Augustinus: Vom gefesselten und losgelassenen
Teufel
Danach, fährt Johannes fort, muß er
eine kurze Zeit frei werden. Wenn für den Teufel das
Gebunden - und Eingeschlossenwerden bedeutet, daß er die Kirche
nicht verführen kann, soll dann diese seine Freilassung bedeuten,
daß er es nun kann?
Nimmermehr! Niemals wird er sie verführen, die vor Grundlegung
der Welt vorherbestimmte und auserwählte Kirche, von der gesagt
ist: Es kennt der Herr die Seinen. Doch wird sie auch
zu jener Zeit, wo der Teufel losgelassen werden soll, noch auf Erden
weilen, wie sie seit ihrer Gründung jederzeit da war und da
sein wird in steter Aufeinanderfolge von Tod und Geburt ihrer Glieder.
Denn bald darauf hören wir, daß der losgelassene Teufel
die verführten Völker des ganzen Erdkreises zum Krieg
gegen sie sammeln wird, und daß die Zahl dieser Feinde sein
wird wie der Sand am Meer. Und sie zogen herauf, heißt
es, auf die Breite der Erde und umringten das Lager der Heiligen
und die geliebte Stadt. Da fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und
verzehrte sie. Und der Teufel, der sie verführte, ward geworfen
in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der Lügenprophet
sind, und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit
zu Ewigkeit.
Doch das gehört schon zum Letzten Gericht, und ich erwähnte
es jetzt nur darum, damit niemand meine, in jener kurzen Zeit, da
der Teufel frei sein wird, werde auf Erden keine Kirche sein, sei
es daß er sie hier nicht mehr vorfinde, wenn er losgelassen
ist, sei es daß er sie mit seinen vielfältigen Verfolgungen
vernichte. Also in jener ganzen Zeit, die das Buch der Offenbarung
umspannt, nämlich von der ersten Ankunft Christi bis zum Weltenende
und seiner zweiten Ankunft, wird der Teufel nicht in dem Sinne gebunden,
daß seine Bindung in dieser Zwischenzeit der sogenannten tausend
Jahre zu bedeuten hätte, daß er die Kirche nicht verführen
kann, da er sie ja auch dann nicht wird verführen können,
wenn er freigelassen ist. Denn wenn gebundenwerden bedeutete nicht
verführen können oder dürfen, hieße ja freigelassenwerden
verführen können oder dürfen, und daran ist nun einmal
nicht zu denken. Aber mit der Bindung des Teufels ist gemeint, daß
ihm nicht gestattet ist, die ganze Macht seiner Versuchung mit Gewalt
oder List in Anwendung zu bringen, um die Menschen zu verführen
und sie durch übermächtigen Zwang oder heimtückischen
Betrug auf seine Seite zu bringen. Denn wenn ihm das gestattet würde,
so lange Zeit hindurch und bei so großer Schwäche vieler
Menschen, würde er auch sehr viele, denen das nach Gottes Willen
nicht widerfahren soll, zum Abfall vom Glauben bringen oder daran
hindern, zum Glauben zu kommen. Um das nicht zu können, ward
er gebunden.
Dann aber wird er losgelassen, wenn nur noch kurze Zeit übrig
ist - denn drei Jahre und sechs Monate, so liest man, wird er selbst
nebst den Seinen mit aller Macht wüten-, und dann werden die,
gegen welche er streiten soll, derart gefestigt sein, daß
er sie mit all seinen Stürmen und Listen nicht überwältigen
kann. Würde er aber niemals freigelassen, so käme seine
bösartige Macht weniger zutage, würde die edle Treue und
Geduld des heiligen Staates weniger erprobt, würde man auch
weniger bewundern, wie der Allmächtige des Teufels große
Schlechtigkeit so gut zu benutzen weiß. Denn er hat ihm nicht
etwa die Versuchung der Heiligen ganz unmöglich gemacht, sondern
ihn nur aus ihrem inneren Menschen, wo der Glaube an Gott zu Hause
ist, verbannt, damit sein äußerer Ansturm dem Fortschritt
ihrer Heiligung diene, und hat ihn in denen, die zu seiner Sippschaft
gehören, gebunden, damit er nicht, wenn er seine ganze Bosheit
ausschüttete und wirken ließe, die ungezählten Schwachen,
die seine Kirche mehren und füllen sollen und teils schon gläubig
sind, teils noch glauben werden, vom frommen Glauben abtrünnig
mache oder abschrecke. Er wird ihn aber am Ende freilassen, damit
der Gottesstaat staunend erkenne, welch mächtigen Gegner er
überwunden hat, und seinen Erlöser, Helfer und Retter
lobpreisend verherrliche. Wie könnten wir uns mit jenen Heiligen
und Gläubigen der Endzeit vergleichen? Denn zu ihrer Bewährung
wird der furchtbare Feind losgelassen, mit dem wir, obschon er noch
gebunden ist, nur unter schweren Gefahren kämpfen. Doch gab
und gibt es zweifellos auch im gegenwärtigen Zeitalter so kluge
und tapfere Streiter Christi, daß sie, auch wenn sie zur Zeit
der Freilassung des Teufels lebten, allen seinen Nachstellungen
und Angriffen mit höchster Weisheit aus dem Wege gehen und
mit höchster Geduld standhalten würden.
Diese Bindung des Teufels geschah aber nicht etwa nur damals, als
die Kirche sich außerhalb Judäas in immer neuen Völkern
auszubreiten anfing, sondern findet auch jetzt noch statt und wird
stattfinden bis zum Ende der Weltzeit, da er freigelassen werden
soll. Denn auch jetzt bekehren sich Menschen vom Unglauben, in dem
er sie zu eigen besaß, zum Glauben, und so wird es ohne Zweifel
bis zu jenem Ende weiter gehen. Jeder einzelne aber erlebt diese
Fesselung des Starken dann, wenn er ihm wie ein Stück seines
Hausrats entrissen wird, und der Abgrund, in dem er eingeschlossen
ist, verschwindet nicht etwa mit dem Tode derer, die damals lebten,
als die Einschließung begann. Sondern andere, die weiterhin
geboren werden und ebenfalls die Christen hassen, traten und treten
bis zum Weltende an ihre Stelle, und auch in ihren blinden und finsteren
Herzen wird er wie in einem Abgrunde täglich eingeschlossen.
Ob aber auch in jenen letzten drei Jahren und sechs Monaten, wenn
er losgelassen mit allen Kräften wütet, sich noch ein
Ungläubiger zum Glauben kehren wird, das scheint zunächst
fraglich. Denn wie will man in diesem Fall das Wort aufrecht halten:
Wer kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat
rauben, der nicht zuvor den Starken gebunden hat, wenn ihm
auch in seiner Freiheit etwas entrissen werden kann? So scheint
dieser Ausspruch zu der Annahme zu nötigen, daß in jener
allerdings nur kurzen Zeit niemand zum Christenvolk hinzukommen,
sondern der Teufel nur mit den Christen, die er dann vorfindet,
kämpfen wird; und gewiß mögen dann einige von ihm
besiegt werden und sich ihm beigesellen, aber nicht die, welche
zur vorherbestimmten Zahl der Gotteskinder gehören. Denn nicht
umsonst sagt derselbeApostel Johannes, der auch das Buch der Offenbarung
schrieb, in seinem Briefe von einigen Leuten: Sie sind von
uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns, denn wenn sie von
uns gewesen wären, so wären sie auch bei uns geblieben.
Aber was wird dann aus den kleinen Kindern? Denn es ist doch nicht
zu glauben, daß es beim Anbruch jener Zeit keine bereits geborenen,
aber noch nicht getauften Christenkinder geben sollte, oder daß
nicht auch in jenen Tagen christlichen Eltern Kinder geboren werden
sollten, oder daß sie dann nicht von den Eltern irgendwie
zum Bad der Wiedergeburt gebracht werden könnten. Geschieht
das aber, wie können dann dem losgelassenen Teufel jene Geräte
entrissen werden, in dessen Haus doch niemand zum Raub des Hausrats
eindringen kann, der ihn nicht zuvor gebunden hat? So muß
man glauben, daß es auch in jener Zeit weder an solchen fehlen
wird, die von der Kirche abfallen, noch an solchen, die zu ihr hinzukommen.
Sondern es wird tapfere Eltern geben, die für die Taufe ihrer
Kleinen sorgen, und auch Neugläubige, die jenen Starken, auch
wenn er nicht gebunden ist, besiegen, die wachsam auf der Hut sind
vor ihm, wenn er wie nie zuvor mit allen Listen sie umgarnt und
mitallen Kräften bedrängt, die tapfer standhalten und
so trotz seiner Freiheit ihm entrinnen.
Deswegen bleibt der evangelische Ausspruch: Wer kann in das
Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, der nicht
zuvor den Starken gebunden hat? doch wahr. Denn in Übereinstimmung
mit ihm wird folgende Ordnung innegehalten: Zuerst ward der Starke
gebunden und sein Hausrat geraubt und weit und breit in allen Völkern
aus Starken und Schwachen die Kirche dermaßen groß gemacht,
daß sie nun im Gedanken an all das, was göttlich vorhergesagt
und erfüllt wurde, durch kraftvollen Glauben dem Teufel auch
in seiner Freiheit noch Hausgerät rauben kann. Freilich wird,
es ist nicht zu leugnen, die Liebe vieler erkalten, wenn die Bosheit
überhand nimmt, und werden viele, die nicht im Buch des Lebens
verzeichnet stehen, den ungewohnten und furchtbaren Verfolgungen
und Ränken des losgelassenen Teufels erliegen, aber ebenso
werden, daran muß man festhalten, nicht nur die guten Gläubigen
jener Endzeit, sondern auch manche, die bis dahin draußen
standen, mit Gottes Gnadenhilfe durch die Betrachtung der Schrift,
die ja unter anderem auch jenes Ende vorausgesagt hat, das man nun
herankommen sieht, um so stärker werden, das bisher nicht Geglaubte
zu glauben, und um so tapferer, auch den nicht gefesselten Teufel
zu besiegen. Wenn das eintrifft, wird man sagen müssen, daß
die Bindung des Teufels darum vorherging, damit später sowohl
der Gebundene als auch der Losgelassene beraubt werde, denn im Hinblick
darauf ward das Wort gesagt: Wer kann in das Haus des Starken
eindringen und seinen Hausrat rauben, der nicht zuvor den Starken
gebunden hat? |