Archiv der Monarchieliga

zuletzt aktualisiert: Epiphaniasfest 2011

 

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Augustinus: Vom gefesselten und losgelassenen Teufel

„Danach“, fährt Johannes fort, „muß er eine kurze Zeit frei werden.“ Wenn für den Teufel das Gebunden - und Eingeschlossenwerden bedeutet, daß er die Kirche nicht verführen kann, soll dann diese seine Freilassung bedeuten, daß er es nun kann?

Nimmermehr! Niemals wird er sie verführen, die vor Grundlegung der Welt vorherbestimmte und auserwählte Kirche, von der gesagt ist: „Es kennt der Herr die Seinen.“ Doch wird sie auch zu jener Zeit, wo der Teufel losgelassen werden soll, noch auf Erden weilen, wie sie seit ihrer Gründung jederzeit da war und da sein wird in steter Aufeinanderfolge von Tod und Geburt ihrer Glieder. Denn bald darauf hören wir, daß der losgelassene Teufel die verführten Völker des ganzen Erdkreises zum Krieg gegen sie sammeln wird, und daß die Zahl dieser Feinde sein wird wie der Sand am Meer. „Und sie zogen herauf“, heißt es, „auf die Breite der Erde und umringten das Lager der Heiligen und die geliebte Stadt. Da fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie. Und der Teufel, der sie verführte, ward geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der Lügenprophet sind, und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Doch das gehört schon zum Letzten Gericht, und ich erwähnte es jetzt nur darum, damit niemand meine, in jener kurzen Zeit, da der Teufel frei sein wird, werde auf Erden keine Kirche sein, sei es daß er sie hier nicht mehr vorfinde, wenn er losgelassen ist, sei es daß er sie mit seinen vielfältigen Verfolgungen vernichte. Also in jener ganzen Zeit, die das Buch der Offenbarung umspannt, nämlich von der ersten Ankunft Christi bis zum Weltenende und seiner zweiten Ankunft, wird der Teufel nicht in dem Sinne gebunden, daß seine Bindung in dieser Zwischenzeit der sogenannten tausend Jahre zu bedeuten hätte, daß er die Kirche nicht verführen kann, da er sie ja auch dann nicht wird verführen können, wenn er freigelassen ist. Denn wenn gebundenwerden bedeutete nicht verführen können oder dürfen, hieße ja freigelassenwerden verführen können oder dürfen, und daran ist nun einmal nicht zu denken. Aber mit der Bindung des Teufels ist gemeint, daß ihm nicht gestattet ist, die ganze Macht seiner Versuchung mit Gewalt oder List in Anwendung zu bringen, um die Menschen zu verführen und sie durch übermächtigen Zwang oder heimtückischen Betrug auf seine Seite zu bringen. Denn wenn ihm das gestattet würde, so lange Zeit hindurch und bei so großer Schwäche vieler Menschen, würde er auch sehr viele, denen das nach Gottes Willen nicht widerfahren soll, zum Abfall vom Glauben bringen oder daran hindern, zum Glauben zu kommen. Um das nicht zu können, ward er gebunden.

Dann aber wird er losgelassen, wenn nur noch kurze Zeit übrig ist - denn drei Jahre und sechs Monate, so liest man, wird er selbst nebst den Seinen mit aller Macht wüten-, und dann werden die, gegen welche er streiten soll, derart gefestigt sein, daß er sie mit all seinen Stürmen und Listen nicht überwältigen kann. Würde er aber niemals freigelassen, so käme seine bösartige Macht weniger zutage, würde die edle Treue und Geduld des heiligen Staates weniger erprobt, würde man auch weniger bewundern, wie der Allmächtige des Teufels große Schlechtigkeit so gut zu benutzen weiß. Denn er hat ihm nicht etwa die Versuchung der Heiligen ganz unmöglich gemacht, sondern ihn nur aus ihrem inneren Menschen, wo der Glaube an Gott zu Hause ist, verbannt, damit sein äußerer Ansturm dem Fortschritt ihrer Heiligung diene, und hat ihn in denen, die zu seiner Sippschaft gehören, gebunden, damit er nicht, wenn er seine ganze Bosheit ausschüttete und wirken ließe, die ungezählten Schwachen, die seine Kirche mehren und füllen sollen und teils schon gläubig sind, teils noch glauben werden, vom frommen Glauben abtrünnig mache oder abschrecke. Er wird ihn aber am Ende freilassen, damit der Gottesstaat staunend erkenne, welch mächtigen Gegner er überwunden hat, und seinen Erlöser, Helfer und Retter lobpreisend verherrliche. Wie könnten wir uns mit jenen Heiligen und Gläubigen der Endzeit vergleichen? Denn zu ihrer Bewährung wird der furchtbare Feind losgelassen, mit dem wir, obschon er noch gebunden ist, nur unter schweren Gefahren kämpfen. Doch gab und gibt es zweifellos auch im gegenwärtigen Zeitalter so kluge und tapfere Streiter Christi, daß sie, auch wenn sie zur Zeit der Freilassung des Teufels lebten, allen seinen Nachstellungen und Angriffen mit höchster Weisheit aus dem Wege gehen und mit höchster Geduld standhalten würden.

Diese Bindung des Teufels geschah aber nicht etwa nur damals, als die Kirche sich außerhalb Judäas in immer neuen Völkern auszubreiten anfing, sondern findet auch jetzt noch statt und wird stattfinden bis zum Ende der Weltzeit, da er freigelassen werden soll. Denn auch jetzt bekehren sich Menschen vom Unglauben, in dem er sie zu eigen besaß, zum Glauben, und so wird es ohne Zweifel bis zu jenem Ende weiter gehen. Jeder einzelne aber erlebt diese Fesselung des Starken dann, wenn er ihm wie ein Stück seines Hausrats entrissen wird, und der Abgrund, in dem er eingeschlossen ist, verschwindet nicht etwa mit dem Tode derer, die damals lebten, als die Einschließung begann. Sondern andere, die weiterhin geboren werden und ebenfalls die Christen hassen, traten und treten bis zum Weltende an ihre Stelle, und auch in ihren blinden und finsteren Herzen wird er wie in einem Abgrunde täglich eingeschlossen. Ob aber auch in jenen letzten drei Jahren und sechs Monaten, wenn er losgelassen mit allen Kräften wütet, sich noch ein Ungläubiger zum Glauben kehren wird, das scheint zunächst fraglich. Denn wie will man in diesem Fall das Wort aufrecht halten: „Wer kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, der nicht zuvor den Starken gebunden hat“, wenn ihm auch in seiner Freiheit etwas entrissen werden kann? So scheint dieser Ausspruch zu der Annahme zu nötigen, daß in jener allerdings nur kurzen Zeit niemand zum Christenvolk hinzukommen, sondern der Teufel nur mit den Christen, die er dann vorfindet, kämpfen wird; und gewiß mögen dann einige von ihm besiegt werden und sich ihm beigesellen, aber nicht die, welche zur vorherbestimmten Zahl der Gotteskinder gehören. Denn nicht umsonst sagt derselbeApostel Johannes, der auch das Buch der Offenbarung schrieb, in seinem Briefe von einigen Leuten: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns, denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie auch bei uns geblieben.“

Aber was wird dann aus den kleinen Kindern? Denn es ist doch nicht zu glauben, daß es beim Anbruch jener Zeit keine bereits geborenen, aber noch nicht getauften Christenkinder geben sollte, oder daß nicht auch in jenen Tagen christlichen Eltern Kinder geboren werden sollten, oder daß sie dann nicht von den Eltern irgendwie zum Bad der Wiedergeburt gebracht werden könnten. Geschieht das aber, wie können dann dem losgelassenen Teufel jene Geräte entrissen werden, in dessen Haus doch niemand zum Raub des Hausrats eindringen kann, der ihn nicht zuvor gebunden hat? So muß man glauben, daß es auch in jener Zeit weder an solchen fehlen wird, die von der Kirche abfallen, noch an solchen, die zu ihr hinzukommen. Sondern es wird tapfere Eltern geben, die für die Taufe ihrer Kleinen sorgen, und auch Neugläubige, die jenen Starken, auch wenn er nicht gebunden ist, besiegen, die wachsam auf der Hut sind vor ihm, wenn er wie nie zuvor mit allen Listen sie umgarnt und mitallen Kräften bedrängt, die tapfer standhalten und so trotz seiner Freiheit ihm entrinnen.

Deswegen bleibt der evangelische Ausspruch: „Wer kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, der nicht zuvor den Starken gebunden hat?“ doch wahr. Denn in Übereinstimmung mit ihm wird folgende Ordnung innegehalten: Zuerst ward der Starke gebunden und sein Hausrat geraubt und weit und breit in allen Völkern aus Starken und Schwachen die Kirche dermaßen groß gemacht, daß sie nun im Gedanken an all das, was göttlich vorhergesagt und erfüllt wurde, durch kraftvollen Glauben dem Teufel auch in seiner Freiheit noch Hausgerät rauben kann. Freilich wird, es ist nicht zu leugnen, die Liebe vieler erkalten, wenn die Bosheit überhand nimmt, und werden viele, die nicht im Buch des Lebens verzeichnet stehen, den ungewohnten und furchtbaren Verfolgungen und Ränken des losgelassenen Teufels erliegen, aber ebenso werden, daran muß man festhalten, nicht nur die guten Gläubigen jener Endzeit, sondern auch manche, die bis dahin draußen standen, mit Gottes Gnadenhilfe durch die Betrachtung der Schrift, die ja unter anderem auch jenes Ende vorausgesagt hat, das man nun herankommen sieht, um so stärker werden, das bisher nicht Geglaubte zu glauben, und um so tapferer, auch den nicht gefesselten Teufel zu besiegen. Wenn das eintrifft, wird man sagen müssen, daß die Bindung des Teufels darum vorherging, damit später sowohl der Gebundene als auch der Losgelassene beraubt werde, denn im Hinblick darauf ward das Wort gesagt: „Wer kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, der nicht zuvor den Starken gebunden hat?“

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