Reichskleinodien

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Die Reichskleinodien

Die Reichskleinodien sind eigentlich die "königlichen Zeichen"[1], die den König "markieren". Da sie darüber hinaus aber aufs engste mit dem Begriff des "Reichs" verbunden sind, ist der Begriff "Reichskleinodien" angemessen.

Die Reichskleinodien bestehen aus zwei Gruppen. Die größere Gruppe sind die sogenannten "Nürnberger Kleinodien". Die kleinere Gruppe, die "Aachener Kleinodien", Stephansbursa, Reichsevangeliar und Säbel Karls des Großen wurden bis zum Jahre 1794 in Aachen aufbewahrt.

Bis in das 15. Jahrhundert hinein hatten die Reichsinsignien keinen festen Aufbewahrungsort und begleiteten manchmal den Herrscher auf seinen Reisen durch das Reich. Vor allem bei Auseinandersetzungen um die Rechtmäßigkeit der Herrschaft war es wichtig, die Insignien zu besitzen. Als Aufbewahrungsorte während dieser Zeit sind einige Reichsburgen oder Sitze zuverlässiger Ministerialen bekannt.

Kaiser Sigismund übertrug der Reichsstadt Nürnberg mit einer am 29. September 1423 datierten Urkunde die Reichskleinodien zu ewiger Verwahrung. Sie trafen am 22. März des folgenden Jahres von der Plintenburg kommend dort ein und wurden in der Kirche des Heilig-Geist-Spitals aufbewahrt. Diesen Ort verließen sie regelmäßig für die Heiltumsweisungen (jährlich am vierzehnten Tag nach Karfreitag) und zu Krönungen.

Geschichtliches

Im Jahre 1146 erwarb Kaiser Heinrich VI. das normannische Reich. Der normannische Kronschatz wurde auf 150 Saumtieren über die Alpen nach Deutschland transportiert. Herrliche Gewänder und das kaiserliche Zeremonienschwert gelangten aus dem kaiserlichen Schatz in die Schatzkammer.

Als 50 Jahre später König Friedrich II. nach Italien aufbrach, um sich in Rom zum Kaiser krönen zu lassen, wollte er die Reichsinsignien nicht durch den risikoreichen Zug nach Italien gefärden. Er überantwortete sie deshalb dem Truchsessen Eberhard von Tanne-Waldburg. Die Reichskleinodien wurden in der Schloßkapelle der Waldburg verwahrt, die von Kriegern streng bewacht wurde. Mönche von Weißenau hielten im Inneren die Ehrenwache.

Etwas später wurde ein erstes Inventar der Reichskleinodien angefertigt. Im Jahre 1424 forderten die Kurfürsten eine ständige und sichere Aufbewahrung der Reichskleinodien. Kaiser Sigismund ließ den Schatz in feierlicher Prozession nach Nürnberg bringen, wo die Spitalkirche zum Aufbewahrungsort bestimmt wurde. Die Kleinodien wurden für die Öffentlichkeit nicht zugänglich in einem Nischenschrank bzw. in einem silbergetriebenen Schrein in der oberen Sakristei aufbewahrt.

Beim Vordringen französischer Truppen 1794 in Richtung Aachen wurden die dort befindlichen Stücke in das Kapuzinerkloster nach Paderborn verbracht. Im Juli 1796 überschritten französische Truppen den Rhein und erreichten kurz danach Franken. Am 23. Juli wurde ein Teil der Reichskleinodien (Krone, Zepter, Reichsapfel, acht Stücke des Ornats) von dem Nürnberger Obersten Johann Georg Haller von Hallerstein aus Nürnberg nach Regensburg transportiert, wo sie am folgenden Tag eintrafen. Am 28. September wurden die restlichen Teile der Kleinodien nach Regensburg überbracht. Seitdem werden Teile des Schatzes vermißt.

Bis 1800 verblieben die Reichskleinodien im Schloß St. Emmeram, von wo am 30. Juni ihre Reise nach Wien begann. Dort ist die Übergabe für den 29. Oktober belegt. Die Stücke aus Aachen wurden 1798 nach Hildesheim gebracht und erreichten Wien erst 1801.

Nach der Rettung der Reichskleinodien nach Wien und der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches wurde von Seiten Nürnbergs und Aachens mehrfach versucht, die Rückführung der Kleinodien an ihre jeweiligen Aufbewahrungsstätten zu erreichen. Dabei wurde von Anfang an mit juristischen, politischen und emotionalen Mitteln gestritten. Dieser Abschnitt soll die Entwicklung der Auseinandersetzungen und die verschiedenen Standpunkte darstellen.

Bereits wenige Tage nachdem Kaiser Franz II. im Jahre 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches niedergelegt hatte, fragte die Stadt Nürnberg beim kaiserlichen Kronkommisär Johann Aloys Josef Freiherr von Hügel, der die Kleinodien nach Wien geflüchtet hatte, an,

"ob die deponierten Gegenstände nunmehr ohne weiteres retourniert werden oder deswegen ein besonderer Antrag erforderlich [sei].“

Hügel ließ daraufhin dem Magistrat mitteilen, daß Nürnberg keine Reichsstadt mehr sei und der ehemalige Kaiser das erteilte Privilieg zu Aufbewahrung der Kleinodien als erloschen ansehe. Die Stadt ließ die Angelegenheit zunächst auf sich beruhen.

Fünfzehn Jahre später, im Jahre 1821, richtete die nunmehr bayerische Stadt eine Bitte an die königlich-bayerische Regierung, Schritte zur Überführung der Kleinodien einzuleiten. Diese lehnte das Ansinnen jedoch aus verschiedenen Gründen ab.

Im Jahre 1828 schlug der Münchner Archivsekretär Klüber vor, ein Gutachten zu erstellen, das die Rückführung der Kleinodien begründen sollte. Dieser Vorschlag wurde dem bayerischen König unterbreitet und positiv beschieden. Die königliche Regierung betrachtete die Sache aber weiterhin als eine Angelegenheit der Stadt Nürnberg. Das Gutachten und ein weiteres des Sekretärs waren aber mangelhaft und konnten durch die vorhandenen Unterlagen der Stadt widerlegt werden, so daß ein anderes Vorgehen diskutiert wurde. So sollte Nürnberg unter anderem mit Hilfe von Beiträgen in vielgelesenen Zeitschriften versuchen, öffentlichen Druck auf Wien auszuüben. Auf Grund verschiedener Schwierigkeiten, wie nicht erstellter juristischer Gutachten, Nichtaktivitäten der Stadt Nürnberg und bürokratischer Kunstgriffe, scheiterte aber auch dieses. Vom Februar 1830 an ruhten die Aktivitäten zur Rückführung für mehr als 28 Jahre. 1827 wurden die Kleinodien erstmalig wieder in der Hofburg öffentlich gezeigt.

Auch das preußisch gewordene Aachen, wo der Säbel Karl des Großen, das Reichsevangeliar und die Stephansbursa bis 1794 verwahrt wurden, bat im Jahre 1816 die preußische Regierung, in Wien auf die Rückführung der Kleinodien hinzuwirken. Diese beschied die Stadt aber, dies in Wien nicht zur Sprache zu bringen, da:

"solche [die Reichskleinodien] niemals ein bestimmtes Eigentum der Stadt Aachen gewesen und zu einer Zeit von dort weggeführt sind, wo Aachen mit dem preußischen Staat noch nicht vereinigt war“

Im Jahre 1834 unternahm die Stadt einen direkten Vorstoß beim österreichischen Kaiser Franz I., die Kleinodien zurückzuführen. Franz I. beauftragte daraufhin seinen Staatskanzler Metternich mit einem Gutachten. Dieses Gutachten, ausgearbeitet von Josef von Werner, kam zur Entscheidung, daß:

"dem bittstellenden Collegialstift ein eigentlicher Rechtsgrund zur Begründung seines Begehrens nicht zur Seite steht, und politische Rücksichten wichtiger Art mir es nicht räthlich erscheinen lassen von dem derzeit behaupteten Rechtsboden abzuweichen.“

Eine ähnliche Bitte aus dem März 1856 wurde auf Grundlage dieses Gutachtens ebenfalls ablehnend entschieden.

Nach der angeblichen "Reicheinigung" 1871 versuchte der preußische König Wilhelm I. vergeblich, in den Besitz der Kaiserkrone und weiterer Kleinodien zu gelangen. So versuchte er, seine falsche Reichsgründung zu legitimieren. Der Kronprinz drohte gar Wien, da dort die Krönungsinsignien "wider Fug und Recht“ aufbewahrt würden.

Bei der Krönung Karls zum König von Ungarn in Budapest 1916 wurde das Reichsschwert dem Krönungszug vorangetragen. 1918 verlangte Italien bei den Pariser Friedensverhandlungen die Kaisergewänder und die Reichskrone, Ungarn den Karlssäbel zu erhalten. Diese Forderungen wurden abgewiesen.

1938 wurden die Reichskleinodien auf Weisung von Adolf Hitler zurück nach Nürnberg gebracht, wo sie in der Katharinenkirche ausgestellt wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie zum Schutz vor Luftangriffen im Historischen Kunstbunker gelagert. Der alliierte Kontrollrat in Berlin entschied dann 1946, daß die Kleinodien vollständig an Österreich zurückgegeben werden sollen. Diese Entscheidung bekräftigte die Haltung der Alliierten, daß der Anschluß Österreichs und somit auch der Ortswechsel der Kleinodien nicht rechtens gewesen war.

In einer Zeremonie wurde der Schatz an Bundespräsident Renner übergeben, der sie im Tresorraum der Wiener Postsparkasse aufbewahren ließ. Anfang der 1950'er Jahre kam der Schatz dann in Schatzkammer in der Hofburg, wo sie bis zum heutigen Tage verblieben.

Kopien der Reichskleinodien

Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Repliken von Teilen der Reichskleinodien angefertigt. So befinden sich heute in Nürnberg, Aachen und Frankfurt am Main als auch auf der Reichsburg Trifels Repliken der Kernstücke der Kleinodien, also der Krone, des Reichsschwertes, des Reichsapfels und des Zepters. Die heute auf dem Trifels zu sehenden Ausstellungsstücke wurden von Prof. Erwin Huppert (Mainz) ausgeführt.

Aber auch schon früher wurde zumindest eine Kopie des Krönungsornates hergestellt. Am 3. April 1764 wurde Josef II. noch zu Lebzeiten und in Anwesenheit seines Vaters, Kaiser Franz I., in Frankfurt zum römisch-deutschen König gekrönt. Aus diesem Anlaß wurde für Franz I. ein zweiter Krönungsmantel angefertigt, der dem ersten nachgebildet war. Die gelungene Ausführung dieser Arbeit belegt eine Schilderung des Augenzeugen Johann Wolfgang Goethe in seinem Werk Dichtung und Wahrheit (I,5):

"Des Kaisers Hausornat von purpurfarbener Seide, mit Perlen und Steinen reich geziert, sowie Krone, Szepter und Reichsapfel fielen wohl in die Augen: denn alles war neu daran, und die Nachahmung des Altertums geschmackvoll.“

Goethe irrte jedoch mit der Aussage, auch die Krone sei eine Nachbildung gewesen. Vielmehr trug Franz I. bei diesem Anlass die Mitrakrone Kaiser Rudolfs II., die ein halbes Jahrhundert später zur Krone des Kaisertums Österreich wurde.

Bibliografie

  • Die Wiener Schatzkammer. Parkland Verlag, Stuttgart 1979
  • Gesellschaft für staufische Geschichte (Hrsg.): Die Reichskleinodien, Herrschaftszeichen des Heiligen Römischen Reiches. Göppingen 1997
  • Abeler, Jürgen: Kronen, Herrschaftszeichen der Welt
  • Bock, Franz Johann Joseph: Die Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Wien 1864
  • Bock, Franz Johann Joseph: Die deutschen Reichskleinodien mit Hinzufügung der Krönungs-Insignien Böhmens, Ungarns und der Lombardei in geschichtlicher, liturgischer und archäologischer Beziehung, 1. Theil (Einfache Ausgabe), Wien 1860.
  • Der OB der Stadt Nürnberg: Die deutschen Reichsinsignien und Reichskleinodien [ca. 1939]
  • Fillitz, Hermann: Die Insignien und Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches. Schroll, Wien und München 1954.
  • Fillitz, Hermann: Die Schatzkammer in Wien. Wien 1964
  • Keupp, Jan, Hans Reither, Peter Pohlit, Katarina Schober, Stefan Weinfurter (Hrsg.): "… die keyserlichen zeychen …“ Die Reichskleinodien – Herrschaftszeichen des Heiligen Römischen Reiches, Regensburg 2009
  • Kubin, Ernst: Die Reichskleinodien. Ihr tausendjähriger Weg. Amalthea, Wien und München 1991. Kubins Buch schildert in einzigartiger und umfassender Weise den Weg der Reichskleinodien durch ein Jahrtausend. Es enthält wertvolle Dokumente, z.B. Bilder von amerikanischen Soldaten mit den Kleinodien und eine vorzügliche Bibliographie.
  • Pleticha, Heinrich: Des Reiches Glanz. Reichskleinodien und Kaiserkrönungen im Spiegel der deutschen Geschichte. Freiburg 1989. Herausragender und sehr zu empfehlender Bildband mit sehr guten Fotographien der Kleinodien und ihrer Aufbewahrungsorte.
  • Ramjoué, Fritz: Die Eigentumsverhältnisse an den drei Aachener Reichskleinodien. Stuttgart 1968
  • Rössler, Helmut: Napoleons Griff nach der Kaiserkrone. München 1957
  • Schloßer, Julius von : Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien, dargestellt in ihren vornehmsten Denkmälern. Mit 64 Tafeln und 44 Textabbildungen. Schroll, Wien 1918
  • Schneider, Reinhold: Winter in Wien. Freiburg 1958
  • Schwemmer, Wilhelm: Die Reichskleinodien in Nürnberg 1938–1945. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd. 65, 1978, S. 397–413
  • Seipel, Wilfried (Hrsg.): Nobiles Officinae. Die königlichen Hofwerkstätten zu Palermo zur Zeit der Normannen und Staufer im 12. und 13. Jahrhundert. Milano 2004
  • Sondheimer, Alphonse de: Geschichte der österreichischen Kronjuwelen. Wien 1966
  • Staats, Reinhardt: Theologie der Reichskrone - ottonische "Renovatio Imperii im Spiegel einer Insignie“. Hiersemann, Stuttgart 1976
  • Thon, Alexander: Die Reichkleinodien. Einst auf Burg Trifels: Herrschaftszeichen, Reliquien und Krönungsgewänder. In: Karl-Heinz Rothenberger (Hrsg.): Pfälzische Geschichte, Bd. 1.2, verb. Aufl. Institut für Pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 2002
  • Thon, Alexander : Vom Mittelrhein in die Pfalz. Zur Vorgeschichte des Transfers der Reichsinsignien von Burg Hammerstein nach Burg Trifels im Jahre 1125. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 32, 2006, S. 35–74.
  • Weixlgärtner, Arpad: Geschichte im Widerschein der Reichskleinodien. Baden bei Wien 1938


Verweise



Einzelnachweise

  1. regalia insignia