Welche Staatsform hat geschichtliche Dauer?

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Plädoyer für die Monarchie. Von Erik von Kuehnelt-Leddihn


Je suis né le vingt-sept septembre mil neuf cent trois sans Dieu sans maitre sans Roi. ET SANS DROITS.[1]


Wenn wir unter einem „Konservativen“ einen denkenden Menschen auf der Rechten verstehen, d. h. einen freiheitlichen, transzendentalen Pluralisten, der traditionsverknüpft, aber nicht traditionsbedingt Vernunft und Gefühl harmonisch in Einklang bringt (so wie wir ihn in Criticón 14 und 18 beschrieben haben), wird dieser auch wissen, daß Regiertwerden ein notwendiges Übel ist. Er wird als Christ vielleicht der Ansicht sein, daß der Staat das Resultat der Erbsünde, der menschlichen Unzulänglichkeit ist - eine Minderheitsmeinung unter den Theologen, die aber vom Schreiber dieser Zeilen vertreten wird.[2]

Charles Maurras zitiere ich nur ungern, aber seine Bewertung der Monarchie: „Le moindre mal, la possibilité du bien“ trifft den Nagel auf den Kopf. Unsere Existenz hier auf Erden spielt sich in einem Tal der Zähren ab, und da sind selbst die idealsten Einrichtungen immer nur Stückwerk. Wir möchten aber zu unserer positiven Antwort noch gleich Einschränkungen vorbringen: Erstens, wo die monarchische Tradition völlig fehlt und die Einführung der Monarchie aller Überlieferung zuwider wäre, müßte man jede künstliche Royalisierung ablehnen, etwa im Falle der Schweiz, einem Land mit Sonderfunktionen. Zweitens sind wir über den Ausdruck „Monarchist“ nicht glücklich, weil er sprachlich auf einen „Monarchismus“ (á la Sozialist, Sozialismus usw.) hinausläuft. Anhänger der monarchischen Staatsform zu sein, in unserem Fall der gemischten Regierungsform mit effektiver und nicht nur symbolischer monarchischer Spitze, ist in der christlichen Tradition des Westens selbst noch keine Weltanschauung, sondern im Idealfall logischer Teil einer solchen. Einen Monarchismus als „Ismus“ kennen wir nicht.

Zweifelsohne hat der Mann auf der Rechten der Monarchie den Vorzug vor anderen Regierungsformen zu geben, und da das Rechte mit dem Richtigen wesensgleich ist (man erlaube uns wieder diesen kompromißlosen Stand), möchten wir feststellen. daß auch von einem rein rationalen Standpunkt aus die Monarchie als Form des Regierens keinen ebenbürtigen Rivalen kennt. Sie gilt im Rahmen unserer Tradition von Plato über die Scholastiker bis zu den besten politischen Köpfen unserer Tage herauf als die beste Staatsform und deshalb auch ihre Karikatur - die Tyrannis - als die schlechteste. Corruptio optimi pessima, wie schon der Aquinate hervorhob.

25 Argumente für die Monarchie

Warum ist die (westliche, christliche) Monarchie, die eben keine Monokratie ist, den anderen Staatsformen vorzuziehen? Versuchen wir zuerst einmal eine Liste von 25 Punkten zusammenzustellen:

  1. Die Verbindung des politischen und gesellschaftlichen Elements, hat doch der Monarch, obwohl primär ein gesellschaftliches Haupt, die Macht, in das staatliche Leben einzugreifen. Als Theodore Roosevelt Kaiser Franz Joseph fragte. was er denn in diesem fortschrittlichen 20. Jahrhundert als seine wichtigste Aufgabe betrachtete, antwortete ihm der Monarch: „Meine Völker vor ihren Regierungen zu beschützen.“
  2. Der Monarch ist kein Parteimann. Er wird von niemandem gewählt - auch nicht vom bösen Nachbarn, den man darob zürnen könnte. Durch den biologischen Prozeß ist er einfach da und ist Zu-Fall wie die eigenen Eltern.
  3. Er wird von Kindesbeinen an für seinen Beruf vorbereitet und ausgebildet. Er ist ein Fachmann: die Koordination ist sein Metier. Das erste Recht eines Volkes, wie Peter Wolf sagte, ist gut regiert zu werden. Self-Government is better than good government? Keineswegs, denn in der Praxis gibt es keine Selbstregierung, sondern nur Mehrheitsherrschaft.
  4. Da er sich die Krone nicht verdient hat, neigt er auch weniger zum Größenwahn als der erfolgreiche Karrierist. Die Religion zeigt ihm oft seine Nichtigkeit (Fußwaschungszeremonie, Begräbnisformel der Habsburger).
  5. Als dritter Faktor (neben dem gesellschaftlichen und politischen) figuriert der religiöse. Die Krönung ist ein Sakramentale. Die Monarchie lädt zur Perfektion ein - zur geistigen, wie auch zur seelischen. Die Zahl der heiligen Könige, Kaiser und ihrer Frauen ist groß.[3]
  6. Die Wahrscheinlichkeit einer überdurchschnittlichen geistigen Begabung auf erbbiologischer Grundlage ist gegeben. In den Dynastien, die aus einem Aggregat von auserlesenen Familien bestehen, werden spezifische Talente erhalten und weitergegeben. Oft allerdings begegnen wir einer Genialität, die in die Nähe des Wahnsinns gerät[4] … in der Vergangenheit ein Problem, heute hingegen von der Medizin durchschaut. Der verrückte Monarch wird heute frühzeitig von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen.[5]
  7. Die Monarchie hat einen übernationalen Charakter. Nicht nur sind meist Mutter, Frau, Schwäger und Schwiegerkinder „Ausländer“, sondern die Dynastien selbst in der Regel ausländischen Ursprungs. So waren im Jahre 1909 nur die souveränen Herrscher von Serbien und Montenegro lokaler Herkunft.[6] Die Dynastien sind auch rassisch gemischt und stammen u. a. auch von Mohammed und Dschinghis Khan[7] ab. Dies und ihr übernationaler Charakter geben ihnen einen doppelten psychologischen Vorteil: die Chance, andere Völker (und Herrscherfamilien) besser zu verstehen und auch zum eigenen Volk eine objektive Distanz einzuhalten.[8]
  8. Die Monarchie ist elastischer als alle anderen Regierungsarten; sie läßt sich leicht mit anderen Regierungs- und Sozialformen kombinieren. So vereinigt die klassische gemischte Regierungsform elitäre und demotische Elemente mit einer monarchischen Spitze. Aber man könnte sich auch ein sozialistisches Königstum vorstellen[9] und selbst ein kommunistisches Kaiserreich - das wir ja in der Herrschaft der „Inkas“ sahen.[10] Tatsächlich ist, wie Treitschke hervorgehoben hatte, die Monarchie der Proteus unter den Staatsformen.
  9. Die Monarchie ist eine patriarchale, unter Umständen aber auch eine patriarchal-matriarchale oder rein matriarchale Institution. Hier werden tiefste Gefühle unserer familistischen Natur angesprochen. Das Herrscherpaar ist zugleich ein Elternpaar. Zudem ist die Monarchie schon aus diesen Gründen dem Patriotismus, die Demokratie dem Nationalismus zugeordnet. Die Demokratie steht für vaterlose Brüderlichkeit,[11] die logisch in Big Brother ihren Kulminationspunkt findet.
  10. Die Monarchie ist eine organische Regierungsform, in der die Vernunft sich mit der Gefühlswelt harmonisch verbinden kann. In dieser Synthese entsteht Legitimität, die ja nicht ein rein juridischer Begriff sein kann.[12] Die Monarchie ist keine „ausgedachte“, künstliche, arithmetische Regierungsform, sondern eine im engsten Sinne des Wortes „natürliche“, der menschlichen Natur angemessene. Der Zeugung und der Geburt stehen die plakatierten Wände und die Computernächte nach den Wahlschlachten gegenüber.
  11. Auch das Prinzip des rex sub lege[13] machte die Monarchie zur arché , nicht zum krátos. Selbst in der Verfallsform der absoluten Monarchie hatte ein „Autokrat“ wie Ludwig XIV. nicht einen Bruchteil der Gewalt unserer Parlamente. Er hätte nie die Macht gehabt, eine jährliche Einkommensteuerbekenntnis, die allgemeine Wehrpflicht oder ein Alkoholverbot zu erzwingen. Selbst unter ihm gab es corps intermediaires.[14]
  12. Die weltanschaulich-ideologische Einheit, ohne die (laut Harold Laski) der Parlamentarismus nicht bestehen kann, ist in der Monarchie viel weniger notwendig - daher auch die geistige Freiheit potentiell eine viel größere.[15]
  13. Die Möglichkeit der Bestechung eines Monarchen ist eine besonders geringe. Und die Plutokratie (dank der Präsenz anderer Werte) sehr unwahrscheinlich.
  14. Unwahrscheinlich ist auch von Seiten des Monarchen die Popularitätshascherei, das Schmeicheln des Volkes, größer hingegen die Möglichkeit, dem Volk die Wahrheit zu sagen, da die Problematik seiner Wahl oder Wiederwahl nicht besteht.
  15. Vor allem aber ist es die Aufgabe des Monarchen unpopuläre Minderheiten, die im demokratischen Rahmen rettungslos verloren sind, zu beschützen.[16]
  16. Echter Liberalismus (Liberalität) hat eine viel größere Chance unter der Monarchie als unter der Demokratie, die eine totalitäre Wurzel hat.[17] Freiheit und Ungleichheit sind ebenso verbunden wie Gleichheit und Zwang.
  17. Der christliche Monarch trägt eine Verantwortung vor Gott. Das ist eine unvergleichlich größere Verantwortung als die vor Völkern oder deren Vertretern. Demokratie jedoch ist Verantwortungslosigkeit: wer einen unterschriftslosen Zettel in eine Urne wirft, trägt wohl keine irdische Verantwortung.
  18. Monarchen sind „öffentliches Eigentum“: sie gehören ihren Untertanen. Das ist ein wechselseitiges Verhältnis. Sei sind auch klassenlos, denn sie sind weder Adelige, noch Bürger, noch Arbeiter oder Bauern. Sie gehören „soziologisch“ ideell zu einer internationalen Sondergruppe.[18] So sind sie äquidistant zu allen Klassen und Ständen.
  19. Die Monarchen sind berufen, Staatsmänner und nicht bloß Politiker zu sein. Sie müssen viel weiter denken als bis zur nächsten Wahl. Ihnen muß das Schicksal ungeborener Generationen am Herzen liegen. Gescheiterten Monarchen wurden die Köpfe abgeschnitten, gescheiterte Politiker ziehen sich ins Privatleben zurück und schreiben ihre Memoiren.
  20. Ein monarchisches System kontinentaler Natur ermöglicht eine bessere Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens der Länder, da das ewige Schaukelspiel der Demokratie alle internationalen Beziehungen verunsichert. Sagte der Schweizer Jacob Burckhardt: „Seitdem die Politik auf innere Gärungen der Völker gegründet ist, hat alle Sicherheit ein Ende.“ Die politische Version des „perfiden Albions“ tauchte auf als die Wählerei - Tory- und Whig-Kabinette wechselten einander ohne Warnung ab - das Vertrauen in England am Kontinent untergrub.
  21. Die großen Staatsmänner Europas waren in der großen Mehrzahl entweder Monarchen, von Monarchen ernannte Männer, Aristo-Oligarchen oder Produkte der Revolutionen und schweren Krisenzeiten, die den Brutalsten, Skrupellosesten und Schlauesten an die Spitze kommen ließen - Leute wie Napoleon, Hitler, Lenin, Stalin, Mao, die aber unweigerlich ein Meer von Blut und meist keine bleibende Ordnung hinterließen.[19]
  22. Die Monarchie verbürgt vor allem die Kontinuität. Man weiß wer wem nachfolgen wird. Die Einführung des Sohns, des Neffen, der Tochter in die Regierungsgeschäfte wird garantiert.
  23. Die Permanenz verbürgt auch eine größere Erfahrung. Die meisten demokratischen Verfassungen, die sich vor der persönlichen Macht fürchten, verbieten eine zweite oder dritte Amtsperiode. Wenn endlich der politische Karrierist (etwa ein ex-Hemden- und Krawattenverkäufer á la Truman) angefangen hat, richtige Erfahrungen zu sammeln, wird er abserviert, Und dann kommt ein neuer Amateur in die Regierungsspitze. So kann man nicht einmal einen größeren Kaufladen, geschweige denn eine Großmacht leiten. (Man komme da uns nicht mit Experten: welcher Laie kann widersprüchliche Expertisen koordinieren?)
  24. Die Monarchie ist mit dem Christentum oder zumindestens einer ursprünglich christlichen Kultur durch ihren patriarchalen Charakter in einem harmonischen Einklang: das Vaterbild wurde durch Gott-Vater, den Heiligen Vater, die Kirchenväter, dem Pater Patriae , dem leiblichen Vater und Großvater bestimmt. Dazu bemerkte Abel Bonnard: „Der König war Vater seines Volkes, denn jeder Vater war König in seiner Familie.“ Dieser psychologische (mehr als theologische) Aspekt gilt für alle genuin christlichen Glaubensgemeinschaften, auch für jene, die die politische der kirchlichen Hierarchie gleichgesetzt oder mit ihr verkoppelt haben. Doch die Autorität kommt stets von oben.[20] Und wahrhaft gut regieren kann man nur mit Hilfe der Autorität, einer endogenen Kraft, und nicht durch Furcht, einer exogenen. Wie schon Joseph de Maistre sagte, können Millionen von Menschen nur durch Religion oder Sklaverei regiert werden, also durch die innerlich rezipierte Autorität oder durch die zitternde Angst erzeugende Gewalt. Doch die Demokratie ist mit der Autorität nur mühevoll zu vereinen und deshalb auch nicht leicht mit dem Rechtsstaat.[21]
  25. Der höchste christliche Stellenwert der Monarchie liegt jedoch in ihrem Appell an die Liebe. Eine Liebesgemeinschaft mit dem Regenten ist jedoch im Zahlenzauber der Demokratie nicht denkbar, da deren Wahlen jedesmal in Siegen und Niederlagen, Freudenausbrüchen und Enttäuschungen, Triumph und Zorn enden. Das ahnten wahrscheinlich auch Augustinus und Franz von Baader, als sie von der unersetzbaren Harmonie zwischen der Liebe und dem Dienen schrieben. Nur in der Liebe ist das Dienen kein Schmerz und keine Last.[22] Lästige Politiker aber setzt man durch den Stimmzettel wie aufsässige Domestiken wieder an die Luft, denn sie sind ja auch nicht vom Schicksal zugeteilte „Eltern“, sondern nur Mietlinge.

Das Rad der Staatsformen

Lehnen wir uns nun ein wenig zurück und betrachten die Weltgeschichte. Die Monarchie, heidnisch oder christlich, war immer die Dominante, Republiken waren kurze, falls nicht demokratisch strukturiert (wie im Falle Roms) auch lange Intervalle. Es gab nie eine Republik (außer der Schweiz), die nicht einmal eine Monarchie wurde oder in einer solchen aufging. Auch in republikanisch-demokratischen Perioden war die Kritik der Demokratie sehr scharf und Sokrates, der Homer gegen die republikanische Demokratie zitiert hatte, wurde deswegen ihr Opfer.[23]

Wenn nun Madariaga sagt, daß unsere westliche Kultur auf den Tod eines Philosophen und eines Gottessohnes ruht, so seien wir uns bewußt, daß beide das Opfer demokratischer Verfahren wurden. Pilatus war ein liberaler Relativist („Was ist Wahrheit?“) und befragte in Ermangelung fester Begriffe die Stimme des Volkes, die den davidischen Königssproß, der sich als König bekannte (Matth. 27, 11), zu Tode verurteilte. Aber eines ist sicher: es waren die Kirche und die Monarchen, die Monarchen und die Kirche, die für den Aufstieg Europas aus dem Chaos des finstersten Frühmittelalters zur Magistratur über fast den ganzen Erdball verantwortlich waren. Und kaum brach der Westen mit der Monarchie (1917-1918), kam auch der Sturz vom Gipfel ins Bodenlose - in Ohnmacht, Anarchie und Tyrannis.

Die Dark Ages of Democracy, von Herman Melville, Amerikas größtem Dichter des vorigen Jahrhunderts, so bezeichnet, brachen nun an. Das „Jahrhundert des einfachen Mannes“ (The Century of the Common Man) ist tatsächlich von wilden Schrecken gekennzeichnet: vielleicht war Wilhelm II. großsprecherisch und innerlich unsicher[24] und Franz Joseph „verkalkt“, aber was für reizende Zeitgenossen waren sie im Vergleich zu Adolf Hitler; sicher war Nikolaus II. ein tatenloser Melancholiker, aber wie human und menschlich im Vergleich zu Lenin und Stalin; zweifellos war die Kaiserin-Witwe Ts’e-hi nicht aus Marzipan, aber was für eine nette alte Dame im Vergleich zu Mao und seiner edlen Gattin; Alfons XIII. war kein Genie, aber wie klug und angenehm im Vergleich zu solchen Genossen wie Azaña, Largo Caballero und Indalecio Prieto.

Die Anakýklosis, das Drehen des Rades in der Evolution der Staatsformen, wurde von Plato und Polybius in rohen Umrissen gesehen: Monarchie - aristokratische Herrschaft - Demokratie - Tyrannis. In diesem Zyklus ist allerdings die Monarchie die Dominante. Nur sehen wir heute, wie schwierig der Obergang der Tyrannis in die Monarchie geworden ist, denn die vom .,Fortschritt“ faszinierten Massen empfinden die Monarchie nicht als modern und die Tyrannis (die heute stets totalitäre Züge zeigt) steht prinzipiell links. (Für Goebbels kam die Monarchie „grundsätzlich nur mehr in Operetten vor“.) So einfach wie Napoleon wird es den Tyrannen jetzt nicht mehr gemacht. Ein Mann von Format, wie Isokrates, der die Monarchie herbeisehnte, ist jetzt in Europa selten geworden, weniger so in Lateinamerika, wo der Wahnsinn, die Verfassung der USA zu kopieren, kaum mehr wiederholt wird. Man empfindet dort die Militärdiktatur als notwendiges Korrektiv, weiß jedoch, daß sie keine Kontinuität besitzt. Also gibt es schon da und dort kleine Konventikel, in denen man von der Monarchie träumt, die der Befreier des Südens, José San Martin, schon 1822 unerläßlich fand.

Die Monarchie kommt mit Sicherheit zurück - es fragt sich nur, ob echt oder pervertiert, unter welchem Vorzeichen und in welchem Gewand. Big Brother als Monokrat ist eine permanente Gefahr, die dadurch größer wird, daß man die Monarchie mit idiotischen Argumenten immer noch weiter verteufelt. „Was macht man mit einem schlechten oder dummen Monarchen?“ fragt man mich gerne in Amerika. „Wenn wir einen minderwertigen Präsidenten haben, wird er nicht mehr wiedergewählt.“ Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, denn die politisch ungeschulte Wählerschaft hat keine rationale Möglichkeit, einen guten von einen schlechten Präsidenten zu unterscheiden. Es kann ihnen der Kandidat nur „gefallen“ oder „nicht gefallen“, wozu seit dem Fernsehen das täuschende Lockbild des „flüchtigen Eros“, den er und seine Gattin ausstrahlte, dazugekommen ist.“[25]

Herbert C. Hoover, der einzige Präsident seit dem Ersten Weltkrieg, der von der amerikanischen Außenwelt eine Ahnung hatte, unterlag Franklin D. Roosevelt, einem krankhaften Mythomanen; Charles Hughes, der Amerika nicht in den mörderischen Dshihad to make the world safe for democracy geführt hätte, unterlag dank der Wähler in Kalifornien einem gefährlichen Narren wie Woodrow Wilson, einem Puritaner, Ignoranten und Rassisten. Nixon, der mit der größten Stimmenmehrheit in der amerikanischen Geschichte gewählt wurde (rather a crook than a nut kommentierte man in Hinblick auf seinen Gegner McGovern), endete seine politische Laufbahn in Schimpf und Schande. Kein Präsident (mit der möglichen Ausnahme von Hoover) hatte seit der Demokratisierung der USA (1829) staatsmännische Qualitäten.[26]

Seien wir aber nicht kleinmütig. Alle Völker der Erde sind im Herzen Monarchisten, ob sie es nun realisieren oder nicht. Wenn Amerikaner dagegen protestieren, frage ich sie, ob Ted Kennedy, der wackere Chauffeur, der seine Freundin ersäuft hat, bei einer Kandidatur für die Präsidentenwürde (die er noch nicht realisieren kann), vielleicht nicht auf Millionen von Stimmen zählen könnte. Das wäre nicht das Resultat einer grenzenlosen Bewunderung für einen linksdralligen Nichtskönner und Nichtswisser, sondern einer alten Treue zur Dynastie der Kennedys. Niemand wagt mir da zu widersprechen. Eine Monarchie in Amerika, die schon der geniale Hamilton gefordert hatte? Rom betrachtete sich als Republik, bis sich schließlich Diokletian am Ende des 3. Jahrhunderts eine kleine, goldene Krone aufsetzte und Proskynesis verlangte.[27]

Man könnte sich gut vorstellen, daß in einem Land, das schon mehrmals Präsidenten aus derselben Familie hatte, schließlich es zur patriotischen Pflicht werden könnte - nach einer Abschaffung des 22. Amendment - den Präsidenten und seinen ältesten Sohn als Vizepräsidenten endlos wiederzuwählen. Schließlich hatten auch die Medicis, Florentiner Drogisten, anderthalb Jahrhunderte gebraucht, bis sie Großherzöge der Toskana wurden. Auch bei der Wahl des Römisch-Deutschen Kaisers wurde es nach der Regierung Friedrichs III. fast undenkbar (Karl VII. war eine Panne), keinen Habsburger mehr zu küren. De facto war unser Kaisertum eine Erbmonarchie geworden. Da die Verfassung der USA das Land weder eine Demokratie, noch eine Republik nennt, wäre dort der Übergang zur Monarchie vielleicht leichter als anderswo …

Chancen der Monarchie

Hat aber die Monarchie, in welcher Form auch immer, bei uns eine reale Chance? Selbstverständlich. Wer Augen hat, der sieht die hippokratischen Züge auf dem Antlitz der Demokratie, die dank der Verfügungen des Alliierten Kontrollrats (ähnlich wie durch eine andere siegreiche Koalition die Bourbonen anno 1814) wiederhergestellt wurde. Doch ist dies ein Problem weit über den deutschen Rahmen hinaus und berührt die gesamte bedrängte Minderheit liberal-demokratischer Staaten in der von Diktaturen beherrschten Organisation der Vereinten Nationen, diesem Freudenhaus am East River. Man muß sich einmal damit abfinden, daß alles auf Erden vergänglich ist, auch die Demokratie. Wie ein unbekannter Wiener Philosoph einst sagte: „Alles hat ein End, nur die Wurst hat zwei!“

Was aber kommt danach? Es könnte besseres, aber auch schlechteres folgen. Die Medizin auf die Weimarer Republik war bedeutend ärger als die Krankheit. Nun aber wird die heutige strukturelle Situation der Demokratie von dem immer größer werdenden Abgrund zwischen Scita und Scienda charakterisiert, zwischen dem, was der „Gebildete“ weiß, und dem, was er wissen sollte, um rationell fundierte politische Urteile abzugeben. Das kann er vielleicht noch in der Landsgemeinde des Kanton Glarus mit seinen 38.000 Einwohnern, aber in der Zeit der Massenmedien und des abgebauten Geschichtsunterrichts ist er bestenfalls ein Papagei ohne Federn. Und wenn es auch wahr sein sollte (was sehr zu bezweifeln ist), daß die Scita immer noch in einer arithmetischen Progression wachsen, so tun dies die Scienda in einer geometrischen. Es wird der demokratische Amateurismus nicht nur sinnlos, sondern gemeingefährlich. Man braucht nicht übermäßig phantasiebegabt zu sein, um sich vorstellen zu können, daß morgen um 6 Uhr früh eine Gruppe ernst dreinblickender Militärs und Zivilisten den Präsidenten der USA aufwecken, um ihm zu sagen, daß er sich in den nächsten 180 Sekunden entscheiden muß, auf einen gewissen Knopf zu drücken oder nicht zu drücken. Keine Zeit mehr um eine Gallup-Poll, die Redakteure der „Washington Post“ oder selbst den Kongreß zu befragen! Schon also ist in den Händen des amerikanischen Präsidenten, eines Monokraten mit Zeitlimit, eine Macht vereinigt, um die ihn ein Ramses II., Cyrus oder Tamerlan beneidet hätten. Es ist tatsächlich, wenn wir an Zyklus der Staatsformen denken, viel, viel später als man glaubt.

Die Technokratie kommt mit tödlicher Sicherheit, und sie wird für die Freiheit ein schweres Problem darstellen. Kann sie mit ihr auf den gleichen Nenner gebracht werden? Sicherlich, aber nur dann, wenn sie nichttotalitär, „gezielt“ und beschränkt ist und nicht ideologisch ein Werkzeug der Despotie wird. Doch ein von Amateuren kontrolliertes Expertentum ist sinnlos. Es gehört nicht nur ein Organ des Dialogs mit den Beherrschten her, sondern auch eine höhere Kontrolle - sagen wir: nebst einem unabhängigen Höchstgericht auch ein Monarch mit Kronrat.

Hier läge die Hauptaufgabe einer neuen Monarchie vor.[28] Sie kann als Restauration oder auch im Zuge einer Evolution kommen. Sie wird sich dank der Elektronik wahrscheinlich sehr harmonisch in die kommenden Zeiten einfügen können. Zwar ist sie am Anfang stets ein zartes Pflänzchen, dessen Wurzelfassung ein delikates psychologisches Problem bleibt. Republiken kann man über Nacht etablieren, Wahlen abhalten, Stimmen zählen - und schon hat man eine Regierung. Das geht geschwind, doch die Royalisierung eines Großvolks braucht gute Weile. Vielleicht hilft da ein wenig die Nostalgiewelle,[29] die einem tiefen Unbehagen in der „Moderne“ entspringt, deren Abstraktionen, wie z. B. das bloße Government by Law aus Papier und Paragraphen nicht befriedigen.

Die Antwort auf die Frage, ob der Mann der Rechten ein Befürworter der Mischregierung mit monarchischer Spitze sein soll, muß also hier noch einmal bejaht werden. Zum Unterschied von der These der republikanischen Demokratie steht die monarchische auf rationaler Grundlage.[30] Sie spricht auch das Gefühl an, denn ohne diesen Aspekt würde sie nur eine Unmenschlichkeit propagieren, gehören doch Herz und Hirn zusammen, wenn auch beim Menschen der Primat beim Denken und nicht beim Fühlen ist, das ohne Kontrolle leicht entgleiten kann.[31] Sicherlich hat die Demokratie, die mit dem Schierlingsbecher des Sokrates moralisch unterging und in einem Wald von Guillotinen romantisch wiedergeboren wurde, durch ihre schwierige Synthese mit dem liberalen Prinzip an der Geburt der Moderne entscheidenden Anteil gehabt. Sie steht an unserer Wiege, doch wie jeder Absolutismus ist auch ihre Verabsolutierung, die gerade heute stattfindet, verhängnisvoll. Die absolute Monarchie kann zur gekrönten Tyrannis werden, die absolute Demokratie endet, Wie schon der große Liberale Alexis de Tocqueville voraussah, in einem „sozialistischen“ Totalitarismus. Wie wir eingangs erwähnten, ist die große politische Tradition des Westens die gemischte Regierungsform, das regimen mixtum, und in diesem hat auch die „reelle“ Vertretung der Regionen, Stände, Klassen, Berufe, Meinungen ihren Platz. Es gibt kein gutes Regieren ohne Dialog zwischen Regierenden und Regierten, ohne freie Meinung und Gedankenaustausch. Darum waren auch in der Geschichte nicht die republikanischen Liktorenbündel (Frankreich unter Robespierre, Italien unter Mussolini), nicht die Jakobinermütze, das Hakenkreuz oder das rote Pentagramm, sondern die Krone das wahre Symbol der Freiheit.


Verweise


Einzelnachweise

  1. Ich wurde am 27. September 1903 ohne Gott, ohne Herren und ohne König geboren (und ohne Rechte). E. L. T. Mesens, Troisième Front (London 1944).
  2. Siehe Erik v. Kuehnelt-Leddihn, Freiheit oder Gleichheit? (Salzburg: 1953), S. 235 ff.
  3. Die Liste ist lang. Augenblicklich läuft der Seligsprechungsprozeß des letzten österreichischen Kaisers, Karls I., „Diener Gottes“. [Inzwischen ist Kaiser Karl seliggesprochen. MM]
  4. Auch der große Apologet der hohen Intelligenz der Monarchen, Professor Frederick A. Woods (Harvard) hat in seinen Büchern The Influence of Monarchs (New York 1913) und Mental and Moral Heredity in Royalty (New York 1906) die höhere Frequenz von Geisteskrankheiten in Herrscherfamilien erwähnt. Sie ist genau so hoch wie in den Familien von Genies.
  5. Es kann nicht bezweifelt werden, daß Georg III. heute von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen werden würde. Dieses Schicksal erreichte Otto von Bayern (1848-1916).
  6. Die echten Romanows waren im 18. Jahrhundert ausgestorben, die „preußischen“ Hohenzollern sind Schwaben, die portugiesischen „Braganas“ waren Sachsen-Coburg-Gothas.
  7. Otto Forst de Battaglia führte die Mutterlinie der Kaiserin Maria Theresia auf polowzische (turktartarische) Fürsten zurück. Die Filiation von Mohammed geht über Spanien und Marokko auf Fatima zurück.
  8. Ober die Objektivität des Fremden, siehe G. Simmel, Soziologie (Leipzig 1908, S. 687).
  9. Ein sozialistisches preußisches Königtum war der Traum Ferdinand Lassales.
  10. Tatsächlich ist eine kommunistische Monarchie strukturell bedeutend realistischer als eine kommunistische Demokratie oder selbst eine echt sozialistische Demokratie. Das Schaukelsystem der Demokratie macht einen genuinen Sozialismus unmöglich. Einen „Sozialdemokraten“ gibt es, einen sozialistischen Demokraten nicht.
  11. Der eher linkskatholische Philosoph Jean Lacroix sieht in der Demokratie eine brüderliche, aber antifamilistische und antipatriarchale Ideologie, die essentiell auf dem Vatermord beruht. Siehe sein Essay „Paternité et démocratie“ in „Esprit“, XV. No. 133, Mai 1947.
  12. Über die Legitimität im Sinne Guglielmo Ferreros siehe mein Op. cit. S. 279-283.
  13. über den Begriff des Rex sub lege siehe Fritz Kern: Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im frühen Mittelalter. Leipzig 1914
  14. Der Ausdruck stammt von A. de Tocqueville. Dazu siehe auch Paul de Lagarde: Deutsche Schriften (Jena 1944, S. 399). „Je mehr latente Fürsten unter einem Volke leben, desto sicherer ist ihm die Monarchie: wir begreifen und lieben nur das. was wir selbst sind oder sein können. Unten Volk, dann eine lange Weile gar nichts, und oben ein Dalai Lama in Uniform, so verstehen wir die Monarchie nicht.“
  15. Siehe Harold Laski: Parliamentary Government in England (New York 1938, S. 8, 56-57, 72-73). Washington bekräftigte in seiner Farewell-Address (dessen eigentlicher Autor Alexander Hamilton war) die Notwendigkeit weltanschaulicher Gleichschaltung, auf die „andere Regierungen“ eher verzichten können, in einer Republik.
  16. Selbst der Sultan in Konstantinopel war bedeutend minderheitenfreundlicher als die moderne türkische Demokratie. Die Behandlung amerikanischer Staatsbürger japanischer (oder teiljapanischer) Abstammung während des Zweiten Weltkriegs war skandalös. Im Westen wurden sie alle in Anhaltelager gebracht. Die vox populi war gegen sie. Und im Augenblick, als die deutschen Fürsten 1918 abdankten, war die jüdische Minderheit völlig wehrlos geworden.
  17. Schon Rivarol sagte uns, daß ein Herrscher ein Markus Aurelius oder ein Nero sein könnte, das Volk - kollektiv - ein Nero, aber niemals ein Markus Aurelius.
  18. Deshalb darf nach einem schwedischen Hausgesetz ein Prinz eine Frau aus einer nichtsouveränen Familie heiraten, doch nur wenn sie eine Ausländerin ist.
  19. Goethe: Epimenides Erwachen:
    Doch was dem Abgrund kühn entstiegen
    kann durch ein ehernes Geschick,
    den halben Erdkreis übersiegen,
    zum Abgrund muß es doch zurück.
  20. Die Absage an den Demokratismus mit der Betonung auf den Unsinn einer „aufsteigenden“ Autorität finden wir deutlich im Sillon-Brief von Pius X. (AAS, II. Rom 1911).
  21. Die Schwierigkeiten werden deutlich in Werner Kägis Essay „Rechtsstaat und Demokratie“ in: Demokratie und Rechtsstaat, Festschrift für Zaccaria Giacometti (Zürich: 1953). Nur dann ist die Synthese möglich, sagte Kägi, wenn das gute Volk rechtsstaatlich denkt. Aber wo ist das schon der Fall?
  22. Siehe Augustinus in: De civitate Dei, XIX, 15, und F. v. Baader: Vierzig Sätze aus einer religiösen Erotik.
  23. Erschöpfende Angaben findet man in der 11. Ausgabe der „Encyclopedia Britannica“ in einem Beitrag von H. Jackson (Cambridge). Das haben wir allerdings im Gymnasium nicht mitbekommen!
  24. Eine positive und sympathische Schilderung Wilhelms II. aus der Feder Walther Rathenaus findet man in seinem: Der Kaiser (Berlin 1919). Die Unzulänglichkeit des Monarchen rechnete Rathenau nicht ihm an, sondern den Deutschen. Rathenau wollte später mit Hilfe der Reichswehr die Monarchie restaurieren, doch Seeckt weigerte sich.
  25. John F. Kennedy hatte 1960 nur 150.000 Stimmen mehr als Nixen, aber der Charme der schönen Jackie war mindestens 1 Million Stimmen wert. Pat Nixon kam im Fernsehen nicht gegen sie auf. Das große klassische Standardwerk über die USA ist: The American Commonwealth von James Bryce. Kapitel 8 des 1. Bandes ist betitelt: „Warum ein großer Mann nicht Präsident der Vereinigten Staaten werden kann.“
  26. Man wäre versucht, Lincoln zu nennen, doch was wäre er ohne seine Ermordung? Nur der Mann, der 1861 einen Krieg vom Zaune brach, der bis zu diesem Datum der blutigste in der Weltgeschichte war. Dabei war die Sklavenbefreiung lediglich eine hochgespielte Fußnote: Lincoln riet den Mulatten, wieder nach Afrika zurückzugehen!
  27. Ob das Prinzipat eine echte Monarchie war, ist allerdings fraglich. Imperator hieß ganz einfach General, Metternich hielt das Prinzipat für reinen Bonapartismus. Allerdings ist die christliche Monarchie „unvergleichbar“.
  28. Gerade in einem Kronrat muß sich der Monarch als Koordinator erweisen, auch zwischen Volkswünschen und „technischer“ Notwendigkeit. Zu seiner Vorbereitung gehört ein wenig Rhetorik, aber vor allem Sprachen: der Dolmetscher ist das Notsignal einer wachsenden demokratischen Provinzialität.
  29. Die monarchische Nostalgiewelle spiegelt sich getreu in den Wochenschriften für das Niedervolk wider. Kein größeres Interesse als das Privatleben erlauchter Persönlichkeiten - und wenn es nur die Fürstin von Monaco ist!
  30. Joseph de Maistre schrieb einem Freund: „Sie müssen es jetzt verstehen, Royalist zu sein: früher war es nur ein Instinkt, heute aber ist es eine Wissenschaft.“ Eine wissenschaftliche Verteidigung der Demokratie ist uns jedoch unbekannt. Zwei führende amerikanische Gelehrte, Crane Brinton von Harvard und Ralph H. Gabriel von Yale, bezeichneten die Demokratie als quasi-religiösen Glauben. von der keine einzige Doktrin wissenschaftlichen Charakter hat. So in: Ideas and Man (New York 1950, S. 549) und: The Course of American Democralic Thought (New York 1940, S. 382).
  31. Bertrand Russell, ein strammer Linker, bestand in seinem: The Conquest of Happiness (London 1931, S. 84, 91) darauf, daß der Neid der treibende Motor der Demokratie sei.