Der erste russische Patriarch, der nach dem Sturz des Zaren wieder
an die Spitze der russischen Orthodoxie gewählt worden war [1],
Tichon, erließ am 1. Februar 1918 - knapp ein Vierteljahr nach dem
Machtantritt Lenins - einen Hirtenbrief, in dem er über die Kommunisten
das Anathema verhängte.
Anathema des Patriarchen Tichon vom 1. Februar 1918
»Der demütige Tichon, von Gottes Gnaden Patriarch von Moskau und ganz
Rußland, an die im Herrn Christus geliebten Erzhirten, Hirten und alle
treuen Kinder der russisch-orthodoxen Kirche:
Der Herr errette uns von dieser gegenwärtigen argen Welt (Gal 1,
4).
Die heilige orthodoxe Kirche durchlebt in den russischen Landen eine
schwere Zeit. Die öffentlichen und heimlichen Feinde haben eine Verfolgung
gegen die Wahrheit Christi begonnen und sind bestrebt, das Werk Christi
zu vernichten; sie säen anstelle der christlichen Liebe die Saat der Bosheit,
des Hasses und des brudermörderischen Krieges.
Die christlichen Gebote der Nächstenliebe geraten in Vergessenheit oder
werden mit Füßen getreten. Täglich erreichen Uns Berichte über die unfaßbare
und bestialische Ermordung völlig unschuldiger Menschen, ja selbst von
Kranken auf dem Krankenlager, denen man vielleicht nur vorhalten kann,
daß sie für das Vaterland ihre Pflicht taten und ihre ganze Kraft in den
Dienst der nationalen Wohlfahrt gestellt haben. Das geschieht nicht nur
im Schutze nächtlicher Dunkelheit, sondern am hellen Tage mit einer bis
jetzt noch nicht dagewesenen Vermessenheit und erbarmungslosen Grausamkeit,
ohne jedes Urteil und entgegen allem Gesetz und allem Recht. Diese Dinge
geschehen heute in fast allen Städten und Dörfern unseres Landes, sowohl
in unserer Hauptstadt als auch in den entfernteren Gebieten (Petrograd,
Moskau, Irkutsk, u. a.).
All das erfüllt Unser Herz mit tiefem, schmerzlichem Kummer und zwingt
Uns dazu, an solchen Auswurf des Menschengeschlechts gemäß dem Vermächtnis
der Apostel die strafenden Worte zu richten: Die da sündigen, die strafe
vor allen, auf daß sich auch die anderen fürchten (I Tim 5, 20).
Besinnt euch, ihr Verstandeslosen [Wahnsinnigen], haltet ein in eurem
blutigen Wüten, für das euch im zukünftigen jenseitigen Leben das höllische
Feuer zuteil werden wird und eurer Nachkommenschaft der furchtbarste Fluch
in diesem Erdenleben.
Aufgrund der Uns von Gott verliehenen Macht verbieten Wir es euch, euch
den heiligen Sakramenten zu nahen, anathematisieren Wir euch, sofern ihr
überhaupt den Christennamen tragt, obwohl ihr eurer Geburt nach zur orthodoxen
Kirche gehört.
Euch alle aber, die ihr treue Kinder der Kirche seid, beschwören Wir,
mit diesem Auswurf des Menschengeschlechts keine Gemeinschaft zu halten:
Entfernt den Bösen aus eurer Mitte! (1 Kor 5, 13).
Die heilige Kirche Christi wird den härtesten Verfolgungen unterworfen:
Die charismatischen Sakramente, die die Geburt des Menschen auf dieser
Erde heiligen und den Ehebund segnen, werden öffentlich als unnötig erklärt.
Die heiligen Kirchen werden der Zerstörung, der Beraubung und der sakrilegischen
Entwürdigung ausgeliefert: die vom Volk verehrten Heiligtümer werden von
den gottlosen Gewalthabern der Finsternis dieses Äons in Besitz genommen:
die mit kirchlichen Mitteln unterhaltenen Schulen und Lehranstalten für
die Ausbildung der Hirten der Kirche sind für unnötig erklärt; das Eigentum
der Klöster und orthodoxen Kirchen wird fortgenommen. Wo sind die Grenzen
der Verhöhnung der Kirche Christi? Wie und wodurch kann man diesen gegen
sie gerichteten Strom der rasenden Feinde aufhalten?
Die Feinde der Kirche usurpieren die Macht über sie und über ihr Vermögen
mit der Gewalt todbringender Waffen, ihr aber widersteht ihnen in der
Kraft eures Glaubens. Und wenn es auch erforderlich werden sollte, um
der Sache Christi willen zu leiden, so rufen Wir euch, geliebte Kinder
der Kirche, zu gemeinsamem Leiden mit Uns auf mit den Worten des Apostels:
Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? (Römer 8. 35)
Ihr aber, meine Brüder Erzhirten und Hirten, zögert nicht eine Stunde
in eurem geistlichen Werk, sondern ruft mit flammendem Eifer eure Kinder
zum Schutz der orthodoxen Kirche auf, ruft sie auf, sich unter die geistlichen
Kämpfer einzureihen, welche der äußeren Gewalt die Kraft ihres heiligen
Bekennertums entgegenstellen. Und Wir hoffen zuversichtlich, daß die Feinde
der Kirche beschämt sind und in der Kraft des Kreuzes Christi zerstreut
werden, denn unwiderlegbar ist die Verheißung des göttlichen Kreuzesträgers
selbst:
Ich will meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie
nicht überwältigen (Matt 16, 18).«
Tichon, Patriarch von Moskau und ganz Rußland. 19. Januar (1. Februar)
1918
[1] Bis dahin wurde die Kirche
in Rußland bekanntlich von einem staatlichen Gremium, dem „Heiligen
Synod“ geleitet |