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Archiv der Monarchieligazuletzt aktualisiert: 1 Adventus 2010
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Trau dem SPIEGEL nicht!Ein Aufsatz von Strecker 2. Analyse des Artikels „Die gekaufte Revolution“ (DER SPIEGEL Nr. 50/10.12.2007)
Schon der Titel dieser SPIEGEL-Ausgabe kam mir bekannt vor. „Die gekaufte Revolution“ ist da zu lesen. Genauso lautet der Untertitel des Buches „Geheimakte Parvus“ von Elisabeth Heresch, bereits im Jahre 2000 beim Verlag Langen Müller erschienen. Beim Durchblättern des Heftes entdeckt man Fotos, die auch schon im Buch von Heresch enthalten sind. So etwa auf S. 38 (Foto der Deutschen Botschaft) oder S. 41 (Foto von Fürstenberg). Auch beim Kartenmaterial (S. 44 „Lenins Heimkehr“) fällt doch eine gewisse Nähe zum Material von Heresch auf (Buch S. 269). „Bislang unbekannte Dokumente belegen nun das Ausmaß der geheimen Zusammenarbeit während des Ersten Weltkriegs,“ schreibt DER SPIEGEL. Die auf S. 41 abgedruckte „Helphand-Quittung“ kann damit nicht gemeint sein, denn auch diese wurde schon 2000 auf S. 215 des Buches veröffentlicht. Genauso wenig wie die „Geheimakte“ von S. 42 (Buch S. 330). Nach eigenen Angaben will DER SPIEGEL „in mehr als einem Dutzend Archiven in ganz Europa auf unbekanntes oder nicht ausgewertetes Material gestoßen“ sein. So lesen wir auf S. 38, Parvus wurde aus mehreren Bundesländern ausgewiesen, „wie auch bislang unbekannte Unterlagen der preußischen Polizei im Berliner Landesarchiv belegen.“ Hm, für Leser des Buches von Heresch ist das aber auch keine Neuigkeit ... Keine der im SPIEGEL genannten Akteure, keine der dort „geheimen“ Treffen, Gespräche oder Geschäftsbeziehungen usw. sind dem Fachpublikum oder dem interessierten Laien unbekannt. Hingegen strickt DER SPIEGEL kräftig an der Legende vom armen Lenin im Exil. Daß dieser allerdings mitnichten in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat und nur aus Imagegründen in der linken Propaganda als arm vermarktet wurde, beschreibt Elisabeth Heresch u.a. auf S. 148 ff. in ihrem Buch. Lenin verfügte im Exil über soviel Geld, daß er mit seiner Frau monatelang in den Schweizer Bergen Urlaub verbringen konnte. Nadjeschda Krupskaja konnte sich für ihre Schildrüsenoperation sogar den Nobelpreisträger Theodor Kocher leisten. Lenins Geldquellen während des Exils: die Pension von seiner Mutter (die diese vom Zaren erhielt), Honorare für Vorträge und Veröffentlichungen, Erbschaft seiner verstorbenen Schwiegermutter, Spendengelder an die bolschewistische Partei, die an ihn weitergeleitet wurden und nicht in unbeachtlichem Umfang Geldzuwendungen des Industriellen Parvus über den Umweg über den „Bund für die Befreiung der Ukraine“ (als „Buchsubventionen“ getarnte Beträge). Das Geld für die Zeitung „Der Sozialdemokrat“ stammte von Kesküla, der Lenin finanzielle Mittel durch russische Mittelsmänner zukommen ließ. Und überhaupt. Wenn man schon über die „gekaufte Revolution“ schreibt, sollte man auch alle wichtigen Geldgeber nennen. Da wäre z.B. auch die britische Regierung (obwohl Verbündete des Zaren) aufzuführen. Lloyd George und Lord Milner haben an die Bolschewisten 21 Millionen Rubel gezahlt. Als Spender traten auch der Eisenbahnunternehmer Sawwa Morosow und der Industrielle M. I. Tereschtschenko (der „Zuckerbaron“) in Erscheinung. Und nicht zu vergessen die großen US-amerikanischen Bankhäuser, die schon 1905 die japanische Rüstung im Krieg gegen Rußland finanzierten. Dazu gehörten vor allem: Jacob Fischer (der auch als Privatmann 12 Millionen Dollar spendete), die Bankiers Kuhn, Loeb & Co sowie Morgan, die Gebrüder Felix und Max Warburg, Otto Kahn, Mortimer Schiff, Jerome Hanauer, Guggenheim und Max Breitung. Zwischen 1918 und 1922 haben dann - nach Auskunft des sowjetischen Botschafters in den USA, Bachmetjew - die Bolschewisten allein an die US-amerikanischen Geldgeber Goldlieferungen in Höhe von 600 Millionen Dollar zurückgezahlt. Dort, wo der Spiegel spekuliert, liefert Heresch die Antwort. So heißt es im SPIEGEL: „Die Auszahlung von Streikgeldern könnte auch erklären, wo ein Teil der Millionen geblieben ist, die Helphand kassierte.“ Könnte? Bitte bei Heresch nachlesen. Der Verbleib der Gelder - auch für Streiks - ist dort umfangreich nachgewiesen. Hatte Helphand in der SPD wirklich „nie viele Freunde“, wie DER SPIEGEL behauptet? Im Gegenteil erhielt er von der Garde der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie - Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Karl Kautsky, Viktor Adler, Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann u.a. - umfangreiche Unterstützung (Gelder, Wohnungen, falsche Papiere, Aufenthaltsgenehmigungen usw.). Richtig falsch wird es bereits am Anfang des Artikels. Gemeint ist der Vorfall im Bahnhof Friedrichstraße. Das einzig Richtige daran ist, daß - allerdings nicht unabsichtlich - eine Kiste zerbrach und eine „Flut von Propagandamaterial“ sich auf den Bahnsteig ergießt. Das wurde vom deutschen Außenministerium, dem deutschen Innenministerium und anderen deutschen Behörden inszeniert. Daß jedoch „deutsche Polizisten auf Anweisung von ganz oben“ diese Flugblätter in das sowjetische Diplomatengepäck geschmuggelt haben sollen, ist anscheinend eine Erfindung, und es wird wohl auf ewig das Geheimnis des SPIEGELs bleiben, woher er dieses „Wissen“ hat (Belege werden nicht präsentiert). In Wahrheit hatten die Deutschen über Geheimdienste und in Verhören von festgenommenen Bolschewisten erfahren, daß der sowjetische Botschafter Joffe Propagandamaterial, Gelder und Waffen für deutsche Revolutionäre mit dem Ziel des Sturzes der Reichsregierung mit seinem Diplomatengepäck nach Berlin schaffte. Nur so richtig beweisen konnte man ihm das nicht. Deshalb der inszenierte Vorfall mit der „zufällig“ zerbrochenen Kiste (ausführlich hierzu vgl. „Deutsche Geschichte“, Sonderheft 2007 „Russische Revolution“ und Wipert von Blücher in seinem Buch „Deutschlands Weg nach Rapallo“. Blücher war Teilnehmer einer Gesprächsrunde in Berlin, in der dieser Plan - auf Vorschlag von Geheimrat Nadolny - entsprungen ist). Die Kiste zerbrach auch nicht, als ein Kurier sie mit einem Lift transportieren wollte. Sie wurde von einem deutschen Gepäckträger absichtlich Treppenstufen heruntergestoßen. Ach ja. Das alte Märchen vom „deutschen Griff nach der Weltmacht“ wird auch wieder aufgewärmt. Als „Beleg“ für diese Hypothese wird gesagt, das Deutsche Reich hätte ja auch mit der Provisorischen Regierung einen Frieden schließen können. Zum einen stellt sich hier die Frage ach dem logischen Zusammenhang. Zum anderen dürfte mittlerweile auch dem letzten Geschichtslaien bekannt sein, daß Kerenski kein Interesse am Frieden mit dem Deutschen Reich hatte. (sogar die Mehrzahl der Bolschewisten wollte - bis zur Ankunft Lenins - den Krieg fortführen). Vielmehr plante er als Chef der Provisorischen Regierung und als Oberbefehlshaber eine neue Offensive gegen das Deutsche Reich („Die Offensive wird Rußland retten!“). Dann schafft es DER SPIEGEL tatsächlich auch noch, in dem zweiten Artikel zu diesem Thema („Befreiungstruppen basteln“), nicht einmal den Namen Helphand alias Parvus zu erwähnen, von dem nämlich diese Pläne stammten... Fazit: Der SPIEGEL-Artikel „Die gekaufte Revolution“ taugt nichts. Der Artikel ist schludrig geschrieben und nicht gut recherchiert, wichtige Fakten werden nicht gebracht oder einfach weggelassen. Worin die Eigenleistung des SPIEGELs liegt, ist nicht unbedingt ersichtlich. Neue Erkenntnisse enthält er offenbar nicht. Statt dessen Mutmaßungen und Allgemeinplätze, aber auch falsche „Fakten“ und längst widerlegte Legenden. Spiegel Leser wissen mehr? Wohl kaum! Wer sich über das Thema wirklich sachkundig informieren will, soll sich das Buch von Heresch oder das Sonderheft von „Deutsche Geschichte“ besorgen. |