Rückversicherungsvertrag

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Vorgeschichte

Durch den erneut offenen Ausbruch der Rivalität zwischen Österreich-Ungarn und Rußland auf dem Balkan in der Bulgarischen Krise 1885/1886 zerbrach der Dreikaiserbund von 1873 und damit ein wesentlicher Bestandteil der Bündnispolitik Otto von Bismarcks.

  • Bismarck versuchte nun, wenn auch vergeblich, eine Annäherung Rußlands an Frankreich zu verhindern.
  • Schon zu diesem Zeitpunkt gelang es den Plutokraten, die öffentliche Meinung Rußlands und Deutschlands gegeneinander aufzuhetzen.

Vertragsabschluß

1887 unterzeichneten Bismarck und der russische Außenminister Nikolai Karlowitsch de Giers ein auf drei Jahre befristetes Geheimabkommen. Im ersten Teil des Abkommens verpflichteten sich beide Parteien zu wohlwollender Neutralität im Kriegsfall, also auf ein Stillhalten, falls Rußland unprovoziert von Österreich-Ungarn, Deutschland unprovoziert von Frankreich angegriffen werden würde. Davon ausgenommen waren folglich ein deutscher Angriffskrieg gegen Frankreich und ein russischer Angriffskrieg gegen Österreich-Ungarn.

Weiterhin erkannte das Deutsche Reich die historischen Rechte Rußlands auf dem Balkan, insbesondere in Bulgarien, an. Im zweiten Teil, dem „Ganz Geheimen Zusatzprotokoll“, sicherte das Deutsche Reich Rußland moralische und diplomatische Unterstützung für den Fall zu, daß Rußland es für nötig erachte, seinen Zugang zum Mittelmeer durch die Meerengen zu verteidigen.

Bedeutung

De facto erkannte Bismarck damit das russische Recht zum Vordringen an die Meerengen an. Um der damit verbundenen Kriegsgefahr zwischen Rußland und den Mächten, die an einem Erhalt des status quo auf dem Balkan interessiert waren (v. a. Großbritannien und Österreich-Ungarn), die Spitze zu nehmen, war der Reichskanzler maßgeblich am Abschluß der Mittelmeerentente beteiligt, die ein „russisches Wagnis“ auf dem Balkan und in der Meerengenfrage verhindern sollte.

Der Rückversicherungsvertrag war als Teil des Systems der Aushilfen in Bismarcks kompliziertem Versuch, einen Krieg in Europa zu verhindern, eingebunden. Nach der Entlassung Bismarcks sah sich sein Nachfolger Leo von Caprivi außerstande, diese komplexe Politik erfolgreich fortzusetzen. Allerdings war schon Bismarck davon ausgegangen, daß der Rückversicherungsvertrag im Ernstfall nur eine kurzzeitige Wirkung im Verhältnis zu Rußland haben würde.

Schon während Caprivis Amtszeit plante eine „neue Generation“ im Auswärtigen Amt um Friedrich August von Holstein und Bernhard von Bülow die generelle Abkehr von Rußland und einen Ausbau des Zweibundes zu einem mitteleuropäischen Machtblock, an den dann Großbritannien herangezogen werden sollte.

Vorteile für Rußland

In diese Strategie passte es nicht, daß im Rückversicherungsvertrag das Deutsche Reich zwar nicht vor einem französischen Angriff geschützt war, Rußland aber unter Verweis auf seine historischen Rechte auf dem Balkan de facto das Recht zugesprochen wurde, Österreich-Ungarn anzugreifen.

Als Rußland aufgrund der beschriebenen Vorteile 1890 auf eine Verlängerung des auslaufenden Vertrags drängte, weigerte sich das Deutsche Reich unter Wilhelm II. beharrlich. Selbst als Rußland sich bereit erklärte, auf das „Ganz Geheime Zusatzprotokoll“ zu verzichten, behielt die deutsche Führung ihre Ansicht bei. Ursache für die deutsche Entscheidung war die Annahme, daß ein Abkommen mit Rußland in Bezug auf den Balkan die Glaubwürdigkeit des Deutschen Reichs gegenüber den Verbündeten Österreich-Ungarn und Italien unterminiere.

Da Rußland nun plötzlich ohne internationalen Partner dastand und sich das deutsch-russische Verhältnis aufgrund außenhandels- und wirtschaftspolitischer Unvereinbarkeiten immer mehr abkühlte, näherte es sich Frankreich an und verabredete mit ihm 1892 eine Militärkonvention und 1894 schließlich mit dem Zweiverband ein festes Bündnis. Damit trat die von Bismarck stets gefürchtete Zweifrontenlage für das Deutsche Reich ein und die Grundlagen der mächtepolitischen Blöcke im Ersten Weltkrieg waren gelegt.

Verweise