Als Kronprinz Friedrich nach dem Tode seines Vaters, des Soldatenkönigs
Friedrich Wilhelm I, am 31. Mai 1740 die Herrschaft Preußens
übernahm, konnte er auf dem Fundament kluger und verantwortungsbewußter
Politik seiner drei Vorgänger aufbauen. Vom Großen Kurfürsten
Friedrich Wilhelm geht über den sodann zum König erhobenen Kurfürsten
Friedrich III bis hin zum Soldatenkönig eine Kette der Aufbauleistung
und Konsolidierung des Hausbesitzes, die vielfach beschrieben
worden ist. Auch außenpolitisch war das Feld wohlbestellt. Die
Vorgänger hatten ihr Interesse an der Etablierung des souveränen
Königtums mit ihrer Verpflichtung zur Reichs- und Kaisertreue
erfolgreich verbunden und innere Stabilität mit außenpolitischem
Erfolg vereinigt. Dabei war ihre Regierungstätigkeit von erheblichen
Risiken begleitet worden. Zur Zeit der Königsberger Krönung
waren die Kampfhandlungen des 2. Nordischen Krieges, der
die Hohenzollernlande erheblich in Mitleidenschaft ziehen sollte,
bereits im Gange, bald danach begann der Spanische Erbfolgekrieg,
der als ein eigentlicher erster Weltkrieg zu betrachten ist.
Der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges war allen Akteuren
bestens bekannt und gerade das Haus Hohenzollern hatte damals
erfahren, wie tief auch ein gut ausgestatteter Reichsfürst fallen
kann. Aus diesem und aus dem 1. Nordischen Krieg hatten die
Hohenzollern die Lehre gezogen, daß eine kluge und vorausschauende
aktive Bündnispolitik von ausschlaggebender Bedeutung für die
Bestandwahrung ist. Da der Dreißigjährige Krieg die Notwendigkeit
des Reiches als Solidar- und Verteidigungsgemeinschaft gezeigt
hatte, bauten der Große Kurfürst, sein Sohn und sein Enkel ihre
erfolgreiche Politik stets auf Reichstreue auf.
Die Aufgaben, vor denen sie gestanden hatten, waren vielfältig.
Doch fast alle wurden mit vorsichtiger und doch tatkräftiger
Politik bewältigt. Es kann an dieser Stelle nicht reflektiert
werden, ob der Griff nach der Königskrone zum Segen oder Fluch
für die Hohenzollern wurde. Daß sie gewonnen wurde, und zwar
in Harmonie sowohl mit Kaiser und Reich als auch mit dem einzigen
Nachbarstaat Preußens, dem Königreich Polen, war zunächst einmal
ein außerordentlicher politischer Erfolg. Ebenso erfolgreich
war die schrittweise territoriale Konsolidierungspolitik. Es
sei nur an den Erwerb Hinterpommerns im Westfälischen Frieden
und den Erwerb Stettins im Stockholmer Frieden erinnert. Sicherlich
wäre im Sinne der Ziele des Hauses mehr wünschenswert gewesen,
doch ließen sich die Vorfahren Friedrichs von der Maxime leiten,
daß ein sicherer, auf Recht gegründeter Gewinn langfristig von
entschieden größerem Wert ist als ein Raub, der zur Revanche
herausfordert und erhebliche Risiken birgt.
Trotz der mageren Ausbeute im Frieden von Reichswiek, der den
Pfälzischen Krieg (1688 - 1697) beendet hatte, verpflichtete
sich Brandenburg zur Kaiser- und Reichstreue, welches zu dieser
Zeit von dem immer aggressiveren Frankreich hart bedrängt wurde.
Diese Politik war erfolgreich, denn in den Kriegen vom Pfälzer
Krieg bis zu den ausgedehnten Kämpfen des Spanischen Erbfolgekrieges
hielten die reichstreuen Kräfte stand, ja, es gelang Teile der
französischen Beute wieder unter den Schirm des Reiches zu bringen.
Preußen war seinen außenpolitischen Zielen ebenfalls näher gekommen,
und was für den Bestand des Hohenzollernstaates noch wichtiger
war, die innere Konsolidierung, die der Große Kurfürst begonnen
hatte, waren von Friedrich I und dem Soldatenkönig erfolgreich
fortgesetzt worden. Die Position der Krone war in allen Territorien
unbestritten, die Landstände hatten selbst im aufmüpfigen Preußen
viele ihrer Vorrechte an den König übertragen müssen und wirtschaftlich
war die Monarchie durch die unermüdliche Sorge der Herrscher
gesundet.
Der Soldatenkönig hatte ökonomisches Genie mit politischer
Klugheit zu verbinden gewußt und dem gesunden Preußenstaat im
Frieden von Stockholm Stettin und die Odermündung gewonnen
1.
Dies war trotz der nicht beträchtlichen Größe der Territorien
ein gewaltiger Gewinn für die Monarchie, war doch der langersehnte
große Ostseehafen gewonnen. Nun konnte der Brandenburgische
Ostseehandel über Stettin geführt werden und Wohlstand und Handel
begannen zu blühen.
Die Jahrhunderte vor dem Pfälzer Erbfolgekrieg waren von einer
beständigen Vergrößerung Frankreichs auf Kosten des Reichs geprägt
gewesen. Bekanntlich hatte der Vertrag von Verdun im Jahre 843
das Karolingische Reich zwischen Karl dem Kahlen, Kaiser Lothar
und Ludwig dem Deutschen in drei charakteristische Teile gegliedert.
In den folgenden vierzig Jahren wurde das Mittelreich Lothars,
nunmehr Lothringen genannt, in den Verträgen von Mersen und
Ribemont dem ostfränkische Reich Ludwigs angegliedert. Dies
waren innerfränkische Verabredungen, die noch nicht von einem
Gegensatz zwischen französisch und deutsch geprägt waren.
Doch bereits der Sachsenkönig Heinrich I ordnete Lothringen
als fünftes Stammesherzogtum2 an das „Regnum
Teutonicum“ der deutschen Stämme an, wenn auch die Lothringer
im strengeren Sinne keinen „Stamm“ repräsentierten.
Die aus den Verträgen von Mersen und Ribemont resultierende
Grenze zwischen dem nunmehrigen „Frankreich“ und
dem Imperium Romanum, das u.a. aus Lothringen und dem ostfränkischen
Regnum gebildet wurde, blieb jahrhundertelang bestehen.
Doch ungefähr seit dem 12. Jahrhundert begann das schrittweise
Eindrücken dieser Grenze durch Frankreich. Zunächst fiel die
Grafschaft Provence mit Marseille, Aix-en-provence und Toulon
an das Haus Anjou und wurde ohne rechtliche Grundlage aus dem
Reich herausgelöst. Bis zum 16. Jahrhundert riß Frankreich
weitere Teile Burgunds aus dem Imperium heraus.
Die seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts unter dem Etikett
der Reformation grassierenden Zersetzungserscheinungen lieferten
das Reich erheblichen Risiken aus. Bereits 1550 verbündeten
sich rebellierende „protestantische“ Fürsten mit
dem französischen König und lieferten diesem widerrechtlich
die Territorien der Bistümer Metz, Tull und Verdun in Lothringen
aus. Frankreich besetzte diese Reichsterritorien ohne jede rechtliche
Grundlage, erst im Jahre 1648 wurde dieser Raub im Westfälischen
Frieden „legalisiert“. Seit Beginn des Dreißigjährigen
Krieges dann besetzte Frankreich auch Gebiete im Elsaß und erpreßte
„Schutzbriefe“ von den dort besetzten Territorialgewalten.
Im Westfälischen Frieden 1648 wurden einige dieser Gewalterwerbe
bestätigt, jedoch längst nicht so viele, wie Frankreich stets
behauptete.
Frankreich war mit den Ergebnissen des Westfälischen Friedens
jedoch nicht zufrieden. In einer fast ununterbrochenen Kette
von Kriegen und massiven Gewaltakten exekutierte der französische
König eine Annexionspolitik, die sich gegen alle Territorien
an seinen Ostgrenzen richtet. Einer dieser Kriege war der Holländische
Krieg von 1672 bis 1679. Nach jahrelangen Aggressionen, so auch
durch die verbündeten Schweden in Brandenburg
3, gelang es Frankreich, im Friedensvertrag von Nimwegen
4, ganz Burgund5 zugesprochen zu bekommen. Verhandlungen
über das Elsaß verweigerte Frankreich damals, so daß viele der
französischen Gewaltakte bis ins 20. Jh. hinein keine rechtliche
Gültigkeit erlangen konnten.6
Nach dem Königreich Burgund und dem Elsaß waren es dann besonders
die Spanischen Niederlande7,
die zum Ziel französischer Begehrlichkeit wurden. Frankreich
begann die s.g. Réunionspolitik: Sondergerichte erklärten einseitig
Reichsgebiet zum Französischen Territorium, die französische
Armee zog (mitten im Frieden) in das Land hinein, die lokalen
Stände wurden zur Eidesleistung auf die französische Krone gezwungen.
Dies betraf das württembergische Mömpelgard, weite Gebiete der
Pfalz und des Elsaß, Luxemburg und Lüttich. Insgesamt wurden
fast 700 Herrschaften und Orte eingezogen, ohne daß das Reich
eingeschritten wäre. Dies gipfelte im Raub Straßburgs im Jahre
1681. 1688 begann Frankreich dann den „Pfälzischen Erbfolgekrieg“
mit dem Ziel, die Pfalz und andere Gebiete gänzlich aus dem
Reiche herauszulösen. Dies scheitert zwar an einer europäischen
Allianz, beim Frieden von Reichswiek 8 im Jahre 1697 war Frankreich jedoch noch
so stark, daß es viele elsässischen „Erwerbungen“
einschließlich Straßburg nun schein-legalisiert behalten durfte.
Wie war nun die Sicherheitslage des Reiches beim Machtantritt
Friedrichs II? Bekanntlich hatte der Dreißigjährige Krieg das
Imperium Romanum erheblich geschwächt. Doch die Hauptziele seiner
Feinde waren nicht erreicht worden. Ihnen war es um die vollständige
Beseitigung der Macht des Kaisers und den Raub riesiger deutscher
Gebiete, wie z.B. ganz Böhmens gegangen. Diese Ziel hatten sie nicht erreicht,
wenn auch wertvolle, ja unersetzliche Territorien dem Reiche
verloren gegangen. Auch die Macht des Kaisers war sicherlich
geschwächt, wenn auch längst nicht in dem Maße, wie meist behauptet
wird. Vor dem Dreißigjährigen Krieg hatte der Kaiser die Kräfte
des Reiches kaum einmal zu Angriff oder Verteidigung zusammenfassen
müssen, vor der Reformation hatte es keine nennenswerten Herausforderungen
an die Reichssicherheit gegeben, so daß man von einer jahrhundertelangen
Friedenszeit für das Reich vor dem Beginn des Dreißigjährigen
Krieges reden kann.
Der Dreißigjährige Krieg hatte Deutschland jedoch tiefgreifend
verändert. Vielleicht die wichtigste Veränderung war die teils
bereits manifeste, teils sich andeutende raumpolitische Abtrennung
des heutigen Norditaliens vom deutschen Reichskorpus. Die Schweiz
hatte die völlige Unabhängigkeit vom Reich erlangt, sie fiel
sowohl als Verbindungsraum nach Italien als auch für die Reichsverteidigung
aus. Die egoistische, weitgehend calvinistisch motivierte Sezessionspolitik
wichtiger Territorien stellte das Reich vor erhebliche Probleme.
Zudem hatte sich der Calvinismus trotz des großartigen Sieges
über das extremprotestantische Rebellentum in Böhmen nicht nur
halten, sondern auch insoweit durchsetzen können, als er in
das Reichsreligionsrecht aufgenommen wurde. Dies war der größte
Schaden für das Reich in dem verlustreichen Westfälischen Frieden,
denn der Calvinismus ist in seinem Wesen eine reichs- und kaiserfeindliche
Ideologie.
Worin manifestieren sich diese ideologischen Züge? Zum einen
war natürlich der Katholizismus sowohl die Quelle des Reichsrecht
als auch gemeinsame geistig-weltanschauliche Grundlage ganz
Europas, ja das Fundament Europas schlechthin.
Daß eine Herauslösung bestimmter Stände und Territorien das
Reich und damit Europa ungeachtet besonderer Umstände gefährden
muß, versteht sich von selbst. Diese Gefährdung hatte aber Abstufungen,
denn der überwiegende Teil der protestantischen Reichsstände
blieb reichstreu und verhielt sich auch reichstreu. Der Calvinismus
aber zerstörte langfristig diese Basis weitgehend, da er die
reichsfeindliche Lehre von der Volksouveränität entwickelte.
Diese haltlose, in der Realität stets scheiternde Lehre mußte
im Verein mit demokratischen Tendenzen naturgemäß nicht nur
das Reich sondern auch ganz Europa in höchste Gefahr bringen,
da sie geeignet war, alle destruktiven Energien zu entfesseln,
die bereits im Bauernkriege in anderem Zusammenhange sich geregt
hatten.
Die Vorstellung, daß ein Territorium sich aus dem Reiche herauslöst,
war dem Mittelalter ebenso fremd wie der Gedanke, sich willkürlich
irgendwelche Körperteile zu entfernen, 9
das grundlegende Gebot der Reichsharmonie verbot egoistische,
reichsfeindliche Überlegungen. Das Aufgehen in der Reichsharmonie
führte andererseits auch zu einer gewissen Genügsamkeit am herrlichen
Reichsgebilde - nach den weitgehend im Rahmen eines Verschmelzungsprozesses
erfolgten Reichserweiterungen z.B. mit Schlesien dehnte sich das
Reich nicht mehr aus, sondern begann unmerklich zu schrumpfen.
Der die Reichstreue leugnende Calvinismus gab den Anstoß für das
reichsfeindliche Verhalten der protestantischen Obrigkeiten.
Im Falle von Brandenburg wirkte sich die Calvinisierung von
1613 besonders reichsgefährdend aus, da es im Jahre 1618 ohne
Widerstand durch das Reich das Herzogtum Preußen erbte, das
dadurch de facto ebenfalls calvinistisch wurde. Zwar
wurde die Bevölkerung weder in Brandenburg noch in Preußen direkt
zum calvinischen Glauben genötigt, doch durch Bruch des Indigenats-Rechts
und das notorische Streben des Adels zum Hofe erfolgte eine
schleichende Aushöhlung des überkommenen Luthertums. Für die
Brandenburger Hohenzollern war der Erwerb des seit 1466 de
facto außerhalb des Reichs liegenden Preußens ein Hauptgewinn,
hatten sie doch nun eine für Kaiser und Reich unerreichbare
Basis für ihre reichsfeindlichen Aktivitäten. Ungeheuer gewinnbringend
war die Tatsache, daß weder der katholische Kaiser, noch der
katholische König von Polen irgend etwas gegen diese für beide
höchst bedrohliche Konstellation unternahmen und den neuen Status
quo anscheinend ohne Bedenken legalisierten.
Seit 1663 waren Kaiser und Reich in existentieller Weise durch
erneutes Expansionsstreben der Pforte herausgefordert. Der Sieg
des Reichs- und Koalitionsheeres unter dem polnischen König
Johann III im Jahre 1683 hatte die Widerstandsfähigkeit
des Reiches und seiner Verbündeten exemplarisch unter Beweis
gestellt. Doch erst im September 1739 war der Krieg gegen die
Türken zu Ende gegangen. Durch die mit dem Namen Prinz Eugen
verbundenen Siege waren Ungarn und Kroatien vollständig befreit
worden und ins Imperium heimgekehrt, die Macht des Kaisers und
des Reiches waren wieder hergestellt und befestigt und die südöstlichen
Grenzen des Imperiums befriedet worden. Herrscher des Imperiums
war seit dem Jahre 1711 der Habsburger Karl VI, der am 20. Oktober
1740 verstarb. Er hatte wie sein jung verstorbener Bruder und
Vorgänger Josef I keine Söhne. Deshalb stellten sich ernste
politische Fragen um die Nachfolge in seinen Staaten und im
Reich. Unmittelbar nach dem Spanischen Erbfolgekrieg hatte Karl
deshalb in kluger Voraussicht ein verbessertes Hausgesetz, die
„Pragmatische Sanktion“ erlassen. Dieses Gesetz
ließ er - gegen den Rat seines Bruders - völkerrechtlich absichern.
Vielleicht weckte gerade dies beim nahende
Ende Karls die fieberhafte Begehrlichkeit vieler Fürsten. Sachsen
wollte Mähren aus Österreich herauslösen, Bayern wollte ganz
Böhmen gewinnen und mehr derartige Wünsche wurden offen formuliert.
Die Gemahlin des polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten
Friedrich August II war die Base Maria Theresias namens Maria
Josefa, Tochter von Kaisers Josef I.,10 dem
älteren Bruder seines Nachfolgers Karl VI.11 und
18 Jahre älter als Maria. Aus dieser verwandtschaftlichen Beziehung
konstruierte Friedrich August einen Anspruch auf die Nachfolge
im Hause Österreich und ließ sich vom Papst von seinem Eide auf
die pragmatische Sanktion entbinden, wobei der Papst bedauerlicher
Weise diesen Dispens erteilte. Zwar war August nicht der Mann
des beherzten Zugriffs, doch stachelte er den jungen Friedrich
skrupellos auf, der ihm zudem gegen finanzielle Leistungen versprochen
hatte, den Kreis Schwiebus12
bei Regierungsantritt auszuliefern.
Nun nahm das Unheil seinen Lauf .
Am 31. Mai 1740 starb der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm II
von Preußen. Sein tatendurstiger Sohn Friedrich folgte ihm im
Herrscheramt und wie gerufen erfolgte das Ableben von Kaiser
Karl VI am 20. Oktober desselben Jahres.
Am 19. Oktober 1537 hatten Joachim II von Brandenburg und Herzog
Friedrich II von Liegnitz in der Liegnitzer Erbverbrüderung
vereinbart, daß sich die Häuser gegenseitig für den Fall des
Aussterbens des Hauses im Mannesstamme als Erben einsetzen.
Wegen der geringeren Größe der Liegnitzer Territorien war im
Vertrag festgelegt worden, daß Liegnitz im Falle des
- niemals eingetretenen - Ausbleiben eines Hohenzollernerben
nur teilweise in das territoriale Erbe desselben eintreten sollte.
Diese Klausel war schon deshalb notwendig, weil Brandenburg
auch mit Pommern und Mecklenburg ähnliche Verträge verbanden.
Der Vertrag mit Liegnitz wurde jedoch nicht wirksam, da ihn
der böhmische König bereits 1546 für null und nichtig erklärt
hatte.
Das Haus der Liegnitzer Herzöge starb im Jahre 1675 tatsächlich
aus, zum Erbe gehörten die Fürstentümer Liegnitz, Brieg, Wohlau
und Beuthen, die zusammen etwa 1/4 der Fläche Schlesiens einnehmen.
Der Kaiser zog die Herzogtümer rechtlich korrekt als erledigte
Lehen ein und ließ sie zunächst durch einen kaiserlichen Landeshauptmann
regieren. Brandenburg wollte jedoch nicht aufgeben und meldete
seine Ansprüche beim Kaiser an, der im Jahre 1686 auf kurfürstliche
Unterstützung angewiesen war. In einem Geheimvertrag verzichtet
der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm auf seine (gar nicht vorhandenen)
Ansprüche und ließ sich dafür vom Kaiser den nördlichsten schlesischen
Kreis Schwiebus zusichern. Zuvor hatte sich der kaiserliche
Botschafter Kolovrath vom Kurprinzen, dem späteren König Friedrich I,
vertraglich zusichern lassen, daß Schwiebus bei Regierungsantritt
des Prinzen wieder dem Kaiser übergeben werde. Nachdem Friedrich
im Jahre 1688 zur Herrschaft gelangte, übergab er tatsächlich
den Kreis Schwiebus vertragsgemäß dem Kaiser.
Die in der borussischen Literatur oft angestellte Überlegung,
daß der brandenburgische Verzicht von 1686 wegen der geheimen
Abrede mit dem Kurprinzen nicht wirksam sei, entbehrt jeder
Begründung, da ja ein tatsächlicher Anspruch auf auch nur eine
Quadratmeile Schlesiens gar nicht bestand. Im Übrigen war es
die souveräne Entscheidung des Kurfürsten Friedrich, den Kreis
Schwiebus wieder rückzuübertragen. Diese Entscheidung ist in
völkerrechtlich untadeliger Form und bei erheblichen kaiserlichen
Gegenleistungen erfolgt.
Es ist völlig offensichtlich und bedarf keiner weiterer Diskussion,
daß der Enkel Friedrich II diese Geschichte lediglich deshalb
aufwärmte, weil er nicht die geringste tatsächliche Rechtfertigung
für seine reichsfeindlichen Attacken hatte. Dies hat er selbst
oft genug zugegeben: „Die Genugtuung meinen Namen in der
Zeitung und später in der Geschichte zu wissen, hat mich verführt.“
schrieb Friedrich bereits im Jahre 1740 und „Der Besitz
schlagkräftiger Truppen, eines wohlgefüllten Staatsschatzes
und eines lebhaften Temperamentes: das waren die Gründe, die
mich zum Kriege bewogen.“ In diesen Worten dürfen wir
nicht lediglich Ironie oder Sarkasmus vermuten, sie geben die
tatsächlichen Motive Friedrichs zutreffend wieder.
Bereits eine Woche nach dem Tod des Kaisers erteilte Friedrich
den Angriffsbefehl. Fassungslos mußte die erst 23jährige Maria
Theresia[13] mit ansehen, wie eine Welt von Feinden unprovoziert über ihre
friedlich daliegende Länder hereinbrach. Sachsen und Bayern
hatten nur auf die preußische Initiative gewartet, um sich der
Schurkenallianz anzuschließen. Reichsgebiet an Frankreich preiszugeben
machte den Aggressoren nicht das Geringste aus. Friedrich pochte
in Frankreich darauf, daß dieses sich nun endlich die Reste
Lothringen aneigne, doch Frankreich war vorsichtig und wartete
zunächst ab, obwohl sich Österreich vom Kriege gegen die Türken
noch nicht vollständig erholt hatte und auf innerdeutsche Kämpfe
nicht vorbereitet war.
So kam es zur zunächst weitestgehend kampflosen Besetzung Schlesiens.
Friedrich behauptete frech, daß er Schlesien vor dem Zugriff
Dritter sichern wolle. Bayern drang derweil vereint mit Frankreich
und Sachsen in Böhmen ein, das es aus dem Besitz der Habsburger
zu lösen gedachte. Als Frankreich dem Borussenherrscher den
Besitz Schlesiens garantiert, beteuerte Friedrich überglücklich
gegenüber dem französischen Botschafter: „Ich bin jetzt
ein besserer Franzose als der Marschall Belle-Ile und Frankreich
so treu wie nur je ein Verbündeter.“ Er unterstützte den
französischen Plan, das Reich aufzulösen und in vier Besatzungszonen
aufzuteilen. Da sich Österreich jedoch tapfer seiner Haut wehrte
und zudem die österreichische Bevölkerung im Frühjahr 1742 in
einen Volkskrieg gegen die preußischen Okkupanten eintrat, schloß
Friedrich in Breslau Frieden, der ihm Ober- und Niederschlesien
sowie die Grafschaft Glatz sicherte.
In der Zeit zwischen den Schlesischen Kriegen hatte nur Preußen
die Möglichkeit seine Kräfte zu sammeln und seine Truppen aufzufüllen.
Österreich mußte in härtestem Kriegseinsatz um seine Existenz
ringen. Zwar wurde es nun von England und den Niederlanden unterstützt,
doch den Hauptanteil der militärischen Last trug Österreich
allein. Karl von Lothringen schlug die Bayern und Franzosen
auf bayrischem Boden. Die Franzosen entflohen und Bayern mußte
kniefällig um Frieden bitten. Auch der Sieg der „Pragmatischen
Armee“ über die Franzosen bei Dettingen am Main entlastete
das Reich und seine Kräfte. Der verzweifelte Fritz schloß Verträge
sowohl mit Österreich als auch mit Frankreich, in denen er diesen
seine zweifelhafte Treue zusicherte. An die Briten wollte Fritz
Emden verhökern. So begann
den Preußen mit einem erzwungenen Durchmarsch durch das inzwischen
mit Österreich verbündete Sachsen begann. In der „Frankfurter
Union“ hatte Friedrich sich mit dem Wittelsbacher Kaiser
Karl verbündet und begann den Krieg mit dem Ziel Österreichisch-Schlesien
und Nordböhmen zu gewinnen. Aus der Frankfurter Union leitete
er den Anspruch ab, im Interesse des Reiches tätig zu sein und
nannte seine Armee großspurig „Reichsarmee“. Doch
alle seine Manöver in Böhmen prallten an der genialen Feldherrenkunst
Otto Ferdinands von Traun ab. Dieser zermürbt Friedrich derartig,
daß er schließlich fluchtartig aus Böhmen weichen muß. Zudem
konnte das Haus Habsburg wieder Oberschlesien in Besitz nehmen,
das so in den Genuß seiner angestammten Herrschaft gelangte.
Im folgenden Jahr 1745 wendete sich das Kriegsglück allerdings
wieder. Zunächst siegte Preußen in der Schlacht von Hohenfriedberg.[14] Sodann
gelang es den österreichischen Kräften nicht, die permanente strategische
Überlegenheit in einen vernichtenden Sieg über den preußischen
Aggressor umzumünzen. Selbst der österreichische Sieg über das
sich gen Schlesien zurückziehende Borussenheer bei Soor[15]
ändert die Kräfteverhältnisse nur unwesentlich.
Auch aus der im August abgeschlossenen österreichischsächsischen
geheimen Offensiv-Konvention konnten die reichstreuen Kräfte
nicht den erhofften Gewinn schlagen. Diese Konvention wäre sicherlich
erfolgreich gewesen, wenn sie tatsächlich geheim geblieben wäre.
Leider war das nicht der Fall, und so kostete es den Alten Dessauer
nur geringe Mühe, vor den Toren Dresdens die noch nicht formierten
sächsischen Truppen zu zerschlagen. Zuvor hatte er Leipzig besetzt
und den alten Johann Sebastian Bach empfindlich bei der Fertigstellung
seines Spätwerks gestört sowie Kontributionen erpreßt.
Der Dresdener Friede vom 25.12.1745 war kein Weihnachtsgeschenk
für Maria-Theresia, denn zum zweiten Mal mußte den Preußen der
Besitz Schlesiens bestätigt werden. Angesichts der Tatsache,
daß Österreich zu dieser Zeit sowohl in den Niederlanden als
auch in Italien reichsverteidigend tätig war, darf der Dresdner
Friede aus Österreichischer Sicht als sinnvoll bezeichnet werden.
Preußen hatte seinen Ruf als Hyäne am Reichskorpus wiederum
bestätigt.
war von dem weltweit tobenden Krieg der Kolonialmächte England
und Frankreich geprägt. Die deutschen Ereignisse betteten sich
in diesen Krieg ein, der die Vorentscheidung für die Weltherrschaft
in den kommenden Jahrhunderten bringen sollte. Der schließliche
und für Europa verhängnisvolle Sieg Englands war kaum vorhersehbar,
er hätte unter anderen Umständen große Vorteile für das Reich
bieten können, das an der Seite Englands immerhin Frankreich
hätte schwächen und die verlorenen Westgebiete zurückgewinnen
können. Doch setzte der Kaiser ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt
auf ein Bündnis mit Frankreich, das fast zwangsläufig zur Westminster
Convention zwischen England und Preußen führt, das so zum „Festlandsdegen
Englands“ verkam.
Auf die weltweit und namentlich in Nordamerika ablaufenden
militärischen Auseinandersetzungen kann hier nicht eingegangen
werden, obwohl dies wichtig genug wäre. Dies wird in Kürze nachgeholt
werden.
Der Siebenjährige Krieg begann mit der völlig unprovozierten
Besetzung Sachsens durch Preußen. Das Königreich Sachsen hatte
es leider versäumt, wie die anderen europäischen Mächte die
Friedenszeit zu nutzen, um die notwendigen Rüstungen voranzutreiben.
Friedrich begann sofort mit einer Politik des Terrors, in dem
er Schlösser plündern und Unschuldige ängstigen ließ. Die Besetzung
Sachsens nutzte Friedrich II sofort zu völkerrechtswidrigen
Zwangsrekrutierungen. Auch Schwedisch-Pommern und Mecklenburg
wurden nach geeigneten Rekruten durchkämmt. Doch wurden nicht
nur Rekruten ausgehoben, - alles, was irgend der Kriegführung
dienlich ist, ließ Friedrich aus neutralen, ja befreundeten
Ländern abtransportieren. Es sei daran erinnert, daß zwischen
Brandenburg und Mecklenburg seit Jahrhunderten Frieden und eine
enge Vertragsgemeinschaft bestand.
Das Jahr 1756 brachte außer einem kleinen Vorgefecht in Nordböhmen
bei Lobositz keine nennenswerten Kampfhandlungen. Dem auf den
Krieg gut vorbereiteten Österreich gelang es nicht, mit der
in Pirna internierten sächsischen Armee in Verbindung zu treten
und mußte seine Armeen nach Südböhmen zurückziehen. Die eigentlich
wichtigen kriegerischen Ereignisse begannen im Jahre 1757 mit
der Schlacht bei Prag, die Preußen einen seiner größten, wenn
auch verlustreichen Siege bescherte.[16] Doch konnte Friedrich die
Früchte dieses Sieges nicht genießen, da ihm die Einnahme Prags
nicht gelang. Zudem besiegten Karl von Lothringen und Daun einen
Monat später bei Kolin die preußischen Restheere, so daß Friedrich
aus Böhmen verschwinden mußte. Als Rache startete er eine Desinformationskampagne,
bei der er ein „Breve des Papstes an Feldmarschall Daun“
erfinden ließ, in welchem er dem Papst Begeisterung für Österreichische
Siege unterstellt. Die Greuelpropaganda des 20. Jahrhunderts
nahm Friedrich vorweg, indem er im Heer das Märchen verbreiten
ließ, die Österreicher würden täglich mindestens 10 Überläufer
exekutieren.
Zur Schwächung Friedrichs trug weiterhin die russische Invasion
(Ost)preußens und die Niederlage in der Schlacht von Großjägersdorf[17] bei.
Der russischen Führung waren allerdings die Sympathien des Thronfolgers
für den Herrscher der Borussen bekannt und so nutzen sie ihren
Sieg nicht aus und irrten herum. Dies verschaffte Friedrich den
benötigten Freiraum für die Schlacht bei Roßbach,[18] in der er das schlecht
vorbereitete Reichsheer und ein französisches Kontingent schlug.
Angeblich erlangte Friedrich für diesen verbrecherischen Akt gegen
die Kräfte des Reichs Popularität in Deutschland, doch diese Popularität
dürfte nicht höher zu bewerten sein, als die Begeisterung der
Bild-Zeitung für die amerikanischen Invasionstruppen in Afghanistan.
Es scheint, daß Friedrich das französische Kontingent absichtsvoll
schonte, jedenfalls behauptete er dieses später. Bereits zwei
Wochen später wurde Friedrich von Österreich herausgefordert,
das ihn vor den Toren Breslaus[19] schlug.
In der Schlacht von Leuthen20 war
ihm dann ein bedeutender Sieg beschieden. Trotzdem konnte sich
Österreich im Winter 1757/58 in Schlesien halten.
Inzwischen war England auch in Indien erfolgreich, da 3.000 Engländer
bei Plassey mehr als 50.000 Inder besiegten. Preußen nutzte seinen
Vorteil aus, um wiederum die umliegenden Lande auszuplündern und
sich für den Frühjahrsfeldzug 1758 zu rüsten.
Gestärkt durch den Dezembersieg von Leuthen, stieß Friedrich
im Frühjahr 1758 wiederum nach Mähren hinein, um Österreich
zur friedlichen Abtretung Schlesiens zu bewegen. Dieser Plan
mißlang, da es Friedrich trotz monatelanger Operationen nicht
gelang, in Mähren oder Böhmen Fuß zu fassen.
Im Herbst rückten zudem wieder einmal die Russen heran, die
bereits im Winter weitgehend kampflos ganz Ostpreußen besetzt
hatten, das der russischen Herrscherin zum Entsetzen Friedrichs
huldigte. Im Sommer standen die Russen dann vor Frankfurt rechts
der Oder, scheiterten jedoch an Küstrin. Friedrich stellte die
Russen bei Zorndorf[21] und vertrieb sie in einer äußerst
verlustreichen Schlacht, die auch die preußischen Ressourcen
erheblich schwächte. Da es Friedrich gelang, auch Kolberg von
der russischen Bedrohung zu entsetzen, konnte Friedrich insofern
als Reichsverteidiger gelten, als er seine angestammten Territorien
innerhalb des Imperiums vom Feind gesäubert hatte.[22]
Das letzte Kapitel in der Kriegsgeschichte dieses Jahres schlug
Feldmarschall Daun auf, der vereint mit dem Reichsheer die demonstrativ,
jedoch taktisch unklug südöstlich Bautzens bei Hochkirch aufgezogenen
preußischen Truppen zur Schlacht zwang, in der Keith fiel.[23] Österreich war jedoch wieder einmal nicht in der Lage,
diesen Sieg auszunutzen und zog im November nach Böhmen ab.[24]
Trotz der immensen Verluste des Jahres 1758 gelang es Friedrich,
seine Heere im Winter wieder zu ergänzen. Die dabei angewendeten
Mittel sind als verbrecherisch zu bezeichnen, artete doch die
schon zuvor stets kriminelle Art der preußischen „Werbung“
in regelrechte Menschenjagden aus, die die Territorien weit
um Brandenburg-Preußen herum weitgehend entvölkerte und ein
dem 30jährigen Kriege gleichendes Elend verursachte.
Die eigentlichen Kriegshandlungen begannen erst im Sommer, als
sich die russischen und österreichischen Heere gegen Brandenburg
in Bewegung setzten. In einem Gefecht bei Kay im südlichsten Osten
Brandenburgs und dann in der gewaltigen Schlacht bei Kunersdorf,
kurz vor Frankfurt am 12. August 1759, wurden die preußischen
Heere vernichtend geschlagen. Zehntausende Tote und Verwundete
blieben auf der Walstatt zurück, die preußischen Heere waren zu
90% vernichtet. Doch unbegreiflicherweise nutzen die Alliierten
diesen in keiner Weise zu überschätzenden Sieg nicht aus, um dem
Preußenstaat den Todesstoß zu versetzen. Die Russen weigern sich,
gegen Berlin vorzurücken und bewegen sich links der Oder südlich
in Richtung Müllrose und Lieberose um sich schließlich im Herbst
an die Weichsel zurückzuziehen. Österreich war mit der Rückgewinnung
Schlesiens zufrieden und zögerte aus verfehlten operativ-taktischen
Überlegungen, ins Herz des Gegners hineinzustoßen. Zu Recht schrieb
der Preußenkönig an seinen Bruder: „Ich verkündige Ihnen
das Mirakel des Hauses Brandenburg!“ Mit diesem unverzeihlichen
Mangel an politischer Konsequenz aus dem Kriegsverlust entwerten
sich auch die weiteren Erfolge der Alliierten, die Befreiung Dresdens
und der „Finckenfang bei Maxen“,[25] als die preußischen Besatzungstruppen unter General Finck
eingekesselt und gefangengenommen werden.
Durch diesen aus heutiger Sicht katastrophalen Mangel an politischer
Weitsicht und Konsequenz schleppte sich der Siebenjährige Krieg
noch durch zwei weitere grauenhafte Jahre mit unermeßlichen
Verlusten und Zerstörungen hin. Erwähnt seien in aller Kürze
die Gefechte des Jahres 1760 von Landeshut, Liegnitz und Torgau.[26] Während in Schlesien gekämpft wurde, gelang
es den Verbündeten kurzfristig Berlin einzunehmen, wo das Zeughaus
geplündert und sämtliche Kriegsmittel abtransportiert wurden.
Aus Rache ließ Friedrich Anfang 1762 unter anderem das sächsische
Schloß Hubertusburg plündern. Hubertusburg, erst kürzlich erbaut,
war eines der größten und schönsten Schlösser Europas. Durch
seine ländliche Lage am Rande des Königreiches war es dem Wüten
der Preußen schutzlos ausgeliefert, Friedrich ließ es fast total
zerstören, selbst Dachziegel und Tapeten wurden akribisch demontiert
und von Friedrichs treuen Mitarbeitern Ephraim und Itzig „ausgewertet“.
Die historische Tragik Sachsens ließ es bis heute nicht zu,
daß Schloß Hubertusburg hergestellt wurde, lediglich die von
Friedrich verschonte katholische Schloßkapelle ist intakt und
wird von der katholischen Ortsgemeinde als Gotteshaus genutzt.
Schloß Hubertusburg war kein Einzelfall. Zu den Kennzeichen
preußischer Kriegführung gehört systematische Zerstörungswut,
völlige Rücksichtslosigkeit gegenüber dem unbeschreiblichen
Elend der Zivilbevölkerung und der gefangenen Feinde. Aus nacktem
Neid ließ Friedrich mehrfach Dresden mit Brandbomben beschießen,
sein Haß steigerte sich ins Unermeßliche, wenn er eine Stadt
aufgeben mußte, die im Allgemeinen nicht nur total abgebrannt
wurde, deren Bevölkerung auch dem Hungertode geweiht wurde,
ließ Friedrich doch alle Lebensmittel und Vorräte, die er nicht
abtransportieren konnte, verbrennen oder sonst zerstören. In
Friedrichs Politik der verbrannten, meist sächsischen Erde,
waren die Exzesse der auf totale Vernichtung ausgerichteten
Politik der Alliierten des 2. Weltkrieges bereits in den
meisten Elementen ausgebildet. Zu den schlimmsten, weil unheilbaren
Folgen des friderizianischen Terrors gehört der Totalverlust
der Dresdner Musiksammlungen, bei dem eine Unzahl unermeßlich
wertvoller Werke für immer verloren ging, darunter eine nicht
geringe Anzahl von Werken Johann Sebastian Bachs, der bekanntlich
königlich-polnischer Hofkomponist gewesen war.
Die borussische Hagiographie nennt regelmäßig den Obristen Johann
Friedrich Adolph von der Marwitz, der sich der rechtswidrigen
Kriegführung seines Herrn widersetzt hat. Die Tatsache jedoch,
daß sich viele tausende Offiziere widerspruchslos beteiligten
und außer von der Marwitz kein einziges Beispiel der Insubordination
herangeführt werden kann, spricht nicht etwa für, sondern in vollem
Umfang gegen die behauptete ethische Kompetenz des friderizianischen
Kriegsadels. Marwitz ging zudem kein Risiko ein und er wußte das.
Er verblieb im Dienst, konnte sogar monatelang (unter Kriegsrecht!)
unentschuldigt fernbleiben und ließ sich nach der Entlassung auf
seinem Gute unweit Berlins in Friedersdorf[27] nieder, wo er den
Rest seines Lebens der Spielsucht frönte.[28] Fast jeder Bundespräsident hat ihn inzwischen in seinen
Reden gewürdigt und welch groteske Blüten der Borussismus einflußreicher
Kreise der BRD-Elite trieb,[29] möge ein Zitat von Theodor Heuss aus dem Jahre 1954
zeigen: „So mag das Preußische als moralische Substanz begriffen
werden. Und wenn irgendwo, dann steht Preußens Denkmal in einer
Dorfkirche der Mark Brandenburg.“[30] Nach dieser Logik wäre dann auch der risikolose „Widerstand“
irgend eines (vorgeblichen) NS- oder Sozialismusdissidenten[31] ein
Beleg für die „moralisch Substanz“ von Nationalsozialismus
oder Bolschewismus.
Österreich konnte Schlesien behaupten und Rußland besaß Pommern
mit der Festung Kolberg (nach der Kapitulation vom 16.12.1761),
als am 5. Januar 1762 die Zarin Elisabeth von Rußland starb.
Rußland gab daraufhin sofort alle seine preußischen Eroberungen
ohne Entschädigung zu verlangen zurück und verabschiedete sich
aus dem Krieg. Am 12. Mai 1762 fand bei Döbeln
in Sachsen ein größeres Gefecht statt. Mit Schweden
konnte Preußen in Hamburg am 22. Mai 1762 Frieden schließen.
Durch das Ausscheiden Rußlands und Schwedens aus dem Krieg
waren die reichstreuen Kräfte im Verhältnis zu Preußen erheblich
geschwächt worden. Am 9. Oktober fiel Schweidnitz nach aufopferungsvoller,
tapferer Verteidigung und am 29. Oktober erlitt das Reichsheer
durch den Prinzen Heinrich bei Freiberg eine schwere Niederlage.
Als abschließende Kampfhandlungen des Siebenjährigen Krieges
darf man den Raubzug des Corps Kleist betrachten, die Bamberg
und Nürnberg angriffen.[32] Am 15. Februar 1763 wurde nach langwierigen Friedensverhandlungen
in der zuvor geplünderten Hubertusburg Frieden geschlossen,
in dem für Preußen der status quo von 1756 erzielt wurde.
Dies war das Ende eines Krieges, den Preußen als Angriffs-
und Vernichtungskrieg gegen das Imperium Romanum, das heißt
gegen Deutschland führte. Um der eigenen Machtposition willen
brach Preußen den Frieden des Reiches, den Frieden des Deutschen
Königs, der das Haus der Zollerngrafen mit Brandenburg belehnt
hatte. Bei dieser und bei unzähligen weiteren Gelegenheiten
hatte das „Haus Brandenburg“, wie man sich bald
großspurig nannte, Treu zu Kaiser und Reich geschworen, Eide,
die Friedrich hundertfältig brach. Friedrich erhob die Hand
gegen Kaiser und Reich, gegen ganz Deutschland, in einer Stunde
der Schwäche des Reiches, das ohne die Untreue und den Egoismus
seiner stärksten Glieder - nicht nur Preußens - zukunftsfähig
gewesen wäre.
Im Versagen Friedrichs, nicht nur gegen das Reich, nein, auch
gegen seine eigenen Provinzen und Hintersassen sowie gegen ganz
Europa, ja gegen die ganze Welt, war ein Untergangsprogramm
vorgezeichnet, das der Apokalypse gleichkam. Es steht in engem
Zusammenhang mit Friedrichs Untaten, daß heute auf dem größten
Teil seiner ehemaligen Territorien die Erinnerung an deutsche
und preußische Kultur getilgt sind.
Ende