Leontjew, Konstantin

Aus Monarchieliga
(Weitergeleitet von Konstantin Leontjew)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Konstantin Nikolajewitsch Leontjew
  • * 25. Januar 1831 in Kudinowo, Gouvernement Kaluga
  • † 24. November 1891 im Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Possad


Konstantin Nikolajewitsch Leontjew war ein russischer Religionsphilosoph.


Leben

Leontjew studierte Medizin in Moskau. Wie viele russische Mediziner begann er literarische Werke zu verfasssen. Doch konnten seine Werke nicht die Zensur passieren. Im Krimkrieg wirkte Leontjew als Militärarzt.

Nachkriegszeit

Nach dem Krimkrieg wirkte Leontjew als Arzt um anschließend Berufsschriftsteller zu werden. Er orientierte sich an den Slawophilen und übernahm von ihnen die Idee der kulturellen Einzigartigkeit Rußlands. Im Herbst 1861 brachte Leontjew, der kurz zuvor die aus einfachen Verhältnissen stammende Halbgriechin Julia Politof geheiratet hatte, seinen ersten großen Roman „Die Lindenschößlinge“ heraus. Da in ihm keine politische Tendenz war, fand dieser jedoch nicht den Beifall seiner Zeit, sondern blieb vollständig unbeachtet. Bald wandte sich Leontjew vom Liberalismus zum Konservativismus. Nach neunmonatigem Dienst als Kanzleibeamter im Asiatischen Departement des Ministeriums des Äußeren wurde er im Herbst 1863 als Sekretär und Dolmetscher des russischen Konsulates auf der Insel Kreta angestellt.

Angekommen auf Kreta zeigte sich Leontjew überaus fasziniert vom „orientalischen“ Leben und der Kultur, eine Faszination, die sein Leben lang anhalten sollte. Er unternahm viele Reisen, doch nachdem seine Frau 1868 von einer Geisteskrankheit befallen wurde, litt Leontjew unter schweren Depressionen, da er sich wohl die Schuld an der Krankheit seiner Frau gab. Sie selbst überlebte ihn um mehrere Jahre und verstarb während der Tage der russischen Revolution, ohne daß ihr geistiger Zustand sich gebessert hätte. 1871 besuchte Leontjew die Athosklöster, von denen er sich tief beeindruckt zeigte. Die Bitte um die geheime Mönchsweihe wurde ihm durch den geistlichen Führer abgelehnt.

Byzantinismus und Slawentum

Nach der Entlassung aus dem Dienst 1873 widmete sich Leontjew intensiv dem Problem „Byzantinismus und Slawentum“, das 1875 als Aufsatz veröffentlicht die Grundsätze seiner Weltanschauung darlegt und als sein Hauptwerk zu betrachten ist. Auch dieses Werk blieb, wie die 1876 in drei Bänden von dem Verleger Michael Katkof herausgegebenen „Orientalischen Novellen“, gänzlich unbemerkt.

Die bedrängten finanziellen Verhältnisse nötigten Leontjew, von 1880 bis 1887 der Tätigkeit des Zensors nachzugehen. In dieser Zeit gelangte die religiös-ästhetische Weltanschauung Leontjews zu immer größerer Entwicklung. Es gelangten neben einer Sammlung historisch-politischer Aufsätze in zwei Bänden unter dem allgemeinen Titel „Orient, Rußland und das Slawentum“ auch die beiden Aufsätze „Von der Gottesfurcht und der Liebe zur Menschheit“ und „Von allgemeiner Liebe“, der anläßlich der berühmten Rede Dostojewskijs bei der Einweihung des Puschkin-Denkmals in Moskau entstand, zur Veröffentlichung.

Erstmals erntete Leontjew öffentliche Reaktion auf seine Arbeit, deren Kernfrage „Was ist Christentum?“ den Nerv der Zeit traf. Der Aufsatz „Von allgemeiner Liebe“ gibt Leontjews Grundansicht über das Christentum wieder, stützt seine historisch-philosophischen Gedanken von der Seite des Religiösen her und ist Ausdruck der immer stärker werdenden Beschäftigung Leontjews mit dem Christentum. So besuchte er mit Unterbrechungen das Einsiedler-Kloster Optina Pustyn und machte dort Bekanntschaft mit Starez Amwrosij und später mit dem Schriftsteller Wladimir Solowjew, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbinden sollte.

Bereits im Winter 1878, nach einer für Leontjew sowohl geistig wie materiell schwierigen Zeit, hatten die beiden sich in St. Petersburg kennengelernt. Solowjew war damals vierundzwanzig Jahre alt, während Leontjew gegen die fünfzig ging. Solowjew war Metaphysiker, ausgesprochener Theologe, Gnostiker, Dichter und ein politisch kluger Schriftsteller, der zum Humanismus und Liberalismus neigte; Leontjew dagegen Naturalist, der die naturwissenschaftliche Schule hinter sich hatte, Künstler, Schöngeist und Romantiker, fern aller Gnostik und ebenso aller politischen Wendigkeit, einfach ein Schriftsteller von sehr komplizierter und vertiefter Denkweise." Sowohl Solowjew als auch Leontjew beeinflußten sich in der Folgezeit trotz ihrer Unterschiedlichkeit immer wieder gegenseitig in ihren Gedanken.

Nach seiner Zeit als Zensor kehrte Leontjew ins Kloster Optina zurück. In dieser Zeit erhielt er nicht nur öfters Besuch von Solowjew, sondern neben Studenten und Ausländern auch von Leo Tolstoi, den er zwar für den Gipfel der realistischen Richtung in der Literatur hielt, als Religions- und Moralprediger jedoch scharf kritisierte. Nachdem er am 23. August 1891 schließlich doch die geheime Mönchsweihe in Optina erhalten hatte, ging Leontjew auf Anraten des Starez Amworsij, der ihm geistiger Führer und zeitweise auch materieller Unterstützer gewesen war, in das Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad. Hier verbrachte er die letzten Monate seines Lebens, bis er schließlich am Morgen des 12. Novembers 1891 im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung verstarb. Er wurde in einer Mönchskutte auf dem Friedhof des Klosters beerdigt.

Lehre

Leontjew war vor allem in der Jugend ein exzentrischer, rücksichtsloser Genießer, dabei aber dennoch nicht unreligiös. Diese Einstellung verband sich mit einer ausgeprägten elitären Lebensanschauung, bedingt durch seine aristokratischen Herkunft. Aus diesen Elementen entstand bereits im Ansatz das, was man die "Ästhetik der Unterwerfung" nennen darf. Die Parallele zu Nietzsche drängt sich auf, es wäre jedoch ungenau, Leontjew als "russischen Nietzsche" zu bezeichnen. Hiergegen spricht vor allem die ausgeprägte Religiosität Leontjews. Leontjew betrachtet dabei die Ästhetik als den besten Maßstab für die Geschichte und das Leben«. So wird aus der Selbstüberwindung, der asketischen Leistung im Leben des einzelnen, verbunden mit der Hingabe an die christliche Lehre eine ästhetische Erscheinung, die über das Einerlei des Alltages hinaushebt.

Die Vermischung christlichen Gedankengutes mit liberal-humanitären Anschauungen ist insbesondere in der Gestalt eines von Dostojewski (wie Leontjew meinte) vertretenen "Rosenwasser-Christentums" eine Gefahr für das russische Volk. Es kann dieser Gefahr nur entgehen, durch eine Art Neubelebung des Byzantinismus und durch den Glauben "an die Fruchtbarkeit des turanischen Zusatzes in unserem russischen Blut, zum Teil auch an den Segen der Aneignung herrischen und starken deutschen Blutes". Die konservative Haltung Leontjew, der nicht nur streng gläubiger Christ, sondern auch ein großer Verfechter der Aristokratie war, wurde von der Mehrzahl der verkommenen russischen Liberalen abgelehnt.

Einfluß

Leontjew, der - wie viele seiner Zeitgenossen - nach einer russischen Antwort auf die Aufklärung des Westens suchte, wurde von der russischen Intelligenzija noch lange nach seinem Tode mit Nichtbeachtung gestraft. Die radikalen und pro-aristokratischen Gedanken Leontjews, verbunden mit der bedingungslosen Hingabe zu Gott fanden wenig Verständnis und Echo, so daß Leontjew lange Zeit außerhalb seiner kleinen Anhängerschaft weitgehend unbekannt blieb. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann die Slawistik und die Religionswissenschaft den russischen Religionsphilosophen wieder zu entdecken und seine Philosophie als interessanten Konterpunkt in der damaligen politisch-philosophischen Strömung zu werten.


Werke

  • Ägyptische Taube (1881)
  • Aufzeichnungen eines Einsiedlers (1887)
  • Autobiographie (1935)
  • Byzantismus und Slawentum (1875)
  • Der Durchschnittseuropäer (1913)
  • Der Strom der Zeit (1869)
  • Die Bulawinische Werkstatt (1852)
  • Die Erinnerungen des Odysseus Polichroniades (1873)
  • Die Lindenschösslinge (1861)
  • Heirat aus Liebe (1852)
  • Orientalische Novellen (1876)
  • Orient, Rußland und das Slawentum (1885)
  • Von allgemeiner Liebe (1882)
  • Von der Gottesfurcht und der Liebe zur Menschheit (1882)

Verweise