesten aus den Stämmen der Söhne Israels ausgewählt hatte, überließ er ihnen die untergeordneten Urteile und behielt sich nur die höheren und allgemeineren Urteile vor. Diese allgemeineren Urteile wiederum benutzen die Ältesten für die Stämme, je nachdem wie es jedem Stamm entsprach.

10.

Es ist also besser, die menschliche Gattung werde durch einen beherrscht als durch mehrere, nämlich durch den Monarchen, der der einzige Herrscher ist. Und wenn dies besser ist, dann ist es Gott wohlgefälliger, da Gott stets das will, was besser ist. Und da beim Vergleich von zweien das Bessere mit dem Besten identisch ist, folgt nicht nur, daß dies Gott wohlgefälliger ist, sondern auch, daß von den beiden Möglichkeiten - einer oder mehrere - die erste ihm am wohlgefälligsten ist.

11.

Deshalb folgt, daß die menschliche Gattung sich im besten Zustand befindet, wenn sie von einem beherrscht wird. Und deshalb ist für das Wohl der Welt die Monarchie notwendig.

Liber secundus - VII

1.

Damit die Jagd nach der Wahrheit des Gesuchten gelingt, muß man wissen, daß das göttliche Urteil über die Dinge bisweilen den Menschen offenkundig und manchmal verborgen ist.

2.

Es kann auf zwei Weisen offenkundig sein, nämlich durch den Verstand und den Glauben. Denn es gibt gewisse Urteile Gottes, die der menschliche Verstand mit seinen eigenen Kräften erreichen kann, wie z. B., daß der Mensch sich für das Heil des Vaterlandes aufopfert. Wenn der Teil sich für das Heil des Ganzen aufopfern muß, dann muß auch der Mensch, da er ein gewisser Teil der Stadt ist, wie durch den Philosophen in der Politik erhellt, sich für das Vaterland aufopfern, gleichsam als das geringere Gute für das größere Gute.

3.

Deshalb sagt der Philosoph in der Nikomachischen Ethik: »Der Liebe würdig ist, was einem zugute kommt; besser und göttlicher aber, was dem Volk und der Stadt zugute kommt.« Und dies ist das Urteil Gottes. Andernfalls würde der menschliche Verstand in seiner Geradheit der Absicht der Natur nicht folgen, was unmöglich ist.

4.

Auch wenn der menschliche Verstand gewisse Urteile Gottes durch seine Kräfte nicht zu erreichen vermag, wird er dennoch mit der Hilfe des Glaubens an das, was in der Heiligen Schrift uns gesagt wird, zu der Erkenntnis dieser Urteile geführt, wie z. B., daß niemand, wie vollkommen er auch in seinen moralischen und vernünftigen Tugenden nach Habitus und Tätigkeit sein mag, ohne den Glauben gerettet werden kann, selbst wenn er niemals etwas von Christus gehört hat.

5.

Dies nämlich vermag der menschliche Verstand nicht als an sich gerecht einzusehen. Mit Hilfe des Glaubens kann er es allerdings. Im Brief an die Hebräer steht geschrieben: „Es ist unmöglich, Gott ohne den Glauben zu gefallen.“ Und im Buch Leviticus: „Jeder Mensch aus dem Hause Israel, der im Lager oder außerhalb einen Ochsen oder ein Schaf oder eine Ziege geschlachtet hat und beim Eingang der Hütte dem Herrn keine Gabe opfert, ist des Blutes schuldig.“

6.

Der Eingang der Hütte versinnbildlicht Christus, der die Türe zur himmlischen Wohnung ist, wie man dem Evangelium entnehmen kann; die Tötung der Tiere versinnbildlicht die menschliche Tätigkeit.

7.

Verborgen dagegen ist jenes Urteil Gottes, zu dem der menschliche Verstand weder durch die Gesetze der Natur noch durch jene der Schrift, sondern bisweilen durch eine besondere Gnade gelangt. Dies geschieht auf verschiedene Weisen, manchmal durch eine direkte Offenbarung, manch­mal durch eine Offenbarung mittels einer Entscheidung.

8.

Die einfache Offenbarung kann in zweifacher Art geschehen, sei es aus freiem Handeln Gottes oder aufgrund eines inständigen Gebetes. Die erste Möglichkeit in zweifacher Weise, nämlich ausdrücklich oder durch ein Zeichen. Ausdrücklich wurde Samuel das Urteil gegen Saul geoffenbart; durch Zeichen wurde dem Pharao mitgeteilt, Gott habe die Befreiung der Söhne Israels beschlossen. Von einer Gebetserhörung wußten jene, die im zweiten Buch der Chroniken schrieben: „Da wir nicht wissen, was wir tun sollen, bleibt uns nur übrig, daß wir unsere Augen auf dich richten.“

9.

Die Offenbarung mittels einer Entscheidung kann sich in zweifacher Weise vollziehen, sei es durch das Los oder durch einen Wettkampf; certare („wettkämpfen“) ist nämlich von certum facere („etwas gewiß machen“) abgeleitet. Manchmal wird das Urteil Gottes den Menschen durch das Los geoffenbart, wie die Wahl des Matthias in der Apostelgeschichte zeigt. Durch einen Wettkampf wird das Urteil Gottes in zweifacher Weise kundgetan, entweder durch den Zusammenprall der Kräfte, wie beispielsweise beim Zweikampf der Faustkämpfer, die man auch Duellanten nennt, oder mittels eines Wettstreites mehrerer, die auf ein Zeichen hin zu gewinnen versuchen, wie es beim Wettlauf der Athleten, welche zum Ziel rennen, der Fall ist.

10.

Die erste Art des Kampfes wird bei den Heiden durch den Zweikampf zwischen Herakles und Antaios versinn­bildlicht, woran Lukian im vierten Buch der Pharsalia und Ovid im neunten Buch der Metamorphosen erinnern. Die zweite Art wird bei ihnen durch den Kampf zwischen Atalante und Hippomenes vorgestellt, wovon Ovid im zehnten Buch der Metamorphosen handelt.

11.

Desgleichen darf nicht dunkel bleiben, daß in beiden Arten des Kampfes die Sache sich so verhält: Im einen Fall dürfen die Streitenden, nämlich die Duellanten, sich ohne Unrecht gegenseitig behindern; im andern Fall dagegen nicht. Den Athleten ist es nämlich nicht gestattet, sich gegenseitig zu behindern, obschon unser Dichter das Gegenteil anzunehmen scheint, wenn er den Euryalus den Preis gewinnen läßt.

12.

Deswegen hat Cicero besser geurteilt, wenn er im dritten Buch Vom pflichtgemäßen Handeln dies entsprechend der Lehre des Chrysipp verbietet. Er sagt nämlich: „Weise, wie meistens, sagt Chrysipp: Wer in der Rennbahn läuft, der soll sich nach Kräften anstrengen und streiten, damit er gewinne. Er darf seinem Mitkämpfer in keinem Fall ein Bein stellen.“

13.

Auf der Grundlage der Unterscheidungen, die in diesem Kapitel getroffen wurden, können wir für unser Vorhaben zwei überzeugende Argumente aufgreifen; das eine ergibt sich aus der Entscheidung bei den Athleten, das andere aus der Entscheidung bei den Faustkämpfern. Diese Argumente verfolge ich in den unmittelbar folgenden Kapiteln.

Liber secundus - X

Da Christus von Pilatus im Auftrag des Kaisers verurteilt wurde, muß dieser Kaiser Weltherrscher gewesen sein.

1.

Bis jetzt ist das Vorhaben durch Gründe klar geworden, die sich vornehmlich auf vernünftige Prinzipien stützen. Non jetzt an soll dasselbe aus den Prinzipien des christlichen Glaubens dargetan werden. Am meisten lehnen sich jene gegen die römische Herrschaft auf und trachten nach Eitlem, welche sich Eiferer des christlichen Glaubens nennen. Mit den Armen Christi haben sie kein Mitleid; diese werden nicht nur bei den kirchlichen Abgaben betrogen, sondern 4er Besitz der Kirche wird täglich beraubt, und die Kirche verarmt, während jene Gerechtigkeit heucheln, aber keinen dulden, der die Gerechtigkeit durchsetzt.

2.

Eine solche Verarmung aber geschieht nicht ohne das Urteil Gottes, wenn weder den Armen, deren Besitz das Kirchengut ist, davon Unterstützung zuteil wird noch das, was das Imperium schenkt, mit Dankbarkeit verwaltet wird.

3.

Diese Güter sollen dahin zurückkehren, woher sie gekommen sind. Gut sind sie gekommen, schlecht kehren sie zurück, weil sie in guter Absicht gegeben wurden und schlecht besessen werden. Aber was kümmert dies solche Hirten? Was, wenn der Besitz der Kirche sich auflöst, während der Reichtum der Verwandten vermehrt wird? Aber vielleicht ist es besser, das Vorhaben weiterzuführen und unter frommem Schweigen unseres Retters Hilfe abzuwarten.

4.

Ich behaupte also: Wenn das römische Imperium nicht von Rechts wegen bestand, dann hat Christus mit seiner Geburt etwas Ungerechtes kundgetan. Der Folgesatz ist falsch. Also ist der kontradiktorische Gegensatz des Vordersatzes wahr. Kontradiktorische Sätze nämlich erlauben aufgrund des konträren Sinnes eine Ableitung.

5.

Für einen Gläubigen ist es nicht erforderlich, die Falschheit des Folgesatzes aufzuzeigen, denn wenn jemand glaubt, gibt er zu, daß dies falsch ist; und wenn er es nicht zugibt, ist er kein Christ; und wenn er kein Christ ist, dann ist ihn dieses Argument nicht von Belang.

6.

Die Folgerichtigkeit zeige ich auf folgende Weise: Wer immer einen Erlaß aus freier Wahl befolgt, der tut durch sein Werk kund, daß dies gerecht ist. Und weil die Werke mehr überzeugen als die Worte, wie der Philosoph im letzten Buch der Nikomachischen Ethik darlegt, überzeugt er mehr, als wenn er Worten seine Zustimmung gäbe. Aber Christus wollte, wie sein Evangelist Lukas bezeugt, von der Jungfrau Maria geboren werden, als ein Erlaß der römischen Autori­tät erging, damit der menschgewordene Sohn Gottes in jener besonderen Volkszählung der menschlichen Gattung als Mensch eingetragen werde. Was heißt, daß er diesen Erlaß befolgte.

7.

Und es ist vielleicht heiliger zu meinen, dies sei unter göttlichem Beistand durch den Kaiser erlassen worden, damit jener, der so lange von der Gesellschaft der Sterblichen erwartet worden war, sich selbst zusammen mit den Sterblichen einschrieb.

8.

Also hat Christus durch sein Werk kundgetan, daß der Erlaß des Augustus als Vollstrecker der Autorität der Römer gerecht sei. Und da dem gerechten Erlaß die Rechtsprechung folgt, ist es notwendig, daß, wer kundtut, ein Erlaß sei gerecht, auch kundtut, die Rechtsprechung sei es. Wenn diese nicht von Rechts wegen bestand, war sie ungerecht.

9.

Und es ist zu bemerken, daß das zur Zerstörung des Folgesatzes gebrauchte Argument, obschon es seiner Form nach aufgrund eines gewissen Topos schlüssig ist, dennoch seine Schlüssigkeit durch die zweite Figur zeigt, wenn es auf gleiche Weise zurückgeführt wird wie das Argument, das von der Setzung des Vordersatzes ausgeht, durch die erste Figur.

10.

Es wird nämlich auf folgende Weise aufgelöst: Alles Ungerechte legt auf ungerechte Weise Zeugnis ab. Christus legt nicht auf ungerechte Weise Zeugnis ab. Also legt er nicht auf ungerechte Weise Zeugnis ab. Von der Setzung des Vordersatzes ausgehend: Alles Ungerechte legt auf ungerechte Weise Zeugnis ab. Christus legt von etwas Ungerechtem Zeugnis ab. Also legt er auf ungerechte Weise Zeugnis ab.

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