Vernichtung der Kulaken (Kolakowski)

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Die Vernichtung der Kulaken

Im Jahre 1928 verkündete Stalin, daß der Klassenkampf sich mit jedem Sieg des Kommunismus immer mehr verschärfen werde und der Widerstand der Ausbeuter ständig wachse. Diese Entdeckung war während des folgenden Vierteljahrhunderts die theoretische Begründung für sämtliche Repressionen, Massaker und Verfolgungen sowohl in der Sowjetunion wie auch später in den ihr unterworfenen Ländern.

Auf diese Weise begann die massenhafte Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft - wahrscheinlich der größte Krieg, den ein Staat jemals in der Geschichte gegen die eigene Bevölkerung geführt hat. Versuche, Zwang nur maßvoll anzuwenden, führten zu keinen Ergebnissen. Ende 1929 beschloß Stalin, zur sofortigen Kollektivierung überzugehen. Es begann die massenhafte "Liquidation der Kulaken als Klasse".

Als einige Monate später, im März 1930, die katastrophalen Resultate seiner Politik sichtbar wurden - die Bauern schlachteten ihr Vieh und vernichteten Getreide -, legte Stalin vorübergehend eine langsamere Gangart ein und veröffentlichte einen Artikel "Schwindelerregende Erfolge“, in dem er kritisierte, daß gewisse Parteifunktionäre übereifrig und übereilt vorgegangen seien und das "Prinzip der Freiwilligkeit“ bei der Organisierung von Kolchosen verletzt hätten.

Der Artikel rief im Partei- und Polizeiapparat Unsicherheit hervor, und dadurch kam es in großem Maßstab zur Selbstauflösung der Kolchosen; es stellte sich heraus, daß es keinen Ausweg mehr gab. Man kehrte unverzüglich zur Politik der massenhaften Kollektivierung zurück. Was dann kam, war die Hölle. Hunderttausende und schließlich Millionen von Bauern, die man willkürlich als "Kulaken“ bezeichnete, wurden nach Sibirien und in andere verlassene Landstriche verfrachtet, verzweifelte Aufstände auf dem Land wurden blutig von Armee und Polizei niedergeschlagen, ein unbeschreibliches Chaos, Elend und Hunger überzogen das Land. Es kam vor, daß ganze Dörfer deportiert wurden, ganze Dörfer an Hunger starben; bei den überstürzt organisierten Deportationen gingen Massen von Menschen an der Kälte, den Entbehrungen und dem Terror zugrunde; bis aufs Skelett heruntergekommene Menschen schleppten sich durchs Land und flehten vergebens um Erbarmen; es kam zu Fällen von Kannibalismus.

Um zu verhindern, daß die ausgehungerten Bauern in die Städte flüchteten, führte man rasch ein Paßsystem ein: Unter Androhung von Gefängnis durfte niemand ohne Paß seinen Wohnort verlassen. An die Bauern wurden keine Pässe ausgegeben, und so bildeten sie eine Masse von fronpflichtigen Untertanen, die unter den schlimmsten feudalen Verhältnissen an die Scholle gebunden waren. (Dieses System wurde bis zu den siebziger Jahren (1970er) nicht aufgehoben.) Die Konzentrationslager füllten sich mit neuen Massen von Gefangenen, die zu Zwangsarbeit verurteilt worden waren.

Mit diesem ganzen Vorgang, der die Bauernschaft vernichtete und zwangsweise in Kollektivwirtschaften hineintrieb, wollte man ein Höchstmaß an Sklavenarbeit aus der Bevölkerung herauspressen, um es für die Entwicklung der Industrie zu verwenden. Das unmittelbare Resultat war ein Niedergang der sowjetischen Landwirtschaft, von dem diese sich trotz zahlloser Reorganisationen und Reformen bis heute nicht erholt hat. Bei Stalins Tod, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Beginn der massenhaften Kollektivierung, lag die Getreideerzeugung pro Kopf der Bevölkerung noch immer unter dem Stand von 1913, doch wurden nahezu während der gesamten Zeit trotz des Elends und der Hungersnot große Mengen landwirtschaftlicher Produkte, wo es nur möglich war, exportiert, um die Industrie mit Mitteln zu versorgen. Das Grauen und die Unmenschlichkeit dieser Jahre lassen sich selbst durch die Zahlen der vernichteten Menschenleben nicht wiedergeben; die vielleicht treffendste Schilderung der Kollektivierung enthält der postum erschienene Roman Wassilij Grossmans "Alles fließt“. Auszug aus "Alles fließt“ (S. 146 - 157):

,Stalin hat verboten, mit Gewalt in die Kolchosen zu treiben.’ Erklärungen auf Fetzen Zeitungspapier: "Verlasse die Kolchose, werde Einzelbauer!“ Und dann begann man wieder in die Kolchosen zu treiben. Das, was von den Entkulakisierten geblieben ist, wird zum größten Teil gestohlen.

Dachten wir, es gebe nichts Schlimmeres als das Kulakenschicksal, hatten wir uns getäuscht! Auf die Dorfbewohner ging das Beil nieder, wie sie da standen, auf groß und klein.

Hinrichtung durch Hunger.

Damals habe ich schon nicht mehr Böden geschrubbt, sondern war Rechnungsführer. Und man schickte mich als Ak­tivistin in die Ukraine, zur Befestigung der Kolchose. Bei denen dort, erklärte man uns, ist der Geist des Privat­eigentums stärker als in der RSFSR. Es stimmte, bei ihnen ging es noch schlimmer zu als bei uns. Man hat mich nicht sehr weit geschickt, es dauerte nicht einmal drei Stunden - wir lagen auf der Grenze zur Ukraine. Eine schöne Landschaft. Ich kam dort an - Menschen wie überall. Und ich wurde Rechnungsführer bei ihnen in der Verwaltung. Ich wußte überall Bescheid. Der Alte hatte mich wohl nicht umsonst Minister genannt. Das sage ich nur dir, weil es, wenn ich es dir sage, genau so ist, als würde ich es zu mir selbst sagen, gegenüber einem Fremden aber würde ich mich niemals selbst loben. Die ganze Rechnungsführung hatte ich ohne Papier im Kopf. Und wenn Instruktion war oder wenn unsere Troika beriet oder wenn die Leitung Wodka trank, hörte ich immer zu.

Wie es gewesen ist? Nach der Entkulakisierung sind die Ackerflächen sehr geschrumpft, und der Ertrag wurde ge­ring. Aber nach oben meldete man, daß ohne die Kulaken unser Leben gleich aufgeblüht sei. Der Dorfsowjet lügt in den Rajon, der Rajon in das Gebiet, das Gebiet nach Mos­kau. Alles wie es sich gehört: die Zentrale an die Gebiete, die Gebiete an die Rajons. Und wir im Dorf bekamen den Beschaffungsauftrag - der ist in zehn Jahren nicht zu erfüllen! Im Dorfsowjet haben auch die, die nicht tranken, sich vor Angst übersoffen. Moskau hat offenbar am mei­sten auf die Ukraine gesetzt. Auf die Ukraine gab es nach­her auch den größten Haß. Das alte Lied - bringst du das Soll nicht, bist du selbst ein noch nicht erledigter Kulake. Natürlich war die Ablieferungspflicht nicht zu erfüllen - die Ackerflächen sind geschrumpft, der Ertrag ist ge­schrumpft, woher soll man sie nehmen, die Flut von Kolchoskorn? Also habt ihr es versteckt! Kulakenrest, Tagediebe. Die Kulaken sind beseitigt worden, aber der Kulakengeist ist geblieben. Herr im Kopf des Chochol[1]1 ist das Privateigentum.

Wer hat den Massenmord unterschrieben? Ich denke oft - war es Stalin? Ich denke, einen solchen Befehl hat es so­lange Rußland steht, noch nicht gegeben. Einen solchen Befehl haben nicht einmal die deutschen Besatzer unter­schrieben, auch nicht die Tataren, geschweige denn der Zar. Und der Befehl ist - die Bauern in der Ukraine ausrotten, am Don, an der Kuban, sie ausrotten, einschließ­lich der kleinen Kinder. Die Anweisung lautet, alles weg­nehmen, auch alles Saatgut. Das Korn wurde gesucht, als sei es kein Brot, sondern Bomben, Maschinengewehre. Die Erde wurde mit Bajonetten zerstochert, mit Putzstöcken, alle Keller wurden umgegraben, alle Böden aufgebrochen, in den Gemüsegärten wurde gesucht.

Bei manchen nahm man das Korn weg, das in den Häusern war - in den Töpfen, in Trögen. Einer Frau nahm man das gebackene Brot weg, lud es auf das Fuhrwerk und brachte es auch ins Rajon. Tag und Nacht knarrten die Fuhrwerke, der Staub hing über dem ganzen Land, aber Getreidespeicher gab es nicht, man schüttete das Korn auf die Erde und rundherum patrouillieren Wachen. Auf den Winter zu wurde es dann vom Regen naß, begann zu brennen - die Sowjetmacht hatte nicht genug Planen, um das Brot der Bauern abzudecken.

Ja, als man das Korn aus den Dörfern zusammenbrachte, erhob sich rundum Staub, wie Rauch, der Rauch hüllte alles ein: das Dorf, das Feld und nachts den Mond. Einer ist verrückt geworden: ,Es brennt, der Himmel brennt, die Erde brennt!’ Er schreit! Nein, der Himmel brannte nicht, es war das Leben, das brannte.

Damals habe ich begriffen: das erste für die Sowjetmacht - der Plan. Erfüll den Plan! Du hast die Zuweisung abzuliefern! Erst - der Staat. Die Menschen aber - Nullen, nicht einmal Striche.

Die Väter und Mütter wollten ihre Kinder retten, nur ein wenig Brot verstecken, dafür sagt man ihnen: ,Ihr haßt das Land des Sozialismus, ihr wollt den Plan über den Haufen werfen, Tagediebe, Helfershelfer der Kulaken, Schlangen­brut.’ Wir wollen den Plan nicht über den Haufen werfen, die Kinder wollen wir retten, uns selbst retten. Die Men­schen müssen doch essen.

Ich kann wohl alles erzählen, nur wenn man erzählt - das sind Worte, und das da ist das Leben, die Qual, der Hun­gertod. Übrigens hatte man dem Aktiv erklärt, als man das Korn wegnahm, daß die Bauern aus den Fonds versorgt würden. Das war eine Lüge. Die Hungrigen bekamen nicht ein einziges Körnchen.

Wer das Brot wegnahm? Zum Großteil die eigenen Leute: aus dem Rajon-Exekutivkomitee, aus dem Rajonkomitee, na und die Komsomolzen, die eigenen jungen Leute, die Burschen, natürlich die Miliz, das NKWD, hier und dort gab es auch Militär, einen einberufenen Moskauer habe ich gesehen, aber er war nicht eifrig, bemühte sich ständig wegzukommen. Und wieder, wie bei der Entkulakisierung, sind die Menschen alle wie rasend, vertiert. Grischa Sajenko, zum Beispiel, der Milizmann, war mit einem Mädchen aus dem Dorf verheiratet und kam an Festtagen, um zu feiern, fröhlich war er und tanzte gut Tango und Walzer und sang ukrainische Dorflieder. Jetzt trat ein weißhaariges Großväterchen auf ihn zu und sagte: ,Grischa, ihr macht uns alle zu Bettlern, das ist schlimmer als Mord. Warum tut die Arbeiter- und Bauernmacht der Bauernschaft so etwas an, was nicht einmal der Zar gemacht hat?’ Grischa versetzte ihm einen Schlag, und dann ging er zum Brunnen, sich die Hände zu waschen, sagte den Leuten: ,Wie soll ich einen Löffel in die Hand nehmen, wenn ich diese Parasitenfresse berührt habe.’

Der Staub - Tag und Nacht dieser Staub, solange die Korntransporte fuhren. Der Mond - ein Stein, der den halben Himmel bedeckt, und von diesem Mond scheint alles irr, und es ist heiß nachts wie unter einem Schaffell, und das Feld ist zertreten und zerfahren, schrecklich wie eine Hinrichtung.

Und die Menschen sind irgendwie verloren, und das Vieh ist irgendwie irr, scheut, brüllt, klagt, und die Hunde heul­ten ganze Nächte hindurch. Und die Erde riß. So, und dann kam ein regenloser Herbst und dann ein schneereicher Winter. Und Brot gibt es nicht. Im Rajonzentrum kann man keins kaufen, wegen dem Kar­tensystem. Und im Kiosk an der Bahnstation kriegt man auch keins - die bewaffneten Wachmannschaften lassen einen nicht ran. Kommerzbrot gibt es nicht. Im Herbst stürzen sich alle auf die Kartoffeln. Die gingen schnell weg, weil kein Brot da war. Um Weihnachten herum fing man dann an, das Vieh zu schlachten. Aber das Fleisch liegt auf den Knochen, dürr. Die Hühner haben natürlich alle schon vorher dran glauben müssen.

Das Fleisch war schnell auf­gegessen, jetzt war kein Schlückchen Milch da, im ganzen Dorf kann man kein Ei auftreiben. Und die Hauptsache - kein Brot. Das Brot hatte man dem Dorf weggenommen, bis zum letzten Korn. Sommerkorn kann man nicht säen, das Saatgut hatte man bis aufs Körnchen mitgenommen. Die ganze Hoffnung ist die Wintersaat. Die ist noch unter dem Schnee, Frühling noch nicht in Sicht, und das Dorf geht in den Hunger. Das Fleisch ist weg, von der Hirse, die noch da war, werden die letzten Reste aufgegessen, wer eine große Familie hat, sitzt ohne Kartoffeln da. Dann kam das Grauen.

Die Mütter schauen die Kinder an und schreien vor Angst. Schreien, als sei eine Schlange ins Haus gekrochen. Und diese Schlange ist - Hunger, Tod. Was tun? Die Dorfbewohner haben nur einen Gedanken - was könnte man essen? Es zieht, die Kiefer verkrampfen sich, es sammelt sich Spucke, die schluckst du herunter die ganze Zeit, aber von Spucke wirst du nicht satt. Nachts wachst du auf, rundum Stille, kein Gespräch, kein Akkordeon. Wie im Grab. Nur der Hunger geht um, schläft nicht. Frühmorgens fangen die Kinder an zu weinen - betteln um Brot. Und was soll die Mutter ihnen geben - Schnee? Und niemand hilft. Die Parteileute haben nur eine Antwort: ,Ihr hättet arbeiten sollen, nicht herumfaulenzen.’ Und dann gab es noch eine Antwort: "Sucht mal bei euch selber, in eurem Dorf hat man Korn für drei Jahre vergraben.“

Aber im Winter gab es den richtigen Hunger noch nicht. Natürlich, die Menschen sind schlaff geworden, die Bäuche haben sich von den Kartoffelschalen aufgebläht, aber Gedunsene gab es noch nicht. Sie begannen Eicheln unter dem Schnee hervorzugraben, trockneten sie, und der Müller hat seine Mühlsteine weiter gestellt, mahlte die Eicheln zu Mehl. Aus dem Eichelmehl backten sie Brot, genauer gesagt Fladen. Sie sind sehr dunkel, dunkler als Roggenbrot. Einige gaben Kleie oder geriebene Kartoffelschalen dazu. Die Eicheln waren bald zu Ende - das Eichenwäldchen war klein und drei Dörfer stürzten auf einmal hin. Damals kam ein Bevollmächtigter aus der Stadt und sagte im Dorfsowjet: ,Schaut euch die Parasiten an, mit bloßen Händen wühlen sie Eicheln aus dem Schnee, nur um nicht zu arbeiten.’ Die älteren Klassen gingen fast bis zum Frühling in die Schule, die jüngeren aber hatten schon im Winter damit aufgehört.

Und im Frühling wurde die Schule geschlossen - die Lehrerin fuhr in die Stadt. Auch der Wundarzt ver­ließ die Medizinstation: es gab nichts mehr zu essen. Was sollte es auch? Hunger kann man doch nicht mit Medi­kamenten kurieren. Das Dorf blieb allein - rundum Wüste, und in den Häusern die Hungrigen. Die verschiedenen Funktionäre aus der Stadt hatten auch aufgehört hinzufah­ren - wozu hinfahren? Von den Hungrigen kann man nichts holen, also ist es nicht nötig hinzufahren. Heilen braucht man sie nicht, lehren auch nicht. Wenn die Macht nichts mehr vom Menschen holen kann, wird er nutzlos. Wozu sollte man ihn lehren und heilen?

Sie sind allein geblieben, der Staat ist von den Hungrigen zurückgetreten. Die Menschen fingen an, durch die Dörfer zu wandern, untereinander zu betteln, Bettler bei Bettlern, Hungrige bei Hungrigen. Wer weniger Kinder hatte oder wer allein war, der besaß im Frühling noch etwas, bei dem bettelten dann die Kinderreichen. Und manchmal bekamen sie eine Handvoll Kleie oder ein paar Kartoffeln. Die Par­teileute gaben nichts - nicht etwa aus Geiz oder Böswilligkeit, Angst hatten sie. Und der Staat gab den Hungrigen nicht ein Körnchen, dabei - was ist er ohne das Korn der Bauern? Wußte Stalin wirklich davon? Die Alten erzählten: Hunger gab es auch unter Nikolaj[2] - doch man half immer­hin, gab Kredite,, und in den Städten konnten die Bauern um Christi willen betteln, Küchen wurden aufgemacht, und die Studenten machten Spendensammlungen.

Unter der Ar­beiter- und Bauernregierung aber gibt es nicht ein Körn­chen, auf allen Straßen Absperrungen und Militär, Miliz, NKWD: lassen die Hungrigen nicht raus aus den Dörfern, an die Stadt kommst du nicht ran, Bewachung rund um die Bahnstation, die kleinsten Stationen noch werden bewacht. Wir haben, ihr Ernährer, kein Brot für euch. In der Stadt aber bekamen die Arbeiter auf Lebensmittelkarten achthundert Gramm - Mein Gott, kann man sich das vor­stellen - so viel Brot - achthundert Gramm! Den Dorf­kindern jedoch nicht ein Gramm. Genau wie die Deutschen, die die Judenkinder im Gas erstickt haben - ihr sollt nicht leben, ihr seid Juden. Und das ist überhaupt nicht zu verstehen: hier Sowjetmenschen - und auch hier Sowjet­menschen, sowohl hier Russen - als auch da Russen, Arbei­ter- und Bauernmacht, und wofür dieses Massensterben? Als dann der Schnee anfing zu tauen, trat das Dorf bis zum Hals in den Hunger.

Die Kinder schreien, schlafen nicht: auch nachts betteln sie um Brot. Die Menschen haben Gesichter wie Erde, die Augen trübe, trunken. Schläfrig gehen sie umher, mit dem Fuß betasten sie die Erde, mit der Hand halten sie sich an der Wand. Sie torkeln, das macht der Hunger. Immer we­niger gehen, immer mehr liegen. Und dauernd hören sie: ein Wagenzug knarrt, Stalin läßt Mehl aus dem Rajonzentrum schicken - die Kinder zu retten.

Die Weiber waren widerstandsfähiger als die Männer, klam­merten sich verbissener ans Leben. Obwohl sie mehr abbekamen - Kinder betteln bei den Müttern. Einige Frauen beschwichtigen, küssen die Kinder: "Schreit doch nicht, seid brav, woher soll ich es denn nehmen?“ Andere werden wie tollwütig: Jaul nicht, ich schlag dich tot!’, und sie schlugen sie mit allem, was ihnen unter die Hand kam, damit sie nur aufhörten zu betteln. Andere liefen aus dem Haus, saßen bei den Nachbarn, um das Schreien der Kinder nicht zu hören.

Zu dieser Zeit gab es schon keine Katzen und Hunde mehr - sie waren alle umgebracht. Es war auch schwer, sie zu fangen - sie scheuten die Menschen, hatten wilde Augen bekommen. Man kochte sie, nur noch trockene Sehnen, aus den Köpfen kochte man Sülze.

Der Schnee war geschmolzen, und die Menschen begannen anzuschwellen, der Hunger schwemmte sie auf - gedunsene Gesichter, Beine wie Kopfkissen, Wasser im Bauch, die ganze Zeit urinieren sie - schaffen es kaum auf den Hof hinauszugehen. Und die Bauernkinder! Hast du gesehen, in der Zeitung haben sie es abgedruckt - die Kinder in den deutschen Lager? Ebenso hier: Köpfe so schwer wie Ka­nonenkugeln, Hälse, dünn wie die von Störchen, an den Armen und Beinen kann man sehen, wie jedes Knöchelchen sich unter der Haut bewegt, wie die paarigen zusammen­laufen, das ganze Skelett ist mit Haut wie mit gelber Gaze überzogen. Die Gesichter der Kinder sind alt, als hätten die kleinen schon siebzig Jahre dieser Welt hinter sich, und gegen Frühling waren es schon keine Gesichter mehr: hier ein Vogelköpfchen mit einem Schnäbelchen, dort ein Froschmäulchen - die Lippen dünn, breitgezogen, und das da, wie ein Gründling - der Mund steht offen. Menschen­gesichter waren das nicht. Und die Augen, o Herr! Genosse Stalin, mein Gott, hast du diese Augen gesehen? Vielleicht hat er wirklich nichts gewußt, er hat doch den Artikel von den schwindelerregenden Erfolgen geschrieben.

Was aß man nicht alles - Mäuse haben sie gefangen, Rat­ten gefangen, Ottern, Spatzen, Ameisen, sie gruben Re­genwürmer aus der Erde, Knochen wurden zu Mehl gemah­len, Leder, Sohlen, alte stinkige Felle zu Nudeln geschnit­ten, Leim herausgekocht. Und als das Gras kam, fingen sie an, Wurzeln zu graben, Knospen, Blätter zu kochen - al­les wurde verarbeitet: Löwenzahn und Klette und Glocken­blume und Feuerkraut, Bär- und Wolfswurz, Brennessel, Mauerpfeffer. Sie trockneten Lindenblätter, zerrieben sie zu Mehl, aber bei uns wuchsen nicht viele Linden. Die Lindenfladen sind grün - schlechter als die von Eicheln. Und keine Hilfe! Damals bettelten sie schon nicht mehr! Noch jetzt werde ich wahnsinnig, wenn ich daran denke - hat Stalin die Menschen wirklich aufgegeben? Er hat sich auf einen so furchtbaren Mord eingelassen. Stalin hatte doch Brot. Also sind die Menschen absichtlich durch Hunger ermordet worden. Sie wollten den Kindern nicht helfen. War Stalin etwa schlimmer als Herodes? Hat er etwa Brot und Korn weggenommen und dann die Menschen durch Hunger umgebracht? Nein, denke ich. Nein, das kann nicht sein.

Und dann denke ich: doch es war so, es war so! Und gleich darauf - nein, das kann nicht gewesen sein. Als sie noch nicht völlig entkräftet waren, gingen sie über die Felder zur Eisenbahn, nicht zur Station, an die ließ einen die Bewachung nicht ran, sondern direkt an die Strecke. Wenn der Schnellzug Kijew-Odessa vorbeifährt, werfen sie sich auf die Knie und schreien: ,Brot, Brot!’ Einige heben ihre furchtbaren Kinder in die Höhe. Und es kam vor, daß die Leute Brotstücke hinauswarfen, allerlei Reste. Der Zug ist vorbeigedonnert, der Staub hat sich gelegt, und das ganze Dorf kriecht auf allen vieren an der Strecke entlang, sucht nach den Brotkrusten. Aber dann kam ein Erlaß heraus: wenn der Zug durch die Hunger­gebiete fuhr, schloß die Bewachung die Fenster und ließ die Rollos herunter. Die Passagiere durften nicht an die Fenster heran. Ja, auch die Dorfbewohner hatten aufgehört hinzugehen - hatten keine Kraft mehr, aus dem Haus in den Hof zu kriechen, geschweige denn an die Geleise zu kommen.

Ich weiß noch, wie ein Alter einmal dem Vorsitzenden einen Zeitungsfetzen gebracht hat, er hat ihn an den Geleisen aufgelesen. Und da stand ein Artikel, ein Franzose war gekommen, ein berühmter Minister, man brachte ihn ins Dnjepropetrowsker Gebiet, wo das Sterben am schlimmsten wütete, noch schlimmer als bei uns, dort haben die Men­schen Menschen gefressen, und da bringt man ihn in ein Dorf, in einen Kolchos-Kindergarten, und er fragt: ,Was habt ihr heute zu Mittag gegessen?’ Und die Kinder antworten: .Hühnersuppe mit Piroggen und Reispuffer.’ Ich habe es selbst gelesen, ich sehe ihn vor mir, diesen Zei­tungsfetzen. Was heißt das? Sie bringen also still und heimlich Millionen um und belügen die ganze Welt! Hühnersuppe schreiben sie! Reispuffer! Und hier sind alle Regenwürmer aufgegessen worden. Und der Alte sagte zum Vorsitzenden: .Unter Nikolaj haben die Zeitungen wegen der Hungersnot in alle Welt hinausgeschrieben: "Helft, die Bauernschaft geht zugrunde!“ Und ihr, ihr Scheusale, spielt Theater.

Das Dorf heulte los, sah den Tod. Das ganze Dorf heulte - nicht aus dem Kopf, nicht aus der Seele, sondern wie Laub rauscht, wenn der Wind anhebt, oder wie Stroh singt. Und damals wurde ich wütend - was heulen die so kläglich, es sind keine Menschen mehr und heulen so kläglich. Man muß aus Stein sein, um dieses Heulen zu hören und seine Brotration zu verspeisen. Manchmal gehe ich mit der Ration aufs freie Feld hinaus und höre noch: sie heulen. Dann gehst du weiter, da, es ist schon ganz leise geworden, gehst noch ein Stück: und du hörst es wieder - das ist schon das Nachbardorf, das heult. Und es scheint - die ganze Erde heult los, zusammen mit den Menschen. Es gibt keinen Gott, wer soll es hören?

Einer vom NKWD sagte mal zu mir: "Weißt du, wie man im Gebiet eure Dörfer nennt: Friedhof der strengen Schule.“ Aber ich habe diese Worte damals nicht verstanden. Und was für ein herrliches Wetter war damals! Anfang Sommer gab es schnelle, leichte Regenschauer, Regen und dann heiße Sonne, und der Weizen stand deshalb wie eine Mauer, reif für eine Axt, und hoch, übermannshoch. An Regenbögen habe ich mich in diesem Sommer sattgesehen, wie viele Gewitter und wieviel warmer Regen, Zigeuner­regen.

Im Winter hatten alle gerätselt, ob es eine Ernte geben werde, hatte man die Alten gefragt, die Regeln aufgezählt - die ganze Hoffnung war der Winterweizen. Und die Hoff­nungen haben sich erfüllt, aber mähen konnte keiner mehr. Ich kam in ein Haus. Die Menschen liegen da, atmen sie noch oder nicht mehr, der eine auf dem Bett, der andere auf dem Ofen, und die Tochter, ich habe sie gekannt, liegt am Boden, irrsinnig, nagt am Bein eines Hockers. Und furchtbar war - sie hatte gehört, daß ich hereingekommen war, aber sie schaute sich nicht um, knurrte nur, wie ein Hund knurrt, wenn er am Knochen nagt und man ihm nahekommt.

Das große Sterben brach an im Dorf. Erst die Kinder, die Alten, dann die mittleren Jahrgänge. Anfangs grub man sie noch ein, dann nicht mehr. Die lagen einfach auf den Straßen, in den Höfen herum, und die letzten blieben in den Häusern liegen. Es war still geworden. Das ganze Dorf - gestorben. Wer zuletzt starb, weiß ich nicht. Uns, die wir in der Verwaltung gearbeitet haben, hat man in die Stadt gebracht.

Erst kam ich nach Kijew. In diesen Tagen hatte man gerade begonnen, Kommerzbrot auszugeben. Was war da los? Schlangen von einem halben Kilometer schon vom Abend an. Weißt du, es gibt verschiedene Arten von Schlangen - in der einen stehen sie, scherzen, knacken Sonnenblumen­kerne, in der anderen schreibt man Nummern auf einen Zettel, in der dritten, wo nicht gescherzt wird, schreibt man sie auf die Handfläche oder mit Kreide auf den Rücken. Hier aber waren besondere Schlangen - solche habe ich nie mehr gesehen: die Menschen umfassen einander an der Taille und stehen einer an den anderen gepreßt. Wenn einer stolpert, schwankt die ganze Schlange, als ob eine Welle hindurchläuft. Und es geht los, wie ein Tanz - hierhin, dorthin. Und immer stärker. Sie haben Angst, daß die Kraft nicht langt, sich an den Vordermann zu klammern, und daß die Hände aufgehen könnten - und vor Angst fangen die Frauen an zu schreien, und so heult die ganze Schlange, und es scheint, daß sie alle verrückt geworden sind und singen und tanzen. Oder aber irgendwelche Luder versuchen in die Schlange hineinzukommen: schauen, wo die Kette am leichtesten einzureißen ist. Und wenn die Luder sich nähern, heulen wieder alle vor Angst, und es scheint, sie singen. In den Kommerzbrot-Schlangen stand die Stadtbevölkerung - Kartenlose[3], Parteilose, Handwerker und Vorstädter.

Und die Bauernschaft kriecht aus dem Dorf. Die Bahnhöfe sind umstellt, alle Züge werden durchsucht. Alle Straßen sind abgeriegelt - Militär, NKWD, und doch kommen sie nach Kijew - sie kriechen über die Felder, übers Neuland, durch die Moore und Wäldchen, um die Straßensperren zu umgehen. Du kannst nicht die ganze Erde abriegeln. Sie gehen schon nicht mehr, kriechen nur. Das Volk eilt seinen Geschäften nach: der eine zur Arbeit, der andere ins Kino, Straßenbahnen fahren, und unterm Volk kriechen die Hung­rigen - Kinder, Männer, Mädchen, und es scheint - das sind nicht Menschen, irgendwelche Hündchen oder garstige Kätzchen, auf allen vieren. Aber das will noch wie ein Mensch, schämt sich, ein Mädchen kriecht wie ein Affe da­her, aufgedunsen: winselt und zieht sich doch den Rock zurecht, schämt sich, steckt Haarsträhnen unters Kopftuch - ein Bauernmädel, zum erstenmal in Kijew. Aber das sind die Glücklichen, die so weit kamen, einer von zehntausend. Und doch gibt es keine Rettung - da liegt ein Hungriger auf dem Boden, zischt, bittet, essen aber kann er nicht, das Brotstück liegt neben ihm, er sieht schon nichts mehr, ver­endet.

Morgens fuhren die Pritschenwagen, Kaltblutpferde, sammelten die in der Nacht Gestorbenen auf. Ich habe einen Pritschenwagen gesehen - auf ihm waren Kinder gestapelt. So wie ich gesagt habe - sie sind dünn, lang, die Gesichtchen wie die von toten Vögelchen, spitze Schnäbelchen. Sind die Piepmätze bis nach Kijew geflogen, was nutzt es. Und es gab unter ihnen welche, die piepsten noch, ihre Köpfchen sind prall, baumeln. Ich fragte den Kutscher, der winkte ab: ,Bis ich sie hingebracht habe, sind sie ruhig.' Ich habe gesehen - ein Mädchen kroch über den Gehsteig, ein Straßenfeger trat sie, sie kollerte auf die Fahrbahn. Und sie schaut sich nicht einmal um, kriecht schnell, strengt sich an, woher noch die Kraft. Und klopft sich dabei noch das Kleid ab, ist doch schmutzig geworden, nicht wahr? Ich habe am selben Tag eine Moskauer Zeitung gekauft, einen Artikel von Maxim Gorki gelesen, daß Kinder anspruchsvolles, bildendes Spielzeug benötigen. Hat Maxim Gorki nicht gewußt, daß die Kinder hier von Kaltblütern zum Müllberg gezogen wurden - für sie das Spielzeug? Und vielleicht wußte er es? Und schwieg, wie alle schwiegen. Und schrieb, wie die geschrieben haben, daß die toten Kinder Hühnersuppe essen.

Dieser Kutscher hat mir gesagt: "Die meisten Toten sind dort, wo's Kommerzbrot gibt - der Aufgedunsene ißt ein Stückchen und - fertig.“ Dieses Kijew ist mir in Erinnerung geblieben, obwohl ich dort nur drei Tage gewesen bin. Eins habe ich begriffen. Am Anfang treibt einen der Hun­ger aus dem Haus. Die erste Zeit ist er wie Feuer, brennt, peinigt, reißt am Gedärm und an der Seele - da flüchtet der Mensch halt aus dem Haus. Sie graben nach Würmern, sammeln Gras, sogar bis nach Kijew kamen sie durch, wie du siehst. Nur raus aus dem Haus, nur immer raus aus dem Haus. Und dann kommt ein Tag, da kriecht der Hung­rige in sein Haus zurück. Das bedeutet: der Hunger hat ihn überwältigt, und der Mensch flüchtet nicht mehr, legt sich aufs Lager und bleibt liegen.

Und wenn der Hunger den Menschen einmal überwältigt hat, dann bringst du ihn nicht mehr auf die Beine, und nicht bloß, weil er keine Kraft hat - er hat kein Interesse mehr, will nicht mehr leben. Still liegt er da, laß ihn. Er will nicht mehr essen, der Hungrige, näßt die ganze Zeit und hat Durchfall, und der Hungrige wird müde, laß ihn, es soll nur still sein. Sie liegen, die Hungrigen, und verenden. Das haben auch die Kriegsgefangenen erzählt - wenn ein gefangener Kämpfer sich auf die Pritsche legt, nicht nach seiner Ration greift, heißt das, daß es bald zu Ende ist. Und manche werden vom Wahnsinn befallen. Die beruhigten sich bis zum Schluß nicht mehr.

Verweise


Einzelnachweise

  1. Geringschätzig: Ukrainer
  2. Zar Nikolaus II.
  3. Solche, denen die "bürgerlichen Ehrenrechte" abgesprochen worden sind, oft "Ehemalige", die auch keine Lebensmittelkarten bekamen.