Interpretationen der Hohen Messe h-moll von J. S. Bach

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Gloria

Das Gloria wird fast immer zu schnell genommen. Dazu gibt es nicht die geringste Veranlassung. Das Verhältnis „Gloria“ : „Et in terra“ sollte 1 : 1 sein.

Sanctus

Zunächst muß einem jeden Dirigenten klar sein, daß Sanctus und Osanna, sowie Benedictus eine Einheit darstellen. Beim Sanctus kommt alles drauf an, daß ein recht ruhiges Anfangstempo gewählt wird, aus dem heraus das Stück perfekt entwickelt und aufgebaut werden kann. M.M. sollte keinesfalls schneller sein als 60. Leider wird häufig M.M. über 70, ja über 80 gewählt, was zu der völligen (oft gewollten) Zerstörung des Stückes führt. Jede Hast (Harnoncourt, Schreier, Rifkin) zerstört den liturgischen Charakter des Stückes, bei dem immerhin die Engel und himmlischen Heerscharen mitwirken. Diesen Geistwesen ist gewiß jede Hast fremd.

Das Pleni kann nur dann etwas straffer genommen werden, wenn zuvor das Sanctus in vollkommener Ruhe musiziert worden ist. Gleiches gilt für das Osanna, das dann eher etwas ruhiger als das Pleni sein sollte.

Jedem Dirigenten muß klar sein, daß der Übergang zum Osanna eine Bruchstelle in der h-moll-Messe darstellt, da das Osanna wegen des katholischen Formulares quasi „nachträglich“ hatte eingefügt werden müssen. Dehalb muß trotz des Besetzungswechsels darauf geachtet werden, daß sich die Musik zum Osanne hin völlig organisch fortsetzt und nicht dramatisch abgesetzt wird. Nur so kann die Intrepretation die Mängel des musikalischen Aufbaus überdecken.

Interpreten der h-moll-Messe

Beringer

Zumindest die bei Hänssler erschienene zweite Aufnahme der h-moll Messe unter Karl-Friedrich Beringer ist wegen der fast durchgängig überzogenen Tempi völlig unbrauchbar.

Celibidache

Es ist zu begrüßen, daß auch ein Dirigent wie Sergiu Celibidache sich der h-moll-Messe widmete. Bei EMI erschien 1991 eine hervorragend mitgeschnittene Live-Aufnahme aus der Münchner Philharmonie. Celibidache hat ein erstaunlich gutes Gefühl für das Wesen und die Struktur der Bachschen Musik. Vor allem das Sanctus mit seiner problematischen Struiktur bewältigt er besser als viele Bach-Spezialisten.

Es sei darauf hingewiesen, daß Celibidache langsame Sätze teils extrem dehnt. Meist leidet die musikalische Wirkung nicht unter dieser Praxis.


Christophers

Trotz hervorragend gutem Chor- und Orchesterklangs ist die Aufnahme unter der Leitung von Harry Christophers von 1994 wegen exzessiver Tempi unbrauchbar.

Ericson

Leider schlägt Ericson fast immer zu straffe, oft sogar völlig überzogene Tempi an. Immerhin hat Ericson im Gegensatz zu vielen „Großmeistern“ die Struktur des Sanctus verstanden und baut dieses sachgerecht auf. Zu schnell ist es leider trotzdem. Wie er auf die Idee kommen, durch das hochsakrale Confiteor hindurchzuhetzen, das wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.

John Gardiner

Gardiner hetzt durch das hochsakrale Confiteor und andere hindurch wie eine rechte Wildsau. Für Gardiner ist es unerträglich, daß Bach besser war als Gardiner, und dafür straft Gardiner Bach unermüdlich mit exzessiv-destruktiver „Interpretation“ ab. Aus Unfähigkeit flüchtet er sich in Exzentrik, Verstiegenheit und Abwegigkeit. Gardiner repräsentiert den Tiefpunkt der Bach-Interpretation im 20. Jahrhundert.

Hans Grischkat

Grischkats zweite Aufnahme der h-moll Messe von 1959 ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Zum einen wirkt Fritz Wunderlich mit, der mit einem wunderbaren "Benedictus“ brilliert, begleitet von einem sehr guten Flötensolisten. Dies ist zweifellos ein herausragendes Benedictus.

Zum anderen ist es die Referenzaufnahme, für diejenigen, denen die hysterische Aufführungspraxis zum Halse heraushängt und die getragene Tempi schätzen. Grischkat wählt nicht ein einziges Mal ein rasches Tempo, gelegentlich überdehnt er das Metrum in fast groteskem Maße. Seine Tempi wirken gelegentlich schleppend, was zusammen mit dem einheitlichen Legato und dem tiefen, etwas verwaschen-undurchschaubarem Klang einschläfernd wirkt.

Nikolaus Harnoncourt

Die erste Harnoncourt-Aufnahme fällt durch extreme Tempi auf. Kyrie 1 und 2 sind inakzeptabel schnell, Kyrie 2 wiederum viel zu langsam, so daß durch dieses mißlungene Kyrie die Freude an der "barocken" Interpretation mit erstmals Originalinstrumenten bereits auf den Nullpunkt gesunken ist.

Auch durch weitere Sätze wird hindurchgehetzt, im Sanctus erkennt man die Struktur des Satzes überhaupt nicht wieder, das Crucifixus ist entstellt und wird weder hier noch in der zweiten Aufname 18 Jahre später von Harnoncourt verstanden. Die Klangrede Harnoncourts verdeckt die wirklichen Aussagen des Satzes und der ganzen Messe.

Überhaupt war Harnoncourt als Bach-Interpret völlig überschätzt, daß man ihm ohne Kapellmeisterausbildung und ohne jede Qualifikation zum Dirigenten Aufgaben übertrug wie eine „Gesamtaufnahme aller Bach-Kantaten“ wird wohl niemals wirklich zu verstehen sein.

Diese Aufnahme der h-moll-Messe soll er gar nicht wirklich selbst geleitet, sondern die wesentlichen Dirigieraufgaben Hans Gillesberger übertragen haben. Die leider hunderttausendfach verbreitete Aufnahme muß man als verfehlt qualifizieren. Daß sie den „Grand Prix du disque“ und den „Deutschen Schallplattenpreis“ erhielt zeigt nur, daß die Platte trotz ihrer mangelhaften Qualitäten sehr geschickt vermarktet wurde.

Philipp Herreweghe

Zumindest die Aufnahme der Messe von 1988 ist mißlungen. Wie viele andere Starinterpreten versteht auch Herreweghe das Crucifixus der h-moll Messe nicht. Er nimmt das Stück extrem langsam und weich und verkennt die dogmatische und musikalische Bedeutung des Geschehens völlig. Überhaupt muß man sagen, daß Herreweghes Klangvorstellung grundsätzlich der Bach'schen Musik nicht entspricht. Sein Klang orientiert sich an einem weichen, romantisch orientiertem a capella-Klang, der dem reich strukturierten Ideal des Bachschen Apparats überhaupt nicht entspricht.

Beim Sanctus legt Herreweghe ein Tempo vor, das man nur als albern bezeichnen kann. Vielleicht ist er Sozialist, dann muß ihn allerdings das Sanctus in einem Maße stören, daß man recht schnell hindurchhetzen muß. Mit sachgerechter Interpretation Bach'scher Musik hat das nichts mehr zu tun. Auch der Rest ist mißlungen. Warum so ein Mann Bach interpretiert und die h-moll Messe gleich zweimal aufnimmt, bleibt unverständlich.

Herreweghe ist als Bach-Kenner disqualifiziert. Er wäre ein idealer Interpret für die romantische Chormusik des 19. Jh. Die Musik und Klangwelt Bach's versteht er nicht.

Eugen Jochum

Eugen Jochum hat die h-moll Messe dreimal aufgenommen. Dies geschah in den Jahren 1955, 1957 und dann erst wieder 1982, jeweils mit Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks.

Die Aufnahme von 1982 beeindruckt mit grundsätzlich sehr guter Tempowahl. Einige Sätze sind recht langsam, was den guten Gesamteindruck jedoch nicht stört: Es handelt sich um das Crucifixus und um das Et in spiritum sanctum, das so langsam noch nie gehört wurde. Auch das Gloria ist ungewöhnlich langsam.

Besonders positiv sticht der Sanctus-Komplex heraus, der in Tempo, Aritkulation und Porpartion als ideal zu bezeichnen ist. Leider verwendet Jochum dank dem sogenannten „Bärenreiter-Verlag“ das falsche „Et in unum Dominum“.

Neville Marriner

Die Aufnahme Marriners von 1978 gehört zu den besten Aufnahmen der Messe. Sie ist durchdacht, wahrhaftig und durchaus bachisch. Die Solisten sind auserlesen (Marshall, Baker, Tear, Ramey), Chor und Orchester der Akademie von St. Martin in the fields agieren auf hohem Niveau. Das Klangbild ist allerdings etwas „romantisch“. Trotzdem fällt der schöne Klang der Continuo-Orgel auf, gespielt von Nikolaus Krämer. Es ist durchaus möglich ein gutes Continuo-Klangbild zu integrieren.

Hervorzuheben ist der nur als perfekt zu bezeichnende Sanctus-Komplex, das Herzstück der Messe.

Rudolf Mauersberger

Die Aufnahme der h-moll Messe unter Rudolf Mauersberger vom November 1958 war jahrzehntelang die einzige Aufnahme der Messe in der DDR. Neuauflagen nach 1960/62 dürfte es wohl kaum gegeben haben. Allerdings gab es eine einzelne LP mit Ausschnitten aus dieser Aufnahnme, die lange Jahre lang vertrieben wurde und die in der DDR sehr verbreitet war.

Die Aufnahme ist natürlich mit dem Dresdner Kreuzchor und der Staatskapelle Dresden, Solisten sind Maria Stader, Sieglinde Wagner, Ernst Haeflinger und Theo Adam. "Berlin classics" hat dankenswerter Weise 1996 eine CD mit der Aufnahme herausgegeben.

Bei der Aufnahme fällt auf, daß Mauersberger zu extrem ruhigen Tempi neigt. Dies führt zu einem Gesamateindruck, den man teils als einschläfernd bezeichnen muß, was gerade angesichts des großen Umfangs der Messe "nerven" kann. Das Sanctus wird optimal dargeboten, doch sowohl das Pleni als auch das Osanna anschließend sind objektiv viel zu langsam dargeboten, was ja wohl nkaum Sinn der Sache sein kann. Auch so wird die filigrane Struktur des Sanctus-Komplexes deformiert. Doch im Dresden des Jahres 1958 tickten die Uhren sicherlich etwas anders als westlich der Werra.

Günter Ramin

Zwei Aufnahmen der h-moll Messe unter der Leitung von Günter Ramin sind überliefert, zum einen eine Live-Aufnahme aus der Leipziger Tomaskirche aus dem Jahre 1950, zum anderen eine Aufnahme mit dem Chor des Bayerischen Lehrergesangsvereins und dem Bayerischen Staatsorchester von 1956.

Letztere Aufnahme ist auch heute noch interessant, nicht zuletzt wegen der herrlichen Altsimme von Hertha Töpper, die in späteren Jahrzehnten nur noch selten ihresgleichen findet. Da es 1956 noch keine Neue Bachausgabe des sogenannten „Bärenreiterverlags“ gab, musiziert Ramin die richtige Fassung des „Et in unum Dominum“. Das Benedictus wird mit Violinsolo musiziert.

Leider offenbart sich Ramin in seiner Aufnahme nicht als der große Bach-Kenner und -Interpret. Unter anderem fallen folgende teils schweren Mängel auf: Das „Et in terra pax“ wird plötzlich völlig sachwidrig gehaucht. Das „Gratias“ und andere Sätze sind zu langsam. Das „Qui tollis“ klingt extrem dumpf.

Die Artikulation des „Et in unum Dominum“ hat Ramin nicht verstanden, obwohl sie aus dem Notentext klar hervorgeht. Im „Agnus Dei“ schwankt Ramin erheblich im Tempo um bis zu 35%. Auch das „Crucifixus“ ist zu langsam und wird im Tempo schwankend musiziert. Ramin hat wie viele andere nicht realisiert, daß das „Crucifixus“ kein Lamento ist, sondern eine objektive Darstellung der Kreuzigung. Das „Sanctus“ ist zu schnell, was gerade bei den sonst schleppenden Tempi unangenehm auffällt.

Karl Richter

Karl Richter hat die Messe fünfmal aufgenommen. Alle seine Aufnahmen sind gut und hörenswert. Der philharmonisch-repräsentative Zuschnitt der Aufnahmen mag heute befremden, ist aber dem Format des Werkes durchaus angemessen und keinesfalls verwerflich.

In seiner vierten Aufnahme, live in Tokyo aufgenommen, übertreibt er seine Neigung zu ruhigen Tempi und dehnt bestimmte Sätze über Gebühr aus. Darunter leidet der Gesamteindruck des Werkes und vermittelt den Eindruck einer gewissen Länge.

Josua Rifkin

Josua Rifkin gab sich bekanntlich der Wahnidee hin, Bach hätte als Direktor des Thomanerchors diesem Chor gar nicht geleitet, sondern statt dessen nur Solisten eingesetzt. Dementsprechend gestaltet er seine „Aufnahmen“ von Bachwerken, die man sich nicht anhören kann. Es wäre interessant zu untersuchen, auf welchen Markt die Aufnahmen von Rifkin zielen. Bachkenner und -liebhaber sind unter seinen Anhängern sicherlich nicht. Daß seine Tempi hanebüchen und albern sind, verwundert in diesem Zusammenhange nicht. Dies ist der unmusikalischste Bach aller Zeiten. Nackter Haß auf Bach und seine Musik dürften der Impetus des Treibens eines Rifkin sein.

Peter Schreier

Daß Peter Schreier überhaupt jemals den Dirigentenstab ergriffen hat, ist eine Anmaßung. Dirigierende Sänger haben noch niemals etwas vernünftiges zustande gebracht, am wenigsten Peter Schreier, der seine mangelnden Leitungskompetenzen durch Manierismem übelster Art und Extrem-Tempi zu kaschieren sucht.

Die Aufnahmen von Peter Schreier sind völlig überflüssig und angesichts der DDR-Verhältnisse als Frechheit zu bezeichnen. Beim Et in terra (1991) häßliches Crescendo am Ende!

Zimmermann

Die Aufnahme von Achim Zimmermann zeichnet sich durch gediegenen Chorklang und eine solide und profunde Kenntnis des Werks aus. Hervorzuheben sind die klangschönen Soli der Solisten Christine Wolff, Bogna Bartosch, Markus Ullmann und Egbert Junghans.

Bedenklich ist die einzigartig rasche Auffassung des Laudamus te.


Verweise