Deutsche Größe

Aus Monarchieliga
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  • Autor: Friedrich von Schiller
  • Dieses Gedicht beruht auf einem Entwurf, welcher nach 1900 erstmalig publiziert wurde. Wir haben diesen Entwurf vorsichtig vervollständigt.


Zur Feier der Jahrhundertwende.


Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag des Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit.


Darf der Deutsche in diesem Augenblick,
wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht,
wo zwei übermütige Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen,
und der Sieger sein Geschick bestimmt - darf er sich fühlen?
Darf er sich seines Namens rühmen und freu'n?
Darf er sein Haupt erheben
und mit Selbstgefühl auftreten in der Völker Reihe?


Ja er darf‘s!
Er geht unglücklich aus dem Kampf,
aber das, was seinen Wert ausmacht,
hat er nicht verloren.
Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen
ruhte nie auf dem Haupt seiner Fürsten.
Abgesondert von dem Politischen
hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet,
und wenn auch das Imperium untergegangen,
so bliebe die deutsche Würde unangefochten.


Sie ist eine sittliche Größe,
sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation
die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.
Dieses Reich blüht in Deutschland,
es ist in vollem Wachsen
und mitten unter den gotischen Ruinen
einer alten barbarischen Verfassung
bildet sich das Lebendige aus.
Der Deutsche wohnt in einem alten, sturzbedrohten Haus,
aber er selbst ist ein edler Bewohner,
und indem das politische Reich wankt,
hat sich das geistige immer fester und vollkommener gebildet.


Das ist nicht des Deutschen Größe,
obzusiegen mit dem Schwert!
In das Geisterreich zu dringen,
männlich mit dem Wahn zu ringen,
das ist seines Eifers wert.


Höher‘n Sieg hat der errungen,
der der Wahrheit Blitz geschwungen,
der die Geister selbst befreit.
Freiheit der Vernunft erfechten
heißt für alle Völker rechten,
gilt für alle ew‘ge Zeit.
Finster zwar und grau von Jahren,
aus den Zeiten der Barbaren
stammt der Deutschen altes Reich.
Doch lebendge Blumen grünen
über gotischen Ruinen.


Nicht aus dem Schoß der Verderbnis,
nicht am feilen Hof der Könige
schöpft sich der Deutsche
eine trostlose Philosophie des Eigennutzes,
einen traurigen Materialismus,


Darum blieb ihm das Heilige heilig.
Keine Hauptstadt und kein Hof
übte eine Tyrannei über den deutschen Geschmack aus.
So viele Länder und Ströme und Sitten,
so viele eigene Triebe und Arten.
Das köstliche Gut der deutschen Sprache
die alles ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste,
den Geist, die Seele, die voll Sinn ist …
Die Sprache ist der Spiegel einer Nation,
wenn wir in diesen Spiegel schauen,
so kommt uns ein großes treffliches Bild
von uns selbst daraus entgegen.
Wir können das Jugendlich-Griechische
und das Modern-Ideelle ausdrücken.
Mag der Brite die Gebeine
Alter Kunst, die edeln Steine
Und ein ganzes Herkulan (--)
Gierig nach dem Kostbar‘n greifen
Und auf seiner Insel häufen,
was ein Schiff nur laden kann.
Ewig werden sie Verbannte
Bleiben an dem fremden Strande,
Nie im Leben heimisch sein


Denn der Witz hat mit dem Schönen
Mit dem Hohen nichts gemein!
Ewige Schmach dem deutschen Sohne,
der die angeborne Krone,
seines Menschenadels schmäht.
Der sich beugt vor fremden Götzen,
Der des Briten toten Schätzen
[ . . . und des Franken . . . ] lüstern späht.


Nach dem Höchsten soll er streben -
die Natur und das Ideal.
Er verkehrt mit dem Geist der Welten.
Ihm ist das Höchste bestimmt,
die Menschheit die allgemeine in sich zu vollenden,
und das Schönste, was bei allen Völkern blüht,
in einem Kranze zu vereinen -
und so wie er in der Mitte von Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.
Er ist erwählt von dem Weltgeist,
während des Zeitkampfs
an dem ew‘gen Bau der Menschenbildung zu arbeiten,
zu bewahren was die Zeit bringt …
Alles was Schätzbares bei andern Zeiten und Völkern aufkam,
mit der Zeit entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und seine Rolle zu spielen,
sondern den großen Prozeß der Zeit zu gewinnen.
Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte,
doch der Tag des Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit.


Jedem Volk der Erde glänzt
Einst sein Tag in der Geschichte,
Wo es strahlt im höchsten Lichte
Und mit hohem Ruhm sich kränzt,
[Doch des Deutschen Tag wird scheinen . . .]
Wenn der Zeiten Kreis sich füllt,
Und des Deutschen Tag wird scheinen
Wenn die Scha[ren] sich vereinen
In der Menschheit schönes Bild!


Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muß zuletzt die Herrschaft werden,
denn endlich an dem Ziel der Zeit,
wenn anders die Welt einen Plan,
wenn des Menschen Leben irgend nur Bedeutung hat,
endlich muß die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk
wird alle die schnellen flüchtigen einholen.
Die andern Völker waren dann die Blume, die abfällt -
Wenn die Blume abgefallen,
bleibt die gold‘ne Frucht übrig, bildet sich,]
schwillt die Frucht der Ernte zu.


Stürzte auch in Kriegesflammen
Deutschlands Kaiserreich zusammen
Deutsche Größe bleibt bestehn.

Verweise