Dante Aligheri: Monarchia
Liber primus - XII
Nur in der Monarchie existiert wirkliche Freiheit |
1. |
Die menschliche Gattung befindet sich
im besten Zustand, wenn sie die größte Freiheit genießt. Dies wird
offenkundig sein, wenn das Prinzip der Freiheit klar ist. |
2. |
Deswegen muß man wissen, daß das Prinzip
unserer Freiheit im freien Entscheidungsvermögen besteht, welches
viele im Munde führen, wenige aber begreifen. Sie gelangen nämlich
bis dahin, daß sie behaupten, das freie Entscheidungsvermögen sei
das freie Urteil des Willens. Und sie sagen die Wahrheit, aber der
Sinn der Worte ist ihnen fremd. |
3. |
Und deshalb sage ich, das Urteil sei
die Mitte zwischen dem Erfassen und dem Begehren; denn zuerst wird
ein Ding erfaßt; dann wird das erfaßte Ding als gut oder schlecht
beurteilt; und zuletzt erstrebt oder meidet es der Beurteilende. |
4. |
Wenn also das Urteil das Begehren gänzlich
bewegt und in keiner Weise das Begehen ihm zuvorkommt, dann ist das
Urteil frei; wenn allerdings das Urteil vom Begehren, das ihm in irgendeiner
Weise zuvorkommt, bewegt wird, kann es nicht frei sein, weil es nicht
durch sich selbst, sondern von einem andern als gefangenes bewegt
wird. |
5. |
Und daher kommt es, daß
die Tiere kein freies Entscheidungsvermögen besitzen können, weil
ihre Urteile stets durch das Begehren bestimmt werden. Und aus diesem
Grund erhellt ebenfalls, daß die vernünftigen Substanzen, deren Willen
unveränderlich ist, und die vom Körper getrennten Seelen, die glücklich
von hier gegangen sind, die Freiheit des Entscheidungsvermögens wegen
der Unveränderlichkeit des Willens nicht verlieren, sondern sie auf
vollkommenste und wirksamste Weise beibehalten. |
| 6. |
Ist dies eingesehen, so kann weiterhin
offenkundig sein, daß diese Freiheit oder das Prinzip dieser unserer
ganzen Freiheit das größte Geschenk ist, das Gott der menschlichen
Natur verliehen hat, wie ich im »Paradies« der Komödie bereits gesagt
habe, denn durch dieses Geschenk werden wir hienieden glücklich
wie Menschen, dort aber glücklich wie Götter. |
| 7. |
Wenn sich dies so verhält, wer wagte
zu behaupten, die menschliche Gattung befinde sich nicht im besten
Zustand, wenn sie am wirksamsten von diesem Prinzip Gebrauch machen
kann? |
| 8. |
Wer aber unter der Herrschaft des Monarchen
lebt, genießt die größte Freiheit. Deswegen muß man wissen, daß
derjenige frei ist, „der um seiner selbst willen und nicht
um eines andern willen existiert“. Was nämlich um eines andern
willen existiert, wird von diesem genötigt, so wie der Weg vom Ziel
genötigt wird. |
| 9. |
Die menschliche Gattung ist aber nur
unter der Herrschaft des Monarchen um ihrer selbst willen da. Nur
dann nämlich wird den entarteten Staatsverfassungen,
d. h. der Demokratie, der Oligarchie
und der Tyrannei, die den Menschen zur Knechtschaft zwingen, wie
demjenigen klar ist, der sie alle prüft - der richtige Weg
gezeigt; und nur dann regieren die Könige, Aristokraten, sowie
die Eiferer für die Freiheit des Volkes in angemessener Weise. |
| 10. |
Deshalb sagt der Philosoph (Aristoteles)
in seiner Politik, in einer ungerechten Staatsverfassung sei ein
guter Mensch ein schlechter Bürger, in einer gerechten Staatsverfassung
dagegen seien der gute Mensch und der gute Bürger ertauschbar.
Und die gerechten Staatsverfassungen dieser Art haben die Freiheit
zum Ziel, nämlich daß die Menschen um ihrer selbst willen
existieren. |
| 11. |
Der Bürger nämlich ist nicht um des
Konsuln willen da und das Volk nicht um des Königs willen, sondern
umgekehrt sind die Konsuln um der Bürger und der König um des Volkes
willen da, so wie die Staatsverfassung nicht im Hinblick auf die
Gesetze, sondern diese für jene entworfen werden; ebenso sind jene,
die nach dem Gesetz leben, nicht auf den Gesetzgeber hingeordnet,
sondern umgekehrt dieser auf jene, wie es der Philosoph in jenen
Schriften, die uns von ihm zu diesem Thema erhalten sind, darlegt. |
| 12. |
Daher ist ebenfalls klar: Obschon der
Konsul oder der König, was den Weg betrifft, Herren der andern sind,
sind sie bezüglich des Zieles Diener der andern, ganz besonders
aber der Monarch, den man ohne Zögern als Diener aller einzustufen
hat. Daraus kann auch erkannt werden, daß der Monarch bei den zu
erlassenden Gesetzen durch das ihm vorgegebene Ziel gebunden ist. |
| 13. |
Also ist die menschliche Gattung unter
der Herrschaft des Monarchen in ihrem besten Zustand. Daraus folgt,
daß die Monarchie für das Wohl der Welt notwendig ist. |
Liber primus - XIII
Der Monarch ist am besten zur Herrschaft geeignet |
1. |
Wer am meisten für das Herrschen geeignet
ist, kann am besten die andern führen. Denn in jeder Handlung beabsichtigt
der Handelnde hauptsächlich, seine eigene Ähnlichkeit zu entfalten,
und dies gilt sowohl vom naturnotwendig Handelnden wie auch vom
willentlich Handelnden. |
2. |
Daher kommt es, daß jeder Handelnde
als solcher Freude empfindet: Da alles, was ist, sein Sein begehrt
und im Handeln das Sein des Handelnden in einer gewissen Weise vermehrt
wird, folgt notwendigerweise die Freude, da mit der erstrebten Sache
stets Freude verknüpft ist. |
3. |
Daher handelt nur das, was in der Weise
(bereits) wirklich existiert, wie das Erleidende werden soll. Deshalb
sagt der Philosoph in der Metaphysik: „Alles, was von der
Möglichkeit in die Wirklichkeit überführt wird, wird durch ein solches
wirklich Seiendes überführt.“ Würde etwas auf eine andere
Weise zu handeln versuchen, dann würde es dies umsonst versuchen. |
4. |
Und auf dieser Grundlage kann der Irrtum
jener zerschlagen werden, die gut redend und schlecht handelnd glauben,
die andern über das Leben und die Sitten zu belehren, sich aber
nicht darüber Rechenschaft geben, daß die Hände Jakobs mehr überzeugten
als die Worte, obschon jene das Falsche und diese das Wahre kundtaten.
Deshalb sagt der Philosoph in der Nikomachischen Ethik: „Was
die Leidenschaften und Handlungen betrifft, sind die Reden weniger
glaubwürdig als die Werke.“ |
5. |
Deshalb wurde dem Sünder David vom
Himmel gesagt: „Weshalb verkündigst du meine Gerechtigkeit?“,
als würde ihm gesagt: „Du redest vergebens, da du von dem,
was du sagst, weit entfernt bist.“ Daraus wird geschlossen,
daß derjenige, der die andern führen soll, am besten geeignet sein
muß. |
6. |
Aber der Monarch ist jener, der für
das Herrschen am besten geeignet sein kann. Dies wird auf folgende
Weise erklärt: Jegliches Ding ist um so leichter und um so vollkommener
für den Habitus und die Tätigkeit geeignet, je weniger in ihm vom
Gegensatz dieser Eignung vorhanden ist. Deshalb erreichen jene leichter
und vollkommener den Habitus der philosophischen Wahrheit, die nie
etwas davon gehört haben, als jene, die eine Zeitlang davon gehört
haben und mit falschen Meinungen vertraut sind. Deshalb sagt Galenus
zu Recht, daß solche die doppelte Zeit benötigen zum Erwerb
einer Wissenschaft. |
7. |
Da also der Monarch von den Sterblichen
keine Gelegenheit zur Begierde haben kann oder mindestens nur zur
kleinsten Begierde, wie oben gezeigt wurde, was bei den andern Herrschern
nicht zutrifft, und da die Begierde allein das Urteil verderben
und die Gerechtigkeit behindern kann, folgt, daß er als einziger
auf vorzüglichste Weise die Eignung zum Herrschen besitzt, weil
er von allen am meisten Urteil und Gerechtigkeit besitzen kann.
Diese beiden Qualitäten stehen dem Gesetzgeber und dem Gesetzesvollstrecker
in vorzüglicher Weise zu, gemäß dem Zeugnis jenes heiligsten Königs,
der, als er von Gott das erbat, was dem König und dem Sohn eines
Königs zusteht, sagte: Gott, gib deinem König das Urteil und
dem Sohn deines Königs die Gerechtigkeit. |
8. |
Mit Recht wurde
also oben im Untersatz behauptet, der Monarch allein sei derjenige,
welcher zum Herrschen am besten geeignet sein könne. Also kann der
Monarch allein die andern am besten führen. Daraus folgt, daß die
Monarchie für die beste Ordnung der Welt notwendig ist. |
Liber primus - XIV
Verschiedenes bedarf verschiedener Gesetze |
1. |
Zudem: Was durch eines verwirklicht
werden kann, bei dem ist es besser, wenn es durch eines verwirklicht
wird als durch mehrere. Dies wird auf folgende Weise erklärt: Es
sei eines, durch das etwas verwirklicht werden kann, es möge A heißen;
und es seien mehrere, durch die dasselbe ebenfalls verwirklicht
werden kann, sie mögen A und B heißen. Wenn also jenes, das durch
A und B verwirklicht wird, durch A allein verwirklicht werden kann,
dann ist B überflüssig, weil aus seiner Gegenwart nichts folgt,
da ja dasselbe vorher allein durch A verwirklicht wurde. |
2. |
Da jegliche Hinzunahme dieser Art müßig
oder überflüssig ist und alles überflüssige Gott und der Natur mißfällt
und alles, was Gott mißfällt, schlecht ist, wie an sich offenkundig
ist, folgt nicht nur, daß es besser ist, daß etwas, wenn möglich,
durch eines verwirklicht werde als durch mehrere, sondern auch,
daß durch eines verwirklicht werden gut ist, durch mehrere dagegen
absolut schlecht. |
3. |
Überdies: Ein Ding wird besser genannt
aufgrund seiner größeren Nähe zum Besten. Zudem kommt dem Ziel der
Grund des Besten zu. Durch eines verwirklicht werden, steht dem
Ziel näher. Also ist dies besser. Daß es dem Ziel näher steht, erhellt
wie folgt: Das Ziel sei C. >Durch eines verwirklicht werden<
sei A. >Durch mehrere verwirklicht werden< sei A und B. Es
ist offenkundig, daß der Weg von A durch B zu C länger ist als von
A direkt zu C. |
4. |
Die menschliche Gattung aber kann durch
einen einzigen höchsten Herrscher beherrscht werden, nämlich den
Monarchen. Deswegen gilt es, sorgfältig zu beachten, daß der Satz
»Die menschliche Gattung kann durch einen einzigen Herrscher beherrscht
werden« nicht so zu verstehen ist, als ob die kleinsten Verfügungen
eines jeden Städtchens unmittelbar von ihm erlassen werden könnten.
Denn auch die Gesetze der Städte sind manchmal unzureichend und
bedürfen einer Verfügungsgewalt, wie durch den Philosophen im fünften
Buche der Nikomachischen Ethik erhellt, wo er die Billigkeit empfiehlt. |
5. |
Die einzelnen Nationen, Königreiche
und Städte besitzen in ihrem Hoheitsgebiet gewisse Besonderheiten,
welche es durch verschiedene Gesetze zu regeln gilt. Das Gesetz
ist nämlich eine richtungweisende Vorschrift für das Leben. |
6. |
Die Skythen, welche jenseits des siebten
Klimas leben und unter einem großen Unterschied zwischen Tag und
Nacht zu leiden haben und von einer geradezu unerträglichen Kälte
belästigt werden, brauchen andere Vorschriften als die Garamanten,
die unter dem Äquator wohnen und bei denen das Tageslicht ebenso
lange dauert wie die Finsternis der Nacht und die sich wegen des
Übermaßes an Lufthitze nicht bekleiden können. |
7. |
Dieser Satz ist vielmehr so zu deuten,
daß die menschliche Gattung hinsichtlich des Gemeinsamen, das alle
betrifft, von ihm beherrscht und mittels einer gemeinsamen Vorschrift
auf den Frieden hingelenkt wird. Diese Vorschrift oder dieses Gesetz
sollen die einzelnen Herrscher von ihm empfangen, so wie der praktische
Intellekt für eine praktische Schlußfolgerung vom spekulativen Intellekt
einen Obersatz empfängt und zu diesem einen partikulären Satz bildet,
der ihm im eigentlichen Sinne zusteht, und daraus im Hinblick auf
die Tätigkeit einen besonderen Schlußsatz ableitet. |
8. |
Diese Aufgabe kann einer allein nicht
nur wahrnehmen, sondern es ist vielmehr notwendig, daß einer sie
erfüllt, damit jegliche Verwirrung über die allgemeinen Prinzipien
vermieden werde. |
9. |
Moses schreibt im Buch der Gesetze,
daß er dies auf diese Weise gehandhabt habe: Nachdem er die Ältesten
aus den Stämmen der Söhne Israels ausgewählt hatte, überließ er
ihnen die untergeordneten Urteile und behielt sich nur die höheren
und allgemeineren Urteile vor. Diese allgemeineren Urteile wiederum
benutzen die Ältesten für die Stämme, je nachdem wie es jedem Stamm
entsprach. |
10. |
Es ist also besser, die menschliche
Gattung werde durch einen beherrscht als durch mehrere, nämlich
durch den Monarchen, der der einzige Herrscher ist. Und wenn dies
besser ist, dann ist es Gott wohlgefälliger, da Gott stets das will,
was besser ist. Und da beim Vergleich von zweien das Bessere mit
dem Besten identisch ist, folgt nicht nur, daß dies Gott wohlgefälliger
ist, sondern auch, daß von den beiden Möglichkeiten - einer oder
mehrere - die erste ihm am wohlgefälligsten ist. |
11. |
Deshalb folgt, daß
die menschliche Gattung sich im besten Zustand befindet, wenn sie
von einem beherrscht wird. Und deshalb ist für das Wohl der Welt
die Monarchie notwendig. |
Liber secundus - VII |
1. |
Damit die Jagd nach der Wahrheit des
Gesuchten gelingt, muß man wissen, daß das göttliche Urteil über
die Dinge bisweilen den Menschen offenkundig und manchmal verborgen
ist. |
2. |
Es kann auf zwei Weisen offenkundig
sein, nämlich durch den Verstand und den Glauben. Denn es gibt gewisse
Urteile Gottes, die der menschliche Verstand mit seinen eigenen
Kräften erreichen kann, wie z. B., daß der Mensch sich für das Heil
des Vaterlandes aufopfert. Wenn der Teil sich für das Heil des Ganzen
aufopfern muß, dann muß auch der Mensch, da er ein gewisser Teil
der Stadt ist, wie durch den Philosophen in der Politik erhellt,
sich für das Vaterland aufopfern, gleichsam als das geringere Gute
für das größere Gute. |
3. |
Deshalb sagt der Philosoph in der Nikomachischen
Ethik: »Der Liebe würdig ist, was einem zugute kommt; besser und
göttlicher aber, was dem Volk und der Stadt zugute kommt.« Und dies
ist das Urteil Gottes. Andernfalls würde der menschliche Verstand
in seiner Geradheit der Absicht der Natur nicht folgen, was unmöglich
ist. |
4. |
Auch wenn der menschliche Verstand
gewisse Urteile Gottes durch seine Kräfte nicht zu erreichen vermag,
wird er dennoch mit der Hilfe des Glaubens an das, was in der Heiligen
Schrift uns gesagt wird, zu der Erkenntnis dieser Urteile geführt,
wie z. B., daß niemand, wie vollkommen er auch in seinen moralischen
und vernünftigen Tugenden nach Habitus und Tätigkeit sein mag, ohne
den Glauben gerettet werden kann, selbst wenn er niemals etwas von
Christus gehört hat. |
5. |
Dies nämlich vermag der menschliche
Verstand nicht als an sich gerecht einzusehen. Mit Hilfe des Glaubens
kann er es allerdings. Im Brief an die Hebräer steht geschrieben:
Es ist unmöglich, Gott ohne den Glauben zu gefallen.
Und im Buch Leviticus: Jeder Mensch aus dem Hause Israel,
der im Lager oder außerhalb einen Ochsen oder ein Schaf oder eine
Ziege geschlachtet hat und beim Eingang der Hütte dem Herrn keine
Gabe opfert, ist des Blutes schuldig. |
6. |
Der Eingang der Hütte versinnbildlicht
Christus, der die Türe zur himmlischen Wohnung ist, wie man dem
Evangelium entnehmen kann; die Tötung der Tiere versinnbildlicht
die menschliche Tätigkeit. |
7. |
Verborgen dagegen ist jenes Urteil
Gottes, zu dem der menschliche Verstand weder durch die Gesetze
der Natur noch durch jene der Schrift, sondern bisweilen durch eine
besondere Gnade gelangt. Dies geschieht auf verschiedene Weisen,
manchmal durch eine direkte Offenbarung, manchmal durch eine Offenbarung
mittels einer Entscheidung. |
8. |
Die einfache Offenbarung kann in zweifacher
Art geschehen, sei es aus freiem Handeln Gottes oder aufgrund eines
inständigen Gebetes. Die erste Möglichkeit in zweifacher Weise,
nämlich ausdrücklich oder durch ein Zeichen. Ausdrücklich wurde
Samuel das Urteil gegen Saul geoffenbart; durch Zeichen wurde dem
Pharao mitgeteilt, Gott habe die Befreiung der Söhne Israels beschlossen.
Von einer Gebetserhörung wußten jene, die im zweiten Buch der Chroniken
schrieben: Da wir nicht wissen, was wir tun sollen, bleibt
uns nur übrig, daß wir unsere Augen auf dich richten. |
9. |
Die Offenbarung mittels einer Entscheidung
kann sich in zweifacher Weise vollziehen, sei es durch das Los oder
durch einen Wettkampf; certare (wettkämpfen) ist nämlich
von certum facere (etwas gewiß machen) abgeleitet. Manchmal
wird das Urteil Gottes den Menschen durch das Los geoffenbart, wie
die Wahl des Matthias in der Apostelgeschichte zeigt. Durch einen
Wettkampf wird das Urteil Gottes in zweifacher Weise kundgetan,
entweder durch den Zusammenprall der Kräfte, wie beispielsweise
beim Zweikampf der Faustkämpfer, die man auch Duellanten nennt,
oder mittels eines Wettstreites mehrerer, die auf ein Zeichen hin
zu gewinnen versuchen, wie es beim Wettlauf der Athleten, welche
zum Ziel rennen, der Fall ist. |
10. |
Die erste Art des Kampfes wird bei
den Heiden durch den Zweikampf zwischen Herakles und Antaios versinnbildlicht,
woran Lukian im vierten Buch der Pharsalia und Ovid im neunten Buch
der Metamorphosen erinnern. Die zweite Art wird bei ihnen durch
den Kampf zwischen Atalante und Hippomenes vorgestellt, wovon Ovid
im zehnten Buch der Metamorphosen handelt. |
11. |
Desgleichen darf nicht dunkel bleiben,
daß in beiden Arten des Kampfes die Sache sich so verhält: Im einen
Fall dürfen die Streitenden, nämlich die Duellanten, sich ohne Unrecht
gegenseitig behindern; im andern Fall dagegen nicht. Den Athleten
ist es nämlich nicht gestattet, sich gegenseitig zu behindern, obschon
unser Dichter das Gegenteil anzunehmen scheint, wenn er den Euryalus
den Preis gewinnen läßt. |
12. |
Deswegen hat Cicero besser geurteilt,
wenn er im dritten Buch Vom pflichtgemäßen Handeln dies entsprechend
der Lehre des Chrysipp verbietet. Er sagt nämlich: Weise,
wie meistens, sagt Chrysipp: Wer in der Rennbahn läuft, der soll
sich nach Kräften anstrengen und streiten, damit er gewinne. Er
darf seinem Mitkämpfer in keinem Fall ein Bein stellen. |
13. |
Auf der Grundlage der Unterscheidungen,
die in diesem Kapitel getroffen wurden, können wir für unser Vorhaben
zwei überzeugende Argumente aufgreifen; das eine ergibt sich aus
der Entscheidung bei den Athleten, das andere aus der Entscheidung
bei den Faustkämpfern. Diese Argumente verfolge ich in den unmittelbar
folgenden Kapiteln. |
Liber secundus - X
Da Christus von Pilatus im Auftrag des Kaisers verurteilt wurde,
muß dieser Kaiser Weltherrscher gewesen sein. |
1. |
Bis jetzt ist das Vorhaben durch Gründe
klar geworden, die sich vornehmlich auf vernünftige Prinzipien stützen.
Non jetzt an soll dasselbe aus den Prinzipien des christlichen Glaubens
dargetan werden. Am meisten lehnen sich jene gegen die römische
Herrschaft auf und trachten nach Eitlem, welche sich Eiferer des
christlichen Glaubens nennen. Mit den Armen Christi haben sie kein
Mitleid; diese werden nicht nur bei den kirchlichen Abgaben betrogen,
sondern 4er Besitz der Kirche wird täglich beraubt, und die Kirche
verarmt, während jene Gerechtigkeit heucheln, aber keinen dulden,
der die Gerechtigkeit durchsetzt. |
2. |
Eine solche Verarmung aber geschieht
nicht ohne das Urteil Gottes, wenn weder den Armen, deren Besitz
das Kirchengut ist, davon Unterstützung zuteil wird noch das, was
das Imperium schenkt, mit Dankbarkeit verwaltet wird. |
3. |
Diese Güter sollen dahin zurückkehren,
woher sie gekommen sind. Gut sind sie gekommen, schlecht kehren
sie zurück, weil sie in guter Absicht gegeben wurden und schlecht
besessen werden. Aber was kümmert dies solche Hirten? Was, wenn
der Besitz der Kirche sich auflöst, während der Reichtum der Verwandten
vermehrt wird? Aber vielleicht ist es besser, das Vorhaben weiterzuführen
und unter frommem Schweigen unseres Retters Hilfe abzuwarten. |
4. |
Ich behaupte also: Wenn das römische
Imperium nicht von Rechts wegen bestand, dann hat Christus mit seiner
Geburt etwas Ungerechtes kundgetan. Der Folgesatz ist falsch. Also
ist der kontradiktorische Gegensatz des Vordersatzes wahr. Kontradiktorische
Sätze nämlich erlauben aufgrund des konträren Sinnes eine Ableitung. |
5. |
Für einen Gläubigen ist es nicht erforderlich,
die Falschheit des Folgesatzes aufzuzeigen, denn wenn jemand glaubt,
gibt er zu, daß dies falsch ist; und wenn er es nicht zugibt,
ist er kein Christ; und wenn er kein Christ ist, dann ist
ihn dieses Argument nicht von Belang. |
6. |
Die Folgerichtigkeit zeige ich auf
folgende Weise: Wer immer einen Erlaß aus freier Wahl befolgt, der
tut durch sein Werk kund, daß dies gerecht ist. Und weil die Werke
mehr überzeugen als die Worte, wie der Philosoph im letzten Buch
der Nikomachischen Ethik darlegt, überzeugt er mehr, als wenn er
Worten seine Zustimmung gäbe. Aber Christus wollte, wie sein Evangelist
Lukas bezeugt, von der Jungfrau Maria geboren werden, als ein Erlaß
der römischen Autorität erging, damit der menschgewordene Sohn
Gottes in jener besonderen Volkszählung der menschlichen Gattung
als Mensch eingetragen werde. Was heißt, daß er diesen Erlaß befolgte. |
7. |
Und es ist vielleicht heiliger zu meinen,
dies sei unter göttlichem Beistand durch den Kaiser erlassen worden,
damit jener, der so lange von der Gesellschaft der Sterblichen erwartet
worden war, sich selbst zusammen mit den Sterblichen einschrieb. |
8. |
Also hat Christus durch sein Werk kundgetan,
daß der Erlaß des Augustus als Vollstrecker der Autorität der Römer
gerecht sei. Und da dem gerechten Erlaß die Rechtsprechung folgt,
ist es notwendig, daß, wer kundtut, ein Erlaß sei gerecht, auch
kundtut, die Rechtsprechung sei es. Wenn diese nicht von Rechts
wegen bestand, war sie ungerecht. |
9. |
Und es ist zu bemerken, daß das zur
Zerstörung des Folgesatzes gebrauchte Argument, obschon es seiner
Form nach aufgrund eines gewissen Topos schlüssig ist, dennoch seine
Schlüssigkeit durch die zweite Figur zeigt, wenn es auf gleiche
Weise zurückgeführt wird wie das Argument, das von der Setzung des
Vordersatzes ausgeht, durch die erste Figur. |
10. |
Es wird nämlich auf folgende
Weise aufgelöst: Alles Ungerechte legt auf ungerechte Weise Zeugnis
ab. Christus legt nicht auf ungerechte Weise Zeugnis ab. Also legt
er nicht auf ungerechte Weise Zeugnis ab. Von der Setzung des Vordersatzes
ausgehend: Alles Ungerechte legt auf ungerechte Weise Zeugnis ab.
Christus legt von etwas Ungerechtem Zeugnis ab. Also legt er auf ungerechte
Weise Zeugnis ab. |